Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 18

Zchhzehntes Cnpiel.

-
II; Baron war angekommen, die Verlobung er-
klärt worden, der Graf hatte die Erlaubniß erbeten
und erhalten, seine Braut dem Herrn Abte vorzu-
stellen. Aus Rom waren die telegraphischen Glück-
wünsche der vornehmen Verwandten für das neue
Brautpaar angelangt. Der Abt hatte den künftigen
Schwiegervater des Grafen, da dieser Leztere sein Gast
und Tischgenosse war, zu einem Frühstück eingeladen,
und da er selbst sich einer großen Geschäftskenntniß
berühmen durfte, hatte er Wohlgefallen an der raschen
Nebersicht des vielerfahrenen Finanzmannes gefunden.
Die Zuvorkommenheit des Prälaten war dem
Baron, wie sehr er sich auch den Anschein gab, derlei
nur leicht zu nehmen und in der Ordnung zu finden,
doch sehr schmeichelhaft gewesen; und da er bei der
z

2O

e


=T

g
-
Rr . -
A
achtete, daß man gleich und unumwunden thun müsse, Z
was man Gutes zu thun entschlossen sei, hatte er denn
auch nicht gezögert, dem Abte seine Meinung kund zu
geben.
-
Als man nach der eingenommenen Mahlzeit in
den schattigen, im altfranzösischen Geschmack ge-
schnittenen Laubgängen des Klostergartens langsam auf
und nieder ging, die Verdauung vorschriftsmäßig zu
befördern, sagte er, er habe dem hochwürdigen Herrn
eine Frage vorzulegen.
,Hochwürden werden es vielleicht wissen, daß es
ihm, Gott sei Dank, im Leben wohl gegangen sei, -
daß seiner redlichen Arbeit der Erfolg nicht gefehlt -
habe. Dazu habe er nur die eine Tochter ,und,! -
sezte er hinzu: , Hochwürden können das vielleicht als z
W
eine Eitelkeit erachten und als solche tadeln, aber der, -H
Mensch hat nuun einmal das Verlangen -= undichi -!
habe es auch,?- schaltete er lächelnd ein, ,nicht ver- Z
gessen zu werden. Ich liebe es, wenn man an den z
Orten, an welchen ich mich mit den Meinigen aufge-' ;
, z
halten habe, unserer gedenkt im Guten denkt, ver.'
steht sich.?
- -,'.
-r I==
- z
'h
=
=?

61
Der Abt, zu dessen vornehmen Eigenschaften die
Geduld gehörte, mit welcher er Andere reden zu lassen
und ihnen zuzuhören vermochte, nannte dies ein sehr
erklärliches und auch berechtigtes Verlangen.
,Das freut mich, Hochwürden! Auf mein Wort!
Das freut mich!r rief der Baron, ,und da Sie mich
darin so gut verstanden haben, werden Sie es auch
begreifen, daß man seinen Namen doch nicht an etwas
Unzweckmäßiges knüpfen, seine Hülfe nicht unnütz ge-
leistet haben will. Seien Sie also offen mit mir,
Hochwürden! Erzeigen Sie mir die Ehre und geniren
Sie sich gar nicht. -- Meine Frau hat hier, Gott
sei Lob und Dank! ihre Gesundheit so gut hergestellt,
daß sie fast wie vor zwwanzig Jahren aussieht; meine
Tochter hat sich hier verlobt, ganz wie wir es uns
für unser einzig Kind gewünscht haben. -- Offenherzig
also, Hochwürden!-- Was könnte man hier in dem
Thale Gutes stiften oder thun? - Offenherzig! Meine
Frau ist dies ja schon dem Pater Theophilus schuldig,
für alle die Zeit und Sorgfalt, die er ihr mit der
Bewilligung von Hochwürden zu ihrer Erbauung zu-
gewendet hat. ?
Der Abt ließ dem Baron die Zeit, sich von
seiner Beflissenheit ein wenig zu erholen; dann sagte

A
er, daß es ihn immer freue, wenn er bei Weltleuten,
bei Geschäftsmännern und namentlich bei Neubekehrten .
--- diese Erinnerung ihm zu ersparen, fand der Abt
nicht nöthig-- auf die Erkenntniß stoße, daß man
in Bezug auf seine guten Werke wohl thue, sich mit
der Kirche zu berathen, welche die Bedürfnisse der Ge-
meinde natürlich besser als jeder Andere kennen müsse.
So lange das Kloster die Herrschaft gehabt, habe e?
im Thale auch für das Nothwendige einstehen und
jorgen können; seit ihm dieselbe entzogen und die
Einkünfte der Brüderschaft so beträchtlich geschmälert
worden, während das Thal auch nicht zu den reichen
des Landes gehöre, habe man es dankbar zu erkennen,
wenn von wohlmeinenden Gläubigen- das Wort
war die Entgeltung für die vorhergegangene Mahnung
-- der Kirche die Mittel geboten würden, die Kinder
der Gemeinde schon früh in ihre Obhut zu nehmen,
um sie von Anfang an auf den rechten Weg zu führen.
Et fehle in dem Thale an einem Schulhause, und
natürlich auch an den Mitteln, ein solches zu errichten.
Wolle der Baron dieselben in seine Hände legen, so
hoffe der Abt, wenn Frau von Landesheimer im näch-

A


sten Jahre, wie sie die Absicht ausgesprochen habe,
z
sog
Fe
ihre Luftkur zu wiederhelen komme, in ihrem Beisein
»K

RA
-'
'?

