Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Band 01
Titel

F H a==-
F- e- =--
F= =-
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A Bände.
Otto Janke in Berlin sind ferner
Fannn Le wald
alle
Buchhandlungen zu beziehen:
nedick.
Roman
von
nny Lewald.
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. ?. geh. 1 Mark 50 Pf.
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e Er löserin.
Roman vor fünfzig Jahren
von
Fanny Lewald.
Bände. Gr. S. geh. 1 Mark.
e sa m m e
lte erle
Fanny
19 Bände. Gr.
von
Lewald.
B. geh. I Mark.
n halt:
fasteine Lebensgeschichte. Bde. 1 Mart b Pf. -- Von
FGeschlecht zu Geschlecht. z Bde. 1 Mark. -- Clementine,
Hluf ruther Erde, Jenny, Eine Lebensfrage. Bde.
ßs Maue Pf. = Dao Mädchen von Hela. A Bde. Mr.
Fgedes Werk aus dieser Sammlung wird auch einzeln verkauft z
z
f

F

Benvenuto.
Ein Pom an aus der ßünfleruelt.
von
Fanny Lewald

Erster Band.
=.
H
Berlin, 187ß.
Verlag v on Dtto Janke.

Kapitel 01

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- - - ? --=« - F?-. -
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z befanden uns im Jahre achtzehnhundertfünfnnd-
fünfzig in Paris; in jenen Tagen, in welchen man gleich
heiter wurde, wenn man nur an Paris dachte, in denen
Jeder, der einmal dort gewesen war, nicht müde wurde,
von dem lieblichen, dem gastlichen Paris zu sprechen,
und die schöne menschliche Anmuth und die heitere Ge-
sittung der Franzosen zu preisen, die sich denn auch
miehr als jemals sicher fühlten, auf der Höhe der
Eivilisation zu stehen, der ganzen Menschheit an Bildung
um ein gutes Theil voraus zu sein, und denen wir das
Alles ohne Weiteres glaubten, weil sie es mit solcher
Zuversicht behaupteten, und weil es gar so lustig her-
ging in ihren wohlversehenen Speisehäusern, in ihren
Theatern und tid elaiants, auf ihren Loretten-Bällen,
auf den im Lichterglanze strahlenden Boulevards, und


in den kleinen Zirkeln der gebildeten Gesellschaft, die
sich damals zum Theil noch ihrer alten Einfachheit zu
rühmen hatten.
Wer mochte auch in solchen Zuständen sich gern
daran erinnern, daß er auf eineut nicht erloschenen
Vulkane
Bastille,
Ströme
Blutes,
stand? Wer hatte Zeit, wenn
an dem Grsve-Plaz vorüberging,
des dort mit wilder Mordlust
er an der
sich an die
vergossenen
sich der Gräuel der grausamsten aller Re-
volutionen zu erinnern?
Wir Alle unterlagen mehr oder weniger dem Banne
gewisser erblich gewordener Begriffe und Vorstellungen,
und Lamartine hatte obenein die Geschichie der fran-
zösischen Revolution so abgedämpft und so wohlwollend
zurecht gemacht, daß man sich mit seelischer Erhebung
an ihren Helden und Heldenthaten erfreuen konnte, ohne
sich von dem erbarmenswerthen Untergang so vieler
Edeln mit Entsezen abzuwenden. Das achtzehnte Jahr-
hundert war begraben. Die Wunden, welche Napoleon l.
der Welt geschlagen, waren allgemach geheilt. Er sah
von seiner Säule auf dem Venddme -Plaz kalt auf das
frdhlich fluthende Menschengetriebe zu seinen Füßen
nieder. Sein Neffe, der das Kaiserreich des Friedens auf
- -- --

den Boulevards mit Kartätschen und mit dem nächtlichen
Blutbade auf dem Marsfelde getauft und eingeweiht,
hatte soeben durch den Telegraphen die Kunde von der
Einnahme von Sebastopol erhalken, während alle eivili-
sirten Völker der Erde von ihm nach Paris geladen
worden waren, zu einem Wettstreit in den Künsten und
in den Bereichen aller Indstrie.
Die erste große Weltausstellung war eröffnet, and
in vollem Zuge, als man zu Ehren deä Sieges der-
Franzosen über die Russen, Paris illuminirte und die
Straßen und die Häuser festlich schmückte.
Alles athmete Siegeslust, Freude und Genuß!
Von dem Pavillon der Tuilerien wehte in stolzer Sicher-
heit die Tricolore. Triumphirend fuhren der Kaiser
und die Kaiserin hinter den voransprengenden bunt
aufgeputzten Hundertgarden durch die Straßen zum
Tedeum nach der Kathedrale von Notredame. An dem:
Fuße der Napoleonösäule häuften sich die Jmmorteslen-
kränze alle Tage, und Niemand hätte damals ahnen
mögen, daß Franzosen selber dieses Ehrendenkmal der
Siege ihres vergötterten Kaisers niederreißen würden in
den Staub, daß Eugenie, die holdselig Lächelnde, einst
flüchten würde aus den Tuilerien, daß Franzosen selber

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FZese stole Kdnigsburg und ihr eigenes Stadthaus den
Füpenmen überliefern, daß ihr Friedenstaiser sterben
Es
FZFrde, ein aus der Krieasaefanaenschast euialsener
FFeina. = = de-. == == - -n =-
Fhe . w - denci ap-e Atne =n-
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FF Pars wan ema berauschender. nie alänznder
Fei =hs de woa une =u =
FFz =. = =a va =e == ==-
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FF=- ==r on-ua =wae. c waee = Aenbe
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Fs i =o ßaee naban == Ve. ==en
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FJb =ob=ne Dee. = == == u ==-
FFgrlse Conue noch imer Zaiß geben
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F mals aber, im Jahre sünfundfünfzig war
FFFis bn =s io ==o eee =ue =--
sgen, de Teii nahmen an den Schaffn ud Konen

FF Bi euaia, we wo i ve entaeiteuna
FFgz bo na art re. bee Ka=n
FF=aan= u Le- s =. =e b=a s=e
s
a

N
sich hier zusammenfanden und begrüßten. Denn auus
allen Lündern waren die Kinstler nach Paris geströmt,
die Einen ale Auösteller, um ihre Arbeiten mit den
Leistungen der Uebrigen zu vergleichen, die Anderen, um
zu sehen, was seit dem Anfang des Jahrhunderts über-
haupt Bedeutendes geschaffen worden war; und die
Franzosen durften sich ohne Neberhebung sagen, daß sie
in technischem und künstlerischem Vermögen die anderen
Völker bedeutend überragten. Das erhöhte ihr Selbst-
gefühl und machte sie zuvorkommend, wie es dem Gllc-
lichen und Siegreichen leicht wird und gebührt.
Müde von dem mehrstündigen Uhervandern und
Betrachten hatten wir uns eines Tages mnit unserem
Landsmann, dem Maler Adalbert, in dem Lesezimmer
der Speiseanstalt niedergelassen, die inn der Auöstellung
errichtet war, um dort unsern Augen auf den glatten
grauen Wänden ein Ausruhen zu vergönnen, als unser
Freund sich erhob, für uns von dem Tische, auf welchem
die Zeitungen auögebreitet lagen, ein Blatt herbei-
zuholen.
An der einen Langseite dieses Tisches saß unter all
den Andern ein schlanker Südländer, den Kopf auf die
Hand gestüzt und so vertieft in sein Journal, daß er es


- nicht bemerkte, als Adalbert, nach dem von ihm ge-
b wünschten Blatte suchend, dicht neben Jenem, eine um
,. die andere Zeitung aufhob. Erst als unser Freund,
; mit einer Bitte um Entschuldigung, sich des Journals
F bemächtigte, das zufällig unter dem Arme des Lesenden
F aEegen hatie, hob derselbe das duntelocge Haunt
F empor, und kaum hatten die Blicke der beiden Männer
F, sch getroffen, als sie mit dem Auödruck freudiger Veber-
F rashug einander auch die Hue reichten, und die
FLeitungen reresind da wir en fcsoe Jaütener
F, lsihkus t. uit üeis- gwecheite Wore raias
F u uns brnaten
Eine Reihe von Jahren war vergangen, seit wir
F in Nom am Tage nach dem Ceruaro-Reste von einander
. geschiden waren, das am Ende jdes Winters die Künstier
F aller Nationen und jnen Theil der Fremden-Gesellschaft,
ß welcher sich zu den Künstlern hieit, zu leztem yhon-
F tastischem Beisammensein auf deu Hügeilande der römischen
F Campagna in bunter Mastentracht zu vereinigen pflegte,
Fehe man bie ewige Start -ter gar Valien veriiek
- Die Freude des Wiedersehens war fir uns Alle
Febhaft. Die Eaen nach dem gegenseitigen Eaehen
Fwurden schnell gewechselt, und obschon wir von Benwenuto
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ein paar vortreffliche Bildwerke in den Sälen für die
italienische Sculptur bewundert hatten, waren wir doch
überrascht, ihn hier zu sehen, da er, wie wir wußten,
eigentlich kein Freund des Reisens war, und seine
römische Heimath und deren nächste Umgebung selten
einmal verließ, seit er in frühen Jahren seine große
Tour beendet hatte.
Da sieht man, wozu die Ausstellungen gut sind,
denn ohne diese hätten wir Sie schwerlich hier getroffen!
rief heiteren Sinnes der große breitbrüstige Adalbert,
dem der dichte Vollbart und sein reiches volles Haupt-
haar das offene Gesicht umrahmten, daß er mit seiner
mächtigen Gestalt wie ein antiker Flußgott anzusehen
war, und jezt, im vorgeschrittenen Mannesalter, erst
recht den Namen ,, il grnn Mio' verdiente, mit welchen
die Römerinnen, in der Erinnerung an das herrliche
Bildwerk in den Galerien des Vatikan, ihn schon in
seiner Jugend zu kennzeichnen geliebt hatten.
Die Auöstellung hat mit meinem Hiersein im
Grunde Nichts zu schaffen, entgegnete Benvenuto. Daß
ich in Paris bin, daß ich die Freude habe, Sie Alle
hier wiederzusehen, ist ein reiner Zufall, wie fast Alles
in unserem Leben. Ich hatte es gar nicht im Sinne

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hierher zu gehen. Aber eines Tages, gerade als ich
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nach dem Landsiz eines Freundes aufzubrechen und zu
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ihm in das Gebirge zu gehen dachte, lag der Sirocco
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bleien über Land und Stadt, und ich verließ aus Un-
?
behagen mein Atelier früher, als ich pflegte, obwohl ich
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wußte, daß ich es draußen nur noch schlimmer finden

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-
1
würde. Meiner Thüre gegenüber hielt der Wagen eines
Vetturins. Wollen Sie einen Platz, Signor? einen
Plaz für Florenz? rief mich sein Gehilfe an. -- Und
warum nicht einmal mit dem Vetturin, statt in dem
eigenen Wagen? Warum nicht einmal nach Florenz,
S? -
; so gut als in's Gebirge oder in mein altes Schloß?
z dachte ich. In Florenz wird's ja frischer sein, als hier.
- Also das Handgeld her, Padrone! und morgen nach
f - Korenz!
Am andern Morgen war ich auf dem Wege nach

der Medicäer Stadt. Am Arno war die Hize so
lastend, als am Tiber, aber ich war nun einmal unter-
wegs. Der Gevatter meines Vetturins, der zwischen Florenz
-
und Mailand seine Straße hatte, legte denn auch sofort
die Hand auf mich und brachte mich bis zu der Eisen-
bahn. So kam ich nach Mailand, wo ich die Stadt voll
-
Staub und leer von Menschen fand. Also weiter vorwärts!
-
1-:-
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und weiter vorwärts noch einmal und noch einmal!
hinauf, hinunter; und wieder einmal allein und ganz
als Künstler gereist, wie in jungen Tagen, iber Berge
und Seen, durch Wälder und Felder, an die Grenze
und über die Grenze, bis ich hier gelandet bin, offenbar
geführt von guten Geistern, da ich Ihnen die Hand
hier geben kann.
Benvenuuto, wie er leibt und lebt! rief Aalbert,
während wir Alle mit Wohlgefallen in das feine, geist-
reiche Gesicht des Italieners blickten. An Ihnen ist die
Zeit ganz spurlos hingegangen, und was haben Sie Alles
geschaffen in den Jahren!
Zeit! wer spricht von Zeit? schalt der Jtaliener
eifrig. Das ist ein Wort, das ich nicht hören mag!
Es macht alt, so wie man es nur über seine Lippen gehen
läßt. Was will das sagen: die Zeit? Gestern, heute,
morgen! es ist ja Alles ganz dasselbe! Warum unter-
scheiden Sie es? Warum sammeln Sie die Tage in
ein Ganzeö? Gestern war ein Heute; morgen wird ein
Heute sein, und die Stunde, die wir eben leben, ist
doch ganz gewiß ein Heute! - Ich kenne gar Nichts
als das Heute, seit ich nicht mehr jung genug bin, von
der Zukunft sonderlich viel für mich zu erwarten. Und

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Nichts kennen, als den Tag, an dem man lebt, Nichts
denken, als ihn zu be
nuuzen, ihn zu genießen, daä dünkt
mich, heißt in einer
nicht endenden Gegenwart leben,
wie die leicht lebende:
-- --- -- ?T!
freveln, wenn wir sie mit unseren groben Mitteln dar-
ustellen unternehmen.
Und er hat eine Venus, eine Hebe, einen Mars
schaffen! rief Einer von uns aus.
Ich habe mehr Thorheiten gemacht in meinem
Leben, und mehr Sünden begangen, als nur diese
künstlerischen! warf der Bildhauer mit jener scherzenden
Melancholie uns ein, die wir an ihm kannten und die
k.
z
ud
eigentlich immer unerklärlich an ihm erschienen war.
uns
Sie dürfen wohl so spotten, sagte Adalbert, da
Sie
wissen, wie die Kenner Ihre Werke schäzen und wie
allgemein man sie bewundert.
Die Kenner! wiederholte Benvenuto in derselben
ggz Weise wie vorher. Die Kenner! und nun gar die allgemeine
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FF=e =w apn == e=-
EHgals fehlt! Was gelten sie dem Künstler? was gilt
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EEfülr,ghr Beifall, ihre Freude, wo ich selber keine rechte
Fs=== - = ==«s= == ==-
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Cäne- -
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1V
er hinzu: Was wollen Sie meine Freunde? Ich weiß
und darf es sagen, daß ich ein Künstler bin; und doch
ist ein Etwas in meiner Natur, das mich von je ge-
hindert hat, meines Schaffens und ueines Lebens einfach
Froh zu werden. Ich wollte, ich hätte meine Arbeiten
hier gar nicht wieder beisammen gesehen, denn sie
freuen mich nicht. Ich bin durch Naturanlage und
durch meine erste Erziehung zu grüblerisch für einen
Künstler. Nur das Nichtvorhandene reizt mich! Nur
so lange ich es im Geiste ahnend in mir trage, lebt in
mir mein schönes erschautes Jdeal in seiner Erhabenheit!
Ich besize, ich genieße dann, was keines anderen Menschen
Auge sah. Aber, fuhr er seufzend fort, die Stunde
kommt, in welcher dieses innere Alleinbesitzen mir nicht
mehr genügen will, in der ich auch von Auderen mit-
genossen und bewundert sehen möchte, was durch lange
Tage mir das Herz erhoben hat. Ich gehe also an die
Arbeit: die Skizze fliegt mir von der Hand; ein zu-
versichtliches Hoffen feuert meinen Eifer an; ich habe
Augenblicke einer völligen, einer göttlichen Befriedigung.
Indeß diese Stunden schwinden und sie werden immer
seltener, je mehr ich mich dem Ende meiner
Arbeit nähere. Die Hoffnung läßt dann ihre Flügel

i
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1
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sinken, die Begeisterung hebt das Haupt nicht mehr so
freudig empor, und wenn die Arbeit endlich gethan,

wenn der lezte Meißelstich gemacht ist, und daä Gllck
s es fügt, daß Andere sich meines Werkes freuen, so stehe
f
ich da, wie vor einer gestorbenen Geliebten: trauernd
?
E um ein Schönes, das nicht mehr vorhanden, das un-

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wiederbringlich mir verloren ist, und das ich mir in
gewissem Sinne selbst zerstörte. -- Denn was ich dann
gestaltet vor mir sehe, ist nicht mehr und ist zoch nicht
s
. .?. -'

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h so auferbauen, wie ich es zuerst erschaut! Es ist für
z mich dahin auf immerdar!
- Wir kannten diesen sonderbaren Zwiespalt in
ß
unseres Freundes eigenartiger Natur. Indeß, wir hatten
D
F - uns in früheren Jahren der Hoffnung hingegeben, daß
-
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z
sein großes, schöpferisches Können ihn mehr und mehr
zufrieden stellen, daß er Meister wekden würde über
jenes quälende Verlangen, ein Höchstes zu erreichen; und
k-
,sahen nun mit Erstaunen und Bedauern, wie völlig un-
k -
F' verändert er in seinen Empfindungen geblieben war.
k
Wir hatten ihm ruhig zugehdrt. Als er geendet
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' - hatie, sagte Adalbert, der, von Jahr zu Jahr auf
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1K
sicherem Wege rüstig fortgeschritten, für einen der ersten
Landschafter der Zeit galt: Ich verstehe Sie ganz
wohl, und in gewissem Sinne haben wir Alle das
Gleiche oder dochh ein Aehnliches in uns duurchzumachen,
wenn schon wir uns, im Gegensatz zu Ihnen, allmälig
zu bescheiden lernen. Um zufrieden zu sein, umt sich
glücklich preisen zu können, müßte der Künstler neben
der männlichen Kraft des schöpferischen Erzeugens, auch
die Begnügtheit des Weibes besizen, das sein Geschöpf
zu lieben vermag, wie unvollkommen es auch sei. Ent-
sagung ist aber nicht des Mannes Sache; und so stehen
wir denn nur zu häufig vor der großen unheilvollen
Kluft, die das Wollen von dem Vollbringen scheidet;
vor dem Zwiespalt zwischen dem Jdeal und der
Wirklichkeit, vor der alten ewigen Klage - vor der
Unzufriedenheit des wahren Künstlers mit sich selbst,
der gegenüber man jeden Stümper um seine glückliche
Selbstgenügsamkeit beneiden möchte.
Der Bildhauer schüttelte ablehnend das Haupt.
Nein, sagte er, das ist es nicht, oder ist es doch nicht
allein. Sie geben einer schlechten Seite meines be-
sonderen Wesens einen guten allgemeinen Namen. Eä
ist ein Mangel in meiner Natur, oder auch die Er-

n
k
;
s
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1
;
, innerung an traurige Erlebnisse, die sich durch lange
F Jahre in meinem Leben hingezogen hat. Es ist ein
f falscher Jdealismus, ein thörichtes Hoffen und Suchen
E nach einem vollkommenen Genüügen, das vielleicht nie
F, und nirgends zu erlangen ist. Früher hat alles Neue,
alles Schöne mich gereizt, ja geblendet und gelockt, wiees
k
F ein Kind verlockt. Immer auf das Neue wähnte ich mein
E
g; Ieal gefunden zu haben. Ich wollte mir aneignen, was
F mich verlockte, ich setzte alle meine Kraft daran, und
F hatte ich es erreicht, so reizte das ndchste Rene. Scöne.
I das unerwartet mir vor die Augen trat, mich ebenso,
F Ich war jdem Eindruc offn und eben dadurc u?
F-beständig, war nie zfriden ud noch weniger glücieh
aE
- - Sie analysiren sich mit großer Klarheit! bemerkte
F= == =
F- - Wenn die Ertenntniß umgestalten kdnnte, entgegnete
Fder Jtaliner, so wdre mir lnge schon geholfen, den
Fzch tne nich sebr aeno: aber wa hiist utr bae?
FFteh habo uuich neh awaeh Ic b o abor=. so

Pggozrden! Und als ich einmal überzeugt war, Nuhe
Fz no. » =n w = tpu t
aAse
Fgymnnersein- Anderer gewprden zu sein - da fand ich
aeeFe
FHFFGb u »= Vene - n b =
gr
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nicht, wo ich es zu finden wünschen mußte. Was
wollen Sie meine Freunde? so ist das Leben! so ist die
Welt einmal!
Sie haben sich nicht verheirathet? fragte Adalbert.
Nein ! versetzte Benvenuto, und Sie wohl auch,
nicht?
Was denken Sie? rief Adalbert, indem er sich mit
scherzendem Pathos in die Brust warf, ich nicht ver-
heirathet?-- Sehen Sie es mir denn nicht an, wie
mich die Sorge für eine Familie niederdrückt? sezte er
hinzu, während sein helles Auge die Reihen der vorüber-
gehenden Frauen und Mädchen mit raschem Blicke
musterte.
Und was ist aus William, was aus Eberhard ge-
worden? wissen Sie von Helmar Etwas? fragte der
Jtaliener.
Das können Sie von ihnen selber hören, denn sie
sind sammt und sonders in Paris, und werden -- er
sah hinüber nach der Uhr -- wenn sie nicht Ab-
haltungen haben, in wenigen Minuten zu dem täglichen
Stelldichein erscheinen. Sehen Sie, da kommen sie auch
schon!
F. Lewald, Benvenuto. 1

1K
Wir gaben den Erwarteten ein Zeichen. Sie
waren rasch an unserer Seite, und ihre Freude,
Benvenuto anzutreffen, war nicht geringer, als es die
msere gewesen war.
Er allein hatte uns gefehlt, um den schönen
Kreis der Freunde vollständig zu machen, der einst so
fröhliche, fördersame Tage, so jugendfrische Zeiten in
der alten Weltstadt an dem Tiber, und in Ariccis
Casa Martorelli mitsammen verlebt hatte; und wie
Sonnenschein leuchtete es in uns Allen auf, als wir
zurückblickend in jene Zeiten, uns wieder einmal die
Hände reichen konnten.
Fast zehn Jahre lagen zwischen dem einstigen
Scheiden und dem jezigen Begegnen. Man hatte in
denselben die knstlerische Laufbahn der Freunde in
ihren Leistungen leichter als ihre persönlichen Erlebnisse
-- verfolgen können, aber die Theilnahme aneinander war
E -
H. die gleiche geblieben, das alte Vertrauen zeigte sich un-
F -permindert zwischen uns. Alte Scherze wurden rasch
FßHFndig; nGben bem semeinsamen, essen man ch =
FFanern hate, tducht auch bas Besonder wwieber auk
FzFspschn rchoinandern, man woe n=chbolen, was
en
Fßgn-ss lange persaumt hate. Helmar und Eberhar
F--
eee?- ;
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hatten sich in den Jahren ebenfalls verheirathet; Willian:
sagte, er sei ein alter Junggeselle und Nichts weiter.
Und was ist aus Lisandra geworden? fragte ihn
Eberhard.
Das ist mit wenig Worten nicht zu sagen! ent-
gegnete der Engländer, mit der Zurückhaltung, die ihn
nicht leicht verließ; aber sie lebt in Rom, so wie vordem.
Benvenuto bemerkte, sie sei noch immer schön.
Noch kurz vor seiner Abreise sei er ihr hegegnet, und
ihre königliche Haltung sei auch an der nicht mehr
jungen Frau noch auffallend gewesen. Sie arbeite noch
immer und werde immer noch mit Vorliebe von den
Künstlern als Modell' benutzt.
Einer von uns machte die Bemerkung, sie sei
durch ihre Schönheit wie durch ihre wahrhaft künstlerische
Begabung eines der herrlichsten Modelle gewesen.
Sie war weit mehr als das! sagte William,
während wir uns anschickten, aufzubrechen, um wieder
in die Säle der Ausftellung zurückzukehren; aber wir
suchten doch noch in Eile die Verabredungen für ein
möglichst häufiges Beisammensein zu treffen, die leicht
angenommen und mit Freuden eingehalten wurden.

20
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O
Jeber Mittag führte uns in dem Speisezimmer zu
einander und auch die Abende brachten wir, wenn nicht
besondere Einladungen uns in Gesellschaften zu gehen
veranlaßten, gemeinsam mit den Freunden, in einem der
zahlreichen Theater, oder in meinen Zimmern zu.
Wenn man die Tage zum Betrachten der Kunstwerke
verwendet hatte, war es ein belehrender Genußß, sich
mit den sachverständigen Männern über das Gesehene
zu besprechen; und weil man wußte, wie rasch die Zeit
vorüber sein würde, die uns für das Beisammensein
gegönnt war, hielt man sich um so mehr daran, sie
möglichst zu benutzen.
Indeß das unausgesezte Bildersehen fing uns Alle
zu ermüden an, und auf mich hatte es endlich eine
Wirkung, die mich krank zu machen drohte. Ich sah
?, die Bilder fort und fort, auch wemn wir nicht vor
F-. ihnen standen. Ich sah sie den ganzen g, die ganze
F Nacht; sie leßen mich nicht einschlafen, ja sie erschienen
F mir noch im Traume, wenn mir vor Ermüdung der
F? Schlaf die Augenliber endllch schoß. Ich erinnere mich
F kaum jamals einen quälenderen Zustand, oder eine
F- solche. peinliche Angst empfunden zu haben. Wie Ge-
F spenster tauchten sie vor mir auf und huschten in
k

jähem Wechsel an mir vorüber: Gericaults Schiff-
brüchige und das schlanke blonde Mädchen aus der
Dorfschenke von Knaus; die Venus von Ingres und
Gustav Richters schbnes Portrait seiner Schwester; die
Schlachtenbilder von Horace Vernet und die lebenö-
großen Steinklopfer vor Courbet. -- Die Hand-
zeichnungen, die Statuen, Alles wirbelte durcheinander,
daß ich mit schwindelndem Gehirne mich am Morgen
wie zerschlagen fü hlte, und Abends mich mit einer Art
von Angst auf's Lager warf; bis wir endlich zu der
Einsicht kamen, daß ein längeres Besuchen der Aus-
stellung für mich zunächst nicht möglich, und ein zeit-
weiliges Ausruhen für den Augenblick mir unerläß-
lich sei.
Am Mittag, als wir mit den Freunden davon
sprachen, erklärten sie einstimmig, daß auch sie sich
stumpf und müde fühlten, daß es auch ihnen erwüünscht
. sein wüürde, statt der Kunstwerke für eine Weile die
Natur zu Iehen, um dann mit neubelebten Sinnen
wieder in die Galerien und Museen zurückzukehren; und
so kamen wir denn nach einigem Berathen dahin über-
ein, Alle zusammen füür acht bis vierzehn Tage auf das
Land zu gehen, um unsere einstige gemeinsame Villeggiatur

!

-
im römischen Gebirge, hier auf französischem Boden zu
wiederholen.
Nur um die Wahl des Aufenthaltes waren wir
zuerst verlegen. Weit von Paris entfernen mochten wir
s
-
uns nicht, da Jedem von uns mehr oder weniger daran
gelegen war, erwarteten oder unerwartet ankommenden
Freunden leicht erreichbar zu bleiben; aber schon am
nächsten Tage hatten wir das in Thal der Bisvre ge-
legene onz en osese, und in demselben das kleine
: --
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n,
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-
Das Abkommten mit der Besizerin des kleinen:
Schlosses, sie war die Wittwe eineä Generals des ersten
Kaiserreichs, war zu allseitiger Zufriedenheit sehr bald
getroffen; und noch am Abend des nämlichen Tages
führte uns der Zug der Eisenbahn bis nach Versailles,
von wo wir den Rest unseres Weges mit einem ehrlichen
Land»Omnibus zurüchzulegen hatten, der uns etwa eine
halbe Stunde von unserem kleinen Schlosse ablud, denn
les Voges waren in der That ein wirkliches Schloß mtit
vier runden dickköpfigen Thürmen, mit ganz statilichem
Portal, und von einem Garten umgeben, dessen hohe
Bäume das Schlößchen durch mehrere Jahrhunderte

getreu beschattet und vor den Stürmen behütet zu
haben schienen, die über Frankreich dahin gezogen
waren.
Ein anmuthigeres Landhaus, eine lieblichere
Gegend sind mir selten vorgekommen, und noch während
unseres lezten Krieges haben wir oft mit Liebe und mit
Sorge daran gedacht, was aus dem Schlbßchen während
desselben geworden sein, und ob wohl irgend einer
unserer Bekannten aus dem Belagerungsheer vor Paris,
dasselbe betreten und in den Näumen Nast und Ruhe
gefunden haben mochte, in denen uns so glückliche
Herbsttage zu Theil geworden waren. Aber Keiner von
Allen war dorthin gekommen, und Niemand von denen,
die wir fragen konnten, hatte es jemals nennen hören.
Das Wetter war uns durchaus günstig. Es war
noch sonmerlich warm, selbst in den frihen Tagesstunden;
Mittags brütete die Sonne auf den niedrigen Obst-
spalieren, von denen die Terrassen um das Schloß be-
deckt waren, und auf den Rebenpflanzungen, deren große
reife Trauben wir aus den Fenstern unserer Zimmer
im ersten und im zweiten Stock des Hauses pflücken
konnten. Die Maler waren Einer um den Andern in
das Zeichnen und Skizziren gerathen; und da wir von

Rom her es gewohnt waren, sie zu begleiten, saßen
wir
p
oft stundenlang, bald mit Diesem, bald mit Jenem
unter irgend einem der alten schattigen Nuß- und
Kastanienbäume, oder an einem der Hage, von denen
die wuchernden Brombeerranken uns ihre schwarzen reifen
Frlchte fast in die Hände reichten.
Wenn wir dann mit dem Sonnenuntergange nach
Hause kamen, und das Mahl verzehrt war, so blieben
wir mit einander in dem Saale des oberen Geschosses
am Kamine sitzen, denn man konnte am Abend eines
guten Feuers nicht mehr entrathen, und der Anblick
F desselben machte unserm Adalbert regelmäßig nach seiner
ß Heimath, nach seiner Frau und nach den Kindern
Sehnsucht.
William lachte darüber. Wenn uns das noch be-
F aegnete, sagte er, mir oder unserem Jtaliener, die wir
wirklich einen Kamin in unserer Heimath haben, so
F su =es, die an b=r Eenane aunovewe sebnne
ihre Berechtigung, vorausgesezt, daß für ihn und mich
F V unserem Herde noch etwas Anderes zu finden wäre.
- als das Feuer und der Lehnstuhl. Aber Ihr, in deren
F Häusern kin lustiges, helles Feuer brennt, in denen der
F warme Ofen von früh bis spät versebe ist -
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-- -s


Das ist'S ja eben! unterbrach ihn Adalbert, grade
die stille, behagliche Gleichmäßigkeit, ohne Schein und
ohne viel Geflacker, das Vorhalten, ohne immer neuen
Nachschub, die sind es, nach denen man sich sehnt, wenn
man an seine Frau, an seine Heimath denkt. Ihr mögt
immerhin lachen, aber der Ofen ist gar kein übles Sinn-
bild für die stille Dauerhaftigkeit, die wir in der Ehe
fuchen! Schon das alte deutsche Sprütchwort gesellt die
Frau dem Ofen zu, denn es sagt ausdrücklich Die
Frau und der Ofen bleiben im Hause!
Das heißt, wie Figura zeigt, neckte der Jtaliener,
sie werden zu Hause gelassen, wenn der Mann sich aus-
wärts erlustirt!
Freilich! rief Adalbert, aber welch' ein Vergnügen
ist es dann auch, wenn man aus der Fremde wieder
heimkommt in das eigene Haus, wenn der warme Ofen
uns behaglich lockt, wenn die Frau, zufrieden, uns
wieder zu haben, ihre lieben Arme um uns schlingt!
-- Ach! rief er, sich selber unterbrechend, es geht doch
in der Welt gar Nichts über eine glückliche Ehe und
über das Familienleben!
Er thut wahrlich, als hätte er dies Gllck bereits

s
ein Menschenalter hindurch genossen, und ist ller Fne
Flittertage gar nicht lang hinaus! meinte Helmar.
Und ein Ansehen giebt er sich, als hätte er sich

an wildflackerndem Feuer nie voll Lust ergözt, schalt
!
?. Eberhard.
Eben deshalb, wendete Benvenuto ein, ebendeshalb
, weiß er vermuthlich auch den Unterschied zu schätzen;
? und er wird es wohl an sich erfahren haben, wie Alles
? Gute, das in dem Menschen liegt, doch nur in der Ehe
F recht zum Durchbruch und zu seiner völligen Entfaltung
? kommen kann.
Aber Sie finden es für sich troz dem nicht angemessen, -
k -
F bemerkte Einer von uns, sich durch die Ehe zu dieser
-- vollkommenen Entwickelung zu verhelfen.
Scherzen Sie darüber nicht, entgegnete der Jtaliener,
denn Sie berühren damit in meiner Seele einen wunden
j Fleck. Ich habe es Ihnen schon neulich angedeutet, daß
s ich es vor ein paar Jahren lebhaft wünschte, mich zu
F denheirathen, und daß mir's nicht gelang, das ersehnte
Mädchen zu gewinnen.
Wir glaubten ihm das nicht, das heißt, wir glaubten
k
nicht an seinen ernsten Willen, denn die Frauen hatten
i
E

s



sich ihm, dem berüühmten Klnstler aus reichem altem Hause,
nur zu hold erwiesen; und troz seines in der Freund-
schaft treuen Herzens, war er wegen seiner Unbeständig-
keit in der Liebe in früheren Zeiten oft von uns ge-
scholten worden. Da er aber jener gewünschten Heirath
und des mit ihr zusammenhängenden Erlebnisses nun
zum zweitenmale gegen uns Erwähnung that, so hatten
wir das Necht, ihn darum zu befragen; und Helmar
bemerkte bei der Gelegenheit, daß wir in der Art und
Weise, in welcher wir im gewöhnlichen Leben und in der
Gesellschaft neben einander hergingen, überhaupt viel zu
wenig von einander wüßten.
Wir sehen oft mit einer gewissen Verwunderung,
sagte er, sogar auf unsere nahen Freunde hin, wenn
wir dieselben erst als fertige Menschen kennen lernten.
Einzelne ihrer Aeußerungen, manche ihrer Handlungen
bleiben uns unverständlich, weil uns der Weg und die
Umstände frend sind, auf denen und durch die sie eben
das geworden sind, als was sie uns erscheinen; und wir
können darüber zu keiner Aufklärung gelangen, da wir
die zur Schau getragene scheinbare Gleichgültigkeit gegen
die Verhältnisse und namentlich gegen die Vergangenheit
unserer Umgangsgenossen, als einen Beweis unserer guten

Erziehung und unserer weltmännischen Bildgt anzu-
sehen lieben.
- Nun, meinte ich, da wir Alle uns des ernsthaften
Antheils, den wir aneinder nehmen, sicherlich nicht schämen,
h
?
so wäre unser stilles Verweilen in diesem Schlosse recht
dazu angethan, daß wir, Jeder wie er sich dazu ge-
stimmt fühlt, einander von unferer Vergangenheit er-
zählen, d. h. daß Jeder seine Lebensgeschichte oder ein
Bruchstück aus derselben zum Besten giebt. Das zu
tN-
näher kommen.
Den Freunden gefiel der Einfall. wohl. Unser
Aufenthalt in den kleinen Schlosse, unser ganzes Bei-
V
s
?
?
ö-- -
k
einandersein waren uns aber nur für eine kurze Zeit
gegönnt; man mochte deshalb während desselben den
fröhlichen Wechsel eines rasch belebten Gedankenaustausches
nicht entbehren, und so machten wir Deutschen, in Er-
innerung an die Aufzeichnung der Lebensläufe, welche
der Abbs im Wilhelm Meister in dem geheimnißvollen
k
Thurme aufbewahrt, den Freunden den Vorschlag, daß
B N

?
29
aufschreiben möge, was ihm der Mittheilung werth zu
sein dünke. Diese Erinnerungsblätter sollten dann, von
Einem zu dem Andern gehend, schließlich mir als ein
Andenken an unsern Aufenthalt im Bisvrethale über-
sendet werden und verbleiben.
Dieser Plan ist denn auch zur Ausführung ge-
kommen, wie wir ihn entworfen hatten; die Freunde
haben Alle Wort gehalten. Ich besitze seit nahezu
zwanzig Jahren die von ihnen geschriebenen Erieruugan
und benutze jezt die mir gegebene Erlaubniß, zunächst
das Manuscript unseres italienischen Freundes, nachdem
ich es in das Deutsche übertragen habe, zu ver-
öffentlichen.
Er hatte über feine Aufzeichnungen zwei Verse
aus einem Liede von Salvator Nosa als Motto hin-
geschrieben, und ich gebe die Blätter, wie ich sie eu-
pfangen habe.

