Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 03

Jue Vktorine fand den Schlaf nicht gleich wie
sonst. Sie, die es immer liebte, sich ihrer guten Ge-
fundheit und ihres gesunden Schlafes zu berühmen,
erzählte dem Doktor, als sie ihn am Morgen sah, daß
sie in dieser Nacht nur wenig Nuhe genossen hale,
daß sie aber trotzdem frisch und munter sei, weil sie
sich mit allerlei Planen und Projekten, ja, sie könne
sagen, mit der Durchführung eines Romanes beschäftigt
habe. Er fragte, wie sie dazu gekommen sei?
,Sa! wie kommt man zu der Erdichtung eines
Nomans? gab sie ihm zur Antwort. , Ich habe mir das
bisher selbst nicht vorstellen können, nun aber weiß ich
es aus eigner Erfahrung. Man hörtvoneinem Menschen,
von einemEreigniß, die etwas Auffallendes an sich haben.
F. Lewald, Benedikt. l.

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Man denkt, wie mag es zugegangensein, welche Umstände
müssen zusammengewirkt haben, damit dieser Mensch
sich so entwickelte, diesesEreigniß möglich werdenkonnte?
Was dürfte wohl aus diesem Menschen in der Zu-
kunft werden, oder wie möchten die seltsam ver-
schlungenen Fäden dieser Verhältnisse Glück bringend
zu entwirren sein?- Und in dem Nachdenken über
die Vergangenheit, in dem Errathenwollen der Zu-
kunft, in dem Wunsche, dieselbe vernünftig gestaltet
zu sehen, erfindet und schafft man eine Menge von
Vorgängen-
,Die wir nächstens als einen Roman zu lesen
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ß bekommen werden!r fiel ihr der Doktor in die Rede.
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,,Durchaus und ganz gewiß nicht!' entgegnete sie
,; ihm. , Sie mahnen mich aber an das Wort eines
-' italienischen Kardinals, das ich Ihnen wiederholen
F Suede, wen ich ncht das sark«stische ud i Grnde
ß. hochmüthige Lächeln kennte, mit welchem Sie auf uns
F herabsehen, wennn wir Ihnen von der großen Welt,
F von jener Welt, in der wir leben, einmal sprechen.?
- Der Doktor wehrte den Vorwurf von sich ab,
F gnd Miktorine, die offenbar Lust hatte, das kleine Ee-
F eigniß mitzutheilen, sagte: ,dls wir vor einem Jahre
F - den Winter in Rom zubrachten, hatte sich durch eine
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Personen-Verwechslung das Gerücht verbreitet, daß ich
Schriftstellerin sei. Ein Kardinal, den wir häufig
trafen, redete mich als solche an, und ich mußte die
Ehre von mir ablehnen. ,Oh, rief er, , das freut
mich! Ich habe es im Grunde auch nicht für wahr-
scheinlich gehalten. Weshalb wollten Sie auch Romane
erdichten, da Sie jung und schön genug find, sie er-
leben zu können!?- ,Und ich hoffe,? sezte sie mit
scherzender Anmuth hinzu, ,ich habe nicht zu sehr
gealtert in dem einen Jahre. !
Sie sah in dem Augenblicke wieder äußerst reizend
aus, so daß der Doktor sich mit eigener Verwunderung
über seine Geistesgegenwart zu dem Fomplimente empor-
schwang: man habe jedenfalls Demjenigen Glück zu
wünschen, den sie sich zum Helden eines von ihr zu
erlebenden Romanes ausersehe. Aber er fand mit dieser
Schmeichelei bei ihr den rechten Anklang nicht.
,,Kennen Sie mich noch so wenig, ' sagte sie,
, daß Sie glauben, ich für meine Person würde mich
auf die Noth und die Qualen einer Liebesgeschichte
einlassen. Dazu bin ich ja viel zu selbstisch, viel zu
klug und in gewissem Sinne auch zu träge! Aber ich
denke es mir sehr verlockend, wie ein leus e: m.ehin

