Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 04

Gieries Tnpitel.

Igz Baronin war an Neberfluß gewöhnt, sie
mußte also Alles reichlich haben, selbst Vertraute für
ihre Plane wie für ihre Hoffnungen, und sie wußte
sich dieselben auch mit umsichtiger Gewandtheit zu
verschaffen, ohne sich dadurch den Schein eines Ver-
rathes gegen sich selbst zu geben.
Daß sie mit der Wirthin Rücksprache darüber
genommen hatte, ob es möglich sein würde, den
Grafen Stefano in einem der anderen Häuser schick-
lich unterzubringen, war nothwendig gewesen, und es
war nach ihrer Meinung ebenso nothwendig und
natürlich, dem Pater Theophilus in vertraulichem
Gespräche die Frage vorzulegen, ob er glaube, daß
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erachten sei, wenn man es sich angelegen sein lasse,
seinem Kinde die Lebenswege nach dem eigenen besten
Wissen zu erschließen und vorzubereiten.
Der Pater hatte mit gewohnter Vorsicht ihr ent-
gegnet, solche Entscheidung sei nicht unbedingt zu
geben, es komme dabei vor Allem auf die besonderen
Umstände des Falles an. Die Baronin hatte darauf
kein Bedenken getragen, auch ihm mitzutheilen, was
sie der Wirthin ein paar Tage zuvor kund gethan,
und er hatte danach nicht ermangelt, ihre Gewissens-
zweifel mit der Erklärung zu beruhigen: wie es den
F Eltern, als natürlichen Vorgesezten ihrer Kinder, wohl
anstehe, diese so zu führen, daß sie nicht etwa in
Verblendung, oder um einer Grille wegen das Gute
F von sich wiesen, welches des Herrn Huld ihnen in
F- seiner Weisheit zuzuwenden beschlossen haben könnte.
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F Er hatte sich bei der Gelegenheit genau um die Ver-
F. hältnisse des Bewerbers erkundigt, hatte von der
F Baronin alles Dasjenige erfahren, was ihrem Gatten
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z auf dessen Anfragen über den Grafen Stefano be-
richtet worden war, und der Pater hatte seinerseits
Sorge getragen, das zarte Gewissen der besorgten
Mutter nach Kräften zu beruhigen.
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Abends saß er seinem Abte gegenüber in dem

stillen luftigen Gemache vor dem Schachbrett. Der
Gottesdienst war lange schon gehalten, dad Nachtessen
in dem Refektorium eingenommen worden, kein Laut
regte sich in dem ganzen Flügel, in welchem die
Zimmer des Abtes sich befanden.
Die Fenster nach dem Garten standen ofen, der
kühle Nachtwind trug den Duft des Reseda und der
Nelken in den hohen Raum, und bewegte das leichte
Tuch, mit welchem der hochwürdige Herr selber das
Bauer seiner Drossel verhängt hatte, die mit dem
Sonnenuntergange die klugen Augen geschlossen und
das feine Köpfchen unter dem Flügel zur Ruhe ge-
bracht hatte
Der Abt hatte das Skapulier, den seidenen
Gürtel und das Käppchen abgelegt, den enganliegenden
Kragen seines Rockes aufgehakt und die Stiefel gegen
die weichen Schuhe umgetauscht, welche die geschickte
Hand einer ihm ergebenen Klosterfrau für ihn ver-
fertigt hatte. Die Lampe brannte auf dem Tische.
Zu seinen Füßen lagen zwei schöne Cypernkazen. Ein
aus dem Oriente heimkehrender Verwandter hatte sie
ihm im verwichenen Jahre mitgebracht, und eben hatte
der dienende Bruder den Becher heißen gewürzten
Weines herbeigetragen, den der Abt gegen die Ein-

