Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 17

Fichenzehnies
npiiel.

,wei Stunden später lag Graf Stefano zu Vit-
torinens Füßen, hing sie an seinem Halse. Es war
ein stolzes, ein gar schönes Paar und wie geschaffen
für einander.
Das ganze Haus nahm Theil an der Verlobung,
die jedoch geheim gehalten werden sollte, bis zu der
Ankunft des Barons, dem man sofort davon die Mit-
theilung gemacht hatte. Der Diener blieb in! einem
Gehen und Kommen, der Telegraph hatte keine Ruh
noch Rast.
Die Baronin schwamm in Wonne. Sie um-
armte die Wirthin, sie küßte deren Tochter. Weil der
Himmel ihr so gnädig war, wollte sie es ihen Mit-
menschen auch nicht an Herablassung und Gnade fehlen
lassen. Noch spät am Abend mußte der Diener ein
Zettelchen hinüber tragen in das Kloster. Pater Ther-

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phil mußte es durch sie selbst erfahren, daß Gott ihr
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Gebet erhört, ihres Herzens heißesten Wunsch erfüllt
habe. Sie hoffte jezt für ihrer Tochter Seelenheil,
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so schrieb sie ihm, das Beste, da sie dem skeptischen j
Einfluß ihres Vaters entzogen und in die Nähe dessen
gelangen werde, von dem der irdischen Kirche ihr
Licht ausströme.-- Und als dann der Diener aus
dem Kloster wiederkehrte, theilte fie es noch in aller
Eile ihren nächsten jüdischen Arverwandten in der
Heimath mit, daß ihre Viktorine sich so eben mit dem
römischen Grafen Stefano verlobt habe, der zu den
nächsten Nepoten Seiner Heiligkeit gehöre und in der
Nobelgarde Obrist sei.- Ihre Eousine hatte sich
Etwas darauf eingebildet, daß ihre Tochter schon mit
sechszehn Jahren einen adligen Offizier geheirathet
hatte!-- Viktorine machte jetzt mit ihren neunund-
zwanzig Jahren eine andere Partie! Wie kleidete es
sie, wenn sie italienisch mit dem Grafen sprach! Wie
zärtlich war die Tochter heute auch gegen sie, und wie
glücklich sah sie aus!
Viktorine fühlte sich auch glücklich!-- Vor wenig
Stunden noch hatte sie sich gesagl, daß im Grunde
Niemand ganz zufrieden, Niemand völlig glücklich sei.
Und jezt bewies der Himmel ihr, wie viel der Freude
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und des Glückes er dem Menschenherzen spenden
könne; jezt fand sie es in sich bestätigt, was sie zur
Zeit ihres ersten Zusammenkommenö mit Pater Thev-
phil von sich behauptet, daß großes, volles Glück,
ein Glück, wie sie eö sich erträumt, sie rühren,
sie in Demuth vor der Gunst des Himmels nieder-
nerfen wüürde. Ihr Herz war voll von frohem Dank,
fie weinte Freudenthränen, als sie ihr Haupt zum
Schlafe niederlegte, sie dachte npch über des Schicksalö
Walten lange nach.
Wie war ihr Loos verschieden von vieler anderen
Menschen Loos! Von Benedikta! Von Jakobäa's! --
Wer konnte das Weshalb ergründen? Wer sagen,
wozu ihr Leiden jenen frommen sollte? Sie beklagte
Beide aufrichtig! Sie nahm so vielen Theil an ihnen,
und konnte ihnen doch nicht helfen, konnte gar Nichts
für sie thun, so wie sie einmal waren! Das; Pater
Theophil die Mutter und den Sohn getreu berieth,
war ihr ein großer Trost. Sie wollte sich auch üler
diese Beiden morgen gleich mit ihm besprechen. Die
Ausicht, ihm zu beichten, that ihr wohl, und mit dem
inbrünstigen Wunsche, daß der Himmel ihre und des
Grafen Zukunft segnen und behüten möge, schlief sie

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ein. Sie kam sich zum ersten Male recht von Herzen
fromm vor.
Früh, als sie zur Beichte ging, stand Graf
Siefano am Fenster in dem Zimmer, das er außer-
halb der Klausur in den Gastgemächern bewohnte.
Sie hatte auf gut römisch einen schwarzen Schleier
über ihr Haupt geschlagen, und trug den Strauß, den
ihr Stefano mit einem Liebeswort gesendet, in der
Hand. Er sah sie kommen und freute sich ihrer
Schöne; sie bemerkte ihn auch, aber um der Andacht
willen, zu der sie ging, versagte sie sich's, ihm dieö
zu zrigen.
E war das Fest vun Mariä Geburt, die Kirche
war schon voll von Betern, die Arbeit ruhte, die
Schüler hatten keinen Unterricht, Benedikt hatte seine
Klasse auf einen Morgenspaziergang zu begleiten. Als
er mit ihnen aus dem Kloster trat, sah auch er, wie
Viktorine in die Kirche ging, und da die Schüler,
die sie Alle kannten, sie begrüßten, that er'd eben-
falls. Sie dankte dem Gruße, ohne Benedikt beson-
derö anzusehen, und ihr Auge hatte ihm doch stets so
hell geleuchtet, war ihm immer so warm in's Herz
gedrungen!--

