Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 02

Sweiies Enpitel
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F. Lewalb, Benebikt. .

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Pe, »te Bergbewohner, stieg Frau Jakobäa lang-
sam den Berg hinauf, Viktorine hatte ihren Schritt
zu mäßigen, wenn sie an ihrer Seite bleiben wollte.
So gingen sie ein Ende schweigend neben einander
her. Mit einem Male fragte das Fräulein, ob Jakobäa
die Vesper auch zur Winterszeit besuche?
,lle Tage!' gab sie ihr zur Antwort ,und die
Frühmette ebenso!'?
Das Fräulein meinte, in der schlechten Jahres-
zeit müsse das beschwerlich sein, und bei schlechtem
Wetter ganz besonders.
,Man gewöhnt's! versezte darauf die Andere.
,Sie sehen dabei freilich Ihre Töchter und hören
Pater Benediktus singen!r bemerkte das Fräulein,
ohne daß Jakobäa eine Antwort darauf gab.

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Inzwischen waren sie eine Strecke über das Dorf
hinausgekommen und Viktorine blieb stehen, weil
hinter dem schroffen Grat des Berges, der das Thal
gegen Osten abschloß, plözlich der Mond empor stieg,
und der Abendstern zu funkeln anfing, während der
letzte Streif des Sonnenballes noch im Verschwin-
den war.
,Welch ein wundervoller Anblick! welch' eine
unvergleichliche Farbenpracht!' rief sie umwillkürlich
alS. ---
Jakobäa blieb ebenfalls stehen , Ja,' sagte sie,
,schön ist's. Einstmalen hat mich's auch gefreut.?
, Und freut Sie's jetzt nicht mehr?
, Wenn mich grad Einer darauf bringt. Von selber
acht' ich nicht darauf!'r sagte Jakobäa.
Die ganze furchtbare Vereinsamung der finstern
Frau sprach aus diesen ihren Worten, und ohne zu
F bedenken, was sie damit that, rief Viktorine: , Gewiß!
Zum Freuen gehören ihrer Zwei!''
,Was wissen Sie davon! Sie sind ja noch
allein!r warf Jakobäa hin, sich an ihr erstes Zu-
sammentreffen mit der Fremden offenbar erinnernd.
,Oh! ich habe doch Eltern, Freunde, liebe
Freunde!

Jakobäa machte mit dem Kopfe eine gering-
schätzende Bewegung.
,Rechnen Sie das für Nichts? fragte Viktorine.
Sie erhielt darauf gar keine Antwort, und sie gingen
wieder vorwärts.
Plözlich flog es wie ein Lächeln über Jakobäa's
hartes Antliz. ,ckinder muß man sehen, sagte sie,
, wenn sie zum ersten Male darauf achtsam werden
und die Häände ausstrecken, um danach zu langen:
nach dem Mond und nach den Sternen, als wär's
für sie da! Al könnte man es ihnen geben! Und
das Weinen, wenn's nachher doch nicht zu haben ist!
wenns ganz ferne ab vorüberzieht!-- E ist die erste
Lektion, die sie bekommen, ihre erste Lektion int Ver-
zichten und Verzagen!'
Sie sah wie eine der Sibyllen aus, während sie
die Worte, der Hörerin kaum achtend, vor sich hin sprach.
,.Es muß hart sein, so wie Sie, alle seine Kinder
von sich thun zu müssen,r' bemerkte Viktorine, um zu
zeigen, daß sie das Schicksal der Familie kenne, jedoch
Jakobäa ging nicht darauf ein.
, Liegen muß ein Jeder, wie ihn der Herrgott
bettet! entgegnete sie, aber ihr Ton und ihre Mienen
zeigten von Ergebung und von Demuth keine Spur.


