Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Band 02
Titel

Im Verlage von Otto Janke in Berlin sind ferner
dlgende Werke von
Fannn Pewald
rschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen:
z e ll a.
An
Eine Weihnachtsgeschichte
von
Fauny Lewald.
Gr. S. geh. 5 Mark B Pf.
Die Anzertrennlichen.-- Eflegeeslern.
Zwei Erzählungen
von
Fanny Lewald.
Gr. S. geh. s Mar? 50 Pf.
FsspFFKo
Bil Riunione
Eärzählungen eines alten Tanzmeisters
von
Fauny Lewald.
L Bände. Gr. S. geh. 1 Mark.
Inhalt:
etnzesfin Aurora. Eine traurige Geschichte.
Ein Schiff aus Euba. =- Domenico.

Benfenuto.
Ein Poman aus der Pünßlerwelt.
Von
Fanny Lewald.
Zweiter Band.
Berlin, 187s.
Verlag von Otto Janke.

Kapitel 01

Ieh fand Arrigo bei seinem Frühstück sitzend, das
nach englischer Sitte reicher war, als wir Jtaliener es
einzunehmen gewohnt sind.
Er hieß mich mit ungestörtem Gleichmuth will-
kommen, und mich nöthigend, den Platz einzunehmen,
den er für mich hatte vorbereiten lassen, sagte er: Du
hast, wie ich hoffe, nach der gewaltsamen Erschütterung
am gestrigen Abende den nöthigen Schlaf in dieser Nacht
gefunden; aber Du hast viel Kraft verbraucht, und D
wirst gut thun, sie mit tüchtiger Nahrung baldigst zu
ersetzen. Im Nebrigen habe ich gestern bei Donnc
Carolina Deinen Vater und Deine Mutter gesehen, habe
der redseligen Fama rasch vorangehend, den Weg so fest
vorgezeichnet, den wir sie nehmen lassen wollen, daß

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ein Abirren von demselben, ihr nicht recht möglich sein
wird. Denn in der That, man kann im Leben, das im
Grunde weit weniger ernsthaft ist, als unsere Eitelkeit
es nimmt, des Erfolges unter den Menschen immer
ziemlich sicher sein, wenn man ihnen, wie der geschickte
Taschenspieler die Augen stets dahin richtet, wohin sie
sehen sollen, und ihnen die Karte hinhält, die man von
ihnen gezogen haben will.
Wie ich meinen Freund kannte, durfte die Weise,
in welcher er zu mir sprach, mich nicht befremden, wenn
sie mich auch heute ebenso wie gestern, peinlich berührte,
aber an seine Worte anknüpfend, theilte ich ihm mit,
daß Pater Cyrillus, und in welcher Absicht und mit
welchen Vorschlägen, er bei mir gewesen sei, und wie
also das Gerücht von Gloria's Tod doch bereits seinen
selbständigen Weg unter die Leute genommen haben müsse.
Arrigo zeigte sich davon keinesweges überrascht. Sie
sind, wie die Maulwürfe überall und nirgends, und
wo sie eine lockere Stelle finden, tauchen sie sofort
emyor, sagte er. Ich war überzeugt, daß sie den Anlaß,
sich an Dich zu machen, nicht versäumen würden; und
wer will sagen, ob sie nicht in irgend einer Weise an
der wilden That der armen Gloria ihren Antheil haben!

Ich faßte seine Meinung nicht. Weißt Du, wer
der Beichtiger von Gloria war? erkundigte er sich.
Die Frage fiel mir auf; denn Gloria hatte iut
Laufe des verwichenen Winter ihren Beichtiger ge-
wechselt. Sie war bis dahin zur Beichte immer in das
Kapuzinerkloster gegangen, in dessen Nähe sie gewohnt
hatte, so lange sie bei ihrem Vater gewesen war. Sie
hatte mir auch oftmals erzählt, wie Pater Franziscus ihr
Ehrbarkeit und Treue in dem Verhältniß zu mir zur
heiligen Pflicht gemacht, wie er sie stets ermahnt habe,
durch einen frommen Lebenswandel den Heiland auszu-
söhnen mit der Abweichung von seinen Geboten, und
wie er sie dafinn belobt habe, daß sie die Messe nie
versäumt, daß sie wöchentlich gebeichtet und es an guten
Werken nicht habe fehlen lassen. Sie war dabei meist
heiter und zufrieden gewesen. Je fester ich aber rück-
wärts blickte, um so deutlicher erinnerte ich mich, daß
Gloria's Eifersucht, daß die Verdüsterung und Herbigkeit
ihrer Stimmung sich erst seit dem Zeitpunkte kund-
gegeben hatten, in welchem sie sich von dem friedfertigen
und nachsichtigen Kapuziner losgesagt, und in einer der
Jesuitenkirchen in der Nhe des Corso zur Messe und
zur Beichte gegangen war. Ich hatte damals auf diese

lenderung ugrer bisherigen Gewohnheit kein Gewicht
zelegt, denn Gloria hatte mir gesagt, daß der Weg
von ihrer Wohnung zu den Kapuzinern ihr jezt zu
weit sei; und da ich die Neigung der Frauen aus den
niederen Ständen kannte, sich, wenn sie gute Kleidung
haben, in den Kirchen sehen zu lassen, welche vorzugs-
weise von der vornehmen Welt besucht zu werden pflegen,
so hatte ich Gloria's Vorhaben mit dem neuen Shawl
tuch in Verbindung gebracht, das ich ihr zu ihrem
Namenstag gegeben. Ich hatte es deshalb nicht beachtet,
daß die Kirche, der sie sich zugewendet, in den Händen
der Jesuiten war, und daß sie den Berichtiger, dem sie
sich in derselben anvertraute, schon ehe sie den Wechsel
vorgenommen, in der Familie ihrer Wirthsleute hatte
kennen lernen, mit der er weitläufig verwandt war, und
der er sich, bald nachdem ich Gloria bei ihnen unter-
gebracht, näher anzuschließen begonnen hatte.
-Welch ein Leichtsinn! rief Arrigo, als ich mich
allmälig dieser Thatsachen erinnerte. Und Du kannst
Dich wundern, daß Pater Cyrillus in der Frühe bei
Dir par? Du kannst Dich wundern, daß er von Gloria's
Tode sofort Kunde hatte? - Du hast einen Jesuiten
um Erzieher:gehabt, und bist arglos genug ef-ee

Deine Geliebte einem jesuitischen Beichtvater zu über-
lassen, bis er ---
Sie in den Tod getrieben! rief ich, von neuem
Schmerze überwältigt.
Gemach, mein Freund! sagte Arrigo mit ernster
Abwehr, solchen Anschuldigungen soll man das Wort
nicht ohne festen Anhalt geben, nicht vor sich selber,
geschweige denn vor einem Anderen, wäre er auch, wie
ich, ein Freund dessen man sich sicher weiß. - Aber,
fügte er hinzu, während das Lächeln, das ihm selten
fehlte, wieder seinen Mund umspielte, ziehe Dir aus
diesem traurigen Ereignisse die Lehre, daß man eines
Weibes, welchem Stande und Bildungsgrade es an-
gehdre, und in welchem Verhältnisse es zu uns stehe,
sofern es der Kirche ergeben und gläubig ist, niemals
gewiß sein kann, wenn man mit dem Beichtiger desselben
nicht im Klaren, und mit ihm nicht in einem ver-
ständigen Einvernehmen ist. Der Character des Beichtigers
ist wichtiger für unsern Frieden, als der des Weibes,
dem wir huldigen oder das wir lieben. - Und nun,
mein Lieber, keine Rückblicke mehr, sondern vorwärts
und muthig vorwärts! Was hinter uns liegt, mußß
zurülckgelassen werden wie ein ausgewachsenes Kleid.




Wir können in die Vergangenheit doch nicht mehr zurück!
Also vorwärts!r=- vorwärts mit der Klugheit, welche
die Erfahrungen uns geben sollen! Am Tag die Arbeit
und' am Abend das Vergnügen! Wir speisen heute bei


Deinen Eltern, bringe eine möglichst klare' Stirne mit,
-
Deiner Mutter Augen zu erfreuen, und ihr zu beweisen,
daß Du es nicht ndthig hast, Dich für eine Weile zu
-
entfernen, wie sie es gegen Deines Vaters Meinung

gerathen hat und für Dich wünscht.
Ich aber griff diesen Gedanken meiner Mutter
lebhaft auf, denn er wär auch der meinige gewesen. Ich
- konnte meine Werkstatt nicht betreten, ohne Gloria's
- gntseelte Hülle vor mir zu gewahren, ich komnte den
Abguß der Armida und die anderen Gestalten, zu denen
Gloria mein Modell gewesen war, nicht ansehen, ohne
daß der Schmerz um sie mich immer wieder über-
mannte, und ich glaubte durch eine zeitweilige Ent-
fernung, durch das Aufnehmen neuer Eindrücke, mich
zerstreuen und beruhigen zu können; indeß Monsignore
Arrigo wollte das nicht gelten lassen.
-? ? Nichti doch! rief er, in einem für uns kritischen
Augenblick das Feld zu räumen, ist der grdßte Fehler.
Wö-wir unseren Platz verlassen, tritt das übelwollende
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Gerücht an die von uns geräumte Stelle. Nur wo
wir uns zu behaupten wissen, haben wir's in unserer
Hand, abzuwehren, was uns schaden könnte, heran-
zuziehen, was uns fördern muß. Und nun vollends mit
drei und zwanzig Jahren in dem Augenblicke davon zu
laufen, in welchem alle schdnen Augen sich auf Dich
richten, um anf Deiner Stirne die blasse Schwermuth
zu betrachten, die dem Helden eines solchen romantischen
Abenteuers ja nicht fehlen kann! Welch ein Einfall!
Vorwärts! Vorwärts an die Arbeit, und auf heute
Abend!
ktaaaeeuAszseeuiagef -
Weeegg»esSasSso

Kapitel 02

Z bie Arbeit machte ich mich denn auch bald,
und sie kam mir treu zu Hilfe, sowohl wenn sie mir
glückte, mehr noch, wenn sie mir mißlang. Denn in
den mannigfachen Stunden, in welchen ich Noth und
Mühe hatte, die von Gloria zerstörte Gruppe wieder
herzustellen, kam ein Gefühl des Mißmuths und des
Zornes immer öfter gegen Gloria in mir auf. Ein
Todter aber, dem wir, aus welchem Grunde es immer
sein mag, zu zürnen beginnen, hat in unserer Erinnerung
ein verloren Spiel. Er kann sich nicht vertheidigen
kann nichts mehr vergüten. Die Lebenden und das Leben
stehen wider ihn, und Beide zeigten sich mir günftiger,
als ich's verdiente, ja, günstiger noch, als selbst mein
Freund in seiner Kenntniß und Geringschätzung der
Menschen und ihres Urtheils, es erwartet haben mochte.

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1
Schon am Tage nach Gloria's Bestattung hatte
das Zeitungsblatt, das unter dem Einflusse der Jesuiten
stand, den Tod der schönen Gloria in einer Weise er-
zählt, daß Jeder mich, und den Zusammenhang, in
welchem ich zu demselben stand, erkennen mußte, auch
ohne daß mein Name dabei genannt war; und die
- Darstellung war dabei doch wieder mit einem so hinter-
listigen Geschick abgefaßt, daß es zweifelhaft erscheinen
konnte, ob Gloria von meiner oder von der eigenen
Hand den Tod gefunden hatte. Der Bericht erzählte,
von einem Künstler, dem des Schöpfers Gnade ein
herrliches Talent für die Seulptur verliehen, der es
aber verschmäht habe, diese seine Gaben ausschließlich
zu Gottes Ehren anzuwenden, wie der Wille seiner
fcommen und hochangesehenen Eltern, die ihn der Kirche
und dem heiligen Orden Jesu weihen wollten, es für
ihn bestimmt hatte. Dafür werde er nun zur Strafe

unihergetrieben auf den Bahnen der Weltlust, sei in
Fallstricke und Versuchungen gerathen, in denen er
nicht; nur selbst erliege, sondern in welche er auch die
Vsgössin seiner Lust verstrickt habe, so daß nicht ein
gotßeliger, christlicher Tod, sondern ein Messerstich ihrem
Figen, Leben. ein schreckliches Ende gemacht habe. Ohne

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- --

die Wohlthat des heiligen Sacramentes, ohne Gebet
und Absolution sei sie in ihrer Sündhaftigkeit dahin
gegangen und also einer Verdammniß anheimgefallen,
aus der selbst die Messen, welche die fromme Mutter
des Verführers der Todten zur Erldsung für ewige
Zeiten angeordnet, Mühe haben würden, sie in Jahr-
hunderten aus den Flammen des Fegefeuers zu befreien.
Der Artikel war völlig in dem Style gehalten, in
welchem die Bänkelsänger ihre Schilderungen der Mord-
thaten auf unseren Straßen abzusingen pflegten, und
wie diese machte er in jenen Tagen durchaus noch die
gewollte Wirkung auf das Volt. Meine Arbeiter,
meine Modelle, und die Frau und Tochter unseres
Thürstehers, denen sonst ein braöer Messerstich und der
Tod eines Menschen durch einen solchen, nicht eben als
etwas Ungewohntes oder Entsezliches erschienen, be-
trachteten mich mit einem gewissen scheuen Mitleid; und
wie man einem Kranken auch ungefordert ein Mittel zu
seiner Heilung vorzuschlagen wagt, faßte des Thürhüthers
Frau sich am Abende ein Herz, und ertheilte mir den
Rath, die nahe bevorstehende Osterwoche für mein
Seelenheil zu benutzen, und sie in einem guten Kloster
in büßendem Gebete zu verbringen.

Meinen Vater kränkte der Artikel mehr, als
Gloria's Tod, der ihm nicht ungelegen war, ihn kümmerte.
- -
Er erwähnte gegen mich indessen weder des Einen noch
des. Andern, aber er behandelte mich fremd und kalt,
--wie ich es von ihm erwartet und verdient hatte. In
einer. Unterhaltung aber, die er mit einem Freunde in
- meinem Beisein führte, warf er die Bemerkung hin,
? daß das Glück, Kinder zu haben, immer ein sehr
zweifelhaftes sei, besonders in den Ländern, in welchen
i man seinen unangetasteten Namen auf alle seine Söhne
, zu vererben habe, ohne zu wissen, wie sie ihn tragen
- und-zu ehren wissen würden. Meiner Mutter Augen
- füllten sich dabei mit Thränen, und wenn das lebhafte
ob, welches der Freund dem Gllcke meines Vaters
--spendete, dem Söhne wie die' seinen zu Theil geworden
wären, dem Vorwurf' auch die Spize abbrach, so hatte
-' ich seine Schärfe doch empfunden. Weniger noch als meine
Eltern schonten meine Geschwister mich.
; Was Wunder also, wenn ich meine ganze Familie,
- so viel ich konnte, mied? Wenn ich mich zu der
- Gesellschaft unserer vornehmen Welt hielt, die weit
- entfernt mich zu verdammen, mich mit offenen Armen
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aufnahm, und es gar nicht besser forderte, als mich mir
selber und meinem Schmerze zu entziehen.
Es war für die mythenbildende Phantasie dieser
- müßigen schönen Welt gar nicht genug, daß Gloria
ihrem Leben ein Ende gemacht hatte, es war vielmehr
nach ihrem Sinne und Geschmack, daß - wie der
Zeitungsartikel, es für möglich annehmen ließ - ich sie
in einem Anfall wilder Eifersucht erstochen hätte. War
doch Paganini der Held dieser Gesellschaft geworden,
weil man ihn eines ähnlichen, in langer Kerkerhaft
gebüßten Verbrechens schuldig sagte. Und was waren es
anders als Zügellosigkeiten und Vergehungen, welche in
Alexgnder Dumas! ,Geschichte der Dreizehn' das
schaudernde Entzücken der vornehmen Frauenwelt er-
regten? Es war Mode geworden, das Verbrechen als
ein Zeichen des Heroenthumes anzusehen. Man hatte
sich in eine Verehrung roher Kraft und Selbstsucht
hineinphantasirt, man erkannte denselben eine Freiheit
von jedem Zügel, von jeder Schranke des Gesetzes und
der Sitte zu, man schmachhtete nach starken Leidenschaften,
und war bemüht, dieselben in sich zu erzeugen, und sie
so viel als möglich kund zu geben, wenn man sie zu
empfinden glaubte.
F. Lewald, Benvenuto. 1.

- Wäre ich damals reifer, in mir gefestigter gewesen,
ich hätte mich mit Widerwillen abwenden müssen von
der zur Schau getragenen Geflissenheit, mit welcher die
Frauen mir begegneten. Aber ich war jung, frühe
künstlerische Erfolge hatten mich eitel gemacht, die
natürliche Auflehnung gegen die peinliche Strenge, mit
welcher man meine erste Jugend überwacht, und das
Beispiel der mich umgebenden Gesellschaft verleiteten
mich deshalb ohne Mühe, mich auch als ein Ausnahme-
pesen zu betrachten, und als solches mein willkürliches
Belieben als das einzige für mich zu Recht bestehende
Gesez zu halten.
- Fortgerissen von der eigenen wie von fremder
Leidenschaft und Thorheit, flossen mir die Jahre, welche
dem Tode Gloria's folgten, in einer Weise hin, an die
ich mich nicht gern erinnern mag. Es war mein Glück,
daß das schdpferische Verlangen des Künstlers und mein
Ehrgeiz in dem wilden Treiben nicht untergingen; und
frgge ich mich ehrlich, was mich rettete, so war es
schließlich jene Unzufriedenheit mit Allem was ich
geschaffen hatte, jenes grübelnde Zweifeln an mir selber,
die ich doch wiedex oft genug als einen unheilvollen
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A
Zug in meiner Natur zu beklagen und von öenen ich
immer auf das Neue zu leiden hatte.
Ich habe mich später, wenn ich jener Zeit gedachte,
oft vergebens bemüht, einen Ausdruck zu finden, welcher
meinen damaligen Zustand mit wenig Worten wieder-
gäbe, und weiß ihn auch heute noch nicht anders zu
bezeichnen, als indem ich sage: meine Phantasie war
unbeständig, war leicht zu fesseln und zu beherrschen,
aber mein Herz und mein Gedächtniß waren beständiger
als meine Phantasie. Meine Erinnerungen traten den
neuen Eindrücken, die Vergangenheit trat dem Reiz des
Augenblickes stdrend in den Weg. Dadurch glaubte
ich weder an die Liebe, die ich fühlte, noch an jene, die
man mir entgegenbrachte, recht von Herzen. Ich genoß
sie, ohne den Glauben an die Dauer der Empfindung,
welcher der Liebe doch allein die Begeisterung und die
Würde verleiht. Und wie der Augenblick mich auch zu
berauschen, wie in raschem Wechsel Schdnheit, Geist und
Anmuth mich auch hinzureißen vermochten, dennoch
tauchte die melancholische Erinnerung an Gloria immer
wieder in mir empor, und, wurde endlich recht eigentlich
zu meiner Retterin. Denn das Leben, welches ich führte,
die Gesellschaft, in der ich mich bewegte, und der sie
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beherrschende Geschmack, waren nicht ohne Einfluß auf
meine künstlerische Laufbahn geblieben.
Zierliche Schönheit, feingliedrige Gestalten hatten
mich verlockt, sie in Marmor nachzubilden. Canova's
Beispiel war ohnedies verführerisch genug; und die
Vorliebe oberflächlicher Kunstkenner, der kauflustigen,
fremden Mäcene, that auch bei mir das Ihre, dem
weichlich gefälligen Style und Genre Vorschub zu leisten,
den die neuere Bildhauerschule meines Vaterlandes zu
großer Fertigkeit in sich ausgebildet hat.
Ein paar Figürchen, in denen diese oder jene von
mir gefeierte Schönheit eine Erinnerung an ihre Reize
dankbar wieder zu finden glaubte, waren mit Hilfe
unserer geschickten Marmorarbeiter immer bald gefertigt.
Sie ernteten um so größeren Beifall, je leichter sie in
einent Saale oder Cabinette unterzubringen waren,
je weniger ernsten Sinn und ernste Betrachtung sie
begehrten.
Ich konnte den Anforderungen, welche die Kauflust
an mich stellte, weitaus nicht genügen. Man zahlte
mir für die kleinsten Arbeiten Preise, die den Werth
derselben nach meiner Ansicht beträchtlich übertrafen;
und obschon gerade in jenen Tagen eine Umgestaltung

in meiner Lebenslage eintrat, die mich jeder Noth
wendigkeit enthob, um des Erwerbes willen zu arbeiten-
stand ich, verlockt von der Leichtigkeit des Geldgewinnes,
wie von der Geldverschwendung, an die ich mich ge-
wöhnte, durchaus in der Gefahr, auch als Künstler mir
selbst entfremdet zu werden, herabzusinken unter die
Erwartungen, zu welchen meine ersten Arbeiten be-
rechtigt, und die großen Ideale aus dem Gesichte zu
verlieren, zu denen ich mein Auge bei dem Beginn
meiner Künstlerlaufbahn mit so ernster Sehnsucht empor-
gehoben hatte.
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Kapitel 03

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st.
Ich hatte meine Werkstatt noch immer in Arrigo's
Hause, aber seine Gllte hatte mir eine andere Wohnung
in demselben eingeräumt, die er mir selber hergerichtet
hatte; und da die heimische Gesellschaft und mein leb-
hafter Verkehr mit den Fremden mich sehr in Anspruch
nahmen, war ich auch nicht mehr sein täglicher Tisch-
genosse wie vordem.
Er ließ mich darin völlig frei gewähren, denn
eben weil ich ihm so tief verpflichtet war, hielten ihn
seine Großmuth wie sein Stolz davon zurück, mir als
ein Richter entgegenzutreten. Eine andere Seite seines
Wesens aber hinderte ihn, mir es offen auszusprechen,
wie es zu thun sein Recht gewesen wäre, daß er weder das
Leben, welches ich führte, noch die klinstlerische Richtung
billigte, in die ich hineingerathen war.

2s
Was ihn in meinem Thun kränkte, war im Grunde
die Planlosigkeit desselben. Auch er war genußsüchtig
gewesen und war es noch; aber der ihm angeborene
- Schönheitssinn ersetzte in ihm den innern Halt, welcher
der Mehrzahl der Menschen entweder durch die Religion
- oder durch das von ihnen anerkannte Sitten- und
Moralgesez gegeben wird. Er blieb im Genusse
immerdar wählerisch, edel und Herr über sich selber, weil
- er sich selbst und die Gestaltung seines Lebens eben auch
mit edlem Künstlersinn behandelte. Das machte ihn,
großmüthig und zu raschem Einschreiten geneigt, wo es
nach -seiner Meinung Gutes oder Schönes zu fdrdern
- galt; aber es entsprang aus diesen seinen Eigenschaften
auch eine Scheu vor unangenehmen Berührungen oder
-' peinlichen Erdrterungen, die bis zur Schwäche gehen
konnte; und ich fühlte, daß er mich nicht mehr so wie
früher suchte, um nicht sehen und nicht tadeln zu müssen,
pas zu billigen er nicht vermochte.
, Jedoch dies Ermahnungen, die er mir zu ertheilen
Bedenken trug, die Aufforderung zur Einkehr in mich
-Helbst, sollten mir darum nicht fehlen; denn während ich
- in-wechselnder Zerstreuung mir selber zu entfliehen
suchte, waren in rascher Folge schwere Schicsalsschläge
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auf meiner armen Eltern Haupt und unser Geschlecht
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herniedergefallen.
Wenige Wochen nach dem Tode Gloria's hatte
meinen zweiten Bruder, der in der Armee des Papstes
diente, ein jäher Tod ereilt. Er war bei einem Streif-
zuge, den man gegen eine versprengte Insurgentenbande
angeordnet hatte, von der Geliebten des Bandenführers
meuchlings erschossen worden; und nicht zwei volle
Jahre waren nach dem verflossen, als eine in Rom
mit verheerender Gewalt auftretende Krankheit, auch
meinen älteren verheiratheten Bruder hinwegraffte, nach-
dem sie ihm wenige Tage zuvor den einzigen Sohn
entrissen hatte.
Damit trat ein Stillstand in dem Strudel des
Lebens ein, der mich bis dahin in seinem wüsten Wirbel
rastlos umhergetrieben hatte. Wider alle Wahrschein-
lichkeit fand ich, den man- in der Kirche zu versorgen
getrachtet, um das Gesammt-Vermögen der Familie
dem ältesten Sohne ungeschmälert zu erhalten, mich
plötzlich an seine Stelle versetzt, und als den künftigen
Besizer des Familien-Majorates. Es war ein großes
Erbe, das mich in diesem Falle aber nicht erfreuen
konnte.
==a=öeeaaaosAeaPeöWszpSös R eEEneSaSes nzeiaüäüseEwöSheEMKTaEöaaeaFFöHggikh

S
Ich hatte meine Brüder trotz der Altersverschieden-
heit, welche uns trennte, und trotz der abweichenden
Ansichten und Meinungen, welche zwischen uns herrschten,
lieb gehabt. Ich sah die Mutter schmerzzerissen, ich
wußte, daß der Vater meinen Tod weit weniger schwer
empfunden haben würde, als den seiner beiden älteren
Söhne; und da ich meinen Stolz darein gesetzt hatte,
meines Gllckes eigener Schmied zu sein, hatte ich an
das väterliche Erbe nie gedacht, es nie begehrt.
Jetzt erhielt ich in meines Vaters Augen eine
völlig veränderte Bedeutung. Auf mir beruhte nun
seine Hoffnung, den Namen der Armero's fortgepflanzt
zu sehen, aber wie ich mich dem Vater in der uns
Allen gemeinsamen Trauer um die Hingegangenen auch
anzunähern versuchte, konnte ich ihm kein Ersatz für die
Verlorenen werden, um so weniger, weil ich seiner bestimmt
gestellten Forderung, fortan auf die Ausübung meiner
Kunst, und vor Allem auf die Verwerthung und den
Verkauf meiner Arbeiten zu verzichten, nicht willfahren
durfte.
Ich konnte nicht lebenslang für mich allein
arbeiten, konnte mir auch die Ausführung jener größeren
Arbeiten nicht zur Unmöglichkeit machen, welche selbst

der begüterte Privatmann aus eigenen Mitteln herzu-
stellen sich nicht lange zu gestatten vermag, während es
das berechtigte Verlangen des Bildhauers sein muß,
nBedeutende monumentale Arbeiten als ein Zeichen seines
Könnens, auf die Nachwelt übergehen zu lassen, und
sich in ihnen seine Fortdauer über den Tod hinaus zu
sichern.
Der schwarze Flor, welcher das alte Wappen über
dem Portal meines päterlichen Palastes verhüllte, war
nur eine schwache Andeutung der Trauer und der
Düsterkeit, die in demselben herrschten. Meine ver-
wittwete Schwägerin war mit ihren beiden Töchtern
zu ihren Eltern nach Florenz gezogen. Mein Vater, der
das Gllick, das er besessen, immer als sein Recht und
sein. Verdienst betrachtet hatte, sah das Unglück, welches
ihn getroffen, wie eine Art von Ehrenkränkung an, die
ihn, in den Augen, der Menschen herabsetzen mußte.
Er mochte seine Freunde, denen ihre Söhne lebten, nicht
mehr um sich sehen. Er gxollte mit der Welt und mit
dem Himmel, während meine Mutter, ihr von Gott so
schwer getroffenes Geschlecht, durch ihre fromme Unter-
werfung unter seinen Willen mit ihm auszusdhnen
trachtete. Mit der ganzen Fülle ihrer Mutterliebe