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Er sah in die Höhe, die Sonne stand in vollem
Glanze an dem herbstlich klaren Himmel, und ihn.
war's doch dunkel geworden vor den Augen, und hatte
ihn fröstelnd überlaufen, als ob ein finsterer Wolken-
zug der Erde das Sonnenlicht verbärge.
Auf dem Wege nach dem Wasserfall stieß der
Doktor zu Benedikt und den Scholaren. Sie hatten
einander seit einer Reihe von Tagen nicht getroffen,
und der Doktor sah mit Besorgniß die Veräündernng,
die mit dem jungen Mönche vorgegangen war, obschon
er die Ursache derselben nicht zu suchen brauchte.-
Trotzdem hielt er es für angemessen, ihn darum zu
befragen, und sich zu erkundigen, wie es ihmu seither
ergangen sei.
,,Was ist von unser Einem viel zu sagen!'' er-
widerte ihm Benedikt. ,Meine Erlebnisse lassen sich
an den Klassentafeln ablesen, und was von Zeit da-
neben übrig bleibt, hat auch seine gewiesene Bestim-
mung !''-- Er trug dabei den Kopf gesenkt, ließ die
Arme hinter sich herabhängen und hatte die Hände
dabei verschränkt. Die Haltung verrieth seine ganze
Zerbrochenheit; sein Schweigen war vollends gegen
seine sonstige Natur.
Der Doktor meinte es gut mit ihm. Er wollte

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ihn zum Sprechen bringen und hielt es auch gerathen,
ihm die Verlobung Viktorinend mitzutheilen, ohne daß
ein Anderer dabei war.
,Du sagst,r' hub er an, , Du hätiest Nchts er-
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lebt und doch ist gestern, wie ich hörte, etwas sehr
Wichtiges geschehen. Deine Mutter hat zu des Klosters
Gunsten über ihren Besiz verfügt.?
,Ja,' versezte Benedikt, ,und es ist gut, daß sie
es gethan hat. Sie wird zur Ruhe kommen, nun es
also fest steht. Der Mensch schickt sich amn besten in
das Unabänderliche. Das lernt er begreifen und damit
findet er sich ab.
, Und es hat Dich nicht betroffen, nicht ge-
schmerzt?
,Mich? fragte Benediktus --,was habe ich
mit weltlichem Besiz zu schaffen?? und wieder ver-
sank er in sein stilles Brüten. Des Doktors Sorge
um ihn steigerte sich dadurch.
Mit einem Male machte sich unter den Schülern
eine gewisse Unruhe bemerklich. Der Eine wendete
sich zum Andern, sie zischelten, lächelten, drängten sich
vorn nach dem Wege, von dem man auf die Kloster-
matte niedersehen konnte. Benedikt wurde achtsam,
rief einem der jüngeren Knoben, der sich unter den
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Armen der Anderen hindurch zu bringen suchte, die
Weisung zu, davon zu bleiben, da eben hier der Ab-
hang hoch und steil, und nach den lezten Regengüssen
die Nagelflüe aufgeweicht, ein Abfall also möglich war.
Da der Kleine dem Befehle nicht gleich Folge leistete,
ging er, ihn zurück zu halten; aber in demselben
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den er zusammenpreßte, als müsse sein furchtbares
Weh sich einen, wenn auch stummen Ausdruck schaffen.
, Haben Sie's gesehen, Pater Benedikt, rief einer
der ältesten Schüler,,dort sizt das fremde Fräulein
mit dem Herrn Grafen! Die müssen wohl ein Paar
sein.?
Und freilich hatte Benediktus es gesehen. Unten
auf der Klostermatte, an derselben Stelle, an welcher
er sie zuerst gesprochen, an der Stelle, an der sie ihm
in jener Morgenfrühe das Loblied auf Rom gesungen,
das er heut zu Ehren ihres Geliebten und Verlobten
mit seinen Schülern auszuführen hatte, auf jener
Matte, auf welcher er im Sturm der Elemente inne
geworden war, daß er sie liebe mit leidenschaftlichem
Verlangen, und vor dem Bilde des Gekreuzigten ge-
rungen hatte, das heiße Begehren seines Herzens in


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Entsagung erstarren zu machen für immerdar, auf J
derselben Stelle saß sie, den schönen Leib umschlungen
von des Grafen Arm, den Kopf gelehnt an seine
Brust, achtlos für Alles um sie her, versunken in ihr
Liebesglück!
Er that dem Doktor herzlich leid, und doch war
es ihm lieb, daß er in diesem Augenblicke ihm zur
Seite stand.
,Dir ist nicht wohl! sagte er, auch die Knaben
waren achtsam auf ihn geworden.
Benedikt gewann sich mit Gewalt ein Lächeln ab.
, Es ist Nichts, gar Nichts,' versezte er,,ein leichter
Schwindel, wie ich ihn zum Defteren verspürte; es ist
auch schon vorüber.?
Die Schüler beruhigten sich damit; der Doktor
konnte sich nicht entschließen, ihn sich selbst zu über-
lassen, denn wie Benedikt sich auch zwang, ihm ruhig
zu erscheinen, sah Jener doch die Tropfen auf des
Freundes blasser Stirn, und hörte an dem gepreßten
Ton seiner Sprache die Aufregung, in welcher er sich
befand.
Offen zu dem jungen Mönch zu reden, hielt er
für ungerathen, ja für nnzulässig. Er wollte ntr bei
ihm bleiben, bis er ruhiger geworden war, und um


