Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 05

FFünlies Cpitel

Prens Abwesenheit gefiel den Leuten nicht.
Man hatte sich, da man sonst so Weniges erlebte,
bereits daran gewöhnt, sie alltäglich auf ihrem bun-
geschmückten Maulthier vorüberreiten zu sehen, und
nach ihrem Kommen und Gehen auszuspähen. De
Frauen, die vor ihren Thüren arbeiteten, entbehrten
ihren munteren Zuruf, die Kinder sahen sich ver-
gebens nach der schönen Fremden um, die immer
Etwas für sie in der Tasche hatte, und sogar Jakobäa
betraf sich darauf, daß sie nach der Kirchthurmuhr
hinüberblickte in den Stunden, in welchen Viktorine
in dem Laufe der lezten Woche zu verschiedenen Malen
bei ihr vorgesprochen hatte.

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Es war durch den Verkehr mit Viktorinen eine
große Veränderung mit Jakobäa vorgegangen. Ihre
Leute merkten das vielleicht mehr noch als sie selbst
,,Es ist, wie wenn ihr die Augen wieder auf-
gegangen und ein Schloß ihr von dem Munde fort-
genommen wäre! sagte die Magd, die bei den An-
schafft's alt und grau geworden war.
Seit Jahren hatte Jakobäa nicht mehr daran
gedacht, Etwas für ihres Hauses Zier zu thun. Es
war ihr gleichgültig gewesen, wie es drinnen oder
draußen aussah. Nur die gute Gewöhnung, nur die
angeborene Liebe für ihr Erbe, und der ihr ebenso
fest innewohnende Trieb, das Bestehende nicht unter-
gehen zu lassen, hatten sie dazu vermocht, in un-
wandelbarer Ausdauer täglich ihre Schuldigkeit zu
thun, ohne eigenes Verlangen, ohne jede Lust und
Hoffnung. Jezt mit einem Male war das anders.
Sie hatte mit eigener Hand die lang verwahrten,
weißen Vorhänge rund um das Haus an allen Fenstern
aufgesteckt, und aus dem Schranke den seit Zeiten
und Zeiten nicht benutzten schönen Krug hervorgeholt,
um Viktorinen die Milch in demselben aufzutragen.
Der Knechl hatte die Bank unter den Bäumen mit
einem neuen Siz versehen, die Ranken an der Laube

in dem Gärtchen schneiden und an die Laiten binden
müssen. Das war Alles, wer weiß wie lange nicht
gethan worden, und auch an der schweren eisen-
beschlagenen Truhe, in der sie die alten Verschreibun-
gen und Papiere der Familie aufbewahrte, hatte man
sie nicht herumhandtieren sehen so wie jetzt.
Das mußte Etwas zu bedeuten haben, so gut
wie die Besuche von Pater Benedikt, der in den
Tagen immer mit seiner Klasse des Weges gegangrn
und stehen geblieben war, mit der Mutter zu ver-
kehren. Aber nicht nur mit seinen Schülern hatte er
die Siraße eingeschlagen, selbst früh am Morgen war
er wieder und wieder hinaufgekommen und hatte sich
mit seinem Buche hingesetzt auf die Bank am Brunnen,
und hatte dagesessen, das Brevier in Händen, ohne
es nur aufzumachen. Rasch wie in seinen Knaben-
jahren war er dann hinaufgestiegen in den Wald,
und auch dort oben hatte der Knecht ihn lesend an-
getroffen, als ob er das im Kloster nicht bequemen
haben konnte.-- Sie hätten es wissen mögen, was
er da oben wollte, waö er bei seiner Mutter jetzt mit
einem Male suchte.
Benediktus selber fragte sich das nicht, denn er
scheute die Antwort, die er sich darauf hätte geben
F. Lewald, Benevikt. l.