80
klammerte sie sich jetzt an mich, an den letzten Sohn,
der ihr geblieben war; und doch konnte sie sich des
auälenden Gedankens nicht entschlagen, daß der Himmek
an dem Hause die Misseihat räche, zu welcher Gloria
durch mich getrieben worden war, und daß nur meine-
Bekehrung zu Gebet und Buße das Unheil von ihr
abwenden könne, auch mich sterben und das Geschlecht,
das so statilich dagestanden hatte, noch vor ihrem und .
des Vaters Ende völlig erlöschen zu sehen.
Sie war wie umgewandelt, und ich hatte keine
Mühe, mir die Gründe ihrer Sinnesänderung zu erklären.
Das Gllck, das sie von Jugend auf begünstigt, hatte
sie in ihrer Weise schön entwickelt. Ihr ganzes Wesen
war auf Frieden und auf Heiterkeit gestellt; und weil
sie in ihrer Herzensgüte das Bedürfniß fühlte, Alles
um sich her, wo möglich in gleicher Verfassung zu sehen,
überwand sie sich gern und mit Freundlichkeit, wo es
darauf ankam, Andere zufrieden zu stellen. So war
sie meinem strengen und gebieterischen Vater eine ergebene
Gattin, ihren Kindern eine zärtliche Mutter, und mir
eine Fürsprecherin und Beschützerin geworden, als es
darauf angekommen war, mir die ersehnte Freiheit zu
verschaffen. Selbst ihre Gottesverehrung und ihre
=s =4 - a=assaH seueso sas»eaWeaes=»Hee üaSaueeroaSaSeaegäieggauaagEgoSegag yaGEggggg
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Frdmmigkeit hatten den Character heiterer Dankbarkeit
in sich getragen. Auch sie hatte sich ihres Gllckes
gern, aber mit demüthigem Sinn zu rühmen geliebt.
Meine Erfolge hatten sie gefreut, und über die Unregel-
mäßigkeit. meiner Lebensführung hatte sie so viel als
möglich fortgesehen. Denn obschon selber rein und edel,
und strenge gegen sich von Jugend auf, hatte sie den
Anderen gegenüber nie engere Sitten- und Moralbegriffe
kund gethan, als die Gesellschaft, in welcher sie geboren
war, und in deren Mitte sie lebte. Ihre Duldsamkeit
überließ sich gern dem Glauben, daß man die männliche
Jugend, sofern in ihr ein guter Kern sei, ruhig
gewähren lassen müsse, um sie dann früher oder später,
aus eigener Einsicht auf den rechten Weg und in die
gebührenden Grenzen zurückkehren zu sehen. Wie hätte
sie sich also um meinetwillen mehr Sorgen machen, oder
von ihtem Sohne, dem seine lebhafte Phantasie bei
ihr zur Entschuldigung gereichte, schlimmer denken und
weniger Gutes hoffen sollen, als von der Jugend
überhaupt?
Aus diesem heiteren Seelenfrieden hatte sie das
Unglick aufgeschreckt. Sie war sich keiner eigenen
Schuld bewußt. Sie hatte in ihrem frommen Gottes-
HFHeFeSaHreeSSaagueiKhaa

dienste niemals nachgelassen, und vor den schweren
Verlusten, die sie erlitten, zusammenschaudernd, drängte
sich in ihrer Schmerzzerrissenheit der verzweifelnde Ruf
auf ihre Lippen, dessen sich selbst der Gottessohn am
Kreuze nicht enthalten kdnnen: Gott! mein Gott!
warum hast Du mich verlassen? -- Ihr diese Frage
auf seine Weise zu beantworten, hatte es aber an dem
rechten Manne nicht gefehlt.
Pater Cyrillus hatte nur gethan, was die natür-
lichste Empfindung und die Pflicht der gewöhnlichsten
Höflichkeit von ihm gefordert, als er gekommen war,
der Familie, deren Hausgenosse er zehn Jahre lang
gewesen, seine Theilnahme an ihren Verlusten auszu-
drücken. Ebenso natürlich und eben so selbstverständ-
lich war es gewesen, daß das in seinem Grame über-
strömende Mutterherz sich auch ihm erschlossen, daß
meine Mutter auch ihm die Frage aufgeworfen hatte:
was habe ich denn verschuldet, daß der Himmel mich
und mein Geschlecht mit solchem schweren Zorne heim-
fucht? Was kann und muß ich thun, ihn zu versöhnen,
damit mir nicht auch der lezte meiner Söhne entrissen
werde?
Er hatte auf diese Weise mit der Trauernden ein

g
T
,
leichtes Spiel gehabt. Nur eine geringe Neberredung,
ja eigentlich nur die Andeutung einer solchen Möglichkeit
hatte es ihn gekostet, um meiner armen Mutter die
Neberzeugung aufzudringen, daß der Himmel ihr die
Söhne in der Fülle ihrer Manneskraft und das auf-
bllhende Leben ihres Enkelsohnes nur deshalb entrissen
habe, weil sie von weltlichem Verlangen dazu angetrieben,
sich dereinst geweigert, ihm den Sohn zu weihen, der
von der Stunde seiner Geburt an, dem Dienste der Kirche
und ihrer Verherrlichung, in den Reihen der Gesellschaft
Jesu, bestimmt gewesen war. Diese Vorstellung hatte
einen furchtbaren Eindruck auf ihr ohnehin zerschlagenes
Herz gemacht. Ihr ganzes bisheriges Verhältniß zu
ihrem Schöpfer war dadurch erschüttert worden.
Sie hatte bis in das Alter hin ihren Gott als
einen gütigen Gött geliebt, Pater Cyrillus lehrte sie
zittern vor dem unerbitklichen Nichter, der die Missethat
des Einzelnen vergilt und rächt bis in das zehnte Glied;
und in der Furcht vor einem solchen erbarmungslosen
und rächenden Gotte, brach meiner armen Mutter Kraft

zusammen.
Es war vergebens, daß Monsignore Arrigo, der

sonst großen Einfluß auf ihre Denkungsart geübt, sie
, E. Lewald, Benvenuto. 1.

aufzurichten versuchte. Es fruchtete jetzt nicht mehr das
Geringste, wenn er ihr zu beweisen trachtete, wie auch
andere unter den edlen Geschlechtern unseres Landes
von ähnlichen Geschicken getroffen worden seien, und wie
sie, wenn die Fortdauer unserer Familie ihr am Herzen
liege, mich zu gewinnen, mich fester als je zuwor an sich
zu fesseln, und zu meinem eigenen Heile, wie um der
Erhaltung unseres Namens willen, mich dahin zu
bestimmen trachten müsse, je eher, je lieber eine an-
gemessene Heirath einzugehen. - Meine Mutter hatte
bald nur noch den einen Gedanken und den -einen
Wunsch, den sie immer wieder vor mir auszusprechen jetzt
als ihe heilige Pflicht ansah: meinen Eintritt in den
Orden Jesu.
Ihr Zustand ward allmälig hdchst beklagenswerth.
Ihr bis dahin trotz ihrer vorgeschrittenen Jahre immer
noch gesunder Körper, ihre edle matronenhafte Schönheit
litten unter ihrem Seelenleid, unter den finsteren Vor-
spiegelungen, mit welchen Pater Cyrillus ihre Phantasie
erfüllte; und da heidnische Bilder ihr neben denen des
christlichen Mythus stets geläufig gewesen waren, kam
sie unablässig darauf zurück, sich als eine Niobe zu be-
zeichnen, deren eitle Selbstwilligkeit des Himmels Zorn

, :
auf sich geladen, der ihr letzter Sohn genommen werden
würde, wenn er nicht des Gnadenschatzes theilhaftig zu
werden suche, der von den frommen Vätern der Gesell-
Fchaft Jesu angesammelt, erldsende und büßende Kraft
für die Genossen der Gemeinschaft'in sich trage.
Weder meine feste Erklärung, daß ich nicht daran
dächte, mich in irgend einer Weise dem Orden zu ver-
, binden, noch der Unwille meines Vaters, der seine Ab-
sichten mit mir, durch die Einreden meiner Mutter,
wenn auch nicht gehindert, so doch verzdgert zu sehen
fürchtete, vermochten sie, ihre bittenden Ermahnungen
einzustellen. Sie die sich einst gefreut hatte, mich dem
Weltleben wiedergegeben zu sehen, konnte jetzt mit
flehender Beschwörung in mich dringen, der Welt zu
ß entsagen, um Buße zu thun für meine Brüder, für
meines- Neffen Tod, und flr Glorias frühes selbst-
mörderisches Ende.
Nicht nur die Freude war aus meinem Vaterhause
entschwunden, auch die Eintracht meiner Eltern war
zerstört, und ein finsterer Geist waltete Allen erkemnbar
und doch spukhaft an- der Stätte, an welcher Dank
meiner freundlichen Mutter und der edeln zaftlichkeit
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8S
meines Vaters, bis dahin ein großer Kreis von Menschen
sich oft und gern versammelt hatte.
Mein Vater, der jetzt noch weniger als in seinen
jüngern Jahren Widerspruch ertragen konnte, war gegen den
Pater Cyrillus, auf den er bis dahin immer viel ge-
halten, und in dessen Character und Einsicht er ein
großes Vertrauen gesetzt hatte, mißtrauisch geworden, um
der Herrschaft willen, die er über meine Mutter gewonnen
hatte. Er würde deshalb sicherlich nicht angestanden haben,
ihm den Eintritt in sein Haus zu wehren, hätte er
nicht gewußt, daß er damit der Einwirkung des Paters
auf die Gesinnung meiner Mutter keine Schranken setzen
konnte, und das um so weniger, da meine Mutter sich
mehr und mehr dem Verlangen überließ, der Welt ganz
zu entsagen, und in kldsterlicher Einsamkeit Buße zu
thun, für ihre und für meine Sünden.
Sie machte es endlich zu einer ausdrücklichen Be-
dingung ihres Verbleibens in der Welt, daß ihr der
Beistand des Paters ganz nach ihrem Bedürfen gewähr-
leistet würde, und unter seiner Leitung lebte sie in
unserem Hause bereits wie hinter Klostermauern. Sie
hatte das Zimmer, das sie seit der Trauerzeit aus-
schließlich bewohnte, jades Schmuckes und jder Bequem-

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1
s

lichkeit berauben lassen. Sie genoß bei den Mahlzeiten,
die mit uns gemeinsam einzunehmen mein Vater sie
kaum noch üüberreden konnte, nur die geringe Kost,
welche die strengste Observanz verordnet. Sie verließ das
Haus nur noch, um die ihr von dem Pater vorge-
schriebenen guten Werke ausüben zu gehen, und selbst
mit ihren beiden nächsten Freunden, mit Monsignore
Arrigo und mit Donna Cgrolina, fing sie an, sich den
Verkehr allmälig zu versagen. Denn der Pater hatte ihr das
Geflhl herzlicher vertrauender Freundschaft, welches sie
seit ihrer Jugend mit Arrigo verbunden, zu verdächtigen,
und sie gegen Domna Carolina mißtrauisch zu machen
verstanden, weil dieselbe meine Neigung, mich der
Kunst zu weihen, von Anfang an begünstigt, und die
Veranlasung zu meiner Bekanntschaft mit Gloria ge-
boten hatte.
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Kapitel 04

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Gtuelicherweise ließen weder Monsignore Arrigo
nöch Donna Carolina meinen Vater oder mich die kalte
Zurückwweisung entgelten, die sie von meiner Mutter er-
fahren mußten, und die Verhältnisse in unserem Hause
hatten sich derart umgestaltet, daß mein Vater sich
jenen Freunden meiner Mutter, mehr als früher anzu-
schließen Ursache und Bebüürfniß fühlte.
Mein Vater zeigte sich jezt weniger erzürnt, wenn
Arrigo sich mit Entschiedenheit gegen die Herrschsucht
der Jesuiten aussprach, wenn er den Einfluß, welchen
sie auf den Einzelnen zu gewinnen suchen, als unheil-
voll und als das Familienleben und den ruhigen Ver-
mögensbesitz der Familien gefährdend bezeichnete; demn
er selber. machte die Erfahrung, daß Pater Cyrillus in
den Bemühungen um meiner Mutter Seelenheil auch
andere und sehr weliliche Zwecke zu verfolgen wußte.
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4
Mein Vater war beträchtlich älter als die Mutter,
ihre Verwandten hatten also, als die Ehe meiner Eltern
geschlossen worden, auf den Fall Bedacht genommen,
daß ihr Gatte vor ihr, und zwar in einem Zeitpunkte
sterben könne, in welchem es ihr noch wünschenswerth
erscheinen dürfte, zu einer neuen Verheirathung zu
schreiken. Ihr ganzes beträchtliches Vermögen war des-
halb in einer Weise für sie sicher gestellt worden, daß
es von jedem Anspruch und jeder Beaufsichtigung ihres
Gatten unbeeinflußt, völlig frei zu ihrer alleinigef
Verfügung stand. Bei dem guten Eiwvernehmen, in
welchem meine Eltern sich stets befunden, war dieser -
Sachverhalt nie abgeändert worden, und meine Eltern
waren übereingekommen, daß das mütterliche Vermögen
einst als Erbe auf den zweiten Sohn und dessen Kinder
übergehen solle, während man die Schwester aus dem
väterlichen Vermögen ausgestattet, und für meine Mit-
gift in das Kloster auch aus demselben zu sorgen beab-
sichtigt hatte.
Aber die Erwartung, meinen zweiten Bruder ver-
heirathet zu sehen, hatte sich nicht erfüllt. Er war ehelos
gestorben, und Pater Cyrillus, der die Neberzeugung
gewonnen haben mußte, daß für das Erste mir nicht
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beizukommen sei, hatte, um seine Zeit nicht zu verlieren,
vorläufig sein Augenmerk darauf gerichtet, wenigstens
das ansehnliche Vermögen meiner Mutter, der Kirche,
das hießß in seinem Sinne, der Gesellschaft Jesu, zuzu-
wenden.
Mit einem wahrhaft gotteslästerlichen Ernste hielt
er es meiner' armen Mutter vor, wie unser Herrgott
auch noch in unseren Tagen durch Zeichen zu den
Menschen spreche, nur daß sie in der Zerstreutheit des
Weltlebens, der sie sich mit bewußter Geflissentlichkeit
überließen, es sich möglich machten, auf seine Zeichen
! - nicht zu merken und seine deutlichsten Winke unbeachtet
zu lassen, um ihnen nicht Folge leisten zu müssen.
Er machte sie aufmerksam darauf, wie es nichts Zu-
fälliges geben könne in der Welt, welche von der All-
wissenheit und Allweisheit eines allmächtigen Gottes
regiert werde. Er erinnerte sie daran, wie lebhaft man
- meinen zweiten Bruder zum Heirathen angetrieben, wie -- -
. der schdne liebevolle Mann, der sonst dem Wunsche
-Feiner Eltern gern gehorcht, von einem inneren Abmahnen
dazu getrieben, freiwillig zur Ehelosigkeit sich entschlossen
habe, und wie damn, als ob des Herrn Wille gar nicht in
Zweifel gezogen werden solle, die unerwartetste Todesart

z4
ihn aus dem Leben fortgerifsen. Auch mir werde
ein unheilvolles Ende sicher nicht erspart bleiben, wenn
dem Höchsten nicht auf die eine oder andere Weise
Genugthuung bereitet werde, für das ihm und seiner
Kirche einst von meinen Eltern und von mir versagte -
Opfer.
Meine Mutter stand in ihrer Schwäche gar nicht
an, diese Blasphemien sowohl vor mir und meinem
Vater, als vor Arrigo und Donna Carolina glaubens-
voll zu wiederholen. Aber wenn Arrigo sich rückhaltslos
über die Umtriebe des Paters zu äußern nicht enthielt,
war es Donna Carolina, welche ihn in Schutz nahm
und vertheidigte.
Sie nannte ihn einen treuen Freund unseres
Hauses. Sie rühmte es mit gewohnter froher Keckheit,
daß er meiner Mutter gegenüber, selbst ihrer nicht
schonte, daß er sich von ihr nicht verblenden ließ, und
sich die Freiheit nähme, strenger in ihrem Urtheil über
sie zu sein, als ihr eigenes leicht zu besänftigendes Ge-
wissen. Sie versicherte, daß sie schon zum Defteren dar-
über nachgesonnen habe, ob ein so ernster Gewissensrath

ihr nicht für die Tage ihres herannahenden Alters heil-
sam sein möchte. Da sie das Alles aber scherzend zum
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Vorschein brachte, gab man darauf nicht weiter Acht,
und meine Mutter sah darin nur den Beweis von
Carolinas gutem Herzen und von ihrem guten Willen,
zwischen meiner Mutter und meinem Vater so viel als
immer möglich zu vermitteln, während Arrigo eines
Tages die Bemerkung machte, daß Donna Carolina des
Paters gute Eigenschaften erst zu würdigen scheine, seit
das Ansehen, dessen derselbe in dem Orden genieße, ihm
auch in der Welt zu Einfluß verholfen und Bedentung
verliehen habe.
Eben in jener Zeit, als ich eines Morgens mitten
- in meiner Arbeit war, ließ sich Domna Carolina in
meiner Werkstatt melden. Das war nichts Ungewöhn-
liches; denn da sie sich immer als meine Patronin und
einstige Beschlttzerin darstellte, und ihr frisches Wesen
der schdnen Frau auch jetzt noch wohl anstand, so sah
ich sie stets gern bei mir erscheinen. Sie führte auch
noch immer Fremde bei mir ein, um ihnen dann -
regelmäßig zu erzählen, wie sie zuerst in mir das große
Talent erkannt, wie sie die Erste gewesen sei, die mir
Modell gesessen, und wie jenes Relief, an welchem ich
mit dem Herzklopfen jugendlicher Leidenschaft gearbeitet
- denn damals habe sie wirklich noch ganz leidlich

16
ausgesehen - eigentlich viel geistreicher und auch weit
ähnlicher gewesen sei als die Marmorbüste in ihrem
Salon, mit welcher ihr berühmt gewordener Schützling
ihr später' eine dankbare Verehrung bewiesen habe. Und
weil sie sich in Aussprüchen wohlgefiel, die man, als
von ihr kommend, wiederholen konnte, so pflegte sie
diese kleine Scene gewöhnlich mit der Bemerkung abzu-
schließen: Freundschaft und Dankbarkeit seien schbne
Empfindungen, aber nur die Liebe mache den Künstler
und schaffe das wahre Kunstwerk.
Mit dem schwarzen Schleier über dem Haupte, der
sie noch ganz vortrefflich kleidete, aus der Messe kommend,
mit dem Gebetbuche in der Hand, trat sie rasch herein,
und ohne mir die Zeit zu gehdriger Begrüßung zu ver-
gönnen, fragte sie mich, ob ich eine halbe Stunde für
sie übrig hätte.
Ich stellte mich ihr völlig zur Verfügung. Sie
ließ sich nieder, schlug den Schleier zurück und sich es
bequem machend, sagte sie: Das freut mich, mein Lieber!
freut mich sehr; denn heute bin ich nicht gekommen,
den berühmten Meister Benvenuto zu bewundern, sondern
einmal hier unter vier Augen mit dem Marchese von,
Armero ein Wort Vernunft zu sprechen. Schicken Sie
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meinen Wagen fort, ich werde zu Fuß nach Hause
gehen. -=
Ich sah sie verwundert an, denn beide Befehle
mußten dem Hauswart und meinen Leuten auffällig er-
scheinen, die sie bei mir eintreten gesehen hatten. Ich
sagte daher scherzend, ich fände es nicht vorsichtig, ein
tsts-ststs so gewaltsam anzumelden, doch sei ich so
bereit als glücklich, ihrer Weisung nachzukommen.
Das war ein Scherz wie sie ihn liebte. Sie
lachte hell und frdhlich auf. Fürchten Sie Nichts für
Ihre Tugend, Bester! rief sie, ich spiele nicht die
Potiphar mit Ihnen und führe Sie nicht in Versuchung.
Ich bin vielmehr gekommen allen den Schönen, welche
derlei Gellste haben könnten, den Weg zu Ihnen zu
verlegen. Mit einem Worte, Bewwenuto! Sie müssen
heirathen und ich habe eine Frau für Sie.
Und dazu kommen Sie am frühen Morgen und
gerades Weges aus der Messe zu mir? fiel ich ihr
gleichfalls lachend ein.
Da ist Nichts zu lachen! entgegnete sie. Ich bin
in Wahrheit nicht zum Scherzen hier. Die Sache ist
sehr ernsthaft. Ich habe fie nicht nur mit Monsignore
Arrigo, sondern auch mit dem Herrn Vater durchge-
ue zs=HszaseaTHzgseKKKeFsSspeAegeSgS.

18
sprochen, und habe heute in der Beichte, natürlich mit
aller Discretion mein Vorhaben mit Pater Cyrillus
berathen.
Seit wann ist Pater Cyrillus denn Ihr Beichtiger?
fragte ich höchlich verwundert, und mißtrauisch ge-
worden.
Oh! schon seit längerer Zeit! entgegnete sie mit
geflissenilicher Leichtigkeit. Ich erzähle Ihnen ein ander-
mal, wie sich das gemacht hat. Heute lassen Sie uns
nur von Ihren Angelegenheiten sprechen. Der Patex
weiß es ja, wie ich seiner Zeit die allerdings sehr
unschuldige Veranlassung zu Ihrer Bekanntschaft mit
Gloria gewesen bin. Er kennt besser als jeder Andere
die Verwirrung und den Schmerz, der daraus für Sie
erwachsen ist. Er ist der Vertraute des Kummers, in
welchen Ihre Familie durch jenen Liebeshandel und
seinen traurigen Ausgang gestürzt worden ist; und da
er ein eben so kluger als frommer Mann ist, begriff
er augenblicklich, wie beruhigend es für mich sein müßte,
wenn Sie jetzt aus meiner Hand die Frau empfingen,
in deren Besiz Sie die Vergangenheit vergessen, und
die äls Tochter zu begrüßen Ihre Eltern beide sehr
gllcklich sein würden.
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HgöaaeseaaöU
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Ich hatte Donna Carolina ruhig angehört. Ihr
Vorschlag hatte nichts Auffälliges für mich, denn di:
Frauen lieben es bei uns wie überall, sich mit dem
- kleinen Intriguenspiel der Ehestiftung die Zeit zu ver-
treiben, und durch dieselbe ihren Einfluß über die Grenze
des eigenen Hauses auszudehnen. Zu verschiedenen
Malen waren mir von verschiedenen Gönnerinnen ähnliche
Eröffnungen gemacht worden, und seit man mich als
den Erben der Familiengüter ansehen durfte, natürlich
noch häufiger als vordem. Aber Donna Carolina's
vertrauter Zusammenhang mit Pater Cyrillus war mir
eben so neu als verdächtig; und wenn daneben ihre
Lebendigkeit und feste Zuversicht auch etwas Heraus-
forderndes und Belustigendes für mich hatten, zdgert
- ich dennoch ihr zu antworten. Bei ihrer leicht zu
erregenden Ungeduld brachte sie mein Schweigen so-
fort auf.
Nun, rief sie, nm! was soll das heißen? Sie
sehen,, wie: die Sache mir am Herzen liegt, Sie wissen,
wie ndthig es ist, Ihre Mutter aus ihrer Melancholie
herauszureißen, und Sie sitzen und sehen mich an, als
verlangte ich pon Ihnen, mich selber aus meinem
4
F. Lewald, Benvenuto. .

10
Wittwenstande zu erlösen und mit mir vor den Altar
zu treten.
Und wenn ich Sie beim Worte nähme? fcagte
ich in dem Ton, auf dem sie gern mit sich verkehren ließ.
So würde ich Ihnen antworten, sagte sie, indem -
sie mir mit ihrem Fächer einen Schlag gab: Sparen
Sie mir diese schönen Redensarten für den Salon auf,
und füttern Sie mich nicht mit Zuckerwerk, wenn ich
gekommen bin, an Ihnen ein gutes Werk zu thun.
Also, wollen Sie meinen Vorschlag annehmen?
Doch nicht, ehe ich mindestens den Namen der mir
Zugedachten kenne?
Carolina schlug sich vor die Sticne. Ja so! So
bin ich nun - das habe ich vergessen! rief sie. Aber
Sie werden meiner Meinung sein, wenn Sie erfahren,
daß es die einzige Tochter des Marquis ist, - sie
nannte den Namen einer alten französischen Legitimisten-
Familie - die man Ihnen zudenkt.
Der FrenndeSeifer Donna Carolina's ward mir
damit viel verständlicher. Der Marquis hatte mit den
vertriebenen Bourbons sein Vaterland verlassen und sich
in Rom heimisch gemacht. Er war ein Wittwer, ein
reicher Mann, ein strenger Legitimist, mit allen Standes-
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Vater hochgeschätzt. Seine Schwester, welche die Haus-
. frau neben ihm ersetzte, war eine vertraute Freundin
Carolina's, und ich selbst war in dem Hause seit Jahren
gastlich aufgenommen worden. Ich hatte sagen hören
daß die zärhliche Liebe, welche der Marquis für seine
Gattin gehegt, ihn von der Eingehung eines zweiten
Ehebundes abgehalten habe, und ich wußßte, daß seine
Tochter in einem belgischen Kloster erzogen wurde, weil
die Aebtissin desselben eine Schwester ihrer Mutter war.
Aber ich kannte das Alter des Mädchens nicht, ich
hatte nie ein Bild desselben in dem Hause des Marquis
gesehen, und ich sagte dieses Donna Carolina.
s
voruriheilen eines solchen, und deshalb von meinen:
Bravo! sagte sie, diese Bebenken kann ich heben
und sie sind von guter Vorbedeutung. Die Marchesina
ist so alt, als die schdne Julia in der Zeit, in welcher
sie Ihr Herz zuerst erregte, und blond wie diese. Ein
Pastell-Bild von ihr hängt in ihres Vaters Arbelts-
zimmer; ein liebliches, gltckversprechendes Gesicht mit
blauen Augen.
Ich war jetzt so ernsthaft geworden, als meine
Freundin es nur wünschen konnte. Ich hatte mein
fünfundzwanzigstes Jahr beinahe vollendet, und mein

Vater hatte die Mitte der Siebziger überschritten. Mich
verheirathet zu sehen, war ein natürlicher, und wie die
Verhältnisse lagen, unter der Anschauungsweise meines
Vaters ein doppelt berechtigter Wunsch, dem ich selber
keine vernünftigen Gründe entgegenzusetzen hatte. Die
Verbindung, welche man für mich geplant hatte, war
in aller äußeren Beziehung in der That eine wünschens-
werthe. Die Traditionen der beiden Häuser mußten die
beiden Väter dem Gedanken an diese Heirath geneigt
machen, und meiner Mutter konnte es vielleicht zu einer
Befriedigung gereichen, wenn sie mich an der Seite einer
in strenger Kirchlichkeit erzogenen Frau, in den Weg
eines geregelten Familienlebens eintreten sah.
Ich sprach also meiner Freundin den Dank für
ihre Fürsorge aus, und sie war so höchlich zufrieden mit
dem, was sie in ihrer Lebhaftigkeit als meine Ein-
willigung bezeichnete, daß ich ndthig hatte, sie daran zu
erinnern, wie ich das Mädchen doch erst sehen, erst
prüfen müsse, ob ich es lieben, ob ich seine Neigung ge-
winnen und mit ihm glücklich zu werden hoffen dürfe,
da die Altersverschiedenheit zwischen uns nicht unbe-
trächtüüich sei
Altersverschiedenheit! scherzte sie, unb Sie haben

t3
mir vor zehn Minuten noch gesagt, daß Sie fähig
wären, mich zum Altar zu führen.
Ich hoffte in dem Falle, daß Ihr Ernst und Ihre
Erfahrenheit mir zu Statten kommen und mich die
schwere Kunst des Lebens lehren würden! sagte ich
lächelnd.
So lassen Sie Ihren Ernst und Ihre Erfahrenheit
der Marchesina zu Statten kommen, und ersparen Sie ihr
die Schicksalslehren, durch welche ich und Sie zu der
Weisheit und Erfahrung gelangt sind, deren wir uns
rühmen dürfen. Und lieben? Was will das heißen,
lieben? -- Wen haben Sie nicht schon geliebt? Das
Lieben ist ja nuur eine Sache der Einbildungskraft, be-
sonders für einen Künstler! Lieben kann man immer
und eine jede Frau, wenn man es nur will! Begeistern
Sie sich für Alphonsina und Sie werden bald in ihr
ein Ideal bewundern, wie einst in der blonden Julia,
wie einst in Gloria, wie in meiner Wenigkeit und wie
in so viel Anderen. Im Nebrigen spielen Sie vor mir
nicht den Bescheidenen. An dem Geliebtwerden zweifeln
Sie gewiß noch weniger als jeder andere Mann, denn
Sie waren mehr als Ihnen gut ist, schon vielfach der
Benvenuto!

IH
Es war nicht möglich, Donna Carolina wirklich
ernsthaft zu erhalten. Die Gewohnheit leichtfertiger
Galanterie war ihr zur anderen Natur geworden, und
sie verließ mich endlich mit der Erklärung, daß sie
glücklich sei, die Sache in so guten Gang gehracht zu
haben, daß sie sich wie eine wohlthätige Fee erscheine,
die dem irrenden Ritter die hilfreiche Hand gereicht habe.
Nun, da das rechte Wort gesprochen sei, werde sich wie
in einem Märchen mit fröhlichem Anögang Alles zn
einem guten Ende rasch zusammen finden.
Also Alphonsina! füsterte sie mir noch in's Ohr,
als ich sie bis vor des Palastes Thüre begleitet hatte
und sie von mir schied.

Kapitel 05

Fünstes Capilel.