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sich nicht den Schein zu geben, als ob er ihn zu
überwachen denke, sagte er mit möglichster Sorglosig-
keit: ,Ich glaube, sie werden jezt sammt und son-
ders bald von dannen gehen. Sie erwarten nur noch
den Baron, um die Verlobung, weil sich das sehr vor-
nehm ausnimmt, hier aus dem Hochgebirge zu publi-
ziren, und dann verlassen sie das Thal. Es war
. übrigens, wie ich durch meine Mutter weiß, eine ab-
gekartete Geschiche!r
Der Doktor hatte die leztere Bemerkung in der
bestimmten Absicht gemacht, dem Freunde damnit einen
F neuen und ihn enttäuschenden Einblick ln Viktorinend
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Charakter zu gewäähren, gegen welche er selber eine
wahrhafte Erbitterung hegte; aber Benedikt schien ihn
nicht zu verstehen, denn er fragte, was abgekartet sei?
,,DDie Heirath des Grafen Stefano mit Viktorine.
Die Baronin hat meiner Mutter schon vor Wochen
davon gesprochen, sich um eine Wohnung für ihn um-
gethan; nur Tag und Stunde seiner Ankunft haben
sie, wie ich vermuthe, nicht gewußt.?
Benedikt ließ das Alles auf sich beruhen. ,lEr-
innerst Du Dich unserer Unterredung bald nach
Deiner Heinkehr? fragte er dann nach langem
Schweigen.


, Dn denkst jenes Gespräches über die Grenzen-
der freien Selbstbestimmung ? erkundigte sich der
Doktor, ,wie kommst Du eben jetzt darauf zurück
,Das würde zu weitläufig und auch schwer zu
erklären sein!' entgegnete Benedikt, den es gereuen
mochte, dies Thema wieder angeregt zu haben.
Der Dokor meinte, Benediktus grübele zu viel,
er habe mehr Bewegung, habe körperliche Anstrengung
und auch Zerstreuung nöthig. Et -stecke nuun doch
einmal ein gut Theil Landsknechtsblut in ihm, daö
verarbeitet werden wolle.
Benedikt sagte, das könne wohl so sein. Er
habe wirklich ein melancholisches Gemüth bekommen
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und man scheine das im Kloster ebenfalls zu glauben,
denn der Herr Abt habe ihm davon gesprochen, ihn
fortzuschicken.
,Bravo!' rief der Doktor, ,das ist Dir auch
das Rechte. Wohin wirst Du gehen?
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Ich habe danach nicht zu fragen, bis er mir's ver-
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, Ein Bischen nachhelfen und befördern, ein-
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flüstern und anregen kann man doch troz alledemlr?
scherzte der Doktor.
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,Das Ob und Wohin ist des Herrn Abtes Sache!-
kündet und befiehlt.?
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, Ja gewiß!r sagte Benedikt, , wwenn man wie Dn,
sich zutraut, freier Wahl und freier Selbstbestimmung
zu genießen, wenn man sich nicht unter dem unab-
änderlichen Nathschluß seines Schöpfers fühlt und
weiß!-- Wir können Nichts suchen und Nichts för-
dern, Nichts thun und Nichts erleiden, als was uns
vorbestimmt ist. Das ist unser Trost und unser Bann,
unsere Ohnmacht und doch wieder unsere Kraft und
Sko.
Es war das ein Gebiet, auf welches hin der
Doktor sich mit ihm einzulassen nichk geneigt nan,
um so weniger, als er dachte, daß Benedikt in diesem
Glauben an die Vorsehung, wie er ihn eben ausge-
sprochen hatte, die ihm nöthige Hülfe besize; und er
nahm sich vor, den Pater Theophil, der fast täglich
in das Haus zu der Baronin kam, gelegentlich darauf
hinzuweisen, daß er Benediktus sehr verändert, daß er
ihn schwermüthig geworden finde, und daß man, nach
seiner ärztlichen Meinung, gut thun würde, ihn in die
Ebene, oder besser noch bis an das Meer zu schicken,
damit sein Blick einmal für lange einen freien Spiel-
raum, sein Geist ganz neue Bilder in sich aufzu-
nehmen habe. Er sprach dem Freunde diese Absicht


aus, der dankte ihm dafür, und sagte, wenn es ihm
so beschieden sei, so werde man des Doktors Rath-
schlag ja wohl hören, doch meine er, es werde nicht
von Nöthen sein.
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