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wirkung der schnell sinkenden Temperatur an jedem
Abende zu genießen pflegte.
Die Partie war beendet. Der Abt, welcher dem
Pater Theophilus im Spiele wie in allen Dingen
überlegen war, hatte sie gewonnen, und wie den Einen
der Sieg erfreute, obschon er ihn oft genuug errang.
so brachte den Andern die vielgewohnte Niederlage
nicht aus seinem sanften Gleichmuth. Er legte die
schön geschnizten Figuren sorgsam in das alterthüm-
liche Kästchen, und sagte, ohne sich in dieser Be-
schäftigung zu unterbrechen: ,Es steht uns hier oben
wwiel Besuch bevor.!
Der Abt fragte, von wannen Theophil denselben
vermuthe?
,Die Frau Baronin erwartet Anverwandte: eine
Familie mit Sohn und Tochter!' meldete der Pater.
,Das Fräulein bricht morgen in der Frühe von hier
auf, ihnen bis über den See entgegen zu gehen. Ihren
Rückweg denken sie gemeinsam durch das ganze Ge-
birge und über die Paßhöhe zu machen. Für das
»Ende des Monats hat der Herr Baron seine Ankunft -
angezeigt, und ich habe von der Mutter heut erfahren,
daß man einen Bewerber um der Tochter Hand gleich-
falls hierher beschieden hat.
!

Der Abt hatte sich gemächlich in den Armsessel
zurückgelegt. Er streichelte den Kopf des Käzchens,
das sich ihm auf das Knie gesetzt hatte, da es ihn
nicht mehr beschäftigt sah.
,Sie sind sich so gr wichtig, diese Art von
Leuten,' sagte er, , daß sie sogar für das Einfachste
und Gewöhnlichste immer besonderer Zurüstungen zu
bedürfen glauben! Sie hätten daö vor vier Wochen
in dem Badeorte bequemer haben können. Aber diese
Heirath, die weit hinausgeht über Alles, was ihres
Gleichen je erwarten konnte, muß noch mit einer
remantischen Zuthat gewürzt und aufgetragen werden,
um der Phantasie der Tochter und der Eitelkeit der
Eltern ganz genng zu thun. Sie wollen sich den
Anschein des prüfenden und überlegenden Zögernö
geben, wo sie Alles in Bewegung setzten an das Ziel
zu kommen, und mit beiden Händen zugegrifen haben.r
Der Pater hörte mit Erstaunen, daß der Abt
die Wünsche der Familie kannte. Er hatte gemeint,
eine Neuigkeit zu berichten und fand sich nun darin
getäuscht. ,Hochwürden wissen es also schon?
fragte er.
,Daß Graf Stefano hierher kommt? Das hat
man mir gemeldet,' gab der Abt zur Antwort,

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während er bedächtig aus dem schön geschlifenen
Pokale nippte.
,Die Mutter sprach mit mir davon, daß sie Be-
- denken hege, in wie weit die Vermittlung einer Ehe
- rathsam und als zulässig zu erachten sei!r bemerkte
der Pater.
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, Eine Gewissenhaftigkeit gost kestum, - meinte
der Abt, ,da die Sache eine abgemachte ist. Der
Bischof hat für seinen Neffen des Vaters Wort er-
halten. Der Baron muß also doch der Zustimmung
seiner Tochter auf eine oder auf die andere Weise
sicher sein!r
,Die Baronin hat Vorkehrungen getroffen, dem
Grafen eine Wohnung im Dorfe zu ermitteln, be-