Pz« Ruhe, zu meiner Arbeit zurüchukehren, wollte
mir nicht kommen. Die Vorstellungen, welche Donna
Carolina in mir angeregt, beschäftigten mich. Ich ging
in meiner Werkstatt auf und nieder, ließ die Augen
über Fertiges und Werdendes in zerstreutem Betrachten
hingleiten, und dazwischen kam es mir selber nothwendig
vor, mich zu verheirathen, weil ich der Stammhalter
unseres Hauses geworden war.
Ich hatte mich um das Fortbestehen desselben bis-
her nie viel gekümmert, oder gar gesorgt; einmal, weil
man es als gesichert ansehen konnte und zweitens, weil
die Anerkennung, die man mir etwa um meiner Ahnen
willen zollen mochte, mich nicht eben reizte. Ich lebte
freilich in der vornehmen Gesellschaft, aber in ihr wie
in den Kreisen der Künstler, hatte ich seit Jahren meine

5K
Geltung nicht als Mitglied des Hauses der Armero,
sondern als ein geschickter Bildhauer gefunden, und ob-
schon ich gewohnt war, mich, wohin ich immer kam,
als einen Gllcklichen bezeichnen zu hören, und mich auch
als einen solchen zu betrachten, fühlte ich mich gerade
seit der Unterredung mit Donna Carolina niedergeschlagen,
und ergriffen von einem Wunsche nach beruhigteren Zu-
ständen, als sie sich mir geboten, oder als ich sie mir
bisher zu bereiten verstanden hatte.
In meinem Elternhause lasteten die aristokratischen
Vorurtheile meines Vaters und die trübe, immer kirch-
licher werdende Frömmigkeit meiner Mutter schwer auf
mir. Die Auszeichnung, die ich in der Gesellschaft er-
fuhr und die mich Jahre lang in hohem Grade be-
friedigt, fing an, ihre Bedeutung für mich zu verlieren.
Donna Carolina aber war mir eben heute als die nicht
erquickliche Verkörperung jener Gesellschaftskreise entgegen-
getreten, die sich die große Welt zu nennen lieben, ob-
schon sie sich von der Allgemeinheit strenge abzusondern
trachten.
Dieser Gesellschaft nun sollte ich mich durch die
für mich geplante Ehe eng anschließen, dauernd ver-
binden! - Aber was hatte diese Gesellschaft mir bisher

19
geboten? Was hatte ich in ihr gefunden und gesucht?
-- Vorurtheile, welche ich nicht theilte, einen zerstreu-
enden Genuß, und die- immer neue Nahrung einer
äußeren Eitelkeit, die eben, weil sie eine solche war, auch
unersättlich und unbefriedigt bleiben muste.
Nun sollte durch eine Heirath meinem Leben eine
neue Gestalt gegeben werden und ich richtete meinen
Sinn bedächtig darauf hin. Ich kannte die Weise,
in welcher man Ehen wie die gewollte abzuschließen
pflegte. aF kontte darauf rechnen, das Bild meiner
N,
Zukünftigen zu sehen, einen oder den anderen kindlichen
Brief an ihren Vater oder ihre Tante lesen zu dürfen, und
wenn man sich meiner Zustimmung versichert hatte, sie
aus dem Kloster in ihr Vaterhaus zurückkehren zu sehen,
aus welchem ich sie dann nach wenig Wochen und
kurzen, flüchtigen Begegnungen unter der Aufsicht ihrer
Tante, als Gattin in unser Haus zu führen hatte.
Ich konnte darauf hoffen, ein reines, schuldloses Kind
in ihr zu finden, aber auch Donna Carolina und die
meisten unserer Frauen waren einst aus eines Klosters
Mauern rein und schuldlos in das Leben eingetreten, und
was hatte dte Gesellschaft aus Carolina werden lassen,

60
was hat sie aus nur zu vielen der Ehen gemacht, die
unter ähnlichen Bedingungen geschlossen worden waren?
Ich sollte einem Kinde meine Zukunft anvertrauen,
das ich nicht kannte, für dessen einstige Entwickelung sich
noch keine Art von sicherer Aussicht geben ließ; und
weil Reichthum und ein alter Name mir zur Seite
standen, war man gewillt, mir das Schicksal eines
jungen Mädchens in die Hand zu geben, das in seiner
Neinheit zurückschrecken mußte vor den Erlebnissen, die
meine Vergangenheit erschüttert hatten. Wer konnte
ihm, wer konnte mir verbürgen, daß eine wirkliche Zu-
neigung sich zwischen uns entwickeln, daß sie stark genug
sein werde, uns dauernd an einander zu fesseln? -
Ich hatte gelernt, mir zu mißtrauen; was berechtigte
den Vater der jungen Marchesina, besser von mir zu
denken, als ich selbst es that? Wie mochte er, der vor-
gab, seine Gattin in unwandelbarer Treue noch über
das Grab hinaus zu lieben, über sein einzig Kind ver-
fügen, als habe es keinen eigenen Willen und kein eigen
Herz? Ich fühlte Mitleid mit dem Mädchen! Gab es
der liebeleeren Ehen in der großen Welt nicht ohnehin
geng? Oder nahm man in ihr wirklich an, daß die

e1
Ehe Nichts sei, als eine Nebereinkunft zur Macht- und
Besizvergröserung der Familien, und daß die Liebe und die
Leidenschaft erst über dem Verbrechen des Ehebruches
ihre Herrschaft geltend machen dürften?
In dem Augenblicke traf mein Auge auf die Blste
Gloria's, die ich in liebetrunkenen Tagen einst gemacht,
und das Herz wallte mir auf in schmerzvoller Gluth.
Waö wußte die große Welt und die Frauen, die
ihr angehören, von der reinen, starken Liebe, in welcher
Gloria mein geworden war, aus freiem, eigenem Müssen,
ohne den Hinblick auf das, was ich ihr an Hab und
Gut und Namen zu gewähren hatte? Oder welche von
den Frauen dieser großen Welt besasß die schlichte Grösße
jenes Mädchens auus dem Volke? Sie erschienen mir wie
bleiche Schatten, ihr Lieben und ihr Leiden wie ein
Spiel, neben der antiken Einfalt Gloria's. Alles an
ihr war einheitlich und wahr gewesen, das Gllck sowie
das Leid. Es war ihr keine andere gleich!
Eine tiefe, gewaltige Sehnsucht nach der Verlorenen
bemächtigte sich meiner. Ihre großen Augen blickten
unter den breiten, schweren Lidern tiefsinnig nach mir
hin; ihr stolzer, festgeschlossener Mund schien mich zu
fragen: was hast Du geschaffen und was bist De ge-

62
worden, seit Dein Auge mich nicht mehr sah, seit Dein
Sinn sich abgewendet hat von der strengen Schönheit,
deren tadelloses Vorbild Du in mir besessen hast?
Sie standen in der Werkstatt vor mir, in kleinen
Hilfsmodellen, in vollen Abgüüssen, das Grabdenkmal
und die zahlreichen Figuren, welche in den letzten Jahren
aus meiner Werkstatt hervorgegangen waren - Alle
zierlich, Mlle weichlich, wenn ich sie mit meinen ersten
Arbeiten verglich, Alle die leichtsinnige Heiterkeit deö
Lebens auf der Stirne!- Ich mochte sie nicht sehen!
Ich konnte mich selber nicht begreifen, es fiel wie ein
Schleier von meinen Augen. Hätte ich sie mit einem
Schlage vernichten, sie ungeschaffen machen und hinweg-
zaubern können aus dem Besiz derjenigen, in deren
Händen sie sich befanden, es hätte mir das Herz er-
leichtert. Die sanften Mienen, die lächelnden Lippen
schienen mein zu spotten. Ihnen und uir selber zu
entfliehen, eilte ich von dannen.
Es war hoher Mittag, der Sonnenschein des
winterlichen Tages lockte mich in die Straße hinaus.
Ieh ging die Höhe hinan; die Villa Ledovisi war ge-
öffnet, ich hatte sie lange nicht betreten, das Museum
lange nicht besucht, die hehren Gestalten lange nicht ge-

e
sehen. Die Erhabenheit des Junokopfes, die Gewalt der
einfachen Größe in den antiken Bildwerken wirkte auf
mich wie in den Zeiten, da ihre Herrlichkeit mir zu-
erst verständlich geworden war. Ich konnte mein Auge
nicht sättigen an ihrer feierlichen Schönheit, und ging
erst von dannen, als eine Gesellschaft vornehmer Eng-
länder, die ich kannke, in das Museum kam und sich
mir zugesellen wollte.
Planlos, wie ich meine Werkstatt verlassen hatte,
schlenderte ich weiter, über den Barberinischen Plaz
hinweg, die Straße nach Santa Maria Maggiore hin-
auf, an Gloria's einstiger Wohnung vorüber. Ihre
Fenster glitzerten im Sonnenschein, aber keines war ge-
öffnet, und sie stand nicht mehr am Fenster, meiner
wartend, um mit mir hinauSzuziehen ans den Manern
der Stadt in die weithin lockende Ferne der Campagna,
die sie mit ihrem Vater einst durchzogen kreuz und guer,
von Ort zu Ort; und in der an meiner Seite umher-
zuwandern ihre grdßte Lust gewesen war.
Stundenweit, meilenweit waren wir so gegangen,
sie erzählend, ich horchend in liebevollem Staunen, denn
sie wußte und kannte von der Welt und von den:
Leben nichts, als was sie selbst gesehen und erlebt hatte,

6s
aber sie erzählte das Erlebte mit einer plastischen Kraft
und einer Ungeschmücktheit, daß man nie vergessen
konnte, was man von ihr einmal gehört. Es war mit
ihr nicht lange zu verkehren, ohne daß man sich der
Natur genähert, der Wahrheit wiedergegeben fand, von
denen unsere künstliche Erziehung und die uns zur Ge-
wohnheit gewordenen Formen gesellschaftlicher Lüüge, uns
entfernen.
Der Sonnenschein funkelte und wärmte wie im
Sommer, als ich aus den Mauern der Stadt hinaus-
kam. Mein Auge freute sich an der Schönheit der
Campagna, an den Linien des Gebirges, das sie ab-
schloß. Ich sah die Stäbtchen glänzen an den Abhängen
der Berge und die Karren der Weinhändler, die von
den Castellen herabgekommen waren, an mir vorüber-
fahren nach der Stadt. Ich hörte das Klingeln ihres
Schellengeläutes und ihre Antwort auf meinen Anruf,
und doch empfand ich das Ales wie in einem Traume.
Denn wie im Traume war mir, als ginge Gloria wieder
neben mir, als spräche sie mir wieder von ihrem Leben
in jenen Tagen, in denen ich sie nicht gekannt hatte.
Und ich hatte sie doch in ihrem Blute schwimmend, todt
zu meinen Füßßen liegen sehen, und hatte an der Stelle

gestanden in meines Schmerzes Einsamkeit, an der man
ihren schönen Leib der Erde übergeben.
Ich ging und ging! Gloria war immer bei mir!
Zwei Stunden vor der Stadt liegt eine Osterie.
Gloria hatte es geliebt dort einzukehren, weil sie mit
ihrem Vater regelmäßig dort gerastet, und die stattliche
Wirthin immer viel auf sie gehalten hatte. Sogar zur
Gevatterin hatte sie Gloria gebeten und sie den jüingsten
Sohn des Hauses aus der Taufe heben lassen, dem man
auf Gloria's Anstiften den Namen ihres Lieblingshelden
beigelegt. Seit ihrem Tode war ich nicht mehr in der
Ostexie gewesen.
Als ich mich derselben näherte, stand der Wagen
Zines Vetturinos vor dem Hause. Die Wirthin saß an
der- Thütre oben an der Treppe wie vordem. Zwei
Mdnche; bie bei ihr gefrühstückt hatten, brachen eben
wieder, aüf. Rinaldo hielt sich an dem Wagenschlage,
um neben' dem Segen der frommen Väter, dessen er ge-
wiß war, womöglich auch einige Bajochi zu erwischen.
Aber er' erkannte mich gleich wieder, und in der Freude,
mich zu sehen, vielleicht auch in der Erinnerung, daß
ich ein besserer Segenspender zu sein pflegte, als die
F. Lewald, Benvenuto. 1.

6e
meisten Mönche, ließ er den Wagen ganz im Stich und
eilte mir entgegen.
Er war ein schöner, schlanker Junge geworden in
den beiden Jahren, und die großen Augen freundlich auf
mich richtend, rief er: Aber wo ist denn die Gloria, Signor'?
Die Mönche waren während dessen langsam ein-
gestiegen. Die Wirthin winkte ihnen noch den Gruß
zum Abschied, und mich willkommen heißend, ohne ihre
bequeme Stellung aufzugeben, oder auch nur die Hände
zu bewegen, die sie unter der Brust gekreuzt hielt, sagte
sie: Es ist lange her, Signor! daß Ihr nicht hier ge-
wesen seid; aber heute ist das Wetter schön! recht ge-
macht für einen Gang vor's Thor hinaus.
Daß sie mich nicht nach Gloria fcagte, traf mich
tiefer als des Buben wiederholter Ausruf: aber wo ist
die Gloria, Signor?
Ach was, Gloria! schalt die Wirthin, indem sie
mit ihrem Strohstuhl etwas auf die Seite rückte, damit
ich eintreten und mir meinen Platz an dem Tische
nehmen konnte, der gleich neben der Thüre ihr zur
Rechten stand. Sei still mit Deiner Gloria! Dumm-
kopf! Hast Du denn nicht gehört, daß die Gloria in
das Paradies gegangen ist? - Und sich mit einer

I?
ernsten und bedeutungsvollen Vertraulichkeit an mich
wendend, sezte sie hinzn: denn ich glaube in Wahrheit,
Signor! daß sie inS Paradies gegangen ist, obschon
sie ihrem Leben selbst ein Ende machte. Sie hat' in
einem Anfall. von Naserei gethan, die Aerntste! und
unser Herrgott wird mit ihr nicht inB Gericht gehen!
=- Aber was wollt Ihr essen, Signor? Ihr uisl
Hunger haben, es ist Zeit zum Pranzo! -- Wollt Ihr
Eier? wollt Ihr Schinken und den Orvieto, den die
Aermste, die Gloria liebte? Sie war ein braveä Mädchen,
tapfer und herzhaft schon als junges Kind!
Mir war wunderbar zu Muthe. Niemand hatte,
seit Gloria nicht mehr war, ihrer mit solchem Freimuth
gegen mich gedacht, ich hatte auch mit Niemandemn frei
und offen über sie gesprochen; und die schlichte Zun-
neigung, mit welcher die Wirthin von ihr redete, schloß
auch mir das Herz auf und den Mund. Die Wirthin
hatte, wie sie mir unumwunden sagte, Dies und Jenes
über Gloria's Ende verlauten hören, was nicht gut zu
wiederholen sei; aber sie setzte rasch hinzu, sie habe mir
, nichts Bdses zugetraut, denn sie habe ja gesehen, daß
ich Gloria gut behandelt habe und nicht heftigen Ge-
müthes sei. Freilich habe sie es der Gloria stetö gesagk,

68
daß sie sich mit falschen Hoffnungen betrüge; die habe
das jedoch nicht hören, das nicht glauben wollen, und
die Welt sei eben doch die Welt!
Ich stand ihr Rede, wie der Anlaß es erheischte,
und sie war nicht die Frau, sich Zweifeln hinzugeben,
wo sie glauben zu dürfen meinte; oder sich lang bei
Dingen aufzuhalten, die nicht mehr zu ändern waren.
Inzwischen war ihr Mann hinzugekommen, der in
der Osterie den Dienst versah, während die Padrona
sich mit ihren Gästen unterhielt. Auch er begrüßte
mich, aber er machte sich weiter nicht mit mir zu
schaffen, trug herbei, was ich bedurfte und setzte es vor
mir nieder. Mir fiel das gar nicht auf. Er that nie
mehr, als was zu thun er nicht unterlassen durfte,
ohne daß die Frau es rügte; und für gewöhnlich war
ihr's recht, wenn er nicht redete, wo man ihn nicht
fragte. Sie lobte ihn sogar deshalb und hatte ihn
immer als das Muster eines Ehemannes vor mir
gerühmt. Diesmal jedoch schien ihr sein Schweigen zu
mißfallen.
Setze den Teller dorthin! mir gegenüber! befahl sie
ihm, damit die Sonne dem Herrn nicht in die Augen
scheint. Und thue die Lippen auf, den Herrn zu be-

grüßen. Er hat mit den Tode der Gevatterin nicht
mehr zu thun als ich und Du! - Wollt Ihr Ks.,
Signor? Frischen eaeeia-aartlo? Neiche ihn her, Lorenzo!
-- Cs ist, wie ich es immer sagte. Sie hat selbst die
Hand an sich gelegt! Ich kannte sie ja alle Beide! und
ich sagt' es immer, der Signor Benvenuto ist nicht
von denen, welche mit dem Messer spielen!- Aber die
Gloria war gewöhnt an's Messer, und der Jähzorn lag
in ihrem Blute bon dem Vater her, der nicht viel
werth war. - Alles liegt im Blut, Signor! und
-dagegen hilft kein Messelesen und kein Beten! - Seht
-den Jungen da! Er wird groß werden und von starken
Schultern wie der Vater. - Er ist arbeitssam und
zgehorcht wie der Lorenzo, er wird einen guten Ehemann
Fgeben, so wie der! = Aber - und sie deutete mit deun
CZeigefinger auf ihre kluge Stirne - da ist Nichts
dahinter! Langsam, langsam im Verständniß wie der
Vater, und eigensinnig so wie der! doch ein gutes Herz
und guten Willen! döe Heiligen segnen ihn!
Sie war dabei endlich von ihrem Stuhle an der
Thüüre aufgestanden und hatte sich zu mir gesetzt, um
mich hilfreich zu bedienen; indeß meine geringe Esßlust
wollte ihr nicht gefallen. Sie meinte, ich hätte besseren

7
Appetit gehabt, als Gloria mit mir gewesen sei, und
auch besser ausgesehen vordem. Alles sei lustiger an
mir gewesen, selbst die helle Tracht, die ich derzeit
getragen.
Ich erzählte ihr, daß meine Brüder mir gestorben
wären, daß ich jetzt meiner Eltern lezter Sohn sei.
Der arme Vater! die arme Mutter! rief sie. Die
Leute haben nun das Castell dort oben im Gebirge, den
großen Grundbesiz dabei, den Palast in der Stadt, und
nur noch einen Sohn! Die armen Leute! Aber die
Menschen kommen und gehen und wir können sie nicht
halten! -- Was ist da zu machen? Das Trauern und
das Weinen hilft den Todten nicht, nicht uns! Es sind
andere Mittel nöthig! Ihr müßt heirathen, Signor!
je eher, je lieber! Euren Eltern ein Vergnügen zu be-
reiten und Enkel für sie in die Welt zu setzen.
Es war als wenn ich meinen Vater oder Donna
Carolina reden hörte, nur daß müir die Vadrona ihre
Ansicht weit kürzer und gebieterischer als jene Anderen
aussprach.
Ich kenne Euch jetzt fünf, -- nein! wartet, es
sind schon sechs Jahre, sagte sie, Ihr müßt über die
halben Zwanziger hinaus sein, und ohne eine Frau, die

ihm gehört, treibt ein junger Mann, wie Ihr, kein
gut Gewerbe. Die Gloria ist todt, die konntet Ihr
auch nicht zur Ehe nehmen, denn Ungleiches soll sich
nicht zusammen thun! Ihr dürft Euch also nicht be-
sinnen, und Ihr habt wohl auch die Rechte schon
gewählt.
Das habe ich nicht! aber mein Vater spricht wie
Ihr, und hat schon eine Frau für mich in getio! ent-
gegnete ich ihr.
Nun gut! so gehet hin und laßt Euch mit ihr
trauen! das wird Euren Herrn Vater und die Frau
Mama vergnügen!
« Und wo bleibe ich und mein Vergnügen? fragte
ic ste scherzend.
-- Ach was! rief sie, eine Alte und eine Häßliche
wird man Euch nicht bieten, und mit einem jungen
häbschen Weibe findet sich von selber das Vergnügen.
- Unb dann: Vergnügen! Die Ehe ist kein Vergnügen,
die ist des Herrgotts Wille, ist eines Christen-Menschen
Pflicht. Euer Vergnügen und Euer Liebesspiel habt
Ihr mit der armen Gloria gehabt, die's schwer genng
bezahlt hat. Geht jetzt und thut dem Herrn Vater
,ure Pflicht. Er hat Euch in die Welt gesezt, Ihr


seid ihm Eure Kinder schuldig! - Und wenn sie nach
Euch schlagen, werdet Ihr bald anders sprechen. Ihr
wißt noch nicht, wie Kinder Freude bringen in ein
Haus - je mehr je besser! Ich habe deren elf geboren!
aber das Dutzend jetzt noch voll zu machen, obwohl der
Rinaldo acht Jahre alt ist, sollte mich nicht kränken,
wenn Gott es also wollte!
Sie schenkte mir, während sie also redete, von dem
Weine wieder ein, und mehr als dieser erfrischte mir ihre
gesunde Heiterkeit die Seele. Es war im Grunde Alles
wie sie's sagte, und sie sagte es so einfach, daß keine
Gefühls»Sophismen Stich dagegen hielten. Sie hatte
völlig Recht, ich hatte bisher nur mit selbst gelebt,
das Leben, das ich geführt, war kein edles gewesen, ich
hatte auf keine reinen Freuden zurückzusehen, und ich
hatte Pflichten gegen meinen Vater, der hoch in Jahren
war, gegen die Mutter, die in trübem Grame sich der
Welt entzog, weil der einzige Sohn ihr in derselben
nicht zur Stütze werden wollte.
Klug wie die Frauen unseres Volkes in der Regel
sind, merkte die Wirthin es, wie sehr sie mich er-
heitert hatte, und es freute sie, als ich ihr scherzend

sagte: wenn ich eine Frau gefunden haben würde, wollte
ich sie zu ihr bringen, denn sie habe mich bekehrt.
Spottet nicht, Signor! und bildet Euch nicht ein,
entgegnete sie gut gelaunt, daß ich zu gering für solch
ein Werk sei. Bekehrungen sind immer Wunder, und
Wunder hat die heiligste Madonna schon durch Geringere
gethan, als ich bin. Wann also bringt Ihr mir die
junge Frau, die hoffentlich es nicht vergessen wird, sich
bei mir mit einem schönen Geschenke, wie's Euch
zukoamt, für die Bekehrung zu bedanken, von der sie
profitiren soll?
Ich sagte, ich müsse meine Zukünftige doch vor
allen Dingen sehen. - Gewiß, entgegnete sie mir, aber
zacht das rasch ab! Wer lang handelt, läßt dem
Anderen Zeit, ihn zu betrügen, und Euer Herr Vater
wird ja wohl ein Kenner sein. Verlaßt Euch darum
auf ihn, wie hier auf mich. - Sie shenkte mir das
Glas noch einmal voll: Durstig seid Ihr jungen Leute
ra re.D?
Ihr Gleichniß brachte mich zum Lachen. Ich
stand auf, es war hohe Zeit den Heimweg anzutreten.
Sie rief -den Mann herbei, daß er die Rechnung mache,

?
und steckte dann das Geld ein. Auch der Bube kam
hinzu und ließ sich's gern gefallen, daß ich ihm ein
Andenken an seine Pathin gab.
Die Wirthin hatte sich ebenfalls erhoben, sie stieg
die Steintreppe mit mir hinab und wiederholte mir, daß
sie mich nun bald mit meiner jungen Frau zu sehen
erwarte. Rinaldo wollte noch ein Ende mit mir laufen.
Als ich schon einige Schritte vom Hause fort war, rief
sie mich zurück.
Signor! sagte sie, ich weiß, Ihr habt eine offene
Hand und habt es der Gloria niemals fehlen lassen.
Laßt reichlich beten für die arme Seele, denn wenn
der Herrgott anch gerecht ist: sie ist ohne Sacrament
gestorben, sie hat's nöthig, daß unser Herr Jesus und
die heiligste Madonna Fürbitte flr sie thun. -- Und
mit noch einem: auf Wiedersehen! entließ sie mich.

Kapitel 06

Zechstes Capitel.

zwei Stunden, die ich bis zur Stadt zurück-
zulegen hatte, wurden mir nicht lang. Die Unter-
redung, welche ich am Morgen mit Donna Carolina
gehabt, die Gespräche, welche ich mit der Schenkwirthin
in der Campagna gepflogen, die Wünsche meines Vaters
und mein eigenes, von den erhabenen Werken der alten
Kunst lebhaft angeregtes Verlangen, mich zusammenzu-
fassen, um zu einer neuen besseren Thätigkeit die Kraft
in mir zu finden, das griff Alles so unerwartet in
einander, daß es mir von guter Vorbedeutung schien
und mich zuversichtlich machte.
Als ich wieder in die Stadt und tiefer in die
Straßen hineingekommen war, lagen schon die Schatten
des Abends in feuchter Schwlle über ihnen ausgebreitet,
und gegen den hellen Sonnenuntergang, von dem ich

7K
herkam, gegen die scharfe frische Luft, die ich den Tag
hindurch geathmet hatte, fand ich die Mauern und die
Wärme, die in ihnen herrschte, drückend und be-
klemmend. Aber ich ging eilig vorwärts, ich dachte an
meinen Vater, an meine Mutter, an ihr leer gewoxdenes
Haus, und es zog mich, meinen Platz an ihrem Tische
einzunehmen.
In den Straßen herrschte die Lebendigkeit des
Sonnabendes. Ich hatte diese Stunde, seit ich selbst zu
arbeiten angefangen und kennen lernen, was die Ruhe
nach wohlgethaner Arbeit sagen wolle, immer gern
gehabt, und gern die heitere Geschäftigkeit beobachtet,
mit welcher die Leute nach ihrem Tagewerk es sich an-
gelegen sein lassen, sich und den Ihren am Abende
etwas zu Gute zu thun und ihres Daseins froh zu
werden. In den letzten Zeiten war ich jedoch auch
dagegen gleichgiltig geworden, und nun mit einem Male
freute es mich wieder, wie die Feuer in den Defen der
Hökerinnen glühten, wie die Fritturen in den Pfannen
brodelten, wie Männer und Frauen sie umstanden, das
ihnen Gemäße für das Nachtessen zu kaufen. Ich sah
die Handwerker in raschem Gange von der Arbeit
kgmmend, inne halten und bedächtig trotz der Eile, noch

7
ein Stück Käse oder ein paar Früchte auswählen, umt
sie als erwüünschte Zugabe nach Hause bringen zu können.
Ich mußte lachen über die Buben, welche die Mütze, in
der sie die gerösteten Kastanien trugen, an die Nase
hielten, sich an ihrem Dufte schon im Voraus zu er-
laben. Es hatte Alles, weil ich ausnahmsweise einmal
darauf achtete, für mich den Reiz des Neuen und war
mir doch so heimathlich vertraut.
Ich freute mich, als känte ich nach langer Ent-
fernung aus der Fremde wieder; der eigene Herd, die
eigene Familie verkörperten sich mir in den Bildern,
die ich vor mir hatte. Ich dachte mit Wohlgefallen
an die Ehe und den eigenen Herd. Sie erschienen mir als
etwas WünschenSwerthes, wenn Liebe das Haus errichtet,
die Familie begründet, und Zutrauen und Verständniß
an dem Herde wohnen. Eine solche Liebe freilich hatte
ich noch nicht gekannt, ein solches Verständniß hatte ich
in der armen Gloria nicht besitzen können. Durfte ich
hoffen, ihm in dem klösterlich erzogenen Kinde zu
begegnen, dem man mich zu verbinden wünschte?
Ich hatte das Portal meines Vaterhauuses während
dessen erreicht, es war der Abend, an welchem meine
Mutter sonst ihre Freunde zu empfangen gewohnt ge-

8
wvesen war, aber ihre Säle waren selbst für ihren engeren
Freundeskreis geschlossen. Es war Alles still' in dem
Portal, still in dem weiten Hofe, den die Laternen
eben nur ausreichend erhellten. Ich stieg die Treppe
hinan. Auf der ersten Wendung derselben kam mir raschen
Schrittes eine schlanke, schwarz gekleidete und tief in den
großen Mantel eingewickelte Gestalt entgegen. Eä war
Pater Cyrillus. Als er mich erkannte, blieb er stehen
und reichte mir mit einer Herzlichkeit die Hand, die
mir auffallen mußte, da unfer Verkehr seit lange ein
sehr erkalteter gewesen war.
Sie kommen zu guter Stunde, Theuerster! sagte
er, und es thut mir leid, daß ich nicht umkehren, Sie
nicht begleiten kann. Wenn wir einsehen, daß wir
einen anderen, als den von uns bisher erkannlen Weg
zu gehen haben, muß er so rasch als möglich von uns
eingeschlagen werden, und Sie haben wohl gethan, sich
nicht lange zu besinnen. Ich wünsche Ihnen Gllck!
Sie werden heute ganz andere, heitere Mienen oben
finden! Ich wünsche Ihnen Gllck!
ac war wie aus den Wolken gefallen. Der
- E,
freudige Eifer des Paters konnte sich nur auf die für
mich beabsichtigte Heirath beziehen, die noch weit im

Felde stand, und die Weise, in welcher er sich mir auf-
drängte, verdroß mich ebenfo, als daß er von Allem
und Jedem, was in unserem Hause vorging, stets im
Voraus unterrichtet war. Ich that deshalb, als ob ich
seinen Glückwunsch nicht verstände, aber er klopfte mir
vertraulich auf die Schulter und sagte: Sie sind zurück-
haltend, wie es einem Cavalier geziemt, aber mit einem
alten Freunde darf man offen sein, und wenn ich Ihnen
schon im Voraus gratulire, so hat das seinen guten
Grund. Die Marchesina ist jung, ist schön und frommen
Sinnes. Man hat sie uns als das Muster edler
Bildung, trefflicher Erziehung bezeichnet. Dazu hat sie
ein sehr beträchtliches Vermögen - und Sie wundern
sich, daß man Ihnen dazu Glück wünscht! Nun! ich
hoffe, Sie thun es auch selber!
Mir fiel bei seinem Lob der jungen Dame auf,
daß er sich auf eigene Nachrichten zu beziehen schien,
aber ich mochte ihn mit keiner Frage deshalb angehen.
Doch war ich stutzig geworden und aus meiner guten
Stimmung aufgeschreckt. Eine Gattin durch seine Ver-
mittelung zu empfangen, lag nicht in meiner Absicht.
Die Reihe der lautlosen Vorsäle entlang, kam ich
in meines Vaters Zimmer. Er saß von Papieren
F. Lewald, Benvenuto. l.

umgeben an seinem Arbeitstische. Ich kannte diese
Aktenhefte, es waren alte Familiendokumente. Meine
Mutter lag auf einem Ruhebette, ein Lichtschirm, dessen
ihre vom Weinen angegriffenen Augen bedürftig waren,
entzog mir den Anblick ihres Gesichtes, aber es war
schon an und für sich ein gutes Zeichen, daß ich sie in
meines Vaters Nähe fand. Wie immer empfing sie mich
mit Zärtlichkeit.
Mein Vater hatte wesentlich gealtert. Sein Anblick,
die hohl gewordenen Schläfen, dig eingesunkenen Augen
und die Schärfe aller seiner Züge, rührten mich so oft
ich sie bemerkte. Heute, da das Licht der vor ihm
stehenden Lampe sein Antliz hell beleuchtete, war mir
der Verfall seines einst so kraftvollen Gesichtes dogwelt
auffällig; aber er wendete sich, da ich eintrat, lebhaft
nach mir hin, und mir die mager gewordene Hand
entgegenreichend, hieß er mich willkommen.
Ich bin heute fleißig gewesen, sagte er, die Papiere
in Ordnung zu bringen, die doch in nicht zu ferner
Zeit in Deine alleinige Obhut übergehen werden. Du
wirst einst finden, daß es einen Mann vollauf beschäftigt,
ein ansehnliches Familienbesitzthum mit Klugheit zu
verwalten und vor der Welt würdig zu repräsentiren.

