Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 06

Hechsies Cnpiiel.

I Pater Theophilus' Brust schlug ein mildes,
weiches Herz. Er liebte Benedikt wie sein leiblich
Kind, und härmte sich um der Versuchung willen, der
er ihn ausgesetzt und um den Kampf, in welchen er
ihn verwickelt wußte.
Als er sich vor jenen langen Jahren Jakobäa's
angenommen hatte, war es ihm nur um sie und um
ihr Heil zu thun gewesen, wo des Abtes weitblickende
Klugheit gleich im ersten Augenblicke die Vortheile
erwogen hatte, welche das Mißgeschick der Rathsuchen-
den dem Kloster bringen konnte, wenn man es richtig
zu benuzen wußte; und Jakobäens und ihrer Kinder
Heil und Frieden lagen dem greisen Pater auch noch
jezt am Herzen, wenn schon er seines Oberen Zwecken
diente.

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Er selber hatte keine Angehörigen mehr. Das
Kloster war seine Heimath, die Brüderschaft seine
Familie geworden, wie der Doktor es Viktorinen zu-
treffend genuug bezeichnet hatte. Aber der unabweis-
liche Trieb der menschlichen Natur nach irgend einem
Wesen, dem er seine liebende Sorge, seine Pflege an-
gedeihen lassen konnte, jenes Verlangen, das dem Ein-
samen die Spinne werth macht, welche sich an das
Fenster seines Zimmers heftet, war in des Mönches
sanfter Seele darum nicht erloschen, und seine ganze
Zärtlichkeit hatte sich Benediktus zugewendet. Seine
Gebete galten ihm, seine Gedanken folgten ihm, seine
Liebe wachte über ihn. Er hatte es deshalb mit
Genugthuung vernommen, daß Viktorine für einige
Tage das Thal verlassen hatte, denn er hoffte, ihre
Abwesenheit solle Benediktus heilsam werden und ihm
Ruhe gönnen. Der Jüngling aber war von Ruhe
weit entfernt.
Wie ein Sturmstoß den Ast vom Baume, so
hatte der Mutter ungemessene Leidenschaft ihn hin-
-weggetrieben von der Schwelle seines Vaterhauses.
-Er war gegangen, er wußte nicht wohin. Keines
festen Gedankens, keiner klaren Vorstellung mächtig,
war er vorwärts geeilt, nicht achtend des schweren
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Wetters, das emporstieg, nicht achtend des stärker und
stärker werdenden Sturmes, mit dem das finstere
Gewölk, das Licht verschattend, in das Thal einzeg.
Schon waren der Berge Gipfel nicht mehr sichtbar,
schon hörte sich's wie ferner Donner in der Luft; die
Vögel suchten ängstlich gegen den Wind ankämpfend
ihre Nester. Von dem breiten Fahrwege, der das
ganze Thal durchzog, wirbelte hoch der Staub empor.
Ein fahler Sonnenstrahl, der durch die Wolken nieder-
fiel, durchleuchtete ihn einen Augenblick, dann ward
es wieder dunkel, und nur der weiße Gischt erglänzte
noch auf den finstern Wellen des Bergwassers, daö
durch das zitternde Gras der Wiesen rauschte. Mt
grellem Streiflicht zuckte ein Bliz vorüber. Den Laut
deö Donnerö verschlang das Heulen des Sturmes.
Er beugte die Wipfel der Bäume, daß die Aeste
knarrend stöhnten. Hier flog zwischen den Blättern,
die er vor sich hertrieb, ein Zweig, dort ein anderer
zu Boden. Ein neuer heftiger Sturmstoß, ein flam-
mender Bliz, ein Donner, der von den Bergen wieder-
hallte, daß alle Kreatur davor erbebte- und in
prasselnden Strömen fiel schallend der Regen vom
Himmel auf die Erde nieder.
F. Lewald, Benedikt. l.