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F, der aufklärenden Fackel in der Hand, an ein
dunkles Schicksal Licht bringend heranzutreten; Ketten
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zu lösen und Menschen in die ihnen zustehenden
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,Und solchen Menschen, solchen Schicksalen glauben
F Sie hier begegnet zu sein? fragte der Doktor mit
z, einer bangen Ahnung.
, Und wenn ich Ihnen mit einem Ja entgegnete?
,So würde ich Sie beschwören, sagte er mit
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F I tlefem Ernste, ,bleiben Sie den Menschen fern, deren
? j innerstes Wesen Sie nicht begreifen, in deren An-
ß -
? s schauungen Sie sich auf keine Weise hineinzudenken
F , vermögen Heil zu bringen sind Sie da völlig außer
- Stande, Unheil anzurichten nur zu sehr gemacht!
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,Wie feierlich Sie mit einem Male werden!'
scherzte Viktorine, weil sie es nicht verrathen wollte,
daß die strenge Mahnung und der sittliche Ernst des
jungen Mannes, auf den sie bisher mit spielender
Gleichgültigkeit herabgesehen hatte, ihr wider ihren
Willen Achtung abnöthigten. Indeß, es war nicht
zeicht, sie in ihrem Selbstvertrauen zu erschüttern. Sie
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der hiesigen Lebenszustände hineinversezen, als der
Doktor die Freiheit des Handelns und Wirkens, oder
die Möglichkeiten zu ermessen im Stande war, an
welche eine bevorzugte Siellung und große Mittel ihr
zu denken erlaubten. War doch der Doktor selber ein
Kind diesek engen Thales und hatte immer, wann
und wie er es auch verlassen hatte, in verhältniß-
mäßigen Beschränkungen gelebt.
Sie fand es dreist von ihm und eigentlich vermessen,
daß er sich als ihres Gleichen ansah, daß er es sich
herausnahm, sich mit seinem Urtheil über sie zu stellen,
fich zu ihrem Mentor aufzuwerfen. Und es waren ja
eigentlich auch nur müßige Spiele der Phantasie ge-
wesen, denen sie sich überlassen hatte. Denn was
war ihr Jakobäa? Was galt ihr das Haus der Maria
Josepha? Was kümmerte es sie, wenn Benediktus
alt und grau in seiner Kutte wurde?= Doch nein!
um ihn, um Benediktus war es schade.- Und des
Doktors Warnung hatte so entschieden wie eine Heraus-
forderung geklungen, daß sie angethan war, eine that-
sächliche Widerlegung zu erfahren.
Sie war aufgeregt und wußte nicht wodurch.
Aber eö war ihr lieb, daß der Doktor in dem Augen-
blicke die Sache auf sich beruhen licß. Sie sprachen

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von andern Dingen, Viktorinens Phantasie blieb jedoch
auch als der Doktor sie verlassen hatte, mit ihren
Planen für Benedikt beschäftigt. In müßigem Ge-
dankenspiel glitt sie von einer Vorstellung zur anderen,
bis sich in ihr endlich die Idee festsezte, wie reizend
es sein müsse, in der großen Welt als die Beschützerin
und Retterin eines ungewöhnlichen Talentes zu er-
scheinen, dem ungemeinerBeifall um so weniger entgehen
würde, wenn es auf geheimnißvollen und dornenreichen
Pfaden an sein Ziel gekommen sei. Und was war
im Grunde denn so Schweres dabei durchzusezen?--
Eine Flucht!-- es war Nichts leichter, wenn dieses
Thales Grenze einmal überschritten war. Ein Wechsel
des Cultus? ein Wechsel in der Form der Gottes-
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anbetung - wer konnte vor einem solchen zurück-
ß schrecken, wenn in seiner Brust der Genius lebendig war?
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Sie mußte durchausmitBenediktus einmal sprechen;
sie
ihn
mußte ihm näher treten, sein Vertrauen gewinnen,
einem Worte - sie mußte ihn befreien! --
Mit
und
aufklären über sich selbst und über sein Talent.
Es war dies eine Aufgabe, ein Ziel, die sie mehr
mehr zu reizen begannen; und sich zu versagen,
was sie reizte, war sie nicht gewohnt. Alles war ihr
bisher gelungen, was sie sich noch jemals vorgenommen

hatte; selbst der Zufall hatte sich ihr, so oft sie seiner
Gunst bedurft, geneigt erwiesen, als ob auch er ver-
ständnißvoll ihr huldigte, weil sie ihn zu erkennen
und zu benutzen wußte. Sie rechnete also auch in
diesem Falle mit Zuversicht auf ihn; und ihres Ge-
lingens so sicher wie ihres Wollens, erlabte sie sich an
der künftigen Siegesfreude, ehe noch der Kampf be-
gonnen hatte.
Daß sie dem jungen Pater heute noch oder
doch sehr bald begegnen werde, davon war sie über-
zeugt. Indeß sie sah ihn nicht und nicht einmal die
Klasse, die er spazieren zu führen hatte; er mußte
also nicht die sonst gewohnten Wege wählen und es
interessirte fie immer auf das Neue zu wissen, ob er
in solchen Dingen aus freiem Antrieb oder nach er-
haltener Anweisung zu handeln habe. Fragen mochte
fie darum weder den Pater Theophilus nach den
Doktor, und dieser fand es nicht nöthig, ihr mitzu-
theilen, daß er Benedikt um die Zeit der Spielstunde
im Klostergarten geflissentlich gesucht, und ihn auch
dort getroffen habe.
Es war ihm, nachdem er eine Weile mit ihm
geplaudert hatte, nicht schwer gefallen, das Gespräch
auf die Bewohner seines Hauses hinzulenken, und