8I
Aber was hast Du getrieben, diesen Tag? Du siehst
frisch aus wie Einer, der aus dem Freien kommt.
Solch' heitere Freundlichkeit lag nicht in meines
Vaters Art, und wie die meisten selbstwilligen Naturen,
liebte er es auch nicht, gegen Andere seiner vorge-
schrittenen Jahre und seines Todes zu erwähnen. Ich
sprach ihm also von Herzen den Wuusch ans, daß der
Zeitpunkt, dessen er gedenke, noch ein ferner sein mige.
Laß uns das hoffen! entgegnete er, denn Lang-
lebigkeit hat bis auf die traurigen Ereignisse der lezten
Jahre zu den schönen Vorrechten unseres Hauuses gehört;
und es soll mich freuen, wenn mir noch die Zeit bleibt,
Dich in die Geschäfte einzuweihen. Ich habe eine
brauchbare Hilfe verloren durch Deines ältesten Bruderö
Tod. Er hätte es gut verstanden, meine Stelle aus-
zufüllen. Du? -- Nun! DaS sind vergangene Zeiten!
-- Es hat Dir gefallen, Dich in Liebesabenteuern und
als Kümnstler zu versuchen --
Ich wollte ihn unterbrechen, denn ich merkte bald,
wohin die ganze Unterredung zielte und weöhalb meine
Mutter in ihrem Schweigen mir die Hand so innig
drückte. Aber der Vater ließ mich nicht zu Worte
kommen, und sich von seinem Sessel erhebend, sezte er

freundlich hinzu: Glaube nicht, daß ich rückwärts blicke,
um Dir Vorwüürfe zu machen! In Wahrheit nicht! Du
warst der jüngste Sohn, warst nicht des Hauses Stamm-
halter und Erbe und thatest nach Deinem Vergnügen
-- was freilich nicht das meine war. Aber Du warst
jung und davon ist nicht mehr zu sprechen! Komn'! --
Der Diener erschien in der Thüre, zu melden, daß die
Mahlzeit aufgetragen sei - komn'! gieb derMutterDeinen
Arm, es wird nach der Mahlzeit weiter davon zu reden sein.
Wir saßen, wie fast inmer in den letzten Zeiten,
nur zu Dreien bei einander, doch über meine Eltern
schien plözlich ein anderer Geist gekommen zu sein.
Meine Mutter zeigte sich gesprächiger als seit lange.
Ich erfuhr von ihr, daß Donna Carolina bei ihr ge-
wesen sei, daß sie sich auch wohl genug befunden habe,
den Besuch des Marquis und seiner Schwester anzu-
nehmen. Sie rühmte es, wie Donna Carolina trotz
ihrer weltlichen Gesinnung eine treue und zuverlässige
Freundin sei, und wie selbst Pater Cyrillus sie in diesem
Punkte sehr hoch schätze. Es war danach von den an-
genehmen Umgangsformen viel die Rede, deren die alte
franzdsische Aristokratie mehr als alle Anderen sich zu
rlhmen habe;und von dem Allgemeinen zn dem Vesonderen

8K
übergehend, erwähnte mein Vater der Umsicht, mit
welcher der Marquis bei dem Sturze der Bourbons,
zur Zeit seiner freiwilligen Auswanderung, es verstanden
habe, sein Vermögen ohne Verluste ans Frankreich
herauszuziehen. Er pries an ihm seine Hingebung an
das legitime königliche Haus von Frankreich, für das
er große Opfer gebracht habe. Meine Mutter zeigte sich
von der Treue, mit welcher der Marquis dgs Andenken
seiner Gattin heilig halte, eben so gerührt, als erbaut
von seiner und seiner ganzen Familie tiefen Religiosität,
und zwischendurch bemerkte mein Vater beiläufig, der
Marqnis sei gar nicht abgeneigt, einen Theil seines
großen, in der englischen Bank befindlichen Vermögens,
in Grundbesitz anzulegen, falls sich im Kirchenstaate ein
vortheilhafter Ankauf für ihn machen ließe.
Die Unterhaltung bewegte sich durchaus in den
Grenzen, welche die Anwesenheit der aufwartenden Diener
nothwendig machte. Alles was meine Eltern sagten,
war von ihrem Standpunkte völlig richtig, aber es war
nicht zu verkennen, daß sie sich meiner Zustimmung z
ihrem Plane in einer Weise sicher fühlten, der zu ent-
sprechen ich nicht ohne Weiteres im Stande war, und
an die zu glauben, sie nur durch Donna Carolinas

8
leichtsinnigen Eifer bewogen sein konnten. Daneben be-
griff ich weder, welches Interesse eben sie an dem Zu-
standekommen meiner Heirath mit der Marchesina nahm,
noch warum der Pater sich derselben so geneigt erwies.
Ich ersehnte deshalb den Augenblick herbei, in
welchem ich mich gegen meine Eltern in Nnhe ann-
sprechen und von ihnen die nothwendigen Erklärungen
empfangen konnte, und da ihre sichtliche Zufriedenheit mit
mir und ihre Heiterkeit, die zu sehen ich so lange ent-
behrt hatte, mich erfreuten, hatte ich den besten Willen,
mnit ihnen zu einem Einverständniß zu gelangen. Indeß
da es sich hier nicht um eine Gefälligkeit von meiner
Seite handelte, sondern um zweier Menschen Glück und
Schicksal, durfte ich nicht anstehen, meine Eltern sobald
als möglich zu enttäuschen. Ich that das auch, sobald
ich mich nach aufgehobener Tafel allein mit ihnen sah.
Ich sagte, da Domna Carolina heute bei ihnen
gewesen sei, werde sie auch ihnen von dem Heiraths-
vorschlage gesprochen haben, mit welchem sie mich beehrt
habe. Die günstige Meinung, welche ich die Eltern heute
eben wieder über den Marquis und seine Familie hätte
ußern hören, mache es mir zur Freude, ihnen sagen
zu kdnnen, daß ich kein Widerstreben gegen die Ehe

fühle, falls ich in der Tochter des Marquis ein Md-
chen finden sollte, das ich lieben und mit welchem ich
dauernd glücklich zu werden hoffen kdnnte.
Mein Vater sah mich mit großen Augen an. Es
war das offenbar nicht, was er von mir zu hören er-
wartet hatte, und sein lebhaftes Temperament wollte
auffahren; aber er bezwang sich rasch. Bravo! rief er,
das ist gesprochen, wie es einem Manne in Deiner Lage
ziemt! Indeß, fügte er hinzu, Du hast Dich, wie mir
scheint, die Jahre hindurch des Suchens sehr befieißigt
uund im Finden noch kein Gllck gehalt. Nun haben
wir flr Dich gesucht und sind erfreut, das Mädchen
gefunden zu haben, das wir mit Genugihuung als die
Gattin unseres Sohnes zu empfangen bereit sind.
Das ging weiter, als es schweigend hinzunehmen
für mich möglich war. Ich zweifle nicht, mein Vater,
sagte ich deshalb, daß Sie vorsichtig erwogen haben,
was mir nüzlich sein kann, aber in diesem Falle kommt
es doch auf mein eigenstes Entscheiden an. Mademoiselle
Alphonsine ist noch nicht hier.
Der Marquis wird sie hierher bescheiden, fiel mir
der Vater in die Rede, sobald wir mit einander fertig
sind; und nur ein Punkt ist es, mein Sohn, über den

wir uns zuvor zu verständigen suchen, auf dessen Er-
füllung aber der Marquis sowohl als ich bestehen
müssen!
Verzeihen Sie, mein Vater, wendete ich ein, wenn
ich Sie bitte, über diese Angelegenheit nicht weiter
sprechen zu wollen, ehe ich die junge Dame nicht gesehen,
nicht kennen gelernt habe. Gewinne ich die Neigung
der Marchesina, glaube ich glücklich mit ihr werden zu
kdnnen, so kennen Sie mich genugsam, um zu wissen,
daß ich in materiellen Dingen keine Schwierigkeiten
mache. Kann ich mich für das Fräulein nicht ent-
scheiden - -
Wie? fuhr mein Vater auf -- Dich nicht ent-
scheiden? Was willst Du damit sagen? Dich nicht
entscheiden?
Er hat das Bild noch nicht gesehen, begüütigte die
Mutter, ex wird anders sprechen, wenn er ihr Bild ge-
sehen haben wird.
Nein! liebe Mutter, entgegnete ich, auch wenn ich
das Bild gesehen und es schön und liebenswerth ge-
funden hätte, würde ich es nicht versprechen kdnnen, ein
Mädchen zu heirathen, dessen Wesen mir trotz der
Schdnheit antipathisch sein könnte. Will der Marquis

89
mir die Gelegenheit geben, die Bekanntschaft seiner
Tochter zu machen - -
Meines Vaters Augen flammten auf. Was denkst
Du? rief er. Ist der Marquis ein Handelsnann und
seine Tochter eine Waare, die er auf den Markt bringt,
umt sie annehmen oder zurückveisen zu lassen, je nach
den Belieben eines Dritten? Soll er sie aus dem
Kloster rufen, wo sie in heiliger Obhut ist, um sie
dorthin zurüchuschicken, wenn es Dir nicht gefällt, ihr
Ehem:ann zu werden? Es ist von Deiner künftigen
Gattin, von der wir sprechen, von einer Dame aus
edelm Geschlecht, und nicht von einem der Modelle, die
man sich auf der Straße auswählt.
Mein Vater! bedenken Sie Ihre Worte! bat ich
ihn mit leberwindung, aber wenn seine Heftigkeit erregt
war, fiel ihm Selbstbeherrschung schwer, und mit spotten-
der Lippe wiederholte er: Ein Graf Armero kann sich
seine Gattin nicht so suchen, wie der Bildhauer das
Modell, das er fortschickt, wenn er seiner satt geworden!
So ist der Bildhauer ohne Frage besser daran,
als der Graf! gab ich ihm zur Antwort, denn auch
mich verließ die Nuhe.
Ohn' alle Frage! wenn er kein Gewissen hat und


öffentliches Aergerniß zu geben sich nicht scheut! ent-
gegnete mein Vater mit seinem bittern Lachen.
ach hatte mich erhoben, und mich zu mäßigen
suchend, weil ich den leidenden Zustand meiner Mutter
zu schonen wüinschte, sagte ich: Erlauben Sie, mein
Vater, daß ich mich entferne. Ich glaube, wir sind zu
Ende mit der Verhandlung über diese Angelegenheit.
Nein! rief meine Mutter, indem sie mich bei der
Hand zurückhielt, nein! mein Sohn! Hört mich, meine
Lieben! Laßt mich die Vermitklerin machen zwischen
Euch, zwischen den beiden Letzten, die der Himmel uir
noch gelassen hat. Laß Dich des Vaters Wort nicht
kränken. Es ist seine zornige Liebe, die es ausgestoßen
hat, weil er Dich Deln Gllck verschmähen sieh;. --
Sei nicht hart mein Gatte, mit dem Sohne! Er hat
Dein heißes Blut, er ist jung gewesen, er hat gefehlt
und hat es schwer gebüßt. Aber unser frommer Freund,
der edle Pater Cyrillus, hat es heut' noch ausgesprochen,
es steht geschrieben: es wird mehr Freude sein im
Himmel über einen Sünder, der Buße thut, denn über
hundert Gerechte! -- Hilf unserem Sohne, mein Gatte,
daß er zur Freude unseres Alters, zur Ehre unseres
Hauses auf den rechten Pfad gelange, von dem er nicht

O
mehr lassen wird, wenn er den Segen und die reine
Freude kennen gelernt hat, die nur auf der von Gott
gewiesenen Bahn zu finden sind.-- Es ist ein Ausweg
möglich! Ich will mit dem Marchese sprechen. Ben-
venuto soll daä Mädchen kennen lernen, das wir ihmu
bestimmnen. Man kann, Gesundheitsrücksichten vorschüzend,
Fräulein Alphonsine für die kalten Monate hierher be-
rufen! -- Nur entscheidet in diesem Augenblicke Nichts,
und um der Liebe willen, die ich flr Euch Beide hege,
und die allein mich noch an diese Erde knüpft - geht
nicht mit Groll im Herzen von einander.
Sie legte meine Hand in die des Vaters, der
Bllck auf ihr vergrämtes Autliz that das Üebrige.
Wir schwiegen Alle eine Weile, bis die Mutter, sich zu
mir wendend, noch einmal daä Wort ergriff.
Ich zweifle nicht, sagte sie, daß die Erinnerung
an die Liebe, welche er für seine Gattin hegte, dasß der
hohe Begriff, den der Marquis von der Heiligkeit der
Ehe hat, ihn bestimmen werden, dem Wunsche zu will-
fahren, welchen Benvenuto in dem gewissenhaften Ver-
langen ausgesprochen hat, kein Bündniß einzugehen, an
das er sich nicht von ganzem Herzen und für immer
mit Auöschließlichkeit hinzugeben vermöchte. Aber nicht


allein um Deine Forderungen handelt es sich hier mein
Sohn! auch der Marquis hat Forderungen an Dich zu
stellen. Er hegt Wünsche für seines einzigen Kindes
Gllck, die wir Dir an das Herz zu legen, versprochen
haben, und über deren Gewährung wir sicher sein müssen,
ehe wir von ihm verlangen dürfen, daß er um Deinet-
willen seine Tochter in sein Haus bescheidet.
Ich bat meine Mutter, mir diese Wütnsche mit-
zutheilen. Muß ich sie Dir noch besonders nennen?
fragte sie, da ich doch mit Freuden sehe, daß Deine
Begriffe von der Bedeutung einer Ehe ernst und würdig
sind? Du willst das Mädchen kennen lernen, um zu
prüfen, ob Du versprechen kannst, es ausschließlich zu
lieben; so hast Du sicher auch daran gedacht, welch'
eine andere Auäschließlichkeit dereinst eine Gattin von
Dir zu begehren das heilige Necht besitzt. Oder hättest
Du Dir'S niemals vorgestellt, wie es in einem jungen
keuschenHerzen die Scham und Eifersucht erregen muß, wenn
der Ehemann Blick und Seele weidet an den Neizen
fremder Frauen? Und soll ein Vater nicht Bedenken
tragen, seine Tochter solchem Schmerze auszusezen?
Ich wußte jezt, wohin man wollte. Aber als fürchte
mein Vater, es mich auösprechen zu lassen, was er von

K
mir nicht hören wollte, setzte er rasch hinzu, wie es sich
hier nicht nur umt die Sorge eines Vaters für das
Glück der Tochter handle, sondern um eine Ehrensache,
um die Berücksichtigung jener Ehrenforderung, welche
zwei Edelleute an den Stammhalter ihrer beiderseitigen
Familien zu erheben genöthigt wären, und auf welche
einzugehen, mir die Pflicht gebiete, da man bereit sei,
auch meinen Ansprüchen uud Verlangnissen vollauf gerecht
zu werden.
Meine Lage war im hohen Grade quälend. Ich
bat meinen Vater, die Verhandlungen abzubrechen, um
es nicht wieder zu Erörternngen über unsere verschiedenen
Begriffe von Demjenigen kommen zu lassen, was Jeder
von uns für seine Ehre und für Standesehre hielt. Ich
sprach mit großer Behutsamkeit, da ich jeden Zwiespalt
zu vermeiden wüünschte. Auch mein Vater zeigke sich
gelassener und milder, als ich es je von ihm erfahren
hatte, und das rührte mich; denn in den Tagen seiner
Kraft war er vor einer noch so gewaltsamen Entscheidung
nicht zurückgewichen. Jetzt machten das Alter und sein
Ungllick ihn zur Schonung, zum Verhandeln geneigt, und
es that mir wehe, als er sich selber anklagte, wo ich
erwartet hatte, einen Vorwurf pon ihm zu erfahren.

94
Ich habe mich zu tadeln, mich und meine Nach-
giebigkeit gegen Dritte, nicht Dich! sagte er, während er
gedankenvoll vor sich niederblickte; aber was fruchtet
diese Erkenntniß uns in dieser Stunde? Ich handelte
nicht weise, nicht als Edelmann, da ich auf Zureden
Monsignore Arrigo's, auf Bitten Deiner Mutter, Dir
vergönnte von der Sitte unserer alten Geschlechter, von
unseren Familientraditionen abzuweichen; als ich Dir
verstattete, den Künstler, den gewerbtreibenden Bildhauer
zu machen, statt Dich Deinen Weg unter der Führung
jener verehrungswürdigen Gemeinschaft suchen zu lassen,
aus deren Neihen Dein Vetier der Bischof und Dein
Großoheim der Cardinal hervorgegangen find, die Ring
und Hut aus den Händen des heiligen Vater empfan-
gen haben. Ich wußte wohl, daß ich damit nicht gut
that. Aber Du warst ein nachgeborener Sohn, Dein
Talent war bedeutend, ich glanbte Deinem Wunsche
Gehör geben zu dürfen, denn zwei andere Söhne und
ein Enkel standen mir zur Seite, den Namen und das
Ansehen der Fgmilie aufrecht zu erhalten. - Er machte
eine Pause, und mit einem Schmerze, den er schwer
bewältigte, sagte er danach: Sie Alle sind uun nicht

mehr! Du bist mein letzter Sohn, und meine Tage find
gezählt. Das bedenke, ehe Du entscheidest!
Ich konnte Nichts thun, als versichern, daß es mich
glücklich machen würde, mich den Wünschen meiner
Eltern anzupassen, sofern man von mir nicht begehre,
was zu leisten mir unmöglich sei.
Nun denn! rief mein Vater, so werden wir diesen
Tag zu segnen haben, und Du selbst wirst es erkennen,
wie ich bemüht gewesen bin, Deiner Mutter Wünsche
und die Deinen mit den Pflichten in Einklang zu brin-
gen, die zu erfüllen die Ehre unseres Hauses mir ge-
bietet.
Er schwieg darauf eine Weile, und sich in seinen
Armsessel zurücklehnend, wie er es zu thun pflegte, wenn
er es auf eine längere Auseinandersezung abgesehen
hatte, sagte er: Ich bin alt geworden und das Miß-
trauen, das dem Alter eigen sein soll, habe ich gegen
mich selbst empfinden lernen. Ich habe nicht allein
entscheiden wollen, sondern habe Rath gepflogen mit dem
Manne, den ich zu meinem Nachtheil eine Zeit lang
hindurch verkannt habe, und von dem auch Du Dich
vorurtheilsvoll entfernt hast, obschon er nicht aufgehört
hat, unserem Hause in ergebener Treue anzuhängen, und

96
Dich mit Freundesaugen auf Deinen Wegen zu begleiten.
Er ist es denn auch gewesen, Pater Cyrillus ist es ge-
wesen, der das Mittel gefunden hat, meine Wünsche und
die Deiner Mutter, mit Deinem künstlerischen Ehrgeiz
zu vereinen, und zugleich dem Herzen unserer armen
verwittweten Schwiegertochter eine tröstliche Erhebung zu
bereiten.
Ich traute meinen Ohren nicht, und nur besorgter
werdend, da ich diesen Namen nennen hörte, versetzte ich:
einer Verwendung des Paters zu. meinen Gunsten sei ich
mir in der That nicht gewärtig gewesen, da er in ver-
schiedenen Zeitpunkten versucht habe, nich wenigstens
einer Affiliation mit dem Orden zuzuführen, deren ich
mich geweigert hätte.
Mein Vater wiegte langsam das Haupt. Und
glaubst Du, sprach er, es hätte Dir Schaden gethan,
Dich eines so mächtigen Beistandes zu versichern? Der
Einfluß des Ordens ist weithin wirksam, und auch der
Starke und Mächtige kann zu Zeiten die Beihülfe einer
so großen, fest organisirten Kraft sehr wohl gebrauchen.
Aber davon vielleicht ein andermal! Für heute laß
Dir die Versicherung genüügen, daß ich es bereue, Pater
Cyrillus eine Zeit hindurch verkannt zu haben. Er hat

I?
sich seit den Ungllicksfällen, die uns heimgesucht haben,
uns als ein mitfühlender und ergebener Freund
bewiesen, und seit Deine Lebensaussichten sich verändert
haben, ist er eifrig bemüht gewesen, unsere Zuversicht zu
Dir neu zu beleben. Er hat mit dem Glauben an
Dein Herz und an den guten Sinn, den er in Dir der-
einst gekannt, Deiner Mutter Seele über Deine Irrthüümer
getröstet, sie mit neuen Hoffnungen für Dich erfüllt.
Er hat sie dazu beredet, unter uns und mit uns zu
verweilen, weil ihr in unserem Hause noch Freude durch
Dich erblühen könne. Er ist eifrig bemüht gewesen, Dir
eine Gattin ausfindig zu machen, deren Schönheit,
Namen, Reichthum allen Deinen Ansprüchen genügen
müssen; und ihm auch dankst Du es, dasß der Marquis,
troz der Bedenken, welche Deine stürmische Vergangen-
heit einem Vater wohl erregen durfte, bereit ist, Dir
das Glick seines einzigen Kindes anzuvertrauen. -
Gestehe ein, mein Lieber, schloß er, daß dies nichts
Kleines ist.
-Aber zu irgend einem Zugeständniß fand ich nicht
in mir den Anlaß. Ich sah vielmehr mit wachsender
Bestürzung, daß Cyrillus auch meinen Vater wieder in
sein Netz zu ziehen verstanden hatte, daß er jezt völlig
F. Lewald, Benvenuto. ll.

WK
Herr in unserem Hause war. Ich konnte nicht daran
zweifeln, daß er meines Vaters angeerbte Neigung für
den Orden neu zu beleben verstanden hatte. Ich mußte
besorgen, in meinem Vater vielleicht einen weltlichen
Verbündeten desselben vor mir zu sehen; aber wie dem
auch sein mochte, ich ward es mit Bestürzung inne, wie
fremd ich den inneren Vorgängen in meiner Familie,
durch meine eigene Schld geworden war.
Daß der Eifer und die Theilnahme des Paters an
meinem Schicksale nicht ehrlich gemeint sein konnten,
daß er nicht mir, sondern seinen und des Ordens Zwecken
in unserem Hause diente, dessen war ich sicher. - Ich
sollte auch sofort erkennen, auf welches Ziel es abgesehen
war, denn meine Mutter ließ es sich angelegen sein,
IR--
Sie sagte, daß sie vor einiger Zeit, hingenommen
von ihrem Schmerze und auch von der Sorge um mein
Heil, das Verlangen gehegt habe, sich in das Stamm-
schloß ihrer mütterlichen Familiezurückzuziehen, welch8be-
stimmt gewesen war, mit dem dazu gehörenden Landbesitz
das Erbe und die Ausstattung meines zweiten Bruders aus-
zumachen. Da es diesem Zweck jetzt nicht mehr dienen


könne, habe sie aus dem Hause ein Kloster für Schwestern
vom heiligen Herzen Jesu unter der Bedingung machen
wollen, daß in demselben fortdauernde Gebete für unser
Haus gehalten würden; und in der Gemeinschaft dieser
Schwestern zu leben und zu sterben habe sie gewülnscht.
Von diesem Vorsatz habe der Pater sie zurückgebracht.
Er habe sie überredet, ihr Erbe zu weltlichen Zwecken, zur
Ehre ihres sie überlebenden Geschlechtes zu verwenden.
Damit sei mein Vater, der ihr Fortgehen aus dem
Hause schwer empfunden haben würde, einverstanden ge-
wesen. So habe sie denn den Colleg der Jesuiten
einen Theil ihres liegenden Besizes mit meines Vaters
Billigung zugewiesen, damit von dem Zinsertrage des-
selben zwei reich ausgestattete Stipendien für zwei junge
Kleriker aus ihrem und unserem Geschlechte gegründet,
und Diesen unter Leitung des Ordens eine möglichst
vollständige Ausbildung gegeben werden könnte. Den
Rest ihres Grundbesizes und daä kleine Schloß habe
mein Vater käuflich für unser Hans übernommen, und
mit dem dadurch frei gewordenen Capitale wünsche sie
dem Andenken ihrer heimgegangenen Söhne durch mich,
durch ihren letzten Sohn, für alle Zeiten ein würdiges
Denkmal zu errichten.

1
Mein Vater hatte die Mutter ruhig ihre Aus-
einandersetzuugen machen lassen, nun nahm er das Wort.
Er sprach sich sehr zufrieden mit den Entschließungen
der Mutter aus, und erinnerte mich dann daran, wie
schwer es ihm gefallen sei, sich darein zu finden, daß
ein Mann, der seinen Namen trage, daß sein Sohn,
den Arbeiter für Fremde mache. Ihn habe es verlezt
und werde sein Ehrgefühl verletzen bis auf den letzten
Tag, wenn der erste beste über die Alpen oder den
Dcean herübergekommene Fremde sagen könne: Ich habe
den Marchese Armero für seiner Arbeit Mih und
Schweiß bezahlt. Der Marchese hat mein Bild gemacht!
ich gab ihm Geld und Brob! -- Den Stammhalter
seines Geschlechts in so erniedrigender Abhängigkeit fort-
leben zu lassen, das gehe gegen seine Pflicht und sein
Gewissen. Aber, fuhr er fort, Du hast die künstlerische
Neigung und Du hast mir dereinst gesagt, des Künstlers
Ehre fordere es, ein Denkmal seines Könnens für die
Nachwelt hinzustellen. Nun! ich weiß auch des Künstlers
Ehrgefühl in Dir zu achten. Es soll ihm ein volles
Genüge zugestanden werden.
Er hielt inne wie Jemand, der dem Empfänger
Zeit vergömnen will, sich auf eine große Gunst im Ge-

11
müthe vorzubereiten, und sprach dann langsam seine
Worte wägend: Das Haus der Armero entbehrt biä
heute einer eigenen Grabkapelle, wie die Geschlechter--
er nannte verschiedene Namen - sie sich in unseren
Kirchen in alter und in neuer Zeit gegründet haben.
In der Kirche . - - (es war in einer der Jesuiten-
Kirchen Romss will Deine Mutter eine solche Grab-
kapelle stiften, dort sollen die Messen für unser Haus
gelesen werden für alle kommende Zeit. Dir wird der
Bau und die ganze Ausschmückung des Denkmals über-
lassen. Die Mittel, die Dir zur Verfüügung stehen,
geben Deiner künstlerischen Phantasie die Möglichkeit,
sich in aller Freiheit zu bethätigen. Wir bieten Dir
für Jahre eine Beschäftigung nach Deiner Neigung, die
Deinem Namen als Künstler eine Zukunft sichert; aber
wir verlangen dafür, im Verein mit dem Marquis, die
Zusage des Edelmannes, daß er nach Beendigung dieses
Werkes, als Edelmann lebend, die Kunstausübung An-
deren überlasse, und aufhöre den Bildhauer zu machen!
Das ist Pater Cyrillus! stieß ich unwillkürlich aus.
Mein Vater sah mich mit finsterem Blicke an.
Ich hatte von Dir ein anderes Wort, eine andere Ant-
wort erwartet! sagte er.

1
Ich bedurfte eines Augenblicks, mich zu fassen.
Das Anerbieten, das man mir machte, mußte den größten
Ehrgeiz reizen. Es würde mir wie ein hohes Glück
erschienen sein, und ich würde es mit warmem Danke
empfangen haben, ohne die Bedingung, die man daran
knüpfte. Jetzt empörte die Arglist, mit welcher der
Pater zu Werke gegangen war, mein Herz und erfüllte
mir die Seele gegen ihn mit Hasß. Der Plan war
mit genauer Kenntniß der Betheiligten und mit großer
Klugheit ausgedachtr Meine eigenen künstüerischen Wünsche,
das Verlangen meiner Eltern mich zu verheirathen, die
Trauer wie die Frömmigkeit meiner Mutter, und meines
Vaters aristokratische Vorurtheile, waren von ihm so
richtig berechnet und so geschickt mit einander verknüpft
worden, daß meine Weigerung, auf das mir von mei-
nen Eltern Dargebotene einzugehen, wie ein Mangel an
Kindesliebe, ein Mangel an Liebe für die vor mir ge-
storbenen Brüder erscheinen mußte; und mein Zurück-
weisen der durchaus vortheilhaften Heirath konnte in
noch üblerem Sinne gedeutet werden.
Meine Mutter schüttelte traurig das müde Haupt.
Er hat verlernt auf uns zu hören, sagte sie, und ich

13
hatte so fest darauf gebaut, ihn zu erfreuen, ihn er-
kennen zu lassen, was die Mutterliebe ist!
Ich wurde, wie ich mich auch zu fassen suchte,
aus einer Empfindung in die andere geworfen. Ich
hatte viel gut zu machen, ich wünschte zu versöhnen.
ach sah, daß mein unwillkürlicher Ausruf meinen Vater
gekränkt, meiner Mutter wehe gethan; und sie waren
beide in der Hand eines Mannes, dessen Absicht mich
von meinen Eltern zu trennen, sie gegen mich einzu-
nehmen, mir erst in dem Augenblicke völlig klar ward,
in welchem er mich unvorbereitet zu einer Entscheidung
hingedrängt hatie, über deren Ausfall er keinen Zweifel
hegen konnte. Indeß seiner Arglist ohne Kampf das
Feld zu räumen, war ich nicht gesonnen. Ich hatte
nicht allein mich, auch meine Eltern hatte ich gegen
die Absichten des Ordens, in dessen Dienst der Pater
handelte, zu vertheidigen, und mit der Gewalt, welche
die Nothwehr mir zur Pflicht machte, beschwor ich meine
Eltern, mich zu hören, mir zu glauben und mir zu
dertrauen.
Ich gestand es ein, daß ich nur mir und meinen
Neigungen lebend, bisher den Pflichten gegen sie nicht
Genüge gethan hätte. Ich versicherte sie, daß es

1s
mir eine Herzens- und Ehrensache sein solle, zu ver-
güten und zu ersetzen, was ich so lang versäumt hatte,
ihnen Freude zu machen, so weit ich es vermöchte. Ich
sprach es ihnen aus, daß ich selber mich nach einer
Festigung meines Lebens sehne, daß ich mtich zu ver-
heirathen wünsche, und stolz sein würde, unserem Hause
das Denkmal zu errichten, dessen Ausführung man mir
anvertrauen wolle, nur dürfe man nicht fordern, was
ich nicht zugestehen könne. Nur das Unmögliche, mein
Vater, rief ich aus, fordern Sie nicht von mir.
Mein Vater hatte mich ohne Unterbrechung reden
lassen. Was ist unmöglich, wo es sich gm Pflicht und
Ehre handelt? fragte er mit einer Kälte, die mir eine
üble Vorbedeutung war.
Ich kann mich nicht begraben in dem Mausoleum
der Armero's! sagte ich, um es mit kurzen Worten
auszudrücken.
Laß die Phrase! rief mein Vater, triff mit
geradem Worte Deine Wahl und suche nicht beschö-
nigende Ausflucht.
Es ist keine Ausfiucht, kein Beschönigen, das ich
suche, betheuerte ich ihm, und ich habe keine Wahl,
wenn es mir nicht gelingt, Sie, mein Vater, anderen

10
Sinnes zu machen! Soll ich mich lebendig den Todten
zugesellen? Meinen Namen, meinen Künstlernamen soll
ich heften an die Todtengruft für ferne Zeiten, und
auf meine Freiheit verzichtend, mein frisches Künstler-
leben betten in den Sarkophagen meiner Brüder? Das
vermag ich nicht, mein Vater! Das zu thun, kann ich
nicht versprechen. Denn in Freiheit schaffen, das allein
heißt leben für den Künstler, und zum: Künstler hat
mich die Natur gemacht. Das Herz würde eö unir er-
drücken und den Sinn verdüstern in Verzweiflung, wenn
ich dastände vor der vollendeten Grabkapelle, mit dem
Gedanken: es ist der letzte Meißelschlag, den Du gethan
hast! -- Oer welches Gllck, welchen Trost und Ersaz
kdnnte ich finden in den Armen einer Gattin, die, um
sich meiner Treue zu versichern, mich untreu machen
wollte, an mir selber, an meinem eigensten Sein, an
dem Berufe, durch den ich mir selber, durch den ich in
den Augen der Menschen Etwas bin?
Du bist ein Graf Armero! fiel mein Vater mit
stolzer Härte ein, schlimm genng, daß Du's so lang
vergessen hast.
Ich vergaß das nie, mein Vater! sagte ich bestimmt
und ehrfurchtsvoll. Er aber achtete nicht darauf.