2s
die neue Schule schon eröffnen zu können; denn der
Plaz und der Plan zu einer solchen seien bereits vor-
handen und entworfen, wennschon man an die Aut-
führung noch nicht habe denken können.
Da man über die Hauptsache sich in der Art
verständigt hatte, machte das Nebereinkommen über
die zu dem Schulbau erforderliche Summe noch weit
?wweniger Schwierigkeiten. Der Baron, der es beständig
mit großen Unternehmungen zu thun hatte, war mit
Beträgen, die daneben nur unbedeutend erschienen, zu
kargen nicht geneigt; und nur die Andeutung erlaubte
er sich, daß es seiner Fran, bei ihrem Gemüthe, wie
er glaube, sehr wohl thun würde, wenn man bei der
Gründung des Schulhauses ihrer Dankbarkeit für die
Herstellung gedenken würde, die ihre Gesundheit hier
gefunden habe.
Der Abt kam ihm auch hierin mit feinen Ver-
ständniß auf halbem Wege entgegen. Er sagte, die
Jugend des Thales zur Erkenntlichkeit zu gewöhnen,
und spätere Kurgäste zum Dank für gewonnene Stär-
kung zu ermuntern, solle eine Tafel über des künftigen
Schulhauses Eingang der Gründer Angedenken wach
erhalten.
Herr von Landesheimer meinte, das jei weit mehr


als er beansprucht habe, es werde das hescheidene Ge-
müth der Baronin, wie er fürchte, fast beschämen; ,
Hochwürden würden aber freilich wissen, was mit einer
solchen Gedenktafel zu errejchen sei; und nicht allein
Hochwürden, sondern auch der Baron wußte es sehr
wohl, was mit der öffentlichen Lobpreisung dieser
Wohlthat von Seiten des umsichtigen Prälaten für
J ?? -==- »== ==== = =-
Man war von beiden Theilen mit einander sehr
zufrieden. Die Familie von Landesheimer beschloß
am nächstfolgenden Tage in Begleitung des Grafen
nach Deutschland zurückukehren. Der Baron, der das,
was ihm oblag, immer bald aus dem Kopfe zu haben
wünschte, war der Meinung, daß die Hochzeit noch im
Verlauf des Jahres gefeiert werden solle, und die
Leidenschaft des Grafen war damit mehr als einver-
standen. Viktorine ihrer Seits verlangte es nicht
besser, alö schon in diesem Winter in der römischen
Gesellschaft zu erscheinen, und die Baronin hatte vor
lauter Besprechungen mit den Ihren, mit Pater Theo-
phil, mit dem Doktor und mit der Wirthin, gar keine
Zeit zu irgend einem zusammenhängenden Gedanken.
L

s
=F
K
-
Sie schrieb Briefe, telegraphirte, und hatte alle Hände
=

5
voll zu thun, weil man noch den Gästen der Pension
ein kleines Abschiedsfest zu geben wünschte, welchem
es denn doch anzumerken sein sollte, daß es die Baronin
von Landesheimer war, die es veranstaltete.
Viktorine kam durch alle diese Zwischenfälle wenig
zu sich selbst. Der Graf, die Eltern, nahmen sie
völlig in Beschlag, nicht einmal zum Besuch der
Abend-Andacht konnte sie es bringen, obschon sie eine
Aktvon Sehnsucht hatte, Benedikt, ehe sie fortging,
zum lezten Mal zu hören. Der Graf scherzte über
diesen Wunsch. Er meinte, man werde ja in der
Peterskirche bald ganz andere Musik genießen. Den
Baron langweilten alle Andachten ein für allemal,
sie wollten Beide einen Ausflug nach einer der Fern-
sichten unternehmen, und es verstand sich, daß die
Braut den Bräutigam begleitete.
Am andern Morgen, als sie eben das Packen
ihrer Mappen und ihrer Bücher überwachte, schoß
Viktorine der Gedanke durch den Kopf, noch ein Mal
Jakobäa zu besuchen. Ein paar Kinder, denen sie
häufig Blumen abgekauft, ein Bildschnizer, den sie
viel beschäftigt, kamen dazwischen ihr kleine Abschieds-
geschenke darzubringen. Damit ging viel Zeit verloren
und wenn sie sich es recht bedachte, so hatte sie Jako-