, Sich so aufrecht zu erhalten wie Sie, würden
Viele nicht im Stande gewesen sein!r hub das Fräu-
lein wieder an, um die Unterhaltung vorwärts zu
bringen.
,Ich kann's nicht leiden, wenn man mich be-
klagt, und war immer gut bei Kräften!'r antwortete
ihr Jakobäa kurz und trocken.
,Das sieht man noch an Ihnen und auch an
Ihren Kindern. Vor einigen Tagen habe ich den Pater
Benediktus kennen lernen!
,Se? fragte die Mutter plözlich achtsam wer-
dend. , Sie? Wie kam demn daö?
,Ich traf ihn einen Morgen auf der Kloster-
matte und redete ihn an.'
,Davon hat er mir Nichts gesagt! meinte die
? Mutter. Viktorine sagte, er habe wohl nicht mehr
h darn gedacht. den es sei schon ein pa=n Vge ber;
s und dann erkundigte sie sich, ob er oftmals zu der
? Mutter komme.
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,Jezt häufiger als in früheren Tagen,' ent-
gegnete ihr diese. , Es that ihm wohl vordem zu
. wehe, denn er hing auch an dem Hause; und wie
? sollte er nicht? Nun hat er es verschmerzt und ist
zufrieden.?
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,Ich hätte meinen einzigen Sohn nicht fortge-
geben,? behauptete Viktorine mit harter Dreistizkeit.
Jakobäa schreckte auf. Zum ersten Male richte-
ten sich ihre dunkeln Augen fest auf der Fremden An-
gesicht. - ,Und was hätten Sie gethan?
,, Ich wäre mit meinem Kinde auf und davon-
gegangen in die weite Welt,? -
,,EEine Bettlerin? stieß Sakobäa hervor, indem
sie ihre starke knochige Rechte fest um das feine Hand-
gelenk des Fräuleins legte -- ,Landläufig und eine
Bettlerin?-- Ich habe es gewollt, und nicht gekonnt!?
,Es leben Millionen ohne Haus und Hof mit
ihren Kindern von der Hände Arbeit!? sagte Viktorine,
welcher der Vorgang immer interessanter wurde.
,,Sie haben das wohl nicht gekannt und nicht
probirt!'? rlef Jakobäa, ,und gegen des Allmächtigen
Hand und Willen krümmt sich der arme Erdenwurm
vergebens. Nichts wollen, Nichts hoffen, Nichts ver-
langen - und aushalten auf seinem Platz und bei
der Arbeit bis zulezt!-- Das ist's! Das ist meine
Aufgabe und meine Bufe.?
Sie hatte Viktorinens Hand wieder losgelassen
und sie gingen schweigend durch den Abend hin. So
gelangten sie bis vor Jakobäa's Haus.

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,Kommen Sie hinein!' sagte die Besizerin, da
Jene stehen blieb.,DDie Sonne ist hinunter: Sie
sind erhizt und es weht frisch aus der Schlucht.
Drinnen sind Sie sicher!?
Damit ging sie voran die Stiege hinauf und in
das Haus. Die Mägde und Kutechte, die schon von
der Arbeit heimgekommen waren, sahen es mit Ver-
wunderung. Keiner von ihnen hatte es erlebt, daß
Jakobäa einem fremdem Gaste ihre Thüre anfgethan.
Wer nicht Geschäfte mit ihr hatte, kam über ihres
Hauses Schwelle nicht.
Das Zimmer hatte nichts Besonderes. Es war
die gewöhnliche Stube, wie jedes alte Bauernhaus
sie in dem Lande zeigt. In der Mitte stand der
schwere Tisch, wie er von je gestanden hatte. Die
Hausfrau rückte für die Fremde einen Stuhl heran,
der Mond fiel durch das Fenster schräg hinein und
streifte mit seinem Licht des Tisches blankgepuzte Platte.
Viktorinen war es sonderbar um's Herz. Sie
fühlte sich unter dem Banne dieser Frau. Niemals
seit langen Iahren hatte ihr das rechte Wort gefehlt
und jetzt versagte es sich ihr zu ihrem eigenen Er-
staunen.
Jakobäa stand hochaufgerichtet vor ihr, sie sah in

der niederen Stube noch viel größer und mächtiger
ans, als in der Kirche und im Freien.
,Hier hat er gesessen, hier an diesem Fleck,' hob
sie mit einem Male an, ,und hat hingestarrt wie in
den Tod! Und dazwischen hat er den Kopf versteckt
in seine Häinde, als wollt' er das Leben nicht mehr
sehen, das vor ihm lag!- Ich hab' hier grad über
ihm gestanden und er hat Worte gesprochen, die hier,'?
sie schlug mit der Hand gegen ihre Brust, ,wie ein-
gegraben in mir sind! Aber da war kein Rath und
keine Hilfe! Er ist fortgegangen, wie in das kalte
Grab.-- Nachher ist Mlles einerlei! hat er zu mir
gesagt. Und so war es denn auch. E ist nun Alles
einerlei!'?=-
Sie wendete sich von Viktorine ab und sezte sich,
die geballte Hand gegen den Kopf gepreßt, in der
Fensterecke nieder. Seit langen Jahren, seit sie ihre
Leidenögeschichte einmal bruchstückweis der Jugend-
freundin anvertraut, von der Viktorine sie vernommen
hatte, war kein Wort mehr davon über ihre Lippen
gekommen. Nun saß sie da, so finster, so erbittert,
als grolle sie sich darüber, daß sie untren gegen sich
selbst geworden war. Was kümmerte denn auch die
Fremde das Schicksal, das auf diesem alten Hause

