Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 20

? ,
P- Doktor hatte starke, gesunde Nerven, aber
die lezten Tage hatten ihn doch angegrißen. Er hatte
Benedikt sehr lieb gehabt, sein furchtbares Ende ging
ihm schmerzlich nahe. Er war zufrieden, daß er am
Nachmittage sich ein paar Stunden Ruhe gönnen
konnte. Er hatte Mancherlei nachzuholen, mancerlei
Papiere zu ordnen.
Als er die Taschen seiner Briefmappe durchs ichte,
fiel ihm ein versiegelter Brief in derselben auf, der
an ihn gerichtet war und geflissentlich zwischen an,dere
Papiere hineingeschoben zu sein schien. Der Tltor
hatte die Mappe in den letzen zwei Tagen nicht mehr
in der Hand gehabt.-- Benedikt hatte den Brief
hineingelegt, als er den Doktor nicht in seiner Woh-
nung angetroffen.

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,Ich schreibe dies Blatt,? hieß es in demselben,
,für den Fall, daß es mir nicht mehr gelingen sollte,
Dich zu sehen; wenn Du es liest, wird es hienieden
zu Ende mit mir sein. Ich vermag nicht mehr zu
leben!- Gott hat, ehe ich noch von mir wußte, mir
ein Schicksal auferlegt, das zu tragen er mir die Kraft
versagt. Er hat eine Versuchung in meinen Weg ge-
stellt, der nicht zu unterliegen ich gerungen habe, so
sehr ich es gekonnt. Aber ich bin irre geworden an
Allem, was da ist und sein wird- ich kann nicht
weiter! Giebt es einen allgütigen, allweisen Vater
jenseits dieses Erdenlebens, in das wir gewiesen wer-
den ohne unsern Wunsch, so wird er Erbarmen haben
mit meiner armen Seele und mit der Unzulänglichkeit
der armen Kreatur, die er geschafen hat.
Lebe wohl! Du hattest mich gewarnt! Es war
mein Schicksal, daß ich Dich nicht hörte!
Steh' meiner Mutter bei! Meinen Schwestern
wird ihr fester Glaube helfen. Lebe wohl!?
wDweegggggggg
Wir hatten dieses Blatt, das uns der Doktor
anvertraut, in der Kapelle gelesen, welche Viktorine
nach ihrem Nebereinkommen mit dem Abte, auf der

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Klostermatte errichten lassen. Es ist nur ein klciner
aber hübscher Bau, der die Gegend schmückt. Graf
Stefano hat ein schönes Kästchen mit der gewünschten
Reliquie dahin gesendet, das Kloster hat Stationen
auf dem Wege nach der Benediktskapelle eingerichtet,
fie wird viel besucht. Das Andenken des verunglicten
jungen Paters steht im Thale wie im Kloster schr in
Ehren.
Benedikts Schwestern beten täglich in der Kapelie,
seine Mutter hat sie nie betreten. Sie ist ihrem
alten Plaze in der Klosterkirche treu geblieben.
Weshalb die unglückliche Greisin aber den Frem-
den sich so feindselig erweist, das war uns, seit wir
ihr Schicksal kannten, sehr erklärlich.
Im lezten Winter ist sie auch gestorben. Das
Kloster hat jezt den Besiz des ihm vermachten An-
schafft'schen Legates angetreten. Jakobäa's Hau ist
dem Doktor vermiethet. Er wird es im nächsten Som-
mer als Dependance der Kuranstalt benuten.
E n d e.