Kapitel 02

;
Sem;re ld stesso stra il mio luoeo!
Sempre ld stesso suro anch io!
Pzg Schreiben ist meine Sache nicht, und was ich
Ihnen zu berichten habe, ist
Weise, auf welche ich zum
Ich komme weder dabei, noch
vor Allemt die Art und
Künstler geworden bin.
im Verlaufe meiner Mit-
theilungen in die Verlegenheit, Gutes oder Bewunderns-
werthes von mir sagen zu müssen, das auszusprechen
meiner Bescheidenheit, zu verschweigen meiner Eitelkeit
beschwerlich fallen könnte.
ah habe ächt menschlich, fast durchweg mehr ge-
N,
wollt, als ich erreichte. Was ich heiß ersehnt, ist mir,
wenn ich es erreicht, nicht immer zum Heile, oft zum
Unheil ausgeschlagen. Ich habe erfahren, mannigfach
erfahren, daß ich mich über mich getäuscht, daß mein
Wüünschen mich betrogen hat, und doch blieb mein eigen-
williges Verlangen, das Glück, mein Glück, auf meinem
F. Lewald, Benv enuto. l.

H
eigenen Wege zu suchen, immer das Nämliche, wie der
Glaube, daß kein andereä Glitck mtir dauernde Be-
friedigung gewähren könne, außer dem Einen, das sich
mir versagte.
Von einem solchen Menschen zu reden, ist vielleicht
nicht der Mühe werth; aber ich habe Ihnen mein Wort
- gegeben, und so mag die Feder laufen, Ihnen die ge-
F wünschten Aufschlüsse zu bringen.
E
Ich bin um zwanzig Jahre jünger, als unser

F Jahrhundert, bin in Nom geboren und war, wie ich
C
g. IPnen einmal erzählt zu haben glaube, von meinen
Eltern dazu bestimmt, das geistliche Gewand zu tragen.
E
F Hätte das gesegnete Schicsal nicht mehr Einsehen und
Barmherzigkeit für mich gehabt, als die Familiensitte des
?
z Hauses der Grafen von Armero, dem ich angehöre, so wüürde
?
ich ein Diener der Kirche geworden sein und das Kreuz
K
k gepredigt und getragen haben, statt mich mit den
s
- griechischen Göttergestalten und mit profanen Menschen-
f kindern zu beschäftigen.
Man hatte es mit mir auf nichts Geringeres, als
auf einen Monsignore oder Bischof abgesehen; denn wie
in allen unseren alten Adelsgeschlechtern war man gewohnt,
diejenigen Söhne, welche man innerhalb des Familien-
?
;

I
vermögens nicht ausreichend versorgen zu können glaulte,
zu Dienern des Staates, oder was im Kirchenstaate
dasselbe ist, der Kirche zu erziehen, das heist, sie diesen
Beiden aufzuladen. Ein Graf Armero mußte sich aber
wirklich gar keiner Begünstigung durch die Natur zu
rühmen haben, um in den päpstlichen Garden, in den
Bureaus der Nunzien, in der Prälatur und auf den
tausend Stufen der langen Leiter keinen schicklichen Platz
für sich erlangen zu können, die aus den geistlichen
Seminarien und aus den Klosterzellen hinaufführen
zu deö heiligen Vaters Thron.
Mein ältester Bruder hatte das große Majorat in
Aussicht und war als achtzehnjähriger Jüngling unit
einer eben so reichen Erbin versprochen worden. Mein
zweiter Bruder, eine Gestalt wie Adalbert und kriegerisch
gesinnt, hatte sich von Kindheit an auf eine uilitärische
Laufbahn vorbereitet. Er trat, sobald er erwachsen war,
in die päpstliche Armee. Meine Schwester hatte man in
ihrem - fünfzehnten Jahre verheirathet, und auf eine
nachträgliche Vermehrung der Familie mochte man gar
nicht mehr gerechnet haben. Ich vermuthe deshalb, daß
meine Geburt weder von meinem Vater noch von nteinen

F
-

sw?

s-
1e
erwachsenen Geschwistern als ein besonders erfreuliches
Ereigniß angesehen worden ist; und auch meiner Mutter
kam sie nicht gelegen, denn ich hatte die Ungeschicktheit,
mit dem Neujahr auf die Welt zu koumen, und sie
dadurch in dem Genuß einer Gesellschaftszeit und eines
Carnevals zu beschränken, die sich eben in jenem Jahre
glänzender als gewöhnlich entfalteten. Indeß man gab
mir nichts destoweniger den Namen Benvenuto, und
meine Mutter that für mich, was ihre Pflicht war.
Sie ließ eine vortreffliche Anmme von unseren Gütern
für mich nach Nom kommen, und schickte mich mit dieser
und einer Vertrauensperson auf das Land hinaus.
Im Sommer kam sie selbst nach unserm Schlosse,
und wie immer folgte eine Anzahl von Gästen ihr
dorthin. Sie nannten mich, wie es sich gehörte, einen
kleinen Engel; meine Mutter fand, keines ihrer Kinder
habe so frühzeitige Beweise von Verstand gegeben als
ich, und weil meine anderen Geschwister feun waren und
in gar keinem Verhältniß mit mir standen, kam ich ihr
endlich wie ihr einziges Kind, und sie selber sich wieder
- hgendlich vor, wie in jnen Tagen, in welchen sie mit
ihrem Erstgeborenen ebenso ihre Villeggiatur in ihrem
Schlosse gehalten hatte.
i
-
- e

i
r?
Das gefiel ihr wohl. Ein damals in der besonderen
Gunst der Frauen stehender Maler, der in Rom vielfach
in unserem Hause gewesen und zu uns anf daä Lantd
geladen worden war, malte sie mit ihrem Kinde auf
dem Arm. Sie fand sich mit Fug und Recht in deu
wohlgetroffenen Bilde noch sehr schön. Ihr an das
Kind geschmiegter Kopf nahm sich in dieser Pose ganz
vortrefflich aus, und fie war Frau und Künstlerin
genug, zu wünschen, daß man auch im Leben sie in
dieser gefälligen Stellung sehen und bewundern könne.
Im Herbste, als man sich in die Stadt zurückverfügte,
wurde ich mit den übrigen Toilettengegenständen meiner
Mutter sorgfältig verpackt, und wie diese, mit hinein
nach Mom genommen.
Meine Mutter, eine edle und durchaus vortreffliche
Natur, zählte damals achtunddreißig Jahre; es war
also sehr in der Ordnung und natürlich, wwenn es ihr
Vergnügen machte, noch so schön zu sein, wie ein junges
Weib, das sein erstes Kind geboren hat. Sie hat es
oftmals auch in freudiger Erinnerung gegen mtich aus-
gesprochen, daß ihr durch mich eine neue Jugend zu
Theil geworden sei. Wer aber würde das Wesen nicht
von Herzen lieben, das ihm zu solcheu Gllick verholfen

1


hätte? - Die ganze Liebe meiner Mutter wendete sich
deshalb mir zu, und es war nichts Geringes, von ihr
geliebt zu werden, denn sie war eine edle und gütevolle
Frau.
Ich kam nicht mehr von ihrer Seite, als ich groß
- genug geworden war, ihr ohne andere Begleitung folgen
zu können, und meine Geschwister neideten mir die
Zärtlichkeit der Mutter nicht, denn sie waren in ihren
eigenen Verhältnissen befriedigt. Sie wußten auch, daß
ich sie nicht beeinträchtigte, da ich eben der Kirche zu-
gewiesen werden sollte; sie wendeten also gar nichts da-
- gegen ein, wenn meine Mutter es vor mir und ihnen -
aussprach, daß sie mich durch ihre Liebe schadlos halten
wolle für die Einsamkeit, die in der Jesuitenschule, in
- dem Vollsgio, bald genug mein Theil sein werde; daß
F sie mir eine Ahnung, eine Vorstellung von der Welt
F zu geben, mich die Welt und die Menschen, die ich beide
j lebte, mit ihren Augen sehen zu lassen wünsche, ehe
E man mich lehren würde, dieselben frühzeitig gering zu
, schätzen, um sie dereinst beherrschen zu lernen.
Mit der Besorgniß, daß ich die Welt einst gering-
schätzen könnte, that meine Mutter mir indessen Unrecht,
? denn es gefiel mir nur zu gut in ihr und in den Um-
?
l

s
I9
gebungen, in welchen ich mich zu bewegen hatte. Meine
Sinne waren scharf, mein Empfinden von früh auf
lebhaft, und ich beobachtete unwillklrlich, ohne mir
Nechenschaft darüber zu geben. Ich war glücklich in
den kunstgeschmückten Sälen meines väterlichen Hauses,
glücklicher in dem Walde von iumergrünen Eichen, der
die Gärten unseres Schlosses begrenzte, und an dem See
im Walde, an dessen Ufern
versunkener Herrlichkeit von
svrachen. Ich
Erziehers, eines
unsern Gütern,
gehabt mit den
hatie, freilich
die Marmortrümmer lang
längst vergangenen Tagen
unter der Aufsicht meines
klugen und weltgewandten Jesuiten, auf
von klein auf, einen häufigen Verkehr
Kindern meiner Amme, und er währte
fort, als wir uns sammt und sonders dem Jünglings-
alter näherten. Ich bewegte mich beständig unter den
Gästen meiner Eltern. Ich sah die schönen Frauen
unserer Aristokratie und die Huldigungen, mit welchen
man sie umgab; und es konnte mir nicht entgehen, daß
manche von den geistlichen Herren, welche in unserun
Hause oerkehrten, in diesen huldigenden Bewerbungen
nicht weniger eifrig und nicht weniger gliicklich waren,
als die Edelleute aus der Laienwelt.
Daneben machte ich unter der Leitung meines Abate

meine Studien und meine geistlichen Nebungen, wie es
sich von selbst verstand. Ich war lernbegierig, aber
mein Vater ermahnte den guten Abate wiederholt, meinen
Geist nicht zu sehr anzustrengen, damit mein Körper
sich entwickeln könne, und mich überhaupt nicht zu sehr
zu beschränken. Denn er war, obschon sonst ein strenger
Mann, darin durchaus der Meinung meiner Mutter,
daß es auch für einen Cleriker nothwendig sei, Bescheid
zu wissen auf der Erde, auf der er die Menschen einst
für das Jenseits und die himmlischen Freuden vor-
zbereiten habe.
Mein Abate wollte das nicht gelten lassen,
z
F. wenn gleich er in den weltlichen Angelegenheiten sehr
F genau ewandert war und dieselben, so weit sie
-mit seinem Orden zusammenhingen, niemals aus dem
F - atuge peror. Es gab also beweiie zeuich lebhakte
F Erdrterungen über das, was für mich zulässig sei, was
z
nicht; aber wir befanden uns damals noch in dem Zu-
F stande einer verhältnißmäßigen Unbefangenheit und
z-
z Duldsamkeit, und es kam dem: Abate vor allem Anderen
darauf an, seine Stelle in unserem Hause nicht zu ver-

F lieren und meine Erziehung nicht in andere Hände
e - übergehen zu lassen. Er sah also möglichst darüber
E
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d;
Es
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hinweg,
kreuzten,
von ihn:
deckten
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und zeigte
begehrte.
Anander
erkennen lernte,
m versehen n
nes Vaters und seine Ansichten sich
Seine Klugheit und seine Vorsicht
vollständig, daß ich erst sehr spät
r er war und wessen man sich von
we
tußte
sich nicht eben strenger, als man es

Kapitel 03

g
mir
I -rsten sechszehn Jahre meines Lbens gingen
auf diese Weise, wie ein einziger schöner Tag dahin.
Ich schwamm wie die Engel des Himmels in einem
Meere beständigen Behagens; ich pries wie sie, an jedem
Tage die Gnade Gottes, die mich in das Leben gerufen
und in die schbne Welt gesezt, und ich hätte mich nicht
zu sehr gewundert, wenn mir plözlich ein paar Flügel
gewachsen wären, mich damit emporzuschwingen, um mit
vollem Blicke aus der Höhe zu überschauen, was auf
der Erde Erfreuliches für mich vorhanden war. Ich
verlangte sehr nach diesen Schwingen, und heute noch
glaube ich, ihre Keime stecken dem Menschen irgendwo
im Blute, weil wir Alle in der Jugend uns nach ihnen
sehnen.

=z
Leider kamen jedoch bei mir die Flügel nicht zum
Durchbruch, wohl aber sproßte mir der Bart; und ein
Besuch, den wir zur Zeit der Villeggiatur in unserem
Schlosse empfingen, brachte eine völlige Revolution in
mir hervor.
Ein Vetter meiner Mutter, der bei einem der
Aufstände in der Romagna seinen Tod gefunden, hatte
seine Wittwe und seine einzige Tochier mittellos zurück-
gelassen, da das ohnehin nicht sehr bedeutende Vermögen
- des Vaters von der Regierung eingezogen worden war.
Nichts war Donna Erminia geblieben als ihre Trauer
und der stolze Name ihres verstorbenen Gatten, und sie
--- hatte es deshalb für ein Glück zu halten, als meine
Eltern ihr das Anerbieten machten, die Tochter in einem
F der rdmischen Klöster erziehen zu lassen, in welchem sie
F. später den Schleier nehmen, und für das sie von meiner
F Mutee die Ausstattung und Mitgist empfangen sollte.
Wir befanden uns in unserm Schlosse in Gebirge,
und waren im großen Saale des Erdgeschosses beisammen,
als der Wagen des Vetturins, welcher die beiden Frauen
zu uns brachte, in den Park einfuhr.
Meine Mutter ging ihnen geflissentlich bis unter das
Portal entgegen, um der Dienerschaft und den Gästen damit

a
s

4?
anzuzeigen, auf welchem Fuße sie Donna Erminia behandelt
wissen wollte, obwohl sie nur mit der Kutsche eines gewöhn-
lichen Vetturins bei uns anlangte; und sie rief, diese
Weisung zu verstärken, auch mich heran, den Aussteigenden
jene Dienste zu leisten, welche man sonst den Dienern
zn überlassen pflegte.
Einer unserer Leute nahm Donna
kleine Gepäck ab, das man ihr aus den
jedem andern Passagiere, hastig zureichte.
Erminia das
Wagen, wie
Als ich aber
ihrer Tochter dafür meine Hilfe anbot, weigerte diese sich
derselben, und mich
Lassen Sie es, Don
wohnt als Sie!
freundlich ansehend, sagte sie:
Benvenuto! ich bin das mehr ge-
Ich weiß nicht, wie Sie über die Gewalt der Liebe
und des Augenblickes denken, aber Julietta's Stimme und
ihr Blick trafen mich bis in das Herz. Es flammte
ein nie empfundenes Etwas in mir auf, ich fühlte mich
als einen Mann; ich war mit einem Male froher, als ich
es je gewesen war. Der Tag schien mir heller als je
zuvor, und doch war Nichts geschehen, als daß ein
fremdes Kind die Treppe unseres Hanses neben mir
emporstieg.
Wenn Sie sich deö kleinen, unter dem Nauen von

18
Dante's Beatrice bekayz, Bildes entsinnen, so wissen
Sa?
Sie, wie der Gegensiand meiner ersten Liebe aussah,
denn Julietta's Aehnlichkeit mit jenem Bilde war eine
vollkommene zu nennen. Es war dasselbe lichte Haar,
das sich in natürlichem Gekräusel um die classische
Stirn und um das feine Oval der Wangen schmiegte,
dieselben scharfgezeichneten Brauen und langen dunkeln
Wimpern über den tiefsinnigen und geheimißvollen
Augen.
Donna Erminia hatte nach ihres Gatten Tode den
kleinen Ort, in welchem sie mit ihm gelebt und in
welchem ihre Tochter geboren worden war, nie verlassen.
Julietta kannte also von der Welt nichts weiter, als
die menschenleeren Straßen jenes Städtchens, als die
verfallenen Gemächer ihres alten Hanses und den Garten
des Nonnenklosters, in welchem sie in die Schule, und
in dessen Kirche sie mit ihrer Mutter zur Messe ge-
gangen war. Sie hatte ihr dreizehntes Jahr eben erst
D
? zurückgelegt, aber sie war körperlich über ihr Alter ent-
wickelt, und in dem einsamen Stillleben mit ihrer
Mutter waren ihr Verstand und ihre Einsicht ihren
Jahren weit vorausgeeilt.
Während meine Augen sie immer wieder suchten,
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49
bemerkte ich doch den lebhaften Eindruck, welchen ihre
ungewöhnliche Schönheit auf die Männer machte, als
sie schüüchtern neben ihrer Mutter in den Saal trat, in
welchem man sich zum Mittagsmahle versammelte.
Mein Vater sprach ihr freundlich zu, ihre frühreife
Erscheinung lobend und bewundernd. Keiner der An-
wesenden unterließ es, ihr bei der Vorstellung ein
Zeichen der besonderen Theilnahme zu geben, und mit
eifersüchtigem
zu erspähen,
sei, wie sie
wende, dem
zu sorgen,
Dache, daß
he
Neide bewachte ich jeden ihrer Blicke, umn
ob sie auch diesen Männern so freundlich
es mir gewesen, ob sie sich nicht mir zu-
meine Mutter es aufgetragen hatte, dafür
daß es ihr wohlgefalle unter unserem
sie des Lebens froh werde in der großen,
rlichen Natur, welche in uuserem Schlosse sie umgab.
Da meine Mutter Donna Erminia als Cousine
anredete, gaben diese und ihre Tochter auch mir den
verwandtschaftlichen Titel, der Julietta's
verminderte, und es mir möglich machte,
traulicher zu nahen.
don
Schüchternheit
Freilich sah ich sie nie anders, als -
nich ihr ver-
Gegenwart
Dritten; aber jedes Beisammensein mit ihr erhöhte
??? b =--==== ---

der Anblick ihrer Schönheit meine bis dahin schlum-
- uuewden ?g =wee.
Bei der Dürftigkeit und Weltabgeschiedenheit, in
welcher Julietta herangewachsen war, mußte für sie
Alles neu und überraschend sein, was sie in unserem
- Hause antraf: sowohl die reiche Einrichtung und das
Wohlleben, als die Gesellschaft und der galante Verkehr
der Männer mit den Frauen, der sich deutlich kund gab;
ja selbst das Leben in der freien Natur, dem man sich
meist bis weithin in die nächtliche Kühle überließ. Ich
erwartete deshalb, daß dies Alles sie erfreuen und ver-
gnügen würde, weil. diese Genisse mir selber größer
und in einem neuen Lchte erschienen, seit ich sie mit
Julietten theilte; aber meine Vermuthungen be-
trogen mich.
Julietta betrachtete die ihr neue fremde Welt, wie
man ein Bild betrachtet. Man sah, daß dieselbe sie
anzog und beschäftigte, es kam jedoch niemals ein Wort
der Neberraschung, nie ein lauter Ausruf der Freude
über ihre Lippen, und meine Zärtlichkeit für sie betrübte
sich darüber. Ich meinte, wenn es mir nur gelänge,
das Richtige, das ihr Gemäße aufzufinden, so müsse sie
davon ergriffen werden, ihr schdnes Antliz müsse die
s

zp
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i==--
1
Freude widerstrahlen, und ihr Herz aufwallen, wie das
meine, so oft ich sie erblickte.
Natürlich war ich nicht der Einzige, dem ihre ab-
geschlossene Weise auffiel. Mein Abate rühmte die
fromme, der Welt abgewendete Erziehung, welche Donna
Erminia ihrer Tochter gegeben habe, und in der Ge-
sellschaft meiner Mnutter nauute einer der Männer sie
eines Tages die schöne Heilige.
Dazu schüttelte einer der älteren Cavaliere bedenklich
mit dem Kopfe. Man solle den Tag nicht vor dem
Abende loben und Niemand heilig sprechen, er sei denn
gestorben! warf er scherzend
Der Abate entgegnete,
dem Schutze ihres Klosters
ein.
die Signorina werde unter
in wenig Wochen den Ver-
suchungen der Welt entrückt sein.
Wenig Wochen sind eine lange Zeit und von hier
bis in das Kloster ist ein weiter Weg! gab der Cavalier
ihm zu bedenken.
Sie thun, als lebten wir noch in den Zeiten der
wegelagernden Barone! warf nteine Mutter ein, der die
Unterhaltung nicht gelegen kam. Aber da man nicht
gewöhnt war, sich in seinen Aeußßerungen einen Zwang
anzuthun, so blieb die Andeutung meiner Mutter ohne

Wirkung auf ihren Freund, und lachend sagte er: Der
Schönheit gegenüber sind wir Alle Wegelagerer, heute
wie vordem! und unter den schönen Augenlidern, welche
niederzuschlagen man Julietta gut gelehrt hat, liegen
Geheinnisse verborgen, die sie noch selbst nicht kennt.
Daß aber so hold geschwellte Lippen einst mehr noch
sprechen werden, als nur das Ave und den Engelgruß,
darauf nehme ich die Wette an.
Ich hörte nicht weiter, was sie sagten. Wie aus
einem brennenden Hause stürzte ich fassungslos hinaus.
Es versetzte mir Etwas den Athem; ich hatte eine
dumpfe Empfindung, als ob ein Furchtbares geschehen
sei, und daneben überkam mich der Gedanke, daß ich
Julietta retten, daß ich zurückkehren müsse, um ein noch
größeres Unglück zu verhüten. Nicht in den ärgsten
Verwickelungen, nicht in wirklichen Gefahren habe ich
im späteren Leben jemals solche sinnverwirrende Pein
gefühlt als an dem Tage.
Ich stürmte durch den Garten des Schlosses in
den Wald hinaus, ich wußte nicht weshalö. Ich warf
mich auf den Boden, sprang wieder empor, denn ich
meinte' Schritte, eine Stimme zu vernehmen - die
Stimme des Verhaßten, gegen den ich und mein zorniger

ls

Grimm doch Nichts vermochten. Ich sah mich um, und
fand mich ganz allein.
Sie waren ja sammt und sonders in dem Schlosse,
in welchem Julietia weilte; sie lauerten ihr sammt und
sonders auf! und ich, der Einzige, der sie heilig hielt,
wie die gebenedeite Mutter Gottes, ich, der sie warnen,
der bei ihr sein sollte, ich trieb mich wie ein irrsinniger
Träumer umher in des Waldes Einsamkeit.

Kapitel 04

-
s
lgreuten Sie es nicht, daß ich Ihnen von jener
ersten Liebe spreche. Sie war von entscheidender Wirkung
auf meine Zukunft, und ich möchte behaupten, daß man
im Allgemeinen das Liebesleid der frühen Jugend unter-
schätzt, weil man es so leicht vergessen sieht. Aber ab-
gesehen davon, daßß ein Martyrium nicht eben lange zu
währen braucht, um als ein solches emufuunden zu wwerden,
so hat die erste auflodernde Leidenschaft des Jünglings,
der sich selbst noch nicht versteht, der weit wehrloser als
der gereifte Mann der blinden Naturgewalt zum Opfer
wird, etwas Gewaltiges. Was wollen dagegen in späteren
Jahren die Herzenskränkungen und die Aufwallungen der
Eifersucht bedeuten, bei denen man sich an so und so
viel vorhergegangene ähnliche Erlebnisse erinnern kann?
bei denen man vergleicht, und mitten in welchen man

es mehr oder weniger bewußt empfindek, daß man auch
aus dieser Leidenschaft wie aus mancher andern hervor-
! gehen, und daß sie vielleicht nicht einmal die lezte

P
sein werde, die wir überwinden, nachdem wir ihr er-

legen sind?
Ich war schnell wieder in dem Schlosse; ich hatte

das Herz so voll, daß ich den Augenblick kaum erwwarten
konnte, in welchem ich Julietta sprechen würde. Weil
k
? die Gewohnheiten von Donna Erminia auch in unseren
s
Hause sehr regelmäßig blieben, durfte ich darauf rechnen,
sie und die Tochter um diese Stunde auf der Terrasse
f anzutreffen. Ich eilte die Treppe zu derselben hinan,
und in der That sah ich Julietta vor mir, aber ohne
ihre Mutter.
Hätte ich meinem ersten Eindruck nachgegeben, so
wäre ich, rasch wie ich gekommen war, davon gegangen;
hz denn statt der Freude, die mich sonst durchströmte, wenn
R
t
ich mich ihr nahte, fühlte ich jezt mit einem Male
ßJ- Nichts als eine große Augst.
z!
o
Ich hatte sie zuvor noch nie allein gesehen, und
E
z ich fand es unbegreiflich, daß ihre Mutter ste allein,
?
- allein den Männern hier zur Beute ließ, die es nicht
F, verhehlten, wie sie von den Frauen dachten. Weil ich
?

1

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7
ihr aber nicht mit einem Worte alle die Pein und
Hual aussprechen konnte, die ich in der letzten Stunde
um sie erduldet hatte, stieß ich ungeschickt und hastig
nur den Vorwurf heraus: Warum sind Sie allein
Julietta? Sie sollten nicht allein sein!
Sie sah mich mit Verwunderung an. Mein Ton
mochte ungebührlich geklungen haben, mein verstörtes
Aussehen sie befremden; und ruhig, wie sie stets zu
sprechen pflegte, entgegnete sie, ihre Mutter sei in ihrem
Zimmer noch beschäftigt.
So sollten Sie bei Ihrer Mutter sein! sagte ich
mit einer Energie, die mich noch in der Erinnerung
zum Lachen reizt. Denn ich habe manchmal im Leben
die Thorheit begangen, den Weibern gegenüber mit mehr
oder weniger Bewußtsein und Selbstgenuß den Helden,
den Tyrannen zu spielen! Herrlicher und größer bin ich
mir indessen nie vorgekommen, als an jenemt Abende,
an welchem ich es zum ersten Male unternahm, ein
hilfloses Geschbpf entgelten zu lassen, was ich ohne sein
Verschulden um dasselbe litt; und weil ich Julietta er-
bleichen und erröthen sah, erschien ich mir berechtigt
zu rathen, zu befehlen und gehorsamt zu werden. Aber
auch in Julietta regte sich die Natur, und der leeren

60
Anmaßung den gebührenden Troz entgegensezend, sagte
sie: Ich thue, was meine Mutier mir gestattet, Herr
Cousin!
Das brachte mich außßer mir. Ich war nicht mehr
fähig, zurüczuhalten oder zu verbergen, was mich
h
? peinigte, und ohne eine Ahnung zu haben von der Un-
ß schicklichkeit, die ich damit beging, sagte ich: Sieht es
denn Donna Erminia nicht, von welchen Gefahren Sie
F hir mgeben in? Sehen Sie -s nlcht? uen Sie es
f denn nicht selber?
!
H
Gefahren? Hier in Ihres Vaters Schloß? fragte
sie, indem sie ihre Augen auf mich richtete.

Sie sollen in das Kloster gehen, fuhr ich fort,
F aber die Männer finden Sie zu schön dagu --
Wie mögen Sie das sagen, mein Cousin! fiel
sie mir mit Abwehr ein, während sie in ihrem Erröthen
k
nur noch schöner aussah.
E
In meinem Eifer achtete ich auf ihre Worte nicht.
s?
h Man will Sie Ihrem heiligen Berufe abwendig machen,
K
t man stellt Ihnen nach, Julietta! rief ich. Sagen
s
R R-
?
k
sehen sollte.
k
E

Ich weiß nicht, wie diese Worte sich mir auf die
Lippen drängten, denn an Juliettens Fortgehen, an eine
Trennung von ihr, an die Möglichkeit sie nicht wieder
zu sehen, hatte ich bis dahin nicht gedacht; aber diese
Vorstellung überwältigte mich derart, daß ich, in Thränen
ausbrechend, ihr um den Hals fiel und sie in meine
Arme schloß.
Sie werden lächeln, wenn Sie dieses lesen, denn es
war allerdings nicht die geeignetste Art, Juliettenö
künftigen Beruf zu ehren; ich handelte jedoch nach einem
inneren Müssen im festesten Glauhen an meine selbstlose
Gewissenhaftigkeit und im vollen Seelenfrieden. Was
aber besitzen wir noch, was erleben wir noch mit solcher
Inbrunst und mit so wahrhaftem Genuß wie in der
Jugend, wenn wir es im reifen Alter bereits an uns
selbst erfahren haben, daß von allen unseren Erinnerungen
so gar Weniges in der Gestalt bestehen bleibt, in der
es uns zuerst erschienen; daß wir zweifeln lernen an
Allem, woran wir einst wie an ein Uuwandelbares fest
geglaubt haben, ja endlich an uns selbst, an unserem
Lieben und an unserem Hassen, an unserem Denken und
Empfinden, an unserem Thun und Schaffen! -- Damals
jedoch war ich von der Vorstellung solcher Möglichkeiten


e
glücklicher Weise noch sehr weit entfernt. Ich empfand
Nichts als die Wonne, Julietta in mteinen Armen zu
halten, und einen bitteren Schmerz, da sie sich mir ent-
ziehen wollte.
Lassen Sie mich, um der heiligsten Madonna
willen, lassen Sie mich! riek sie aus. Ich hielt sie
indeß nur um so fester in meinen Armen, und alle die
Plane vergessend, welche für meine wie für ihre Zukunft
von den Eltern entworfen worden waren, bat ich wieder
und wieder: Geh' nicht fort, Julietta! geh' nicht fort!
denn ich überleb' es nicht!
Muß ich nicht? sagte sie leise, während ihre
Abwehr nachließ und ihr Köpfchen auf meine Schulter
sank. Ihr klagender Ton, ihre hervorbrechenden
Thränen fielen mir lähmend auf das Herz. Ich ließ
die Arme sinken, und wie ein Paar gute Kinder, die
wir waren, setzten wir uns Hand in Hand auf eine der
Steinbänke nieder, die auf der Terrasse im Schutz der
Taxuswände standen, um uns weinend wieder in die
Arme zu fallen, Jeder das eigene Schicksal und das des
Andern beklagend.
Plözlich stieg jener thörichte Gedanke in mir empor,
der sich in jebem Jüngling bei solchen Anlaß als die


nächste Hilfe regt. Ich beschwor Julietta, mit mir zu
fliehen. Ich betheuerte ihr, daß ich mich auf meine
Amme, wie auf deren Tochter und deren Sohn, der in
den Marken lebe, verlassen könne. Ich sei bereit ge-
wesen, meinen Eltern zu gehorchen, wie sie ihrer Muutter;
aber, sagte ich, seit ich Dich gesehen habe und Dich
liebe! -- und wie die Worte mich selber üüberraschend
über meine Lippen gekommen waren, erschrak ich davor,
daß ich verstummte, und war doch stolz sie auögesprochen
zu haben und es nun zu wissen, was mich durchglühte
und was ich für Julietta fühlte.
Ich warf mich, hingerissen durch mein eigenes Ge-
ständniß, und mit dem Bewußtsein, daß sich dies auch
fo gehöre, ihr zu Füßen, ich umschlang ihre Knie mit
' festen Armen. Sie hatte ihr Gesicht in ihren Händen
verborgen -- so traf uns ihre Mutter.
Natürlich sah ich Julietta nicht mehr wieder. Mein
Abate erklärte am nächsten frühen Morgen, daß er seinen
Bruder zu besuchen denke, der zwanzig Miglien entfernt
in einem kleinen Orte eine Pfarrstelle bekleidete, und ich
erhielt, ohne sie erbeten zu haben, die Erlaubniß, ihn
dorthin zu begleiten.
Wir blieben ein paar Wochen aus. Die Tage

ag
6
wurden mir durch ös1,zehnsucht nach Julietta, wie
durch die ErmahnungeHßtnd Bußübungen, zu denen ich
s
verurtheilt ward, in jedem Sinne zu einer Strafe; aber
Julietta's Bild wich nicht von mir, und da mein Abate
mich streng überwachte, wurden alle meine Plane, mich
auf irgend eine Weise der Geliebten kund zu geben, un-
ausführbar.
Als wir dann endlich zurückkehrten in das Schloß,
hatten Donna Erminia und ihre Tochter dasselbe bereits
verlassen. Niemand redete mit mir von ihnen, Niemand
schien sich ihrer zu erinnern. Es war, als ob sie gar
nicht dagewesen wären.
An diesem Widerstande erstarkte die Empfindung,
welche Julietta mir eingeflößt hatte. Ich sprach mit
ihr in meinem Herzen, während mein Abate mir die
Messe las. Ich machte Verse an sie, wenn ich meinen
Rosenkranz zur Buße beten mußte; indeß das Alles
befriedigte mich nicht. Ich wollte sie sehen, ihr Bilb
vor Augen haben, denn das Portrait der Beatrice, dem
man sie so ähnlich gefunden, war in unferem Hause in
der Stadt. Was blieb mir also übrig, als mir selbst
ihr Bild zu machen!
-

Man hatte mich zeitig im Landschaftszeichnen
unterwiesen, hatte sich des Geschickes gefreut, das ich
dafür zeigte und mich doch abgehalten, Figuren und
Portraits zu zeichnen, wozu ich weit mehr Neigung
fühlte. Jezt gab mein Verlangen, Julietta's Bildniß
zu besizen, mir die Feder und den Stift in die Hand,
und wie unvollkommen das Köpfchen auch gewesen sein
mag, das ich zu Stande brachte, ähnlich war es in
der That-- sehr ähnlich -- und das war Alles, was
ich davon forderte.
Ich bedeckte meine kleine Zeichnung mit meinen
Küssen, ich faltete sie zusammen, sie bei der Reliquie
zu verbergen, die ich seit meiner Firmelung auf der
Brust trug, und ich fühlte mich dadurch in Julietta's
Schutz und Nähe.-- Nun ich aber die Möglichkeit
gefunden hatte, mich also mit der Entfernten zu be-
fchäftigen, ward ich nicht müde zu versuchen, ob ich sie
mir nicht darzustellen vermöchte, wie sie neben mir
gestanden, wie sie dagesessen hatte, als ihre Mutter uns
getrennt; und es konnte denn nicht fehlen, daß bei
diesen Versuchen der Abate mich betraf, daß ich geloben
mußte, auf das Zeichnen so lange zu verzichten, bis
man mir die Erlaubniß dazu geben werde.
F Lewaso, Benvennto. l.

Dies Gelöbniß machte mir schweren Kummer, aber
ich gelangte sehr bald dahi,y mit demselben zu halten,
wie der Jesuitismns be;ee es mit solchen Ver-
sprechungen ü berhaupt zu thun pflegt, und die Arglist
des Herzens half mir auf den rechten Weg. Ich fing
zu modelliren an, weil ich angelobt hatte, das Zeichnen
einzustellen, und das Modelliren gelang mir über all mein
Erwarten. Ich traute meinen eigenen Augen nicht, als
ich aus dem Wachs, das von den Altarkerzen in der
Haus-Capelle niedergeflossen war, ein Köpfchen im
kleinsten Masßstab und doch unverkennbar, sich unter
meiner Finger Druck gestalten sah, und eine neue Freude,
groß und überraschend, wie die Liebe, und überwältigend
wie sie, durchströmte mich, als ich es unternahm, die
Flechten nachzubilden, die den kleinen Kopf umgaben,
die Lbckchen mit der Nadel in demu Wachse anzudeuten,
welche sich lieblich um Juliettens schöne Stirne
kräuselten.
Wie ich voll beglücktem Staunen stets vor ihr
gestanden, so hielt ich jezt das kleine Köpfchen in der
Hand. Ich konete nicht begreifen, daß ich das selbst
gemacht. Ich hätte es zerstören mögen, um mich zu
überzeugen, daß ich es wieder machen könnte, es erschien

e?
mir wie ein Wunder, das mich aber sehr beglückte; und
ohne irgend zu erwägen, was ich damit that und preis
gal, eilte ich in meiner Mutter Zimmer, stellte das
fingerlange Köpfchen vor ihr auf den Tisch und wie
sie, es erkennend, Juliettens Namen nannte, warf ich
mich mit dem Ausruf: ja, meine Mutter! ja! -
Julietta!-- und ich habe diesen Kopf, ihr Ebenbild,
gemacht!-- in meiner Mutter Arme und an
ihre Brust.
Mein: aneh lo! war gesprochen; die Zukunft
hatte es zu bethätigen.