Benedikt hatte den Aufruhr in den Elementen
kaum empfunden. Mit festem Schritte war er an-
gegangen gegen den brausenden Wind; es hatte ihm
wohlgethan, einen äußeren Widerstand zu besiegen,
weil er des inneren nicht Herr zu werden vermochte.
Ohne sich zu fragen, wohin er wolle, war er, von
seiner Unruhe getrieben, fort und fortgegangen, bis er
aufathmend sich auf der Klostermatte wiederfand. Ein
unbewußtes Verlangen hatte ihn hingezogen nach der
Stätte, an welcher er sie zuerst allein getrofen, nach
dem Platze, an dem sie ihm wieder zu begegnen ver-
heißen hatte.
Er wußte, daß sie nicht da sein konnte, und sein
uge suchte sie doch! Er wußte, daß er sie liebte --
leidenschaftlich liebte, -- er, der gottgeweihte Mönch,
für den es Meineid war, an sie zu denken! Und doch
fühlte er sich versucht, nach ihr zu rufen, nur um den
Namen auszusprechen, in dem für ihn sich alles Glück
und alles Leid zusammendrängte; aber er preßte den
Laut in seine Brust zurück. Er fürchtete, sie werde
ihm erscheinen: ein Truggebild, sie und doch nicht sie,
die Verlockung zu vollenden, die wie mit einem Zauber
ihn befangen hatte seit der Stunde, in welcher sie
ihm den Sinn umstrickt mit ihrem Singen, und

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ihm den Blick eröffnet hatte in die Welt, in der
sie lebte.
Er lehnte wieder unter dem Baume, an welchem
er dazumal gestanden. Drüben, jenseit der Thal-
schlucht lag sein Vaterhaus, zur Rechten stiegen die
Mauern und Thürme des Klosters in die Höhe; aber
der dichte Regen und die tief im Thale ziehenden
Wolken verschleierten die Einen wie das Andere, daß;
er es sah, als wäre er weit davon entfernt, als zueg-
ten die Wasser eines Meeres zwischen ihm und jenen
Stätten, als schwellten und stiegen sie um ihn emper,
in neuer Sündfluth ihn und alles Erschaffene zu ver-
schlingen, um ein Ende zu machen dem Kampfe und
den Qualen, denen er sich nicht gewachsen fühlte.
Wie ein Schwert war die Erkenntniß, daß er in
Liebe für ein Weib entbrannt sei, durch seine Seele
gefahren und hatte sie in sich zerspalten, daß sein
Wünschen und Begehren sich wie Feinde erhoben gegen
seinen Eid, und sich nicht beugen wollten vor dem
Ruf des eigenen Gewissens. Er wollte sich besiegen
und streckte sehnend die Arme aus nach ihr, die all
das Unheil über ihn gebracht, die auch seine Mutter
aus ihrem schwer errungenen Frieden aufgescheucht, die

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ihr das Herz verwandelt hatte wie ihm; ver-
wandelt, wie der Freund es warnend ihm vor-
ausgesagt --- daß keine Macht den Zauber lösen
konnte, der ihn gefangen hielt und an sie band; daß
Nichts ihm übrig blieb, daß er verloren war, verloren
hier und dort in alle Ewigkeit!
Die Gewalt des Wetters hatte sich ausgetobt, der
Regen fiel allmälig still und dicht hernieder. So
weit sein Auge reichte, war kein Mensch zu sehen.
Frei war er in diesem Augenblicke! Wenn er diese
Gelegenheit benuzte, zu entfliehen, wenn er diese
Stunden benuzte, dad Thal zu verlassen, so war ein
weiter Vorsprung für ihn möglich, und Beistand zu
finden durfte er gewiß sein, wenn er dem Dringen
- der Mutter, der Weisung Viktorinens nachgab. In
dieser Stunde, vielleicht in keiner anderen jemals
wieder, hatte er sein Schicksal in der Hand.
Er brauchte nur zu wollen, und er konnte er-
reichen, was ihn in seinen Knabenträumen so gereizt.
Die Welt lag vor ihm ofen, wenn er die Kraft, den
Muth besaß, sich jeyt in sie zu stünzen.
Den Muth! Die Kraft!
Er hielt mit einemmale inne. Den Muth, mit
allen seinen Kräften nach Befriedigung seiner Be-