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müssen. Eine unüberwindliche Unruhe trieb ihn
; umher, Vorstellungen, die er nie gehalt, gaukelten in
verschwimmendem Wechsel vor seinen Augen, reizten
ihn auf, sie zu verfolgen, ihnen nachzudenken, auf
Mittel und Wege zu sinnen, wie er sie erreichen
könne.
Er wußte es nur zu gut! Viktorine hatte Recht
gehabt mit ihrem Ausspruche, daß für den Ent-
schlossenen Alles möglich sei, daß man Alles erreichen
könne, wenn man nur die rechten Mittel wähle, an
- - das vorgesteckte Ziel zu kommen. Auch aus diesem
- Thale, auch aus seinem Kloster war ja zu Ende des
. vorigen Jahrhunderts, als die Armeen Suwaroffs die
Schweiz durchzogen, einer der Mönche entflohen; und
s obschon man es in dem Kloster abzuleugnen trachtete,
E ging doch im Thale das Gerücht, daß jener flüchtig
F gewordene Pater Paulus in Rußland zu großen Ehren
F emporgestiegen sei, daß er ein Kriegsmannn geworden
ß sei, der zulezt als General hoch in seines Kaisers
F Gunst gestanden habe, und daß einmal die Kinder
F -des Generals gekommen wären, um seiner Erinnerung
F willen das Kloster zu besuchen. Was für den Pater
Paulus möglich gewesen, was einem Andern gelungen
? war, das konnte auch ihm gelingen und leicht gelingen,
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wenn ihm Vktorine hilfreich dazu ihre Hand bot.
Sie, die Einzige, die bis zu dieser Stunde Mitleid
mit ihm gefühlt hatte, mehr als die eigene Mutter;
die Einzige, deren Sinn nicht eingeengt war in dieser
Berge, dieser todten Steine Riesenmassen, die ihm
die Brust bedrückten, die ihn beängstigten selbst in
seinen Träumen, wenn sie zusammenrückend ihm den
Weg zur Flucht versperrten, oder zerschmetternd auf ihn
niederfielen, sobald er an Viktorinens Hand des Thales
Grenze überschritten zu haben glaubte.
Er konnte sich's nicht denken, wie er künftig in
dem Thale leben sollte, ohne sie. Er begrif nicht,
wie es werden würde, wenn er nicht mehr die Tage
und die Stunden zählen konnte bis zu ihrem nächsten
Wiedersehen?
Schwärmend und träumend war er an einem
Morgen wieder hingezogen zu dem Brunnen an seiner
Mutter Haus, zu der Stelle, an welcher Viktorine
zuletzt wie ein Engel der Verkündigung und Ver-
heißung vor ihm erschienen war.
Jakobäa sah ihn schon von ferne kommen. Die
Leute waren alle, wie um diese Stunde immer, bei
der Arbeit; sie war allein im Hause. Da er die
Treppe nicht emporstieg, trat sie zu ihm hinaus. Viel

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Reden war nie ihre Art gewesen, selbst nicht mit
Benedikt, und zu sagen hatten sie einander auch nie
viel gehabt, seit er im Kloster war.
Er bot ihr kurzweg , Guten Tag, sie gab ihm
- das ebenso kunz zurück, und blieb oben unter ihrem
Vordach stehen.
, Die Bank ist neu gemacht,? sagte Benediktus
endlich, weil die Mutter ihn so unverwandten Blickes
ansah, daß er merkte, sein Schweigen wundre sie.
,Die alte hielt nicht mehr!r gab sie ihm zur Ant-
wort. Er schöpfte den Becher voll, der an dem Brun-
nen hing und trank daraus.
,Das Wasser ist doch das frischeste rund um!'
bemerkte er.
,Das spricht das Fräüulein auch!? sagte die Mutter
z hastig.
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,Ist sie zurück? fragte der Sohn, während bei
dem bloßen Gedanken an Viktorine ihm das Blut
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- die Wangen färbte.
Die Mutter verneinte es. Sie wußte auch nicht,
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F? wannsie wiederkehren würde, und er wagte weiter
nicht, von ihr zu sprechen, aber Jakobäa that es. Sie
ß chatte nur darauf gewartet.
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,Ich sah es mit Verdruß, als sie zum ersten
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Male herkam,? sagte sie und brach dann ab. Er
fühlte, daß die Mutter Etwas auf dem Herzen hatte,
und er hätte gern erfahren, was es sei; fie wußten
sich aber Beide nicht zu helfen. Endlich trug der
Mutter Ungeduld den Sieg davon.
,. Komm hinein, es wird hier draußen heiß!r
sagte sie, obschon kein Strahl der Sonne durch das
dichte Laub der Bäume drang, und der Himmel sich
bewölkte. Er folgte ihrer Mahnung.
Wie er nun drinnen in dem großen kühlen
Raume saß, zog sie die Thüren des Hauses und der
Stube zu, und sah sich um, als müsse sie sich ganz
besonders überzeugen, daß sie Niemand höre. Dann
blieb sie ihm gegenüber stehen.
,Gerufen hätte ich Dich nicht,? sprach sie, , aber
Du bist von selbst gekommen und sie hat mir gesagt,
was ich ja gewußt habe von der ersten Stunde an,
und was mir auf dem Herzen gelegen hat seit dem
Tage, an dem Du Alles ersahren und hier gesessen
und die Augen von mir abgewendet hast.?
,Laß mich gehen, Mutter!'- fiel er ihr in's Wort,
,und laß das ruhen!
,,Nein,- sprach sie mit eiserner Bestimmtheit.
,Ich hab's in mir verschlossen alle die Jahre lang.