Kapitel 05

Fizz Vater und die männlichen Gäste des Hauses
hatten sich der Jagd zu Liebe für einige Tage entfernt,
und da die zurückgebliebenen Frauen dadurch der gewohnten
Gesellschaft entbehrten, wurden ich und mein plözlich
wahrgenommenes Talent ihnen zu einem willkommenen
Gegenstande der Unterhaltung.
Bei der großen Nolle, welche die Liehe, und kleine
Liebesabenteuer in dem Leben unserer unbeschäftigten
Frauen spielen, war es dem unter einander eng ver-
trauten Kreise nicht unbekannt geblieben, weshalb man
mich so plözlich aus dem Schlosse fortgeschickt hatte,
und ein Verliebter darf, auch wenn seine Liebe nicht
ihnen selber gilt, des Antheils aller Frauen sich meist
versichert halten. Daß mich die Liebe erfinderisch
gemacht, daß sie mich die Begabung hatte entdecken
lassen, die in mir bis dahin geschlummert hatte, war

A
sehr nach dem Sinne und dem Geschutack der schönen
Einsamen. So fand ich mich denn, ohne zu wissen,
was mir geschah, von ihnen mit einemmale beachtet,
seit meine Mutter in der Freude ihres Herzens ihnen
das wächserne Köpfchen vorgezeigt hatte, dessen Aehnlich-
keit mit seinem lieblichen Originale sie, trotz seiner un-
behilflichen Ausführung, ganz unverkennbar nannten.
Da sie sehr daran gewöhnt waren, ihren WilO,
=weu=. tue a iawonn f wF
Seite, als mein Abate mir nun auch das ModellirA
alö eine mich zerstreuende und für mich unnütze Be-
schäftigung nicht gestatten wollte. Unrecht hatte er
damit freilich von seinem Standpunkte aus keineswegs,
denn ich dachte nichts Anderes mehr, ich mochte auch
von gar nichts Anderem mehr reden hören. Ich war
völlig hingenommen von der Neugier, zu versuchen, was
mir etwa gelingen möchte, und wenn meine Mutter es
auch in der Ordnuung fand, daß ich von meinent Abate
in gewohnter Weise beschäftigt wrde, so widersetzte
sie sich dennoch seiner Forderung, mich aus ihrer
Freundinnen Gesellschaft zu entfernen, die für die
Absichten, die man mit mir hegte, allerdings nicht die
fördersamste sein mochte.


Meine Mutter wünschte es selbst zu sehen, wie ich
mich bei dem Modelliren anließ. Man wußte mir
also einen groben Thon zu schaffen, ein Brett war bald
zur Hand, und die schöne Donna Carolina, deren scharf
ausgesprochenes Profil kaum zu verfehlen war, bot sich
mir zum Sitzen an. Die ganze weibliche Gesellschaft
wohnte lachend und scherzend meiner Arbeit bei. Man
bewunderte es, als ich Etvas herzustellen begann, das
man für den Anfang eines Reliefbildes gelten lassen
konnte, und ich erntete des Beifalls Fülle, da die
Aehnlichkeit mit meinem Original sich herauszustellen
anfing.
Daß ich ein Genie sei, ein großer Künstler werden
wütrde, daß ich Geistlicher nicht werden diürse, das stand
für die glaubensvollen Schönen schon in den ersten
Stunden fest; und da sie es nicht waren, welche mich
in der Welt zu versorgen hatten, kümmerte es sie auch
nicht, daß man mich nur darum für die Kixche bestimit
hatte, um sich der Pflichten gegen mich auf bequeme
Weise zu entledigen.
Meine Mutter indessen wußte das genau, sie wußte
auch, daß mein Vater von seinen Willen nicht algu-
gehen pflegte; aber geneigt, sich ihre sanfte Seelenruhe

?
nicht zu trüben, gab sie sich der Hoffnung hin, daß
mein künftiger Beruf mir Muße lassen würde, mich mit
den schönen Künsten nach Gefallen zu beschäftigen; und
einmal in dem Zuge, mich für ein bevorzugtes Talent
zu halten, zählte man die Klosterbrüder auf, die sich
in der Malerei heroorgethan, wie man sich mit Vorliebe
der plastischen Kunstwwerke erinnerte, die in alter und
neuerer Zeit von den berühmtesten Meistern zur Ver-
herrlichung des christlichen Cultus geschaffen worden
waren.
Die Namen des Fiesole, des Fra Bartolomeo, hatte
ich von je gekannt. Ich hatte die Christus-Statue und
die Pietä des Michelangelo in Snntu Kuria sopru
inerra und in Sanct Peter gesehen, und von dem
herrlichen Crucifix des zum Marchese d'Istria erhobenen
Canova oftmals sprechen hören. Ich hatte gekniet vor
der lieblichen Gestalt der heiligen Cäcilia in Trastevere,
und war in Rührung versunken vor Bernini!s heiliger
Theresei Aber heute schlugen alle diese Namen mit
nuem, fremdem Klange an mein Ohr, und ohne recht
zu wissen, was ich sagte, stieß ich die Worte aus: , Ja,
eine heilige Cäcilia, die möcht' ich machen können!
Die Damen lachten über meinen Eifer, und Donna


Earolina, deren kecke Einfälle sprichwörtlich geworden
waren, rief, indem sie mir auf die Schulter klopfte:
, Thun Sie das, mein Leber! es werden sich schon
Nonnen finden, Ihnen gottgefällig zu Ihren weiblichen
Heiligen als Modell zu dienen.'
Mir stieg das Blut zu Kopf. Meine Mutter wurde
roth vor Unwillen. Sie machte der Sizung mit einemt
Vorwande ein rasches Ende und es kam zu keiner andern
mehr. Aber während ich noch vor wenig Tagen nichts
Anderes begehrt hatie, als mir ein Bildniß von Julietta
zu verschaffen, kam jetzt allmälig der Gedanke in mir
auf, daß ich ein Künstler werden müsse, und Geistlicher
nicht werden könne und dürfe.
Gefügiger und achtsamer auf des Abate Lehren
. ward ich dadurch nicht, denn mir lag gar nichts mehr
im Sinne, als meine neu begonnene und so plötzlich
unterbrochene Arbeit. Das stolze Profil der Marchesa
war mir wie eingeprägt. Ich sah es deutlich vor mir,
auch wenn ich ferne von ihr war. uh suchte sie trozdem
lebhafter, bewußter, als ich Julietta kurz vorher gesucht,
und der ermunternde Zuruf, mit welchem sie mich stets
begrüßte, ihr freier, verheißungsvoller Blick, ihr neckendes
Wort und die Zutraulichkeit, in welcher sie sich gegen

-
mich in aller Freiheit gehen ließ, berauschten mich und
nahmen mich gefangen.
Donna Garolina war freilich alt genug, meine
Mutter sein zu können, aber doch noch jung genug, um
Bren fünfzigjährigen Gatten viel zu alt für sich zu
finden, um auch Erfahreneren als mir den Kopf zu
verrücken, und vor Allem jung genug, um meine un-
verhohlenen Huldigungen belustigend für sich zu finden,
s
wenn keine besseren sich ihr boten. Doch gab ich nF
damals über dieses Alles keine Nechenschaft. Se SF
eben Donna Carolina, und sie spielte mit mir wie ein
Kind mit seinem Balle. Sie schleuderte mich gen Himmel

?. und warf mich wieder auf den Boden. Sie nannte
n mich ihren Sohn, ihren lieben Benvenuto, oder Herr
g.
? Marchese, wie es ihr gefiel. Sie schmeichelte mir und
F schalt mich aus, sie hieß mich einen einfltigen Jungen,
s- wenn sie nicht in der Laune war, mich bei Dingen
ernsthaft um Nath zu fragen, von denen ich Nichts ver-
K- stehen konnte. Sie ermahnte mich am Morgen nach-

- drlcklich, mich dem Willen der Meinigen nicht zu wider-
? setzen und in den Dienst der Kirche freudig einzutreten,
während sie mir zwei Stunden später die schönen Hände
auf die Schulter legen, und mir tief in die Augen
A
P
b

R
sehend, mich beklagen konnte über das mir zugedachle
harte Schicksal.
Sie ein Pfaffe? rief sie eines Tages, nimmer-
mehr! Aber vergessen Sie es, wenn Sie ein Künstler,
und ein berühmter Künstler werden, niemals, mein
Lieber, daß es Ihre Freundin Carolina gewesen ist, die
Ihnen eine glänzende Zukunft prophezeit hat.
Ich küßte ihr die Hände, sie entzog sie mir. Ist
das die Art, in welcher man einer Dame seine Dank-
barkeit bezeigt'? fragte sie scherzend. Ich warf mich
ihr zu Füßen, und spbttisch scheltend rief sie: Schämen
Sie sich, Don Benvenuto! Ziemt es Ihnen, dem goit-
geweihten Jünglinge, vor einer Frau zu knieen? Waä
würde die fromme Julietta, die Sie zum Künstler machte,
dazu sagen, wenn sie den künftigen Pater Benvenuto
knieen sähe vor einer Sünderin, wie ich?
.ch lebte wie in einem Schwindel, wie in einem
Nausche. Ich kam nicht zu mir selbst, und Donna
Carolina hatte dafür gesorgt, daß meiner Mutter war-
nende Bemerkungen ohne Einfluß auf mich blieben.
Offen und in aller Anderen Beisein hatte sie es
ausgesprochen, daß die Familie fast in allen Fällen sich
ihren von der Natur bevorzugten Mitgliedern feindselig

erweise, bis sie anfange, dieselben für ihre Zwecke aus-
zubeuten.
Das Talent, das Genie, sagte sie, ist allezeit
genöthigt, sich seine eigene Bahn zu suchen. Es kostet
die Familie Nichts, die Jugend und die Schbnheit ihren
Zwecken unterthan zu machen, feurige Kräfte, große
Begabungen niederzuhalten, wenn dieses dem Vortheil
oder dem Vorurtheil der Familie angemessen scheint.
! Hat man mich gefragt, rief fie, piözüich auf ihr eigene
? Schlesaü deutend, ob ich, als man mich scze ,,F
-
weltfremd mit fünfzehn Jahren aus dem Kloster nahm,
geneigt sei, des Marchese Frau zu werden? Oder fällt
ihm selber jemals auch nur die Frage ein, ob ich an
- seiner Seite glücklich sei, und wie ich mit dem Leben
fertig werde?-- Leider kann ein Mädchen sich nicht
helfen und nicht retten; wir müssen wohl gehorchen.
- Ein Jüngling jedoch, der seinen Willen nicht durchzu-
setzen weiß, ist ein Feigling, wenn er kein Schwach-

s kopf ist!
Keineä ihrer Worte ging an mir verloren, und
jedes fachte die Leidenschaften, die in mir glühten, eine
die andere steigernd, höher an. Ich erwartete mit Un-
geduld die Rückkehr meines Vaters, um ihm zu erklären,

7
wie ich niemals Beruf gefühlt hätte, mich dem geistlichen
Stande zu weihen, wie nur die Ehrerbietung gegen seine
Befehle mich gehindert habe, ihm dies schon lange aus-
zusprechen, wie ich aber jezt, da ich mein eigenes Wesen
erkennen lernen, ihn um die Erlaubniß bitten müsse, mich
der Kunst widmen zu düürfen.
Wort für Wort sann ich mir die Nacht hindurch
die Rede aus, die ich vor meinem Vater zu halten
dachte. Ich wollte vollkommen offen gegen ihn sein,
ihm nicht verhehlen, wie ich darauf gekommen sei, mir
Juliettens Bildniß zu machen; während ich aber für
dieses Geständniß noch den rechten AuSdruck suchte, fiel
es mir plözlich auf, daß ich alle die Tage hindurch an
Julietta kaum gedacht, wenn Donna Carolina mir nicht
von ihr gesprochen hatte. Auch in dem Angenblick, daß
ich sie mir vergegenwärtigte, kam sie mir wie ein halbes
Kind vor und ich erschien mir älter, viel älter als sie,
und sehr viel männlicher und reifer, als an dem Tage,
da ich sie an meine Brust gedrückt hatte. Ich lächelte
umwwillkürlich, als ich auf jene Stunde zurücksah. Sie
dünkte mir, wer weiß wie fern, und es trennten mich
doch nur ein paar Wochen von derselben.
Das machte mich stuzig. Werde ich Donna Carolina

8
auch vergessen, wenn ich sie nicht mehr sehe? fragte ich
mich, und was ist die Liebe, was ist die Erinnerung,
wenn sie so rasch vergänglich sind?
Es fuhr mir kalt durch's Herz, der Dämon des
Zweifels hatte es mit frostiger Hand berührt. Ich fing
, zu feagen, z grübeln an; mein Glaube an mtich
selbst, an Liebe und an Treue wurde unsicher und
wankend. Nur daß ich Donna Carolinenä Bildniß machen
müsse, so großartig, wie ihr stolzer Kopf vor nF
inneren Auge schwebte, das stand in mir fest, u ße
diesem heroischen Vorsatze schlief ich ein.
Am frühen Morgen brachte der Reitknecht von dem
Vater Botschaft. Die Jagdgesellschaft sollte zur Mahlzeit
wiederkehren. Ein Edelmann, der, wie ich hatte sagen
hdren, für Donna Carolinens begünstigten Verehrer galt,
sollte mit den Jägern zu uns kommen und für einige
Tage bei uns bleiben.
Die Nachricht trieb mich, Donna Carolina aufzu-
suchen. Ich war unruhig, sie sah mir's an, und die
Ursache errathend, sagte sie in meiner Mutter Beisein:
- Sehen Sie Ihren Benvenuto an! wie er mir folgt!
wie er mich überwacht! Ich glaube in Wahrheit, er
hält mich nicht allein für ein brauchbares und geduldiges

81
Modell, sondern er bildet sich ein, in mich verliebt zu
sein! Nehmen Sie sich in Acht, mein Sohn! was wird
mein Mann zu diesem Ihrem Einfall sagen? und der
Herr Vater und Ihr Herr Abate?
Ich war keines Wortes mächtig. Meine Mutier
verwies ihr diese Art des Scherzens, die weder meinem
Alter, noch meinem künftigen Berufe angemessen sei, aber
Donna Carolina hielt man nicht leicht in Schranken.
Warum haben Sie ihn denn hier im Hause,
fagte sie, statt ihn in dem Collegio in Sicherheit zu
bringen? Wer ängstlich ist, muß den Zunder vor dem
Feuer wahren. Er hat ein zärtliches Herz! Er kann
nicht anders, er muß lieben. Er wird immer lieben!
Er liebte Sie, er liebte Julietta und nun auch mich,
und wie sollte er nicht, da er die Seele eines Künstlers
hat! -- Lieben Sie nur immer frisch drauf los, mein
Benvenuto, das ist das Beste! Man muß lieben,
wie man athmet - um zu leben, um zu fühlen, daß
man lebt.
Ein paar Stunden später kamen die Männer in
dem Schlosse an, und das Zwischenspiel, dessen komische
Figur ich gewesen war, haite seinen lezten Act gehabt.
?OF --- ==- - =

mich. Die Erzählung der Jagdabenteuer nahm die Ge-
sellschaft in Beschlag.
Spät Abends, als man in der Frische der Nachtluft
noch auf der Terrasse weilte, um sich zu ergehen, sah
ich Donna Carolina am Arme ihres Freundes von dem
mondbeglänzten Plane in die schattigen, verschwiegenen
Lorbeergänge nieder steigen.
Daß dies meine Andacht an dem Abende förderte,
möchte ich nicht behaupten; aber die Beiden dF
für sich selbst zu sorgen, nicht fir mich und
-P
Andacht!

Kapitel 06

Fünftes Capitel.

,t nächsten Morgen hatte ich mich kaum erhoben,
als mein Vater näch mir schickte. Er war ein strenger
Mann, und sein sarkastischer Geist gab seinen Tadel eine
schmerzende Härte.
Ich fand ihn allein in seinem Zimmer. Nun,
Signor, rief er mir entgegen, noch ehe ich ihm mit
einem Handkuß, auf welches Zeichen der Unterordnung
er von seinen Söhnen hielt, so lange sie in seinem Hause
lebten, den guten Morgen hatte bieten kdnnen, nuun,
Signor! Du bist in meiner Abwesenheit mit einem Male
ein Genie geworden, wie ich höre!
Ich war in großer Verlegenheit. Auf diese An-
sprache paßte die Rede, die ich mir im Stillen ausge-
klügelt hatte, ganz und gar nicht, und daß mit meinem
Vater nicht zu spaßen sei, wenn er in solcher Weise

8e
scherzte, darauf kannten wir ihn Alle. Dennoch ver-
suchte ich es, mit einem pathetischen: Erlauben Sie,
meins iheurer Vater! Aber über diesen Eingang kam
ich nicht hinaus.
Nichts erlaube ich! Nichtö! fiel er mir in's
Wort. Ich habe zu sprechen und Du hast zu schweigen
und zu hören. Ich habe Dich zu erinnern, daß Du
ein Armero bist, und daß Du Dich danach zu richten
hast! - Er üangte nach dem Tsche, und jezt eF!
wurde ich es gewahr, daß er Jliettens kiel szgF?
und das begonnene Reliefbild in seinem Zimmer hatte.
Er nahm die kleine Biste in die Hand, ließ seine
Augen flüchtig darüber hingleiten und sprach dann, in-
dem er sie wie ein werthloseä Stück Papier zusammen-
drückte: Weil Du Etwas zurecht geknetet hast, was
einem Menschenkopfe ähnelt, weil Du Geschick zum
Zeichnen hast, weinst Du ein Genie zu sein? Sieh um
Dich her! An jeder alten Mauer zeigen sich solche
Malerklnste; bei jedem Steinmmezen in Rom, bei jedem
Töpfer finden sich Bursche, die plastische Meisterwerke wie
die Deinen hier verfertigen. Er stieß dabei mit dem
Fuße gegen mein begonnenes Relief, daß es, auf den
Marmorboden fallend, in Stlcke brach.

?
Schon das Zerdrücken des Kopfes hatte mir leid
gethan, aber ich hatte die Zähne zusammengebissen. Alä
er jedoch auch das begonnene Bildnißß von Donna Ea-
rolina vernichtete, konnte ich mich nicht beherrschen,
und der Vorstellung Worte gebend, welche mich in
diesen Tagen oft beschäftigt hatte, sagte ich: Auch der
Canova, der große Marchese dJschia, war einst solch'
ein Bursche.
Der Canova! der
mein Vater höhnend,
Marchese dIschia! wiederholte
der neugebackene Marchese von
ehegestern! Ein Titel, gut genug für Einen aus dem
Volke, nicht für den Sohn eines Hauses, dessen Name
in dem goldenen Buche auf dem Capitol verzeichnet ist.
Gewiß! Canova war ein großer Mann, und die Kunst
ist etwas Großes! Indeß, einem Armero steht es zu,
die Künstler zu beschüzen, wenn er die Küünste liebt; sie
als Handwerk, als Gewerbe zu üben, das ist unschicklich
für ihn.-- Soviel für heute von der Kunst, Signor!
Das war in seinem Sinne eine ganz richtige aristo-
kratische Lehre, nur daß sie bei mir nicht auf den
rechten Boden traf, denn vor dem gebieterischen Worte
meines Vaters ward ich es erst völlig inne, wie glücklich
mein geringes Können mich machte, wie rasch und tief

88
der Wunsch sich in mir festgesezt hatte, von dem mir
zugedachten Berufe loszukommen, um mich ganz der
Kunst zu weihen. Mein Vater ließ mir indeß nicht die
Zeit, ihm dies auszusprechen.
Soviel von der Kunst! wiederholte er, und
nun zum Nebrigen, Signor! Er hatte bis dahin in
seiner spottenden Art gesprochen; jezt zogen seine starken
Brauen sich zusammen, und mich mit einem Blicke
messend, den zu scheuen wir gelernt hatten, spraO -
Nun zu dem Sohne, der sich gegen seines VaeF
Willen auflehnt, der sich gegen seines Vaters Dach ver-
sündigt hat.
Die Anklage fiel mir hart auf's Herz. Ich rief
mit flehender Bitte, daß er mich hören möge. Er befahl
mir zu schweigen.
- Hast Du es nicht gewusßt, Signor, sagte er,
daß Du der Kirche dienen sollst? Hat man es Dich
nicht gelehrt, Signor, wie selbst den Wilden der Gast
geheiligt ist, der über seine Schwelle tritt? -- Er
machte eine Pause, die mir sehr lang erschien. Du
hast Dich unterfangen, sprach ec dann, einer Juung-
frau aus edlem Hause mit ungebührendem Begehr zu
nahen, die unter Deines Vaters Schuze stand. Sie und

89
ihre verehrungswürdige Mutter hast Du fortgetrieben
von der Stätte, an welcher ich und Deine Mutter sie
willkommen geheißen. Ist das der edle Sinn eines
Armero? ist das die Sittlichkeit des künftigen Priesters,
und der Gehorsam gegen mein Gebot?- Aber als
wäre es daran des Frevels und der Thorheit nicht bereits
genng, hast Du eä Dir in der Verblendung Deiner
Eitelkeit noch beikommen lassen, den Frauen gegenüiber
den Cavalier zu spielen, ohne zu bedenken, daß ein Junge,
der den Verliebten macht, ein Gegenstand verdienten
Spottes wird. Ist dies, Signor! das Ehrgefühl eines
Marchese von Armero?
Mein Vater hielt sein Auge fest auf mir, ich konnte
das meine nicht erheben. Ich fühlte mich Julietten
gegenüber schuldig, und die Gewißheit, mich vor Donna
Carolina lächerlich gemacht zu haben, brachte mich zur
Verzweiflung. Ich hätte weinen mögen vor Zorn und
Scham, nur daß ich mich durch meine Thränen vor
meinem Vater, der selbst an Frauen das Weinen als
eine Schwäche haßte, noch mehr zu erniedrigen fürchtete.
So stand ich sprachlos vor ihm da.
Nun, Signor! fuhr er mich an, wie lange soll
ich warten auf die Antwort?

Ich raffte mich zusammen, ich wollte sprechen und
f
, kennte doch das Wort nicht fnden.
Sprich! befahl mein Vater, Du bist ja vor
k
Donna Erminia's edler Tochter und vor Donna Caro-
lina beredt genug gewesen. Sprich jezt aus, was Du
zu sagen hattest, rechtfertige Dich, wenn Dn es kannst!
Ich vermochte es nicht, da ich gewohnt war, meinen
Vater für unfehlbar zu halten, und brachte endlich nur
das Geständniß heraus, das ich bedauere, ihn erzight
und gegen seinen Willen mich verfehlt zu haüe. F
Gut, daß Du dies einsiehst, entgegnete er mir,
Du wirst mir's also zu danken haben, daß ich es Dir
unmöglich mache, in Zukunft ähnliche Thorheiten zu
begehen und noch einmal in den gleichen Fehler zu ver-
s ==
Ich sah besorgt zu ihm empor, er ließ mich nicht
t -
z, Iange im Ungewissen über seine Absichten mit mir.
E
Ich habe bisher dem Wunsche Deiner Mutter,

E-
r Dich in ihrer Nähe zu behalten, gegen meine Neber-
f
zeugung und, wie es sich erweist, nicht eben zu Deinem
ß Vortheil nachgegeben. Du bedarfst festerer Schranken

F und strengerer Zügelung als bisher. Morgen in der
Frlhe wird der Abate Dich nach der Stadt begleiten,
d

I1
um Deine sofortige Aufnahme in das Jesuiten-Collegium
zu bewirken. Bis Du in dasselbe eintrittst, verläßt Du
in der Stadt Dein Zimmer nicht, und daä Gleiche ge-
schieht hier bis zu Deiner Abreise. Deine Mutter wird
zu Dir komnen, Dir Lebewohl sagen und in ihrer Be-
gleitung wirst Du Dich bei den Herren und Frauen
verabschieden, die unsere Gäste sind.
Ich hörte das wie ein Gottesurtheil an. Mi
einem von Natur nicht bösen Menschen hat man immer
leichtes Spiel, wenn er über sein Verhalten kein gutes
Gewissen hat, und der Befehl meines Vaters, das Schloß
zu verlassen, kam mir in dem Augenblicke sogar er-
wünscht, denn mehr als alles Andere scheute ich mich
jetzt davor, Donna Carolina unter die Augen zu treten.
Dasß ich meine Studien im Collegium zu uachen habe,
nachdem ich durch den Abate, der dem Jesuitenorden an-
gehörte, zur Aufnahme in die rhetorischen und philo-
sophischen Klassen vorbereitet worden, das hatte ich
obenein ron je gewußt, und bis vor wenig Wochen hatte
ich es auch anders nicht verlangt.
Als aber mein Vater sich anschickle, das Zimmer
zu verlassen, überfiel mich der Gedanke, daß ich mit
meinem schweigenden Gehorsam, der meinem Schuld-

I
bewußtsein angemessen war, den Anschein auf mich laden
könnte, als unterwürfe ich mich für alle Zukunft dem
Willen meines Vaters, als entsagte ich den Hoffnungen,
welche ich auf die Auöbildung meiner kiinstlerischen An-
lagen in dieser lezten Zeit gebaut hatte, und all meinen
Muth zusammennehmend, rief ich, um es mit so wenig
Worten als möglich abgethan zu haben: Mein Vater,
für den geistlichen Stand fühle ich mich nicht gemacht!
Spare die Nedensarten! engegnee der Lr
mir, ohne eine Miene zu verziehen. Wie foltFß F,,
Beruf fühlen für Etwas, das Du noch nicht kennst.
Der Beruf wird Dir kommen, wenn Du in der Ge-
meinschaft derer lebst, in deren Orden zu treten Du
bestimmt bist. Daß Du dereinst die Maßnahmen segnen
wirst, die ich fltr Dich getroffen habe, dessen bin ich
sicher. Lebe wohl und vergiß es niemals wieder, welchen
Namen zu tragen, und welchem Hause anzugehören Du
die Ehre und das Glick hast!
Er reichte mir die Hand hin; sie nicht zu ergreifen,
sie nicht ehrfurchtsvoll zu küssen, wenn er sie mir bot,
würde mir unmöglich gewesen sein; aber wie ich seine
Hand berührte, konnte ich meinem Schmerze nicht ge-
bieten, und mich ihm zu Füßen werfend, sties ich, ge-

1
trieben von einer Gewalt, die stärker war als ich, die
Worte hervor: Entziehen Sie mir Ihren Namen, ent-
ziehen Sie mnir Alles, nur nicht Ihre Liebe, und lassen
Sie mich namenlos und unbekannt zu einem Meister
gehen, daß ich mich in der Kunst versuche!
Mein Vater wendete sich von mir ab.- Du
hast mit Deinem Vater, mit einem Manne zu thun,
nicht wie bisher mit Weibern, sagte er mit Strenge.
Steh' auf! ich will nicht gehört haben, was Du da
Vermessenes und Niedriges gesprochen hast! Steh' auf,
und Nichts weiter mehr davon!

Kapitel 07

z ch hatte in den nächsten vier und zwanzig Stunden
volle Muße darüber nachzudenken, wie ich dem mir
bestimmten Lebensweg anöweichen könne, ohne eine Wahr-
scheinlichkeit dazu zu finden, bis einer jener Zufälle,
welche man in der Dichtung als das roheste Auskunfts-
mittel zu verdammen pflegt, und die uns im Leben doch
häufig genug fördern oder hemmen, mir zu Hilfe kam.
Es ging an dem folgenden Morgen Alles genau
so vor sich, wwie es von meinem Vater angeordnet
worden war. Ich hatte im Beisein meiner Mutter
mich mit bitterer Beschämung von der Gesellschaft ver-
abschieden müssen, wir waren um die festgesezte Zeit
aus dem Schlosse aufgebrochen und ich hatte schon mehr
als eine Stunde in schweigender Niedergeschlagenheit
neben dem Abate in der alten Carosse gesessen, die uns
F. Lewal-, Benvenuto. l.

f
F
-
W8
s nach der Stadi bringen sollte, als wir vor uus, uitten
auf der Landslraße, eiuen zerbrochenen Wagen bemerkten.
f Näher herangekommen, erkannten wir in dem Eigen-
thümer desselben Monsignore Arrigo, den man an diesem
? Tage in meinem Vaterhause erwartete.
Er war einer der bekanntesten und beliebtesten
unter den römischen Prälaten. Geistvoll, fein gebildet,
sehr reich und einer der schönsten Männer Romö, war
er ein leidenschaftütcher Verehrer der Schbnheit in MF
?
wie in der Kunst, ein Lebemann in der vollsten A
n deutung des Wortes, und dabei von einem liebens-
würdigen Character und von gutem Herzen. Er hatte
? durch eine Neihe von Jahren erst in Frankreich, dann
in Desterreich in den Nunciaturen alä Sekretär und
- Rath fungirt, und seine Erfahrungen hatten ihm Geltung
und Einfluß in der päpstlichen Negierung verschafft.
h
s Mein Vater schätzte ihn, wie dieser Einfluß und seine
Eigenschaften es natürlich machten. Er war dazu ein
entfernter Verwandter meiner Mutter, die ihn für ihren
besten Freund hielt, und da sie ihn zu einem meiner
-Pathen erwählt, hatte er von Paris aus, wo er sich
damals aufgehalten, das Versprechen gegeben, daß ich
Theil haben solle an der Freundschaft, die er für sie hege.
A
A


Man hatte sich also grade auch von ihm für die För-
derug meiner litftigen Laufbahn als Geisilicer, Bei -
stand versprechen dürfen, bis meines Vaters Absic!,
mich um des Familienbrauches willen in das Jesniten -
collegium zu schicken, Arrigo, der kein Freund der Jesuiten
war, unzufrieden gemtacht hatte.
Mir persönlich war er jedoch stets utit Vorliele
geneigt geblieben, ich sah zu ihm wie zu einem Ideal
empor; und noch ehe wir ihm, rasch ausgestiegen,
unsere Dienste hatten anbieten können, rief er uns mit
seiner fröhlichen, hellen Stimme seinen Gruß entgegen.
Das heißt einmal recht als ein Benvenuto erscheinen!
sagte er. Es ist gut, daß Du daran gedacht hast, mir
entgegenzunkomuten, oder war's darauuf nicht abgesehen?
setzte er hinzn, als er bemerkte, daß wir Koffer auf den:
Wagen hatten.
Der Abate klärte den Irrthum mit der Bemerkung
auf, daß er angewiesen sei, mich in das Collegium z
bringen.-
Jetzt? mitten in den Sommerferien, da dic
frommen Väter mit den Scholaren in den Villeggiaturen
sind? Welch' ein Einfall! -- Es scheint Dir auch kein

s
1
sonderliches Vergnügen zu gewähren, Söhnchen! meinte
Arrigo, indem er mich betrachtete, und ich verdenke Dir
das nicht, die Luft ist ganz abscheulich in der Stadt.
Aber wir sprechen mehr davon, wenn wir erst wieder
unterwegs sind. Werft mnein Gepäck auf diesen Wagen,
gebot er seinen Leuten, und bleibt hier zurück, ich werde
Euch aus dem Schlosse die nöthige Hilfe schicken.
Er stieg mit diesen Worten in unsern Wagen, um
unter dem Verdeck desselben vor den heißen IF
struhlen Scy z suchen. ud utüigte us. ihnc
folgen. Das war jedoch nicht des Abate Meinuung.
Sie machen es recht, Monsignore! sagte er,
denn man erwartet Sie bei guter Zeit, aber erlauben
Sie, daß ich mit Benvenuto hier auuf die Rückkehr des
Gefährtes warte.
Arrigo wurde aufmerksan. Was soll das heißen?
und was bedeutet Ihre feierliche Miene? Schickt man
Dich zur Strafe fort?
Meine Verlegenheit hinderte mich zu antworten,
der Abate bejahte die Frage an meiner Statt.
Du siehst auch wie ein armer Süinder auö! scherzte
der Gutgelaunte. Sprich! aber rede Du selbst. Was
hast Du denn verbrochen?