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lag? Und wie war es gekommen, daß sie sich hatte
fortreißen lassen, über das zu reden, --- zu einer
Fremden zu reden, was doch nicht abzuändern war?
Während aber Jakobäa sich brütend in sich selbst
F. versenkte, regte die unruhige Vhantasie ihres Gastes
die weithintragenden Schwingen; denn die Glückliche
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hatte es noch nicht erfahren, daß es ein Unabänderliches
gebe, so lange der Tod den Umgestaltungen des
Menschenlebenö nicht seine finstere Gewalt entgegen-
gestellt hat. Sie war auferzogen in dem Glauben an
die Macht des Willens, an die Unfehlbarkeit der Kraft,
wenn sie sich mit Muth und mit Beharrlichkeit ver-
bindet. Sie hatte dafür in ihrer Familie die unwider-
leglichsten Beispiele und Beweise. Man mußte nur,
wie ihr Vater und wie dessen Vorfahren es gethan,
und wie ja auch die weltklugen Väter der Gesellschaft
Jesu es seit Jahrhunderten übten und lehrten, die
Mittel wollen, die zum Zwecke führen. Was lag denn
hier im Grunde so Unabänderliches vor, wennBenediktus
wirklich widerwillig in den Orden eingetreten war?
wenn er sich unglücklich fühlte in dem Kleide, das er
trug?- Hatte denn noch kein andrer Mönch die
Kutte abgeworfen? War noch nie ein Mönch der klöster-
lichen Zucht entflohen? Sah Benedikt denn danach

aus, als wäre er geboren, auf das Leben, auf Glück,
auf Liebe zu verzichten? Mit einer Gestalt, wie die
seine, mit seinen Augen und mit seiner Stimme war
man für das Kloster nicht bestimmt, war es ein gutes
Werk, ihn aus den Banden zu befreien, die ihn ge-
fangen hielten.
Ihre Gedanken waren in weiten Sprüngen rast-
los vorwärts gegangen, als der Diener an die Thüre
klopfte, den die Baronin ihr nachgesendet hatte. Sie
stand auf, die Hausfrau that desgleichen.
,Schönen Dank für Ihre Gastfreundschaft,'' sagte
sie, indem sie der Lezteren ihre Hand hinreichte. ,Lassen
Sie sich's nicht verdrießen, daß Sie mich mitgenommen
haben. Das Schlcksal ist gar häufiz klüger alö wir
selbst. E führt die Menschen oft zusammen, ohne
daß sie ahnen, was es mit ihnen vor hat. Wer weiß,
wozu es gut ist, daß ich hier gesessen habe!?
, Was soll da gut, was kann da übel sein? ver-
sezte Jakobäa.,ber Sie haben hellen Mondschein
für die Heimkehr und das ist gut für Sie. Das Thal
ist schön im Mondschein, wenn man von dieser Seite
kommt.!
, Und ich darf wiederkehren, Frau Jakobäa? oder
darf ich's nicht

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- ,Wenn Sie wollen, so kommen Sie,' sagte
Jakobäa und gab ihr das Geleit bis hinaus vor ihre
Thüre.-- Sie stand noch auf der Gallerie und sah
ihr nach, als Viktorine im Niedersteigen ihr Taschen-
tuch zum Gruße schwenkte und leichten Herzens der
Einsamen mit heller Kehle ,Gute Nachtr zurief.
Jakobäa erwiderte es ihr nicht. Sie sezte sich
unter ihrem Vordach nieder, wie sie drinnen gesessen
hatte an dem Fenster, und die ganzen langen fünf-
undzwanzig Jahre lagen vor ihr, daß sie sie überschaute
wie mit einem Blicke.
Denn es war wieder einmal jährig!-- An diesem
Tag, vor fünfundzwanzig Jahren war es zusammen-
gebrochen mit einem Schlage, all ihr ganzes Glück
für immerdar. Heut vor fünfundzwanzig Jahren war
Maurus fortgegangen aus dem Thale, und sie war
zurückgeblieben, einsam, beschimpft, verlassen und mit
Schuld beladen, - sie und ihre Kinder.
War es die. Erinnerung gewesen an die Herzens-
angst jener lang begrabenen Zeit, die ihr heute eines
Menschen Nähe lieb gemacht? Oder was war es, das
ihr den Mund erschlossen hatte der Fremden gegen-
über?- Sie wußte es sich selber nicht zu deuten,
und doch gereute sie die lezte Stunde jetzt nicht mehr.

Aber was hatte die Fremde gemeint mit der Klug-
heit des Schicksals, von der sie so geheimnißvoll ge-
sprochen hatte? Sie verstand es nicht, und mußte doch
daran auf ihrem Lager denken, bi sie die Augen
schloß.