Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 07

Früh am andern Morgen knieete, als die Früh-
mette gesungen war, der Jüngling vor dem Beicht-
stuhl, in welchem Pater Theophilus Beichte hörte.
Das Gewitter des vergangenen Tages hatte die
Natur erfrischt, die Kirchenthüren standen offen, der
Morgenluft den Einzug zu gestatten. Die Sonne
schien warm hinein. Sie beleuchtete die Weihrauchs-
wölkchen, welche von der Frühmette her noch durch
des Chores Gewölbe zogen. Eine verirrte Schwalbe
schoß unter dem hohen Dome hin und wieder, ängst-
lich den Ausgang suchend, während die geöffneten
Thüren ihr doch denselben boten. Sonst regte sich
in der Kirche Nichts. Nur den schweren Pendelschlag
der Thurmuhr vernahm man in der tiefen Stille.

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Benedikt hatte seinem Beichtiger das tiefste Innere
seines Herzens bloß gelegt. Er hatte Nichts zurück-
behalten, Nichts beschönigt. Wie er in den bangen
Stunden dieser Nacht unerbittlich die lezte Falte seines
Herzens vor sich selbst enthüllt, so sprach er jezt vor
seinem Beichtiger all sein Irren und sein Fehlen, sein
sündhaft Wünschen und sein frevelnd Hoffen aus.
s -Ze-===-Fe« F=- Er öerichtete, wie Viktorinend Herantreten ihn
?
überrascht, wie ihr Gesang ihm Leib und Seele auf-
geregt. Er klagte sich an, daß er sein erstes einsames
Begegnen mit ihr geflissentlich verschwiegen, daß des
Doktors wohlgemeinte Mahnung ihn nur noch leb-
hafter gereizt habe, die Sängerin wiederzusehen. Er
gestand, wie er sich absichtlich betrogen, wie bei aller
Begeisterung, welche er für die Kunst empfinde, es
nicht die Liebe zur Musik allein gewesen sei, die ihn
die Fremde suchen machen, sondern die Leidenschaft
der Liebe für sie selbst, in ihrer ganzen verzehrenden
Gewalt.
Er schilderte dem Greise, wie Viktorine ihm von
einem Leben in der Welt und in der Kunst gesprochen
habe, bei welchem ihm der Erdenfreuden und der Be-
wunderung reiches Maßß nicht fehlen könne; wie sie
ihn auf die Möglichkeit verwiesen, durch des höchsten

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Priesters Gnade seiner Eidespflicht enthoben, und
zur Rüückkehr in die Welt, zur freien Hingebung an
die Kunst ermächtigt zu werden. Selbst daß sie seiner
Mutter das gleiche Ziel als ein für ihn erreichbares
bezeichnet, und daß die eigene Mutter mit flehender
Bitte in ihn gedrungen habe, das Wagniß zu bestehen,
um dann als ihres Hauses Erbe sein Geschlecht einst
fortzupflanzen, selbst das enthielt er seinem Beichtiger
nicht vor.
Aber seine Stimme bebte, seine bleichen Wangen
röthete die Scham, als er diese Worte über seine
Lippen gehen ließ, und obschon er deö Sprechend
ebenso gewohnt, als des Ausdrucks mächtig war, ver-
stummte ihm der Mund. Erst des Paterö Frage, was
er erwidert und gethan habe auf der Mutter Vor-
schlag, rief ihn aus seiner Versunkenheit empor.
,Wie des Irrlichts Flamme, die in die Tiefe
lockt, aus der kein Wiederkehren ist,? sprach er, »le
erglänzte und lockte das Gold vor meinen Augen. Es
war der Schlüssel zu dem Glück der Welt. Eine
höllische Versuchung stellte mir in Bildern, die ich
nie erschaut, ihre Freuden in hellstem Lichte vor, und
es war der eignen Mutter Hand, die es mir bot, es
war meine Mutter, die in mich drang, zu fliehen und