2e
bäen nach dem Entschluß, den dieselbe gefaßt, jetzt
auch Nichts mehr zu 'agen. Die Angelegenheit war
abgethan, die Unterredung konnte Beiden nicht er--
auicklich sein; es war am Ende das Geschickteste und
Beste, ihr ein schriftliches Lebewohl mit irgend einem
Andenken zu hinterlassen. Sie stellte ihre Portrait-
karte und ein kleines Weihwassergefäß von hübscher
Arbeit, dessen sich Benedikt bedienen konnte, wenn er
es wollte, für den Zweck zurecht. Das Bildniß des
jungen Mönches, das sie aus dem Gedächtniß skizzirt
und das sehr ähnlich war, that sie in ihr Album, um
es zur Erinnerung an das romantische Abenteuer mit
sich zu nehmen.
Der Tag ging hin, man wußte nicht, wo er ge-
blieben war. Da-- als man in dem Saale schon-
die Tafel zu dem Abendessen rüstete, gab sich mit
einem Male eine Unruhe unter den Wirthsleuten und
unter der Dienerschaft kund. Auch auf der Straße
traten die Leute zusammen. Ein paar der bewährte- -
sten Führer standen mit Pater Theophil und zwweien
von den erwachsenen Scholaren bei einander. Der- -'
und Jener kam hinzu. Die Scholaren sprachen und -'
gestikulirten mit großer Lebhaftigkeit. Sie zeigten
=
nach der Teufelswand hinauf, sie schienen die Haupt-
-, ?
zs
»
i

?
personen des Ereignisses zu sein, und wenn man sie
gehört hatte, ging man mit einem Kopfschütteln von
dannen.
Die Unruhe verbreitete sich von den Eingebornen
auf die Fremden; der Baron, der an den sogenannten
Vergnügungs- und Erholungsorten ohnehin nie wußte,
was er mit solch einem langen Tage machen solle,
saß mit Frau und Tochter auf dem Balkon, der an
den Speisesaal anstieß. Graf Stefano war für eine
Stunde in seine Wohnung gegangen, dem Abte auf-
zuwarten. Die Wirthin verhandelte mit ihrem Sohne,
man hörte ihr bedauerndes: ,Herr Gott! Herr Gott!'
-- Was der Doktor sagte, konnte man nicht ver-
nehmen.
,Was ntr geschehen sein mag? fragte die
Baronin.
,Sicher Etwas, was uns Nichts angeht,- an!-
wortete ihr Mann, , aber man kann sich ja erkundigen.?
Und sich an den Doktor und dessen Mutter wendend,
fragte er, was vorgegangen sei.
Mutter und Sohn traten zusammen auf den
Balkon hinaus, man sah Beiden das Entsezen an.
,Es ist ein fürchterliches Unglück geschehen!r ant-
wortete die Wirthin. ,Man hätte es Ihnen heut'

268
lieber nicht gesagt, aber von Einem oder dem Andern
häätten Sie es doch und vielleicht gerade bei der Tafel
erfahren können, und das wäre noch schlimmer gewesen,
denn Sie haben ihn ja auch gekannt! - Pater Bene-
diktus ist von dem Vorsprung der Teufelswand hinab-
gestürzt!?--
, Und beschädigt?! fragten der Baron und seine
Frau wie aus einem Munde.
,Todt und zerschmettert! sagte der Doktor, wäh-
rend sein Blick voll Abscheu auf Viktorine fiel; ,man
ist eben hinaufgegangen, ihn zu holen, wenn man
dahin gelangen kann, wo er liegt. ?
Viktorine war mit einem Aufschrei in den näch-
sten Stuhl gesunken, Vater und Mutter waren eifrig
um sie bemüht, die Wirthin zeigte die gebotene schick-
liche Theilnahme, der Doktor hatte sich entfernt. Er
wolle nach der unglücklichen Jakobäa sehen, sagte er.
Viktorine weinte, als sie zu sich kam, und ver-
langte eine Weile in ihrem Zimmer auszuruhen. Man
möge, wenn der Graf inzwischen kommen sollte, ihm
von ihrem Unwohlsein Nichts sagen, sie wolle ihm
nicht nervenschwach erscheinen. Man ließ sie ihren
Willen haben, so wie immer. Dem Vater jedoch war,'
ihr Zusammenbrechen aufgefallen.

