Benedikt.
Fanny Lewald
Chapter 01


Peaelne war an einem schönen, heißen Tage in
der Frühe ausgeritten, die Baronin nahm ihr zweites
Frühstück ein, die Wirthin stand ihr gegenüber. Die
Baronin befand sich wohl, sie war in bester Laune,
und rühmte es ganz besonders, wie gut man Alles
für sie zubereite. Die Wirthin sagte mit einfacher
Treuherzigkeit, es freue sie, wenn sie die Herrschaften
zufrieden stelle. Es sei ihr bange gewesen, daß es ihr
nicht gelingen würde.
,Cch!r sagte die Baronin, , man behilft sich ja
recht gern, wo man so viel guten Willen sieht, wenn
man es freilich zu Hause auch ganz anders hat und
Besseres gewöhnt ist.? =- Sie rührte dabei langsam
ihre Chokolade um, genoß ein paar Löffel davon,

und meinte dann:,Unser Koch ist berühmt für seine
Chokoladen - er ist überhaupt berühmt der beste
Koch der Stadt! Ich halte darauf, nicht um meinet-
willen,'' sezte sie hinzu. ,Sie sehen ja, ich verlange
wenig, ich genieße auch nicht viel-- aber es paßt
sich so! -- Wissen Sie, es kommt uns so zu, und es
muß auch so sein. Viktorinchen hat Recht darin, es
muß Alles harmoniren, Alles!
Die Wirthin sagte, das sei gewiß sehr richtig und
es verstehe sich ja von selbst, daß man sich das Beste
schaffe, wenn man es bezahlen könne.
, Es ist nicht um den Genuß ! fing die Baronin
wieder an, ,es ist nur um den Anstand!-- Aber
sezen Sie sich doch!'- schaltete sie plözlich ein --
, sezen Sie sich, es ist ja weiter Niemand hier, und
wirklich, ich habe Sie sehr gern.?
Die Wirthin nannte das eine große Ehre für
sich und ließ sich, da sie gerade Besseres nicht zu thun
hatte, bei ihrem Gaste mit der Bemerkung nieder,
ein Weilchen könne sie schon bleiben.
,Wirklich! ich bewundere Ihre Thätigkeit!r ver-
sicherte die Baronin. ,Wenn ich es mir so bedenke,
daß Sie früh den Mann verloren und Mlles selbst
in die Hand genommen, und die Kinder erzogen, und

Alles so auf ein bestimmtes Ziel geleitet haben-- ich
bewundere das.?
Die Wirthin nahm das ruhig hin. ,Das Msen
ist ein guter Lehrmeister,? sagte sie mit ihrer klugen
Schlichtheit, ,da ist kein groß Bewundern dabei; und
wenn Einer ganz sicher weiß, daß ihm kein Andcer
hilft, so lernt er sich bald selber helfen. Ich haite
eben keine Wahll?
,Ja! das ist ea !? fiel die Baronin ein, der
nie darauf ankam, zu hören, was ein Anderer dachte
oder gethan hatte --- ,das ist ein Glück! Sie hatten
keine Wahl! und Ihre Kinder auch nicht. Aber unfer
Herrgott hat nicht jeder Mutter ihre Aufgabe so leiht
gestellt, als Ihnen hier in Ihrer Einsamkeit!' sezte
sie hinzu, es völlig vergessend, daß sie die Wirthin
eben erst um der Art und Weise willen bewundert
hatte, in welcher sie ihr und der Ihren Schicksale
zu leiten verstanden hatte. -,Ihre Aufgabe war
leicht, und man sollte das auch von der meinen denken,
denn Viktorinchen ist ja gut und schön -- es giebt
ja gar kein Mädchen so wie sie - aber --- was hilft
das Alles!-- Kann ich sagen, zuversichtlich sagen: ich
kann mein Kind glücklich machen, wie ich es wünsche?
-- Ich kann es nicht!'?