D0
Benediktus sagte ihm, daß er das Fräulein habe kennen
lernen. Der Doktor erkundigte sich, wie die Fremde
ihm gefallen habe.
,DaO mußt Du mich nicht fragen, da mir die
Vergleichung fehlt!' entgegnete ihm Benedikt, während
ein rasches heißes Roth sein Antliz überflog.
,Du hast sie also schön gefunden?
,Wie eine Erscheinung stand sie mit einem Male
oben auf der Matte vor mir!r fiel Benediktus ein,
die Frage überhörend, oder ihr aus dem Wege gehend.
,Ich mußte mich besinnen, um ihr antworten zu
können. Und wie sie singt!
,Sie hat gesungen?' fragte der Doktor, dessen
F Sorge um den Freund im Wachsen war, und der
ihn sprechen zu machen wünschte. ,Wie kam sie auf
den Einfall?
,Es war Alles plözlich, Alles wunderbar, wie
«
z man's im Traume erlebt, wie man's in Visionen
F sieht! Unfaßbar und doch unwergeßlich!' sagte Benedikt
?. und schwieg, bis er sich zusammenrafend, die Bemerkung
I machte: ,Wir studiren jezt den Hymnus ein! Das
hohe Lied auf Rom, das sie für unsere Bibliothek
; gesendet hat.?
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, Nimm Dich in Acht vor ihr!? fuhr der Doktor
rasch heraus.
,, Vor Viktorinen? fragte Benedikt.
,.Woher kennst Du ihren Namen?
Und wieder ergoß sich die Röthe über des jungen
Mannes Angesicht, und den Blick abwendend von dem
Freunde, sagte er: ,Er stand auf jener Abschrift, welche
das Fräulein für unsern Herrn Abt gemacht hat.
Ich hatte danach die Hymne vierstimmig für die
Schüler umzusetzzen.'?
,Hüte Dich vor ihr!' wiederholte der Doktor,
,,lie ist eine Komödiantin!-
,Eine Komödiantin? rief der junge Mönch,
, das ist unmöglich, das kann sie nicht sein.r
Der Doktor mußte lachen, so wenig er in diesem
Falle auch dazu geneigt war. ,Nimm eö nicht wört-
lich!' sagte er.,Sie singt und spielt nicht vor den
Leuten im Theater, sie tanzt nicht auf dem Seile,
-- aber Komödie zu spielen und auf dem Seile zu
tanzen liegt sehr in ihrer Art. Sie ist so schön als
falsch -- so Etwas von der Frau Venus, die den
Ritter Tannhäuser verlockt, in ihren Zauberberg zu
treten und ihn in demselben festhält, daß selbst des
Papstes Lösung ihn nicht mehr vor ihr errettet.?

Er sprach wie im Scherze, aber der junge Pater
stand verstummt, und Jener redete mit Geflissenheit
von andern Dingen. Benedikt hörte und antwortete
auf seine Fragen mit zerstreutem Sinn, der Doktor
hatte nach seiner Ansicht jezt gethan, was seine Pflicht
war, und zum Verweilen fehlte ihm die Zeit. In
- dem Augenblicke aber, in welchem er sich entfernen
wollte, fuhr Benediktus wie aus einem Traume auf
und als wäre von gar nichts Anderem die Rede ge-
wesen zwwischen ihnen, sagte er: , Pater Theophilus
denkt von den Fremden gut. Er nennt sie groß-
müthig und rühmt der Frau Baronin Ehrfurcht vor
der Kirche.?
,Ich habe nicht das Gegentheil behauptet und
der Pater, dem sie beichten, kennt sie natürlich mehr
als ich und besser!'r sagte der Doktor, für den es
F seine Bedenken hatte, sich über die seiner Obhut an-
vertrauten, in seinem Hause lebendenFrauen mißbilligend
? und abfällig ausgesprochen zu haben.,Und am Ende,
setzte er hinzu, , was kümmert mich der Charakter
dieser Fremden auch! was kümmern sie nun vollends
Dich! Sie bleiben ja nicht lange hier, Du siehst sie
wohl kaum wieder!r
Er ging damit seiner Wege, aber des Doktors

B
psychologische Unerfahrenheit hatte dem Freunde mit
der Warnung keinen guten Dienst geleistet.
Die Phantasie des jungen Mönches war durch
das Zusammentreffen mit Viktorine leidenschaftlich auf-
geregt. Er sah sie im Traum der Nacht vor seinen
Augen, er hörte, wenn er den Hymnus am Klavier
oder an der Orgel spielte, ihn von ihrer Stimme
singen. Sie wurde für ihn zu dem Sinnbilde von
Rdom; und wenn es ihn hinzog, wie sie es ihm ge-
schildert hatte, gen Mom zu pilgern, war es nicht die
Stadt der Städte, war's nicht nur Rom, wohin die
Sehnsucht ihn verlockte, - es war ein anderes, ein
heftigeres Sehnen, das ihn antrieb, das ihm das Herz
erweiterte, erwärmte, und ihn unruhig machte bei
allem seinem Thun.
Er war sich vollständig bewußt, daß es anders
mit ihm stand, als noch vor wenigen Tagen. Er
klagte sich der Ungeduld, des Eigenwillen an, weil
er sich in selbstständigen Wünschen und Hoffnungen er-
ging, statt in Ergebung abzuwarten, was der Wille
seiner Oberen über ihn dereinst beschließen würde.
Es war, bei der Entwicklung, die er unter den Augen
derselben genommen hatte und bei den guten Er-
wartungen, die man von ihm hegte, zum Deftern die