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Seine Heiterkeit machte mich neben dem feierlichen
Gesichte deä Abate und in der Erinnerung an die
Strenge meineä Vaterö ganz verwirrt, und obschon ein
Hoffnungsstrahl in mir aufleuchtete, fehlte mir doch der
Muth, es auszusprechen, was mir geschehen war.
Geduld war indessen deä Monsignore Sache nicht.
Vorwärts! vorwärts! rief er, rede! Waä kannst
Du denn begangen haben? Gemordet hast Du nicht,
beraubt wirst Du Niemand haben. Ungehorsamt konmnt
neben Deinem Vater nicht leicht auf-- was kann eö
also sein?
Monsignore haben trotzdem das Richtige getroffen,
sagte der Abate, sich meine Verlegenheit zu Nuize machend.
Benvenuto hat es sich beikommen lassen, gegen die Ab-
sichten des Herrn Vaters, gegen dessen Anordnungen sich
aufzulehnen.
Und deshalb diese verzweiflungsvolle Miene? Du
siehst ja wie ein junges Mädchen aus, das man auf
verbotenem Wege antrifft. -- Ah! das also ist's, mein
?
Sohn! rief er, da das Gesicht bei seinem Scherz mir
glühte. Ein Liebeshandel! nun verstehe ich! Ja, das
ist freilich eine andere Sache, und der Graf hat wohl
an Dir gethan! Aber steige vor allen Dingen ein! dem
-- ? JIgpJFäeessaBszse==a.=== ==- -

1
Sonnenstich sollst Du deshalb nicht verfallen! steig' ein!
und Sie, Abate, thun Sie desgleichen! Ich trage dem:
Grafen gegenüber die Verantwortung.
Der Abate lehnte diese Aufforderung jedoch ebenso
entschieden als höflich ab. Er sagte, daß die Verant-
wortung, welche Arrigo übernehmen wolle, ihn nicht
! seiner Pflicht entbinden könne; er habe sich unabweislich
s an meines Vaters ausdrücklichen Befehl zu halten. In
? zwei Stunden köne das Fuhrert mik frischen PferdF
- wieder hier zur Stelle sein, der Wagen des Mouflzu.»F
schütze uns vor der Sonne, und es bleibe uns dann
noch vollauf Zeit, die Stadt vor dem Abende zu er-
reichen. Aber mit seinem Widerstande hatte der Abate
nur Arrigo's Eigenwillen aufgeregt, und gewohnt zu
- befehlen, sprach er: Nun gut, so bleiben Sie in Ge-
horsam hier auf Ihrem Posten; Ihr Zögling aber wird
s mit mir gehen, mich während des Weges zu unterhalten.
? Vorwärts also! In den Wagen, mein Sohn! Und
Kutscher, in das Schloß!
Ich war nicht so thöricht, mir den angenehmen
Befehl erst wiederholen zu lassen, denn obschon mir nicht
ganz leicht um das Herz war bei dem Gedanken, meinem
Vater gegen dessen Willen unter die Augen zu treten,
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A
A

1R
hatte ich doch die Vorstellung, daß ein Mann wie Mon-
signore Arrigo gewis; Nichtö unternehmnen wüürde, was
für ihn oder für sonst Jemand von verdrießlichen Folgen
sein könnte; und die Auösicht auf das Collegium war
mir in der lezten Zeit so widerwärtig, mein Wunsch,
vor dem geistlichen Stande bewahrt zu werden, so
dringend geworden, daß ich mich jedem Hoffnungsstrahl
begierig zuwendete, der sich unir zu zeigen schien. Ich
wußte zudem so gut wie alle Anderen, daß Arrigo ein
Gegner der Jesuiten war, wußte auch, daß meine Mutter
sicherlich zufrieden sein wüürde, wenn man füür mich eine
Aussicht eröffnete, im Laienstande ein schickliches Fort-
kommen zu finden; und über dieä Alleä hinaus ver-
gnügte mich die knabenhafte Schadenfreude, mit Mon-
signore Arrigo in das Schloß zurückzukehren, während
mein Abate es für angemessen hielt, in aller Qual der
Sonnenhitze auszuharren, um sich den Anordnungen
meines Vaters gehorsam zu zeigen und sich dem Willen
des Prälaten nicht zu unterwerfen.
Als wir eingestiegen waren, forderte Arrigo mich
auf, ihm ehrlich zu bekennen, was geschehen sei, und
fragend und nachhelfend, wo meine Verlegenheit das

11
Wort nicht auszusprechen wagte, erfuhr er Alles, was
er wissen wollte.
Und Du bildest Dir also ein, daß Du etwas
machen, etwas werden könntest, Söhnchen! sagte er,
das müsßte man allerdings erst sehen, um daran zu
glauben; aber für Den, der springen will, ist überall
ein Rhodus da!-- Hier! - und in die Wagentasche
greifend, nahm er das Brod heraus, das man uns zunt
Juiß mitgegeben hatte, reichte es uir hin unb !-F
lachend: Mache mir das Blniß Deiner SchduIF
wenn Du kannst!
Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, sondern
- fing an, den lockeren Teig mit einigen Tropfen Wein
zusammenzukneten, bis er sich gestalten ließ, und von
der Hoffnung auf Befreiung, wie von der Eitelkeit ge-
trieben, that ich mein Bestes, während Arrigo in be-
ständigem Gespräche mit mir blieb und sich, wie ich
dies deutlich herausfühlte, über meine Bildung und Ge-
sinnung zu unterrichten suchte.
Es war nicht das erste Mal, daß ich mich in Er-
mangelung besseren Materials deä Brodes fite meine
Arbeit bediente, und ich hatte in den ersten Tagen nach

1
meiner Trennung von Julietten, ihr Köpfchen troz der
Lerbote und troz meiner geleisteten Versprechungen so
oft ganz unwillkürlich dargestellt, daß es mir sehr ge-
läufig geworden war, und daß ich denn auch während
der langsam entporsteigenden Fahrt es einigermasßen zu-
sammenbrachte.
Aä ich es dann meinem Pathen mit der Ver-
sichernng hinreichte, daß ich e besser machen köne, besh
er eö achtsam, ohne jedoch ein Wort dariber zu ver-
lieren und sprach, wwie man mit einem spielenden Kinde
wohl zu thun pflegt: Gut! nun mache rasch ein
Pferd! und als ich ihm gehorcht und in groben Um-
rissen ein laufendeä Pferd zusammengeknetet hatte, und
dann auf seinen weiteren Befehl auch noch einen Juungen
darstellte, der den Dudelsack, die Zampogna, spielte,
drückte er daä Alles in einen Klumpen zusammen und
fragte: Aber einen Paier Jesuiten, kbnntest Du den
machen? oder reicht Deine Kunst so weit noch nicht?
Sein freundlicher Blick, der heitere Ton seiner
prächtigen- Stimme gaben mir Zuversicht und muthiges
Vertrauen in ihn und mich, und mit dem Nebermuth
der Jugend, der durch die strenge Zucht der lezten
Wochen unnatürlich zurückgedrängt worden war, stellte

1e
ich, wenn auch plump genug, das Spottbild eines
betenden Jesuiten dar, daä Arrigo zu lautem Lachen
brachte.
Bravo! rief er, gut gesehen und gut gemacht!
schweig aber still, wenn wir einfahren in daä Schloß,
schlage die Augen nieder und schäme Dich, wie es Dir
flr Deine Dumheit von Nechtswegen gebührt, mit
Deinen sechszehn Jahren neben der gottgeweihten Julietta
den Noeo zu spielen. Dei Vater hat woßs an?F-
Dich fortzuschicen, und ich werde der Ltte sein, SF
zu hindern sucht, daß Du zu Deinem Gouverneur und
mit ihm in die Stadt zurückkehrst. Von den Weiteren
wird später vielleicht zu sprechen sein! Mache Dir in-
dessen keine falschen Hoffnungen, mein Lieber! Eines
Vaters Wille ist Gesez für seinen Sohn; also Gehorsam
und Gebuld! doch will ich sehen, was etwa für Dich
zu thun sein möchte.
Wir waren während dessen vor den Schlosse vor-
gefahren. Da man Monsignore Arrigo erwartete, kam
die Dienerschaft herbei. Auch mein Vater und verschiedene
der Gäste, welche sich gerade in den nach der Auffahrt
belegenen Zimmern aufhielten, traten auf die Balkons
vor ihren Fenstern hinaus, und man war allseitig nicht

u?
wenig erstaunt, statt den Wagen Arrigo's den unseren
vorfahren zu sehen, und in demselben den Monsignore
mit meiner Wenigkeit zu entdecken.
Dee Räthsel war mit wenig Worten rasch gelöst.
Mein Vater konnte, ohne seinen Gast zu tadeln, nicht
daran denken, mir einen Vorwurf aus meiner Anu-
wesenheit zu machen; man sendete augenblicklich die
nöthige Hilfe in das Thal hinunter, die zerbrochene
Kalesche herauufzuholen, und der Abate erhielt die
Weisung, mit derselben zurückznkommen, da unser Ab-
gang nach der Stadt um neue vierundzwanzig Stunden
aufgeschoben werden solle.
Das erhöhte meinen Muth wie meine Hoffnung,
und ich hatte alle Zeit, mich in dem Bereiche der
Möglichkeiten gemächlich zu ergehen, denn ich speiste
allein mit dem Abate, und nur meine Mutter kan
einen Augenblick, mich zu besuchen, ohne sich jedoch über
das inzwischen Vorgefallene mit einen Worte aus-
zulassen.
an der nächsten Frühe, als der Wagen, der uns
nach Nozn zu bringen hatte, wieder vor der Thüre stand,
wurde ich zu meinem Vater in sein Gemach beschieden.
Ich fand ihn mit meiner Mutter und mit dem Mon-

1
signore meiner wartend; auuch der Abate war bei
ihnen.
Ich habe Dich rufen lassen, sagte mein Vater,
damit Du in meinem Beifein Deinem verehrten Pathen,
Monsignore Arrigo, für die Theilnahme dankst, die es
ihm gefällt, Dir zuzuwenden. Du hast einen Beschützer
und Fürsprecher an ihm gefunden! Er hält es für
möglich, daß wirklich eine klnstlerische Anlage in Dir
verborgen ist, ud hat sich erboten, Dir die Gelegens
zu ihrer Ausbildung versuchsweise unter seine LF
zu gewähren. Du wirst in unserm Hause bleiben, bis
Monsignore Arrigo in die Stadt zurückkehrt, dann siebelst
Du in das seine über-- und es wird danach von
Deinem Talent, von Deinem Fleiße und von der Meinung,
Deines großmüthigen Beschützers alhängen, welchen Lebens-
weg man Dich nach der Probezeit, die wir für Dich
festgesezt haben, einschlagen lassen soll. Deine Studien
und Deine geistlichen Nebungen sezest Du inzwischen
unter der Leitung des Herrn Abate fort! Das Nebrige
wird Dein Herr Pathe fir Dich anordnen.
Mache seiner Güte Ehre und Deinem Namen keine
Schande!
Mein Vater reichte mir darauf, ohne mich anzu-

s
1
fehen, die Hand zum Kusse, meine Mutter umarmte
mich zärtlich; Arrigo's geistvolles Gesicht sah noch zu-
versichtlicher als gewöhnlich aus, und mir auf die
Schhultern klopfend, sagte er: Ende deä Monats bin
ich in der Stadt und dann, mein Lieber, heißt es an
die Arbeit! Du hast zwei Jahre Zeit! Bist Du dann
nicht auf dem Wege zum Olymp, so heißt es rück-
wärts, und in das Colleg!-- Und somit Lebewohl!
auf Wiedersehen!
ggäggggä AFpgE RFF

Kapitel 08

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z-lit dem Tage begann der eigenkliche Frühling
meines Lebens, und mein Beschüüzer war die sreunudliche
Sonne, die ihn mir erschuf. Er war ebenso, wie man
es mit mir beabsichtigt hatte, von seiner Familie gegen
feine Neigung demt geistlichen Stande gewidmet worden,
weil man das Vermögen des Hauses dem ältesten Sohne
auöschließlich zuzuwenden gewünscht.
hatte sich diesen Berechnungen nicht
Sohn war schwermüthig geworden,
Jndeß das Schicksal
gefügt; der älteste
und das sehr be-
deutende Familienerbe war dadurch nach seiner Eltern
Tode an Monsignore Arrigo gefallen, der es in schönem
Lebensgenusse mittheilsam und fröhlich zu verwenden
wußte.
Er hatte in seinem Glauben an meine künstlerische
Anlage, den ich heute noch zu segnen habe, meinem
F. Lewald, Benvenuuto. l.

1
Vater ein Anerbieten gemacht, das ahzuweisen elbst
dessen starrer Sinn Bedenken hätte tragen missen. Ich
sollte zwei Jahre ihm überlassen, von ihm in die Lehre .-
zu dem berühmtesten Bildhauer von Nomt gegelen
werden, den er mehrfach beschäftigt hatte und der zu
seinen Freunden zählte. Erwies es sich innerhalb dieser
Zeit, daß man Hoffnungen auf meine Künstlerlaufbahn
gründen dirfe, so wollte er mich dieselbe ganz und gar
auf seine Kosten vollenden lassen, und uir, sv 1-VF
bebte, ein Jahrgeld, nach seinem Tode aber el. Ee
zuwenden, welches mir ein, dem Namen meiner Familie
angemessenes Auftreten in der Gesellschaft möglich machen
würde. Schlügen die Erwwartungen fehl, die er für mich
hegte, so sei es dann immer noch früh genug, mtich in
den Orden Jesu aufnehmen zu lassen, und es sollte mir
dann auch in der Soutane andauernd seine Förderung
gesichert bleiben.
Gleich nach des Monsignore Rückkehr in die Stadt
siedelten also der Abate und ich nach dem Palazzo
Arrigo über. Er hatte uns einige nach dem Garten
gelegene Zimmer in deun Erdgeschosse desselben einge-
räumt, und in diesen auch eine kleine Werkstatt für
mich herrichten lassen. Material und Geräthschaften für
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die Arbeit fand ich vorbereitet, obschon ich mich der
lezteren noch gar nicht zu bedienen wußte, sondern gan.;
naturwüchsig mit den Fingern modellirte. Auf einemt
Borde an der Wand waren ein paar kleine Torsen,
einige Büsten, einige kleine Figürchen in guten Ab-
güssen aufgestellt; auch an Vorbildern für die einzelnen
Gliedmaßen fehlte es nicht, und mein Beschützer verlies:
mich inmitten dieser köstlichen Besizthüimter uit der Be-
merkung, es stehe mir jetzt völlig frei, mich nach Be-
lieben zu beschäftigen. Hätte ich etwas zu Stande ge-
bracht, das er gelten lassen könne, so würde von dem:
Weiteren zu sprechen sein.
Er ging
Nebengemache
meinem Leben
das kam mir
Ich suh
davon, mein Abate richtete sich in dent
ein, ich blieb mir zum ersten Mal in
für ein paar Stunden selber überlassen;
ganz unglaublich vor.
mich um; eine weiße Arbeitsblouse hing
-an der Wand und sie vollendete mein Glück. Ich hatte
immer mit einer gewissen Mißempfindung an den Tag
gedacht, an welchem ich mein gewohntes Kleid mit dem
schwarzen langen Rocke zu vertauschen haben würde; die
Blouse erschien mir also wie das Sinnbild meiner Frei-

heit. Ich konnte mich kaum enthalten sie zu kitssen,
F

116
als ich, meinen Rock von mir werfend, sie über meinen

F Kopf streifte; und mit der göttlichen Zuversicht, deren
P die Jugend zu ihrem Gllcke nie ermangelt, rief ich es
K
L mir selber wie einen Eidschwur zu: in hoc signo
z rneos!
Damit hatte ich nun freilich nichts weiter gethan,
F als den Vorsatz ausgesprochen, meiner Neigung naehzu-
?
gehen, da die Umstände mir so günstig waren; und
mühelos wie ein Königserbe sezte ich mich in den NF
zugefallenen Reiche fest.
Oz
ach versuchte es in den folgenden Tagen, eine
kleine Minerva nachzubilden, weil sie mir nicht die
? Schwierigkeit der nackten Gestalt zu überwinden gab;
ich eopirte einen Fuß und eine Hand, ich ließ mich
endlich darauf ein, das Reliefbild eines der Gärtner-
burschen zu unternehmen und war eines Nachmittags nach
Verlauf von sechs, acht Wochen in voller Arbeit, als
Arrigo mit einem mir fremden Manne in meine kleine
Werkstatt eintrat. Es war kein Geringerer als der
- große Meister, der mein Lehrer werden sollte.
Er war damals selbst erst in die jugendlichen
Mannesjghre eingetreten, aber sein Name stand unter -
den Bildhauern Jtaliens schon neben dem von Canova
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in erster Reihe fest. Er hatte seine Psyche und Venus,
seine liegende Venus, welcher Aor den Dorn aus deut
schönen Fuße zieht, und andere uythologische Gestalten
bereits vollendet, hatte mit gleichem Erfolge ein lebenö-
großes Crucifi; für eine der großen toscanischen Städte
modellirt, und verschiedene bei ihn bestellte Heiligen-
gestalten wwaren von ihuu in Augriff genouurn worden.
g,
h war in der Verehrung der Kunst erzogen, obschon
mein Vater ihre Ausübung für einen Edelutann uicl
schicklich erachtete, und ich sah deöhalb zu den Gefeierten,
der über meine Zuukunft zu entscheiden hatte, wie zu einer
Gottheit ehrfurchtsvoll empor.
Er betrachtete mein Machwerk und nannte es fir
Einen, der keinen Unterricht genossen habe, gut gefühlt
und nicht ungeschickt gefertigt. Es schien ihm auch zu
gefallen, daß ich die Blouse der Sontane vorzog, das;
ich den Ehrgeiz hatte, ein Künstler zu werden; und mit
freundlich ermunterndem Worte nahnt er mtich unter seine
Schi:ler auf.
Damit war der erste Schritt gethan, und ich lebte
in einem beständigen Freudenrausche. Der freie Verkehr,
dessen ich im Atelier uit den andern Schülern theil-
haftig wurde, hatte als etwas mir ganz Ungewohntes

11=
den höchsten Reiz für mich, und weil meine Mitschüler
mir, um meines Namen willen, antheilsvoll begegneten,
weil sie mich ermunterten, gewann ich die ungemessenste
Vorstellung von meinen Anlagen. Hätte ich in jenen
Zeiten mteiner Meinung von mir selbst den entsprechenden
Ausdruck geben sollen, so hätte ich anfangen müssen, an
der Statue zu arbeiten, von der ic üllerzrugt war, daß
man sie mir dereinst errichten wülrde.
Jndes: uit der wachseden Eiesichi iu da« WIF
der Kunst, j in das blose Haedert bers-iben, fogs
die Ernüichterung dem Frendenrauusche heilsau uach, bis
ich die Arbeit und die Ueberwindung der Schwierigkeiten
lieben und als Genuuß erkennen lernte.
Mein Abate, welcher sich zuerst nit den Absichten
meines großmüthigen Pathen sehr unzufrieden gezeigt
hatte, fing unter dem gastlichen Dache desselben sich, wie
es den Anschein hatte, mit ihnen auszusöhnen an, weil
er es Für möglich halten mochte, sie mit der seinen in
Mebereinstimmung zu bringen. Er war Jesuit geng,
sich überall den vorliegenden Verhältnissen fügsam an-
zupassen, sobald es galt, in denselben festen Fusß zu be-
halten; und wenn wir jetzt, wie das auch sonst geschehen
war, unsere Besuche bei den ihm befreundeten Brüdern
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t 10
im Jesuiten - Collegium machten, unterließ er es nicht,
mich jedesmal besonders darauf hinzuweisen, wie der
Orden sich unter seinen Mitgliedern auch bedeutender
Künstler zu rühmen gehabt habe, und daß derselbe die
Pflege der Kunst keineöwegs aus seinen Beschäftigungen
ausschließe.
Er mnachte utich aufuterksam darauf, daß es ein
Mitglied des Jesuitenordens, der Pater Grossi gewesen
sei, der den Plan zu der grosßartigen Kirche des heiligen
Ignatius entwworfen hale. Er ließ mich die Freökenu
bewundern, mit denen der Jesuitenpater Pogzi das
prächtige Tonnengewölbe der Decke geschmückt hatte, und
führte mich durch das Museo Kirchneriano im Jesuiten-
Collegium, dessen Kunstschäze ebenfalls von einemn Jesiten
gesammelt worden waren. Aber seit sich mir die Aus-
sicht eröffnet hatte, durch die Entwickelung meines Talents
vor dem Eintritt in den Orden bewahrt zu bleiben,
wirkten die Vorstellungen des Abate noch weniger auf
mich ein, als früher; und obschon er seine Macht über
mich mit aller ihm zustehenden Festigkeit aufrecht zu
erhalten strebte, konnte er sich nicht wohl darüber
täuschen, wie unser gegenseitiges Verhältniß mehr und
mehr ein ganz äußerliches wurde, und wie sehnsüchtig

k
12
ich den Tag erwartete, an welchem es endlich aufhören
F wurde zu bestehen.
Die zwei Probejahre, welche mein Vater m ir zu-
? gestanden hatte, brachten mich ein gut Stück vorwärts.
F Mein Beschüzer und mein Meister waren mit mir zu-
frieden, mit meiner Familie kam ich nicht häufig, eigentlich
F nur bei besonderen Anlässen zusammen. Meine Mutter
hatte, als sie sich für mich verwendet, mehr das glänzende
k
Ziel, als den mühevollen Weg im Auge gehabt; noZ
k
Vater sprach, wenn ich vor ihm erschien, niemaüs eF
f mir von meiner Bildhauerarbeit, sondern nur von den
Studien, welche ich mit dem Abate trieb. Er kan auch
nie in meines Meisters Werkstatt. Er mochte nicht
sehen, wie ein Jüngling, der seinen Namen trug, mit
riedrig geborenen Leuten die handwerksmäßige Arbeit
theilte, und er vermied es, mir die Hand zu reichen,
weil die Arbeit mir die Hand gehärtet hatte.
t
Eines Tages, als er mit einem seiner Freunde an
-- unserer Werkstatt vorüberfuhr, trat ich in der Blouse,
! utit bestäubtem Haar für einen Agenblick zufällig aus
- der Thüre derselben auf die Straße hinaus. Mein Vater
z sah mich, erkannte mich, wendete, als habe er mich nicht
? bemerkt, sein Auge von mir fort -- und ich lernte die
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z Ds
gewaltige Macht des Voruriheils innerhalb des Familien-
herkommens erkennen. Das brachte eine große Sinnes-
änderung in mir hervor. Eä verwies mich auf mich
selöst, und auf ein rücksichtsloses Streben nach meiner
eigenen Zufriedenheit.
Weil mein Vater Alles mit einer gewissen Förm-
lichkeit zu thun liebte, sollte denn auch die Entscheidung
über meinen künftigen Beruf in aller Forut vollzogen
werden. Monsignore Arrigo hatte deshall nach Verlauf
der beiden Probejahre meine Eltern und meinen Meister
zu einer Besprechung bei sich eingeladen, und obschon
ich gewiß war, welche Ansichten mein Meister und mein
Beschüzer äußern würden, war ich in großer Aufregung
und Spannung. Denn da ich die fortdauernde Abneiguung
meines Vaters gegen meine Künstlerlaufbahn kannte, fühlte
ich mich seiner Billigung meines Vorhabens noch immer
nicht versichert, und nur die Verstimmung, welche ich
an mteinem bisherigen Erzieher bemerken konnte, bestärkte
mich in der Hoffnung, daß man mir meine Freiheit
geben werde.
Als man mich hereinkomnen ließ, stand mein Vater
an dem Tische, auf welchemt man meine Arbeiten für ihn
aufgestellt hatte. Es war eine kleine Portraitstatuette

j -7D
mneines Beschüzers, die ich in seinem Hause auögeführt,
daneben eine verkleinerte Copie des berühmten Crucifixes,
das utein Meister geschaffen, und eine ganze Menge von
Skizzen, die ich im Laufe der beiden Jahre angefertigt,
und von denen ich später, wenn auuch in mannigfach ver-
änderter Gestalt, eine und die andere zu benuzen Ge-
legenheit gehabt habe.
Wir haben zu Nath gesessen über D:
umnein Vater, und der berühute hochgeehrte
der Dich seiner Unterweisung gewüirdigt, ist der
sagte
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öJa
daß man Dein Talent als ein nicht gewöhnliches zu
betrachten habe, daß es der Mühe lohne, es auszubilden,
weil es, richtig benutzt, Dir Chre machen könne. -
Merke das wohl, ich sage: Dir Ehre machen könne!
denn in unseremt Hause suchte bisher der Einzelne die
Vermehrung der Familienehre auf anderen Wegen.
gg A
Glauhz. Du Dein Glick zu finden im Betrieb der
Kunst?
Ich bin immer glücklich wenn ich arbeile, mein
Vater! sagte ich.
Aber Du kannst in Zukunft nicht arbeiten wie
bisher, allein zu Deiner Freude. Man wird Dir, wenn
es = -- wirklich glücken sollte, Dtch auszuzeichnen, Auf-
c=-

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träge geben. Du wirst nach fremdem Willen, umt Lohn
zu arbeiten, um den Preis Deiner Arbeiten zu feilschen
und zu markten
schuldigen Sie,
neigend, sezte e
eines
ich;



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?.
D.
e.

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Ich hoffe,
Signor! gegen meinen Meister ver-
hinzu: und Du trägst den Namen
aus altem Hause!
ihm keine Schande zu uachen, sagte
mein Lehrer und Meister--
- d . a- -
Stunde ab, mein Freund! von dieser Stunde ab, Mon-
signore, ist er der Ihre! - Ich hoffe, Du wirst es
Deinen edeln Beschützer nicht bereuen machen, daß er sich
Deiner annimmt, und Du wirst Deinem Erzieher, dem
Herrn Abate, für die Treue danken, mit der er Dich
bisher behütet hat. Du bist jetzt frei! Gebrauche Deine
Er
eiheit so, daß sie Dir nicht zum Unheil werde.
und
Er machte darauf ein Zeichen, daß er geendet hale,
ich fühlte, daß ich seine Lebe nicht wie sonst besaß,
dasß er sich mir entfremdet fand; aber Arrigo's frohe
Güte verscheuchte die Wolke, die mir diesen ersehnten
A
K
ß
Edelmannes
haben; und sich mit einem: Ent-
ugenblick verdüstern wollte.
Ich stehe für ihn ein! rief er, und sein Lehrer

.Il
und Meister wird das mit mir thun! Die Hand darauf,
mein junger Freund ! Wir wollen allesammt den Tag
erleben, an dem auch der Herr Vater mtit Dir zufrieden
sein soll. Bis dahin aber wollen wir unö in der
lchönen Welt, in die uns Gott gesezt, wie bisher des-
schdnen Daseins hoffnungsreich erfreuen!
Mein Vater lehnte es ab, ein Frühstück bei Arrigo
einzunehmen, der Abate entschuldigte sich mit Geschäften,-
meine Mutter sagte, fie hoffe mich jezt zum fk
bei sich zu sehen, ohne daß der Vater biese Elüavus
unterstützte. In mir kämpften widersprechende Em-
pfindungen.
=-g fühlte mich durchaus in meinem Nechte, fand
N,
- meinen Vater hart, nteine Mutter nicht güütig geng,
und hätte doch beide gern mit Kindesliebe um Ver-
zeihung dafür bitten mögen, daß ich gegen ihren Willen
handelte. So folgte ich ihnen schweigend und verlegen
bis zu ihrem Wagen.
Aber als derselbe dann fortgerollt war, als der
Abate mich verließ, ohne mich zu fragen, womit ich
mich die nächste Stunde zu beschäftigen gedenke, als ich
zum ersten Male, ohne ihn neben mir zu haben, mich
neben Arrigo und meinem Meister zu der Mahlzeit
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niederließ, da empfand ich mehr als je zuvor die
Sklaverei, welche in der unansgesezten Ueberwachnng
bis dahin auf mir gelegen hatte. Das köstliche Gefühl,
fortan empfinden und denken zu dürfen, ohne in jedent
Augenblick einem Anderen davon Rechenschaft geben zu
müssen, ließ mich endlich aufathmen, wie ein freier
Mensch es thut. Mich durchströmte auf einmal jener
starke, die ganze Zukunft umfassende Glaube an duis
eigene Können, der zugleich ein Glaube an das Sollen,
an das Mlssen ist; denn noch heute ist es wahr, daßß
der rechte Glaube, der Glaube an die eigene Kraft, Berge
versetzen und Wunder thun kann, je nach dem Masß
der eigenen Kraft. -- Nehmet einem schaffenden Menschen
den Glauben an sich selbst, und er wird ohnmächtig vor
Euch stehen, wie Sinson, den man seines Lockenschmtuckes
beraubte.

Kapitel 09

I., he.e in den lezten Zeilen von einer jener
schönen Stunden gesprochen, deren ich mich immer zu
erinnern liebe, weil sie eine schattenlose Glücksempfindung
in mir hervorruft.
Bis dahin hatte ich uur die Hälfte meiner Zeit
auf die Kunst verwenden dürfen; jezt gehörte ich ihr

ganz an. Meine Einbildungskraft regte sich nach meiner
Befreiung lebhafter, ich gewahrte auch die mich um-
gebende Wirklichkeit deutlicher und mannichfaltiger, seit
der Abate nicht mehr jeden meiner Blicke üllerwachte.
Aber obschon ich es mir mit immer neuer Freude vor-
hielt, daß ich frei sei, daß ich thun und machen
könne, was ich wolle, spürte ich jetzt weit weniger
Anreiz als vordem, das Verbotene, das Ungehörige
zu thun.

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F. Lwald, Benvenuuto. l.


9
Dagegen konnte ich, bald nach der ersten stolzen
Freiheitsfreude und dem zuversichtlichen Glauben an mich
selbst, einselbstquälerisches Grübeln in mirnicht unterdrücken.
Anfangs erschien mir dies uur komisch, und ich
hoffte es bald los zu werden. Ich hielt es für den
Schatten, den der von mir geschiedene Jesuit noch über
meinen Weg zurückwarf. Er hatte mich von frühester
Kindheit an so sehr daran gewöhnt, j,den meiner Ge-
danken zu beachten, um ihm Nechenschaft da gg
geben, und von ihm jeden meiner Gedanten auuf dessßh
s
geheimste Beweggründe zurückgefihrt zu sehen, daß ich
ganz unwillklrlich jezt das Gleiche an mir selbst vor-
nahm. Ich hatte es als einen wahren Segen für mich
zu betrachten, daß Arrigo's Heiterkeit mir über diese
selbstquälerische Unart forthalf. Ohne einen besonderen
Gehorsam oder ein besonderesVertrauen von mirzu begehren,
behandelte er mich wie einen Sohn, dem er mit seiner
Erfahrung zu Hilfe kommen, und von welchem er seine
Nathschläge befolgt zu sehen wünschte. Da er selber
sich keinen Lebensgenuß versagte, und an seine Zwecke
reichliche Mittel zu sezen gewohnt und in der Lage war,
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gewährte er auch mir eine Freiheit, die nicht ohne Ge- j
fahren für mich war.

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3
Ich hatte plözlich über ein verhältnis mäßig sehr
beträchtliches Jahrgeld zu verfügen, während ich vorher
über gar Nichts Herr gewesen war, und es für mich
schon zu den bemerkenswerthen Ereignissen gehört hatte,
wenn man mich einmal in das Theater gefiührt, oder
wenn mein Erzieher mit mir in einem Cafs ein Gla?
Sorbetto eingenommen hatte. Was mich aber daä
eberraschendste bedünkte, war, daß ich mich von der
Gesellschaft, in die ich unter dem Schutze von Mon-
signore Arrigo eintrat, mit Antheil und mit Gunst
beobachtet und empfangen fand, vor Allem von den
Jünglingen meines Alters und von den Frauen.
Ich wurde, um das einzig richtige Wort dafür zu
gebrauchen, ganz unverdientermaßen Mode, wie eine
neufarbige Tracht, wie ein neuer Hut; und Donna
Carolina war es, die mich in die Mode brachte? utit
all' der Keckheit, und doch wieder mit all' den Geschick,
mit welchem sie für sich selbst und an sich selbst die
übertriebensten Moden annehmbar erscheinen zu machen
wußte. Die Gesinnung ihres Publikums kam ihr dabei,
ich weiß nicht, ob zu meinem Glücke, auf halbem Wege
entgegen.
g -

In unserer damaligen Gesellschaft herrschte in Folge
der französischen Ronanlectüre der Glaube an die titanen-
haften Männer, die sich nuur durch Schrankenlosigkeiten
und Gewaltthaten genug thuun lounten, und an die er- -
habenen unverstandenen Frauenseelen, welche fitr diese-
Männer keine Opfer schheuten, denen ihr Rnf, ihre Ehre
gar Nichts galten, die mit allem Herkommen sehr bald
fertig waren, wenn und wo es darauf ankam, sich einem
dieser , Titanen. gleichvies welchem Stande nn F
dungsgrade er angehörte, frischweg an den Hals zu eit
Wo diese Hallgötter sich in unseren Kaffeehäusern, in
unseren Theatern und Salons zu ihrer Hihe heran-
gebildet, wo sie unter unserem Volke plözlich aufgetaucht,
oder was in den Seelen jener Frauen unverständlich sein
sollte, die in dem müßigsten Leben, in den gewöhnlichsten
Liebeshändeln ihre völlige Befriedigung, und für dieselben ,
weit mehr Duldsamkeit fanden, als von den Nauchkommen
eines Collatin und Cato zu erwarten stand, darüber
nachzudenken nahm man sich nicht die Mühe. Es ge-
hörte eben in der schönen jungen Welt zum guten Ton,
die Tyrannei der Sitte zu verwünschen, und für Jeden

ohne Weiteres Partei zu nehmen, der sich auf irgend z
eine Art mit den gewöhnlichen Verhältnissen in Wider- Z

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1B
spruch versezte. Ein Marchese Armero, der die Kituustler-
blouse anzeg, der seinem Vater nicht gehorsamt hatte,
den obenein ein vornehmter Prälat vor den Eiulritl ie
den geistlichen Stand bewahrt, und den er sich zum
Hausgenossen und zum Pflegesohn erkoren, hatte ebenso,
went nicht noch mehr Aussicht auf Erfolg, als die
Bauerburschen und Tischlergesellen, die in den Nomanen
von George Sand ihre Augen zu den Frauen der vor-
nehmen Welt erhoben und Erhörung von diesen fanden.
Dait die Sache aber noch einen besonderen Reiz
bekam, hatte Donna Carolina nicht ermangelt, die ein-
fache und oft dagewesene Historie, wie die Liebe mich
zum Künstler gemacht, mit so viel Zuthaten ihrer eigenen
Erfindung aufzustuzen, dasß sie wirklich einem Nomane
mehr ähnlich sah, als der schlichten Wirklichkeit und den
ersten Liebesregungen eines sechszehnjährigen Burschen.
Es war also in der That ein wahres Gllck fitr mich,
daß ich in meiner ernsten Hingebung an die Kunst ein
Gegengewicht gegen die Beachtung und die Anözeichnung
besaß, von denen ich mich ohne jegliches Verdienst mit
einemmale umgeben sah.
Während ich in der Werkstatt meines Meisters
:
mich in den folgenden Jahren der Erlernung des
?

11
Handwerks eifrig unterzog, fing ich zu Hause an, mich
öfter und immer öfter in eigenen Entwürfen zu ver-
suchen, und vor Allem war es die Gestalt einer trägi-
schen Muse, die mich viel beschäftigte. Ich hatie sie
frühzeitig unternommen und immer wieder verändert,
weil es mir nicht gelingen wollte, den Ausdruck geistiger
Erhabenheit in dem Kopfe derselben so überzeugend
auszudrücken, wie er mir in der Seele lebte, und wie
ich ihn bisher in der Wirklichkeit niemals angetroffen
hatle. Da machle uit einemu Mal eine unerwartete
Begegnung allem meinem Suchen und Schwanken rasch
ein Ende.
Vor jenen sechszehn, siebenzehn Jahren, als die
1eberfluthung Noms durch die Fremden noch nicht
begonnen hatte, welche, seit die Eisenbahnen uns so
nahe gerückt sind, unsere alten Gewohnheiten umgestaltet
hat, war, wie Sie sich erinnern werden, das gesellige
Leben, selbst der vornehmsten Gesellschaft, ein sehr ein-
faches, sehr zwangloses in Rom, und darum ein äußerst
angenehmes. Man war in der guten Gesellschaft völlig
unter sich, Einer kannte und würdigte die Verhältnisse
des Andern, man hatte also gar nicht nöthig, sich in
Scene zu setzen wenn man zusammenkam, und es
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herrschte damals noch die gute Sitte, daß die Frauuen
von Stande ihr Haus an bestimmten Tagen und
Stunden gedffnet hielten, um ihre Freunde zu einer
Conversazione zu empfangen, wobei denn mitunter die
Eine oder die Andere irgend eine besondere Art der
Unterhaltung, sei es eine musikalische oder literarische,
für ihre Gäste vorzubereiten, sich bemüht erwies.
Donna Carolina, die überall ihre eigenen Wege
zu gehen liebte, sah das ganze Jahr hindurch, wenn sie
nicht auf deu Laede var, ihre Freunde amn Sonnlag
bei sich, ehe man sich zu der täglichen Promenade auf
den Monte Pincio begab. Das waren die Vorntittags-
stunden, in denen die Frauen nicht viel mit sich anzu-
fangen wußten, während die Männer doch ohnehin auf
den Beinen waren; und so konnte sie also darauf
rechnen, immer von einer zahlreichen Gesellschaft auf-
gesucht zu werden, um so mehr, als sie gern die
Beschützerin der Künste spielte, und junge Künstler und
Künstlerinnen, die ihrer Studien wegen nach Nom ge-
kommen waren, vielfach an sie empfohlen wurden und
bei ihr anzutreffen waren.
Da sie die Glte hatte, mich zu den regelmäßigen
Besuchern ihres Eirkels zu rechnen, versäumte ich es


18
kaum einmal, mich bei ihr einzustellen; und es war
schon seit einigen Wochen die Nede davon gewesen, daß
Donna Carolina eine höchst interessante Entdeckung -
gemacht habe, daß sie ihren Gästen eine höchst eigen-
artige Neberraschung vorbereite, als sie an einem der
Sonntage Jeden der Gekommenen mit der ausdrücklichen
Bemerkung entließ, in der nächsten Woche nicht zu
fehlen, da sie ihren Freunden eine genußreiche Stunde
zu versprechen habe. Sie that dabei sehr geheimnißvoll,
wich jeder Frage, worauf es abgesehen sei, mit
ß Bestimmtheit aus, und machie dadurch die allseitige
Neugier derart rege, daß am Sonntag der ganze Kreis
z ihrer Bekannten fast vollständig beisammen war.
Die Erwartung machte uns Alle guter Laune.
Wir scherzten und lachten, wir bemühten uns in das .
Geheimniß einzudringen, und blickten endlich sammt und
sonders mit Spannung nach dem Nebengemache, in das
Donna Carolina sich zurückgezogen hatte. Endlich thaten
die Thüren sich auf und sie kehrte wieder, begleitet von
einem Mädchen, dessen Schönheit, selbst in unserm an
weiblicher Schönheit so reichen Vateclande, etwas
Ueberwältigendes hatte.
Das unverkennbare Erstaunen machte Donna
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Carolina Freude, und die junge Schöne einführend, die
sich mit edlem Anstande verneigte, sagte sie: Erlauben
Sie mir, meine Freunde, daß ich Ihnen eine junge
Landömännin vorstelle. Sie trägt den glückverküündenden
Namen Gloria und wird ihn zu verdienen suchen,
indem sie, wenn es Ihnen gefällt, einige Stanzen aus
dem befreiten Jerusalem vor Ihnen recitiren wird.
Die Anwesenden verlangten es gar nicht besser,
denn der Vorschlag verhieß ihnen zunächst schon den
Genuß,
können.
Zimmer,
das herrliche Mädchen ungestört betrachten zu
Man schaffte eine kleine Estrade in das
Gloria bestieg sie, und ruhig um sich
chauend, ließ sie es uns fühlen, daß sie es bereits
gewohnt sei, eine Versammlung mit dem Auge zu
beherrschen.
Sie war in der That eine unvergleichliche Erschei-
nung, diese hohe Gestalt, deren Arme und prachivolle
Blste daä nach der Antike gemodelte weiße Gewand in
ihrer ganzen Schönheit zeigte, während ein grüner
Epheukranz Zas schwarze Haar zusammenhielt, das ihr
in reichen Wellen lang herniederfloß. Und machtvoll,
wie ihr schöner Körper, waren auch ihre Stinme und
ihr Ausdruck.


