Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 08

Jchies
Cnpitel

Porine hatte ihre Anverwandten wohlauf an-
getroffen. Die Begegnung mit ihnen, die gemeinsame
Reise waren ein ununterbrochener Genuß für sie ge-
wesen, und die Neuangekommenen in dem Thale
herumzuführen, in welchem sie seit Wochen heimisch
geworden, war ihr der Gipfel des Vergnügens.
Der Vetter und der Oheim, die mitgekommen
waren, versicherten, daß die Baronin und Viktorine nie
besser ausgesehen hätien, als eben jetzt; die Cousine
fand das Reitkleid, das Jene sich für das Gebirge
ausgesonnen und nach dem Bedürfniß zurecht gemacht,
viel schöner als die sämmtlichen Anzüge, welche sie
daheim und unterweges in den ersten Magazinen an-
getroffen hatte. Die Baronin merkte es erst in dem
Beisammensein mit einer größeren Anzahl von Per-

u
sonen, daß ihre Kräfte in unerwarteter Weise zuge-
nommen hatten. Der Doktor wurde mit Anerkennung
überhäuft, das freundliche Haus belobt, die Kost mit
der Eßlust von Bergsteigern genossen. Es war gerade
wie bei der Ankunft der Baronin, nur daß man sich
nicht der phantastischen Freigebigkeit befleißigte, die
Viktorine an den Tag gelegt hatte; und die Gäste wie
die Wirthe waren voll Zufriedenheit, beseelt von bester
Laune.
Am Nachmittage des zweiten Tages regnete es
ein wenig. Die beiden älteren Frauen plauderten am
Kaffeetisch, die Männer spielten Karten, Viktorine
hatte sich mit der Cousine in ihrer Gallerie niederge-
lassen. Sie wollte den Hut derselben nach ihrer Er-
findung aufstutzen, und die kleine lockige Nanette sah
mit Staunen und Vergnügen, wie ihr das Vorhaben
gelang.
,Es ist unglaublich,? sagte sie, indem sie vor
Viktorine niederknieend, die Schleife betrachtete, welche
diese eben an der linken Seite des Kopfes so geschickt
befestigt hatte, daß sie den Rand des Schirmes hob,
die Feder fest hielt, und den breiten Bändern doch alle
Freiheit ließ, flatternd die Schultern zu umspielen,
,es ist unglaublich, wie Du das Alles anzufassen,

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Alles nach Deinem Sinn zu machen weißt! Dir
glückt wirklich Alles, was Du in die Hand nimmft!?
Viktorine ließ sich nicht in ihrer Arbelt stören.
Sie wußte, daß sie das Jdeal Nanettens war, daß
der Kleinen höchster Ehrgeiz dahin ging, es ihr we-
möglich nachzuthun, bewundert und gefeiert zu werden
wie sie, und das machte ihr das Mädchen lieb. Sie
hielt den Hut prüfcnd in die Höhe, besah ihn von
vorne, und meinte dann: ,Das ist angeborenes Ge-
schick und freilich auch ein wenig künstlerische Bildung.
Indeß diese sich anzueignen, muß eben eine Anlage
dazu vorhanden sein, und zuletzt kommt's immer und
überall auf die tiefsinnige Weisheit der Meerkazen im
Faust hinaus:
Und wenn es glückt
Und wenn es sich schickt,
So siud es Gedanken!
Damnit Du aber siehst, daß ich wirklich geistreiche
Einfälle habe, werde ich Dir hier oben nech, als
Krönung des Gebäudes, die Spielhahnfeder hinstecken,
die Du unterwegs gekauft hast.
Nanette fand das entzückend, Viktorine nestelte
und heftete eifig an den Bändern, an dem Schleier,
und ließ es dabei geschehen, daß die Cousine in der