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Rede davon gewesen, ihn einmal in späteren Jahren
eine Neise machen zu lassen, um ihn dem General
des Ordens vorzustellen, wobei er denn auch so weit
als thunlich, die anderen auf dem Wege liegenden
Niederlassungen der Benediktiner kennen lernen und
vielleicht, da er Neigung verrieth, die Welt zu sehen,
von dem Haupte des Ordens eine ihm aagemessene
Verwendung finden konnte. Dieser Auösicht hatte
man sich sogar bedient, um ihn durch den Hinweis
auf dieselbe zum Fleiße anzuspornen, als er noch in
den Klassen gewesen war; während man zugleich nicht
ermangelt hatte, ihn daran zu erinnern, daß nur den-
jenigen Brüdern solche ehrende Auszeichnungen zu-
gewendet würden, deren völliger Hingebung an den
Orden und deren strenger Unterwerfung unter seine
Regeln man sich versichert halten durfte.
Er selbst hatte dem Zeitpunkte, in welchem man
ihn vielleicht reisen lassen würde, stets mit Freude
und Hofnung entgegengesehen, aber die Unruhe, die
sich jetzt seiner bemächtigt hatte, war anderer Art, war
fo heftig, wwie er sie nie gekannt seit jenem Tage, an
welchem er mit bittrem Widerstreben in die Kloster-
schule eingetreten war.
Er hatte sie in den letzten Jahren weit seltener

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in sich aufsteigen fühlen, die Wünsche, welche er in
seiner Knabenzeit gehegt, die schweren Kämpfe, welche
der Verzicht auf das Weltleben ihn gekostet hatte.
Jezt tauchten sie wieder plözlich aus seiner Erinnerung
hervor, so daß er endlich, um sich selber zu be-
schwichtigen, sich der Vorstellung überließ, das Su-
sammentreffen mit dem einstigen Spielgenossen und
die Erzählungen desselben seien es gewesen, welche
ihn so verrwirrend aufgeregt und ihm das zufriedene
Insichberuhen für den Augenblick genommen hätten.
Er hatte den Doktor deshalb geflissentlich vermieden,
und die Unterredung mit dem Doktor hatte ihm dar-
gethan, daß er damit das rechte Theil für sich ge-
wählt habe.
Er durfte sich es nicht gestatten, von Viktorinen
sprechen zu hören und von ihr zu sprechen; aber deshalb
blieben des Doktors Aeußerungen ihm nicht weniger
räthselhaft. Er verstand nicht, was der Freund damit
gewollt hatte, nicht, wie er darauf gekommen war,
ihm Vorsicht zu empfehlen. Was sollte und konnte
die Warnung ihm bedeuten, welche dgr Doktor gegen
ihn ausgesprochen hatte? War er denn etwa ein
Weltmann, ein Edelmann, dem man eine Bewerbung
um Viktorine zutrauen durfte? Was hatte er mit

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ihr gemein? Was konnte er, der Klostergeistliche, zu
fürchten haben von einer vornehmen Frau, die an
seinem Horizonte vorüberzog wie einer der Kometen,
die man anstaunt, so lange sie in dem Gesichtskreis
stehen, und deren Wiederkehr man oftmals nicht erlebt.
Was konnte der Doktor gegen Viktorine haben, wenn
der Abt sich ihr und ihrer Mutter wohlgeneigt er-
wies! wenn Pater Theophilus sie seines Antheils und
seiner Achtung würdig hielt?-- Sollte der Doktor
etwa selber sein Auge auf das Fräulein gewendet,
seine Wünsche bis zu demselben erhoben haben und
abgewiesen worden sein? Wahrscheinlich war das
nicht, denn er war verlobt und war auch klug genng,
die Entfernnng zu ermessen, die ihn von einer Vik-
torine trennte; aber aufgefallen war es Benedikt, daß
Jener ihm nie von seiner Braut gesprochen hatte;
und da die Leidenschaft der Liebe den Menschen ver-
messen machen soll, wer konnte es wissen, wozu sie
seinen Freund verleitet haben mochte?
Je länger er darüber nachsann, um so fester
überzeugte sich Benediktus, daß nur eine persönliche
Kränkung den Doktor angetrieben habe, Viktorine so
hart zu beschuldigen. Es war ja nur natürlich, wenn
ihre Schönheit, ihre anmuthvolle Güte, ihr un-

vergleichlicher Gesang das Herz eines Mannes ent-
zündet hatte, dem es vergönnt war, ihr zu nahen, für
den es keine Sünde war, sie anzubeten, sie zu lieben,
sie zu begehren und nach Befriedigung für seine
Wünsche mit allen seinen Kräften anzustreben.
Einen Augenblick lang hatte er dem Freunde
gezürnt, jezt beklagte er denselben -- und beneidete
ihn doch. Denn der Doktor konnte sie sehen und
sprechen, so oft als er es wollte; er konnte sie singen
hören jeden Tag: die süßen träumerischen Weisen, die
alten überwältigenden Hymnen und - das war es,
ja! das war es ganz allein, was Benediktus für sich
selber wünschte. Es war seine Liebe für die hoch-
heilige Musik, die ihn immerfort an Viktorine zu
denken nöthigte, es war das berechtigte Verlangen,
andere Musik zu hören, als die er selber machte, die
ihm plözlich die Mauern seines Klosters drückend er-
scheinen ließ, und ihm die alte Sehnsucht nach der
Ferne in der Seele wach gerufen hatte.
Er glaubte in sich beruhigt zu sein, nachdem er
für seinen Zustand diese neue Erklärung gefunden
hatte, die ihn nicht zwang, gegen denselben anzuringen,
oder sich in der Beichte eines ungehörigen, sündhaften