118
Donna Carolina hatte für den Vortrag, den
Gloria halten sollte, jene Strophen des sechszehnten
Gesanges aus dem befreiten Jerusalem gewählt, in,
? welchen Armida es versucht, den Geliebten, der von ihr
s entfliehen will, zu sich zurückzufihren.
Mlle Augen waren auf Gloria gerichtet, und nach

j kurzem Schweigen begann sie die ersten Verse mit einem
feierlichen Zögern so nachdenkend zu sprechen, als
tauchten die Ereignisse, von denen sie zu reden hatte,
s nur langsam und allmälig in ihrer Erinnerung empor.
Ihre Art zu declamiren, ihr Mienenspiel, ihre
s
f Bewegungen waren nicht regelrecht und waren doch
F hinreißend, weil sie ein so eigenthümliches, durchaus
persönliches Gepräge trugen, daß man sah, hier habe
die Schule wenig oder Nichts, die freigebige Natur
h etwas Vollkommenes geschaffen. Nur langsam und
? ganz allmälig erwärmte sich ihr Vortrag und von
?
f dem Schmeichelwort, mit welchem Armida den Rinald
? an das Glüc vergangener Stunden mahnt, von der
flehenden Bitte, er möge ihr, der Herrscherin, vergönnen,
ihm zu folgen, als Sclavin ihm zu folgen, wenn er
ß wirklich von ihr scheiden müsse, bis zu dem Zorn
? verschmähter -Liebe, bis zu dem wilden Haß, der in
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dem glühenden Herzen der Zauberin gegen den Mann
auflodert, der sie zu verschmähen wagt, gelang es dem
wunderbaren Mädchen, die ganze Reihe der wechselnden
und sich steigernden Empfindungen in einer Weise aus-
zudrücken, daß es die ganze Versammlung an sich bannte
und mit sich fortriß.
Jeder von Gloria's Zuhörern gestand es sich ein,
daß er bis zu dieser Stunde niemals eine solche
Armida gesehen oder gehört, daß keine der berühmten
Künstlerinnen auf der Bühne die Zauberin so voll-
ständig nach dem Sinn des Dichters in sich verkörperi
und
wiedergegeben habe,, als eben dieses junge Mädchen.
Der Beifall, den sie hervorrief, die Bewunderung,
fnit welcher man sich ihr
nahte, als sie ihren Vortrag
geendet hatte und von
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Zufriedenheit, ein Lächeln des Dankes abgewonnen haben;
Gloria aber verzog keine Miene. Die breiten schweren
Augenlider senkten sich üüber ihr dunkles Auge, der
düstere Ernst, der mir bei ihrem Eintreten, troz
ihrer Schönheit, unheimlich an ihr aufgefallen war, lagerte
sich wieder über ihrer niedrigen und schmalen Stirn, die
feinen Lippen preßten sich wieder zufammen, und nur

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; mit Widerstreben schien sie auf die Fragen zu antworten,
s
; welche man von allen Seiten an sie richtete, während
ich nicht satt werden konnte, sie zu betrachten; denn
F jener Ausdruck von tragischer Erhabenheit, den ich in
- meiner Seele getragen, und den ich vergebens wiederzu-
? geben gestrebt hatte - in Gloria's Antliz fand ich
ihn verkdrpert.
Erst als sie sich nach kurzem Verweilen aus der
Gesellschaft entfernte, ward ich inue, dasß ich gar nicht
- zu ihr gesprochen hatte, ünd nun sie uns verlassen,
bestürmte man Donna Carolina mit Erkundigungen
- über die Weise, auf welche sie die Bekanntschaft Gloria's
gemacht habe. Man wollte etwas von ihrer Herkunft,
von den Verhältnissen erfahren, unter welchen sie lebte,
und die eine und die anderen waren dazu angethan, die
Theilnahme für sie womöglich zu erhöhen.
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einem jungen Manne aus guter Familie in eifersüchtigem
Jähzorn begangenen Mordversuches zu einer zwölfjährigen

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zu San Spirito getragen und war frühzeitig gestorben.

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Galeerenstrafe verurtheilt worden; die Mutter, ihres
Ernährers beraubt, hatte die Tochter in das Findelhaus
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. Ihr Vater, ein Handwerker aus Trastevere, war
zu der Zeit, in der sie geboren wurde, wegen eines an
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worden auf die besondere Weise, in welcher die Kleine
die auswendig gelernten Gebete sprach, und hatte daran
gedacht, sie, wenn sie das Alter überschritten haben
e, in einem der Klöster unterzubringen, in welchem

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Aber schon in dem Findelhause war man achtsam ge-
s.Irde, während dessen man die Kinder in San Spiriko
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man sich mit Erziehung und Unterricht beschäftigt.
Gloria war auch in einem solchen aufgenommen worden,
indeß ihr störriger Sinn und die völlige Unlust, welche
sie jeder Art von weiterem Unterricht entgegenlrachte,
hatten deit frommen Schwestern wenig Aussicht auf
Erfolg geloten; und ein solches Mädchen, das keine
Mitgift brachte, in dem Kloster lebenslänglich zu ver-
sorgen, hatten die frommen Schwestern nicht eben
wünschenswerth gefunden. Als daher Gloria's Vater,
nach verblißter Strafe halb erblindet, in die Welt
zurückgekehrt, und gekommen war, die Tochter, auf die
er seine Plane gründete, zurückzufordern, hatte man sie
ihm nicht vorenthalten mögen und kbnnen, da sie selber
mit ihm zu gehen und das Leben, das er zu führen
absichtigte, mik ihm zu theilen verlangt hatte.
Er war nämlich von Jugend an um seiner schönen
Stimme willen untex seinen Genossen bekannt gewesen,
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hatte noch ein mächtiges, wenn auch rauhes Organ,
und da er sich während seiner Sirafzeit gut gehalten,
war es ihm gelungen, sich die Erlaubniß zu erwirken,
als Bänkelsänger sein Brod zu verdienen. Dazu hatte
er eine Gehilfin ndthig, und die Tochier, welche immer
sehnsüchtig aus der Klosterzelle in die Welt geblickt,
hatte sich hocherfreut gezeigt über die Aussicht auf das
herumziehende Leben, das sich vor ihr aufthat.
. Der schöne, dem Erblinden nahe Mann, das schdne
Kind, fesselten, als sie zuerst die Hilfe der Vorüber-
gehenden in Anspruch nahmen, die Blicke an sich, und
Geschichte und die Mordthat auf die Leinwandstandarte,
deren er als herumziehender blinder Bänkelsänger nach
der Landessitte benöthigt war; und von Gloria begleiket,
die in der freien Luft und bei der beständigen Be-
wegung sich rasch und in aller ihrer Schbnheit ent-
wickelte, machte der Vater in der Stadt und in deren
Umgebung bald gute Geschäfte, so daß es ihnen auf
ihre Weise an keinem Nothwendigen gebrach.
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Griffe darauf zu thun, ein mitleidiger Künstler malte
ihm in guter Laune mit raschem Pinsel die Heiligen-
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begegneten vielen offenen Händen. Eine alte Guitarre
war bald angeschafft. Der Vater wußte die paar nöthigen
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Der Vater hatte seit Jahr und Tag seine beiden
Geschichten abgesungen, und Gloria dazwischen die
beliebtesten Volkslieder zum Besten gegeben, als bei
einer Wanderschaft ein Zufall ihr in einem ihrer
Nachtquartiere ein halbzerrissenes Buch in die Hände
spielte, das sie ebenso zufällig zu lesen begann, weil' sie
eben seit langen Jahren kein Buch mehr in die Hände
bekommen hatte. Es war ein Band des Tasso, der sich
einmal, wer weiß wie? in diese Herberge verirrt hatte,
und Gloria fühlte sich ergriffen von den Vorstellungen,
welche da Gedicht in ihr erweckte.
Unwillkürlich laä sie laut und lauter, man horchte
erstaunt. Niemand hatte in der Schenke jemals auf das
Buch geachtet, jezt nahm man den Vortrag aus dem-
selben mit Erstaunen auf. Man spendete Gloria
Beifall, man ließ sie noch einmal lesen, al Abendä
die gewohnten Gäste aus dem Flecken sich in der
Osteria versammelten, und nie zuvor hatte der Vater
mit seiner Heiligen- und Mordgeschichte, eine so reiche
Einnahme erzielt, als Gloria mit dieser ihrer ersten
Vorlesung.
Der Vater war ein kluger Kopf. Er sagte sich,
was in dem entlegenen Flecken gelungen war, könne und

11
werde auch anderwärts gelingen. Er hatte wenig Mühe,
für die schöne Tochter das bewußte Buch zum Geschenk
zu erhalten. Gloria lernte davon so viel man immer
wollte auswendig, und fing bald an, in denjenigen
Straßen von Nom, in welchen man auf Zuhörer unter
dem Volke rechnen konnte, einzelne Stellen aus dem
Heldengedichte herzusagen, nachdem der Vater seine
beiden Geschichten abgesungen hatte.
Bei einer Ausfahrt, bei welcher Donna Carolina
zusällig über Piazza Montanara gekommen war, hatte
die große Menge von Zuhörern, welche sich dort um
einen Bänkelsänger versammelt, ihre Aufmerksamkeit er-
regt. Sie hatte den Wagen halten lassen, Gloria's
große Schönheit und ihre eigenartige Gesticulation waren
ihr aufgefallen, obschon sie die Worte, welche das
Mädchen sprach, nicht hören können, und von allem Un-
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entsendet, um den Bänkelsänger mit der Tochter für-
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einen der nächsten Tage in den Hof ihres Palastes
- Der Bänkelsänger kam. Donna Carolina erkannte
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die außerordentliche Begabung des Mädchens, und ihr
gutes Herz, wie ihre Begeisterung für die Kunst, trieben

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gewöhnlichen rasch hingenommen, hatte sie ihren Diener
zu bestellen.
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sie zu dem Anerbieten, die Erziehung und die Aus-
bildung Gloria's auf ihre Kosten vollenden zu lassen.
Sie fand indeß weder den Vater noch die Tochter diesem
Vorhaben geneigt. Es war vergebens, daß sie ihnen
vorstellte, wie Gloria eine große Künstlerin werden, wie
sie und ihr Vater in Wohlleben und Reichthum leben
könnten, wie Gloria von den Mächtigen und Vornehmen
als Künstlerin gefeiert werden würde, statt daß sie jetzt,
ein unsicheres Brod essend, bei ihrem Herumziehen in
dem Lande, allen übeln Zufällen eines solchen Lebens
ausgesetzt bleibe. Der Vater schütttelte zu all' den Ver-
heißungen und Bedenken ablehnend den Kopf, und auch
auf Gloria machten die goldenen Berge, die man ihr
ersprach, nicht Eindruck.
Der Vater
Mächtigen und
Verlangen. Er
was sie werth
gut bewahrt, so
sagte, nach einem Leben unter den
Vornehmen trage er für Gloria kein
habe es zu seinem Schaden erfahren,
seien.
lange
Die Tugend seiner Tochter sei
sie bei ihm sei, und später solle
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bis das tausendmal verwünschte Dazwischentreten eines
reichen und vornehmen Jünglings ihn in das Elend ge-
F. Lewald, Benvenuto. l.

116
schleudert habe. -- Gloria aber erklärte ebenso bestimmt,
sie habe keine Lust, sich wieder in die engen Häuser
- einsperren zu lassen, um zu lernen; sie lerne und kenne
ihr Gedicht, das wolle sie hersagen, und daä Weitere
gehe sie Nichts an.
Indeß grade dieser Widerstand hatte Donna Carolina
gereizt, ihn zu besiegen. Sie hatte jedoch mit allen ihren
Anerbieten nicht mehr erreichen können, als die Zusage,
daß Gloria, nach Angabe Donna Carolina's gekleidet,
vor ihr eine Probe ihrer Declamation ablegen, und in
demselben Costüm dann an einem Sonntag Vormittage
diese Declamation gegen eine für ihre Verhältnisse sehr
ansehnliche Bezahlung in dem Kreise einer Gesellschaft
wiederholen werde. Der Vater hatte dem zu Folge die
Tochter an dem festgesetzten Tage bis in den Vorsaal der
Empfangszimmer geleitet; und nachdem dieselbe ihren
Vortrag beendet, ihr antikes Costüm abgelegt und das
für die Declamation ausbedungene Geld empfangen, hatten
Beide sofort den Palast auch verlassen.
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Kapitel 10

Aeuntes Capitel.


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PJed Carolina's ganze Gesellschaft war durch
das romantische Abenteuer aufgeregt. Die Frauen wie
die Männer hatten nur die schöne Gloria im Sinn.
Man beschäftigte sich damit, wie dieses Mädchen aus
seinem zigeunerhaften Herumziehen zu erlösen, wie e für
die ihm von der Natur bestimmte Laufbahn einer dra-
matischen Künstlerin zu gewinnen sei. Der und Jener
dachte daran, neue überredende Versuche bei dem Vater
und bei Gloria zu machen, die von Seiten der Männer
nicht immer uneigennüzig sein mochten; und in dem
Sprechen über die Beiden erfuhr man den Namen und
die Wohnung der Leute, bei welchen der Bänkelsänger
die Kammer inne hatte, in der er mit der Tochter
hauste, wenn er sich in Rom aufhielt.

15
ach hatte beschlossen noch in derselben Stunde die
angegebene Wohnung auufzusuchen, weil ich überzeugt
war, daß ein Mädchen, welches auf den öffentlichen
Straßen vor aller Welt Augen seine Declamationen hören
ließ, sich nicht weigern wülrde, mir unter ihres Vaters
Begleitung Modell' zu stehen. Aber ein Zusammen-
treffen verschiedener Umstände hinderte mich daran, mein
Vorhaben an dem nämlichen Tage auözuführen, und es
war schon gegen den Abend hin, als ich am folgenden
Tage nach dem elenden ruinenhaften Genäuer neben
dem verfallenen und verödeten ehemaligen Palazzo
Eastellani in Trastevere hinkam, in welchem der Bänkel-
sänger hausen sollte.
Ein paar alte Weiber saßen vor der Thüre, eine
Menge Kinder trieben sich in dem wüsten Hofe umher.
Ich war ein Gegenstand der Verwunderung für die
Leute und wurde sofort ein Gegenstand des Mißtrauens
für dieselben, als ich mich nach dem Bänkelsänger und
seiner Tochter erkundigte.
Sie sind verreist! gab man mir kurz zur Antwort.
Ich wendete ein, daß ich sie ja am verwichenen Tage
noch gesehen und gehört hätte.
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Wohl möglich, sagte die Wirthin des Hauses, aber
sind verreist.
Und wohin? fragte ich.
Wer weiß das? entgegnete die Alte.
Auch mneine Fragen, wann sie wiederkehren würden,
wie lange sie fortzubleiben pflegten, hatten leinen besseren
Erfolg.
Sie kommen und gehen, wie es ihnen gefällt,
meinte die Wirthin trocken, und ich bin nicht von der
Polizei. Ich bin nicht dafir besoldet, ihnen nachzu-
spüren. Sie bezahlen ihre Miethe und ich verwahre ihr
bischen Sachen, wenn sie aus der Stadt gehen. Da
ist Alles!
In den folgenden Tagen suchte ich, und suchte
nicht ich allein, nach Gloria, aber Niemand konnte sie
entdecken. Sie hatten in der That die Stadt ver-
lassen, weil die mißtrauische Vorsicht des Vaters die
Tochter jeder Nachforschung entziehen wollte, und ich
machte mich an meine Arbeit, mit Gloria' idealem
Bild im Sinne.
Gs war die erste lebensgroße Gestalt, an die ich
mich gewagt hatie, diese tragische Muse, welche nun den
Gesichtsansdruck der schönen Gloria tragen sollte, und

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ich pries mich glücklich, daß mir derselbe mit so großer
Deutlichkeit gegenwärtig war. Je länger ich mich damit
beschäftigte, um so mehc verklärte sich das Bild des
schönen Mädchens in uteinner Vorstellung. Es uachte
mich gleichgültig gegen die Schbnheit der Frauen, die
mir in der Wirklichkeit begegneten, und als ich dann
endlich nach ernster, langer Arbeit mein Thonmodell
vollendet hatte, als ich es einige Tage vor mir selbst
verhüllte, um mit neugestärktem Auge es noch einmal
zu hetrachten, ehe ich es meinenBeschüüzerund meinenMeister
sehen ließ, da preßte, als ich am frühen Morgen vor
mein Bildwerk hintrat, das schmerzliche Gefühl, nicht
erreicht zu haben was ich gewollt, mir zum ersten Male
die Brust zusammen, daß ich völlig muthlos vor meiner -
Arbeit dastand.
Ich hatte nach einem guten lebenden Modell ge-
arbeitet, hatte von dem Individuellen soweit abgesehen,
als dies für jede tzpische Jdealgestalt nothwendig ist,
und diesem also stylisirten Kopfe den antiken Ausdruck
gegeben, der in Gloria so wundervoll zum Vorschein
gekommen war. Ich durfte mir auch sagen, daß die-
Arbeit nichi gerade mißlungen sei, daß man sie als eine

15H
Melpomene wohl gelten lassen dürfe, und doch befriedigte
sie mich nicht.
Es half mir dabei gar Nichts, daß mein Meister
und Monsignore Arrigo, als sie die Arbeit sahen, mir
Beifall spendeten, daß der Meister mir verhieß, ich
würde Ehre mit diesen Erstlingswerke einlegen, und
mein Freund mir großmüthig die Möglichkeit darbot,
die Statue in Marmor auszuführen, wenn der Meister
mich dieser Arbeit schon gewachsen glaube. Ich bat
mir einen Aufschub ans, ich wollte das Modell noch
durchgehen, den Ausdruck noch vertiefen, ehe ich es dem
Former überließ; und was ich nicht vor meinen Richtern
aussprach, ich hegte die geheime Hoffnung, Gloria doch
noch aufzufinden, obschon ich im Verlauf des Jahres
zu verschiedenen Malen in des Bänkelsängers Stand-
quartier vergebens nach ihm und seiner Tochter Erknn-
digungen eingezogen hatte.
Es war gegen Weihnachten hin, und der ganze
Herbst war in jenem Jahre ungewöhnlich rauh gewesen.
Heftige Regengüsse und Stürme hatten durch viele Tage
arg gewüthet, die kalte Feuchtigkeit machte den Aufent-
halt im Freien widerwärtig. Es fiel mir daher auf,
als ich eines Mittags aus der Via Tordinone auf den

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Plaz vor der Engelsbrücke hinauökommend, trotz des
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scharfen Nordwindes eine große Menschenmenge vor mir
fah, die sich eben zu zertheilen anfing. Ich ging näher
hinzu -- und der Bänkelsänger stand mir gegenüber,
wie er mit tastender Hand eben seine Fahne zusammen-
rollte. Man sah, daß er das schwache Augenlicht jetzt
gänzlich verloren hatte.
Während ich mir durch die Menge den Weg zu
ihm bahnte, hatte Gloria ihre Geldsammlung beendet
und trat an den Vater heran, den Inhalt des kleinen
wohlgefüllten Tellers in seine dargehaltene Hand zu
leeren.
In meiner Freude sie endlich wiedergefunden zu
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haben, rief ich sie mit ihren Namen an. Sie wendete
sich verwundert nach mir um, und ich vermochte mein
Erschrecken nur mühsam zu bemeistern, denn die Ver-
änderung, welche mit ihr vorgegangen war, konnte sich
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- auch dem Auge eines Gleichgültigen nicht entziehen; und
- doch war noch kein Jahr verstrichen, seit sie an
jenem Morgen in dem Saale Donna Carolina's aufge-
- treten war.
Ihre Gestalt war freilich noch dieselbe, auch der
Adel ihrer Kopfbildung war unzerstörbar, aber man sah
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17
es, diese Augen hatten weinen lernen, iüber diese Wangen
waren Thränen hinabgeflossen, der Schmerz hatte ihre
Lippen zusamuengepresßt, das stolze Selbstgenigen war
won ihrer Stirn verschwunden. Aber sie war noch
immer schdn, ganz unvergleichlich schön.
Was wollt Ihr von mir? fragte sie, sich auf
meinen Anruf zu mir wendend.
Ich sagte ihr, daß es mich fpeue, sie endlich wieder-
gefunden zu haben. Sie sah mich forschend an.
Mich wiedergefunden zu haben? Ich kenne Euch
nicht! Wer seib Ihr? entgegnete sie mit ihrem finsteruBlicke.
Ich bin ein Bildhauer und habe Euch früher schon
manchmal gehört; aber Ihr wart lange von der Stadt
entfernt. Wo seid Ihr gewesen?
Sie blickte mich noch einmal prüfend an; mein
alter verschabter Sammtrock, mein zerdrückter Filzhut
schienen ihr Zutrauen zu mir zu geben. Wir sind weit
herum gewesen: in Umhrient, in den Marlen, iu Venedig!
- und ihre Augenbrauen zogen sich noch engee z-
sammen, als sie dieses sprach.
Der Vater war aufmerksaut geworden, er fcagte,
mit wem sie spreche; ich trat an ihn heran und erkun-
digte mich, ob er gute Geschäfte gemacht habe.

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So, so! gab er zur Antwort.
Da hättet Ihr besser gethan, Euch die Mühe des
Umherziehens zu ersparen, meinte ich, denn Ihr habt,
wie ich gesehen, hier ein großes Publikum.
ach liebe den Wechsel und ich wollte an daä Meer,
die Meeresluft zu athmen. Aber es ist in Winter kalt da
oben, wir kehrten also heim.
Ich sagte, daß mich dieses freue.
Weshalb? fragte der Blinde.
Weil auch ich Gloria zu hören liebe! ent-
gegnete ich.
Sie sah mich spottend an. Habt Ihr sonst weiter
Nichts zu thun?
Gerade so viel und so wenig wie Alle die Andern,
die Euch eben hier umstanden haben! aber recitirt Ihr
- immer noch das nänlliche Gedicht? Sie bejahte das.
Ich fragte, ob sie daä nicht ermlde? Sie ver-
stand nicht, was ich damit meinte, sondern es auf die
körperliche Anstrengung beziehend, räumte sie ein, daß
ihr bisweilen die Brust von der Arbeit etwas schwach
sei, so daß sie dann den Husten habe; das schade in-
dessen Nichts. Der Schlaf und ein guter Becher Wein
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stellten sie immer wieder her; und der Alte setzte
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nzu, die Tochter sei brav und stark, sie hale das
Weg
ihm.
An der nächsten Straßenecke bogen sie ein. Mein
ging nach derselben Richtung, aber alle ihre
worten waren so kurz und abweisend, daß ich sie
mißtrauischer zu machen fürchtete, wenn ich ihnen
weiter folgte. Ich sagte ihnen also Lebe
wie beiläufig die Bemerkung hin, wenn
meiner Straße arbeiteten, so möchten sie
noch
noch
vohl und warf
sprechen, ich sei ein Bildhauer und hätte
statt im Hofe des Hauses von Monsignore
einen Becher Wein und noch ein gut Stick
Gi
Ant-
sie einmal in
bei mir vor-
meine Werk-
Arrigo; und
Gold könnten
Beide bei mir finden, wenn der Alte einmal zu einem
eisenkopfe bei mir sitzen wolle.
Er blieb stehen, wendete die erloschenen Augen nach
--?? .?:
nt.
agte er sofort.
Sein Kopf war so kräftig und charakteristisch, daß
man ihn wohl verwerthen konnte. Einen alten rümtischen
Feldherrn, den blinden Belisar oder den griechischen
König Dedipus, der auch des Augenlichts entbehrte,
sagte ich rasch entschlossen.

17
Und was wollt Ihr bezahlen für die Stunde? aber
bedenkt wohl, daß dies nicht mein Handwerk ist und
daß ich es nur thue, weil es mir gefällt einen Helden
vorzustellen, sprach er stolz und listig.
ae nannte ihm einen Preis, der ihn befriedigen
mußte; er nahm den Vorschlag an. Der Tag, die Stunde
wurden gleich verabredet und ich durfte nun auch Gloria
zum Defteren wiederzusehen erwarten.
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Kapitel 11

Zehntes Capitel.

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Ich hatte bis dahin im Entferntesten nicht daran
gedacht, einen Dedipus zu machen, aher der Bänkelsänger
war für einen solchen wohl geeignet, und ich richtete
mich denn auf diese neue Skizze ein, während mir Gloria
nicht aus dem Sinne kam.
Je länger ich an sie dachte, desto räthselhafter
wurde sie mir. Ihre Kälte, ihre Herhigkeit waren
trotzig geworden, sie hatten sogar etwas Widerwärtiges
bekommen, und der spottende Ausdruck, der im Laufe
dieses Jahres ihren Lippen zur Gewohnheit geworden zu
sein schien, lag eigentlich nicht in dem Character der
Frauen aus dem Volke; sie selber hatte ihn auch nicht
gehabt, als ich ste vor dem Jahre zum ersten Mal ge-
sehen. Es mußte mit ihr etwas vorgegangen sein, sie
also zu verändern.
F. Lewald, Benvenuto. l.

=
16
-
Im Geiste ganz mit Gloria und ihren vermutheten
Erlebnissen beschäftigt, nahm ich, als ich in meiner
Werkstatt mich allein befand, die feuchten Tücher herab,
die meine Statue umhüllten, und ich athmete mit be-
freitem Herzen auf. Meine Melpomene war ebler, war
schöner, als die Gloria, welche ich heute gesehen hatte,
und sie war ihr doch so ähnlich, daß ich es fast beklagte,
sie heute angetroffen zu haben, daß es mich jammerte,
F
-
sie, wie ich es nannte, so unter sich selbst herabgesunken
zu sehen.
Der Alte, der, wie alle römischen Modelle, und
feiner eigenen ahenteuerlichen Natur getreu, von dem Z

Verlangen einen Helden darzustellen, ganz erfüllt war,

ließ um die bestimmte Stunde nicht auf sich warten.
Gloria kam natürlich mit ihm. Ich hatte in den drei z
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Tagen meine Vorarbeit fir eine Männerbüste voll-
endet und konnte also an das Werk gehen. Die
Tochter saß in einer Ecke mir gegenüber und sah mir
schweigend zu.
Ich hatte sie und ihren Vater mit dem verheißenen
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Becher Wein bewirihet, die Wärme der Werkstätt that
allen Beiden wohl. Gloria lehnte sich in den bequemen
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Stuhl zurück, die weit von sich gestreckten Fiße schdn

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1
gekrenzt, die Arme über die Brust geschlagen, in einer
so natürlich edeln und so durchaus klassischen Haltung,
daß ich weit lieber sie als ihren Vater hätte modelliren
mögen. Indeß ich mochte sie dazu nicht auffordern,
weil ich sie bei ihrer Eigenart zu verscheuchen fürchten
mußte, und ich ließ sie daher still gewähren.
Meint Hedipns hingegen war geneigi zu sprechen.
Er erzählte von den Wanderungen, die sie in diesen:
Jahre unternommen hatten, und damals war noch von
anderen Wanderungen die Rede als jetzt, wo jedee
herunziehende Savoyarde die Eisenbahn benutzt. Gloria
hatte sich währenddeß erhoben. Sie sah, hinter mir
stehend, meiner Arbeit zu. Es machte ihr ersichtlich
Vergnügen, und sie fing nach einer Weile an, in meiner
Werkstatt umherzugehen, um sich die Büsten und die
dort aufgestellten Dinge näher zu betrachten. Mit einent
Male trat sie an die verhlüllte Statue heran.
Was ist das? fragte sie, zum ersten Male in gll'
der Zeit die Rede an mich richtend.
Ich sagte, es sei eine Frauengestalt von meiner
Arbeit. Kann man sie sehen? fragte sie.
Freilich! entgegnete ich und stand auf, die nassen
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aüücher abzunehmen. Neugierig wie ein Kind, und doc
1


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i.
16
z. immer ernsthaft, folgte sie jeder meiner Bewegungen, -
bis ich die Hülle von dem Kopfe nahm und die Aehn-
F lichkeit mit ihrem eigenen schönen Antüiz ihr entgegen-
leuchtete.
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Sie zuckte zusammen, griff nach meiner Hand, sah -
nach dem Spiegel hinüber, den sie mit dem Blicke er-
reichen konnte. Es war deutlich, sie hatte sich als Vor-
bild dieser Melpomene erkannt, aber ihre Neberraschung,
ihre Bewegung waren nicht größer als die Herrschaft,
welche sie über sich behielt. Sie entfernte sich von der
Statue, hob den Kopf unwillklrlich in die Stellung,
welche ich meiner Muse gegeben hatte, und ihre Augen
fest auf derselben ruhen lassend, sagte sie: Sie ist schdn
und ich war auch einmal so schön an jenem Tage, wo
ich so gekleidet war, wie diese hier! Ihr habt mich so
gesehen, Signor!
ach bejahte das. Sie wollte wissen, wie ich in
däs vornehme Haus gekommen sei. Ich sagte, Donna
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Carolina habe mir vor dem Jahre verschiedene Auufträge
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gegeben und mir erlaubt, der Declamation beizuwohnen, -
damit ich Gelegenheit fände, Gloria in der Nhe und in ?
Ruhe zu betrachien. Sie glaubte das natürlich und - I
erkundigte sich grglos, ob Donna Carolina auch diese ,
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1
Statue bekomme? ob sie fertig sei? ob sie auch in Stein
gehauen werden würde? und was dergleichen Fragen mehr
noch waren.
Der Vater verstand nicht, wovon wir redeten.
Gloria bedeutete ihm, indem sie mir zuvorkam, ich hätte
ihr Bildniß gemacht in dem Costüme, in welchem sie
einmal in Donna Carolina's Hause aufgetreten sei.
Dafür habt Ihr uns nichts bezahlt, Signor! fiel
der Vater augenblicklich ein, und sie haben doch in
Carrara und in Florenz, wie in Venedig und auch hier
zu Lande, mir viel Geld dafür geboten, wenn ich meine
Tochter Modell stehen lassen würde, allein sie hat es
nicht gewollt!
Dieser plözliche Ausbruch seiner Habsucht brachte
mich zum Lachen. Gloria jedoch faßte ihn von einer
andern Seite auf, und mit dem harten Gesichtsauödruck,
der mir am verwichenen Tage so unangenehmt an ihr
erschienen war, rief sie: Was fällt Euch ein, Vater!
Donna Carolina hat uns ja bezahlt, und gut bezahlt,
für alle ihre Gäste. Daß er ein gutes Gedächtuiß hat,
das ist seine Sache, dafür ist er uns Nichts schuldig.
Ich widersprach ihr, indem ich mich auf ihres
Vaters Seite stellte. Ich sagte ihr, daß ich zu ver-


1

Fschiedenen Malen in ihrer Wohnung Nachfrage nach --

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Gelbstück hin. Gloria zuckte verächtlich mit den Schultern.
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? Es ist eine Schande! eine wahre Schande! stieß sie
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J hervor, aber -- sie zbgerte, sah mich noch einmal an

z und sagte dann rasch und entschlossen: aber wenn Ihr mich -
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braucht, so will ich zu Euch kommen. Doch nur zu
z- Euch! und Ihr müßt davon schweigen.

Ihr Ehrgefühl, ihr feines Empfinden hatten sie
windung, welche es sie gekostet hatte, und wie ich bis jetzt
»
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Ich beeiferte mich, Gloria bei ihrem Wort zu -
Morgen zu, und der Vater bekräftigte ihr Versprechen

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Flefem Jüngling gehen, wenn ich es nicht wollte; da
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SSbrauche ich nicht dazu. - Ich würde auch nicht zu
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F; Von Euch ist nicht die Nede, Vater! rief sie, Euch
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F mit einem: Ja! wir werden kommen!-- Indeß die.
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halten. Sie sagte mir eine Sizung für den nächsten -
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des Mädchens Schbnheit bewundernd angestaunt, so erschien -
-. Tochter lehnte sich gegen seine Absicht auf.
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mich sie nicht ermessen konnte; ich sah aber die Neber-
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zu einem Anerbieten fortgerissen, dessen Bedeutung für
es mir nun plötzlich als Character ebenso ungewöhnlich.
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z entledigen wollen, und reichte dem Vater das begehrte
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ihnen gehalten hätte, weil ich mich meiner Schuld hätte
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ich's aber will, so gehe ich allein ! Ihr wißt, scheint
müir's, ich stehe fi:r mich selber!
Der Vater brummte ein mürrisches: Nach Belieben!
zwischen die Zähne, indeß die Frage, wie viel ich für
die Stunde zu bezahlen gedächte, konnte er doch nicht
unterdrücken, und auuch jetzt wieder lrat die Tochter ihm
mit der Herrschaft, welche sie über ihn gewonnen zu
haben schien, fest entgegen.
Bin ich von denen, rief sie, die Bezahlung
fordern, wo sie sich aus gutem Willen angeboten
haben? Ich gehe, um diesem Jünglinge einen Gefallen
zu thun, ihm eine Aufmerksamkeit zu erweisen, und er
wird mir nichts dafür bezahlen. Auf morgen denn,
Signor! und um die gleiche Zeitl
Sie rückte mit den Worten den silbernen breiten
Kamm zurecht, der ihre auf den Nacken tief hernieder-
fallenden schweren Haarflechten am Hinterkopf zusammen-
hielt; schlug den groben großblumigen Shawl um ihre
Schultern, nöthigte den Vater, die Sizung zu beendigen,
ohne auch nur zu fragen, ob mir das angenehm sei,
und entfernte sich mit ihm, indem sie mir zum Abschiede
die Hand reichte, als wären wir alte Kameraden.

Kapitel 12

PFg Erlebniß war durchaus überraschend gewesen.
Ich wußte es mir nicht zu deuten, welchem Beweg-
grunde ich Gloria's Zutrauen und die Bereitwilligkeit
zu danken hatte, die sie mir erwies; ich konnte mir
auch nicht erklären, wodurch sie über ihren Vater die
Gewalt erhalten hatte, die sie ihn offenhar mit
Genugthuung emtpfinden uachte, denn seine Blindheit
allein schien mir dafür nicht der ausreichende Grund
zu sein.
Obschon mir nichts im Sinne lag, als die schöne
Gloria, sprach ich doch mit meinem Beschüzer, als wir
zusammen speisten, nicht davon, daß ich sie wieder-
gefunden hätte, und ich konnte mir selber nicht ver-
bergen, daß ich neben dem Verlangen, sie wiederzusehen,
eine heimliche Scheu davor hegte.