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des Lebens zu genießen in der Welt, in welcher =-e
Er hielt inne und preßte die gefalteten Hände
gegen seine Stirn.
Theophilus erbarmte seiner, doch schonen durfte
er ihn nicht. ,Vollende!' mahnte er, ,und sprich es
aus, was Du zu denken nicht gescheut hast. Was
war das lezte Ziel, nach dem Du strebtest in der
WeltF
,Gönne mir's, mein Vater, daß mein Mund sie
nicht mehr nenne !'r bat der Jüngling kaum vernehm-
bar, und auf seine inbrünstig gefalteten Hände fielen
ein paar heiße schwere Thränentropfen nieder.
Der Pater ließ ihm eine kleine Rast.
, Und was hielt Dich zurück? fragte er danach.
,,Nicht meine Kraft, mein Vater!r bekannte Bene-
dikt. ,Mir wallte das Herz auf in sündiger Begier.
Ich streckte die Hand aus, ich war entschlossen, ob-
schon ich wußte, was ich damit that. Da- - wie
soll ich's nennen, was mich plözlich hielt und bannte?
Und noch einmal stockte ihm das Wort, daß Theophilus
ihn zu sprechen mahnen mußte.
,Ich dachte nicht an Gott, nicht an den Heiland,
nicht an mich und meiner Seele Heil, nicht an die
Verdammniß, der ich mich überliefern wollte. Es

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war kein heiliger Gedanke, der mich zaudern machte.
Eine weltliche Rücksicht war es ganz allein. Ich fühlte
ein Mitleid, ein Erbarmen mit der Mutter. Ich sah
ihr verstörtes Angesicht, das zornige Feuer ihres
Blickes, und ich sagte mir: des eidbrüchigen Mannes
unglückseliges Weib soll nicht die Mutter eines Sohnes
sein, der seinen Eid gebrochen hat!- Sie soll sich
vor den Menschen des Sohnes nicht zu schämen haben
wie des Gatten, nicht zu büßen haben auch für mich!
Besser, daß ihr Zorn sich auf mich richtet, als daß
der Heiland sein Antliz wenden muß von ihr, auf
der des Unheils und des Fluches genug schon
lastet!?
,Hast Du ihr das ausgesprochen? fragte Theo-
philus, dem ungesehen die Augen übergingen, daß er
sie trocknen mußte mit der Hand.
Benediktus verneinte es. ,Ich war mit meiner
Kraft zu Ende, die Versuchung war zu groß, ich
konnte Nichts als fliehen !'- und von der Gewalt
seiner unterdrückten Leidenschaft rasch und rascher vor-
wärts getrieben, sprach er dem Beichtiger von dem
Widerstreben jeines Sinnes, von der Auflehnung seines
irdischen Menschen gegen das Begehren, sich aus der
sündigen Verirrung emporzurichten und seine Seele