K
Verlangens zu beschuldigen; und er gönnte eö sich
deshalb auch, in den frühen Stunden des nächsten
Tages wieder, harmlos die alten Wege aufzusuchen,
und außerhalb des Klosters mit dem Buche in der
Hand seinen Gedanken einsam nachzuhängen, wenn
schon er die Klostermatte, auf welcher er zu ver-
schiedenen Malen mit dem Doktor, und auch an jenem
Morgen mit Viktorinen zusammengetroffen war, ge-
flissentlich vermied.
Er hatte seine Mutter lange nicht besucht; unter
den großen Bäumen neben ihrem Hause war es
Morgens kühl und schattig und den Plaz am Brunnen
hatte er von Kindheit auf geliebt. In friedlichem
Sinnen war er durch das Dorf gegangen und an dem
Mand des Wildbaches emporgestiegen, der oben aus
den Bergen kommend, seiner Muter Grundstück von
der Westseite begrenzte. Das Rauschen des Baches
hatte in seiner Kindheit immer einen geheimnißvollen
Reiz für ihn gehabt; es wiegte ihn auch heut' mit
seinem Gleichmaß in ein sanftes Träumen ein, daß
er gesenkten Hauptes, die Hände hinter sich gekreuzt,
gegen seine Gewohnheit ohne sich umzusehen, weit
und weiter gegangen war, so daß er erst in dem

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Augenblicke, als er vor seiner Mutter Hause anlangte,
Viktorine gewahrte, die unter den Bäumen auf den
Bank am Brunnen saß.
,,Man muß Glück haben!' rief sie ihm entgegen,
als er sie bemerkte. ,Ich war verdrießlich, als ich
Ihre Mutter nicht zu Hause fand und wollte wieder
hinuntergehen. Da aber sah ich Sie hinaufkommen
und beschloß es abzuwarten, ob Sie sich hierher wenden,
und ob ich nicht eine Gesellschaft für den Heimweg
finden würde.?
,Ich wußte nicht, daß Sie meine Mutier
kennten!' sagte er, weil er doch Etwas sagen mußte,
seine Neberraschung zu verbergen.
,Oh !- entgegnete sie ihm, ,ich bin schon öfters
und in dieser Woche fast alle Tage hier gewesen; aber
ich sehe, Frau Jakobäa hat ganz Recht, Sie besuchen
sie zu selten, Sie haben Nichts davon erfahren.'?
Benedikt hörte das mit einer ungläubigen Ver-
wunderung. So lange er denken konnte, hatte seine
Mutter mit Niemandem freiwilligen Verkehr gepflogen.
Er verstand nicht, was sie dazu bewogen haben mochte,
gegenüber dieser Fremden von ihrer Gewohnheit ab-
??.; ? = - = ===-

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lange nachzudenken, denn Viktorine sagte, sie habe
F nun die Gegend in Begleitung ihres Rührers zu Suü
F und zu Pferde nach allen Seiten hin durchstrichen,
? habe von den verschiedenen Höhen auf das Thal
F hinabgeschaut, und jetzt könne und müsse sie dem
F Doktor beistimmen, der sie gleich an dem Tage nach
?
F ihrer Ankunft zu diesem Hause hinaufgeführt habe,
ß weil man hier in der That weitaus die schönste
Aussicht habe.
Benedikt freute sich dieses Lobes. ,Es ist wahr,'?
h- sagte er, ,man hat nirgend eine so vollständige Rund-
schau; und besonders beim Sonnenaufgang, oder wenn
das Mondlicht über dem Thale liegt, müßten Sie hier
f
- oben stehen!?
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,Ihr Haus hat nicht nur die schönste Lage, es
F j ist auch das stattlichste des Thales,? bemerkte das
k Fräulein.
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,Mein Haus? wiederholte der junge Mönch mit
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( einer Miene und einem Tone, die aussprachen, was
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z er selbst verschwieg.
,Es ist in der That recht hart für Ihre Mutter,
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hub Viktorine an, , daß alle Ihre Kinder sie verlassen
haben, daß nicht Eines bei ihr geblieben ist, dem sie
dies schöne Haus vererben könnte; und sie hängt doch

H1
an dem Hause, muß an ihm hängen - an so alt
ehrwürdigem Besiz. Es ist wirklich hart für sie.
, Hat meine Mutter sich daroh beschweut? fragte
Benediktus.
,,Braucht es denn erst der Worte, uns das
Natürliche verstehen zu machen? entgegnete sie ihm
statt der Antwort.,Ulnd, fügte sie hinzu, zunser
Verständniß für die Menschen im Allgemeinen wie
für den Einzelnen wächst mit dem Antheil, den wir
an ihnen nehmen.? -- Sie hielt inne, sah ihn
forschend an und sagte dann: ,auch von Ihnen weiß
ich mehr, weit mehr, als Sie vermuthen.''
,Von mir? fragte er erstaunt, ,was ist von
mir zu wissen und zu sagen?
,,Die Art, mit welcher Sie vorhin die Worte:
,mein Haus' sprachen, hat Sie verrathen, meinte
Viktorine. ,Es schmerzt Sie noch heute, daß Sie nicht
mehr in diesem Hause wohnen. Auch verstehe ich
das vollkommen. Der Hinblick auf solch ein an-
gestammtes altes Erbe verlängert für unsere Phantasie
unser engbemessenes Dasein; und es ist kein Ersaz
dafür, daß das Kloster, dessen Mitglied Sie geworden
sind, noch um viele Jahrhunderte älter ist, als Maria
Josephens Haus. Der Mensch verlangt durchaus