:
Gallerie hin und wiedergehend, sich die Zeichnungen,
die Bücher, die Noten, die Pflanzen und die mannig-
fachen Gegenstände ansah, die auf den Tischen ausge-
breitet waren.
, Wenn man sich das Alles so betrachtet,? meinte
das junge Mädchen, ,dann begreift man es freilich,
wie Du es hier in diesen Wochen auch ohne jegliche
Gesellschaft ausgehalten hast. Ich hatte Dich wirklich
beklagt, weil Du so lange in dieser Weltabgeschieden-
heit verweilen mußtest.
,Du kennst die Gesellschaft nicht so auswendig
als ich!' warf Viktorine hin, und versuchte es, noch
eine Stahlschnalle an dem Hute anzubringen.
,Die Gesellschaft, in der man täglich lebt, kennt
im Grunde Jeder von uns zur Genüge, sagte Na-
nette, die doch eine verhältnißmäßige Erfahrenheit kund
zu geben wünschte, ,aber eben weil man der gewohn-
ten Gesellschaft, der gewohnten Umgebung müde ist,
geht man ja auf Reisen.?
Viktorine lächelte.,Der holde Schaz! Er geht
noch auf Reisen, um neue Eindrücke zu empfangen,
geistreiche Bekanntschaft zu machen! Auf Eisenbahnen,
in Dampfschifen! wo der Eine wie der Andere seinen
Bäädeker und Murray in der Hand hält, wo Niemand

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mehr weiß, als er gedruckt vor Augen hat, und Keiner
an etwas Anderes denkt, als an sein Gepäck und an
sein Unterkommen in dem nächsten Nachtquartier!'
, Man bleibt aber doch nicht immer in der Eisen-
bahn. Man lebt in fremden Ländern, unter fremden
Menschen, man trifft doch bisweilen wirklich geistreiche
Männer an !=- wendete Nanette ein.
,,Geistreiche Männer,'' wiederholte Jene mit leich-
tem Spotte, ,geistreiche Männer, denen wir und unsere
Schönheit neu sind, die sich überrascht von ihr, die
sich hingerissen von uns zeigen, deren Huldigungen
wir noch nicht empfangen haben! Indessen-- ob
man Dir das englisch und französisch zu verstehen
giebt, es ist im Grunde immer nur dasselbe, und läuft
im besten Falle doch zuletzt darauf hinaus, daß man,
mit welcher Wendung es auch sei: uns und was wir
an Besiz besizen, zu besizen wünscht! Das aber ist
recht langweilig, wenn man es immer wieder durchzu-
machen hat; denn ein Mann, der uns von Liebe spricht
und Liebe fordert, ist immer lächerlich, wenn man ihn
nicht schon selber liebt.r?
Sie kannte genau die Wirkung, welche derartige
Behauptungen auf jüngere und vom Glück noch nicht
verwöhnte Frauenzimmer machten. Die Herrschaft und

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der Zauber, mit denen sie die jüngeren Mädchen an
sich fesselte, beruhte zum großen Theil auf der Gering-
schätzung der Männer, auf der Verspottung der Liebe,
in denen Viktorine sich gehen zu lassen liebte, denn
wer dasjenige verschmähen und verachten kann, was
Andere heiß ersehnen, stellt sich damit hoch über sie.
Die Cousine staunte auch den mächtigen Aus-
spruch wie es sich gebührte an, es war jedoch zuviel
von dem Blute ihrer Familie und ihres Volks in ihr,
als daß sie sich so leichten Kaufes abweisen lassen
sollte, und schelmisch zu der Beschäftigten hinüber-
blickend, meinte sie: ,Du sagst, eine englische und
eine französische Liebeserklärung sei eben so langweilig
als eine deutsche --- von einer italienischen hast Du
das nicht gesagt.?
,Sieh, wie Du klug bist, Kleine! Woher kommt
Dir aber dieser gar nicht üble Einfall?
Nanette machte ein pfiffiges Gesicht. ,Man
findet doch, troz allem Deinem Spotte,! sagte fie,
,auf der Reise hie und da einen Menschen, der nicht
so ist, wie alle Welt. Wir zum Beispiel sind erst vor
wenig Tagen mit einem Italiener zusammengetroffen,
den man gar nicht übersehen konnte. Groß, schlank, breit-
schultrig, das prächtigste Haar und ein paar Augen=