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? und kein Wort davon ist über meine Lippen gekom-
F- men. Einmal aber will ich's sagen.- Ich kann sie
nicht ansehen, sie und ihre schwarzen Röcke, wenn sie
F hier vorüberschleichen und schielen nach dem Hause
hinauf und gehen über meine Matten, als könnten
- sie die Stunde nicht erwarten, daß es ihre sein und
- ihre Kasten füllen und sie mästen wird. Und daß
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z Du es nun weißt! verschreiben thue ich's ihnen nicht,
ß so lange ich noch meine fünf Sinne klar zusammen
s habe. Für uns ist es gebaut, bei uns soll es auch
s
? bleiben!r

,Bei uns? wiederholte Benedikt mit Bitterkeit,
z , ich dächte Mutter, Du hättest gut dafür gesorgt--
Sie ließ ihn nicht zu Ende sprechen. , Wenn
es auf einen Menschen herniederfällt, er weiß nicht
?- wie, da hält er sich, woran er kann; da glaubt er
Alles, da thut er Alles, was man ihn ihun heißt,
F denn er kann sich nicht besinnen.!

- Und wieder hielt sie inne und sagte dann so

F leise, als fürchte sie den Ton der eigenen Stimme:
E ,Wäre sie damals hergekommen, sie oder ein Anderer,
der mehr von der Welt verstanden hätte als ich in
ß meizer erschlagenheit, und es häte mir Einer ge-
s sagt wie sie: ,was hast Du denn verbrochen? Du

hast Unglück gehabt und bist betrogen worden zum Er-
barmen. Mache gut an Deinen Kindern, was an
Dir gesündigt worden ist von ihrem Vater, denn sie
haben Niemand auf der Welt, als Dich allein, und
die Menschen werden ihnen den schlechten Vater um
der guten Mutter willen nicht gedenken.' Hätte mir
Einer das gesagt, ich hätte es verstanden und danach
gehandelt! Aber sie waren lüstern nach unserm Hab
und Gut, und mit meinen weinenden Augen habe ich
das nicht gesehen in meiner Angst, und habe es über
mich und Euch gebracht!?
Ihre Rede war fest, sie venzog keine Miene, aber
die Thränen liefen ihr über die Wangen. Sein Lebe-
lang hatte der Sohn sie also nicht gesehen, es wendete
ihm das Henz um in Erbarmen und in Mitleid.
Er hatte sie nie so sehr als seine Mutter, sich als
ihren Sohn, als Denjenigen empfunden, der berufen
war, ihr ein Stüzer zu sein in dem Schicksal, dem
sie unterlegen war.
,Laß es gut sein Mutter, und sei ruhig!'- tröstete
er sie. , Es klagt Dich Niemand an. Die Schwestern
sind ja freudig in der Arbeit, die ihr Theil geworden
ist und ich=-
, Eüge nicht!' rief die Mutter, noch ehe er vell-