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; nach einem Eigenen, heftet sich nur an das Eigene,
und will Genugthuung für sich selber haben; denn
? das Ich, der finstere Despot, ist nun einmal nicht zu
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ertödten in unserer Brust. Es bleibt lebendig, wenn
h. wir es bezwuungen zu haben glauben, es kehrt in
immer neuen Gestalten wieder, wenn wir es ertödtet
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s?

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wähnen - und könnten wir Ihren Herrn Abt,
könnten wir den heiligen Vater fragen, der auf Sanct
Peters Throne sizt, so befragen, daß sie die kalte,
traurige und unerbittliche Wahrheit eingestehen müßten,
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e entsagen, seine Selbstsucht nicht vollständig zu ver-
F leugnen, auf seines Willens Ausübung nicht zu ver-
zichten vermag. Gott hat uns so geschafen und -
g -- die Hand auf's Herz! wünschen und wollen, er-
F jtreben und ersehnen Sie denn Nichts, als in Ihres
F Klosters Mauern Ihr täglich Tagewerk in vor-
- geschriebener Arbeit und in vorgeschriebenen Gebeten
F His an Ihr Lebensende pflichttreu zu verrichten?
Er gab ihr keine Antwort. Er hatte sich unfern
? von ihr auf der Ecke des mächtigen Baumstammes
niedergelassen, der zur Tränke ausgehölt, sein Wasser
aus dem Röhrbrunnen empfing, und starrte vor sich
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3
auf den Boden nieder. Er wagte nicht, sie anzusehen,
es war genug, es war mehr, als er ertragen konnte,
daß er es aussprechen, von ihrer Stimme es aus-
sprechen hörte, was, seit er in das Kloster eingetreten
war, nie völlig aufgehört hatte, ihn gelegentlich zu
auälen, und was er gerade in den letzten Zeiten immer
wieder hatte durchdenken müssen, obschon er es nieder-
zukämpfen getrachtet, in mancher langen Nacht, in
Selbstanklagen, in Zerknirschung und flehendem Gebet.
Was er sich kaum einzugestehen erlaubt, sie
nannte es ein Selbstverständliches; wovon er sich mit
scheuem Schrecken abgewendet hatte, das stellte sie als
ein Nothwendiges vor ihm auf. Die Gestalten, zu
denen er wie zu den Heiligen emporgesehen, zeg sie
mit dreister Sicherheit hernieder in den Kreis ihrer
urtheilenden und wägenden Betrachtung. Sie predigte
die Lehre von dem eigenen, Genuß begehrenden und
Befriedigung fordernden Willen; sie lockte ihn hinaus-
zutreten auf den Boden dieser Welt, sie schien ihn
kadeln zu wollen, ihn und Alle, die mit ihm gleich
empfanden, die enlsagt hatten, wie er selbst - und
es fuhr kein Strahl vom Himmel nieder, und die
Erde unter ihren Füßen that sich nicht auf, sie zu
verschlingen -- und ihn mit ihr!

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Er hob die Augen zu ihr empor, sie saß vor
ihm, da in aller ihrer Schönheit, ihn anlächelnd, gütig,
mitleidvoll und doch so glorreich, wie eine der Gott-
seligen auf dem Bilde über dem Hochaltar des Chores,
dessen Flügelthüren nuur eröffnet wurden an den
großen, der Menschheit ihr Heil verkündenden Festtagen
des Jubeljahres! - Und dennoch war kein Heil in
ihren Worten!
Wie die Versuchung trat sie an ihn heran, daß
Fliehen das Einzige war, was ihm zu seiner Rettung
übrig blieb. Aber Fliehen?-- Wenn er sie jetzt
verließ, wenn er von dannen ging, wenn er beichtete,
was in diesem Augenblick ihm durch die Seele zeg.
wenn man ihn bannte in die enge Zelle- wer
konnte sagen, ob er sie jemals wiedersah? ob er ihre
Stimme jemals wieder hörte?- Er konnte so nicht
von ihr scheiden! Sie wenigstens sollte es nicht
glauben, daß er nichts Anderes begehrt, als das, was
j ihm geworden; sie sollte wissen, was ihn fortgetrieben
ß hatte aus der Welt, nach der er einst so heiß ver-
f langt. Ihr wollte er bekennen, ihr vertrauen, was
ihn in des Klosters Zelle hineingewiesen, ihn hinein-
gewiesen hatte in das schwarze Mönchsgewand, gegen
? das sein Herz sich eben jezt in heißem Schmerz empörte. '
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5
Er konnte seine Gedanken nicht ordnen, seine
Empfindungen kaum wahrnehmen, geschweige denn
bewältigen. Es war ein Riß geschehen in seinem
Inneren; eine trostlose Tiefe klaffte in ihm auf. Wie
durch einen Zauber schaute er in sein eigenes Herz
und wußte kaum, was er dort erblickte, und ob es
sein Herz war, in das er sah. Er wollte sprechen
und wußte nicht, was zuerst zu sagen! Für den Zn-
stand, der plötzlich über ihn gekommen war, fehlte
ihm das Wort, ihn auszudrücken.
,Ich war der Kirche angelobt, noch ehe ich das
Licht der Welt erblickte!r stieß er endlich rasch hervor,
,ich hatte keinen Willen, keine Wahl!?
Der Schmerz, mit welchem er das sagte, er-
schütterte Viktorine; seine Jugend, seine Schönheit
rührten sie. ,Ich weiß das, sagte sie, ,ich bin
vertraut mit Ihrem und Ihres Hauses ganzem
Schicksal!r?
Er schlug die Hände vor das Gesicht und blieb
in sich versunken sizen. Viktorine fühlte ein großes
Mitleiden mit ihm. So tiefe Eindrücke hatte sie
von dem kleinen Abenteuer nicht erwartet, und mit
dem Selbstbetruge, der ihr um so leichter fiel, als ihr
alle Arten religiöser Anschauungen geläufig waren,