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Ich stand vor meiner Melpomene mit dem -
Bewßtsein, daß sie schöner, edler sei als Gloria, daß-
ich auf diese Gestalt Nichts von dem harten und leiden- -
schaftlichen Ausdruck übertragen dürfe, den Gloria's-
Züge angenommen hatten, und doch erschien mein Werk
mir kalt, wenn ich an des Mädchens flammendes Auge -
und an den Blick gedachte, mit dem es mir die Hand -'
gereicht. Die Wirklichkeit und die Kunst, das Leben z
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und das Ideal, machten sich mir in ihrem Gegensatze Z
kenntüich.
Am nächsten Tage trat Gloria, wie sie es mir
verheißen hatte, zu mir in meine Werkstatt. Da bin
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ich! sagte sie, und ganz geschäftömäßig fiigte sie die
Frage hinzu: Was werden wir jetzt machen?
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Sie sah weniger ermüdet und auhiger aus, als
an dem verwichenen Tage. Ich ließ sie niedersetzen, bot
ihr von den Brod und Wein, die ich in meiner Werk-
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statt hatte, sie genoßß davon, ohne daß ich sie zu ndihigen
brauchte; aber noch während sie sich erfrischte, wieder-

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- holte sie die Frage, was ich mit ihr zu machen denke.
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a-d sagte, zuörderst wolle ich ihr danken, daß fis F
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überhaupt gekommen sei.
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Davon ist keine Rede! erwiderte sie. Ich kam un ZHg

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mmeinekwillen, nicht umn Euretwillen! -- Ich versland
nicht, was sie damit meinte.
Selbst das arme Thier, sagte sie, will einmal für
sich selber sein, will seinen Willen haben, geschweige
denn ein Christenmensch. Ich aber bin niemals allein,
ich habe den Athem in der Brust nicht mehr mein
eigen, und ich wollte eben einmal thun, was mir gut
dünkte, mir selber!
Und deöhalb seid Ihr zu mir gekominen? fragle
ich mit wachsendem Erstaunen.
Sie bejahte das bestimmt. Ich wendete ihr ein,
daß mich dieses freue, dasß sie mich jedoch nicht kene
und nicht wisse, ob ich ihr Vertrauen verdiene.
Ich soll Nichts von Euch wissen? wiederholte sie.
Habe ich denn gestern nicht gesehen, daß Ihr mich nicht
vergessen, daß Ihr an mich gedacht habt? und wer die
Männer kennen gelernt hat, die vornehmen und die
geringen, wie ich in diesem Jahre, der sieht es, daß
Ihr aus einem anderen Teig wie sie gemacht seid, und
ein Frauenzimmer nicht für eine Dirne haltet, weil es
mit seinem blinden Vater sich sein Brod auf den
Straßen und auf den Wegen zu verdienen hat. --

1?1
Aber laßt uns an die Arbeit gehen, zum Sprechen ist
nachher die Zeit.
Ich sagte ihr, daß ich in diesem Augenllick zu
arbeiten nicht fähig, daß mir mehr daran gelegen sei,
ihr zu helfen, daß ich von ihrem Schicksal durch Donna
Carolina damals unterrichtet worden sei, und daß ich
geglaubt hätte, sie habe ihr Kloster freiwillig verlassen,
sie sei ihreu Vater gern gefolgt.
Das ist auch Alles wahr! bestätigte sie mir. Ich
konnte nicht länger still sizen, es erstickte unich in deuu
Kloster, und ich sah, daß andere Mädchen ihren Vätern
folgten, ihre Väier liebten. Ich wollte es machen wie
diese Andern, ich wollte auch meinen Vater lieben und
mit ihm gehen. g glaubte den Nonnen nicht, was
,
sie von ihm sagten. Ich glaubte meinem Vater, der
Nichts hatte auf der Welt, als mich allein; und konnte
ich wissen, was vierzehn Jahre im Bagno aus dem
Menschen machen?
So behandelt Euch der Vater schlecht?
Nicht mit seinem Willen! entgegnete sie mir. Er
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weiß es nicht anders, und zuerst ging Alles gut. Weil zzF

er eifersüchtig von Natur ist, war er eifersüchtig auch
auf mich, wie er es auf meine arme Mutter gewesen
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war. Niemand sollte mir nahe kommen, wir wollten
viel Geld verdienen, wir verdienten auch viel Geld.
Der Vater sagte, wenn wir genug Geld haben wütrden,
so würden wir ein Haus kaufen mit der Zeit, würden
zu leben haben wie die Herren, und ich glaubte ihm
das Alles. Aber-- -- ich war ein Kind, und was
weiß ein Kind von den Menschen und von der Welt!
sagte sie mit einen schweren Seufzer.
Ich musßte sie mit der Frage, was denn jezt
anders geworden sei, zu weiterem Sprechen bringen.
Was anders geworden ist? Alles, Alles! Mein
Vater ist alt geworden seit den fünf Jahren, die ich
bei ihm bin, weit älter als seine Jahre. Die schwere
Arbeit in der Gefangenschaft hat seine Kräfte aufgezehrt,
und man lebt nicht vierzehn Jahre in derselben, ohne
Freundschaften zu schließen. Ein solcher Freund kam
uns zum Ungllck auf einer unserer Reisen in den Weg.
Gut essen und gut trinken hatte mein Vater immer
wollen-- der Arme hatte ja auch lange genng ge
hungert und entbehrt! Aber seit wir jenem Elenden
begegnet waren, wollte der Vater sich auch noch ver-
gnügen, und er that's. Sie spielten, sie gingen ihre
Wege; was wir gewonnen, verschwand in ihren Händen.

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Wir hatien oftmals Nichts. Die Menschen sahen das
und die Menschen taugen Nichts. Sie dachten, ein
Frauenzimmer, das mit solchen Männern in der Welt
unherzog, sei zu kaufen und werde sich verkaufen.
Anfangs hatte ich an meinem Vater doch noch
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einen Schutz. Er wollte nicht, daß ich zu den Künstlern
ging und ich wollte es noch weniger. Der Andere, der
Nichtswürdige, machte den Vater allmälig anderen
Sinnes. Er blieb, wohin wir immer zogen, stets in
unserer Nähe, er führte mir immer neue Männer in
den Weg. Ich wollte fort, aber mein Vater war ein- -

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mal mein Vater. Er war inzwischen blind geworden, S
ich konnte ihn doch dem Elend und dem Elenden nicht -?
überlassen, ich mußte also bleiben. So ist dies I
gegangen auch durch dies ganze Jahr, und jetzo sind -
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wir wieder hier.
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Die Txockenheit, mit welcher sie erzählte, steigerte Z
die Wirkung ihrer Worte. Ich fragte, ob der Genosse
ihres Vaters ihnen auch hierher gefolgt sei.
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Nein! gllcküicher Weise ist er todt, verunglückt J
in der Trunkenheit, aber er hat meinem Vater das ?
Herz gewendet und den Sinn verrückt, daß ihm Alles nichts,
mehr gilt, nicht ich, nicht meine Ehre! Nichts als Geld! -
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Welch ein Elend! rief ich in dem Hinblick auf
ihr Schicksal unwillklirlich aus; sie jedoch verstand
das falsch.
Was wollt Ihr! entgegnete sie mit bitterem Lachen,
das Geld ist nichts Geringes! Golb ist eine grosße
Sache. Glaubt Ihr, daß es leicht sei, sein Leben in
den Straßen zu gewinnen? Und ich könnte reich sein,
könnte in einer Carosse fahren wie maunche Andere, die
nicht schöner ist als ich-- hätte ich nur gewollt!--
Ich könnte mich malen lassen, wie die Damen, anstatt
daß ich hier sitze, die Figur ansehend, die Ihr nach
mir gemacht habt, und mir sagend: das bist Du
nicht mehr!
Versündigt Euch nicht an Euch selber! rief ich,
von ihrem Wesen überrascht und mehr und mtehr ge-
wonnen. Ihr seid schn wie damals.
Wollt Ihr auch den Verliebten uit mir spielen
wie die Anderen! Wollt Ihr mich vertreiben? rief sie,
indem sie sich erhob. Und ich habe Euch doch gesagt,
daß ich davon Nichts hören mag!
aeh nahm mich zusammen ihr zu begegnen, wie
sie es verlangte. So sprecht, was kanu ich für Euch
thun? fragte ich.
F. Lewald, Benv enuto. l.

Nichts sollt Ihr für mich thnn!
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Aber weshalb seid Ihr denn gekommen? fuhr
ich sort.

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Weshal0? Weshalb? wiederholte sie, ich hab's Euch ,
j gesagt! Ich bin gekommen, Euch ein Vergnügen zu
bereiten, und meinent Vater zu zeigen, daß ich thun - -
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kann, was mir gefällt.
Ich wußte nicht, was ich mit ihr machen sollte.
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Mir hatte das Glick gelächelt seit der Stunde meiner Zg
Gebnrt, ich kannte für mein Theil das Leben nur von
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seiner Sonnenseite, kannte die Menschen wenig, das - -.?
Unglück und seine vernichtenden Wirkungen noch weit-
weniger. Ich konnte mir nicht denken, daß eine -'
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Schbnheit und eine Characterstärke, wie dies herrliche =
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Mächen sie besaß, nicht zum Glücke bestimmt sein
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kömnten, und weil ich Gloria in einer Weise darzustellen,
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vermocht hatte, an der sie sich erfreute und erhob, so
meinte ich sie auch im Leben über ihr gegenwärtiges

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Schicksal erheben zu können. Ihr Character, ihr Ver-
vrauen zu mir, flößten mir dazu den Muth ein. Ich FF
hielt mich meiner völligen Uneigennüzigkeit gewiß, ich F
wappnete mich in meiner bescheidenen Blouse mit dem F
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- aznezsn -itterichen Bewwuktsein der Armero's, =nd Zzzg

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Ich bat sie wiederzukehren, sie nahm das als
selbstverständlich an, weil ich ihren Vater zu modelliren
angefangen hatte, und wir verabredeten, daß sie ihn am
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besseres Schicksal, eine schönere Zukunft ihr nicht
fehlen könnten, wemn sie danach verlange; sie gab darauf
nderen Morgen zu mir bringen sollte.
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Hand reichend, sagte ich ihr, sie solle es nicht zu
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Kapitel 13


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ee Sie sich in die Seeie eines Jünglings.
eines Künstlers von zwanzig Jahren, und Sie werden
sich die Aufregung vorstellen können, in welcher ich mich
befand. Phantastische Plane für Gloria's Zukunft, und
nüchterne Neberlegungen, wie man den Bänkelsänger
dahin bringen könne, sich in Ruhe versorgen zu lassen,
damit die Tochter frei über sich selbst verfügen und in
die theatralische Laufbahn eintreten könne, für welche
nach meiner Meinung ihre Anlagen sie bestimmten,
wahres Mitleid mit dem unglücklichen Mädchen und
eine romantische Eingenommenheit für dasselbe, wechselten
in mir ab.
Ich wollte Gloria so rasch als möglich, so ent-
schieden als möglich helfen, aber obschon ich zuversicht-
lich wußte,' daß ich ebensowohl von Donna Carolina,


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18
wie von Monsignore Arrigo zweckmäßjgeren Rath und
weit wirksameren Beistand als ich ihr zu bieten ver-
mochte, für Gloria erlangen konnte, blieb ich bei meinem
Vorsatze, es ihnen für das Erste zu verschweigen, daß
ich das schöne Mädchen so unerwartet wiedergesehen
hätte, daß es bei mir gewesen sei und mir sein Ver-
- trauen zugewendet habe. Ich fürchtete Arrigo's welt-
- männische und lebenskundige Scherze. Ich besorgte,
Donna Carolina's vielgeschäftiger Eifer möchte auf
Maaßregeln für Gloria verfallen, welche sie meinent
Einfluß entziehen, mich des Glückeö berauben könnten,
sie zu sehen und sie, wie ich es mir verheißen hatie,
selbst aus ihrem Unglück zu erlöfen. Und wenn es
mir inzwischen durch den Kopf ging, daß dies Alles
., nur Vorwände meiner Selbstsucht seien, so half ich mir
J mit der Erwägung, daß ich Gloria's Vertrauen nicht
--
z. täuschen, ihre Mittheilungen nicht verrathen dürfe, über
?. j,des vernünftige Bedenken fort.
Am nächsten Morgen stellte sie sich, wie sie es
versprochen hatte, mit dem Vater um die festgesetzte
Stunde pünktlich bei mir ein, und da ich darauf aus
war, mir einen dauernden Verkehr mit ihr zu sichern,
so beschloß ich, meinem ersten Einfall' nachgebend, den

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18
Vater und die Tochter alä Modelle für einen von
Antigone geführten Dedipus zu benutzen.

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Der Vater verlangte es gar nicht besser, Gloria
widersezte sich diesem Vorschlag nicht. Ich sah sie also
an jedem Morgen in der Frühe wieder, und im späteren
Verlauf des Tages gingen sie ihcem Bänkelsänger-
werbe nach.
War der Vater mit ihr, so verhielt Gloria sich
still und fiel ihm nur bisweilen mit kaltem und hartemt
Worte in die Rede, wenn er irgend Etwaä vorbrachte,
was ihrem feineren Sinne widerstrebte; und fitr den
Augenblick fügte er sich dann gewöhnlich der Gewalt,
die sie ihm anthat. Aber ich hatte nuur wenig Tage
nöthig, um mich zu überzeugen, welche unausgesezte
Erniedrigung die Tochter in dieseä Mannes beständiger
Gesellschaft zu erdulden habe, und um daneben zu der
Einsicht zu gelangen, daß auch auf sie der Auöspruch
bis zu einem gewissen Grade seine Anwendung finde,
den sie über die Wirkungen gethan, welche der lange
A
ufenthalt im Bagno auf ihren Vater ausgeüübt hatte.
Von der Natur groß und gut angelegt, hatte die
strenge und religiöse Erziehung, deren sie biö in ihr
dreizehntes Jahr in dem Schutze des Klosters genossen,
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1
ihr sittliche Vegriffe eingeprägt, die sie bis dahin davor
bewahrt hatten, den groben Versuchungen zu erliegen,
welchen sie in dem herumziehenden Leben preisgegeben
war. Aber der Widerwille gegen ihre Umgebung, selbst
der Widerstand, den sie zu ihrem Schutze fortwährend
aufzubieten genöthigt war, hatten sie verbittert und
verhärtet, und ihr eine Verachtung der Menschen und
der Welt gegeben, gegen die schwer anzukämpfen war,
weil sie sich mit grausamem Behagen in diese Sinnesart,
wie in eine Rolle hineingelebt hatte. Es lag das ohne
Frage in ihrer künsilerischen Anlage, aler es quälte
und beleidigte mtich deshalb nicht weniger, wenn diese
Nichts achtende Härte, wie eö oft geschah, sich roh und
unvermittelt kund gab; und ich sellst gerieth ihr gegen-
über in einen Zwiespalt, der mir bald die Ruhe und
den Frieden raubte, und der mtich aus einer Stimmung
in die andere warf.
War ich von Gloria entfernt, so erschien sie mir
in ihrer ganzen ursprünglichen Schönheit, daß ich sie
wie ein Jdeal bewunderte; war sie neben mir, so
schwand dieser Zauber, ja ich konnte in einzelnen Auugen-
bicken einen wirklichen Widerwillen gegen sie fühlen.
Indeß das Mitleid, welches sie mir einflößte, die Zu-

u8?
neigung und das Vertrauen, welche sie mir bewies, und
ihre Schönheit überwältigten mich und meine Sinne
immer auf daä Neue, und daßß ich vor ihr meine
wachsenue Leidenschaft und das Verlangen nach ihr ver-
bergen musßte, die in mir aufgelodert waren, verstärlte
deren verzehrende Gewalt.
Gloria schien von dem Alle. ---=- z ahnen,
s Da
Nichts zu fühlen. Dte Absicht, ueine Melpomene nach
ihrem lebendigen Vorbild noch einmal durchzugehen,
hatte ich bald auufgegeben. Denn sie hatie Necht gehalt
mit ihreu Ausdruck: sie war nicht ue hr dieselbe; und
doch war der Zauber, den sie auf meine Phantasic
auäübte, ein so lelhafter und ausschli:ßlicher, das ich
sicher war, den idealen Auödruck der typischen Gestalt
unwiederbringlich zu zerstören, sobald ich es unlernahm,
Gloria noch nachiräglich alö Modell fir dieselle z
benuutzen.
-ie Statue ward also dem Formner übergeben, ic
hatte danach das Gypsodell vllig durchgearbeitel und
bis in die kleiusten Einzelheiten ausgefithrt. Arrigo's
Güte schaffte mir den Marmorblock, und es hatte dann,

so oft ich auch dergleichen aechnik zugesehen, etwas
Geheimnißvolles, etwas Neberraschendes für mich, als

18
ich zum ersten Male in meiner Werkstatt den Punktirer
damit beschäftigt sah, aus dem leblosen Gestein die
Gestalt herauszuarbeiten, die meines Geistes Kind war,
die ich geschaffen hatte, und die schließlich durch meine
Hand ihr volles Leben, ihre Vollendung erhalten sollte,
um weit hinaus zu dauern über meines eigenen Daseins
Schranke.
Monsignore Arrigo hatte eben dauals die Stadt
für längere Zeit verlassen, ich hatte also mehr noch,
als sonst das Reich für mich allein in meinem Garten-
flügel, und es lag eine beständige Feiertagsstimmung
über mir, wenn ich einsam in meiner Werkstatt war,
wenn ich die kurzen, gleichmäßig sich folgenden Hammer-
schläge des Punktirers hörte, und mit jedem Tage die
Umrisse meiner Melpomene deutlicher gestaltet aus dem
Steine sich entwickeln sah. Aber sobald ich Gloria'S
nur gedachte, war mir das Alles wie verwandelt. Und
ich sah sie täglich.
Sie brachte den Vater an jedem Morgen zu mir.
Sie sah der Arbeit des Punktirens in der großen
Werkstatt zu, während ich den Vater modellirte, oder
sie saß und wanderte in dem Garten umher, ü ber dessen
schöne Regelmäßigkeit sie ihr Vergnügen anssprach; und
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18
wie ich dann nach einem anderen Mädchen, das ich als
nacktes Modell früher schon benutzt hatte, den Körper
der Antigone entworfen hatte, fand sich Gloria gleich
bereit, mir für die bekleidete Ausführung Modell zu werden.
Sie hatte sich von mir die Hedipussage erzählen
lassen, und sich dieselbe auf ihre Weise angeeignet.

-

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weiß auch, wie es thut, von Land zu Land zu wandern!
Und in der That dachte sie sich völlig in die Antigone
I dabei mit so natürlicher Schönheit zur Erscheinung, daß
ich ihr kaum etwas anzudeuten, sondern mich nur nach
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Ich weisß, wie man einen blinden Vater führt, und
hinein, und Stellung, Haltung, Gesichtsausdruck kamen

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Das kann ich machen, das bin ich! sagte sie.
hielt mich überzeugt, daß sie endlich selber erkennen

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Ihr darstellendes Talent war über alle Zweifel
erhaben, sie entzückte mich in jedem Augenblicke. Ich
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ihrer Eingebung zu richten hatte.
müsse, welche ungewöhnliche Begabung sie besaß, daß
sie früher oder später von selbst darauf verfallen würde,
- sich durch die Ausbildung ihres Talents aus den Ver-
hältnissen zu befreien, die sie als erniedrigend empfand,
unter deren Last sie sich so unglücklich fühlte; aber ich
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z =uschte mich darin.
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1
Ich erzählte ihr, während wir arbeiteten, von
dem Theater, und wie die Gestalt, zu der ich sie als
Modell benuzte, schon vor alten Zeiten und bis auf-
unsere Tage, auf der Bühne von den Dichtern ver-
herrlicht worden sei; ich suchte ihre Neigung für die
Bühne zu erregen, indessen es gelang mir nicht.
Ich bin im Theater gewesen, in Tagtheater zu
verschiedenen Malen, sagte sie, und nannte mir die
Orte, in denen es auf der Wanderschaft geschehen war.
Aber ich möchte nicht so dastehen mit angemaltem
Gesicht, möchte nicht zu thun haben mit den Männern,
mich nicht umtarmen lassen von dem ersten Besten vor
aller Leute Augen, und von Liebe sprechen, so vor
aller Welt, daß es eine Schande, eine wahre
Schande ist!
Aber thut Ihr nicht dasselbe? wendete ich ein,
Ihr sprecht ja auch von Lebe vor aller Leute Ohren
auf der Straße!
Sie machte mit Hand und Kopf eine abwehrende
Bewegung. Das ist etwas Anderes! sagte sie. Das
ist ein Gedicht! Und ich habe mit Niemandem dabei
zu thun, ich spreche von den Anderen und nicht von -
mir. Ich verstelle mich nicht, ich male mich nicht an,

1U
,ich maskire mich nicht. Ich bin ich selbst, und treibe
ein ehrliches Gewerbe! Das ist ganz etwas Anderes,
Signor! -- Es ist hart, mein Handwerk und mein
Brod, aber eine Schauspielerin mbchte ich nicht sein!
Nein! niemals!
Mein Erklären, mein Zureden fruchteten Nichts
bei ihr. Es war eine starre Beschränktheit in ihrer
ganzen Natur. Sie zeigte nicht die geringste Neigung
irgend etwas Anderes zu lernen, als daä eine Gedicht,
-
welches sie sich selbstständig zu eigen gemacht hatte; und

ohne es zu wissen, bezeichnete sie ihren Zustand richtig:
sie betrieb ihre durchaus künstlerische Leistung wie ein
S!
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Handwerk. Was uns Andere in derselben entzückte,

F war ihr selber unbewußt, ja sogar das Gedicht, ds sie
? Anfangs hingerissen hatte, machte ihr jezt keine Freude
F-mehr und war ihr gleichgiltig geworden.
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s= Fast ebenso verhielt es sich mit ihrer Lebenslage.
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FSie war ihr zwider, ohne daß sie jdoch an die
FMoglichkeit dachte oder glaubte, sich in andere oder
F bessere Verhäütnisse zu bringen
F Was wollt Ihr, daß ich mache? Stille sizen
F
z und die Nadel führen, das ist nicht mein Geschmack!
F Heirathen? -- Ich habe die verheiratheten Männer
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lennen lernen; sie sind schlimmer als die anderen, die
doch bisweilen auch sich selbst betrügen, wenn sie
Liebeshändel suchen. Und wen soll ich heirathen? --
Einen Armen?- Armu bin ich schon selber. Einen
alten Neichen? -- Das Alter ist häßlich und mißtrauisch! z
-- und ein junger, der Etwas besizt und sich gut
ernähren kann, der trägt nach meines Vaters Tochter,
die jahrelang in Lande herumgezogen ist und ihren
Vater zu ernähren hat, beim Himmel! kein Ver-
langen. Ich muß bleiben, wie ich bin. Es ist -
Nichts für mich zu machen.
Inzwischen war der Vater krank geworden. Sie IF
konnten in der Strasße Nichts verdienen, und GloriaS
ließ sich, da man, wie sie es nannte, doch leben mußte, --I
das Modelliren von mir bezahlen. Mir war das sehr-
I
viel lieber. Sie kam wie ich's bestellte, jezt an jedem.
Tage, blieb den ganzen Morgen bei mir, und verkehrte
mit mir in einer Arglosigkeit, die mir die größte
eberwindung auferlegte, wenn ich mteiner selber
Meister bleiben, und sie aus ihrer Sicherheit nicht auf-
schrecken wollte.
Sie sprach mit mir von allen ihren Erlebnissen
und sie wgren oft bitier genug! Sie bat mich, ihr
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an jedem Tage die Hälfte des Geldes aufzuheben, das
ich ihr bezahlte, damit sie etwas Eigenes habe und
einen Rückhalt für den Nothfall; und es war wirklich
rihrend, es zu beobachten, wie die verhältnismäsige
Ruhe, deren sie jht genoß, ihr wohl that. Ihre
Schbnheit bllhte von Neuem auf, ihre Züge erweichten
sich allmälig, ihre Stimme verlor den rauhen, scharfen
Klang, den das laute Sprechen und singende Recitiren
in der Straße ihr gegeben hatte.
meiner Werkstatt mehr Ordnung
darin zu halten pflegte, und sie
Modell. Wenn ich sie ermahnte,
Sie bemühte sich, in
herzustellen, als ich
war unermüdlich als
sich nicht zu sehr an-
zustrengen, wenn ich es in ihr Belieben stellte, die
Sizung zu beenden, bekam ich immer nur die gleiche
Antwort: Es ist nicht so ermüdend, als das Arbeiten
in der Straße, und es ist viel besser mit Einem zu
arbeiten, als sich von Vielen bezahlen zu lassen und
seine Bezahlung wie eine Bettlerin einfordern zu
gehen. Mein Tagewerk gefällt mir, und ich komme
n zu Euch.
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Fg vor
Aeußerte ich ein Verlangen danach, so recitirte sie
mir aus dem befreiten Jerusalem, was immer ich
s
F Lewald, Benvenuto. l.
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14
begehrte. Mußte sie sich ausruhen, so trat sie gewöhn-
lich dicht an mich heran, mit mir gemeinsam meine
Arbeit zu betrachten, und es war schon öfter vor-
gekommen, daß sie sich dabei auf mich gestützt hatte, um
es sich bequem zu machen, wenn sie müde war.
Es waren Tage und Tage also hingegangen, da
trat sie eines Morgens zeitiger als sie pflegte, und mit
der kurzgesprochenen Frage bei mir ein, ob ich sie noch
brauche?
Ich erkundigte mich, was das heißen solle? Das
könnt Ihr Euch wohl denken! gab sie mir zur Antwort.
Der Vater ist wieder auf den Füßen, wir müssen wieder
an die Arbeit.
Und Ihr wollt mit ihm gehen? rief ich erschreckend
bei dem Gedanken, mich von ihr zu trennen. Du willst
gehen? und weißt doch, daß ich Dich nicht entbehren
kann!
Sie wechselte rasch die Farbe und sagte: Was
hilft'8? wir müssen gehen und gleich morgen!
Morgen! rief ich, meiner selbst nicht länger mächtig.
Nein, Du wirst nicht gehen, morgen! und Du willst
auch gar nicht gehen!
Schweigt, Signor! bat sie, sich von mir wendend, -

z
19
schweigt! Da hilft das Neden nicht! Kein Wort mehr
davon, Signor!
Und doch muß es gesagt sein! fiel ich ihr in di:
Rede, obschon es dessen nicht bedarf. Ich hale ja
geschwiegen, seit ich Dich wiedersah, denn D solltes
Deinen
daran
Wozu
Du es
Willen haben. Du solltest sehen, daß mir mehr
gelegen war, Dich zu befriedigen als mich
hat es geholfen? Sieh mich offen an! Weifßr
nicht, daß uuich die Leideuschaft fitr Dich ver
zehrt? Weißt Du es nicht, daß Du nur deshalb alle
Tage zu mir gekommen und sanft und glücklich bei mi
gewesen bist, weil auch Du mich liebft?
Sie hatte den Arm auf den Modellirtisch, die
Stirn gegen ihre zusammengehallte Hand gestützt und
blickte gesenkten Hauuptes vor sich auf den Boden nieder.
Mit einem Male hob sie das Haupt empor. Nein
sagte sie, und blickte mich mit festent Auge an, nein!
ich habe es nicht gewußt. -- Nichts habe ich gewusßi
bis gestern, nicht einmal daß Ihr mit Lüüge gegen mich
gehandelt habt. - Aber nun kenne ich Euuch, und nun
lst's
auch zu Ende zwischen Euch und mir.
Jetzt errieth ich, was geschehen war, und ich sagte

E ihr Alles, was meine Leidenschaft, was mein Verlangen
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10
sie zu beruhigen und zu halten, mtir eingaben; denn
ihre unschuldsvolle Wahrhaftigkeit entzückte müich, und
ihr Widerstand steigerte mein Begehren. Ich drang in
sie, sich auszusprechen, weil ich gewiß sei, mich recht-
fertigen zu können und sie that es endlich.
Ich habe Euch vertraut und nicht an Euch ge-
zweifelt, denn Eure Worte waren bescheiden, und die
Mtiene, utit welcher Ihr zu mir redetet, war symnpathisch,
sagte sie. Ihr habt mich glauben machen, Ihr wäret
aus dem Volke so wie ich, Ihr wäret ein Künstler, den
Donna Carolina und Monsignore Arrigo unterstützten;
und wie mit meines Gleichen habe ich mit Euch ver-
kehrt. Nichts habe ich Euch verschwiegen, Nichts
verhorgen von Allem, was ich Aermste erlebte, denn ich
kann nicht Ligen sagen, aber Ihr habt das vermocht.
-- Gestern noch, fuhr sie fort, während ihre Stimme
wankte, gestern noch ging ich in gutem Glanben ruhig
von Euch fort. Ich nahm Euer Geld, wie Ihr vorgabt,
selber Geld für Eure Arbeiten zu empfangen. Da -- -
sie hielt inne und fuhr dann rascher und mit steigender
Bewegung fort: Als ich aus dem Portale des Palastes
kam, hielt ein Wagen vor demselben. Ein vornehmer
Herr saß darin. Er sah mich und rief mich an mit

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meinem Namen, ich wußte nicht, wer er war. Er
wunderte sich, wie Ihr dereinst gethan, daß ich in
der Stadt sei.
bei Donna Car
ich hier käme.
Er sagte, er habe mich damals gesehen
olina, und er fragte mich, von wannen
Ich wollte mich aus dem Wege machen,
denn seine Freundlichkeit war von der Sorte, die ich
kenne; aber der Thürsteher
wannen sie her komuitt? fragte
Marchese, der sie zum Mobell
trat dazwischen. Von
er, nunn vonu demt Herrn
hat, für sich ganz allein.
= Als ich darauf sagte, ich arbeitete hier mit einemt
Bildhauer und wüßte Nichts von einem Herrn Marchese,
lachten sie mir in's Gesicht, und der Fremde meinte, er
selber sei freilich kein Bildhauer wie der Herr Marchese
von Armero, aber wenn ich ihn auch besuchen wolle,
so solle es nicht mein Schade sein! - Sie biß die
Zähne auf einander. Ich versuchte zu sprechen, aber
ließ mich nicht zu Worte koumen.
Macht Euuch keine Mühe, sagte sie, es geschah mir
damit recht. Warum bin ich zu Euch gegangen?---
Aber ich wollte Ihr wüßtet, wie mir dabei zu Muthe
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war, und wie ich Euch von Herzen dafür haßte! Wie
ich von dem Platze, von Eures Hauses Schwelle fort-
kam -- ich kann's nicht mehr sagen. Ich konnte vor

18
dem Thürsteher die Augen nicht mehr aufschlagen.
Driben in die Kirche flüchhtete ich mich hinein mit
meinem Grimm. Da habe ich gesessen, lange, lange;
und habe mich hingeworfen vor die heilige Muiter
Gottes und hale beten wollen, und die Worte sind mir
weggewischt gewesen aus den Kopfe. Perle un: Perle
ist durch meine Hände gerollt von meinem Rosenkranz,
und ich habe geweint, geweint! Beten kann ich nicht
seitdem. -- Ich bin nach Hanse aegangen wie eine
Verdammte, und habe nicht finden können, was mir
war. a'a hat - aler zu sprechen angefangen und
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=- gelagk, er könne wieder vorwärts, und wir müßten
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an die Arbeit. Das ist mir duurch's Herz gefahren,
und nun h.. -» ? gewußt -- und Euch verwiinscht -
- 1.
und mich!
Gloria! rief ich trunken vor Eutzücken, und hielt
ihr meine beiden Hände hin. Sie aber trat rasch von
mir zurück.
Nichts da von Gloria! rief sie, ich werde froh
fein, wenn ich fort bin, weit fort von hier und weit
von Euuch!
Ich konnte mich nicht länger halten. Ich schloß sie
in meine -==e, indeß sie bog das stolze Haupt zuruck,
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nd mit einer Angst, die mir das Herz erschütterte,
flehte sie: Lasßt mich um aller Heiligen willen! LFt
mich gehen, Signor! So -- gerade so hab' ich Euch
gesehen in meinem Trauume diese Nacht! Und ich hahe
Euch umfangen, wie Ihr mich! Aber die Madonna h:
sich niedergesenkt zwischen Euch und mich, und hat ds
Schwert gezegen auus ihrem blutenden Herzen und hat
es mir durch die Brust gestosen, das; ich mit einen:
Schrei erwacht bin!-- Und wie ich dann emporfuhr,
war es tiefe Nacht und ich hörte eine Stimme, die mir
sagte: Hüte Dich vor ihm, es ist Dein Unglück we
u bleibst!
Sie brach in heftiges Weinen aus, wir lagen Bruust
an Brust, meine Lippen tranken ihre Thränen. Eä war
von Scheiden keine Rede mehr.

Kapitel 14


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u Hochsommer, als Monsignore Arrigo wieder-
rte, war meine Melpomene aus dem Marmorblock int
Groben lange schon herausgefördert. Ich legte selber die
letzte auöführende Hand an
thuung, mit welcher mein
war mir ein hoher Lohn.
dankte. Er lobte
Beschützer vor derselben stand,
Er behauptete, mir eine der
.nes Lebens schuldig zu sein, während
reinsten Freuden sei
ich doch all' mein
diese Arbeit, und die Genug-
Glick seinem Zutrauen zu mir ver-
mich, daß ich um meiner Arbeit
willen die Stadt auch während der heißen Monate nicht
verlassen hätte, und ich stieß in ihnt auf keine Strenge,
als er es dann inne wurde, wie nicht allein gewissen-
after Fleiß mich in der Werkstatt festgehalten.
Ich konnte in dem folgenden Winter meine Mel-
pomene noch zeitig genug beendigen, um sie auf die

W1
Auöstellung von Kunstwerken zu senden, welche in

Frühling jenes Jahres auf dem Capitole stattfand, und
ich hatte das Gllck, meine Arbeit mit dem ersten Preise
gekrönt zu sehen. Man beglückwünschte die Eltern zu
meinem Erfolge, sie hörten es in ihren Lebenskreisen
vielfach rühmend erwähnen, daß sie dem Talente ihres
Sohnes die freie Entwickelung gegönnt hätten. Meine
Mutter, die sich sagen durfte, daß sie in dieser Hinsicht
keine unverdiente Anerkennung finde, hatte eine große
Freude an meinem Gelingen, mein Vater suchte sich
mit meiner Laufbahn auszusöhnen; es widerstrebte ihm
aber trotzdem sehr entschieden, als ein Fremder meine
Arbeit zu kaufen wünschte. Monsignore Arrigo, dessen -
Großmuth nichts halb zu thnn vermochte, nahm deshalb -
diese meine erste Statue für sich in Anspruch. Er

brachte sie meiner Mutter als eine Huldigung dar,
und in dem Empfangzimmer derselben fand sie ihren
Plaz.
Wenn ich in jenen Tagen einmal die Nuhe gewann,
über mich selber nachzudenken, so schwindelte mir fast
vor meinem Glücke. Meine Mutter behandelte mich
wieder mit der besonderen Zärtlichkeit, welche sie mir
früher hatte angedeihen lassen. Die Gesellschaft, der ich
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durch meine Geburt angehörte, interessirte sich für meine
- Arbeiten wie für die Erfolge eines Familien-Mitgliedes,
und Donna Carolina und Monsignore Arrigo theilten
sich in die Genugthuung, von Anfang an Zutrauen zu
mir gehabt zu haben. Die Erstere namentlich wußte
sich Etwas damit, daß sie es gewesen sei, die mir das
Modell zu meiner Muse zugeführt hatte.
Sie kam öfters in meine Werkstatt, die Fremden,
welche in ihrem Hauuse eingeführt waren, folgten ihrem
Beispiel, und weil sie selber mich weit über die Gebühr
bewunderte und empfahl, fand ich auch unter den
F Fremden früher, als es sonst geschehen sein würde.
E
Fg Aufträge zur Ausführung der Stizzen, die ich gelegentlich
entworfen hatte, und damit Anreiz zu einem muthigen
Vorwärtsgehen.
Auch mit meinen Fachgenossen lebte ich auf bestem
FF Euße. Sie fühlten es, wie mein ganzer Sinn der Kuns
FF angehörte, sie freuten sich der Lust, mit welcher ich mich
ihnen anschloß, der Ehrlichkeit, mit der ich mich ihnen
unterordnete und von ihnen zu lernen trachtete, und si:
mißgönnten mir nicht einmal den Preis, den ich ge-
, wonnen hatte, weil ich es ihnen und mir selber nich:
verhehlte, daß meine Ausnahmestellung nicht ohnr

2e
Einfluß auf das Urtheil der Jury gewesen sein mochte.
Nur um Gloria beneideten sie mich, um das schöne
Geschöpf, das sich mir mit einer Liebe und einer Leiden-
schaft zu eigen gegeben hatte, die ich mit ihr theilte
und die mir ein neues, mich berauschendes Glück er- -
schlossen hatie.
Dafß ich sie nicht neben ihrem Vater lassen konnte,
verstand sich ganz von selbst. Sie hatte eigentlich kein
Herz für ihn, und er verdiente es auch nicht anders.
Nur Mitleid, nr ein instinctives Pflichtgefihl und die
Verlassenheit, der sie anheimgefallen war, nachdem sie
ihm auf sein Ueberreden aus dem Kloster in die Welt
gefolgt war, hatten sie neben ihm festgehalten. Sie
war deshalb sehr zufrieden, daß ich für ihn in einer
angemessenen Weise sorgte, um sie von ihn entfernen zu
können; aber sie war der Nnhe und der Einfamkeit
entwöhnt und ihre Unkenntniß der Welt hatte sie glauben
machen, daß sie nun inuer bei mir sein, daß ich für
sie ausschließlich leben würde. Sie fand sich daher
schwer enttäuscht, als sie erkenien mußte, daß dies nicht
also sein konnte.
Unter den Künstiern und Kunstfreunden hatte
Gloria seit ihrem Auftreten den Namen der Zauberin
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behalten, in deren Darstellung sie uns zuerst bekannt
geworden war, und wie abhold sie allemt Scheine sich
auch erwies, gefiel ihr dieses wohl, denn sie verlangte
wie Armida den Geliebten abzutrennen von seiner Ver-
gangenheit, von seinen Freunden, von der Welt. Es
war ganz vergebens, wenn ich ihr vorhielt, daß ich troz
meiner Leidenschaft für sie, doch mehr und Anderes
erstreben und mehr begehren müsse, als nur mich ihrer
Schönheit und ihrer Liebe zu erfreuen.
Wenn ich von meiner Arbeit oder aus den Kreisen
der Gesellschaft, der ich angehörte, zu ihr zurückkam,
entzückt, sie wieder zu sehen und bei ihr zu verweilen,
fand ich sie meist traurig, oft in Thränen, und fand
schwer, sie zu erheitern.
Du sprichst zu mir in guten Worten, sagte sie,
aber Du brauchtest sie mir alle nicht zu geben, wenn
Du so fühltest wie ich's thue. Du sagst mir, daß Du
glücklich bist, wieder bei mir zu sein, daß keine Andere
Dir gefällt und Keine schön ist so wie ich, daß Du
die Stunden zählest, die Dich von mir fern in der
Gesellschaft oder bei der Arbeit halten. Nun denn,
wenn dem also ist, weshalb gehst Du dahin, wo Du
Dein hdchstes Gllck nicht findest? weshalb hast Du mich

7
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nicht immer neben Dir bei Deiner Arbeit? weshalb
verkehrst Du mit den Frauen, die mir lange nicht
gleichen? - Du hast Deine Lorbeeren gewonnen mit
dem Bildwerk, das Du mir nachgebildet hast. Sie
bewundern die Antigone, die Du ebenfalls nach mir ,
geschaffen, und doch gehen Deine Augen andere Schön-
heit suchen. Ich aber, was liebe ich außer Dir?
wonach verlange ich, als nach Dir allein? Du bist die
Erde, auf der ich stehe, aus Dir schöpfe ich meine
Nahrung, von Deiner Angen Sonne kommt mir all
mein Licht; und könntest Du jemals wanken oder weichen, -
so wär's mein lezter Tag! Denn besser in die Hölle
fahren, als Dich untreu sehen, neben mir!
Ihre Klagen, ihre Zweifel wie ihr Drohen beun-
Ausdruck ihrer Liebe und durchaus unbegründet, während
Wiederholung derselben geläufig geworden waren, ihrer
Sprache einen großen Neiz verliehen. Weil' ihre Be-
gabung so ungewöhnlich war, verfiel ich natürlich auf
den Wunsch, sie einigermaßen unterrichten zu lassen und
so viel an mir war, auszulilden; indeß sie lehnte jeden
solchenVorschlag, jedessolcheBestreben entschiedenvonsichab.