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merkte Theophilus, der seine Niederlagen im Leben
wveniger leicht ertrug, als bei dem Spiele, und der
den Abte einen Vorschlag zu unterbreiten dachte,
welcher dem Kloster nüzlich sein konnte. Aber er
hatte heut kein Glück, denn noch einmal kam ihm der
Abt zuvor.
,GGraf Stefano wird in unsern Gastgemächern
EEFvohnen! sagte er.,Ich habe seinem Dheim mit-
getheilt, daß unser Haus zu seinen Diensten stehe.
? - Es giebt dem Grafen die gebührende Importanz.
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wenn er hier unser Gast ist; uns aber kommt es zu,
es darzuthun, wie wir die Ehre schätzen, einen, wenn
auch entfernten Angehörigen Seiner Heiligkeit in
unserem Hause zu bewirthen.!
Er brach damit ab, denn er hatte, was er auch bei
dem kleinsten Anlaß, selbst seinen ergebensten Anhängern
gegenüber nicht entbehren konnte, sein besseres Wissen
und sein Nebergewicht wieder einmal unverkennbar
dargethan. Das Weitere mochte sich der Pater, der
seinen Meister kannte, selber denken, und das that
er auch.
, Die Baronin will behaupten, daß der Graf des
Papstes Gunst genieße!' sagte er.
,Der Bischof deutet mir das an!' versetzte Jener,
, und man wird ihn danach zu empfangen haben.
Mein Wagen soll ihm bis zum See entgegengehen.!
Theophilus hatte das Schachbrett und das Käst-
chen in der andern Ecke des Gemaches an den ge-
wohnten Platz gestellt, und noch während die Dunkel-
heit ihn halb verhüllte, sagte er:
,,Man hat nach den letzten Auffindungen in den
römischen Katakomben das Kloster der Franziskaner
hier über dem Walde mit zwei Reliquien bedacht. In
Zügen strömen jezt die Gläubigen zu den Franziskanern,

und spüren dort in der Andacht wundersame Hilfe.
Wir sind an solchen Gnadenmitteln arm. Eine Kapelle
am Ende eines Kalvarienberges zu errichten, zeigt die
Baronin sich geneigt, besonders da der Doktor ihr er-
klärt hat, daß sie in jedem Jahre hohe Bergluft auf-
zusuchen habe; und sie hat Vertrauen zu ihm ge-
faßt.?
Der Abt antwortete nicht darauf. ,Der bedeckte
Gang,! sagte er, ,den der Doktor an seinem Hause
angelegt, nimmt sich gut aus. Es ist auch zu be-
loben, daß er bei seinen Gästen eine kleine Taxe für
die Armen einführt, und es freut mich, daß er und
seine Mutter sich nicht undankbar erweisen; der Küchen-
meister rühmt, daß sie gefällig sind. Es ist ihr
eigener Vortheil, und klug war ja die Mutter immer.
Der Doktor hat jedoch zu lange in den Hörsälen der
deutschen Hochschulen verweilt.?
Er vollendete den Satz nicht, sie waren gewohnt,
der Abt und sein Vertrauter, sich auch mit halben
- Worten zu verstehen.
-' ,Der Doktor macht sich mehr als Noth thut mit
P; Benedikt zu schaffen, entgegnete der Pater, ,und
g,auch das Fräulein wendet Diesem um seiner Stimme
FHillsn vielAnheil z. Ich komme nie zu der Beronin,
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ohne daß die Tochter mir von seinem Singen spricht.
Sie kennt übrigens auch seine Herkunft, wie seiner
Mutter Schicksale, und schon zu verschiedenen Malen
habe ich sie oben vor Jakobäa's Hause angetroffen.
Sie sizt dort lesend oder zeichnend; sie hat Jakobäa
fogar dahin gebracht, mit ihr zu verkehren und sie
zu bewirthen. Selbst Jakobäa's Töchter hat sie heim-
gesucht, hat sie nach der Abendandacht, die sie um
Benediktus willen nie versäumt, bis zu dem Armen-
hause zurückgeleitet- und Benedikt ist nicht, wie
sonst, in sich gesammelt und mit sich im Frieden.
,Was will das sagen,! erkundigte sich der Abt,
der aufmerksam geworden war.
,,Er hat es neulich im Refektorium offen aus-
gesprochen, daß der Lobgesang auf Rom ihm die
Sehnsucht wachgerufen habe, eine Pilgerfahrt dorthin
zu machen, und noch darüber fort bis zu dem heiligen
Grabe hin. Er wandert wieder viel umher, er sucht
außerhalb des Klosters oie Einsamkeit. Er ist hastig
und zerstreut, daneben aber unermüdlich vor der
Orgel Gesang und Spiel studirend. Seine Eitelkeit
ist wieder aufgestachelt.??
Der Abt entgegnete ihm darauf Nichts, und erst
nach einer Weile sagte er: ,Jakobäa ht bis zu dieser
, =