s
F ohne daß eine einzige eine feste Wurzel in ihr, oder
gar einen zwwingenden Einfluß auf sie hatte, stellte es
F sich ihr plözlich als eine ernste Aufgabe, als eine
heilige Pflicht dar, Benediktus der Welt und seiner
F Mutter zurüczugeben, ihn und Jakobäa frei zu
? machen von den Banden, in welche des Klosters weit-
h reichende Voraussicht die unglückliche Gattin einst ge-
F schlagen hatte. --
Mochte man es Zufall, mochte man es des
b
? Himmels Fügung nennen, soviel stand für Viktorine
F fest, sie war durch eine wundersame Verkettung von
l
F Umständen in dies Thal gekommen. Sie war mit
F Benedikt, mit seiner Mutter und mit den Vorgängen
F in deren Leben, ohne daß sie es gesucht hatte, wie
ß durch einen höheren Willen bekannt geworden. Der
? Himmel hatte ihr, nach ihrer Meinung, recht eigent-
F lich die verschlungenen Fäden dieses traurigen Ge-
J schickes in die Hand gespielt; er mußte also wollen,
F. daß sie hier entwirrend und befreiend eingrif. Während
F sie noch darüber nachsann, boten sich auch ihrem
F phantastischen Geiste easch wie durch Eingebnng ein
F. Miitel un ein Ausweg dar, die, wie sie glaubte, sie
F zum Siele führen, und für Benedikt wie für Jakobäa,
ß Rettung und Befreiung bringen konnten.
Ms.

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Sie legte ihre Hand auf des jungen Mönches
Schulter, und mit kräftigem Zuspruch sagte sie:, Muth,
Pater Benedikt! richten Sie sich auf! Gott will
nicht, daß der Mensch verzage! Wir sollen uns des
Daseins freuen und ihm in Freuden dienen.?
Er schüttelte schwermüthig das Haupt. ,In
Freuden dienen?? sprach er ihr langsam nach und
hielt dann inne, bis er, wie mit sich selber redend,
in die Worte ausbrach: , Ich glaubte es zu vermögen!
ich glaubte mich überwunden, lange schon über-
wunden zu haben. Ich hatte Stunden, Tage, Zeiten,
in denen ich mich glücklich pries, nach unsres Heilands
Vorbild der Anderen Schuld auf mich genommen zu
haben, der Eltern Sünde zu büßen und zu sühnen.
Was wird mein Leben sein fortan?- Nacht! Nacht!
--- Ein verzweifelndes Ringen in hoffnungslosem
Dunkell?
Sein Klageruf drang ihr zu Herzen, es kam ein
schauderndes Bangen über sie, aber sich selbst und ihn
ermuthigend, rief sie ihm zu: ,Kkein Lebender und
kein Geschick jst hoffnungslos!r
Er beachtete es nicht. ,Wenn Sie es wüßten,''
sagte er, sich zum ersten Male mit seinen Worten zu
ihr wendend, ,wie sie auf mich herniederfuhr, die


ä
erste Kunde von meiner Eltern Mißgeschick und Misse-
that! wie Alles, Alles zusammenbrach, als ich ver-
nahm, daß meiner Mutter Eid mich zwang, der Welt
für immer zu entsagen-- Seine Stimme bebte, er
hielt sich mit Gewalt zurück.
,Und Sie haben nie daran gedacht,' rief Viktorine,
, daß der Kirche Gnadenfülle unerschöpflich ist?
== Sie haben nie daran gedacht, hinauszuziehen aus
-