10
Schlimm genug, daß ich Dich daran mahnen, daß
ich Dich erst daran erinnern muß, wie mein Wille noch
der meine, wie Deine Zukunft noch in meiner Hand ist,
setzte er hinzu.
Die Drohung brachte mich um meine Fassung, und
kalt von ihr berührt, erwiderte ich ihm auch mit Kälte:
Ich habe nie daran gedacht auf Ihren Willen, auf Ihre
freiesten Entschließungen zu meinen Gunsten irgend einen
Einfluß auözuüben. Ich habe nie, und darauuf mein
Vater! empfangen Sie mein Wort, auf irgend eine
Begünstigung gerechnet, die mir von Ihnen kommen
könnte. Denn was ich auch verschuldet haben mag,
von Eigennutz, von Habsucht, von Berechnung weiß ich
meine Seele frei. Ich war mir selbst genug - und
ich denke es zu bleiben.
Mein Vater hatte sich mit Heftigkeit erhoben, und
. dicht an mich herantretend, sagte er: Also Dir steht
nicht an, was ich Dir biete?
Nein, mein Vater! sagte ich.
Du denkst die Verbindung mit der Tochter des
Marquis nicht einzugehen?
Nein, mein Vater! wenn man für dieselbe andere

1?
Bürgschaft von mir fordert, als meinen Treuschwur
und mein Manneswort - gewiß nicht.
So denkst Du den Künstler zu spielen fort und
fort? rief er mit wachsendem Zorn; Du denkst fort und
fort in niederer Gemeinschaft für Deines selbstgemachten,
großen Namens Ehre und Unsterblichkeit Dich in aller
Freiheit nach immer neuer Nahrung umzuthun?--
Nun denn! so geh! hohnlachte er, so geh! und vergiß
es, daß Dun einen Vater hatlesl, der Dich zurückhusü hren
wünschte, Dich wieder einzureihen wünschte in die Reihen
Derer, die seines Geschlechtes Namen mit Ehre und
Würde trugen! -- Geh! weit, weit weg von mir und
meinem Hause auf Nimmerwtedersehen! damit nicht jeder
Tag mich schmerzlich mahne, daß ich einst einem Sohne
das Leben gab, der - -
Ein Aufschrei meiner Mutter machte ihn verstum-
men. Sie war zusammengebrochen. Ich sprang hinzu,
sie aufzurichten, mein Vater hatte mit solcher Gewalt
die Schelle gezegen. daß ihre Schnur in seiner
Hand blieb.
Tragt die Gräfin in ihr Zimmer! befahl er der
herbeigeeilten Dienerschaft, und mir abwehrend die Hand
entgegenstreckend, da ich mich anschickte, der Ohnmächtigen

18
zu folgen, sagte er: Lassen Sie es genug sein mit diesen
Beweis der Kindesliebe, Herr Bildhauer! es gelüstet
uns nach keinem weiteren. Aber seien Sie überzeugt, daß
ich sie zu nutzen wissen werde, die Freiheit über mein
Eigenthum zu verfügen, die Ihr hohes Selbstgefühl mir
so großmüthig vergönnt.
Der kalte Spott fiel erstarrend nieder auf mtein heiß-
bewegtes Herz. Ich konnte daneben keine Vertheidigung
versuchen, und mich vor seinemt Worte beugend, verließ
ich das Gemach und meines Vaters Haus.

Kapitel 07

iebentes Capilel.

Ez Ig nlchts Klelnes seines Vaters Zorn auf sich
geladen, dem Auge der Mutter Thränen des Schmerzes
erpreßt zu haben, fortzugehen von des Vaterhauses
Schwelle alä ein Ausgewiesener; und ich empfand die
Schwere dieses Schicksals in ihrer ganzen Wucht, als
ich einsam meines Weges ging.
Es war spät am Abend. Die Straßßen waren
menschenleer und dunkel, und krüb und dunkel war es
auch in meinem Innern. Da, als ich aus der Enge
der Gasse auf den Plaz hinaustrat, fingen die Wolten
über meinem Haupte sich zu erhellen an. Ein flimmern-
der Schein glizerte in den Fenstern der oberen Gestocke,
und die Nacht, die Alles unterschiedlos in ihrem Schatten
verborgen, mit siegender Gewalt erhellend, trat der
Mond lber die Gipfel der Häuser hellleuchtend empor

1
und brachte Licht, und mit dem Lichte tröstliche und
hoffnungssichere Klarheit auch in meine Seele.
Nachdröhnend wie ein schwerer Schlag hatte das
höhnende Wort meines Vaters, jenes verächtliche: , Herr
Bildhauer!'' auf mir gelastet. Nun empfand ich's als
meine Freisprechung; und was mich niederschmettern
sollte, ward mir zur Stütze, an der ich mich emwor-
richtete. Mochte mein Vater über den Namen und
Besiz, der ihm und uns von seinen Ahnen kam, ver-
fügen wie er es für gut hielt. mochte er ihn auf die
Verwandten übergehen lassen, die mehr seines Sinnes
waren als sein Sohn, und der Kirche zuwenden, was
sie mit arger List erstrebte: mein Können, meine Freude
an dem künstlerischen Schaffen konnte keines Vaters
Wille, keines Menschen Macht mir rauben. Nie deut-
licher als in jener Stunde, da ich mich als einen Ent-
erbten zu betrachten hatte, empfand ich es, welch' einen
Schatz und welche Quelle eines eigensten Gllckes der
wahre Künstler in sich und seiner Kunst besizt.
Spät, wie es war, konnte ich mir es nicht versagen,
noch in meine Werkstatt einzutreten. - Wie ich mit
gebeugter Seele und gebeugtem Haupte aus dem Portale
unseres alten Grafenschlosses fortgegangen war. so

z z H
richtete ich mich jezt, fest und sicher in mir selbst empor,
und unwillkürlich wiederholte der zum Manne gewordene
Jüngling sich den Ausruf, den der Knabe einst in frohen
Erstaunen über sein ungeahntes Können vor der Mutter
ausgestoßen hatte: . .g bin ein Bildhauer und Bild-
N,
hauer will und muß ich bleiben,-- komme was
immer mag.?
Ich erwachte mit neugestärktem Sinne. Das
Erlebte zitterte in mir nach, wie die Erinnerung an
einen schweren Traum, aber es waren eine Ruhe und
Stille in mir, die mir wohlthaten. So war mir in
den Tagen meiner frühen Jugend in der Neujghrsnacht
wohl zu Sinn gewesen, wenn füür meine Vorstellung
das alte Jahr begraben und von dem neuen noch durch
eine große Kluft getrennt war.
aeh sah meine Arbeiten darauf an, wie weit sie
vorgeschritten waren und bedachte, in wie viel Zeit sie
zu beenden sein dürften; denn ich wüünschte, je eher je
lieber ein Ende zu machen mit der Art des Schaffens,
der ich mich in den lezten Zeiten überlassen hatte.
Ein paar Büüsten, die ich unternommen, ein paar Fi-
gürchen, die ihre Käufer bereits gefunden hatten, waren
F. Lewald, Benvenuto. l.
8

1
von den Hülfsarbeitern soweit vorgearbeitet, daß es nur
der letzten Ausführung von meiner Hand bedurfte. -
Auch das Grabdenkmal, dessen Vorarbeiten zu dem ersten
Zerwüürfniß zwischen mir und Gloria den Anlaß gegeben,
war so weit fertig, daß die Verabredungen für den
Zeitpunkt seiner Aufstellung genommen worden waren.
Ich blieb den ganzen Tag in meiner Werkstatt,
Niemand störte mich in meinem Nachdenken. Ich sah,
wie viel ich fördern konnte, wenn ich mich in Sammlung
an meine Arbeit hielt, und ich versprach mir, daß der
Anbeginn des Sommers vollendet sehen sollte, was von
angefangener Arbeit unter meinen Händen war. Daß
ich wieder einen festen Vorsatz faßte, that inir förmlich
wohl.
Erst, als das Licht mir zu fehlen begann und die
Müdigkeit mich überwältigte, ging ich hinaus, aber in
dem Augenblicke überkam mich auch die Erinnerung an
meine alten Eltern mit allem ihrem Schmerze. Mein
Selbstgefühl verstummte vor der Liebe zu ihnen. Ich
konnte an meine Zukunft nicht denken, ohne mir zu
sagen, wie nahe ihr Lebenöziel vor ihnen liege, und ich
setzte mich nieder, ihnen zu schreiben, was ich Vermit-
ielndes zu finden wußte, was das Herz mir eingab.

11
Ich sendete den Brief zu ihnen. Er enthielt am
Schlusse die Versicherung, daß es nur ihres Wortes
bedürfe, mich in derselben Stunde zu ihnen zu führen,
und unruhig in meinem Zimmer bald zu dieser, bald
zu jener Beschäftigung greifend, wendete sich mein Auge
immer wieder nach dem Zeiger der Uhr, die Zeit be-
rechnend, in welcher der Bote wiederkehren konnte.
Er ließ mich nicht zu lange auf sich warten, aber
schon die Aufschrift von des Paters Hand verküündete
mir, was ich von dem Inhalt zu erwarten habe. Im
Aufträge meineä Vaters meldete er mir, daß meine
Mutter ernstlich erkrankt sei, daß man es nicht wagen
dürfe, sie durch eine Erinnerung an mich auf das
Neue zu erschilttern, und daß mein Vater, hingenommen
durch seine Sorge umn die Kranke, sich nichl von ihr
zu trennen vermöge. Sein Wille sei mir bekannt. Sei
ich gesonnen diesem nachzugeben, so möge ich dies er-
klären; wo nicht, so werde er, den Wüünschen der Mutter
nachgebend, den Bau der Grabkapelle sobald immer
möglich anderen Händen als den meinen anvertrauen,
und im Nebrigen diejenigen Maßnahmen und Ver-
füügungen treffen, die er in Bezug auf die Ordnung
der Familienverhältnisse für unerläßlich halte. In

116
einer Nachschrift, die der Pater als eine eigenmächtige
bezeichnete, ermahnte er mich zur Fügsamkeit, und er
erbot sich zudem in derselben, sich zu mir zu begeben,
um eine Ausgleichung herbeizuführen, die für mich in
jeder Beziehung so geboten als wüünschenswerth erscheine.
Einen brieflichen Verkehr, oder gar eine Begegnung mit
mir, so setzte er hinzu, habe nein Vater entschieden ab-
gelehnt, da die Racksicht auf seine Gesundheit es ihm
verbiete, sich noch einmal solcher Gemüthserschütterung
auszusetzen.
Ich faltete das Blatt zusaumed und ging planlos
in die Straße hinaus, den Stadttheilen zu, in denen
ich darauf rechnen konnte, in dieser Stunde nicht leicht
einem von meinen Bekannten zu begegnen. Unter
fremden Leuten mittleren Standes nahn ich meine
Mahlzeit ein und kehrte, chne Jemanden gesprochen zu
haben, in meine Wohnung zurück. Ich konnte in der
Nacht tein Auge schließen. Die Vorstellung, meiner
kranken Mutter nicht nahen zu dürfen, muit meinem
Vater unerwartet zusammenzutreffen und ihn mich
meiden zu sehen, brannte mir iu Herzen. Ich hatte
von frühester Kindheit an so sehr an Nom gehangen,
daß mir der Wunsch, es für längere Zeit zu verlassen,

ue
eigentlich niemals gekommen war; jezt aber regte sich
in mir das dringende Verlangen, meine Arbeit bald
beendigen und dann fortgehen zu können, und der Ge-
danke trieb mich schon in aller Frühe an daä Werk.
E war noch zeitig, als sich Donna Carolina bei
mir melden ließ. Sie zu sehen, war mir unerwartet
und auch nicht willkommen, aber sie ließ mich über
den Anlaß, der sie zu mir führte, nicht lange im
Zweifel.
In Wahrheit, Benvenuto! rief sie mir entgegen,
Sie haben ein wirkliches Genie, Ihre Freunde in Ver-
legenheit zu sezen! Wissen Sie, daß ich böse auf Sie,
daß ich in Empörung über Sie bin! Auch Ihr Vater
ist außer sich! Der Mutter Zustand nennt der Arzt
mehr als bedenklich, und der Marquis hat mir ungefähr
die Thüre gewiesen, während Pater Cyrillus mit einem
Male Alles in Frage stellt, was er mir füür meinen
Neffen fest verheißen hatte, wenn ich Sie dahin
brächte, den Eltern zu willfahren und diese ganze
unnöthige Bildhauerei an den Nagel zu hängen, das
heißt, an dem Wappen der Armero's aufzuhängen.
Und an eine solche Möglichkeit haben Sie geglaubt?
fiel ich ihr ein, während daä Gewebe der Arglist, mit

118
welchem der Pater ntich umsponnen hatte, mir inumer mehr
erkennbar wurde. Sie haben wirklich geglaubt, ich
könne aufhören zu arbeiten, zu schaffen?
Warumt denn nicht? entgegnete sie mir. Ist
es denn ein so besonderer Genuß, den nassen Thon zu
kneten, und sich mit dem Eisen in der Hand, am harten
Stein die Hände zu verderben? Daß Sie ein Künstler
sind, wenn's Ihnen so beliebt, das haben Sie ja be-
wiesen! Nun treten Sie Ihres Stammes Güter an
und nehmen sich eine reiche hübsche Frau, wie's Ihnen
ziemt, und damit basta!
Und was hat Pater Cyrillus Ihnen denn eigentüich
dafür zugesagt, wenn Sie mich von mir selber abzufallen
bereden? fragte ich die Aufgeregte.
Sie fuhr zusammen, es war ihr unlieb, sich soweit
verrathen zu haben. Zugesagt! zugesagt! wiederholte
sie. Er hatte mir versprochen, daß mein Neffe Seba-
stiano die Stelle im Ministerium der Finanzen haben
solle, auf die er lange speculirt, und die es ihm möglich
machen wüürde, die Wittwe deö reichen Filangieri zu
heirathen, der er doch eine Position zu bieten haben muß.
Also damit Ihr Neffe eine Liebesheirath schließen
kdnne, soll ich mich verknppeln lassen? Vielen Dank!

1'
Signora! rief ich aus. Ich bin nicht gesonnen, fremdes
Glück mit meinem eigenen zu bezahlen! Aber der
Pater kannte mich und wußte, was er that. Sie und
meine Eltern und die Familie des Marquis hat er mir
der Art gegenüber zu stellen verstanden, daß die Weigerung,
die ich gegen Sie Alle aus Nothwehr auszusprechen
gezwungen bin, Sie aus meinen Freunden in neine
Gegncr verwandeln mußte. -- Und Sie, Carolina! die
noch vor Jahr und Tag so sehr geneigt war, über die
Arglist der Pfaffen, über die Ränte der Jesuiten sich
im bittern Spotte zu ergehen, Sie lassen sich jetzt dazu
gebrauchen, dem Orden durch des Paters Hände, ihre
nächsten eigenen: Freunde anözuliefern?
Was heißt das ausliefern? entgegnete sie utir
heftig, und welche Worte brauchen Sie? Gut nachen
habe ich wollen! Gutes habe ich thun wollen! Denn
das Leben mein Lieber! sieht sich anders an, in reifent
Alter als in unbesonnener Jugend. Sie wissen, ich
habe nie die Heilige gespielt, und canonisirt zu werden
hab' ich wenig Hoffnung. Aber die Zeit ist ernsthaft
geworden, und ich bin es mit ihr. Auch für Sie ist's
Zeit, ein anderes Leben zu beginnen! Sie haben genug
den Don Giovanni gespielt und Herzen gebrochen, und

1
die arme Gloria hingeopfert. Es ist häßlich von Ihnen,
daß Sie von den Modellen und von dem Leben mit
diesen lockern Frauenzimmern nicht lassen wollen! Sehr
häßlich von Ihnen, Benvenuto! In der That! -
Kommen Sie! seien Sie vernünftig! Sie heirathen die
Marchesina, mein Sebastiano verbindet sich mit der
schönen Filangieri - und Sie haben an mir die alte
Freundin wie zuvor, und ich posaune als Fama Ihre
Umkehr zu dem Pfade der Tugend durch die Welt.
Seit ich zu einem eigenen Urtheil gekommen war,
hatte ich Carolina niemals ernsthaft in Betracht gezogen.
Dennoch erzürnte und erschreckte es mich in hohem
Grade, daß auch sie der listigen Versuchung des Paters
ihr Ohr geliehen hatte, und sich gegen mich auf seine
Seite stellte. Ich fand es unerträglich, mich mit einem
Male von den mir nächststehenden Personen bevormundet,
mit Bekehrungsversuchen behelligt, in meiner Freiheit beein-
trächtigt, und da ich ihren Verlangnissen nicht Folge
leisten konnte, gewaltsam verlassen zu sehen. Das Ge-
fühl der Kränkung, der Beleidigung, das ich vor meinen
Eliern mühsam zum Schweigen verdammt, brach der
Leichtfertigen gegenüber rückhaltslos hervor; und mich
mit aller Kraft verwahrend gegen jede Beeinflussung

uu
durch sie, sprach ich ihr lebhaft aus, zu welcher thörichten
und schlechten Rolle fie sich unter der Leitung des
Paters hergegeben, der es mit Sicherheit gewußt habe,
daß ich nie und nimmer darauf eingehen könne, mitten
in der Fülle des Lebens einen geistigen Selbstmord an
mir zu begehen. Ich versuchte es ihr einsichtlich zu
machen, wie der Pater das ganze Gerüst seiner auf
meine Besserung hinzielenden Beglückungsplane auf
einem Boden aufgebaut, von dem er wußte, daß er
hohl sei, wie er sicher darauf gerechnet habe, mich den
Hals brechen zu sehen, sobald ich es berührte, und wie
wohl er Alles vorbereitet habe, soweit als möglich den
Orden in mein Erbe eintreten zu machen.
Carolina nannte daä Alles Hirngespinnste meiner
Phantasie. Sie gehörte zu der großen Zahl der Frauen,
welche Nichts zu hören, Nichts zu verstehen vermögen,
was ihren jeweiligen nächsten Begehrnissen entgegen ist,
und wie sie von diesen beherrscht werden, sich auch in
blindem Glauben Demjenigen anvertrauen, der ihnen
zur Erreichung ihrer augenblicklichen Absichten die Aus-
sicht und die Wahrscheinlichkeit eröffnet. Immer selbst-
willig beschäftigt, war und blieb sie auf diese Weise
fortdauernd in der Abhängigkeit von fremdem Willen.

?
Bald dies, bald jenes eifrig wünschend, wurde sie nach
den verschiedensten Richtungen hin und her gezogen, diente
sie oft den Andern, wo sie für sich selbst zu wirken
meinte; und so konnte sie in dem Wahne, für ihre
Freunde treu und verläßlich zu sein, ihnen zu einer
gefährlichen Feindin werden, wie ich es jeht zu spät
für mich erfuhr.
Meine Heftigkeit regte die ihre auf. Wir kannten
und wußten von einander gerade genug, uns tddtlich
kränken und verletzen zu können, ohne harte Worte laut
werden zu lassen. Obschon sie mit lächelnden Munde
von mir Abschied nahm, als ich sie nach ihrem Wagen
hinausgeleitet hatte, war ich gewiß, daß fie in dieser
Stunde mir Feind geworden war, und daßß ich mich
vor ihr zu hüten hatte, weil ihr Leichtsinn nicht Be-
denken tragen würde, mich völlig preiszugeben, wenn sie
sich dadurch des Paters Mitwickung zu der Heirath
ihres Neffen und dereinstigen Erben, mit der reichen
Wittwe zu erkaufen hoffen durfte.

Kapitel 08

Kctes Capilel.

war
KHuflgore Arrigo war nicht in der Stadt. Er
für ein paar Tage auf das Land gegangen, und
seine Abwesenheit war mir willkommen. Ich hatte bis
dahin, auch seitdem ich weniger mit ihm zusammen
gewesen war und seine Zufriedenheit nicht mehr wie
vordem besessen hatte, mich doch stets an ihn gewendet,
wo ich mich des Raths bedürftig wußte, und er hatte
mir denselben auch niemal fehlen lassen, ja er war
mir mit demselben in treuer Freundschaft oft zuvor ge-
kommen.
So hatte er mich auch bei verschiedenen Anlässen
auf den wachsenden Einfluß aufmerksam gemacht, welchen
Pater Cyrillus in seinem Orden sowohl, als in den
regierenden Kreisen gewonnen, und auf die zunehmende
Herrschaft, die er in meinem Vaterhause sich zu erobern

z O
-ai
verstanden hatte. Er hatte mich ermahnt, mich gegen
die Eingebungen zu verwahren, die Cyrillus meinen
Eltern nachen könnte, und uir vielfach e zu bedenken
gegeben, was ein reicher Besitz dem Menschen werth sei,
und welche Macht und Freiheit er verleihe.
Ich sah also voraus, daß er auözugleichen, zu ver-
mitteln suchen würde, schon um meiner Mutter ein
Herzleid zu ersparen; aber mein Bedürfniß mir genug
zu thun und endlich einmal mit Pater Cyrilluö meine
Abrechnung zu halten, war so groß, daß ich mich eines
Abends niedersezte, um es ihm unumwunden auszu-
sprechen, wie verächtlich ich seine Handlungsweise fände.
Daß es nicht klug gehandelt war, den Pater in
solcher Weise herauszufordern, wußte ich sehr gut. Trotz-
dem fühlte ich mich freier, als ich es gethan hatte, und
sicher war, seiner heuchlerischen Freundschaft nicht mehr
begegnen zu düürfen, nachdem ich ihm offen ausgesprochen
hatte, wie ich in ihm meinen und meiner Eltern Feind
erkannt hätte.
Bald nachdem ich daä Schreiben an Cyrillus ab-
gesendet hatte, kehrte Arrigo in die Stadt zurück. Ich
hatte die Tage still für mich gelebt, hatte mich völlig
in mir selbst zurecht gefunden, und konnte mit verhält-


nißmäßiger Ruhe dem alten Freunde von dem Geschehenen
Nachricht und Auskunft geben.
Er hörte mich an, ohne eine Neberraschung z
verrathen. Ich habe Dich zum Hefteren gewarnt, sagte
er, als ich geendet hatte, und würde Dich vielleicht ab-
gehalten haben, dem Pater Deinen Handschuh hinzu-
werfen. Du hast, weil Du dies wußtest, auch ohne
mich entschieden, und wo ein Ausweichen oder Umkehren
nicht mehr möglich ist, thut man wohl daran, entschlossen
vorwärts zu gehen. Du hast jetzt einen Feind Dir
gegenüber, der großes Spiel zu spielen liebt, wenn er
es auch nicht verschmäht, sich dabei der kleinsten, elendesten
Mittel zu bedienen; und weil er Dich kennt, verläßt er
sich, wie die Schlechten und Gewissenlosen es in solchen
Fällen immer thun, auf Deine Wahrhaftigkeit und auf
Dein Ehrgefühl. Denn wer sichert ihn, als eben diese,
daß Du nicht nach den weisen Lehren handelst, mit denen
er Deine frlhe Juugend so freigebig genährt hat?
Ich verstand nicht, was Arrigo damit meinte.
Ein Lächeln flog über sein noch schönes Antliz, und
mit einer der sprechenden Handbewegungen, deren Adel
man von je an ihm bewundert hatte, sagte er: und diesen
Menschen haben sie zum Jesuiten machen wollen! Dich!

128
der auch in diesem Augenblicke noch nicht auf die Mög-
lichkeit verfallen ist, sich mit einem inneren Vorbehalte,
durch eine zeitweilige Unterwürfigkeit unter den thörichten
Willen zweier Greise, eine völlige Freiheit für sein Thun
nach ihrem Tode zu erkaufen!
Nein! in Wahrheit, rief ich, solch ein Gedanke war
und ist mir fern.
Ich weiß das und der Pater weiß das ebenso;
aber ich zweifse nicht, das er sich selbst flr diesin Fall
vorsehen, und Deine augenblickliche scheinbare Unter-
werfung für Deine spätere Freiheit unwirksam zu machen
wissen würde, indem er Deinen Vater dahin bringt,
Dich nach seinem Tode der Aufsicht des Ordens zu
überantworten, auf dessen Wachsamkeit er sich verlassen
darf. Also großes Spiel gegen großes Spiel! -- Voll-
ende die Arbeiten, zu denen Du Dich verpflichtet hast,
und dann rasch fort von Deinem Vaterhause, von Rom,
und in die Welt! Du warst nicht des Hauses Erbe
als Du geboren wurdest, hattest nicht darauf rechnen
können, es zu werden, so darf's Dich auch nicht schmerzen,
jetzt ein Enterbter zu sein. Geh' Deines Weges, und
warte das Ende ab. Ich bleibe hier, Dein Platz in

129
meinem Hause bleibt Dir auch, und von hier fortzu-
kommen wird Dir wohl thun.
Die freundliche Beflissenheit, die großmüthige Nach-
sicht, mit welcher Arrigo sich in diesen Zeiten wieder meiner
annahm, ohne mich jemals fühlen zu lassen, daß ich
auch ihn verabsäumt hatte, machte mich ihm noch mehr
zu eigen, als ich es je gewesen war. Sie flößten mir
jene erhebende Liebe, jene begliückende Dankbarkeit für
ihn ein, die ich meinem Vater gegenüber nie hatie
empfinden lernen.
Alles was ich in den folgenden Tagen und Wochen
Peinliches zu erfahren hatte, ward für mich gemildert,
da er sich zu dem Neberbringer der Nachrichten machte,
welche mir nicht vorenthalten werden durften.
Er hatte es vergeblich versucht, meine Eltern zu
meinen Gunsten umzustimmen. Meine Mutter hatte
ihn nicht empfangen, weil, wie man ihm sagte, ihr
Befinden dies verbiete. Mein Vater hatte sich mit
großer Erbitterung gegen mich geäußert und ihm mit-
getheilt, wie er seines verstorbenen Halbbruders Sohn,
der das nächste Erbrecht an das Majorat des Hauses
hatte, eingeladen habe für die kommende Villeggiatur
F. Lewald, Benvenuto. Ü.