Stunde über ihr Vermögen noch Nichts festgestellt,
und wir haben es erfahren, daß sie für Niemand zu-
gänglich ist, als für ihren Sohn. Ihn fortschicken,
wie man's könnte, würde nicht gerathen sein, so wenig

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als den Fremden eben jetzt zu nehmen, was sie ver-
missen und wonach sie fragen würden, oder den
Gästen, welche sie erwarten, die Erbauung und die
Freude durch den Gottesdienst in unserm Hause zu
verkürzen. Die Freude ist mittheilsam, ist geneigt zu
spenden; und dem kurzen Aufenthalt der Fremden, die
der erste Reif von dannen scheucht, folgt des Winters
Ruhe. Inzwischen muß man auf Benediktus achten.
Was man im nächsten Sommer über ihn beschließt,
wird zu erwägen sein.!
Der Abt hatte während der Unterredung den
Becher ganz geleert, draußen von dem Thurm der
Kirche schlug es neun. Durch die Stille des Klosters
hörte man, wie die Schüler aus den Arbeitssälen
nach den Schlafgemächern gingen, wie man die Thüren
überall verschloß.
Theophilus stand noch neben des Abtes Sessel
an dem Tische. Er wollte sprechen und zögerte doch
damit. Er hing an dem jungen Mönche mehr als
an irgend Jemand sonst, sein Seelenheil lag ihm am

Herzen. Er wünschte ihm zu helfen, ihn zu behüten
vor Gefahren, von denen seine ahnungsvolle Sorge
ihn bedroht sah; und doch ftand er an, ihn in einer
Weise zu verdäächtigen, die seinem Schüzling die Gunst
des Abtes entziehen könnte.
,Noch,- sagte er wie zu sich selbst, ,ist seine
Seele rein, sein Herz unangetastet, sein Gewissen ruhig
und von keiner Schuld beschnert!'?
Der Abt hatte sich erhoben, ohne des Paters
Worten zu begegnen. Er schellte dem Laienbruder,
der ihm vorzuleuchten hatte in das Schlafgemach, und
erst, als dieser schon unter der Thüre sichtbar wurde,
sagte er:,Gesser wäre ihm, daß er sich nicht in
sichrer Selbstverblendung gehen ließe; daß er sie kennen
lernte, die Versuchungen der Welt, nach der ihn immer
noch gelüstet. Daß er an sich erführe, wie dem
Schuldbeladenen zu Muthe ist, der bußfertig und be-
reuend zu des Erlösers Füßen liegt, und auf die
Welt verzichtend, nur nach der Gnade trachtet, um
seine Seele zu erretten. Sind doch der Heiligen viele
erst durch schwere Prüfung und Versuchung auf den
Weg des Lichtes gelangt! Selbstverachtung führt
sicherer zum Heile als Gefallen an sich selbst und an
dem eignen Thun-- und einzugreifen in die Hand

des Höchsten ziemt uns nicht! Er weiß, was er
Jedwedem schickt und was ihm frommt, auch wo wir's
nicht begreifen, und kleinmüthig verzagten Herzens
fürchten.
Der Abt verließ damit das Zimmer; der Pater
ging still von dannen, die langen einsamen Corridore
hinab nach seiner Zelle. Er hatte seinen Oberen nur
zu gut verstanden. Aber sein Geist war traurig, sein
Herz beschwert, und die Mitternacht fand ihn noch
wach auf seinem Lager, in Betrachtung und Gebet.