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enden konnte. --- ,Ich weiß es Alles, sie hat es mir
gesagt.-- Du bist nicht ruhig, kannst es njemaGd
werden. Gott hat die wundersame Stimnße Did, in
die Brust gelegt, und wie die gefangene DSdssel zEg-
schellst Du Dir den Schädel an den Mauer; sn
denen sie Dich halten!? -- Sie stieß die Wdrte,
denen er es anhörte, daß sie ihr von Viktorinen kamen,s
mit Heftigkeit hervor, und sie erschreckten ihn, al
hätte er nicht, seit er die Fremde kannte, dad Gleiche
oft genng gedacht.
Die Mutter hatte seine Hand ergrifen und zeg
ihn hin bis zu der alten Truhe, die sie vor ihm auf-
schloß. ,Sieh!r sagte sie, scheu wie die Missethat
um sich blickend, , da liegt das Geld! Nimn's und
geh! -- Sie kennt Weg und Steg, sie hat Freunde
und hat Macht und Einfluß. Ich will Dir eilig
F folgen, und Beide wollen wir dann pilgernd hin-
s zehen und knieen, Du und ich an rechter Stelle. Tag
und Nacht wollen wir flehen vor Sankt Peters
Thron! Alles will ich daran sezen! Dpfek will ich
bringen, so viel man heischen mag, denn ich bin reicher-
als sie es vernzuthen. -- nur daß Du der Erbe dieses
Hauses wirst.r? -
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Sie nahm aus einem kleinen Schube eine Rolle
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Goldstücke hervor, sie ihm zu geben. Seine Blicke
flogen danach hin, seine Hand streckte sich mit raschem
Verlangen danach aus. Es war die Aussicht auf Be-
freiung, die ihn reizte, nicht der Besiz des Hauses
und das Erbe. Aber vor sich selbst erschreckend, ent-
fernte er sich von der Mutter. Denn jetzt, hier unter
diesem Dache, hier unter der Mutter hartem Blick
und Wort, trat plözlich die nackte Wirklichkeit an ihn
heran, und hob die gewaltige Hand auf gegen ihn
und gegen sein Verlangen, und gegen die Hoffnun-
gen, welche Viktorinens gauklerische Phantasie in ihm
entstehen machten.
Hier von eben dieser Stätte war dereinst sein
Vater durch sein Verbrechen fortgetrieben worden in
die Welt. Durch diese Thüre war seine Mutter fast
ein Menschenalter lang an jedem Tage früh und spät
hinausgeschritten, ihre büßende Andacht in der Kirche
zu verrichten. An diesem Tische hatte er gesessen,
nachdem er es erfahrxn, daß und weshalb ihn seine
Mutter mit einem heiljgen Eide der Kirche angelobt.
Und standen sie denn nicht mehr drüben, die Kirche
und des Klosters Mauern? Hatte er das Gelübde der
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Mutter nicht auf sich genommen, und es aus eignem
Entschlusse bekräftigt in der Stunde, in welcher er
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die Weihen empfangen, in welcher er geschworen hatte,
in Keuschheit, in Armuth und in Gehorsam der Welt
und ihren Freuden zu entsagen, um seines Vaters
Schuld zu sühnen und dem Herrn zu dienen für und
für?=- Was war denn über ihn gekommen?-- Ach!
er wußte es nur zu gut!-- Er schlug verzweifelnd
die Hände in einander; es stand schlimm um ihn und
um sein Heil!
Wie die rasch aufgestiegenen grauen Wolken
draußen - so düster und in so wildem Zuge jagten
die Gedanken durch sein Hirn. Er sah die Mutter
vor sich stehen und hörte doch daneben Viktorinens
verlockende Worte, und vernahm sie auch, die nicht zu
übertäubende Stimme seines Gewissens, die sich auf-
lehnte gegen die Mutter und gegen Viktorine, und
die niedergehalten wurde von jenem geheimen Ver-
langen, vor dem ihm schauderte, daß er ihm den
rechten Namen nicht zu geben wagte.
Der Mutter Auge folgte jeder seiner Bewegungen
und Mienen, sie näherte sich ihm und zog ihn mit starker
Hand zu sich zurück. ,Du zauderst?? fragte sie, in-
f dem sie ihm ihr Gold noch einmal darbot.
,Der Wahnsinn kommt über Dich und mich!?
rief er, ,laß ab von mir mit dieser Qual!'r
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,Du zauderst? wiederholte sie mit Bitterkeit
und von der wilden Gewalt des lang verhaltenen
Schmerzes hingerissen; sie stieß seine Hand von sich
und höhnte: , Bleib denn ihr Knecht, und trage ihre
Kutte und ihre Ketten bis an Dein Lebensende!r und
mit raschem Schlage den Deckel der Truhe zuwerfend,
sagte sie: , Ich wollte, das Wetter, das dort aufsteigt,
zerschmetterte das Haus und mich, ehe daß es ihnen
in die Hände fält!r'
,,Mutter! Mutter! warnte und flehte Benedikt.
,Es liegt schon Fluch genug auf diesem Hause!
, So geh' hinweg von seiner Schwelle! geh! und
sing' und bete mitten unter ihnen, die ihre habgierigen
Häinde heuchelnd falten, bis sie es an sich gerissen
haben werden, all unser Hab und Gut! Und kehre mir
nicht wieder, denn Du hast kein Herz, keine Ehre!
Du bist zu feig zu sühnen, was Dein Vater an mir
gesündigt hat! Nicht einmal es zu versuchen hast Du
Muth!- Muß es denn mit uns aus sein und mit
unserm Hause, so seis je eher, je besser! Geh! auf
Nimmerwiederkehrl?
Sie lachte laut auf wie im Irrsinne. Es fuhr
ihm kalt durch Mark und Bein. Wie die fahlen
Schwingen aufgeschreckten Nachtgevögels, verwirrend

H
und ungreifbar, schwirrte es durch seinen Sinn, daß
ihm davor graute.
,Auf Nimmerwiederkehr!r sprach er ihr tonlos
nach, und sie fliehend, um sich vor sich selbst zu retten,
eilte er von dannen.