-,Man sollte doch denken,? meinte die Wirthin,
F =wennn man das Fräulein sieht, daß ihm zu seinem
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Gläcke gar Nichts fehle.?
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-' ,Heute nicht - und morgen nicht!? seufzte die
Mutter, indem sie die Augenbrauen mit sehr sprechen-
dem Ausdruck in die Höhe zog -= ,aber-- ich würde
das nicht Jedem sagen, indeß vor Ihnen thut es
Nichts, Viktorinchen ist bald dreißig Jahre --- und
dreißig Jahre, das ist ein Abschnitt, selbst für ein
Mäbchen, dem man es nicht ansieht, und daß unsere -
Tochter eines reichen, eines- warum soll ich das
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nicht sagen? - eines sehr reichen Mannes, vornehmer
Leute, eines großen Hauses Kind ist.-- Gott hat
uns mit Hab und Gut gesegnet und sie ist unser
einzig Kind!?
- ,a hat sie also nur zu wählen,? sagte die
Wirihin, ,wenn sie sich verändern will.?
,Das hat sie! und das hat sie ja gehabt, seit
sie uns herangewachsen ist! Die größten Partien!
Junge schöne Männer von den ersten Häusern in
ganz Deutschländ und aus Frankreich. Sie hätte Alles
haben können! einen Fould! einen Pereyre! einen
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Rothschild! denken Sie sich!'' sagte die Baronin, des
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Die aber mußte mit jenen Namen offenbar die
richtige Vorstellung doch nicht verbinden, denn sie
sagte einfach: ,Sie haben ihr also wahrscheinlich nicht
gefallen, und sie will warten, bis der Rechte kommt!
Da thut sie wohl daran!r
,Wohl! wohl! erwiderte die Mutter, ,was heißt
wohl? Es waren Millionaire, große Namen! Sie
hätte ein Haus, ein großes Haus, ein erstes Haus
machen können, wo sie gewollt hätte! Aber sie wollte
keine Convenienz-Partie - sie wollte eine Liebes-
Heirath. Gut! Sie konnte das auch haben! Mlles
haben! Es kamen Cavaliere aus alten Familien,
Männer vom Hofe! - Hat sie sie genommen?-
Sie wollen mein Geld! hat sie gesagt und hat den
Einen fortgeschickt und den Andern fortgeschickt =e
,,Es wird nicht der Lezte gewesen sein!? tröstete
die Wirthin.
, Gewiß nicht! Viktorinchen ist ja heut noch
reizend! Haben Sies nicht gesehen, der Herr Abt
war auch von ihr bezaubert, bezaubert sag' ich Ihnen!
Und selbst der ernste Pater Theophilus kann seine
strenge Miene nicht behalten, sowie sie ihn nur an-
lacht! Sie hätten sehen sollen, wie der Bischof ihr
gehuldigt hat in diesem Sommer. Er und sein Neffe,

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der schöne Graf Stefano - alter, ganz alter Adel!
römischer Adel - und ein Mann!-- Sie machen
sich keine Idee von ihm!-- Wie gern hätte der
Bischof es gehabt! und ich - wie gern!
,Und das Fräulein hat auch diesen nicht gemocht?
fragte die Wirthin.,So hat es vielleicht heimlich
einen Andern im Sinn?
-- ,Gott bewahre! Gott bewahre! Freilich im Sinne
- hat Viktorinchen immer Etwas, denn ich glaube, sie
hat eine wunderbare Phantasie; und hätte unser Herr-
gott uns nicht so mit Hab und Gut gesegnet, daß
sie's Gottlob nicht nöthig hat, so hätte sie etwas
Großes werden können: eine Malerin, eine Dichterin,
eine große Sängerin; denn sie kann Alles, was sie
will. Es ist ihr Alles nur ein Spiel und was ihr
gerade in den Sinn kommt, das ist ihr in dem Augen-
blicke Alles. Jezt hat sie hier nur das Thal und das
Kloster und den Abt und den jungen Menschen --
den Mönch- wie heißt er nur? im Sinne, -
aber,? - sie bog sich vertraulich zu der Wirthin hin-
über und sagte: ,Sie sind doch auch Mutter und
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? wvenn Ihre Verhältnisse auch nur klein sind, so werden
Sie mich doch verstehen!-- Könnten Sie mir viel-
Z leicht hier oben, in einem der Nachbarhäuser ein
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D-

Quartier ausfinden - ein anständiges Quartier?=-
Sie verstehen mich doch?
Die Wirthin mußte bedauernd und sich ent-
schuldigend erklären, daß sie leider die Absicht der
Baronin nicht errathe.
,Nicht?-- Merkwürdig! und Sie sind doch eine
sehr gescheidte Frau! Sehen Sie, fuhr sie fort, in-
dem sie näher an die Aufhorchende heranrückte und
sich vorsichtig umsah, ob Niemand in der Nähe sei,
,es kommt Alles auf die Fassung an -= auf die
rechte Fassung, meine ich - bei Juwelen und auch
sonst! -- Und der Graf ist ein Mann, wie man
keinen Andern findet. Solch einen Solitair muß
man für sich selber, ohne alle Fassung glänzen lassen!
Das habe ich meinem Manne, hat mein Mann auch
dem Herrn Bischof gleich geschrieben, als wir uns hier
niedergelassen hatten - und er ist dazu bereit!'
,Wer? Wozu? fragte die Wirthin, der die
Baronin immer unverständlicher wurde, je behutsamer
dieselbe sich auszudrücken strebte.
,Der Graf!r sagte diese endlich. ,Er ist Oberst in
der Nobelgarde Seiner Heiligkeit, er kann nicht immer,
wie er möchte, von dem Dienste fort. Aber er wird
herkommen in fünf, sechs Wochen, wenn meine Kur

