Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 19

Feunzchnes
F. Lewalb, Benedikt. Ü.
Cnpitel.
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Jmu andern Morgen wurden die Exequien für
Benedikt gehalten. Man hatte seine Leiche aufge-
funden.
Nah am Chore stand der schwarz verhängte
Katafalk, die Kerzen brannten trotz des hellen Sonnen-
lichtes, ihr gelber Schein beleuchtete das große silberne
Kruzifir, das auf dem Sarge lag. Der Gesang der
Mönche erklang in seiner feierlichen Mächtigkeit--
Benedikts Stimme fehlte in dem Chore!--
Die Kirche war voll Menschen. Wer in dem
Thale irgend Kunde von dem Unglücksfall bekommen,
war herbeigeeilt, dem Todten die letzte Ehre zu er-
weisen und sein Gebet mit den Gebeten zu vereinen,
die für ihn gehalten wurden. Auch die Fremden
waren sammt und sonders in der Kirche.
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Ne
Auf ihrem gewohnten Plaze knieeten Jakobäa
und ihre Töchter. Die Wirthin war an Jakobäa's
Seite. Die Unglückliche war wie versteint, es kam
keine Thräne in ihr Auge, es war kaum noch ein
Wort über ihre Lippen gekommen.
Als die Klosterbrüder den Sarg erhoben, um ihn
fortzutragen, stand fie jählings auf, aber sie sank
wieder auf die Kniee, und die starren Augen zu der
Wirthin gewendet, sprach sie: ,Ich hab's herauf be-
schworen! Ich allein!-- Ich habe Gott versucht!
Ich sagte, mit Leid und Freud sei es für mich vorbei!
Mich fechte jezt auf der Erde Nichts mehr an!-- Gott
hat mir's anders zeigen wollen! Er ist der Herr!? -- -
Der Zug der Brüder war vorüber, die Leute
schlossen sich ihm an, man verließ die Kirche. Als
Viktorine, auf des Grafen Arm gelehnt, die Augen
voll von Thränen, an Jakobäa vorüberging, drängte
es sie, stehen zu bleiben; aber Jakobäa schlug ein
KEreuz vor ihr, wie vor dem Bösen, und der Blick,
den sie auf sie richtete, fuhr ihr wie ein Stich durch's
Herz. Stefano hatte Nichts davon bemerkt, er kannte
Jakobäa nicht.
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- Die Rührung, die Erschütterung waren allgemein,.,
der Baron hatte also Nichts dagegen, daß Viktorine

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der ihren freien Ausdruck gab. Sie hing sich, als
man wieder zu Hause war, an seinen Arm und sagte:
,Hast Du mir die Smaragden schon gekauft, die Du
mir versprochen hast??
Er verneinte es, er habe sie nicht ganz nach
Wunsch gefunden.
,So verzichte ich darauf, gieb mir das dafürbe-
stimmte Geld ! sagte sie.
Der Baron wollte wissen, zu welchem Zweckc.
,Ich habe PaterBenedikt sehr gern gehabt und seine
Mutter auch, sagte Viktorine. , Ich möchte ihr eine
Genugthuung bereiten, möchte eine kleine Kapelle er-
richten lassen an der Stelle, an welcher der Arm
verunglückte, oder besser noch auf der Klostermatte, die
er sehr geliebt hat, und auf der ich ihn getroffen habe.
,Du kannst in der römischen Gesellschaft nicht
genuug von Schmuck besizen, und die Smaragden sind
bestellt!rr entgegnete der Baron. , Aber wenn Du es
durchaus willst, kann man das Eine thun, ohne das
Andere darum zu lassen. Ich hindere Dich nicht, im
Gegentheil! Es paßt mir sogar. Es sind hier unter
den Gästen ein paar junge Eiteraten; bekannt würde
es durch sie bei uns werden, daß wir hier die Kapelle
bauen, und möglicher Weiso ist es selbst dem Grafen

NK
recht, der im Kloster Gastfreundschaft genossen hat.
Mach' das mit Pater Theophilus ab, oder schreibe an
den Abt.-- Deiner Mutter wird es überdies zu einer
besonderen Satisfaktion gereichen, und wenn's daneben
noch die Mutter von dem jungen Menschen tröstet,
soll mir's lieb sein!
Viktorine umarmte den Vater, sie freute sich des
Zugeständnisses, und mehr verlangte er von seinem
einzigen Kinde nicht.
Das Schicksal der Familie Anschafft wurde unter
den Gästen viel besprochen, man mengte Wahres und
Erdichtetes wie immer durcheinander. Viktorine unter-
nahm es endlich, die Geschichte ausführlich zu berichten.
Der Doktor kam dazu, als sie dieselbe mit der Be-
merkung schloß, daß das Dichterwort recht eigentlich
für diese Familie gesprochen sei:
Das eben ist der Aluch der bösen That,
Daß sie fortzeugend Böses muß gebären!
Man fand die Art, in welcher Viktorine erzählt
hatte, sehr anziehend, ihr Eitat sehr geistreich. Die
jungen Literaten versicherten ihr, es sei zweifellos, daß
fie zur Schriftstellerin eine ungemeine Anlage besitze.
Sie sagte nicht nein! -- Der Doktor dachte sich sein
Theil dabei.

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Am nächsten Morgen schied die Familie Landes-
heimer in des Grafen Begleitung aus dem Thale; die
Gesellschaft sah fie ungern fortgehen, die Eingebornen
sprachen von der Baronin und von Viktorinen wie
von guten Feen, Mlles rief ihnen ein ,Aluf Wieder-
sehen!'' nach.
Auch die Wirthin und ihre Tochter und der
Doktor thaten dieses Leztere, und hatten allen Anlaß,
es zu thun.- Pater Theophilus war noch am Mor-
gen bei den Damen; der Abt schickte ihnen durch seinen
Gärtner ein paar aus Alpenblumen schön gebundene
Sträuße.
Nur Eine stand einsam, oben vor der Thür des
Hauses, das Maria Josepha gebaut hatte für die Nach-
kommenschaft, die nun dem Erlöschen verfallen war,
und sah finsteren Auges, wie die Wagen die Straße
hinanfuhren, die aus dem Thale führt, und sie hatte
Mühe, die Verwünschungen zu unterdrücken, die ihr
auf den Lippen brannten.