18
sein Gast zu sein, und wie er mit den Architekten
Seiner Heiligkeit Rücksprache wegen der Kapelle genommen,
in der er selber einst neben den Seinen sich die Ruhe-
stätte zu bereiten wünsche. Er hatte hinzugefügt, daß
sein Neffe soeben seine Studien in dem Collegium der
Jesuiten beendigt, daß er, obschon jünger als ich, mir
doch an ernster Sittlichkeit und richtiger Lebensauffassung
voraus, und also unter allen Verhältnissen besser als
ich geeignet sein würde, einem Vater sichere Bürgschaft
für seiner Tochter Gllck zu geben.
Die Nachrichten fanden mich nicht unvorbereitet
und ich nahm sie wie ich mußte auf. Widerwärtig aber
war es mir, die Kunde von meinem Zerwürfniß mit
den Eltern, von der für mich geplanten und nicht zu
Stande gekommenen Heirath, in dem ganzen Kreise
meiner Bekannten mit einer so geflissentlichen Entstellung
ber Wahrheit verbreitet zu finden, daß ich über die
Quellen, aus welcher sie entstammte, nicht im Ungewissen
bleiben konnte.
Gewohnt, mich als einen Glücklichen gepriesen zu
sehen, mich überall mit Freuden und Zuvorkommenheit
empfangen zu sehen, beleidigten mich die fragenden An-
deutungen und das vorsichtig. zur Schau getragene Mit-

leid meiner Umgangsgenossen. Man ließ mich ahnen,
daß man mein Fortgehen als nothwendig habe bezeichnen
hören. Man erzählte sich, wie ich es dem rechtzeitigen
Dazwischentreten des Paters Cyrillus, dieses treuen
Freundes, zu verdanken gehabt hätte, daß man damals
über Gloria's Tod keine weiteren Nachforschungen ange-
stellt, und es bei dem vorgegebenen Gerücht von einem
Selbstmorde habe bewenden lassen; und dieselben Frauen,
welche mich einst als den Helden jenes traurigen Aben-
teuers in besondere Gunst genommen hatten, nannten es
jetzt plötzlich selbstverständlich, daß unter so bewandten
Verhältnissen, ein zärtlicher und gewissenhafter Vater
nicht hätte daran denken können, meiner Werbung um
fein Kind Gehör zu geben.
Es war unverkennbar darauf abgesehen, meinen
guten Ruf, meine gesellschaftliche Stellung zu unter-
graben, mir den Aufenthalt in der Heimath zu verleiden;
und mein ausgesprochener Vorsaz auf Neisen und in
das Ausland zu gehen, lieh den gegen mich verbreiteten
Gerüchten Nahrung.
So kam die Zeit heran, in welcher die Gesellschaft
sich in Rom zu trennen, und je nachdem auf ihre Güter,
oder auch in ihre transalpinische Heimath zurlickzukehren

18A
pflegte. Mein Grabdenkmal war fertig geworden, und
der Besteller desselben nahm meine Erklärung, daß ich
geneigt sei, es selbst in England abzuliefern und an dem
ihm bestimmten Platze aufrichten zu lassen, mit großer
Freude an, während es mir willkommen war, auf diese
Weise ein nächstes und bestimmtes Ziel vor mir zu
haben. Die Gruppe war verpackt und eingeschifft, meine
andern Arbeiten waren auch vollendet, und ich war da-
bei, die Vorkehrungen für meine Abreise zu treffen, als
Arrigo mich an einem Mittage mit der Nachricht
empfing, daß der Cardinal-Staatssecretair ihn am Morgen
habe zu sich entbieten lassen, um ihn zu fragen: ob er
Neigung habe, sich der Nebermittelung eines Auftrages
an dem Hofe zu unterziehen, bei welchem er schon früher
in ähnlichen Geschäften verwendet worden war. Der
Cardinal hatte ihm die Angelegenheiten in einer Weise
gestellt, die daä Anerbieten als eine besondere Vertrauens-
sache, als eine ehrende Anerkemnung seiner früher ge-
leisteten Dienste erscheinen machte, und eine Ablehnung
kaum zuließ; denn Arrigo erfreute sich troz seiner vor-
geschrittenen Jahre einer trefflichen Gesundheit, hatte
immer sich mit Vorliebe seines Aufenthalts und seiner
Wirksamkeit an jenem lebenslustigen Hofe erinnert,

uV
und die sommerliche Jahreszeit mußte ihm eine Neise
und ein Verweilen jenseits der Berge nur annehmbarer
erscheinen lassen.
Und Sie werden gehen? fragte ich.
Nein! entgegnete er mir, da man mich fortzuschicken
wünscht, gewiß nicht! Der Kdder, den der Gardinal
mir vorhielt, als er wie zufällig der neuen bevorstehen-
den Cardinals-Creirungen gedachte, konnte mich nicht
verlocken. Mit den Gesinnungen, die man an mir kennt,
hat man jetzt meine Ernennung nicht im Plane, und
die Mission, mit welcher man mich betrauen will, ist
eine, die nothwendig erfolglos bleiben muß. Man würde
also, wenn ich verblendet genug wäre, sie anzunehmen,
nicht ermangeln, mir das Mißlingen derselben zuzuschrei-
ben, würde es mir allenfalls verzeihen, indem man aus-
sprengte, daß ich nicht mehr im Vollbesiz meiner früheren
Gewandtheit sei, und während meiner Abwesenheit würde
Pater Cyrillus nicht zu befürchten haben, daß ein ver-
ständiger Einfluß, ein mahnendes Abrathen, ihn in den
Planen störte, welche er in Deinem Vaterhause weiter
zu verfolgen denkt. - Denn unverkennbare Zeichen
deuten darauf hin, daß die Berufung des Lehnsvetiers
nichis als eine Finte ist, hinter welcher die Absicht,

1H
das ganze Erbe der Armero dem Orden zuzuwenden,
vorläufig sich noch verbirgt. Packe Du also Deinen
Koffer. Ich bleibe hier als Dein Geschäftsträger,
und gehe im Nebrigen in Freiheit meinen Neigungen
nach, wie ich's seit lang gehalten habe. Mir ist es
am Wohlsten in der Heimath, und Dir wird's gut ihun,
als ein Fremder in der Fremde eine freiere Luft zu
athmen, als die, in welcher wir hier leben.
Wenige Tage darauf, stand ich noch einmal an
meiner Eltern Thüre und wurde abgewiesen. Ich schäme
mich der Thränen nicht, die ich zerdrückte, als ich von
meines Vaterhauses' Schwelle schied, und auch Arrigo
wußte sie zu ehren. An demselben Abende verließ ich,
von seinem treuen Segenswunsch begleitet, ihn und meine
Heimath für eine längere Zeit, als ich es in jener
Stunde vorausgesehen hatte.

Kapitel 09

Meuntes Capilel.

Ze habe Ihnen, als wir uns kennen lernten, von
meinem Leben im Auslande zum Defteren gesprochen
und Ihnen den überraschenden Eindruck zu schildern ver-
sucht, welchen in jenen Zeiten, in der Mitte der vierziger
Jahre unseres Jahrhunderts, ein Aufenthalt in England
und Frankreich auf einen jungen Römer machen mußte,
der die in ihren mittelalterlichen Traditionen hin-
träumende Hauptstadt des Kirchenstaates und der ka-
tholischen Welt, bis dahin nicht verlassen, und keine
andere Gesellschaft gekannt hatte, als die der römischen
Aristokratie. Selbst bie Ausländer, welche ich innerhalb
derselben kennen gelernt, hatten sich mehr oder weniger
zu dem, unter der alten römischen Adelswelt herrschen-
den Credo bekannt, oder dasselbe doch aus geselliger
Höflichkeit zu schonen gewßt. Nun war ich diesem ge-

188
feiten Kreise wie mit einem Zauberschlage entrückt, und
hatte unablässig erstaunend, zu bewundern und zu
lernen.
Ich brachte, nachdem ich meine Arbeit abgeliefert,
den ganzen Sommer und einen Theil des Herbstes in
England und in Schotiland zu, und fühlte mich wie in
ein Wunderland versezt. Von einer Cultur des Bodens,
von einer Thätigkeit in Handel und Gewerbe, wie ich
sie dort antraf, von -gemeinnüützigen, auf das Wohl-
befinden des niederen Volkes berechneten Einrichtungen,
von einer persönlichen Freiheit, wie ich sie dort kennen
lernte, hatte mir in der Heimath die Vorstellung gefehlt.
Ich wurde es nicht mülde, in den großen Hafenstädten
die Schiffe kommen und gehen zu sehen, welche in fdr-
derndem Verkehre alle Theile der Erde mit einander
verbanden. Ich sah die Bekenner der verschiedenen Reli-
gionen in eigenen Gotteshäusern ihren Cultus unge-
hindert üben, sah überall einen Wohlstand, einen Reich-
thum mich umgeben, den die freie Bethätigung der
Kräfte immer neu erschuf. Ich konnte die Erfahrung
machen, wie die herrschende Sitte ein strenges Erbrecht
mit den Anforderungen der Zeit allmälig vermittelt
hatte; wie frei und ungehindert dort die jungen Söhne

D
der ältesten Adelsgeschlechter sich erwerbenden Geschäften
zuwenden durften, während aus ihren Reihen, wie aus
den unteren Klassen des Volkes diejenigen, welche sich
zu hervorragender Bedeutung emporgearbeitet hatten,
von der Regierung mit neuen Adelstiteln belehnt, neue
Adelsgeschlechter als Stützen des monarchischen Systems
begründeten.
Aber noch während ich mich in England meiner
Freude an dem Lande überließ, meldete mir ein Brief
des Pater Cyrillus in Auftrage meines Vaters, den Tod
meiner Mutter. Den Briefe war eine Abschrift ihres
Testamentes beigelegt, in welchem sie mit Bewilligung
ihres Gatten, über ihr ganzes beträchtliches Vermögen,
soweit der Kapellenbau es nicht in Anspruch nahm, zu
Gunsten frommer, unter dem Schutze des Jesuitenordens
stehender Stiftungen verfügt hatte. Der Brief erwähnte
der Gottergebenheit und des Seelenfriedens, in denen
die Gräfin gestorben sei, berichtete, daß der Graf die
Trauerzeit in seines Neffen tröstlicher Gesellschaft fern
von der Stadt auf seinen Gütern zuzubringen denke,
und daß man von der Nuhe und der guten Luft die
Kräftigung seiner ebenfalls wankenden Gesundheit wohl
erhoffen dürfe. Aber kein Wort in dem ganzen Briefe

1
deutete es an, daß ein Gedanke der Sterbenden sich
ihrem letzten Sohne zugewendet habe, und nicht ein Mal
in dem ganzen Briefe hatte Cyrillus meinen Vater oder
meine Mutter als solche bezeichnet. Er wollte mich es
empfinden machen, daß ich, der es verschmäht hatte in
die Mutterkirche und in die Bruderschaft des Ordens
aufgenommen zu werden, von meiner leiblichen Mutter
enterbt, von meinen nächsten Blutsverwandten vergessen
und verlassen sei. Ung, leugnen kann ich's nicht, es
traf mich schwer und tief, mich von meiner Mutter so
völlig aufgegeben zu finden, bis ein Brief des treuen
Freundes, Monsignore Arrigo's, mich erreichte, und mir
das Herz erhob.
Meine Mutter hatte ihm, wie ich aus ihrem Te-
stament ersah, das Bildniß zum Andenken hinterlassen,
das bald nach meiner Geburt gemalt, sie noch in ihrer
vollen Schönheit zeigte, und sie darstellte, wie sie mich
auf ihren Armen trug. Einen Tag vor ihrem Tode,
so schrieb mir Arrigo, hatte sie ihn zu sich fordern
lassen, um ihm ein letztes Lebewohl zu sagen. Indeß
er war eben nur in ihr Krankenzimmer eingetreten, als
auch der Pater angemeldet und vorgelassen wurde. Bei
der Schwäche der Kranken hatte Arrigo nicht lange

11
neben ihr verweilen dürfen, aber mitten in seiner Trauer
um den nahen Verlust der ihm so werthen Fran, hatte
er an ihr eine ängstliche Unruhe bemerkt, die ihn ver-
muthen machen, daß sie ihm etwas anzuvertrauen ge-
wünscht, was auszusprechen die Anwesenheit des Paters
sie verhindert. Er hatte sie also ausdrücklich befragt,
ob sie ihm vielleicht einen Auftrag zu geben habe, und
sie hatte das verneint. Als er sich dann aber zu ihr
herabgebeugt, ihre Hand noch einmal zu erfassen, hatte
sie ein kleines, eng zusammengefalietes Blättchen in die
seine gleiten lassen, und ihn danach ruhig und gefaßt
scheiden sehen.
Noch heute trage ich dies Blatt Papier auf meinem
Herzen. Es hat mich die Bedeutung der Reliquien kennen
lehren; und obschon die Zeit die wenigen mit schwacher
Hand geschriebenen Worte fast erlöscht hat, stehen sie
vor meinen Auge heute noch ebenso deutlich wie an
jenem Tage da.
Wir hießen Dich den Willkommenen, mein Ben-
venuto! als Du uns geboren wurdest! lauteten die Worte.
Möge in dem Paradiese, in das ich durch des Heilands
und seiner gebenedeiten Mutter Fürsprache einzugehen
sehnlich hoffe, ich Dich einst als einen unserm Herrn und

1H
Heilande Willkonmenen wiedersehen. Die heiligste Gottes-
Mutter sei mit Dir, wie das Dich segnende Gebet der
Mutter, die Dir das Leben gab. Sie fieht Dich an,
es würdig und zu Gottes Ehren zu gebrauchen und
Deine Seele zu erlösen durch Gebet und Buße. Dem
Freunde, der Dir ein zweiter Vater wurde, habe ich mein
Bildniß hinterlassen, damit es später Dir verbleibe,
Dich an Deine Mutter zu erinnern. Und somit segne
Dich unser Herr Jesus Christus!
Die ganze Liebe meiner Mutter und die tyrannische
Gewalt, unter welcher der eiserne Wille des Paters sie
zu bannen gewußt hatte, sprachen auus diesen Zeilen;
aber sie sezten mich, den von seinem müiterlichen Hab
und Gut Enterbten, in das volle Erbe ihrer Liebe wieder
ein, und gaben mir die Beruhiguung und den tröstenden
Halt, deren ich bedurfte.
Unter dem Eindruck und der Nachwirkung des eben
erlittenen Verlustes kam ich nach dem lebenslustigen,
freudestrahlenden Paris, und wie das Leben in England
mich von Anfang an für sich eingenommen und mir
Theilnahme und Vorliebe für das Land und für das
Volk eingeflößt hatte, so wirkte die helle, vielgestaltete
und vielfarbige Frdhlichkeit der franzdsischen Hauptstadt

143
zuerst fast abstoßend, oder doch wenigstenö verstimmend
und niederschlagend auf mich ein.
In England hatte ich in den Besitzern von ver-
schiedenen meiner Arbeiien Bekannte vorgefunden, und
war nach der gastlichen Landessitie rasch in das mir
völlig fremde und mich doch anmuthende Familienleben
des reichen Bürgerstandes und des grundbesizenden Adels
aufgenommen worden. In Paris war ich ein Fremder,
und in meiner Traurigkeit nur wenig dazu gemacht, die
Empfehlungsbriefe zu benutzen, mit welchen Arrigo's
Freundschaft mich versehen hatte.
Wenn ich in England einsam in den buschigen
Wiesen und in den schattigen, wasserreichen Thälern des
Landes umhergewandert war, hatte ich mich nicht allein
gefühlt, denn in der freien Natur ist ein Jeder, der
Empfindung für sie hat, in seiner Heimath. Aber
wenn auf den Pariser Boulevards die genuußsuchende
Menschenmenge mich umwogte, wenn am Abende die
Ströme von Licht aus den Tausenden von Magaginen,
aus den Kaffeehäusern und den Vorhallen der Theater
mich umflutheten, so wendeten sich, ohne daß ich's wollte,
meine Gedanken von der lauten, hellen Fröhlichkeit nach
jenem engen, stillen Platze hin, auf welchem die dunklen

14
Steingewölbe meines Vaterhauses sich erhoben. Mit
einem Schmerz und einem Heimweh, wie ich sie noch
nicht gekannt hatte, dachte ich des Greises, der dort in
schweigender Verlassenheit, habsüchtiger Priesterherrschaft
anheimgefallen, seinen letzten Sohn von sich gewiesen
hatte, den Einzigen, der ehrlich und von Herzen mit
ihm trauerte um die Gattin und die Söhne, welche er
verloren hatte.
Ich war nach Paris gegangen, um dort jene Studien
nachzuholen, welche gewissenhaft zu betreiben, mein
rasches und erfolgreiches Vorwärtskommen mich bisher
gehindert hatte, während ich doch selber fühlte, daß sie
mir unentbehrlich waren. Ich wollte einen gründlichen
Eursus der Anatomie durchmachen, die Geschichte der
Kunst studiren, und nachdem ich in Rom sehr vorzeitig
als fertiger Meister aufgetreten und gefeiert worden war,
wieder in Zurückgezogenheit mir selber und meinen Ein-
gebungen folgend, das allein fördersame, ruhig schaffende
Leben eines unbekannten Künstlers führen.
Eine Werkstatt in einem der stillen Stadttheile war
bald gefunden. Niemand kannte mich dort, Niemand
beachtete mich außer den Künstlern, die gleich mir in
dieser Gegend wohnten und mit denen ich zu Mittag

14k
speiste. Es war das erste Mal, daß ich auf solche
Weise ausschließlich als Künstler unter Künstlern lebte,
und ich fand daran ein ungekanntes Wohlgefallen.
In Rom hatte ich immer meine Ausnahmsstellung
eingenommen. Ich war für die heimischen Künstler
stets der Marchese Armero geblieben, und in den mir
angestammten Umgangs - Kreisen hatte es mich aus-
gezeichnet, daß ich ein Küinstler war. In England
waren meine Adelstitel und mein Künstlername mir
gleichmäßig zu Gute gekommen; in Paris aber, unter
der großen Anzahl der dort studirenden fremden Künstler,
erregte der Einzelne nicht leicht die Neugier der Per-
sonen, mit welchen sein tägliches Leben ihn in Berührung
brachte. Ich war ihnen eben ein Jtaliener, ein Bild-
hauer und Nichts mehr. Man war mir bereitwillig
zur Hand, wo ich für meine ersten Einrichtungen des
Raths bedurfte, man ließ mich gehen, wo ich ihn nicht
forderte. Man war es gern zufrieden, wenn ich mich
der leichtlebigen und höflichen Geselligkeit, in der man
sich ohne allen Zwang hewegte, auf meine Weise an-
schloß, aber man -suchte mich nicht besonders auf, Nie-
mand fragte mich um das, was ich von mir nicht
selber sagte. Wie verschieden sie auch von einander
F. Lewald, Benvenuto. l.

16
waren, schienen die Künstler doch Alle nur dem Augen-
blick zu leben, und wenn der Ehrgeiz auch in ihnen
brannte und sie vorwärts trieb, wenn Manchen heim-
liche Sorge bedrückte oder der Sturm der Leidenschaften ihm
das Herz durchtobte, ward davon nur wenig auf der
Oberfüäche sichtbar. Jeder benutzte auf seine Weise die
in Frankreich herrschende Freiheit der Sitte und des
Verkehrs. Man lebte, man kleidete sich nach eigenem
Ermessen und nach der emsigen und ernsten Tagesarbeit,
wie im Fluge hinschwärmend durch die Genisse, die sich
von allen Seiten boten, wußte man sich etwas damit,
nirgends gefestet, und wie der Zigeuner überall zu Hause,
in stack bemessener Willklr nach allen Richtungen bis
an die äußerste Grenze des Erlaubten vorzuschreiten.
Man nannte sich in der That nach den Zigeunern,
l Bohöme, und nicht nur die bildenden Künstler, auch
die jüngeren unter den Dichtern, Musikern und Bühnen-
künstlern hielten sich zu dem schwungvoll bewegten
Kreise; und wieder einmal hatte ich es zu empfinden,
wie fördersam und fruchtbringend der Verkehr mit Kunst-
genossen für den Künstler wird.
Ich war nach den Erlebnissen, die hinter mir
lagen und nach dem schmerzlichen Verluste, den ich eben

1?
erst überstanden hatte, wenig geeignet, mich rasch in die
mich umgebende Lebenslust hineinzufinden; ich war im
Grunde auch weit älter als meine Jahre, da eine fröh-
liche Jugend mir nie zu Theil geworden war. Aus
der quälerischen Zucht meines Jesuiten war ich in
den engen und vertrauten Verkehr mit meinem edeln
Freunde gezogen worden; und ehe ich selber noch das
Leben und die Menschen kannte, hatten seine genaue
Kenntniß und seine weltmännische Geringschätzung der-
selben, mir viel von jener Ursprünglichkeit und jenem
beglltckenden Glauben und Vertrauen zu den Menschen
und an die Welt geraubt, in denen das große aber
freilich vergängliche Gllck der Jugend beruht, das man
aber gekannt haben muß, um sich seiner Jugend gern zu
erinnern.
Eine geraume Zeit hindurch blickte ich auf die
Gesellschaft, in welcher ich in Frankreich lebte, mit dem
wohlgefälligen Erstaunen hin, mit welchem der Zuschauer
einem ungewohnten, eigenartigen Schauspiel beiwohnt.
Indeß der rasche Austausch der Gedanken, die schnellen
und oft wie mit einem Schlage den Zweifel über-
windenden Einfälle, beschleunigten mein eigenes Denken.
Die immer wiederholte Gelegenheit, das Auge an den
1

148
werdenden Werken der neuen Kunst zu üben, schärfte
mein Urtheil und ggh mir neue Maßstäbe; aber während
ich unter den fröhlichen Genossen mich allmälig wieder
jnger und wie neugeboren fühlen lernte, tauchte trotz-
dem in all dem bunten Treiben und in der strahlen-
den Herrlichkeit des lebendurchflutheten Paris, in über-
wältigender Majestät die Erinnerung an meine Vater-
stadt und mit derselben die höchste Bewunderung für
die Erhabenheit der antiken Kunst wieder in mir empor.
Und ich war nicht der Einzige, der also empfand.
Damals, in jenen Tagen war es, daß ich zuerst
mit unseren deutschen Freunden zusammeutraf und mit
ihnen, die bereits in Rom gewesen waren, in Neber-
einstimmung empfand und dachte. In der Malerei
hatten die Franzosen alle anderen Nationen überholt
und die Maler aller Nationen hatten von ihnen zu
lernen. In der Saulptur schienen sie mir dagegen hinter
demjenigen weit zurückgeblieben, was einst Jean Goujon
und Le Puget geleistet, und was nach ihnen noch Pigalle
und Houdon für die französische Saulptur hatten er-
warten lassen. Canova's weichlicher Styl war, weil er
sich an die glatte Oberfläche haltend, am Leichtesten
nachzuahmen war, auch in Frankreich zur Herrschaft

19
gelangt, und Diejenigen, welche dem oppositionellen
Sinne von David dAngers folgend, zu der Darstellungs-
weise von Le Puget zurückkehren zu wollen schienen,
waren in eine Unruhe und Gewaltsamkeit verfallen,
welche dem Wesen der Plastik entschieden widersprachen
und den Adel und das Insichberuhen der antiken
Sculptur nur um so unwiderleglicher als die einzig
zu erstrebenden Vorbilder erscheinen ließen.
Oft, wenn ich darüber nachsann, fiel es mir auf,
wie sonderbar mein Weg mich geführt hatte. Ich war
nach Frankreich gegangen, um unter Franzosen zu leben,
um die französischen Bildhauer zu studiren, und es
waren vornehmlich die dort lebenden deutschen Künstler,
welchen ich mich zugesellte, weil ich mit ihnen in der
Liebe für Italien und für meine Vaterstadt, in der un-
bedingten Bewunderung der Antike mich zusammenfand.
Aber auch in unserer Sinnesart zeigte sich eine Ver-
wandtschaft, und sie trafen ohne es zu wissen das
Richtige, wenn sie scherzend behaupteten, es müsse vor
alten Zeiten, vielleicht von irgend einer longobardischen
Aeltermutter her, deutsches Blut in meinen Adern fließen,
das mich zum Grübler mache, mich ihnen annähere,
und mich, so wie sie verhindere, gleich den Franzosen

15
völlig im Genuß des Augenblickes aufzugehen, wenn
schon derselbe uns bisweilen auch in seine Wirbel zog
und mehr als billig, mit sich fortriß.
Die Freundschaft, welche ich damals mit Adalbert
und Helmar schloß, war für mich ein Glück, und wenn
sie diese Blätter lesen, werden sie selber es am besten
wissen, wie viel ich ihnen danke.
Abalbert war um mehrere Jahre älter, Helmar
war jünger als ich. Beide waren sie bürgerlicher Her-
kunft, selbstgemachte Männer, wie der Engländer das-
nennt, und Beide Protestanten. Sie brachten Erinne-
rungen an ein beschränktes inniges Familienleben, an
beglückende, weil von der Familie getheiüte Sorgen und
Leiden mit. Ich sah bei ihren zufälligen Erzählungen
in eine bewußte Gesittung, in eine freiwillige Selbst-
beschränkung, in eine Welt voll Liebe, Treue, Pflicht-
gefühl hinein, die mir viel fremder war als Alles, was
mir in England und in Frankreich auf der Oberfläche
des Lebens, fremd begegnet war. Dazu waren sie groß
gczogen in der Kenntniß und in dem Verständniß einer
idealistischen tiefsinnigen Literatur, an der sie mit solcher
Vorliebe hingen, daß ihre Vaterlandsliebe aus ihr immer
neue Nahrung schöpfte, und daß sie mich endlich dahin

15
brachten, mir einen deutschen Lehrer anzunehmen, um
ihre Sprache zu studiren, um die Werke ihrer Denker
und Dichter kennen, und ihre melodischen Lieder singen
zu lernen.
Was ich dem Studium Winkelmanns und Lessings,
was ich der Vertrautheit mit Göthe und Schiller schul-
dig geworden bin, das brauche ich Ihnen Allen, denen
die Verehrung Ihrer Klassiker ein Cultus ist, und die
Sie mich ja kennen, nicht zu sagen. Sie wurden mir
zu lauter neuen Offenbarungen, und sie lösten mir auch
das Geheimniß in der eigenen Brust.
Ich verzweifelte nicht mehr an mir selber, wenn
ich mir im Schaffen nicht genügte, wenn mein Können
und mein Wollen sich nicht deckten, wenn ich hinter
meinem Ideale weit zurückblieb. -- Sie trieben mich
an, mich in mir selber zu versenken, mit größerer Hin-
gebung an mein Werk zu gehen, dem Idealen unablässig
nachzustreben, und in dem ernsten, geduldigen Vorwärts-
gehen auf dem erkannten Wege, Befriedigung zu finden.
Sie machten mich sehnsüchtig nach dem unschuldsvollen
Liebesglück, das sie in ihren Liedern priesen, nach der
verständnißvoll getheilten Liebe, nach der Treue sonder
Wank. Sie gaben mir die Jugend des Herzens zurück!

Und wie der Wüstenwanderer sein Auge sehnsüchtig auf
die Spiegelbilder der kata morgsme richtet, so dachte
ich oftmals, wenn ich die deutschen Dichter las, an ein
Liebes- und Eheglück, das ich in meiner Heimath und
innerhalb der Lebensbereiche, in denen ich geboren
worden war, zu finden keine Aussicht hatte.

Kapitel 10

Iehntes Capilel.

Pe volle Jahre blieb ich in Paris. Was ich
in jener Zeit geschaffen, das haben Sie, wenigstens in
den Abgüssen und Hilfsmodellen gesehen, als Sie mich
in Rom zuerst in meinem Atelier besuchten, und ich
glaube, daß der lange Aufenthalt in Paris und jene
ernste Arbeitszeit nicht ohne Nutzen für mich gewesen sind.
Ueber meine Erlebnisse in jenen Jahren gehe ich
hinweg. Ich habe kein Bedenken getragen, Ihnen und
den Freunden von den Leidenschaften und Irrthümern
meiner frühen Jugend mit aller Offenheit zu sprechen,
weil sie meine künstlerische Laufbahn wesentlich beein-
flußten. Was darauf folgte, war wenig unterschieden
von den Herzensangelegenheiten und Abenteuern, deren die
Mehrzahl der Männer sich je nach dem, mit Vergnügen
oder mit Reue zu erinnern hat.

17
Keine der Frauen, die ich in Frankreich kennen
lernte, hatte mich dauernd festgehalten, mich voll und
ganz beschäftigt. Ich galt ihnen für wankelmüthig und
für treulos, während ich mich anklagte, immer noch von
dem Reiz der äußeren Schönheit geblendet, hinter ihr
auch die entsprechende geistige Schönheit zu suchen und
zu erwarten, die ihr oft genug gebricht; und während
meine Freunde mir den Antheil neideten, den die Frauen
an mir nahmen, weil meine rasche Empfänglichkeit ihnen
schmeichelte und wohlgefiel, fing ich an, geringer von
ihrem Werth zu denken, ohne sie deshalb weniger zu
suchen und zu umwerben. Die Frauen' und ich spielten
mit einander oft ein frohes Spiel, aber ich ward all-
mälig des Spielens wie des Spielzeuges müde und es
freute mich nicht mehr.
So nahte sich das vierte Jahr meines Aufenthalts
in Frankreich seinem Ende. Mit Monsignore Arrigo
war ich in ununterbrochenem Verkehr geblieben, mein
Vater aber hatte alle meine Versuche, mich ihm wieder
anzunähern, vollständig unbeachtet gelassen.
Seine Sinnesart hatte sich noch mehr verdüstert,
seit der freundliche Einflüß meiner Mutter ihm nicht
mehr zur Seite stand. Die Gesellschaft seines in der

1
Schule der Jesuiten zu gänzlicher Willenlosigkeit herab-
gedrückten Neffen war ihm bald zur Last geworden. Er
hatte ihn deshalb in seine Familie zurückgeschickt und
von der Adoption, deren gesetzliche Schwierigkeiten mein
Vater ebensogut als Pater Cyrillus gekannt, war zu-
nächst die Rede nicht gewesen. Niemand aber hatie
weniger Ursache gehabt, sie zu betreiben, als eben der
Pater, der sie nach Arrigo's und nach meiner Ueber-
Zeugung auch nur vorgeschlagen hatte, weil er in dem
Augenblickedes Zerwürfnisses mit mir, den Gedanken meines
Vaters eine Ableitung zu geben gewünscht, während er
mit Sicherheit vorausgesehen hatte, daß mein Vater
eben an diesem Neffen kein Gefallen finden, und auch
der Marchese ihn nicht zum Gatten für seine Tochter
wählen würde, wie er dieselbe denn auch anderweit ver-
heirathet hatte.
Der Pater war inzwischen in seinem Orden zu
immer höherer Bedeutung emporgestiegen. Er galt für
einen Vertrauten des Generals, hatte überall einen
wesentlichen Einsluß, und in der Gesellschaft nahm man
es als festbehend an, daß das rasche Emporkommen
von Donna Carolina's Neffen, ihrer vertrauten Freund-
schaft mit dem Pater zuzuschreiben sei. In meines

158
Vaters Hause war er fast der alleinige Gast. Er
war auch fast immer der Begleiter des Grafen, wen
derselbe an jedem Tage um die gleiche Stunde nach der
Kirche fuhr, das Fortschreiten des Kapellen -Baues zu
beaugenscheinigen.
In der Mitte des Sommers stellte man die letzten
Verzierungen an der Kapelle her. Ihre Vollendung und
Ausschmückung waren fr den Grafen der Gegenstand
jeines lebhaftesten Interesses geworden. Er hatte selbst
Alles auf da Genaueste überwacht und ausgewählt:
die Bilder, welche sie zieren sollten, wie die Art der
Silbergeräthschaften für den Altar, sögar die Stickereien
der Altardecke und des Teppichs; und es war von ihm
beschlossen worden, am Tage des heiligen Ignatius von
Loyola, der auch sein Namenstag und zugleich der Tag
war, an welchem er sein achtzigstes Jahr vollendete, die
Kapelle weihen, und die Leichen seiner Gattin, seiner
Söhne und seines Enkels in dieselbe überführen zu
lassen.
Alles war seit Wochen und Monaten für diese
Geremonie vorbereitet worden. Der Graf zeigte sich
geneigt, bei diesem Anlaß noch einmal den Glanz und
den Reichthum seines Hauses zu entfalten, und bei

159
einer feierlichen Frühstücksmahlzeit die Gllcwünsche der-
jenigen Personen entgegenzunehmen, welche er zu der
Einweihungsceremonie einzuladen dachte.
. Arm an wechselnden Vergnügungen, aber desto
reicher an einer müßigen Gesellschaft aus allen Ländern
der Welt, wie Rom es stets zu sein pflegte, war das
Begehren, von dem Grafen zu diesen Feierlichkeiten ein-
geladen zu werden, unter den Einheimischen wie unter
den Fremden ein sehr großes. - Donna Carolina,
welche in dem Hause meines Vaters an dem Tage die
Gäste empfangen und begrüßen sollte, zeigte sich hoch-
erfreut über die ihr zugedachte Ehre und über die
Mdglichkeit, Gunst zu gewähren, wo es ihr beliebte,
und Zurückweisung zu üben, wo sie es für gut fand,
ihren Abneigungen einen schweigenden Ausdruck zu
geben.
Sie war in beständigem Briefwechsel mit' den
Fremden und mit der befreundeten heimischen Aristokratie,
welche Alle zu dem Tage eigens von ihren Villeggiaturen
nach Rom zu kommen dachten. Sie fand sich, was
sonst nicht der Fall gewesen war, fast an jedem Tage
in dem Palast meines Vaters ein. Aber sie sowohl, als
der Pater bekundeten gegen die Außenstehenden eine so

1
agstliche Sorgfalt um das Befinden desselben, sprachen
mit solchen Bedenken davon, ob der Graf auch im
Stande sein würde, die Ermüdung zu ertragen, welche
der Einweihungstag ihm auferlegen mußte, und welche
Folgen sie für ihn haben könnte, daß man sich unwill-
kürlich zu der Frage hingedrängt fand, weshalb zwei so
besorgte Freunde den Greis nicht von einem Vorhaben
abzubringen trachteten, das durchzuführen über seine
Kräfte gehen konnte.
Aber nicht nur in der vornehmen Welt beschäftigte
mgn sich mit der Grabkapelle der Armero, auch das
Volk war darauf gestellt, die Procession, zu sehen, mit
welcher der weihende Bischof, oder gar am Ende der
Papst in Person, sich zu dem feierlichen Acte hinbegeben
würde. Dazwischen tauchte in der Stadt immer leb-
hafter das Gerücht auf, Graf Armero habe seinen ganzen
bedeutenden Besiz dem Orden der Jesuiten verschrieben,
und werde an dem Tage nach der Einweihung in den
Orden eintreten, um die ihm noch gegönnten Lebenstage.
in einem ihrer Klöster beschaulich zu verleben.
Meiner gedachte man dabei wohl hier und da mit
F Bedauern, indeß die vorsichtigen Mahnuungen an mich;
sIgggsche von Seiten seiner Standesgenossen gelegentlich an

18l
meinen Vater herangekommen waren, hatte sein Stolz
als eine Anmaßung kalt zurückgewiesen; und wie meine
rdmischen Kunstgenossen und jene Leute, die ich beschäftigt,
oder die sonst mit mir zu thun gehabt hatten, es be-
klagten, daß die Habgier der Pfaffen ernten wüäde, was
man dem letzten Sprossen eines edeln Geschlechts ent-
ziehe, das kam nicht zu meines Vaters Ohren. Ich
selber war schließlich froh, wenn Arrigo meiner voraus-
sichtüchen Enterbung gar nicht weiter gegen mich er-
wähnte, da dieselbe zu Gunsten der Kirche viel leichter
als zum Besten eines Blutsverwandten auszuführen war,
und die unter den obwaltenden Umständen zu hindern
mir die Mdglichkeit gebrach.
Ich hatte mich in den Jahren, welche ich in
Frankreich zugebracht, ganz und gar daran gewöhnt,
ein Künstlerleben zu führen, ein Künstler zu ssin und
nichts Anderes vorzustellen. Ich hatte daneben einen
reichlichen Erwerb, und wäre es nicht der Schmerz ge-
wesen, dem kein Mensch entgeht, wenn sich die Liebe
seines Vaters ihm entzieht, so hätte ich mich ebenso
freien und frohen Muthes gefühlt, wie in den Tagen,
in welchen meine Brüder und mein Neffe noch zwischen
mir und dem Familienerbe gestanden hatten. Indeß
F. Lewald, Benwenuto. N.