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beendet ist. Hier oben, wenn Viktorinchen keine
andere Zerstreuungen hat, wenn sie sich nur die Zeit
nimmt, ihn kennen zu lernen-- wenn sie sehen wird,
daß er sich nicht hat abschrecken lassen- daß er be-
harrlich ist! Und stellen Sie sich vor, ein leiblicher
Großneffe Seiner Heiligkeit! -- ein leiblicher Groß-
neffe! - Wenn ich das erlebte!-- Sie können sich's
nicht denken!- Welchen Palast sie wollten, würde
mein Mann ihnen kaufen in Rom! welchen sie nur
wöllten!?
Nun endlich wußte die Wirthin doch, worauf es
abgesehen war, und sie versprach, für das Nöthige
zu sorgen, wobei die Baronin es ihr denn zur heiligen
Pflicht machte, von der Sache weder dem Doktor noch
der Tochter das Geringste
aber keine Andeutung fallen
es kund geben könnte, daß
Bunde mit dem Grafen
zu offenbaren; vor Allem
zu lassen, welche Viktorinen
ihre Eltern irgend wie im
wären. ,Sie hat so ein
poetisches Gemüth! sie ist so romantisch! sagte sie,
,ein Naturkind in der großen Welt! ein Wunder für
uns selbst! Alle Leute, die sie kennen, sagen es, es
ist nicht zu glauben, wie sie ist!?
- Sie hatte die lezten Worte noch nicht vollendet,
als Viktorine in das Zimmer eintrat. ,Von wem
?

ist die Rede? wer ist die Unglaubliche? fragte sie,
indem sie mit ihren schönen Augen heiter um sich
bllckte.
Ein süßliches Lächeln glänzte auf der Mutter
Antliz. ,Wer sonst als Du mein Herz! Sehen Sie,
wie sie aussieht! -- Wie das Leben! Gott sei
Dank!?
,ch so!? elef Vktorine, und sich zu der Wirthin
wendend, versezte sie mit einem dreisten Spotte, der
ihr aber wohl anstand: ,Ich fürchte, Sie werden
mich bald so satt haben, als ich mich selbst. Es giebt
ja gar nichts Vernichtenderes für das Wohlgefallen, für
das der Anderen wie für das eigene, als wenn man
sich von Kindheit auf, an jedem Tage immer wieder
als ein Wunder aufgetischt wird! Ich bin mir zum
Neberdruß dadurch geworden, und Jeder, der mich zu
bewundern vorgiebt, ist mir's ebensol'?
,Viktorinchen!r tadelte die Multer.
,Kann ich's ändern? entgegnete die Tochter.
,Ich suche ja seit Jahren einen Menschen, der mich
nicht mag, und der mich meidet, um-'
, Um was zu thun, mein Engel? fragte die
Baronin.
,, Ulm endlich einmal Eiwas zu haben, was mir

nicht angeboten wird; was ich mühsam wie ein Anderer
erringen muß: und um mich aus reinem Widerspruch,
zum Zeitvertreib, in eine Leidenschaft für ihn zu stürzen!r
betheuerte Viktorine, während sie in bester Laune auf
die Gallerie hinausging.
DieWirthin machte ein bedenkliches Gesicht. Ihr
schlichter gesunderVerstand errieth die schlimmeWahrheit,
welche sich hinter diesem übermüthigen Scherz verbarg.
Sie dankte ihrem Schöpfer, daß der Doktor seiner
Braut von Herzen eigen war; aber sie war doch weit
davon entfernt, zu ahnen, wie rückhaltlos sich Viktorine
in den Worten preiögegeben hatte.
Schon zwwei Tage hintereinander war sie Morgens
hinaufgestiegen nach der Klostermatte, ohne dort, wie
sie es erwartet hatte, dem jungen Mönche wieder zu
begegnen. Das beschäftigte sie und machte sie un-
geduldig. Hielt man ihn ab, seinen gewohnten Morgen-
gang zu machen? Hatte er freiwillig darauf ver-
zichtet? und weshalb das Eine? oder weshalb das
Andere? Wußte man im Kloster, daß sie ihn allein
gesprochen hatte? hatte er es erzählt? gebeichtet? Wich