diesen Bergen, durch die Länder pilgernd bid zu des
heiligen Vaters Thron, um niedergeworfen vor ihm,
der die Macht hat zu lösen wie zu binden, Vergebung
und Absolution zu erflehen für die Eltern, von denen
Sie geboren sind? Vergebung und Befreiung für sich
selbst zu suchen, wenn die Bande Sie drücken, welche
Sie freiwillig nicht auf sich genommen haben?-
Sie haben nie daran gedacht, wie anders Ihre Mutter
den Abend ihres Lebens noch genießen würde, dürfte
sie sich sagen, daß Maria Josephens Stamm nicht
erlöschen, daß ihr Haus nicht an das Kloster fallen
muß? Sie häätten wirklich nie daran gedacht, die
unvergleichliche Gabe des Gesanges, die, der Himmel
als reichen Segen Ihnen zugetheilt hat, anders zu
benutzen als in Ihres Klosters Chorgesängen??
Er antwortete ihr nicht. Er war wie geblendet,

er hatte keinen Boden mehr unter den Füßen, keinen
Halt mehr. Es war zu jäh, zu plözlich, zu gewalt-
sam! Er fühlte sich losgerissen von der Stelle, in
der er bis dahin festgewurzelt, losgerissen und wie ein
Atom umhergeschleudert in des Weltalls Wirbel. Los-
gerissen von der Gemeinschaft, die seine Welt gewesen
war; hingeschleudert ihr zu Füßen - ihr, die vor
ihm stand in ihrer hehren Schönheit! die zu sehen
und zu hören ihm Beseligung gewährte.
Sein Schweigen fing sie zu ängstigen an, sie
mußte ihm zu Hülfe kommen.
,Ich habe einen Fehler gemacht, Pater Benedikt,.
sagte sie, indem sie sich freundlich zu ihm neigte.
,Wir Weltleute sind plötzlicher Anregungen, schnell
wechselnder Eindrücke, lebhafter Erschütterung mehr
gewohnt als Sie. Uns überraschen neue Vorstellungen
nicht, wir erschrecken nicht vor großen Umgestaltungen,
ja nicht einmal vor dem sogenannten Unerhörten.
Wir wissen, daß schon Mancher das geistliche Gewand
von sich geworfen hat, ohne deshalb dem Verderben
anheim zu fallen. Mit Ihnen ist das anderk.-- Mein
Antheil an Ihnen, meine Freude an Ihrer unvergleich-
lichen Stimme, mit der Sie die ganze große Welt
erobern würden, und die etwas rasche Gewaltsamkeit

meiner Natur haben mich unvorsichtig gemacht. Ich
hätte, statt Sie unvorbereitet in den Tagesglanz zu
führen, in welchem ich Sie leben sehen möchte, Ihnen
nur des Lichtes Schimmer zeigen, und es Ihnen über-
lassen sollen, ihm nach, ihm entgegen zu gehen, und
Ihren Weg aus eigener Nothwendigkeit zu finden. --
Aber das ist nun geschehen, ist nicht mehr zu ändern,
und zu bereuen vermag ich's nicht. - Fragen Sie
sich selbst, ob Sie der Kunst, ob Sie der Kirche, ob
Sie im Diesseits, ob Sie im Jenseits leben wollen?
Nur daran halten Sie sich fest: der Mensch kann,
was er will und muß; und für das ihm Nothwendige
findet sich die Hilfe. Er kann alle Bande brechen
und er bricht sie, sobald er fühlt, daß er es muß.
Und selbst die Kirche ist nicht unerbittlich für den,
der weiß, wie man zu bitten hat.?
,Sie kennen die Kirche nicht!r sagte Benediktus
- halb laut vor sich hin.
,Ich kenne sie und kenne ihre Fürsten! ent-

gegnete Viktorine mit ihrem siegesfrohen Lächeln auf
den Lippen; und dem jungen Manne die Hand zum
Abschied reichend, wollte sie sich entfernen. Er aber
hielt sie fest, wie der Versinkende sich an seinen Er-
retter klammert, und die Augen mit Verlangen auf
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sie richtend, flehte er: ,Gehen Sie nicht von mir,
ohne mir zu sagen, daß ich Sie wiedersehe!
,Auf Wiedersehen also, und auf bald!
,,Wo aber? wann? rief er dringend und voll
Leidenschaft.
,Nicht morgen und wohl in dieser ganzen Woche
nicht!! sagte Viktorine nach raschem Neberlegen, , denn
ich habe einen Ausflug vor, der mich für mehrere
Tage von hier ferne halten wird. Wenn Sie aber
an dem Mittelfenster meiner Gallerie wieder meinen
Strohhut hängen sehen, komme ich am nächsten
Morgen nach der Klostermatte, und wir sprechen dannn
mehr von Ihnen und von Ihrer Zukunft.?
Sie gab ihm, ehe sie ihn verließ, mit er-
muthigenden Worten noch einmal ihre Hand. Sie
war sehr angenehm erregt durch das Abenteuer, das
sich ihr hier oben so unerwartet dargeboten hatte; denn
sie hegte das Bewußtsein, sich mit großem freiem
Sinne eines Menschen angenommen und sich eine
Aufgabe gestellt zu haben, die ihr Ehre machen, die
ein bedeutendes Gewicht in die Schale ihrer Er-
innerungen legen mußte, wenn es ihr gelänge, sie
jiegreich durchzuführen.

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Und wie sollte ihr das Unternehmen nicht gelingen!
E.- War sie doch Viktorine, ihres Vaters Tochter! War
ß sie doch schön und ihres Vaters Einfluß nach allen
F Seiten weit verzweigt und mächtig!

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