1
Arrigos Freundschaft für mich und sein tiefer Wider-
wille gegen jene Art von Priesterherrschaft, von welcher
Pater Cyrillus in unserer Familie das Beispiel gab,
ließen ihn nicht einen müßigen Zuschauer bei dem
Ereigniß bleiben, das sich in meinem Vaterhause vor-
bereitete.
Je näher der Tag der Kapellen-Weihung heran-
rückte, um so häufiger hörte er von dem schlechten Be-
finden meines Vaters, von den bedenklichen Zufällen
sprechen, denen derselbe unterworfen sei. Daneben wollte
man selbst in geistlichen Kreisen mit völliger Bestimmt-
heit wissen, daß er die Schenkungen an den Orden be-
reits vollzogen habe, und daß er zu diesem Entschlusse
gekommen sei, weil sich ihm Vermuthungen, die er von jeher
über meine Geburt gehegt hätte, zu der Zeit, in welcher
seine Gattin gestorben war, zur Gewißheit erhoben hätten.
Mit derselben Geschicklichkeit,mitwelcher die Urheberdes Ge-
rüchtes sich verbargen, braehte man Arrigo's großmüthige
Freundschaft für mich, das Verlangen meiner Mutter, ihn
noch einmal vor ihrem Tode wiederzusehen und das
Vermächtniß des Bildes, welches sie und mich zusammen
darstellte, mit einander in Verbindung. Man ging
endlich so weit, zu behaupten, daß die für mich seiner

16s
Zeit beabsichtigt gewesene Heirath mit der Tochter des
Marquis, sich aus dem gleichen Grunde zerschlagen
hätte, und daß der Beginn von meineä Vaters finsterer
und der Welt abgewendeter Stimmung, auf den Zeit-
punkt zurüczuführen sei, in welchem er die unwider-
leglichen Beweise von dem Verrath Arrigo's und von
der Untreue seiner Gattin erhalten habe.
Arrigo besaß die Geringschätzung gegen das Urtheil
der Meuschen, welche mnan gewinnt, wenn man erfahren
hat, durch welche elende Mittel es zu bestimmen, zu
verwirren und zu beherrschen ist, und wie bequem die
Schlechten es finden, an das Niedrige und Schlechte,
besonderä in den Fällen zu glauben, in welchen es
einem Menschen angedichtet wird, den sie bis dahin über
sich zu stellen und widerwillig zu verehren hatten. Er
war mit großer Unbekümmerniß durch sein Leben ge-
gangen, aber die Gerüchte, welche man jetzt plötzlich in
der Gesellschaft gegen die Ehre meiner Mutter in Um-
lauf setzte, und die zugleich auch seine Ehre und meine
rechtmäßige Geburt verdächtigten, mußßten nothwendig
seinen Zorn und seine Empörung erregen. Neber die
Quelle, auf welche er den Ursprung jener Verleumdungen
zurückhuführen hatte, konnte sein Scharfsinn natürlich
1

16
nicht im Zweifel sein. Und weil er sie kannte, ver-
schmähte er es, sich an die Urheber der auf die öffent-
liche Meinung wohl berechneten Verleumdung zu wenden,
sondern fuhr geraden Wegs zu meinem Vater, obschon
seine letzten Besuche bei demselben von dem Thürsteher
mit dem Bemerken abgewiesen worden waren, daß
Krankheit den Grafen hindere, Jemanden, wer es auch
sei, zu empfangen und zu sprechen.
Auch an dem Morgen versuchte man es, die er-
haltenen Befehle vorschützend, Arrigo abzuweisen, indeß
derselbe bestand darauf, zu dem Grafen geführt zu
werden, und erlangte denn auch seinen Einlaß.
Der Graf empfing ihn kalt und fremd. Er war
jedoch so wohl bei Kräften, als man es bei einem so
hohen Alter nur irgend fordern konnte, und ungebrochenen
Geistes, wenn auch schroff und finster.
Was an dem Tage in der langen Unterredung
zwischen den beiden Greisen vorgegangen und verhandelt
worden ist, das ist geheim geblieben zwischen ihnen.
Ich aber befand mich am Morgen des fünfundzwanzigsten
Julius in meiner Werkstatt ruhig bei der Arbeit, als
ein Brief mir ausgehändigt wurde, der durch eine
Estafette nach Paris gesendet worden war.

185
Er enthielt Nichts als die von Arrigo's Hand
geschriebenen Worte: Angesichts dieses Blattes mache
Dich auf und kehre ohne eine Stunde zu verlieren, heim.
Sichere Deine Ankunft auf jede Weise und steige wie
immer bei mir ab. Dein Vater befindet sich gut.
Dem Briefe mehr als dieses zu vertrauen, hatte
Arrigo bei seiner Kenntniß der römischen Postverwaltung
nicht gewagt, und daß ich kommen würde, wenn er
mich kommen hieß, dessen hatte er sich versichert halten
dürfen. Dazu konnte ich berechnen, daß ich, wenn ich
der erhaltenen Weisung folgte, eben noch am Vorabende
der Kapellen-Weihung meine Vaterstadt erreichen würde;
und um dem Nathe meines Freundes zu entsprechen,
der mir angedeutet, daß ich meine Ankunft geheim zu
halten habe, vermochte ich Adalbert, die Neise mit mir
zu machen, sich von der preußischen Gesandtschaft, in welcher
er bekannt war, für sich und einen Diener einen Paß
geben zu lassen, und mich als solchen über die Grenze
und in Monsignore Arrigo's Haus zu schaffen.
Noch an dem nämlichen Abende, an welchem die
Estafette mich erreicht hatte, fuhr ich aus den Mauern
von Paris dem Süden und der lang entbehrten Heimath
Zu; und am Vorabend des Festes trat ich, da die Sonne

15
schon zur Rüste gegangen war, in das Zimmer meines
Freundes ein.
Sein Haar war völlig weiß geworden in den
Jahren, aber sein Greisenantliz war noch immer schön.
Seine großen Augen leuchteten noch in dem alten Feuer,
und mir mit froher Neberraschung die Hände entgegen
reichend, rief er: Willkommen, Du Willkommener, und
nicht allein für mich, und nicht allein in diesem meinem
Hause! Es geschehen noch Wunder in der Welt, wenn
man ihnen nur die Wege bahnt, sich kundzugeben! -
Damit trat er rasch an seinen Schreibtisch, warf ein
paar Worte auf ein Blatt Papier, das er seinem
Diener zur sofortigen Besorgung an den Grafen von
Armero übergab.
Ich verstand nicht, was ich sah und hörte, ich
mußte wirklich an ein geschehenes Wunder glauben und
ich sprach das aus. Aber Arrigo ließ sich auf keine
Auseinandersetzung ein, und schön in seiner Herzensfreude
rief er: Spiele nicht den Thomas, den Ungläubigen!
dann, auf das Bildniß meiner Mutter hindeutend,
das die Hauptwand seines Zimmers schmückte, setzte er
hinzu, indem er mich vor dasselbe hinführte, das ist
die Heilige, die mir das Wunder hat vollführen helfeü.

1?
Deine Mutter ist's und Deines Vaters Liebe und Ver-
ehrung für ihr heiliges Gedächtniß, die uns zum Siege
füühren, und die endlich wenigstens in Eurem Hause
das stolze in hoe signo der Allmächtigen zu Schanden
machen werden.

Kapitel 11

Pee fßen ln ebhaftem Gespräche bei der Mah -
zeit noch beisammen, als der von Arrigo abgesendete
Diener die Antwort meines Vaters . überbrachte.
Sagen Sie meinem Sohne, hatte er geschrieben,
daß ich morgen kommen werde, ihn zu der Feierlichkeit
mit mir zu nehmen; und ersuchen Sie ihn bis dahin
wie wir es verabredet haben, Ihr Haus nicht zu ver-
lassen.
Die Neberraschungen wurden für mich immer
größer, die Näthsel häuften sich. Daß mein Vater
mich nicht zu sich beschied, daß er mich in Arrigo's
Haus aufsuchen wollte, war mir unbegreiflich; und wie
Arrigo sich auch darin behagte, mich unter lauter
Wundern umhergehen zu sehen, mußte er sich endlich
doch dazu bequemen, mir sie zu deuten, damit ich mich

u
in den Wandlungen zurechtfinden lernte, von denen ich
mich hier umgeben sah und die, wenn man das Ge-
schehene und den Character meines Vaters in Erwägung
zog, doch sehr erklärlich wurden.
Stolz auf den Namen, den er trug, und gehoben
von dem Bewußtsein der eigenen Ehrenhaftigkeit, hatte
er von je kein anderes Ziel gekannt, als die Erhaltung
seines Stammes und die Erhöhung des Ansehens und
des Reichthums seiner Nachkommen. Diesem Verlangen
hatte jede weichere Empfindung in ihm nachgestanden,
diesem Ziele hatte er ohne Rücksicht auf das Wünschen
oder Wollen der Seinen zugestrebt. Nicht abzugehen
von seinen Vorsätzen hatte er sich gern berühmt, und
er hatte es nicht verschmerzen, es mir und auch Arrigo
und meiner Mutter nie vergessen können, daß er sich
um meinetwillen von seinen Planen, von seinen An-
sichten über dasjenige hatte abwendig machen lassen,
was einem Mitgliede seines Hauses zustehe und was
aicht. Zum: ersten Male hatte er sich nach seiner
Meinung einer Schwäche, eines Fehlers anzuklagen ge-
habt, weil er meiner Neigung nachgegeben hatte. AlS dann
nach dem Tode seiner älteren Söhne und seines Enkels
Niemand von seinem Geschlechte ihm mehr geblieben war

als eben ich, dem er die Möglichkeit gegeben, abzufallen
von den Traditionen der Armero's und den Namen
derselben, wie mein Vater es bezeichnete, durch Lohn-
arbeit zu schänden, da hatte jene Unzufriedenheit, die er
gegen sich selbst gefühlt, sich in eine bittere Reue um-
gewandelt, die Pater Cyrillus vorsichtig und doch mit
sicherer Hand zu nutzen verstanden hatte.
Zwischen meinem Vater und meiner Mutter an-
scheinend zu meinen Gunsten vermittelnd, hatte er ein
Doppelspiel gewagt, das meiner Mutter arglose Fröm-
migkeit und meines Vaters Bedürfniß, seinen Willen in
seinem Hause aufrecht zu erhalten, ihm erleichtert hatten.
Und nach meiner armen Mutter Tode von Erfolg zu
Erfolg fortschreitend, hatte Cyrillus in der össentlichen
Meinung endlich Alles darauf vorbereitet, meine völlige
Enterbung dereinst nicht auffallend, ja als eine berech-
tigte erscheinen zu lassen, während die Zurückgezogenheit,
in welcher mein Vater lebte, die Gerüchte von seiner
Bekehrung zu strenger Kirchlichkeit, und den Glauben an
seine körperliche Schwäche derartig genährt hatten, daß
man seinem allmäligen Absterben entgegensah, und
Niemand es vermuthen konnte, wie in dem Greise die
einst so mächtige Kraft noch keineswegs erloschen war,


und wie in ihm der Lebensfunke nur angefacht zu werden
brauchte, um noch zu heller Flamme auflodern zu
kdnnen.
Die ganzen langen Jahre hatte er dagesessen in
der Verdüsterung seines Sinnes, dem Himmel grollend,
der ihm sein Gliick und seine Hoffnungen zerstört. Jede
Stunde des Tages und der Nacht hatte ihm die Vor-
stellung vergällt, das stolze Erbe seines Hauses mittel-
losen Seitewverwandten hinterlassen zu sollen, die er
gering achtete, oder es in die Hände der Kirche über-
gehen zu sehen. Er haßte deshalb jene Anverwandten.
Auch den Orden Jesu, den er einst hochgehalten hatte,
fing er an zu hassen, und nicht minder den Priester,
der als des Ordens beflissenster Diener, sich neben ihm
eingenistet und eine Gewalt über ihn gewonnen hatte,
die er mit Grimm empfand und der er sich zu entziehen
doch nicht mehr vermochte. Er haßte endlich auch mich,
der sich ihm nicht gefügt, und zulezt sich selber, weil
er mich früh aus seiner Hand und der Führung eines
Anderen übergeben hatte.
In bitterem Lebensüberdruß hatte er sich hinsterben
Lassen, bis Arrigo's Ankuf ihn plözlich aufgeschreckt und
ihn gezwungen hatte, noch einmal einzutreten für seines

B
Hauses Ehre, für den guten Namen seiner verstorbenen
Gattin, der Mutter seiner Kinder; und einmal auf diesen
Weg gelangt, hatte das tief gekränkte Herz des Greises
mit wahrer Wollust sich der Aussicht hingegeben, die
Fäden, mit welchen man in Arglist ihn umsponnen hatte,
gewaltsam zu zerreißen.
Mit derselben Behuthsamkeit und Umsicht, mit
welcher Pater Cyrillus ihn zu umgarnen verstanden,
hatte mein Vater getrachtet, keinen Argwohn gegen sich
in dem Pater Cyrillus aufkommen zu lassen, um die
Machinationen desselben in der rechten Stunde plözlich
und unerwartet vernichten zu können. Dem schleichenden
Schritt der Pfaffen wollte er mit dem festen Tritt des
Edelmannes begegnen, der sich noch Manns genng emt-
pfindet, Herr zu bleiben in dem eigenen Hause und es
forterben zu lassen in dem eigenen Geschlecht.
Mir zu verzeihen und mir nachzugeben, hätte mein
Vater aus freiem Antriebe sich wahrscheinlich nie ent-
schlossen. Aber daß die Umstände, daß freude Ver-
messenheit ihn zwangen, mir seine Hand zu reichen unt
seiner eigenen, wie um meiner Mutter und meiner Ehre
willen, das hatte er, ohne daß er's ausgesprochen, offenbar
als eine Befreiung für sich selbst empfunden. Mit neu

1s
belebtem Sinne hatte er mit Arrigo Edächtig Alles
vorbereitet, seinen Racheplan in einer Weise auszuführen,
welche ihn vor der Gesellschaft, der er angehörte, noch ein-
mal in seiner vollen Selbstherrlichkeit erscheinen ließ,
während er die zuversichtlichen Hoffnungen seiner heuch-
lerischen Freunde vor aller Welt Augen mit fester
Hand zu Boden schmetterte.
Ich brachte die Nacht fast schlaflos zu, und doch
war mir'S beständig wie in Träumen. Mein ganzes
Leben zog so deutlich an meinem Geiste vorüber, daß
ich es eben erst zu erleben meinte, und mir Alles wie
ein großes Ganze, wie eine überwältigende Hegenwart
erschien. Ich entsann mich jeder Einzelheit mit unge-
wohnter Klarheit, und es kam mir doch Alles fast un-
glaublich vor: mein langes Künstlerleben in Paris, wie
meine Heimkehr. Ich war an den Gedanken meiner
Enterbung so gleichmüthig gewöhnt gewesen, daß die
mir nun plötzlich wieder eröffnete Aussicht dereinst in
den Besiz des Majorats einzutreten, etwas Befremdliches
für mich besaß; und während mir die Ceremonie vor
Augen schwebte, durch die wir an dem folgenden Tage
zn gehen, und in welcher ich unfreiwillig eine Haupt-
rolle zu spielen hatte, dachte ich an mein Pariser


Atelier, an die Arbeiten, die ich dort begonnen, und an
die Nothwendigkeit, dorihin zurüchukehren.
Ich wunderte mich, wenn ich um mich schauend,
mich in Arrigo's Hause fand. Der Reihe nach zogen
sie' an nir vorüber, die Mitglieder der römischen Adels-
gesellschaft, in deren Mitte ich morgen als der will-
kommen geheißene verlorene Sohn erscheinen sollte. Ich
konnte die Sympathien berechnen, auf die ich hoffen
durfte, wie die Antipathien, welche ich bei allen Den-
jenigen zu erregen sicher war, die durch irgend ein
Interesse mit dem Orden zusammenhingen, dessen Nänke
ich durchkreuzte. Als athme ich sie mit der Lunge ein,
so lastend fühlte ich den geheimen Bann, die nie rastende
leberwachung, die engherzige, mißtrauische Herrschaft,
unter deren vielgestalteter finsterer Tyrannei man im
Kirchenstaate seufzte, und wie zur Rettung wendete mein
Auge sich nach der Seinestadt zurück; bis die beglückende
Empfindung, wieder in Rom, in meiner Heimath, in
der Stadt der Städte, der Versöhnung mit meinem
greisen Vater sicher zu sein, mir wie Sonnenschein die
Nacht erhellte und ihren Stunden Flügel lieh.
Und ein goldenes Sonnenlicht ergoß sich an dem
Morgen auch über die Höhen der Stadt und durch-
F. Lewalö Benvenuto. 1.

1
fluthete ihre Straßen und ihre Plätze und glitzerte in
buntem Farbenschimmer in dem Wasserstrahle, den der
alte moosbewachsene Triton in Monsignore Arrigo's Hof
lustig in die Höhe blies, als meines Vaters schwerer
Galawagen über die Quadern rollte, und zu dem Auf-
gang vor der Wohnung anhielt.
Der Graf hatte gewünscht, daß ich ihm nicht ent-
gegenkommen, sondern in Arrigo's Zimmern ihn erwarten
möchte, weil er die Dienerschaft nicht zu Zeugen unseres
Wiedersehens machen wollte. Ich sah es also, wie die
alten Diener ihm aus dem Wagen halfen, sah, wie die
Jahre ihn gebeugt hatten, wie er sich auf den Krück-
stock stützte, Er, der es immer unmöglich genannt, sich
solcher Hilfe zu bedienen; und von Rührung, von Mit-
leid, von altgewohnter Liebe überwältigt, warf ich mich
in seine Arme, als die Diener die Thüren vor ihm
aufgethan hatten und endlich, nach Jahren der Trennung,
meines Vaters Augen wieder auf mir ruhten.
Gemach! gemach! Marchese! sagte er, das Alter
will sanfter angefaßt sein! aber es scheint mir, daß Du
wie wir Armero Alle, gut bei Kräften bist, und das
freut mich! Sei willkommen hier in Rom!
Seine Stimme drang mir freudig in das Herz,

1D
sie hatte noch den alten starken Klang. Da ich mich aber
niederbeugte, seine mager und knochig gewordene Hand
zu küssen, wie in den Tagen, die nicht mehr waren,
fühlte er, daß meine Augen überflossen, während er mir
seine Linke auf das Haupt legte.
Laß das, Marchese! laß das, mein Sohn! rief er,
mich nun auch umarmend; und sich zu Arrigo wendend,
in dessen edeln Zügen sich unsere Nührung widerspiegelte,
setzte er hinzu: Das Herz seiner Mutter! Er hat seiner
Mutter Herz! Er ist gefühlvoll! Sie haben Recht,
Arrigo, man muß Geduld haben und Nachsicht mit
ihm üben!
Er war während dessen vorwärts gegangen, und
als er Arrigo seine Hand hinreichte, war ihm der Stock
entglitten. Ich bückte mich, ihn aufzuheben, er schob
ihn mit dem Fuße weiter fort.
Bemüh' Dich nicht, sagte er, das ist jezt ein über-
flüssiges Ding! Du wirst ja künftig da sein, mir Deinen
Arm zu leihen, wenn ich ihn brauche! Aber ich fühle
mich heute gut! sehr gut! Ich denke, es soll noch lange
währen, ehe Du mich für immer nach der Kapelle bringft,
die selber für uns zu erbauen, Du verschmäht hast!
;g

18
Er hatte sich bis dahin geflissentlich in dem Tone
einer ihm von Natur fremden Heiterkeit erhalten, wie
es seine Art war, wenn er eine weiche Gemüthsbewegung
zu verbergen wünschte, und mit der ihm angeborenen
Großmuth sofort bemüht, mich den Vorwurf vergessen
zu machen, den er kaum absichtlich gegen mich erhoben,
trat er einen Schritt von mir zurück, musterte mich mit
festem Blicke und sagte dann: Wie er dem Aeltesten,
dem armnen Euilio, gleich geworden ist! Nur größer,
stattlicher, als Emilio es mit dreißig Jahren war.
Ein Armero von Kopf bis Fuß! und er kleidet ihn
gut, der Bart, den er al kraneeso trägt! -- Plözlich
hielt er inne, sah nach dem Bilde meiner Mutter hin-
über und verdeckte seine Augen mit der Hand.
Das währte jedoch nur einen Moment, dann richtete
er sich auf. zog die Ühr hervor und sagte: Arrigo, mein
Theurer! Benvenuto dankt Ihnen viel, sehr viel, und
so auch ich! Glauben Sie's, mein Freund, daß ich dies
lebhaft fühle! Aber es ist zehn Uhr und wir haben
keine Zeit mehr zu verlieren.
Arrigo schellte, die Diener brachten uns die Hüte,
er gab Befehl, die Wagen vorfahren zu lassen.
Deinen Arm, Marchese! sagte mein Vater, und

18
mit dem Lächeln triumphirenden Spottes, dessen ich
mich aus seinen guten Tagen wohl entsann, setzte er
hinzu: Ich bin in Wahcheit sehr begierig, die Freude
zu sehen, welche die unerwartete Rückkehr meines Sohnes
dem braven Pater Cyrillus und unserer Freundin
Earolina heute bereiten wird. Vorwärts also, und in
die Kapelle!

Kapitel 12

« Firche war von einer großen Menschenmenge
dicht umringt. Die Carabinieri, die den Dienst ver-
sahen und die Livrse des Grafen kannten, bahnten uns
den Weg.
Auch die Kirche war von Leuten voll. Die ge-
schicktesten Ausschmücker hatten das Mögliche gethan, sie
mit den schweren, golddurchwirkten Seidenstoffen, mit
Laubgewinden und vergoldeten Emblemen aller Art in
Farbenfülle aufzupuzen; und troz des hellen Tageslichtes
flammten überall die Kerzen, flimmerten die Glas-
behänge an den Kronen, die von den Decken niederhingen
und von den Wandleuchtern, die man an den Säulen
und Pfeilern angebracht hatte, wo es irgend zulässig
gewesen war. Der Duft des Weihrauchs. gemischt mit
dem Geruch der Kerzen und des frischen Laubes hatte
etwas Berauschendes, das Flüstern der Menge etwas

18
Geheimnißvolles; und die leise an uns vorübergleitenden
Geistlichen drückten dem mir fremd gewordenen Bilde,
noch das eigentlich rdmische Gepräge auf.
Hinter den Broncegittern der neuen Kapelle, deren
Thüre ein Saeristan nur den Geladenen erschloß, hatten
dieselben sich dereits vollzählig eingefunden. Donna
Carolina in reichem Schmucke, noch immer eine Be-
wunderung fordernde Gestalt, hatte sich, da sie es über-
nommen, den weiblichen Gästen die Ehrenbezeugungen
zu machen, auf den Sitzreihen der Damen zunächst dem
Altar niedergelassen, und inmitten der anwesenden Geist-
lichkeit hatte Pater Cyrillus den ihm gebührenden Platz
eingenommen, die befriedigte Herrschsucht und den durch
sie genährten Ehrgeiz, hinter der ihm zur Natur ge-
wordenen demüthigen Haltung dem Unkundigen geschickt
verbergend.
Alle Blicke wendeten sich dem Eingange zu, als
mein Vater die Stufen zu der Kapelle mit gehobenem
Haupte, auf meinen Arm gestützt, festen Schrittes hin-
aufstieg. Ein unterdrückter und doch hörbarer Ausruf
des Erstaunens schlug an unser Ohr.
Der Graf! der Graf und der Marchese! - hörten
wir es hier und dort erklingen.

u?
Hier stand Einer auf, sich zu vergewissern, daß er
sich nicht täusche, dort erhob sich ein Anderer, meinem
Vater und mir in froher Neberraschung die Hand bieten
zu kommen. Das Aufsehen, das Erstaunen waren all-
gemein. Aber wie der Vorgang mich selber auch in
Anspruch nahm, ich sah den Blick, der von Donna
Carolina zu dem Pater schnell hinüberflog. Ich sah das
Antliz des Paters sich entfärben und seine schmalen
Lippen sich zusammenpressen, als müsse er gewaltsam
den Ausruf unterdrücken, den das Erschrecken ihm ent-
- locken wollte, und der sicher keinen Segenswunsch für
mich enthielt.
Und noch einmal öffnete sich die Eingangsthüre.
In der Kirche wie in der Kapelle beugten sich die Kniee,
senkten sich die Augen. Der Chor der Sänger intonirte
den Weihegesang, und während man die Reliquie voran-
trug, welche durch die Huld des Papstes der Kapelle
überwiesen worden war, schritt der Weihbischof, ein
stattliches Gefolge von Priestern hinter sich, zu dem
Altar, die Weihung zu vollziehen und die erste Messe
zu lesen für die Seelen derer, die jetzt ihre Ruhestätte
hier gefunden hatten.
Wie es während des Gottesdienstes in den Herzen

188
der Anderen aussah, wage ich nicht zu sagen. Ich
fürchte, es wird von wahrer Andacht in ihnen nicht viel
zu finden gewesen sein, und auch meine Gedanken
schwärmten unruhig hin und her.
Ohne daß ich's wollte, betrachtete ich den Bau
und seine Ausschmückung. Ich dachte der Todten, deren
Büsten in den Nischen über ihren Sarkophagen standen.
Ich sah, wie meines Vaters Blick mit stolzer Energie
den Pater wieder und wieder suchte, und ich hatte eine
knstlerische Freude an dem Ausdruck verständnißvoller
Ruhe, den Cyrillus allmälig in allen seinen Mienen
zn zeigen, über sich gewann. Man hätte glauben sollen,
er sei in daä Geheinniß meiner Ankunft eingeweiht ge-
wesen, so freundlich blickte er mich an. Kaum aber waren
die lezten Accorde der Musik verstummt, die lezten Ge-
bete gesprochen und die Ceremonie beendet, als auch der
Pater, den höheren Würdenträgern, wie es sich gebührte,
den Vorrang lassend, die meinem Vater ihre Glück
wünsche zu des Baues Vollendung und zu meiner un-
erwarteten Heimkehr abstatteten, sich uns zu nähern
strebte. Indeß Donna Carolina kam ihm noch zuvor,
und von der Frauentribüne niedersteigend, rief sie,
meinem Vater rasch entgegengehend: Aber was haben

18
Sie denn gemacht, Don Ignatio? Sie laden uns ein,
der Beisezung von Todten beizunsohnen, und wir haben
das unerwartete Vergnügen, die Auferstehung eines
Lebendigen in Ihrer Grabkapelle zu begehen. Wir kleiden
uns zu einer Trauerceremonie, man singt ein Requieu,
und wir kommen hier zu einem Freudenfest! Jn Wahr-
heit, Don Ignatio! Sie machen Ihre Freunde ganz
verwirrt!
Mein Vater konnte sich eines triumphirenden
Lächelns nicht erwehren. Sind Sie empfindlich, schöne
Freundin, sagte er, daß Ihnen ein alter Mann einmal
Ihr Vorrecht streitig macht, die Gesellschaft durch etwas
Unerwartetes zu überraschen? Verzeihen Sie es mir,
Carolina! Es wird meines Sohnes Pflicht sein, Sie zu
versöhnen; denn der Marchese bleibt in Rom und zwar
bei mir - und Sie waren ja immer seine Gönnerin
und Freundin.
Carolina hatte lange genug in der großen Welt
gelebt, um schnell ihre Fassung wieder zu gewinnen und
ihre Partie zu nehmen. Sie sprach mir mit heiterster
Lebendigkeit ihre große Zufriedenheit mit meinem Ent-
schlusse aus, und wir schüttelten einander wie in alter
Zeit die Hände. Sie betheuerte, daß ich ein sehr schöner

1
Mann geworden sei, mein Vater nahm das als eine
Huldigung für seine Fämilie mit der erneuten Bemerkung
entgegen, ich hätte in der That den Kopf und die Haltung
der Armero; und währenddessen war auch Pater Cyrillus
bis zu uns herangekommen.
Willkommen! willkommen, Don Benvenuto! welch'
eine glückverheißende Wandlung erleben wir an diesem
Tage! sagte er, indem er die Augen mit ernstem Auf-
schlage erhob, so daß er dem Blick des Grafen auswich;
und wie würde erst die Frau Gräfin, die hier vor uns
ruht, die Stunde gesegnet haben, die den Sohn in's
Vaierhaus zurückgeführt hat. O, welch' ein Gllck
ist das!
Er bot mir seine Rechte; ich konnte mich jedoch
nicht überwinden, sie anzunehmen, und er ließ die Hand
sinken, als sei es eine absichtslose Bewegung gewesen,
die er vorher gemacht. Er fragte nach meinem Ergehen,
nach der Stunde meiner Ankunft. Er stimunte endlich,
da die kurzen Antworten, die er erhielt, ihm nicht
Anlaß zu längerem Gespräch boten, und er sich doch
vor den Leuten von dem ihm bis dahin so geneigten
Grafen nicht als einen Abgewiesenen zeigen wollte, in
Donna Carolina's wiederholten Ausruf über meine Aehn-

191
lichkeit mit meinem Vater ein, und nuun hielt der Graf
sich länger nicht.
Die Last der Jahre hatte seinen Rücken gebeugt,
aber er hob den mächtigen Kopf doch noch fest empor,
wemn ihm die Kraft seines Zornes zu Hülfe kam, und
seine Hand auf des Paters Schulter legend, daß er den
Druck derselben fühlen mußte, rief er: Nicht wahr, nicht
wahr, mein Pater Cyrillu8? das ist mein echter Sohn!
und ich bin sicher, er wird es machen, wie sein Vater!
Er wird die Augen aufihun, ehe es zu spät ist, und
Herr bleiben in dem Hause der Armero!
So es Gott gefällt! schaltete Cyrillus fromm er-
geben ein. So es Gott gefällt, dessen Nathschllssen und
wundersamen Fügungen wir uns unterwerfen müssen,
ohne daß wir sie voraussehen und verstehen.
Dritte Personen trennten uns, Monsignore Arrigo
befand sich unter ihnen. Ich hatte meinen Vater nie
so wohlgemuth gesehen. Er lehnte sich auf meinen Arm,
er war voll offener Freundlichkeit für mich, und mit
einem Seitenblick den Pater streifend, sagte er zu Arrigo:
-Er verdient General zu werden; ein geschickter und ent-
schlossener Nückug ist ein halber Sieg!
Aber der Pater hatte sich bereits von uns ent-

1
fernt, die Fremden hatten die Kapelle verlassen, es war
Zeit, an unsere Heimfahrt zu denken; denn die Stunde,
für welche der Empfang in unserem Hause vorgesehen,
war nicht mehr fern, und während man der Todten-
feier kaum gedachte, fand ich mich, wie Donna Carolina
es bezeichnete, als den Helden des Tages, mit welchem
neues Leben einziehen sollte in das lang verödete, freuden-
lose Haus.