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zu erheben zu dem Herrn und Heiland in freudiger
Entsagung. -
, Hilf mir dazu, mein Vater!' flehte er, , hilf
mir, daß ich nicht erliege unter dem Sturm der Sinne,
der mich verwirrt, daß ich Nichts sehen und denken
kann, als sie - als sie allein!?
Er brach zusammen, in seinem Schmerz ver-
stummend. Der Pater störte ihn nicht, er ließ ihm
sich zu sammeln Zeit, und er hatte auch mit sich selbst
zu Rathe zu gehen. Er war katholischer Christ aus
tiefster, treuster Neberzeugung; er hatte das Ordens-
kleid als das höchste Ehrenzeichen angelegt, nach dem
sein frommes Herz getrachtet, und nie ein anderes
Ziel gekannt, als in Gottesfurcht und Menschenliebe
sein Dasein in des Klosters heiliger Abgeschiedenheit
zu verbringen, bis des Herrn Wille ihn dereinst rufen
würde, um ihn gnädig einzuführen in die Gefilde
einer besseren Welt, hin zu des Paradieses heiligen
Pforten. Sein ganzes irdisches Wünschen hatte sich
auf Benedikt bezogen. Ihn hatte er fortschreiten zu
sehen gewünscht in Wissenschaft und Kunst, für ihn
hatte er ehrgeizige Hofnungen gehegt Er war stolz
gewesen auf des Jünglings mächtige Stimme, und
was er sich bisher nicht eingestanden hatte, selbst auf
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des jungen Mannes stattliche Gestalt und Schönheit.
Er empfand dies jetzt mit schwerer Reue, als er in
das bleiche, schmerzzerrissene Antliz schaute, das zu ihmn
emporsah. Auch er hatte gefehlt, auch er hatte sich
anzuklagen. Weil du an einen sterblichen Menschen,
so sagte er sich, dein Herz gehängt, mehr als dir
heilsam war, trifft dich des Herrn Hand in diesem
Gegenstande deiner Erdensorgen, und dir geziemt's, mit
ihm zu büßen seine Schuld, ihm tragen zu helfen,
was ihm auferlegt ist, auch um deiner eigenen Sün-
den willen!
Hätte er seiner Einsicht folgen, nach seinem Er-
messen handeln dürfen, so würde er Benediktus mit
irgend einem Auftrage, der angestrengte Arbeit erheischte,
weit weg entsendet haben in ein fernes Land; abeu
des Abtes Wille hatte anders über ihn bestimmt und
Theophilus hatte sich vor dem Willen seiner Oberen
in Gehorsam zu bescheiden.
Sein unbeirrtes, kindliches Vertrauen in die gött-
liche Vorsehung kam ihm dabei zu Hülfe. Es gab
ihm die Festigkeit, deren er zum Troste für sich und
Benedikt bedurfte. Der Abt hatte es ausgesprochen,
daß es dem Menschen nicht zustehe, in des Höchsten
Fügung vermessen einzugreifen. Wer durfte Bene-
F. Lewald, Benedikt. 1.

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diktus also zu schützen trachten, wenn des Höchsten
Weisheit es beschlossen hatte, ihn in Versuchung fallen
zu lassen, damit er ringen und kämpfen und sich be-
jiegen lerne?=- Und wieder tauchten die Vorliebe und
das ehrgeizige Hoffen für den Sündigen, ohne daß er
sich dessen bewußt ward, in dem frommen Greise auf.
Sie waren ja Alle viel geprüft worden, und schwer
versucht, und hatten unterlegen und sich erst in heißen
Kämpfen zu befreien trachten müssen, die. heiligen
Märtyrer, die Blutzeugen und Nothhelfer, um deren
selige Häupter jezt der Glorienschein erglänzte. So
mußte denn auch Benediktus sich unterwerfen, sich dem
Rathschluß Gottes unterwerfen, und sich zu erretten
suchen durch Kasteiung seines Fleisches, durch Er-
hebung seines Geistes; an Theophilus aber war es,
ihm beizustehen, ihn zu ausharrendem Neberwinden zu
ermahnen.
Mit beredtem Worte sprach er dem Zerknirschten
zu. Was ihm selber wie eine Erleuchtung in der
Nacht der Trübsal gekommen war, das goß er ernst
und doch erbarmungsvoll dem Schmerzzerrissenen in
das Herz.
,Seit Du die Hände zu falten vermochtest und
Deine Lippen die Worte stammeln konnten,? sagte er,

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, hat man Dich angehalten, das Gebet zu sprechen, das
der Heiland uns gelehrt. Früh und spät hast Du
mit seinen Worten zu dem Herrn gefleht: Führe uns
nicht in Versuchung! Und da die Versuchung nuu
an Dich herantritt, da der Allweise sie Dir in Deinen
Weg stellt, damit Du Dir bewußt würdest Deiner
Unzulänglichkeit, und angetrieben Dich um so in-
brünstiger zu ihm zu wenden, von dem allein uns
Heil und Hilfe kommt, jezt denkst Du sie nicht zu be-
stehen die Prüfung, die der Herr Dir zuerkennt?
Jezt denkst Du feig zurückzuschrecken vor der Arbeit
an Dir selbst, die Dein zugewiesen Thell ist?-- Ist
das der Glaube an die Vorsehung? Ist das die Nach-
folge des Heilandes, der sein Kreuz auf sich genommen
hat, und zu dem Du Dich bekannt hast?
Benediktus neigte das Haupt hernieder. , Es ist
in der Ereatur,! fuhr der Greis mit wachsender
Strenge fort zu ihm zu sprechen, ,daß ihre Verzagt-
heit widerspenstig vor dem Leidenmüssen schaudert.
Auch der Heiland, so lange die Menschlichkeit ihn noch
umhüllte, hat sich niedergeworfen auf seine Kniee und
hat emporgeschrieen zum Vater: Herr! ist's möglich,
so gehe dieser Kelch an mir vorüber!- und da der
Erdenleib ihn bannte in den irdischen Schmerz, ist er