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ruhigten mich nicht. Sie waren nur ein wechselnder
die dichterischen Wendungen, die ihr durch jahrelange
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Ich kann lesen, sagte sie, was Du mir schreibst,
ich kann auch schreiben um Dir zu sagen, daß ich Dich
liebe, müßtest Du einmal auf eine kurze Weile von mir
gehen, und um da Andere kümmere ich mich nicht.
Ich werde nicht in fremde Lnder reisen ohne Dich;
mülßtest Du in der Freunde leben, so wüirdest Du mich
.t Dir
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fallen.
nehmen, daß ich Dir nur zu folgen brauchte
in Büchern zu lesen, daran habe ich kein Ge-
Schöner als der Tasso, den ich kenne, sind sie
nicht, erhabener sind sie auch nicht; und sellst die
Schicksale und die Liebe jener Helden rühren mich jezt
nicht mehr. Ich liebe Dich mehr als Armida und
Chlorinde liebten, ich kann Nichts mehr von ihnen
lernen; ich habe genug an Dir und mir. Du hast
mich
als
lieb gewonnen wie ich war, so laß mich wie ich
ich kann und will nicht anders werden.
Sie hatte mit dieser letzten Bemerkung mehr Recht,
sie es vielleicht wußte. Uneigennüzig bis zum
höchsten Grade, fern von eitler Gefallsucht, gleichgiltig
gegen ihre Schönheit, wie die in einer Wildniß auf-
blühende Blume, und einzig darauf gestellt mir zu
beweisen, wie ihr Alles gar Nichts gelte neben mir und
mserer Liebe, stand sie wie ein schönes Wunder vor
F. Lewald, Benvenuto. l.

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mir. Sie war eine in sich vollkomene Natur. Eben
dadurch aber fehlten mir, ihr gegenüber alle jene tausend
Möglichkeiten sie zu erfreuen, mit welchen man leichter
gesinnten Frauen das Leben erheitern und verschönern
kann; und der Schrankenlosigkeit des Anspruchs zu
genüügen, den sie an mich machte, ward mir auf die
Länge imuter schwerer, ja endlich ganz nnmöglich.
.ch hatte in dem ersten Fener meiner Leidenschaft
mehr Zeit, mehr Hingebnng an sie verwendet, als ich
vor mir zu verantworten vermochte. Meine Freunde,
meine Gesellschaft hatie ich über sie verabsäumt, selbst
meine Arbeit, sofern nicht Gloria mir den Vorwurf
dafür geboten, hatte neben ihr zurückgestanden, bis ich
es eines Tags deutlich inne ward, wie vollkommen und-
ausschließlich sie meine Phantasie beherrschte, wie jedes
Motiv, das ich erfaßte, sich an sie anlehnte; und doch
war ihre junonische großartige Schönheit eben nur für
classische und ernste Bildungen verwendbar.
Sie hatte Recht, ich dankte ihr meinen ersten durch-
schlagenden Erfolg, ihr auch dankte ich die Anregung
zu der Gruppe des Dedipus und der Antigone, die ich -
in dem folgenden Jahre in Angriff genommen hatte;
aber je weiter ich in der Auäführung der Antigone-
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Gestalt vorwärts kamt, um so mehr dimnkte es mir, als
fehle derselben eine gewisse Zartheit, als entbehre sie
des Ausdrucks sanfter Jungfräulichkeit, wie meine erste
Liebe, die schöne Julia, ihn besessen; wie ich ihn mit
Wohlgefallen an manchen Frauen wahrnahmt, denen
ich in der Gesellschaft zum Hefteren begegnete. Ich
wollte es dabei in der Anutigone erkemnen lassen, daß es
der Tochter nicht leicht falle, des Vaters Halt und
FF hreri z sein. Ma soe es ihr ansehen, wie nr
die Liebe es ihr möglich mache zu vollbringen was sie
leiste, und des Weibes Schwäche in sich zu überwinden.
F Ich dachte mir umwillturüch biese oder je schsantere
- Gestalt als die Stütze eines blinden Greises; aber
Gloria's stolze, gewaltige Kraft drängte sich immer
in den Vordergrund mteiner Phantasie. Meine Antigone
F behieit gegen weine Abieht mehr Heroisces. =l- ch ibr
zu verleihen wüünschte. Ich hätte sie zarter, feiner dar-
stellen mögen, ich meinte, sie wüirde dann liellicher, sie
würde dann rührender auf den Betrachter wirken; und
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weil ich so im Geiste nach einer andern Schönheil
suchte, fing Gloria an, mir nicht mehr als der
FFF =-un == = ==- o= ==te- =eu-
erscheinen.
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Eine Grazie, eine Hebe, oder überhaupt eine
mädchenhafte jugendliche Gestalt nach ihren Vorbilde zu
schaffen, daran konnte man auch füglich nicht mehr
denken. Sie hatte mit ihrem mächtigen Körper, mit
I
ihrer gebietenden Haltung immer älter ausgesehen, als ;
sie war. Das jezige ruhige Leben hatte sie stärker
werden lassen, der Ernst und die Festigkeit ihres
Characters ihren Zügen eine große Strrnge eingeprägt.
Sie war trotzdem immer noch sehr schön. Für eine
Sybille, eine Penelope, konnte man kein vollkommeneres
Modell erwünschen; aber mir standen eben jetzt andere
Motive vor der Seele, und das Verlangen, sie zu ver-
wirklichen, wurde immer lebhafter, wenn ich, meine
Gruppe betrachtend, mir endlich sagen mußte, daß ich
an ihr nichts mehr zu ändern vermöge, daß ich sie, so
wie sie sei, als vollendet gelten lassen müsse, wenn-
gleich sie mir selber auch noch nicht genügte.
Weil meine Aubeiten das Einzige waren, woran
Gloria lebhaft Antheil nahm, und wofür sie mit ihrem
angeborenen Kunstsinn wirklich ein Verständniß hatte,
sprach ich vor ihr meine Unzufriedenheit mit der Antigone
aus, aber sie begriff nicht, was ich meinte.

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Laß die Antigone so wie sie ist; ich verstehe mehr
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davon als Du und sonst ein Anderer. Ich habe di:
Antigone gemacht auf langer Wanderschaft. Ihr Fus
muß fest sein, ihre Schulter stark, ihr Auge offen! Ei
zartes Jüngferchen hat dazu nicht die Kraft, hat nich
die Kraft fütr zwei! Aber stelle jezt eine solche jugendliche
Schönheit dar, wenn's Dir gefällt! Du bist der Herr
Wir wollen an die Arbeit gehen.
Da stand ich nun an der Klippe, der ich mic
lang schon nah gewußt hatte; indeß weil mir Glori::
sehr lieb und theuer war, wüünschie ich sie an derselben
so behuthsamn, als ich es vermochte, vorbeizuführen.
Ich sagte, sie habe das Richtige getroffen, ich
wolle und müsse zur Abwechslung mich jezt in kindlichen,
in jugendlichen Gestalten üben. Ich wolle einen Amor
und eine Psyche machen. Ich erklärte ihr was dieses
sei, und sagte, für den Amor habe ich ein treffliches
Modell, fitr die Psyche müsse ich es suchen.
Ein glühendes Roth flog über ihre Stirn. Wa«
hast Du da gesprochen? rief sie, bin ich denn nicht
mehr da?
Unwilltürlich musßte ich iber ihren Einfall lachen.
Das erzürnte sie. Ich stellte ihr also ruhig vor, daß

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ich für meine nächste Arbeit sie nicht benutzen könne,
dasß ich jezt andere Modelle halen mütsse.
Sie fuhr zornig auf. Und wenn Du mir das -
noch einmal und immer wieder sagst, so werde ich's
nicht glauhen; und mehr als das, ich werde es nicht
dulden! sprach sie heftig.
a ermahnte sie, sich zu beruhigen, mich zu hören.
ach versuchte ihr ernsthaft zu erklären, welch' uner-
fillbare Forderung sie an mich stelle; ich führte sie an
den Spiegel und bat sie scherzend, sich in die Pose eines
jungen Mädchens hineinzufinden, ich schalt sie endlich
wegen ihres Mißßtrauens und ihrer Herrschsucht. Es
ging das Alles spurlos an ihr vorüüber.
Ich höre Dich sprechen, sagte sie, aber was thut
und hilft mir daö? Ich war ohne Schuld und ehrbar,
als ich Dich kennen lernte, und Du warst kein Wüstüing.
Ich habe ir vertraut und Dir vertraut.-- Was ist
daraus geworden? Soll ich von einer Anderen besser
denken, als von mir selber? oder Dir vertrauen, da ich
erfahren habe, daß Du wie die Anderen bist? Ich bin «
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Dein geworden, Dp -bist mein, und ich werde Dich nicht
lassen, obschon der Priester uns noch nicht verbunden
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hat; aber der Tag wird ja einst kommen, wenn ich ihn
auch nicht ersehnen darf.
Ich achtete auf diese Worte nicht. Sie hatte bis
dahin niemals davon gesprochen, daß sie erwarte mir
rechtmäßig verbunden zu werden, und weil Verhältnisse
wie das unsere in der Künstlerwelt nur zu gewöhnlich
waren, hatte auch ich mich in demselben gehen lassen,
vollkommen in mir bernhigt, da ich für Gloria und
ihren Vater nach ihren Wünschen sorgte, und mich
überzeugt hielt, daß fie sich in ihrer Lage gsücklich
fühle und sich in unsere Zustände hinein gefunden habe.
ach durfte mir sagen, daß ihr Loos neben mir ein
beneidenswerthes im Vergleich zu jenem Leben sei, das
ihr Vater sie zu führen gezwungen hatte. Meine
Leidenschaft fltr sie war auch keineswegs erkaltet, die
Gewohnheit hatte mich bis zu einen gewissen Grade
sogar mit der Schroffheit ihrer Natur und uit den
Herbheiten ausgesöhnt, welche das herumziehende Leben
ihr eingeprägt; aber ich konnte die Gesellschaft und die
Welt, in denen ich heimisch war, um Gloria's Willen
nicht vergessen, nicht entbehren. Ich genoß mit Freuden
die Auszeichnung, mit welcher man mich in derselben
behandelte, denn bei der reinsten Begeisterung für die

=1s
Kunst war ich doch ehrgeizig und fest entschlossen, mir
als Künstler diejenige Stellung zu erringen, welche es
meiner Familie darthun sollte, daß ich dem Namen der
Armero's, den sie durch mich beeinträchtigt zu sehen
befürchtet hatte, eine neue und ehrenvolle Bedeutung zu
verleihen, die Fähigkeit besäße.
Mit meinen dreiundzwanzig Jahren hatte ich an
die Ehe nicht gedacht, und an eine Ehe mit Gloria um
so weniger, da wir die bequeme Freiheit, welche wir
in unserem Verkehr mit den Frauen uns gestatten,
als ein uns von der Natur ihnen gegenüber verliehenes
Vorrecht ansehen und benutzen.
Es kam mir deshalb sehr gelegen, daß mir eben
in jenen Tagen der Auftrag ertheiit wurde, ein Grab-
Denkmal auszuführen, für dessen Gestalten Gloria
durchaus nicht zu benutzen war; und die Eifersucht,
mit welcher sie mich ohne Grund verfolgte, der zornige
Mißmuth, den sie nicht verbergen konnte, die thränen-
reichen Vorwürfe, in denen sie sich erging, brachten es
dahin, daß ich sie weniger suchte, sie zu meiden anfing,
da es mir nicht gelingen wollte, sie zu beruhigen.
Ich hatte sie seit mehreren Tagen nicht gesehen,
als sie eines Morgens, ohne daß ich es gefordert hatte,

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in meine Werkstatt kam. Dies zu thun, hatte ich ihr
verboten, weil ich in den frithen Stunden abwechselnd
das Modell für meinen Genius, und eben für dasselbe
Grabmal auch eine Mutter mit ihrem Kinde bei mir
hatte. Zufällig aber hatte ich an dem Morgen keine
Sizung angesagt; ich war allein, und bemerkte gleich
bei Gloria' Eintritt, daß ihr etwas Ungewöhnliches
begegnet sein mußte. Sie sah bleich aus, ihre Augen
waren von vergossenen Thränen müde, indeß ihr Aus-
druck war weicher, als ich ihn seit lange gesehen, und
vot
r Besorgniß um sie ergriffen, fragte ich sie, was sie
nir führe.
Was mich zu Dir führt? wiederholte sie, sonst
hast Du mich das nicht gefragt. Aber freilich, die
Zeiten haben sich geändert, und es ist eine
ott, daß er selber mir zu Hilfe gekommen
Sie nahm sich darauf zusammen und
unbewegter Stimme: ich habe heute in der
Botschaft
riefen müich
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heilige
braucht
Gnade von
lst.
fagte mit
Frühe eine
aus dem Blinden-Hospital erhalten. Sie
hin und ich bin gegangen. Mein Vater ---
Franziscus sei seiner armen Seele gnädig!
nicht mehr zu leiden. Er ist gestorben in
Nacht, sie begraben ihn am Nachmittage.

D
Das war freilich in jedem Betrachte eine wahr-
hafte Erlbsung, doch sprach ich Gloria herzlich zu, wie
ich's empfand. Sie aber gab mir in einer Weise
Antwort, die trotz der obwaltenden Umstände etwas
Befreundliches für mich hatte, und die eö fast ungehörig
erscheinen ließ, daß ich sie um ihrer Nuhe willen lobte.
Wie sollte ich nicht ruhig und dem Himmel dank-
bar sein, da mein Gewissen frei ist, sagte sie. Ich habe
nie um meines Vaters Tod gebetet,-- Gott weiß es!
sondern in Geduld gewartet, bis es dem Himmel
gefallen hat, ihn abzurufen und mich zu befreien. Auch
von Dir hale ich nie gefordert, waä bis heute Du mir
nicht gewähren konntest. Meines Vaters Tochter konntest
Du nicht heirathen. Aber der Aermste ist nun nicht
mehr am Leben, sein Vergehen und die Erinnerung an
seine harte Strafe sind mit ihm begraben, und die
Heiligen, die gerechter sind als die Gerechtigkeit der
Menschen, werden Erbarmen haben mit seiner armen
Seele, für die auch ich beten will so früh wie spät:
Jezt aber bin ich ganz allein und frei, und meiner
hat sich kein Mensch zu schämen. Thue jez, wie sich's
gebührt. Dann wird meine Eifersucht Dich nicht mehr
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peinigen, und ich werde mich nicht in ihr verzehren
müssen, wie in dieser letzten Zeit!
Ihre Festigkeit hatte sie allmälig verlassen, die
-ihränen brachen ihr aus den Augen und fielen mir
schwer auf die Seele. Wenn ich mein Verhältniß zu
ihr auch niemals angesehen hatte wie sie es that, so
erschütterte mich doch ihr schlichtes rücksichtsloses Rechts-
gefühl bis in das tiefste Herz; aber mich gegen mich
selbst mit jener Grausankeit waffnend, die wir uns als
Characterstärke anzurechnen lieben, sagte ich: Lasß das,
ich bitte Dich! Du mußt nicht von mir fordern, was
ich Dir, wie Du weißt, zu gewähren nicht veruag
Und weil ich mich zu diesen Worten zwingen mußte,
klangen sie, ich fühlte das sehr wohl, noch weit härter
als sie waren. Gloria blickte mich mit starren
Augen an.
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Ich verstehe Dich nicht! sagte sie, indem sie nahe
ihr,
mich herantrat, Du denkst mich nicht zu heirathen?
Ich wich der Frage aus. Du weißt, entgegnete ich
daß Du auf mich zählen kannst, das; Di einen
Freund an mir besizest -
Sie ließ mich nicht vollenden. Was geht uich
z Deine Freundschaft an! Ich brauche keinen Freund !


Ich bin Dein Weib vör Gott und fordere von Dir
Deinen Namen, wie mir's zukomnmt vor den Menschen!
sagte sie entschlossen und gebieterisch.
Ihre stolze Sicherheit reizte mich in diesem Falle
mehr als je, und ihrem sittlich allerdings berechtigten -
Trotze den Trotz jener Selbstsucht entgegensezend, von
der die Welt regiert wird, welche wir die beste zu nennen
lieben, weil wir es uns in ihr so bequem gemacht haben,
wiederholte ich ihr mit einer Bestimuutheit, die von
meinem wahren Empfinden sehr verschieden war: Du
mußt nicht fordern, was Dir zu gewähren mir nicht
möglich ist. - Aber daä Entsezen, das über ihr Antliz
fuhr, brachte mich zur Besinnung, und ihre Hände er-
greifend, bat ich sie, sie möge mich nicht drängen, mich
nicht zwingen wollen, sie möge die Zeit gewähren lassen.
Indeß sie achtete nicht darauf, und mir ihre Hand
entziehend, wiederholte sie: Mein Vater ist ja todt!
Aber der meine lebt und wird, ich hoffe es, noch
lange leben, und meine Mutter auch! entgegnete ich mit
dem Wunsche, ihr für den Augenblick es damit klar zu
machen, was uns trennte. Gloria's Geradheit machte
jedoch ein solches Hoffen eitel.
Was kümmern mich Dein Vater und die Mutter?

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Du bist nicht gegangen Deinen Vater und Deine
Mutter zu befcagen, als Du mich für Dich gewonnen
hast, rief sie, und ich habe meinen Vater auch nicht erst
befragt, denn ich liebte Dich und Du hast mich geliebt.
Aber ich sehe es und habe es lange gesehen, mit Deiner
Liebe ist's vorbei. Die Liebe kennt ja Nichts als sich
selbst, sie fragt Niemand, und sie kümmert sich um
Nichts! Du aber --
Sie unterbrach sich, weil ihre wachsende Leiden-
schaft ihre Stimme erstickte. Ich versuchte sie zu be-
fänftigen, sie hörte mich nicht, und es half nicht ihr
nicht mir, daß ich ihr betheuerte, ich wirde sie nicht
verlassen, daß ich ihr versicherte, sie sei mir werth und
werde es mir immer bleiben.
Sie lachte höhnisch auf. Gch! sagte sie, geh!
Vater und Mutter und Deine Vornehnheit sind Dir
werth, nicht ich! Ich habe mit Deinem Vater und
Deiner Mutter und mit Deiner Vornehnheit gar Nichts
zu schaffen! Was wußte ich von Dir, als ich Dich sah
und liebte? Für einen armen Künstüer hielt ich Dich
und als einen solchen gabst Du Dich ja aus. -- Des
Bänkelsängers, des armen Blinden Tochter war Dir
nicht zu schlecht, da Du sie um ihrer Schönheit willen


ülebtest. Jetzt, da Du Andere m Sinne hast, dünkt
Dir der Marchese Benvenuto, der berühmte Künstler,
für Dein Weib, für mich armes Weib zu gut! -
So geh', wohin Du magst! Ich werde dafür sorgen, daß
Du mich auch in den Armen einerAndern nie vergessensollst!
Und sich mit ungebändigter Leidenschaft von mir -
wendend, stieß sie mit starker Hand den Modellirtisch
um, auf welchem das nahezu fertige Modell des Grab-
denkmales stand, daß es mit dem Tisch zu Boden fiel.
Dann warf sie die Thüre hinter sich zu, daß es schallte,
und schritt in wildem Zorn davon.
Ich stürzte nach meiner Arbeit hin, ich rief meine
Gehilfen herbei, wir versuchten die Gruppe, die ich in ,
halber Lebensgröße entworfen hatte, so gut es gehey ,
wollte, aufzurichten, aber sie war theils zerfallen, theils F
flach geschlagen. Indeß, wie hart mir das auch ankam, -
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denn die liebevoll durchgeführte Arbeit war fast neu zu
machen, athmete ich in meiner zornigen Empörung gegen
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Gloria doch leichten Herzens auf. Gegenüber ihrer
Maßlosigkeit und Wildheit schwieg die Stimme meines
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Gewissens, die Stimme des Mitleids, und ich fühlte mich
berechtigt, nur an mich zu denken, nicht an sie.
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Kapitel 15

Pierzehnles Capitel.

Ie ieb den ganzen Tag bei meiner Arbeit, lange
schwankend zwischen den Versuchen sie herzustellen, und
dem Vorsatz, sie noch einmal aufzubauen. Endlich ent-
schied ich mich für das Leztere, machte mich casch an
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Ich kam mit guter Fassung um die Stunde der
Abendmahlzeit, die ich immer noch mit Arrigo einnahm,
zu ihm hinauf, und weil selten ein Tag verging, an
welchem er mich nicht in meiner Werkstatt aufsuchte,
theilte ich ihm sofort mit, daß mir eine große Wider-
wärtigkeit begegnet, daß mein Modell zerschlagen und
ich genöthigt gewesen sei, die Arbeit von Neuem zu be-
ginnen.
F. Lewald, Benvenuto. l.

1
Er fragte natürlich, wie das geschehen sei? Ich
sagte, es sei im Vorübergehen daran gestoßen worden-
Er konnte das nicht begreifen und es war auch nicht
wohl zu glauben, da die dreibeinigen starken Tische fest
wie angenagelt stehen. Er wollte also wissen, wer das
Ungeschick begangen habe.
Die Frage war mir nicht gelegen, um aber über
die ganze Sache so schnell als möglich fortzukommen,
erzählte uh, Gloria sei dagewesen und habe im Fort-,
gehen durch eine ungeschickte Wendung das Uuglück an-- z
gerichtet.
Arrigo schütielte langsam das Haupt. Unbegreiflich!
rief er. Ein Frauenzimmer, das seit Jahren in der I
»
Werkstatt ein- und ausgeht!-- Dann fing er an, aus den ,
Früchten, die auf der Tafel standen, sorgfältig die besten
und reifsten der kleinen Mandarinen hervorzusuchen, die
er vorzugsweise liebte, und sich, nachdem er sie ge-
funden, umblickend, ob die Diener, welche, wenn wir
allein beim Nachtisch saßen, stets das Zimmer verlassen
mußten, schon hinausgegangen wären, sagte er, wähvend
er behuthsam die duftende Schale von der Frucht abzog:
Nimm Dich mit dieser Gloria in Acht! Sie ist noch
schn und Du mußt wissen, was sie für Dich werih ist,
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aber ihr Ausdruck gefällt mir nicht. Er ist herrisch
geworden, und das ist Deine Schuld; ein Werkzeug, ein
todtes oder lebendes, muß eben ein Werkzeng sein und
bleiben, und nicht mehr.
Es war das erste Mal in all' den Jahren, daß
Arrigo eine Aeußerung über Gloria that, die sich auf
ihren Character, wie auf mein persönliches Verhältniß
zu ihr bezog. Sie trieb mir das Blut in das Gesicht,
obschon er mich nicht ansah; und mit so viel Nuhe,
als mir dem älteren und erfahrenen Manne gegenüber
eben zu Gebote stand, entgegnete ich, Gloria sei aller-
dings von einem leidenschaftlichen Temperament, aber ihr
Character sei im Einklange mit ihrer Schönheit und
Gestalt, groß angelegt, ja fast antik zu nennen.
Um so schlimmer! sagte mein Freund mit lächelndem
Munde, indem er das Glas Falerner, daß er zun
Schluß der Mahlzeit regelmäßig zu trinken pflegte,
langsam gegen das Tageslicht in die Höhe hob, um sich
mit leise zugezogenem Auge von der Klarheit des Weines
zu überzeugen. Um so schlimmer! Sie sind nie und
nirgends angenehm, die großangelegten Frauennaturen.
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Sie sind anspruchsvoll in der Liebe, unbequem in der
Ehe, und nun gar an einem solchen Frauenzimmer!

28
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Nimmn Dich uit Gloria in Acht! Ich bin ihr begegnet
heute Morgen, als sie von Dir ging, und sie hat mir
mtehr als sonst mißfallen. Es liegt ein finsterer, un-
heilvoller Zug auf ihrer engen Stirn.
=
Er stand mit diesen Worten von der Tafel auf,
sprach von gleichgültigen Dingen, und an das Fenster -
tretend, feagte er mich, da sein Wagen vorfuhr, ob ich
Neigung habe, eine Fahrt mit ihm durch die Villa zu -
machen. Ich lehnte das ab, weil ich trotz der vorge- ,
rückten Stunde noch in meine Werkstatt gehen müsse, ?
und damit schieden wir von einander.
Als ich mich dann aber an meine Arbeit machen Z
wollte, ward ich es erst inne, wie ich zerstreut und wie
ich gar nicht fähig sei, mich zu rhigem Schaffen zu-; ?
sammenzunehmen. Als hätte ich noch nie vor einem ?
ersten Entwurf gestanden, so ungefügig zeigte sich mir z
Alles. Ich wußte nicht wo ich die Hand anlegen Z
solle. Nicht das Geringste entsprach dem, was ich wollte;F
und in dem quälenden Unbehagen, welches mir daraußz
erwuchs, wallte mein Zorn gegen Gloria auf das Neue,
empor. Sonderbar genug, machte er jedoch gugenblicklich?
vem Aitieie Piat, als ich der Veukerung as=R
welche Arrigo über und gegen sie gethan hatte.
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So lange ich mich erinnern konnte, hatte es mein
Gefihl beleidigt, wenn mein Abate es anögesprochen,
wie der Zweck die Mittel heilige, wie es nicht nur er-
laubt, sondern dem Einsichtigen eine Pflicht sei, jeden
Menschen zu dem Zwecke zu benuzen, dem zu entsprechen
er vor Anderen vermöge; und es berührte mich wie ein
schriller Ton, wie ein schmerzlicher Niß, daß der von
mir so hoch verehrte Arrigo sich zu diesen mir verhaßten
Grundsätzen mit so vollkomtmnener Unbefangenheit be-
kannte. Wider meinen Willen nahm ich Partei fir
G
oria, denn Arrigo that ihr Unrecht. Sie war nur
der Liebe anspruchsvoll, sie war nur eifersüchtig;
d wie sollte eine Liebe, wie die ihre, das nicht sein,
un-
sie mit Recht sich sagen mußte, daß Nichts mich an
binde, als mein freier Wille und die Fortdauer
meines Wohlgefallens an ihrer Schbnheit. Und schbn
war sie gewesen mehr als je, in ihrent wilden Zorn an
iesem Morgen.
Ich konnte nicht bei
meiner Leute war mehr in
selbst die nassen Tücher übe
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der
Arbeit bleiben. Keiner
Werkstatt, ich legte also
r die neuu begonnene Gruppe,
kleidete mich um und ging in's Freie. Man läutete
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un Ave Maria, die Spaziergänger, die Fuhrwerke der

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vornehmen Welt hatten die Passeggiata schon verlassen,
es war einsam in den Laubgehegen des Monte Pincio,
der Mond kam hervor, und unter dem Schwirren der -
Eikaden flogen die Glühwürmchen von Busch zu Busch.
In der milden Stille des warmen Frühlingsabends ließ -
die Spannung nach, in welcher ich mich den ganzen -
Tag hindurch befunden hatte.
Ich dachte an Gloria, an alle die glücklichen, -
s
wonnetrunkenen Stunden, die ich mit ihr genossen, und ?
ich sah sie wieder vor mir in ihrem ganzen Schmerze- J
wie an diesem Morgen; sie, die Niemand hatte auf der Z
Welt, als mich. Ich machte es mir zum Vorwurf, - V
daß ich sie eben heute nicht mehr geschont, daß ich mir -
nicht vorgehalten hatte, wie der Anblick ihres todten Vaters ?
sie erschüttert, wie sie an seiner Leiche es lebhafter, -
stärker als je empfunden haben mußte, daß sie allein z

auf mich angewiesen sei. Ich trug plözlich große Sorge Z
um sie, und die Passeggiata verlassend, machte ich mich -
s
auf den Weg zu ihr.
Ich nannte sie in meinem Herzen mit zärtlichen J
Namen, ich fand die starke, ungebrochene Einheit ihrr?
Empfindung groß und schön, ich bewunderte ihr schlichtes,
Sittülchkeits- und Rechtsgefühl. Arrigo's Grundsätzg

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mein weltlicher Leichtsinn und die Sophistik meiner
Sinnlichkeit und Selbstsucht erschienen mir daneben in
ihrem wahren Lichte. Ich wünschte Gloria's Einfalt
und Sinneseinheit zu besizen, und ohne jeden Rückhalt
empfinden zu können, so wie sie.
Ich hätte dem Zuge folgen mögen, der mir sagte:
ist in aller ihrer Schönheit Dein geworden in
Glauben und Vertrauen, sie ist Dir treu gewesen un-
wandelbar, so werde ihr gerecht, und ihre Liebe ohne
Gleichen wird Dir's lohnen. Aber diese Sinnes-
einheit Gloria's besaß ich nicht, und konnte sie auch
nicht besizen.
Während ich mit Liebe, mit Zärtlichkeit und mit
Sehnsucht an sie dachte, während ich ihr um ihrer Liebe
willen von Herzen den Schaden verzieh, den
gerichtet, übersah ich mit ihrer und meiner
heit, mit ihren und meinen Verhältnissen
sie mir an-
Vergangen-
zugleich die
Zukunft, welche ich mir bereitete, wenn ich mir es bei-
kommen ließ, ihrem Begehren nachgebend, mich mit
meinen Eltern, mit meiner Familie, mit der Gesellschaft,
in einen nicht heilbaren Zwiespalt zu bringen; und
meine Selbstsucht, oder, wie ich es nannte, meine Ver-
nunft und mein Selbsterhaltungstrieb, lehnten sich gegen


Gloria's Forderung ebeso entschieden auf, als sich eine
Stunde vorher mein Herz gegen Arrigo's Grundsätze
aufgelehnt hatte, denen nachzuleben ich mich doch ge-
zwungen hielt.
Ich kannte in dem Kreise meiner Kunstgenossen eine
und die andere Ehe, die aus ähnlichen Verhältnissen
hervorgegangen war, und sie waren den Männern, welche
in ihnen lebten, nicht zum Heile ausgeschlagen. Freilich
war Gloria's Character mit der Sinnesweise und der
Vergangenheit jener Frauen nicht zu vergleichen, und
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eben weil sie sich, biä ich sie wiedergefunden, ihres guten I
Wandels bewußt gewesen war, schlug sie es mir so hoch
an, daß sie sich mir ergeben. Andererseits hatte sie es
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oftmtals von mir auussprechen hören, daß mir mein ?
Talent und das Leben in der Kunst weit mehr werth
sei, als meine Herkunft von einem alten Geschlechte. z.
Sie konnte es auch im Entferntesten nicht ermessen, wie z

Erziehung und Bildung, wie mein Denken und Em
-
pfinden mich von ihr unterschieden, von ihr trennten,
und wie die Zuneigung, welche ich im Laufe der Jahre Z
füg sie gewonnen hatte, doch nicht ausreichend war, mir y
eine Ehe mit ihr, mir die Aufopferung meiner eigent- Z
lichen Lebenssphäre um ihretwillen, erträglich oder gar-z
-

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2
nothwendig erscheinen zu lassen, nachdem das leiden-
schaftliche Verlangen, mit welchem ihre Schönheit mich
erfüllt, seine Befriedigung gefunden hatte.
Ich wußte mir Etwas mit der Klarheit, mit welcher
ich dies Alles einsah, und hätte doch viel darum ge-
geben, wäre es mir möglich gewesen, die Stimme in
mir niederzukämpfen, welche mitten in diesen kalten Er-
wägungen für mein eigenes Bestes, mir unablässig die
sorgenvolle Frage vorhielt: und Gloria? was wird
aus ihr? was wird aus der Armen, die Nichts ver-
schuldet hat, als daß sie Dir mehr als Aderen ver-
traute, daß sie in ihrer Unschuld besser von Dir dachte,
als Dus um sie verdient hast?
So ging ich über die Piazza Barberini nach Quatro
Fontane hinauf, bis zu dem Hause, in welchem ich sie
eingerichtet hatte. Es war heller Mondschein, die Frau
und die Tochter des Tischlers, der da Erdgeschoß inne
hatte, saßen vor der Thüre. Sie waren die einzigen
Menschen, mit welchen Gloria einen Verkehr hielt, seit
ich diese Wohnung für sie genommen hatte, und natürlich
war auch ich ihnen gut bekannt geworden.
Der Bräutigam der ältesten Tochter lehnte an dem
Prellstein, der sich vor dem Hause befand, und wie ich

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den Frauen den gutenAbend bot, sagte die Mutter:
Sie ist ausgegangen, die Gloria!
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Das war am Abende niemals geschehen, wenn ich
nicht dabei gewesen war, ich hatte auch an diese Mög-
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-
lichkeit nicht einmal gedacht, als ich es von ferne wahr- F
genommen, daß sie kein Licht in ihrem Zimmer hatte,

sondern hatte mir vorgestellt, sie werde in ihrer I
Niedergeschlagenheit vielleicht im Dunkeln sitzen geblieben
sein, wie sie das beim Mondschein wohl bisweilen that.
Aber die Frauen ließen mir keinen Zweifel übrig.
Sie ist mitgegangen am Nachmittag mit ihres I