ue?
,Nun? fragte Viktorine, da Jene mit Berech-
nung inne hielt.
,Die Mutter war ganz fort, ganz außer sich
über seine Augen, über seine wahrhaft fürstlichen
Manieren; und so scharfsichtig waren diese Augen, daß
fie es gleich entdeckten, wie ich einer Dame ähnlich,
sehr ähnlich sähe, die er-e-
, Kleiner Narr! Meinst Du mich überraschen zu
können?- sagte Viktorine gut gelaunt, indem sie sich
erhob, den fertig gewordenen Hut der Cousine zum
Probiren hinzureichen. Aber wie sehr Nanette sich in
dem neuen Aufputz auch gefiel, es war ihr doch noch
wichtiger, sich Viktorinen gegenüber als Mitwissende
und Vertraute zu behaupten.
,Du weißt also, daß er kommt? fragte sie ge-
heimnißvoll.
,Sweifelst Du daran, mein Kind? gab Viktorine
ihr zur Antwort.
,,Die Tante hat aber meiner Mutter doch gesagt,
sie sei bedenklich, wie Du des Grafen Kommen an-
sehen, und was zu thun Du Dich entschließen würdest.
Sie hat mir und der Mutter das tiefste Schweigen
anbefohlen.r
,Ouu glaubst also, wie ich sehe, auch noch an

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Mütter, die verschwiegen sind, wo es sich um ihrer
Töchter Heirath handelt?-- Wie Du gläubig bist!
-- Ich glaube beinah, Du glaubst sogar, daß Du
selbst verschwiegen bistl?
Nanette wurde roth.,Bist Du mir böse? rief
sie, indem sie der älteren Freundin Hand ergrif.
,Wie sollte ich? entgegnete ihr diese, indem sie
ihr einen leichten Schlag versezte. , indeß Du hast
heut einen guten Tag, Du bekommst heute unentgelt-
lich Lehren der tiefsten Weisheit, und zwar im Neber-
fluß. Merk Dir es also zum beliebigen Gebrauch:
Frauen und selbst Männer, die zu schweigen fähig
sind, wenn durch Sprechen ihre Eitelkeit befriedigt
werden kann, sind seltener als weiße Raben! - und
ich selber mache, wie Du siehst, heut keine Ausnahme
davon!'
Das junge Mädchen warf sich an Viktorinens
Brust.,Ech, Viktorine!r rief es, ,wenn Du wüßtest,
wie mich das freut! Du bist also entschlossen, Dich
ihm zu verbinden?
,Hast Du daran gezweifelt, Kind? Hast Du es
für möglich gehalten, daß er kommen würde, wäre er
des Empfanges, der ihn erwartet, nicht zum Voraus
ganz gewiß? - Sich einen Korb zu holen! und gar

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so weit zu reisen, um ihn sich zu holen, ist er nicht
der Mann.'?
, Und Du liebst ihn also? fragte Nanette, der
die Cousine nie bedeutender erschienen war, als in dem
kühlen Gleichmuth, mit welchemu sie ein, nach Nanettens
Meinung, neidenöwerthes Schicksal hinnahm. ,Ou
liebst ihn also
Viktorine konnte sich es nicht versagen, ihre Rolle
bis in die kleinsten Einzelnheiten durchzuführen. , Was
heißt das, lieben? sagte sie. ,Ic war sehr glücklich
ohne seine Liebe, ich hoffe durch sie noch glücklicher
zu werden, und ich habe sogar schon einen Plan dar-
auf gebaut.?
,Pu meinst, Ihr werdet Rom bewohnen?' fiel
ihr die Cousine ein.
,,Natürlich!' sagte Jene, ,aber das war es nicht,
woran ich dachte. Mein Plan bezog sich nicht auf
mich und meine Wünsche.
Nanette verstand sie nicht. Viktorine rääumte ihr
Arbeitsgeräth zusammen, und sagte, hin und wieder
gehend:,Was Ihr Andern in Eurem Sinne Huldi-
gung und Liebe nennt, das hat für mich, weil ich es
zu früh und gar zu oft genossen habe, seinen Neiz
verloren. Aber hier oben in der Einsamkeit habe ich
F. Lewald, Benedikt. ll.

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ein kleines Abenteuer gehabt, das mich entzückt hat,
und es hätte nur gefehlt, daß ich mich selbst verliebte.?
Der Cousine Neugier war angeregt; sie bat mit
dringender Frage, Viktorine möge ihr vertrauen, und
diese verlangte es nicht besser, hatte es anders gar
nicht vorgehabt.
, Sieh!r sprach sie, indem sie ihren Federhut an
das Mittelfenster der Gallerie aufhing, so daß er von
der Straße leicht ersichtbar war --- ,so lasterhaft ist
die Cousine, die Du liebst! In diesem Augenblickbe-
stimme ich ein benäet-rouu!
Nanette nahm es fröhlich als einen Scherz auf.
,Eache nicht! Ich sage Dir die Wahrheit,r versicherte
ihr Viktorine. ,Euf dies Zeichen treffe ich morgen
in der Frühe in tiefer Einsamkeit den Sänger, den
wir gestern Abend hörten, und den wir heute wieder
hören werden.r
,,Den schönen Mönch, von dem Du uns ge-
sprochen hast?
,lben diesen!?
Nanette wurde verwirrt.,Cber weshalb? Wozu?
rief sie erschreckend, und doch voll Lust an der Ro-
mantik des Ereignisses.
,Was das für Fragen sind !r tadelte die Andere.