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verzagt und hat in seinem Zweifel aufgestöhnt: Gott!
mein Gott! warum hast Du mich verlassen? =- Aber
er hat das Erdenleben überwunden und den Tod, und
ist eingegangen in das ewige Leben, aus dem er
niederbickt auf einen Jeden, und sich wendet zu einem
Jeden, der in der Versuchung Angst und Noth das
Auge und das Herz zu ihm erhebt. Und Du wolltest
feige fliehen, da Dein Erlöser mit Dir ist? Das sei
ferne von dem, der ihn erkannt hat und sein Ge-
löbniß abgelegt auf ihn.?
Er faltete die greisen Hände zu schweigendem
Gebet. Die Stille wirkte auf Benediktus noch ge-
waltiger als des frommen Paters Mahnung. Wie
hatten sie ihn sonst entzückt, der frische Lufthauch, der
so leise durch die Kirche zeg, das Sonnenlicht, das
durch die Fenster leuchtete! -- Jezt aber kühlte der
Lufthauch seine heiße Stirn nicht, das Sonnenlichter-
freute ihn nicht mehr, es lockte ihn nicht hinaus in
die Natur, die Gott erschaffen. Er hätte sich verber-
gen mögen in der Klostermauern engste Zelle, gefesselt
hätte er sein mögen, um nur seines freien Willens
ledig zu sein, um sie nicht suchen zu können, ihr nicht
mnehr begegnen zu können, auf die alle seine Gedanken
hingewendet waren im Wachen und im Traum.

,Was hast Du über mich beschlossen? Was solk
ich thun, mein Vater?! fragte er endlich bang be-
klommen.
,Des Tages Arbeit so wie immer!'r gab der
Greis zur Antwort.
Benediktus zuckte vor dem einfachen Gebot zu-
sammen. Der Greis bemerkte es, und er wußte, was
der Andere erwartet hatte; aber es stand nicht bei
ihm, dem Jünglinge die Art von Buße aufzuerlegen,
nach welcher es dem Schwankenden verlangte.
,Deine Tagesarbeit, wiederholte Theophilus,
, muß von Dir gewissenhaft geleistet werden, damit
im Kloster Niemand durch Dich Aergerniß empfange,
damit Niemand aus der Schülerzahl irre werde an
dem Beispiel eines unserer Brüder, der ihnen zum
Lehrer und zum Vorbild dienen soll. Arbeiten sollst
Du vor der Menschen Augen, und knieen vor dem
Herrn in Fasten und Gebet, daß er, der Dir die Ver-
suchung auferlegt, Dir die Kraft verleihe, ihr zu wider-
stehen; daß er Dich stärke und Dich rüste mit des
Wortes Macht, auch die Mutter, die Dich geboren
hat, zurückzuführen von dem Wege des Verderbens,
auf den sie hingerathen ist, damit nicht untergehe in

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Verdammniß sie und ihr ganzes in Sünde und Ver-
brechen geborenes Geschlecht!'?=-
Er legte ihm dann die Art der Fasten, die Art
und Zahl der geistigen Nebungen auf, denen Benedikt
sich unterziehen sollte, er sprach den herkömmlichen
Segen über ihn, und verließ den Beichtstuhl und die
Kirche.
Benediktus aber lag noch da in Reue und Zer-
knirschung ganz allein. Erst als die Glocke zum
Gottesdienst der Schüler rief, erhob er sich, und müde
und langsam wie Einer, der eine schwere Bürde trägt,
ging er, wohin die Pflicht ihn rief - heiligen Willens
voll, aber erbangend vor dem Kampfe, den er kämpfen
foilte, und vor dem langen Leben, das noch vor
ihm lag.