Vaters Leiche, sagten sie, dann ist sie nach Hause ge- =
kommen und zu Hause geblieben bis nach Ave Maria. I
Darauf, als wir schon vor der Thür saßen, ist sie noch -
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einmal fortgegangen.
Und sie hat Euch nicht gesagt, Padrona, wohin sie
gehen wollte?
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Sie kennen sie ja, Signor! sie spricht nicht leichh, -,
wenn man sie nicht fragt! entgegnete mir die gute Z
Frau. Selbst am Tage, als sie von dem Kirchhofe J
heimkam, und die Agnesina ihr Muth einsprechen wollte, -F
weil es doch immer hart ist, einen Vater zu verlieren,.z-
»=z=
auch wenn er nur ein Blinder ist, wollte sie nscht mit ?
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sich reden lassen. Wie sie nun wieder an uns vorüberkam,
fragten wir sie nicht. Sie hatte ein großes Bündel in
der Hand. Vielleicht ist sie zu ihrer Schneiderin ge-
gangen, sich ihr Trauerkleid zu schaffen.
So spät am Abend? wendete ich ein.
Ich habe mich auch gewundert, sagte die Padrona,
doch weiß ich es nicht anders.
So will ich hinaufgehen, ihr aufzuschreiben, daß
ich sie morgen brauche, sagte ich.
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Al ich an ihre Thre kam, hing der Schlüssel
nicht an dem Platze, an welchem ich ihn nach unserem
ebereinkommen sonst zu finden wußte, und da ich fir
den Abend ein Zusammensein mit Freunden verabredet
hatte, blieb mir Nichts übrig, als ihr auf einer Karte,
die ich in das Schlüsselloch steckte, die Weisung zu geben,
daß ich, falls ich nicht noch zu ihr käme, sie am nächsten
Morgen zur Arbeit um die gewohnte Stunde bei mir
in der Werkstatt zu sehen wünsche.
Je weiter ich ging, desto mehr fing es an mir
aufzufallen und mich zu beunruhigen, daß ich Gloria
nicht getroffen hatte. Sie war außer sich gewesen als
sie mich am Morgen verlassen hatte, aber ich zweifelte
nicht, daß ihr im Laufe des Tages die Einsicht ge-


kommen sein müsse, welch' einen Schaden sie mir zu-
gefügt habe. Sie war immer sehr empfindlich gewesen
T
gegen meinen geringsten Tadel, hatte es nicht ertragen ? -
können, wenn sie mich unzufrieden mit sich wußte. Jezt
mußte sie mich in Zorn gegen sich glauhen, während
sie sich zugleich von mir in ihren Erwartungen getäuscht,
von mir in ihren Hoffnungen betrogen, und in ihrer
Liebe tief gekränkt empfand. Es lag, wie ich sie kannte,
also nicht außer dem Bereich des Möglichen, daß sie
mit raschem Entschlusse sich von mir zu trennen dachte;
und an der Unruhe, welche mir die Besorgniß einflößte,
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sie könne eine Unbesonnenheit begehen, sie könne sich ?
Widerwärtigkeiten bereiten, einen Schritt gethan haben,
den sie bedauern müsse, erkannte ich wieder und wieder,
daß ich sie mehr und zärtlicher liebte, als ich mir dessen
in der Gewohnheit des Verkehrs mit ihr bewußt war.
-
Ich sann hin und her, was sie vorgehabt haben, wohin
sie gegangen sein könne, und dazwischen schalt ich mich
einen Thoren und sagte mir, sie werde am Tage nicht
die Nuhe gehabt und sich nicht die Zeit genommen haben ,
ordentlich zu essen, und werde ausgegangen sein, sich ein z
Abendbrod zu kaufen. Ich lachte über meine unnöthige F
Sorge, als ich auf diese sehr natürliche Lösung des =
SeäsJaag
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Räthsels gekommen war, aber die Unruhe wollte deshalb
doch nicht von mir weichen.
Schwankend, ob ich nicht umkehren und sehen sollte,
ob Gloria inzwischen nach Hause gekommen sei, und mich
meiner Sorge auch wieder wie einer Schwäche schämend,
gelangte ich nach meiner Wohnung. Es war bereits
völlig Nacht geworden. Der Thürhüther, der mich kommen
sah, händigte mir ein Billet aus, das man in meiner
Abwesenheit für mich abgegeben hatie.
Sonst Nichts? fragte ich.
Ja, Herr Marchese! Die Gloria ist gekommen und
weil sie sagte, daß sie den Herrn erwarten solle, und
weil Sie dem Diener Urlaub gegeben hatten, habe ich
die Lampe für sie angezündet, meldete der Wohlgeschulte,
ohne eine Miene zu verziehen, obschon es noch niemals
geschehen war, daß Gloria außer den Stunden, in
denen ich sie zum Modell gehabt, Arrigo's Haus be-
treten hatte.
Das Räthsel war damit gelöst. Ich wste jeht,
weshalb ich sie zu Hause nicht gefunden. Sie war zu
mir gegangen, sie hatte es auf Erklärungen, vielleicht
auf eine Entschuldigung, vielleicht auf neue Vor-
stellungen, auf eine Scene abgesehen; und lästig, wie

288
mir die Aussicht auf eine solche war, athmete ich doch
leichter auf.
Die Nacht war herrlich, der Mond stand hoch am
Himmel, die Fontaine im Hofe plätscherte lustig in
seinem Strahl, und die schlanken Zweige der frisch be-
laubten Bäume wiegten sich in dem leichten Windhauch,
der, von dem Tiber kommend, die Luft erfrischte.
Ich trat in mein kleines Vorgemach, es war still
und dunkel. Ich dffnete mein Zimmer, ich sah durch
seine aufstehende Thüre in die Schlafstube hinein, es
war kein Licht in meiner Wohnung außer dem hellen
Scheine, den der Mond verbreitete. Ich rief nach
Gloria, es gab mir Niemand Antwort. Ich mußte sie
also in meiner Werkstatt vermuthen, und obschon mir
ihr Einfall grillenhaft erschien, mich an der Stelle zu
Werkstatt -- und wie ein Blizstrahl durchflog mich das
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erwarten, an welcher sie mir heute einen so empfind-
lichen Schaden angerichtet hatte, ging ich nach der:
Entsetzen.
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Zu den Füßen der Melpomene, deren Gipsabguß I
am oberen Ende des Zimmers stand, lag Gloria, ge- I
kleidet wie ich sie zuerst gesehen hatte, in ihrem Blute z
schwimmend, auf dem Boden.
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89
Mit einem Aufschrei stürzte ich zu ihr hin. Ich
ergriff ihre Hände, ich rief um Hilfe, ich versuchte sie
aufzurichten. Es war vergebens. Sie war kalt und starr.
Ich hielt eine Leiche in meinen Armen.

Kapitel 16

Ez-: Bursche, welcher im Hofe beschäftigt war, hatte
meinen Hilferuf vernommen. Die ganze Dienerschaft des
Hauses war rasch beisammen. Ich hieß sie, Aerzte her-
beizuholen. Der Thürhüther, der Kammerdiener, treue
erfahrene Leute, schüttelten das Haupt.
Das ist umsonst! Da ist Nichts mehr zu machen,
Herr Marchese! sagte der Eine, während der Andere sich
rasch entfernte, um den Herrn des Hauses von dent
Ungllicksfalle zu unterrichten.
Monsignore Arrigo hatte sich eben fir eine Ge-
sellschaft ankleiden lassen, sein Wagen stand unter dem
Portale, er war auf dem Punkte gewesen, das Hans zu
verlassen.
Wie gut, daß ich noch da
er festen Schrittes zu mir trat.
bin! rief er, während
Welch' ein Glck, daß
1g

214
sie sich, nicht Dich-, erstochen hat, die Unglückselige!
Erinnere Dich! Noch heute hatte ich Dich vor ihr ge-
warnt! Heute Mittag noch hatte ich Dir gesagt: nimm
Dich in Acht mit dieser Gloria! Sie hatte einen wilden,
kückischen Character wie ihr Vater, der Galeeren-
züchtling! -- Ich habe ausgeschickt, die Polizei zu
rufen; wir wollen im Hause bleiben, bis sie kommt, die
Thatsachen festzustellen. Aber wir wollen gleich morgen
eine Novena ansagen lassen drüben in der Kirche, der
heiligen Mutter Gottes für den Schutz zu danken, den
sie Dir gewährt hat, und Du kannst mehr noch thun,
als das! Du mußt Messen lesen lassen für die arme
Seele Gloria's! Komm, mein Freund! das hier ist ein
schlechter Anblick! Komm!
Er hatte das Alles mit einer Festigkeit gesprochen,

welche dazu bestimmt war, der Dienerschaft die Weise
Kammerdiener bei der Leiche bleiben und ihn benachrichtigen,
wenn die Behörde gekommen sein wür e. Mich aber führte
er in meine Wohnung und schloß die Thüre zwischen
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dieser und meiner Werkstatt ab.
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demselben geredet haben wollte. Dann befahl' er seinen- ;'
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anzudeuten, in welcher er das Ereigniß ansah und von I
anderen Leuten, die Werkstatt zu verlassen, hieß den
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25
Ich brach in meinem Schmerz zusanmen, Arrigo
ging schweigend in dem Zimmer auf und ab, bis
er,' vor mir stehen bleibend, die Hand auf meine
Schulter legte.
Muth, mein Lieber! sagte er, Fassung! Fassung,
mein Lieber! Es ist allerdings ein Mißgeschick ! Eine
traurige, eine widerwärtige Geschichte, und man muß
sehen, daß man sie todt schweigt, sie baldnöglichsl ver-
gessen macht. Aber es ist gut, sehr gut, daß Du
wenigstens nicht im Hause gewesen, nicht dabei gewesen
bist, als sie sich in ihrer wahnsinnigen Leidenschaft das
Messer in die Brust stieß.
Oh! wäre ich nur dagewesen, als sie kam! rief ich
aus, aber ich war zu ihr gegangen -
Arrigo ließ mich nicht weiter sprechen. Allerdings,
agte er, trägst Du Schuld an ihrem: Tode; ich spreche
Dich auch keineswegs frei! Deine Schwäche, Deine
Empfindsamkeit haben sie verwöhnt und endlich über-
spannt! -- Welch' eine Thorheit, mit einem Modell,
mit einer Straßensängerin den Liebenden zu machen!
Nicht Herr zu bleiben und nicht Meister in einem solchen
Handel! Welch' ein Unverstand! -- In Wahrheit! wenn
jedes Modell, das man nicht mehr brauchen kann, weil

46
es zu alt, zu stark geworden ist, die verlassene Dido
spielen und sich in Liebeöflammen dem Untergange weihen
wollte-- bei Gott! es wäre danach angethan, die Kunst
den Künstlern zu verleiden, wie es Dich hoffentlich von
Deiner Empfindsamkeit kuriren wird!- Ein junger
? RN T? ---- -
Schon am Morgen hatten die Kälte und die Ge-
ringschätzung mich verwundet, mit welcher Arrigo von
der Unglücklichen gesprochen. Jetzt erschienen sie mir als
die fürchterlichste Härte, und allen weiteren Erörterungen
ein Ziel zu sezen, rief ich, von Schmerz und Neue über-
wältigt: Sie war mehr werth als ich! Ich werde ihrer
nie vergessen!
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Für das Erste sicher nicht! fiel mir mit Bitterkeit .
Arrigo ein, denn Du wirst Wochen brauchen, Deine ?
Arbeit neu zu machen, und sie hat dafür gesorgt, Dir-I
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einen langen dunklen Schatten auf Deinen schönen -.
hellen Lebensweg zu werfen. Das ist's, was ich be-
klage, was ich ihr nicht vergeben kann. -- Und wieder HF
wandelte er mit wachsender Ungeduld in dem Gemach I
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umher.
Ich vermochte dagegen Nichts zu sagen. Ich er- -
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kannte in seinen Worten seine Freundschaft, seine Sorge
um mich, und sie rüihrten mich; aber die Herrschaft,
welche er über meinen Schmerz gewinnen wollte, er-
schien mir unmenschlich. Ich fühlte mich ihm dadurch
entfremdet, und sehnte lebhaft die Ankunft der Polizei-
beamten herhei, denen ich Rede zu stehen hatte, und nach
deren Entfernung ich mir überlassen zu bleiben hoffen
durfte.
Sie ließen sich lange genug erwarten, dafür war
aber nach ihrer Ankunft die Sache um so schneller ab-
gethan; denn gegenüber dem einflußreichen Prälaten gab
es für die Beamten keinen Zweifel und nicht einmal
Bedenken.
Arrigo berichtete den Vorgang und die Verhältnisse,
welche ihn herbeigeführt hatten, wie er sie ansah. Wie
er es angab, befragte man den Portier, der Gloria in
meiner Abwesenheit in die Wohnuung eingelassen, den
Knaben, der meinen Hilferuf gehört, den Kammer-
diener,, welcher die Todte bei meiner Ankunft schon er-
starrt gefunden hatte. Nach Arrigo's Worten verfaßte
man das Protokoll. Kaum daß man eine Frage an
mich richtete.
Es war ja Niemand da, von dem Tode der armen
- - SoSaws-ß « «s« u

L18
Gloria Rechenschaft zu fordern; Niemand, außer ihren
Wirthsleuten, den ntan davon zu benachrichtigen gehabt
hätte, oder der außer mir geneigt sein konnte, des
Grabes in der entlegenen Kirchhofsecke zu gedenken, in
welcher man Diejenigen bestattet, die ein Leben von sich
geworfen haben, das ihnen in einem Augenblick der
Verzweiflung nicht mehr der Mühe es zu leben, werth
erschienen war.
Arrigo's Leute sprachen von Gloria's häßlichem
Character, wie sie ihren Herrn davon hatten reden hören.
Die Beamten beklagten ihn und mich über den Schreäken
und die Unbequemlichkeit, welche der Vorfall uns ver-
anlaßt haben mußte. Sie versicherten, daß ich mit
dieser Angelegenheit nicht weiter behelligt werden würde.
Die fromme Brüderschaft, welche am anderen Morgen
die Leiche bestatten sollte, wurde sofort davon in
Kenntniß gesetzt. Die Beamten der Polizei verließen
den Palast, sobald sie ihrem Amte genügt, die Diener-
schaft ging, ihre Aufregung in der gewohnten Disciplin
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verbergend, wieder an ihre Geschäfte, nur der Polizei-
Z
direktor, der auf Arrigo's Bitte selbst herbeigekommen, . -
war noch im Gespräche mit demselben, als man dem J
Prälaten melden kam, daß sein Wagen vorgefahren sei. I
.
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L19
Er zog die Uhr aus der Tasche, es war spät ge-
worden. Aber, sagte er zu dem Polizeichef, ich hale
noch alle Zeit, Sie in Ihre Wohnung zu geleiten, oder
Sie hinzuführen, wohin Sie sonst gebracht zu sein
wünschen. -- Dich, mein Freund, werde ich bei Donna
Carolina wegen Deines Nichterscheinens entschuldigen;
und da ich Deine Eltern dort zu finden hoffe, ihnen
die nöthigen Mittheilungen machen, für den immerhin
möglichen Fall, daß diese Angelegenheit irgendwie zu
ihrer Kenntniß käme. Morgen in der Frühe sehe ich
Dich wieder. Inzwischen lege Dich zu Bett, die Nuhe
zu suchen und den Schlaf ! Das ist das Nöthigste
flr Dich! Von dem Nebrigen wird morgen mehr zu
sprechen sein.
wie
mir
und
Er verließ mich, und ich brauche nicht zu sagen,
ferne die Ruhe und der Schlaf mir blieben, die er
gewünscht hatte.
Die ganze Nacht ging ich in meinem Zimmer auuf
nieder, umhergetrieben von Erinnerungen, die in
wildem Durcheinander spukhaft mich verfolgten. In
dem Raume weniger Stunden lebte ich die ganzen Jahre
wieder durch, von dem Morgen, an welchem ich Gloria
zuerst erblickt, bis zu diesem Abende, da ich sie entseelt
yat,s=V-= =- - -
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27O
vor mir gesehen hatie; und die Leidenschaft, die ich für
sie gefühlt, flammte wie ein verzehrendes Feuer wieder
in mir auf. Der Gedanke, daß diese herrliche Gestalt
zerstört war, daß ich sie nicht mehr würde vor mir
sehen in ihrer stolzen Majestät, daß die kalte Erde den
schönen Leib verschlingen werde, den ich mit solcher
Wonne in meinen Armen gehalten, preßte mir die
heißen Thränen aus und schlug uich nieder, als wäre
mit ihr der beste Theil meines Könnens und Schaffens
uir entrissen.
Ich hatte ein unaussprechliches Verlangen, sie noch
einmal zu sehen, zum lezten Male mir die Seele zu
erfüllen mit der Schönheit, der ich meine ersten mir die
Hahn brechenden Erfolge zu verdanken gehalt hatte. Ich
ging nach meiner Werkstatt, aber ich fand sie ver-
schlossen; und als ich von dem Hausmeister den
Schllssel forderte, sagte er mir, der Schlüssel sei nicht
da, Monsignore habe ihn vermuthlich aus Versehen mit
sich genommen.

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Es war lange nach Mitternacht, als sein Wagen

in den Hof fuhr, aber den Schlüssel fordern zu lassnn, -H
hätte geheißen, ihn selbst zu mir entbieten; und ihn zu ,?
sprechen, trug ich in meiner Verfassung kein Verlangen. I
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Müde vom Umhergehen sezte ich mich endlich nieder und
sah in die stille Nacht hinaus, während der Blüthenduft
berauschend zu mir in das Zimmer drang, und der
leichte Wind, der durch die Zweige der Bäume zeg, daß
ich ihr fächelndes Bewegen hörte, den feuchten Staub
des Springbrunnens kühlend nach mir hintrieb.
Ohne daßß ich es gewahrte, wirkte der Zauler der
Natur erquickend auf mich ein. Die marternde Span-
nung meiner Nerven, die herzbeklemmende Pein, die mich
gefoltert hatte, wurden linder. Ich konnte zusammen-
hängend denken, konnte, wie von einem Hihenpunkte die
Jahre, die ich mit Gloria durchlebt, als Ganzes über-
schauen, und was in diesen Stunden aus der Per-
gangenheil eutporslieg, war Alles hell und mild und
freundlich wie die Nacht, die mich umgab, und so
lebendig, daß ich auch Gloria's nicht wie einer Todien
dachte. Ich sehnte mich nach ihr, als wäre sie mir
nicht verloren, und merkte es nicht, wie allmälig der
Traum mein Denken mehr und mehr umspann, bis er
mich völlig in Vergessenheit wiegte und mir ein Glück
vorspiegelte, das mir nimmer wiederkehren konnte.
Ich wußte nicht, daß ich geschlafen hatte, als
schwere Schritte und der Ton fremder Stimuen mtich

A
erweckten. Ich sprang empor und eilte hinaus. E
war nicht lange nach Sonnenaufgang. Die Thüren
meiner Werkstatt waren offen. Leise, daß ich es nicht
gehört, hatte man Gloria's entseelte Hille für die
Beerdigung vorbereitet; jetzt waren die Kapuziner, die
sie zu Grabe tragen sollten, herbeigekommen. Sie hatten
den Sarg bereits emporgehoben, die Dienerschaft lag
betend auf ihren Knieen. Schweigend und ohne die
Todtengesänge anzustimmen, schritt die Brüderschaft mit
der Leiche in den Garten hinaus; und auf daä Neue
ergriffen von der Gewalt meines ceuevollen Schmerzes
stürzte ich nach dem Sarge hin. Ich wollte sie noch
einmal sehen!
Eine feste Hand hielt mich davon zurück. Ich wendete
mich um, es war Pater Cyrillus, mein früherer Erzieher.
Ich war mit ihm in den lezten Jahren nur noch
selten zusaumengekommen. Er hatte die grosen Weihen
empfangen, und bekleidete jetzt ein ansehnliches Amt in
dem Collegium, das ihm eine erhöhte Geltung auch in
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der weltlichen Gesellschaft verlieh; indeß er hielt sich von z
derselben fern, obschon er in dem Hause meiner Eltern-
und auch in anderen unserer angesehenen Familien häufig ;
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aus- und einging.
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Man wußte, daß seine scharfsinnige Klugheit, seine
Umsicht und sein Eifer für den Orden ihm zu großßer
Geltung
wußte.
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verholfen hatten, und daß er diese zu benutzen
Mir war er, wenn er zufällig mit mir zu-
getroffen war, stets freundlich und mit Aner-
kennuung meiner Leistungen begegnet, ohne mich jemals
daran zu erinnern, daß nan früher auuf eine andere
Zkunft für uich gerechnet hatte, und ohne es mich
ahnen zu lassen, daß er von meiner gegenwwärligen
Lebensführung uehr als daöjenige wisse, was sich von
derselben in neinen Arbeiten und in meinen gesell-
schaftlichen Verbindungen offen kund gab. Er war
gleichmüthig und sicher, als hätten wir uns am ver-
wichenen Abende gesehen, als wäre nichks Außer-
gewöhnliches hier vorgegangen.
Bleiben Sie, mein theurer Freund! sagte er mit
jenem Tone sanfter Neberlegenheit, den anzunehmen er
immer mehr gelernt hatte, lassen Sie die Brüder ihr
frommeä Werk vollenden. Stbren Sie die Nuhe der
ueodten
genug!
wir d?
meiden
nicht; ihr Leben war ruhelos, war unheilvoll
Und wozu verrathen, was besser nicht verrathen
Wozu ein Aergerniß geben, wenn man es ver-
kann?

27
Die Stimme, der ich zu gehorchen durch lange
Jahre gewohnt gewesen war, die Scheu vor den
beobachtenden Blicken der Dienerschaft, übten ihren Einfluß
auf mich aus. Ich gab der Hand nach, die mich zurück-
hielt, ich sah den Leichenzug unter dem Portale des
Vorderhauses verschwinden und ging, dem Pater folgend,
mit ihm zurück in meine Wohnung.
Ich hatte mich schweigend auf einen Sessel nieder-
geworfen und das Gesicht mit meinen Händen verhüllt,
ich wollte Niemanden sehen lassen, was ich litt. In
meiner Versunkenheit fiel es mir nicht auf, den Pater
neben mir zu finden, denn die Nähe eines Menschen
war mir tröstlich, und er störte mich in meinem Brüten
nicht. Wie ein geduldig beobachtender Wärter neben
dem ihm anvertrauten Kranken, saß er an dem andern
Ende des Gemachs still' in seinem Brevier lesend, bis
ich ihn mit der Frage anging, welchen Tag des Monats
wir zählten.
Wir haben heute den Frühlingsanfang, sagte er,
lassen Sie sich das, mein theuerer Benvenuto! ein gutes
»gwe?
Zeichen und auch eine Mahnung sein.
Ich hörte nur mit dem Ohre, was er sprach,
denn ich suchte mir in meinen Erinnerungen die letzten
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27
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friedlichen und freundlichen Begegnungen mit der Ver-
lorenen zu vergegenwärtigen, als der Paier seine Worte
wiederholte.
Lassen Sie sich diesen Beginn einer schöneren Zeit
ein gutes Zeichen sein, mein theurer Benvenuto! ein
Zeichen und eine Mahnung! Das Jahr steht heute an
einer seiner Krisen, an eineut feiner Wendepunkte. Die
Zeit der Stürme, der jähen Wechsel ist vorüber; es
beginnen die Tage voll reineren helleren Lichtes, segens-
räiche und die Frucht reifende und zeitigende Tage. Sie
bringen dem Menschen die Gewährung der Hoffnungen,
welche immer und immer wieder von der gütigen Hand
der Vorsehung erfüllt zu sehen wir in glaubensvoller
Zuversicht erwarten dürfen und müssen. Lassen Sie
uns hoffen, mein Benvenuto! daß nach der furchtharen
Lehre, welche es dem Herrn über Leben und Tod ge-
fallen hat, Ihnen angedeihen zu lassen, die Stürme der
Leidenschaft sich auch in Ihnen sänftigen, daß Sie nicht
mehr von denfelben in wildem Wechsel unhergetrieben
und von Ihren eigentlichen Zielen abgewendet werden.
Es ist nichts Geringes, es ist ein Zeichen hoher Gna de,
wenn der, der Herr ist ütber Leben und Tod, ein Meschen-
leben opfert, um einen Begnadigten dadurch zu befreien,


um ihn zu erlösei auä der Sünde und ihn auf einen neuen
Weg zu führen. Was Ihre zaghafte Nachgiebigkeit und
Schwäche gegen sich und gegen die Gefährtin dieser
Schwäche, nicht zu ihun vermocht, das hat in seiner
Weisheit und Barmherzigkeit der Himmel jezt für Sie
gekhan. Also blicken Sie getrost und fest empor, mein
Lieber! Schauen Sie nicht zurück in dieser Stunde,
sondern vorwärts in die Zukunft, in welcher Sie unter
dem Beistand der heiligen Jungfrau segnen werden, was
Sie jezt so schmerzlich beugt und drlckt. Richten Sie
sich auf, mein Freund!
Ohne es zu wissen, gab ich dieser lezten Mahnung
nach; aber wenn die Seele eine Menschen von einem
ausschließlichen Gedanken hingenommen ist, wird all'
sein Thun, sofern es nicht mit jenem ihn beherrschenden
Gedanken zusammenhängt, seelenlos und äußerlich. Ich
hörte, sah, beobachtete, als thäte ich es nicht selbst, als
erlebte ich es in einemt Traume, den ich mit Bewußtsein
als solchen empfand, ohne mich jedoch aus seinen
Banden befreien zu können.
Die Anschauungsweise meines Erziehers war mir
vordem geläufig genug gewesen. Oft genug hatte ich
es ihn aussprechen hbren, daß unser Herrgotk, der seinen

eigenen Sohn für die
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Erlösung der Menschheit ge-
opfert hat, auch jezt noch in seiner Alloissenheit und
Gnade das Opfer eines Menschenlebens zu Gunsten eines
andern von ihm für große Zwecke auserlesenen Menschen,
wohl verhänge. Diese Theorie, wie der Pater sie mit
doppelsinniger Arglist nach den Grundsätzen der Geselt-
schaft Jesu deutete, hatte ich immer verabscheuungswerth
und gotteslästerlich gefunden, wenn schon auch ich mich
überzeugt hielt, daß in der Natur überall das Geringere
dem Größeren dienen und aufgeopfert werden müsse.
In diesem Augenllicke aber gefiel mir plözlich die Vor-
stellung sehr wohl, daß nicht mein und Gloria's eigenes
Verschulden, sondern Gottes Raihschluß sie in den Tod
getrieben habe. Denn leichter war es in der That, dent
Höchsten für seinen mir erwiesenen Beistand, für eine
gewaltsame Erlösung aus den Banden eines drückend
gewordenen Verhältnisses zu danken, als mir es vorzu-
halten, daß ich Gloria meiner Leidenschaft geopfert, und
daß sie leben und vielleicht glüücklich sein würde, hätte
ich sie ziehen lassen, als sie mich zu meiden entschlossen
gewefen war. Weil man aber sich in selbstsütchtiger
Bequemlichkeit eine tröstende Widerlegung der Anklagen
gern gefallen läst, zu welchen das Gewissen uns zwingt,
F. Lewald, Benvenuto. l.

28
gab ich mich jezt ohne Scheu dem Ergusse meines
Schmerzes und meiner Neue vor dent Pater hin.
Er ließ mich ruhig wie in der Beichte sprechen,
und eine Veichte von mir selber war es, in welcher ich
mich erging. Als ich dann inne hielt, trat er still an
mich heran, und seine Hand kaum merkbar mir auf
die Schulter legend, sagte er: Und haben Sie denn es
so ganz verlernt, sich in der ewig wachenden Ohuth
unsers Herrn Jesuö Christus zu fühlen? Erkennen Sie
es denn in dieser Stunde: nicht schon selber, mein armer
Freund! wie der Mensch hallloö auf deut Hcean des
Lebens umhergetrieben wird, sobald er aufhört sein Auge
zu dem Allgegenwärtigen emporzurichten, welcher allein
den Weg kennt und daä Ziel, das er einem Jeglichen
vorgezeichnet hat?- Sie wollten nach eigenem Ermessen
Genuß und Glück erjagen, und haben Leid gefunden
und Untergang bereitet, so daß Ihre angstbeladene Seele
doch endlich wieder an das mit Ihnen leidende Herz
des Freundes flüchtet, den des Höchsten Nathschluß
Ihnen zum Führer Ihrer Kindheit und Jugend aus-
ersehen hatte.
Er neigte sich bei den Worten zu mir und faßte
meine beiden Hände. Muß ich es Ihnen erst noch sage,

259
Benvenüto! daß meine Sek aufgehört hat, fir
in sorgendem Gebete darauf zu vertrauen, es müsse
werde auch an Ihnen des Herrn vorbestimnter Wille
erfillen, wenn gleich wir den Pfad nicht übersahen,
Sie
und
sic
den
er für Sie vorbedacht hat, und die Stunde nicht wußten,
in welcher er Ihnen seinen Nathschluß erkemibar uachen
und Sie in die ruhige Klarheit und in die Gemeinschaft
derjenigen beufen wüirde, die sich hienieden vor allen
Anderen der Ausbreitung seines Reichs und der Ver-
herrlichnng seines Nanenö gewidek habenu?
Seine Rede überraschte mich, ich wurde achtsam.
Vorsichtig wie er sonst immner war, hatte der Pater
doch eine ebereilung begangen, indem: er daä Eisen
zu schnell schmieden wollte, weil er es grade weich sah;
aber freilich richtete er mich mit seinen Worten auf,
gab mich mir selber wieder, wenn auch nicht in
Sinne, in welchem er es beabsichtigt haben mochte.
besann mich plötzlich, wen ich vor mir hatte; und
und
dem
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tit
rasch erwachtem Mißtranen legte ich ihm und mir die
Frage vor, wer ihn von den Vorgefallenen unter-
richtet, wer ihn in dieser Morgeufrüühe zu mir gesendet
habe?--
;?

26e
Er ward seinen Mißgriff sofort inne, indeß seine
Gewandtheit ließ ihn nicht im Stiche, und weit davon
entfernt, zurüczuweichen, ging er enischlossen auf dem
eingeschlagenen Wege vorwärts.
Unwahr zu sein gegenüber einem jungen Manne
wie Sie, mein Lieber, sagte er, oder Sie über die Ab-
sicht täuschen zu wollen, in welcher ich gekommen bin,
würde mir nicht wohl anstehen, und würde auch Nichts
fruchten, da ich Ihnen, den ich in der sicheren Erwwartung
rrzogen hale, ihn eiust uferer heiligen Gemneinschaft
einverleibt zu sehen, frühzeitig von der nicht endenden
Vatersorge des Ordens für seine Angehörigen gesprochen
habe. Denn was bedeutet die Sorge eines leiblichen
Vaters, den wie zum Beispiel in Ihrem Falle die eng-
herzigen Vorurtheile deä Adels und des Erstgeburtsrechts
beherrschen, gegen die Vatersorge unserer Gemeinschaft?
Unser Orden keunt solche Vorurtheile nicht. Er hält
jedes seiner Mitglieder unparteiisch hoch. Er sucht es
in seinen Eigenschafien zu fördern und zu ehren, weil
er sich bewußt ist, daß Niemand ohne Gottes besondere
Fügung ihm einverleibt werden kann, und da jedes
uns einverleibte Glied, in demt Orden die von unserem
Herrgott vorgeschenen Absichten zu erfüllen, seine von

v ßw
Oc
h --
iht vorher bestiuute Verwendung in dem Allgemeinen
zu finden hat. Der Herr Graf, Ihr Vater, vermochte
von seinem Vorhaben, Sie der Kirche zu weihen, alzu-
stehen, sobald der weltliche Vortheil seines Haufes Ihr.n
Eintritt in den Orden nicht mehr zu erheischen schien.
Unsere Gemeinschaft kann und darf ihre Plane so leicht-
herzig nicht wechseln, darf die ihr zugewiesenen Seelen
nicht achtlos sich selber überlassen. Wir sind Ihnen iu
Geiste immer nah' geblieben; denn es ist ichht nnr Ihr
diesseitiges und jenseitiges Wohl, mein Freund! es i't
das große, ganze Allgemeine, es ist die Verherrlichung
Gottes, die wir im Auge haben. Wie sollten wir also
gewissenlos und leichtgesinnt darauf verzichten, die so
herrliche Ihnen verliehene Begabung anders als zu der
Ehre dessen von Ihnen verwendet zu sehen, der sie Ihnen
eingegeben hat, als er Sie werden ließ? Wir habe:
nie aufgehört, für Sie zu sorgen und zu beten, uuser
Auuge hat nicht aufgehörl, Ihnen zu folgen, unsere Hanud
war da, Sie zu stüzen, wenn jemals die Stunde käme,
in welcher Sie der Stütze sich bedürftig fühlen mufßten
--- und sie ist gekommen, und wir preisen den Herrn
dafür, daß er sie Ihnen so früh gesendet hat!
Sein Ton, seine Miene und Haltung hatten jenen

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bestrickenden Zauber, der aus einemt von starker Ueber-
zeugung erfillten Herzen kommt, aber ich wußte, wie
fest und enge Neberzeugung und Berechnung in dem
Geiste des Ordens, und in dem Geiste meines Paters
verbunden waren, und selbst die furchtbare Erschütterung,
welche ich erlitten, machte mir den Gedanken, mein
freies, schönes Künstlerleben mit demt Zwange eines Ge-
lübdes zu bela.sten und mich, denn darauf allein hatte
Pater Cyrillus es algesehen, als weltliches Mitglied
dem Orden anzuschließen, nicht einlenchtender oder
wünschenswerther.
Ich erklärte ihm deöhalb unumwunden, wie die
Vorstellung, an dem Orden gegen meinen Willen, einen
mich und mtein Thun und Lassen erspähenden Beobachter
zu haben, mich deuselben wo möglich noch abgeneigter
mache als vordem, indeß ich brachte ihn damit nucht
aus seiner Ruhe.
Mit der Milde höchster Selbstgewißheit entgegnete
er mir, daß ihm dies Geständniß nicht auffallend er-
scheine, daß es ihu aber umt uteinetwillen Kummer
mache. Er habe gehofft, die gnadenvolle Warnung,
welche der Himmel mir eben jezt habe angedeihen lassen,
würde genügt haben, uich erkennen zu machen, wie
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Jps-
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O)7D
unzulänglich die eefcg einzelnen Menschen sei. sieh
aufrecht zu erhalten in den Tagen großer Versuchnng
und großer Prüfungen. Darin habe er sich geirrt, doch
dürfe ihn das nicht hindern mnir seine Vorsorge, seiur
Theilnahme und seine Gebete zuzuwenden, bis neue
Versuchungen und Prüfungen, die mir sicherlich niczt
fehlen würden, meinen vermessenen Glauben an die eigene
Kraft und an die freie Selbstbestimuung erschütttepn
uund zu Schande machen, und mich Naih, Trost d
Zuflucht suchend, in die Arme der Geuweinschaft führr
würden, die mich seit meiner frühsten Kindheit als einen
der Ihrigen betrachtet habe. Sie sei auch jezt bereit,
mir mit ihrem Einfluß beizustehen, falls irgend welchhe
unangenehmte Verwicklungen aus dem Selbstmord Gloria ä
für mich erwachsen sollten.
Für dieseä Anerbieten dankte ich ihn uit der B -
merkung, daß Monsignore Arrigo bereits gestern die
nöthigen Schritte in der Angelegenheit gethan, und daß
ich gar Nichts zu befürchten hale.
Pater Cyrillus sagte, daß er dieses Alles wisse,
und zeigte sich von allen Masßnahmen Arrigo's bin
in ihre Einzelheiten unterrichtel; trotzdem wwiederholr
er mir sein Anerbieten, und verließ mich dann mit der

e
zuversichtlichen Haltung eines Mannes, der sich bewußt
ist fir das Gelingen eines guten Werkes das Nöthige
gethan zu haben.
Ich aber war aus meinem dumpfen Schmerze
herauögerissen, denn die herrschsüchtige Beharrlichkeit des
Ordens empörte mich, und ich dachte mit Mißtrauen
und Widerwillen darüber nach, wer von meiner Umgebung
den Kundschafter neben mir gemacht haben mochte, als
Monsignore Arrigo mich zu sich bitten ließ.
Ende des ersten Vandes.
Beuliner Buchdruckerei-Actien-Gesellschast
Setzerinnenschule des Lette-Verein?.