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Es entstand eine kleine Pause, Nanette konnte
sich in das Abenteuer nicht gleich finden, denn ihre
unverdorbene Phantasie vermochte den Launen und
Verwegenheiten, deren Viktorine fähig war, noch nicht
zu folgen. Trozdem traute sie sich nicht, ihre Be-
denken auszusprechen, um nicht als ein einfältiges Kind
verlacht zu werden, und doch kam sie ein Schauder
an. Sie begrif es nicht, wie Viktorine eben jezt an
etwas Anderes, oder an einen Anderen denken konnte,
als an Graf Stefano, und mit beklommenem Herzen
fragte sie: ,Liebst Du den Much?
,, Liebe und kein Ende!r rlef Viktorine, ,und
dazu siehst Du aus, alö verdienten ich und er nur
gleich den Holzstoß und das Purgatorium hinterdrein.
Sei aber unbesorgt, es ist nicht auf Liebe sondern
einzig auf eine Befreiung abgesehen! Stefano soll
mir dabei helfen, und die sogenannte Liebe ist nur die
Handhabe, mit der ich meine Aufgabe durchzuführen
hoffe; denn, unter uns, wenn mich nicht Alles trügt,
so liebt der schöne Pater mich --- und vielleicht leiden-
schaftlicher als er selbst es weiß.?
Nanette ftand in sprachlosem Erstaunen vor ihr.
Viktorine gefiel der Ausdruck ihrer Mienen nicht, sie

u
gab sich jedoch den Anschein, sie nicht zu beachten.
Plözlich legte das junge Mädchen seine Hand auf
ihren Arm.
,Du bist klüger, bist älter, hast andere Erfah-
rungen als ich -- ich weiß das Mllee!? sprach sie,
,aber Deine Vermessenheit flößt mir Entsetzen ein.
Wird Graf Stefano Dir helfen wollen, wenn Dich
der Pater liebt? Und was soll aus diesem Armen
werden, wenn Dein Plan mißlingt??
, Willst Du ihn etwa trösten? scherzte Viktorine,
und sich danach zusammennehmend, sprach sie ernst-
haft: ,Wer an sich glaubt, ist immer mächtig, Kind!
Mich aber, merk es Dir, muß man ohne jeden war-
nenden Anruf meine Straße gehen und aus freiem
Antrieb handeln lassen; dann gelingt mir Alles-
und-
Sie horchte auf; draußen schlug drei Mal nach
einander die Glocke des Klosterthurmes drei Schläge
an, dann läutete es zum Abendgottesdienst.
,Laß Dir Deinen Mantel bringen, wir wollen
nach der Kirche gehen!r sagte sie.
,Du hast Dich vorhin in Deiner Rede unter-
brochen,' erinnerte sie Nanette, die sich so schnell
nicht von den Vorstellungen abzuwenden vermochte,

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welche Viktorine in ihr erregt hatte. ,Was wolltest
Du noch sagen?
,Nichts weiter. Aber willst Du mit mir wetten,
daß Du den Pater, der heute den Abendsegen singt,
einst noch andere Dinge singen hören wirst, und zwar
in Rom aus meiner Loge in der großen Oper??
, Und wenn nicht? brachte Nanette, die durch
Viktorinens Keckheit ganz benommen war, mit Schüch-
kernheit hervor.
,,WZenn nicht? Nun so hat der Arme doch Etwas
erlebt, und die Erinnerung gewonnen, daß sein Herz
einmal für eine Frau geschlagen, für die sich erwärmt
zu haben immerhin der Mühe lohnte! Und Zeit zur
Reue und zur Buße hat er dann vollauf.?
Sie hing einen leichten Schleier über ihr schwarzes
Haar, warf den Shawl um die Schultern, und ging
mit dem Gebetbuch in der Hand, die Mutter und die
Gäste zum Besuch der Kirche abzuholen.
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