269
,Was war das? fragte er, als die Tochter fort-
gegangen war. ,Viktorine pflegte doch nicht nerven-
schwach zu sein.'?
Die Mutter sah sich um, ob Niemand sie höre.
,Du weißt gar nicht,'? hub sie an, , was dak arme
Kind hier ausgestanden hat. Der junge Mönch, der
umgekommen ist,'?-- sie sah sich noch einmal um,
ob sie auch allein mit ihrem Manne sei und sagte
dann: ,er hatte eine ganz wahnsinnige Leidenschaft
für sie gefaßt. Mit seinem Tode ist es ganz gewiß
nicht richtig!r
,Narrenspossen!? entgegnete der Baron, der,
wenn er einmal gar nichts Anderes zu thun hatte,
wohl einen Roman zur Hand nahm und sich durch
denselben nicht ungern rühren, oder, wie der gemeine
Ausdruck lautet, spannen und erschüttern ließ; während
er daneben der festen Meinung war, daß etwas
Romantisches, etwas Außerordentliches in anständigen
Familien, und nun gar in einem Hause wie das seine
und bei seiner einzigen Tochter, durchaus nicht vorzu-
kommen habe.,Narrenspossen! Man braucht Frauen-
zimmer nur allein zu lassen, so phantasiren sie sich
sogar hier unter den Bauern und den Pfaffen eine
neue Auflage von Werthers Leiden zusammen. Was

Me
soll denn da nicht richtig sein? Thust Du doch, bei
z
Gott! als wäre im Gebirge noch kein Anderer zu
Schaden gekommen. Der junge Mensch wird einen
II. -- -- - =
,Ja !r fiel die Wirthstochter ein, die inzwischen
dazu gekommen war, ,so haben es die Schüler auch
erzählt. Er hat schon neulich, als mein Bruder mit
dabei gewesen ist, einen solchen Anfall und einen so
heftigen gehabt, daß er sich an meinen Bruder hat
anhalten und stützen müssen; und die Schüler sagen,
er sei diese lezten beiden Tage sehr verändert gewesen.
Sie hätten sich gewundert, als er mit ihnen heute
den beschwerlichen Weg nach der Teufelswand einge-
schlagen habe. Oben angekommen, sei er freundlich
mit ihnen gewesen, wie immer, dann sei er allein
vorwärts gegangen, so daß sie gemeint hätten, er wolle
nach Etwas sehen, und in demselben Augenblicke sei
er mit ausgebreiteten Armen hinabgestürzt. Heut
Nachmittag ist er noch hier in des Bruders Stube
gewesen, das war, seit er in's Kloster trat, zum ersten
Male. Vielleicht hat er ihn noch berathen wollen.
R Mr D

F
---
F
F
T

z

Nichts weiter hinterlassen. Es war kurz vorher, ehe
er mit den Scholaren hier vorüber ging. -- Er sah
schon die ganze Zeit nicht gut aus, er hat es mit den
Bußübungen wohl übertrieben. Wer kann's wissen?
Aber es ist Schade um ihn; man dachte immer, er
würde in die Höhe und zu Ehren kommen. Die arme
Mutter und die Schwestern jammern mich.?
,Da hörst Du's!r sagte der Baron, während
Katharine wieder in den Saal an ihre Arbeit
ging.
-Die Baronin schüttelte ungläubig den Kopf.
,Ich weiß, was Viktorine mir gesagt hat, und das
Mädchen bildet sich Nichts ein. Warum sollte sie es
auch? Ihr hat's doch an Anbetern wahrhaftig nicht
gefehlt! Aber freilich- wenn Du Recht behalten
willst, glaubst Du nicht, was Du mit Deinen eigenen
Augen und Ohren siehst und hörst!r
,,Ganz gewiß nicht, wenn es mir nicht paßt!''
sagte lächelnd der Baron.,Ulnd diese Geschichte paßt
mir nicht, und paßt sich nicht! -- Jezt! Wo sie sich
mit einem Römer, mit Graf Stefano verlobt hat! -
Viktorine soll kein Kind sein und keine Narrenspossen
machen! Geh und sprich mit ihr! Ich will davon
Nichts hören! Es ist lächerlich!

A
Die Baronin ließ sich das gesagt sein. Der
Tochter waren des Vaters praktische Bedenken immer
leicht verständlich, sie war selber darauf angelegt, sich
mit den feststehenden Thatsachen abzufinden, und un-
geschehen zu machen war Geschehenes doch nicht.
Am Abend speiste man mit der übrigen Gesell-
schaft, Viktorine entzückte die Anwesenden durch ihren
herrlichen Gesang, man tanzte schließlich auch; der
Graf jedoch bemerkte, daß auf der schönen Stirne seiner
Braut ein trüber Schatten lagerte, und befragte sie
deshalb.
Sie sagte, der schreckliche Tod des schönen und
so reich begabten jungen Mönches habe sie erschreckt.
Sie sei eben sehr impressionabel!-- Der Graf nahm
die Sache einfach wie ihr Vater, und wußte sie zu
zerstreuen.