er aus freiem Willen einem erneueten tusammen-
treffen aus, weil er sie gefährlich für sich glaubte?
T z - Sie häite das wissen mögen!-- Sie sah ihn
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nimmer noch in seiner anbetenden Bewunderung vor
sich stehen, die schönen Augen auf sie gerichtet. Mit
solcher Inbrunst hatte ihrem Gesange noch nie zuvor
ein Mensch gelauscht. Der Ausdruck seiner Mienen,
seine Stellung, hatten sich ihr mit großer Deutlichkeit
eingeprägt, so deutlich, daß sie meinte, sie wieder
geben zu können. Sie hatte es gestern versucht, ihn
aus der Erinnerung zu zeichnen, sie versuchte es heut
nochmals, es hatte ihr nicht gelingen wollen. Die alten
vortrefflichen Maler, die hatten es verstanden, solche
unschuldsvolle Anbetung zu malen. Sie vermochte es
nicht - und wie sollte sie es auch? So hatte ja
noch Niemand vor ihr dagestanden? Solch eine Hin-
gebung konnte nur in dem Schuze von Klostermauern
noch gedeihen!
Sie hatte den Hymnus zierlich in das Reine ab-
geschrieben, den Anfang mit einem schön gemalten
Buchstaben verziert; nun sah sie ihre Arbeit noch ein-
mal sorgsam durch, und sandte sie mit einigen ver-
ehrungsvollen Zeilen in das Kloster hinüber. Der
Diener war vorgelassen worden und brachte ihr des
Abtes persönlichen Dank. Er werde den Hymnus
sehr bald im Kloster singen lassen, hatte er gesagt.
Das genügte Viktorinen nicht. Sie selber wollte

ihn von Benediktus hören, für dessen Stimmlage sie
ihn aufgeschrieben hatte. Am Abend, als sie mit der
Baronin wie an jedem Tage der Vesper beiwohnte,
hörte sie ihn die gewohnten Strophen intoniren. Es
war der Schluß des Abendsegens, aber er sang ihn
seit zwei Tagen schöner noch alö sonst. Es schien, als
habe er von ihr gelernt wie man die Töne durch
langsam getragene Verbindung mächtiger ausklingen
lassen könne.
Unter dem Portale traf sie mit Jakobäa und mit
den Schwestern Benedikts zusammen. Sie und die
Baronin hatten ab und zu ein paar Worte mit den
Frauen gewechselt, heute stellte sie sich ihnen, als sie
-draußen auf der breiten Freitreppe der Kirche waren,
plözlich in den Weg.
Sie sagte, die Mutter und sie hätten schon die
ganze Woche hindurch einmal die Schwestern in dem
Armenhause besuchen wollen, aber wenn man Nichts
zu thun habe, theile man seine Zeit nicht ein, und
lasse sie ungenuzt verstreichen.
- Es war nun zwwar von einem Gange nach dem
Armenhause zwischen ihr und der Baronin die Rede
nie gewesen, indeß die Leztere grif den Gedanken
angenblicklich auf. Sie erkundigte sich um die Zahl

der Alten, der Kranken und der Waisen, die man
dort zu verpflegen habe; sie hatte solche Fragen, da
sie Wohlthaten zu üben gewohnt war, oft gethan, sie
und die Tochter zeigten also Einsicht in dasjenige,
worauf es in solchen Anstalten vor allem Andern an-
kam, und das gefiel den frommen Schwestern, gefiel
auch Jakobäa, die sich dadurch gegen ihre Weise zum
Verweilen bestimmen ließ.
Die Abrede für den Besuch des Armenhauses
wurde dann genommen, die Schwestern gingen mit
ihrem freundlich bescheidenen Gruße schnell, die ver-
säumten Augenblicke einzuholen, ihrem Hause zu, und
wie danach auch Jakobäa sich entfernen wollte, meinte
Viktorine, der Sonnenuntergang verspreche heute be-
sonderö schön zu werden, sie möchte noch spazieren gehen.
,Doch nicht allein! jezt, wo die Sonne bald her-
unter istl' meinte die Baronin.
, Frau Jakobäa, nehmen Sie mich mit!' bat
Viktorine, als komme ihr das eben in den Sinn.
,Es thut Ihnen Niemand Etwas ! sagte Jakobäa,
,, Sie können hier in Gottes Namen gehen, wann und
wo Sie immer wollen.
,Gewiß,'' entgegnete daö Fräulein, , ich bin auch
keineöwegs ängstlich, nur die Mutter ist'd.?

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,So kommen Sie!r sprach Jakobäa.
,Jean soll mich holen kommen, sagte Viktorine
zur Mutter gewendet, ,und mir einen Shawl mit-
bringen, ich werde oben bei Frau Jakobäa auf ihn
warten.?
Die Mutter rieth der Tochter noch, sich ja nicht
zu erhizen oder zu erkälten, und Dies und Jenes zu
thun und nicht zu thun, und ging darauf allein die
; kleine Strecke in die Penfion zurück.
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