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gierden zu ringen, den besaß jedweder rohe Mensch,
den besaß sogar das wilde Thier!-
Aber war das die Kraft, nach der er getrachtet
hatte, als nach seinem höchsten Ziele? Der Muth der
irdischen Selbstsucht, was hatte der gemein mit jener
Kraft und jenem Muthe all der Tausende von Män-
nern und Frauen, die, der Welt und ihrem lrügeri-
schen Schein entsagend, auf all ihr menschlich Wollen
und Begehren verzichtet hatten, dem Heilande nachzu-
folgen und ihm ähnlich zu werden, dem Gottessohne,
dessen Bild sich hier vor ihm erhob?
Er schlug sein verdüstert Auge scheu empor zu
dem Kreuze, das inmitten der Klostermaue aufgerichtet
stand. Wie oft hatte er vor demselben geknieet, ein
Knabe noch, als sein ungezähmter Sinn sich wider-
willig aufgelehnt gegen den Gedanken, daö Ordens-
kleid zu tragen! Wie viele Stunden hatte er sich hier
versenkt in Betrachtung und Anbetung des Lebens und
des Beispiels dessen, der es der Menschheit kund ge-
than, wie sie zu leben habe, um sich emporzurichten
aus der Finsterniß zum Licht, aus der Erde Schlamm
in reinere Regionen. Hier an dieser Stelle hatte er
geknieet auch an dem Abende des Tages, an welchem
er die Weihen empfangen, und hatte freudigen Herzens

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die Eide wiederholt, die er gläubiger Neberzeugung
voll, am Altar ausgesprochen, in Keuschheit, in Armuth
und in Gehorsam zu verharren bis zu seinem letzten
Athemzuge, um ein würdiger Verkünder zu sein der
höchsten Gedanken, deren die Menschenseele fähig ist,
und deren sie nöthig hat, um nicht herahzusinken zu
dem Thier: die Selbstverleugnung und die Nchsten-
liebe.
Er fiel auf seine Kniee, und als hätte ein
Gnadenschaz sich angesammelt hier an dieser Stelle, so
erweichte sich sein Schmerz. Der feste Glaube, der
ihn hier so oft erhoben, die fromme Zuversicht und
Rührung früherer Tage, sie dämmerten wieder in ihm
auf. Sie leuchteten ihm hell und heller in das
Dunkel seines Kampfes, und träufelten milde, be-
seligende Wehmuth in sein Herz.
Er preßte seine heiße Stirne gegen das Kreuz, er
rief in flehender Angst zu ihm empor, der aller Ver-
suchung und Verlockung widerstanden, der gerungen
und gekämpft hatte als des Menschen Sohn, der wie
ein Mensch geschaudert hatte vor der Bitterkeit des
Schmerzes und des Todes, und der dennoch über-
wunden hatte in Glauben und im Vertrauen, und
hingegangen war, den Kreuzestod zu leiden -- er, der

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Sündenfreie! Der auf sein schuldlos Haupt gendm-
men die ganze Sündenlast der Menschheit, die vor
;Mxf - -- ---
Mit beiden Armen klammerte er sich an das
Kreuz.- Er konnte wieder beten: für sich, für seine
Mutter, und auch für sie! Er konnte beten, und er
konnte weinen. -
Es war schon gegen den Mittag hin, als er end-
lich durch das Thor des Klosters einging. Man
hatte ihn vermißt, und fast gefürchtet, daß ihm ein
Unfall bei dem schweren Wetter zugestoßen wäre.
Seine Erschöpfung fiel nicht auf, sie war nur zu er-
klllrlich, und man sah ihn ruhig nach seiner Zelle
gehen. Nur Pater Thevphilus folgte ihm dorthin,
des Greises Auge war so wenig wie sein Henz zu
täuschen.
Er fragte, was geschehen sei.
Statt der Antwort warf sich Benodikt in seine
Arme; der Greis hielt ihn an seinem Herzen fest.
Er drang nicht mehr in ihn, da Jener schwieg. Er
kannte seinen Schüler und wußte, wie er ihn zu
nehmen hatte.
Benedikt hatte sich von ihm les gemacht und war


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