Kapitel 13

Ireischntes Capttel.
F. Lewald, Benvenuto. l.

Jufgeregt von den Eindrücken der letzten vierund-
zwanzig Stunden, müde von den Anfragen, denen ich
nach allen Seiten Rede zu stehen gehabt, von den
Freundschaftsversicherungen, mit denen ich mich über-
schütttet fand, war ich gegen Abend, wie ich es mit dem
treuen Freunde, mit Adalbert, verabredet hatte, der die
Todtenfeier und den ihr folgenden Empfang in unserem
Hause mit durchgemacht, nach dem Gasthofe hingegangen,
in welchem er abgestiegen war, um ihn zu einem ge-
meinsamen Spaziergange abzuholen. -- Er wird sich,
wenn er diese Zeilen liest, des Abends wohl so gern
erinnern, als ich dessen denke.
Der Tag war selbst für unser Klima und für
diese Jahreszeit sehr heiß gewesen und die Schwüle
brütete zwischen den hohen Häuserreihen in den engen
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Straßen. Neberall waren die Fenster weit geöffnet,
leicht gekleidete schöne Frauen saßen an den vorspringenden
Eisengittern derselben, um eines erfrischenden Luftzuges
theilhaftig zu werden und suchten ihn, sich fächelnd, zu
verstärken. Auf den Balkonen, vor den Thüren und in
den Gärtchen der Conditoreien eilten geschäftig die Kellner
mit den Sorbettogläsern zwischen den Plaudernden um-
her und traten auf die Straße hinaus, die vornehmen
Kunden in den vorgefahrenen Carossen zu bedienen; während
um die Buden der Limonadenverkäufer Männer und Frauuen
aus dem Volke, Alt und Jung in buntem Durcheinander,
sich in immer neuen Gruppen zusammenfanden, um das
erhitzte Blut mit der unentbehrlichen geeisten Limonade
zu erfrischen.
Ich aber fühlte nicht die Hitze, nicht den Staub,
mich drückte auch die Schwüle nicht, so glücklich war ich.
Wohin ich sah war Etwas, das mich freute, und mal
auf mal schoß mir der Gedanke durch den Sinn, so
fröhlich, so wunschlos und in sich befriedigt müsse der
Zustand sein, den die Gläubigen in der Seligkeit des
Paradieses anzutreffen hoffen.
Seit meiner frühen Jugend hatte ich in meinem
Vaterhause nicht gewohnt, und ich hing doch an dem

1?
altehrwürdigen Bau. Meine Vaters Freundlichkeit war
mir niemals so zu Theil geworden wie in diesen letzten
Stunden, ichh hatte nie das Glück gekannt, ihm hilfreich
meine Hand zu reichen, nie von seinem Munde das
Wort vernommen, das er heute gesprochen: er hoffe die
Stütze seines Lebensabends in mir zu finden, er rechne
darauf, daß ich trachten werde, ihm die Verlorenen zu
ersetzen.
Eä war die erste Forderung einer Liebesleistung,
die er an mich machte, und sie lieh mir einen neuen
Werth in meinen Augen. Sie verband mich mit meinem
Vater, denn nicht die Liebe, die man uns gewährt, die
Liebe, die wir üben und mit der wir dienen und be-
glücken, ist es, die uns an die Menschen fesselt, die uns
ihnen zu eigen giebt.
e,
aah hatte meinen Vater eben erst verlassen, weil
er allein zu bleiben und auszuruhen verlangte, aber ich
sorgte um ihn mehr und ängstlicher als in all' den
Jahren, die ich ferne von ihm zugebracht. Ich hatte
ein wahrhaftes Verlangen, irgend einem Menschen eine
Liebe zu erweisen, eine Freude zu bereiten, heitere Mienen
zu sehen, freundliche Worte zu vernehmen, und- um
es so auszudrücken, wie ich es an dem Abend dachte:

198
ich wäre am Liebsten unser Herrgott und allmächtig ge-
wesen, um alle Menschen so glücklich zu machen, als ich
mich selber flhlte.
Adalbert fand ich mich bereits erwartend. Er fragte
mich, ob ich Etwas dawider hätte, wenn er zu unserem
Spaziergang eine Dame mit uns nähme.
Irgend einem Menschen ein Verlangen abzuschlagen
oder ein Vergnügen zu verderben, wäre mir an dem
Abende unmöglich gewesen, und sich in der Gesellschaft
eines nicht liebenswürdigen Frauenzimmers ein paar
gute Stunden zu verderben, das lag nicht in unseres
Freundes Weise. Ich erklärte mich also mit seiner
Absicht einverstanden und erkundigte mich nur, wer die
Dame wäre.
Sie ist eine Landsmännin von mir, sagte Adalbert,
ein Mädchen aus einer norddeutschen adeligen Familie.
Der Vater war Offizier, Magdalenenö Brüder dienen,
wie der Vater es gethan, in der preußischen Armee.
Die Eltern Beide sind ihr früh gestorben, und eine Groß-
tante, eine kinderlose Frau von großer Bildung, die
einsam auf ihrem Gute lebte, hat sie zu sich genommen
und erzogen. Auf dem Landsiz dieser Großtante habe
ich Magdalenen kennen lernen, als ich mich einmal, um

199
Studien zu zeichnen, in der Gegend aufhielt. Die treffliche
Frau war damals schon krank und Magdalene ihre aus-
schließliche Pflegerin. Das wird nahezu zehn Jahre her
fein, und ist die ganze Zeit so fortgegangen. Im ver-
wichenen Herbste ist die Großtante gestorben, hat, wie
sich das gebührte, ihr Gut Magdalenen hinterlassen,
und da diese ihr Leben bis zu der Tante Tode, namentlich
in den lezten Jahren, in einer wahrhaft klösterlichen
Einsamkeit zugebracht hat, die nur in den Sommer-
monaten hie und da einmal durch ein paar Gäste, unter
denen ich gelegentlich mitzählte, unterbrochen wurde, so
benutzt sie jetzt ihre Freiheit, und sieht sich Etwas in
der Welt um. Sie war im Herbste in Paris und ging
dann hierher. Gestern ist sie mit anderen Bekannten
von Albano herübergekommen, die Kapellenweihung mit-
zumachen. In der Kapelle habe ich sie unerwartet an-
getroffen, und da ich gern mit ihr verkehre, habe ich
selbst ihr heute das Anerbieten gemacht sie abzuholen,
weil ich sicher war, daß ihre Gesellschaft Ihnen nicht
stdrend sein würde, da sie eine durchaus verständige und
bequemlebige Person ist.
Ich wußte damit mehr, als ich zu erfahren ein
Interesse hatte. Wir sprachen dann von meinen Ange-

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legenheiten, von dem Bau der Kapelle, von ihrer künst-
lerischen Ausstattung. Ich sezte es Adalbert mit wenig
Worten auseinander, wie ich die Sache mir anders ge- ,
dacht, was ich selbst daran anders und, wie ich meinte,
besser gemacht haben würde, ohne in zu auffallender Weise ,
von dem Nococostyl abzuweichen, der in der Kirche, wie'
fast in allen Jesuitenkirchen vorherrschend war. Da- -
durch wendete das Gespräch sich auf mein Pariser
Atelier, auf die Schwierigkeit, die dort begomnenen-
Arbeiten nach Rom hinüberzunehmen; und da ich er-
wähnte, daß es mir leid sein würde, meinen Vater - -
deshalb bald und wieder für eine längere Zeit zu ver-
lassen, erbot sich Adalbert mit einer Bereitwilligkeit, für -
die ich ihm noch heute dankbar bin, sich in Paris der -
Mühewaltungen für mich zu unterziehen. Mit Hilfe -
meines sehr geschickten Marmoraren, der gar nichts--
Besseres verlangte, als gleich mir in unsere rdmische-.
Heimath zurüchukehren, versprach er die ganze Neber-. -
siedelung in's Werk zu setzen.
Darübex waren wir von dem Gedanken an unsere -
Begleiterin völlig abgekommen und ich stand, innerlich ;.
mit Neberlegungen beschäftigt, die sich alle auf mein
Atelier bezogen, in gelassener Erwartung vor der Thüre -

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des Hauses, in welchem Magdalene wohnte, als Adalbert
mit ihr in die Straße hinaustrat.
Ich war betroffen bei ihrem Anblick. Nicht, daß
sie mir als eine ungewöhnliche Schönheit auffiel, aber
ich hatte nach den Mittheilungen des Freundes in
Magdalenen ein älteres Frauenzimmer zu finden erwartet,
und es überraschte mich deshalb angenehm, als die
schlanke jungfräuliche Gestalt, anmuthig grüsßend, sich
mir näherte.
Da Adalbert italienisch gesprochen hatte, als er
uns einander vorgestellt, setzte Magdalene die Unter-
haltung in gleicher Weise fort, und die große Sicherheit,
mit welcher sie meine Muttersprache handhabte, machte
mir Vergnüügen. Alles gefiel mir an ihr, gleich in dieser
ersten Stunde. Ihr mittelgroßer feiner Wuchs, ihre
edeln Züge und der sanfte ruhige Blick ihrer schönen
Augen, denen man es anzusehen meinte, daß sie gut und
richtig zu beobachten im Stande wären. Das schlichte
weiße Kleid, das sich fügsam an ihren Körper legte,
das schwarze Spitzentuch, das ihre vollen Schultern leicht
umgab, der kleine Strohhut, in dem die dunkel-
bonden Locken in weichen Wellen ihr an den Wangen
und biszum Busen niederflossen, kleideten sie vortrefflich. -
...

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Sie gefiel mir sehr, und doch war sie nicht schön! Aber
da sie den einen ihrer Handschuhe noch nicht aufgezogen
hatte, bemerkte ich ihre zierliche und dabei kräftige Hand,
und wie mir, als sie aus dem Hause herausgekommen
war, ihr kleiner Fuß aufgefallen war, so nahm mich
der ruhige und sichere Schritt, mit welchem sie zwischen
uns herging, für sie ein; denn ich habe immer gefunden,
daß der Character der Frauen sich mit großer Deutlichkeit
in ihrem Gange ausspricht.
Wir gingen den Corso entlang zum Capitol hinauf
und stiegen dann in das Campo vaccino hernieder, da.?
wir es darauf abgesehen hatten, die Sonne von der Höhe
des Colosseums untergehen zu sehen.
Magdalene war in Rom vollkommen zu Hause.
Sie hatte ihren Winter gut benutzt, man hatte ihr gar
Nichts zu erklären. Aber sie theilte meine und Adalberts-
Freude an der Stadt und an der Gegend mit warmer -
Lebendigkeit, und ihre Art sich auszudrücken und zu be-
haben, war so einfach und natürlich, daß man gar nicht
daran dachte, wie man ein junges Frauenzimmer neben
sich habe, bis irgend eine ihrer Aeußerungen oder eine
ihrer Bewegungen und Mienen durch ihre weibliche An-
muth erfreuten uhd bezauberten.

R
Friedlich und vertraulich, als wären wir Drei seit
Jahren schon zusammengewesen und auf diesen Wegen
gemeinsam gegangen, kamen wir vor dem Colosseum an,
durchwandelten die Arena und stiegen seine hochgestuften
Treppen empor, so weit es möglich war. Magdalene
bedurfte auch dabei keiner Hilfe, und ich lobte das.
Sie meinte, dabei sei gar Nichts zu loben. Ich
bin auf dem Lande aufgewachsen, sagte fie, und habe
bei meiner armen gelähmten Großtante von Kindes-
beinen an, mich immer ruhig halten und viel stille
sitzen müssen. Wurde ich dann einmal hinausgelassen in
das Freie, so bin ich umhergelaufen und herumgeklettert,
wo ich nur immer konnte. Das hat mich sicher auf
den Füßen und schwindelfrei gemacht, ohne daß ich's
wußte oder wollte.
Langsam vorwärts gehend, pflückte sie hier eine
Federnelke, dort einen Goldlackzweig oder eine Epheu-
ranke, die aus den Fugen des Getrümmers empor-
gewachsen waren; und tief aufathmend, mit freude-
strahlendem Blicke um sich schauend, setzte sie sich endlich
nieder, als wir an unser Ziel gekommen waren.
Die Sonne war schon im Sinken. Von der weiten
Ebene der Campagna zeg ein erfrischender Lufthauch zu

We
uns herüber, purpurgesäumt stieg, von der Sonnengluth
gefärbt, goldenes Gewölk bis hoch zum Horizont empor,
wo es blaß und blässer werdend, sich endlich in rosigem
Schimmer in daä Blau des noch vbllig hellen Hiut-
mels auflöste. -- Und wieder überwältigte uns die
Herrlichkeit des Panoramas, das sich vor unseren Augen
aufthat.
Da lagen sie nebeneinander: die hohen Wblbungen
der Basilita Aemilia, der Tempel der Venus und Noma,
der Boge des Constantin und die bebuschten Hügel,
unter denen sich die Trümmer der Kaiserpaläste bargen.
Weithin zur Nechten, über dem Bogen des Constantin
hinweg, starrten in wild romantischem Gezack die
Trümmer der Caracalla -Thermen in die Luft. Fernab
zur Linken hatte man die Ruinen der Titusthermen vor
sich, und über das Alles hinaus that sich die weite
schweigende Ebene, die römische Campagna auf, während
am Horizonte die feinen scharfen Linien des Albaner-
gebirges sich tiefer und tiefer zu röthen begannen. -
Man konnte sich nicht genug thun im Betrachten und
Schauen!
Gllcklich diejenigen, welche hier ihre Heimath
haben! rief Adalbert aus, während ich dasselbe dachte.


In den Menschen, die hier geboren werden, die von ihrer
Jugend an umgeben sind von den Monumenten großer
Zeiten, die früh gemahnt werden an gewaltige Thaien
und an die Geschlechier, welche sie volllraclen, uus;
ein anderes Bewußtsein, eine andere Weltanschauung
erwachsen, als in unser Einem, der in Sand und
Sumpf zu Hause ist, und in dessen heimischen Kiefern-
wäldern Bären und Wölfe noch die Herrscher waren,
während hier die Cäsaren die Kunstschätze Egyptens und
Griechenlands um sich versammelten, und Horaz und
Ovid ihre Oden und Liebespoesien dichteten.
Ach! bat Magdalena, schelten Sie unsere Heimath
nicht! Auch an unseren Seen und in unseren Wäldern
ist es schön! Und diese Herrlichkeit, diese Farbenfülle,
die uns hier umleuchtet - sie hielt inne, sie war un-
verkennbar gerührt, aber sie überwand sich schnell, und
hinüber blickend in das wogende Farbenspiel des fluthen-
den Lichtes sagte sie: sie ist ja unvergeßlich, diese
Schönheit! wir nehmen sie ja mit uns, wenn wir
scheiden!
Als eine quälende Sehnsucht, die uns nicht mehr
verläßt! schaltete Adalbert ihr ein.
Oder, die uns antreibt, wieder aufzusuch en, wa

2e
uns lieb geworden ist! bedeutete sie, ihrer Bewegung
wieder völlig Meister.
Ich fragte sie, ob sie Rom bald zu verlassen
gedenke. Sie verneinte das. Sie habe keine Eile, heim-
zukehren, sagte sie, ihre Angelegenheiten in der Heimath
wären in guten Händen und sie habe sich also auch
kein Ziel gesteckt. Sie hoffe, noch manch liebes Mal
auf diesem Platze zu stehen und sich zu fceuen, daß ihr
dies gegönnt sei.
Darüber war die Sonne ganz hinabgesunken und
wir wendeten uns nach der Stodt zurück. Adalbert.
wollte in wenig Tagen wieder nach Paris gehen,
Magdalena in der nächsten Frühe nach Albano hinaus-
fahren; und auch mein Vater wollte sich auf unseren
Landsitz begeben, auf dem Monsignore Arrigo mit uns
die heißen Monate verleben sollte. Da man sich auf
diese Weise bald zu trennen hatte, schlug Adalbert vor,
noch in das Cafs Ruspoli zu gehen, um in dessen
Gärtchen das Beisammensein noch eine Stunde zu ver-
längern. Magdalena war damit gleich einwerstanden.
Der Gedanke, daß dies Beisammensein eines jungen
Frauenzimmers mit zwei ebenfalls jungen Männern an
einem dffentlichen Orte gegen die Landessttte anstieß,

A?
schien ihr nicht zu kommen, und ich selber dachte nicht
daran, so lange wir bei einander waren.
Ich hatte unter meinen Bekannten, sowohl unter
den Engländern als unter den Franzosen, Frauen
getroffen, die sich in voller Freiheit in der Welt und
in der Männergesellschaft bewegten, aber sie hatten dies
Alle mehr oder minder mit dem Bewußtsein gethan.
sich über Schranken hinwegzusezen, die ihnen lästig
geworden waren. Sie hatten es in trotziger Auflehnung
gegen die herrschende Sitte und mit dem Willen gethan,
sich als gleichberechtigt mit den Männern zu behaupten
In Magdalena war von solchem Willen und Bewußtsein
keine Spur. Alles, was sie that, geschah so absichtslos
wie ein Gesunder athmet, und eben deshalb nahm man
es in gleicher Weise auf.
Die Stunde verging uns wie im Fluge. Wir
begleiteten Magdalena nach ihrer Wohnung zurück,
Adalbert sagte ihr vor der Thüre sein Lebewohl. Sie
dankte uns, daß wir sie mitgenommen hätten, und
bedauerte, daß er schon wieder scheide und daß sie ihn
wohl so bald nicht wiedersehen würde.
Nun, meinte Adalbert, dafür lasse ich Ihnen
meinen Freund hier. Den Marchese haben Sie heute

8
nicht zum letzten Mal gesehen. Von seines Vaters
Schloß bis nach Albano ist es ja nicht weit. Der
reitet wohl hinüber, Ihnen aufzuwarten; und da er
eine große Vorliebe für uns Deutsche, für unsere
Dichter und für unfere Musik gewonnen hat, so kdnnen.
Sie ein patriotisches Werk thun, wenn Sie ihn auf
diesem guten Wege erhalten und ihm noch weiter vor-
wärts helfen.
Ich hatie selbst im Sinne gehabt, sie in Albano
aufzusuchen. Ich bat also um die Erlaubniß, ihc meine
Aufwartung machen zu dürfen. Sie nahm das Wieder-
sehen als selbstverständlich an, und mir die Hand
reichend, sagte sie: Kommen Sie, Herr Marchese! und
dann sprechen wir auch deutsch! -- Das waren die ersten
deutschen Worte, die ich von ihr hörte.

Kapitel 14

Pierzehnles Capitel.

PFe Abstand von meinem Leben in Paris zu den
stillen Tagen, die ich in der Gesellschaft und als der
Gesellschafter der beiden Greise inunserem Schlossezubrachte,
war sehr groß; aber wenn ich auch mit mancherlei
Sorge an mein Atelier und oftmals mit innerer Un-
geduld an meine Arbeiten dachte, so that mir dennoch
die Einsamkeit wohl. Ich genoß wie nie zuvor die
Schönheit der Gegend, die Freude an dem Besiz, den
wir in derselben hatten, und das Glück, meinem Vater
willkommen und angenehm zu sein.
Seit den Tagen, in welchen Arrigo's Freundschaft
mich vor der schwarzen Soutane bewahrt und in seinen
Schutz genommen, hatte ich nicht wieder auf dem Lande
gewohnt und unser Schloß nicht wieder betreten.
Damals hatte mein Erzieher mich auf Schritt und
Tritt überwacht, damals war ich, in dem ersten
1

u
Jünglingsalter und eben erst zum Bewußtsein meiner
selbst gekommen, gleich in den Kampf um meine freie
Entwicklung verstrickt worden, und hatte die Gunst meines
Vaters eingebüßt. Jetzt war ich ein freier und gemachter
Mann. Mein Vater sah, wie mir daran gelegen war,
ihn zufrieden zu stellen. Arrigo that das Seine, es ihm
beständig in das Gedächtniß zu rufen, daß ich ein
Künstler sei und bleiben müsse, und ich selber gewann
daneben ein Interesse an der Verwaltung der Güter
und des Besizes, der mein Vater sich lebenslang mit
Gewissenhaftigkeit gewidmet hatte und die er noch immer
mit großer Umsicht leitete. Wir naren auf diese Weise
alle drei mit einander zufrieden. Selbst der Todten fing
mein Vater an mit ruhiger Wehmuth zu gedenken, und
weil es ihm gelungen war, sich aus den umstrickenden
Banden des Paters zu befreien und die habsüchtigen
Plane des Ordens mit Arrigo's Hülfe noch rechtzeitig
zu Schanden zu machen, hatte er Glauben an seine
Kraft, und damit an eine noch längere Lebensdauer
gewonnen, so daß er mich mit Heirathsvorschlägen nicht
bedrängte, sondern sich oftmals in guter Laune über
das bequeme Junggesellenleben, das wir in dem Schlosse
führten, scherzend vernehmen ließ.

L3
Ich war dabei in eine Beschaulichkeit hineingerathen,
die ich nie gekannt hatte. Mein ganzes bisheriges Leben
war mir wie von mir selber loögelöst, ein Gegenstand
ruhiger Prüfung und Betrachtung. Ich dachte, mich
felber kritisirend, an meine Handlungen wie an die
Arbeiten, die ich geschaffen hatte. Ohne daß ich
modellirte oder auch nur den Stift zur Hand nahm,
empfand ich, wie das prüfende Rückvärtsblicken im
Verein mit der Anschauung der belebten Natur mich
innerlich förderten, wie neue Bilder, neue Vorstellungen,
neue Entwürfe durch zufällige äußere Eindrücke in mir
rege wnrden, wie sie feste Gestalt annahmen und sich
so vollständig vor meinem inneren Auge entwickelten,
daß ich eben jenes Gllickes genoß, welches, wie ich Ihnen
klagte, die Ausführung mir oft zerstört, diese Gestalten
als Jdeale zu erschauen, und sie als solche, wenigstens
für mich selber eine Zeitlang zu besitzen.
Der ganze Monat war uns in diesem Seelenfrieden
hingegangen. Ich war mit meinen beiden Alten, wenn
die Hitze sich gemäßigt hatte, in der Gegend eine Stunde
umhergefahren und oftmals allein weit umhergeritten,
um wieder heimisch zu werden in den Lande, das mir
fremd geworden, unter den Leuten, die in unseren

1
Besizungen angesessen waren, und deren Herr ich dereinst
werden sollte. Dabei fing das Behagen an dem Besiz
des eigenen Grundes und Bodens sich in mir zu regen
an, auch die Lust zum Verschönern dieses eigenen Besizes
ward lebendig. Ich sah jeden Punkt, an dem ich vor-
überkam, darauf an, welche Aussicht sich von demselben
etwa eröffnen ließe; und jedes kleine Kapellchen, jedes
ungestaltete Madonnenbildniß unter einem Baum am
Wege wurden mir wichtig, weil ich mir vorstellte, wie
es mir leicht sein wüürde, die einen geschickter auszu-
schmücken, und die anderen durch bessere Arbeiten der-
artig zu ersezen, daß sie auch dem Auge des Künstlers
Freude machen müßten.
Dies stille innere Schaffen hatte mich in seinen
engen Kreis gebannt, und obschon ich mich recht häufig
des schönen angenehmen Abendes erinnerte, den ich am
ersten Tage nach meiner Rückkehr mit Adalbert und
Magdalenen zugebracht, hatte sich immer Etwas zwischen
meinen Vorsatz, das liebenswürdige Mädchen aufzusuchen,
und seine Ausführung gestellt. Endlich an einem
sonnigen Nachmittage ritt ich von unserem Castell
hinunter, durch die Ebene und nach Albano hinüber.
Erst unterwegs fiel es mir ein, daß ich die junge

1?
Deutsche leicht möglich nicht mehr in Albano treffen
wiade. Ich hatte nicht gehört, ob sie den ganzen
Sonmer dort verweilen wolle; und selbst, wenn sie sich
noch ku Albano aufhielt, war es sehr leicht möglich,
daß ich sie nicht bei sich zu Hause antraf. Je länger
ich ritt, je unruhiger machte mich die Aussicht, sie am
Ende zu oerfehlen, und doch glaubte ich auch wieder
nicht, daß mir etwas so Verdrießliches begegnen könne.
Wie ich dann mit dem Gedanken an sie beschäftigt, von
Castel Gandolo herabkommend, mich gen Albano hin,
dem Ausgange des Waldes näherte, trat sie mir unter
dem Schatten der immergrünen Eichen, im weißen
Kleide, wie ich si zuerst gesehen hatte, mit einem Mal
entgegen. Sie war nicht allein. Sie hatte eine ältere
Dienerin mit sich und einen Knaben, der ihr einen
Feldstuhl und eine kleine Mappe nachtrug.
Ich konnte den Ausruf meiner Freude nicht unter-
drücken, und rasch vom Pferde springend, bot ich ihr
die Hand. Auch sie sah mich mit Vergnügen wieder,
und sie hdrte mir freundlich zu, als ich ihr erzählte,
wie ich besorgt gewesen sei, sie zu verfehlen, und wie
ich daneben doch eigentlich die Neberzeugung gehegt hätte,
daß mir dies nicht geschehen würde.


Das ist sonderbar! meinte fie, aber was gab Ihner
diese letzte Zuversicht?
Soll ich es Ihnen ehrlich bekennen, entgegnete ch,
während ich in ihre Augen sah, soll ich es Ihnen ehr-
lich bekennen, so war es der felsenfeste Glaube, dnß Sie
keinen Menfchen einen Verdruß oder eine Enttäuschung
bereiten könnten.
Gern thue ich das freilich nicht! sagte si, während
ein Lächeln so sonnig über ihr Gesicht gltt, daß es
kaum zu sagen war, ob der helle Schimmer von dem
Lichte herkam, das durch die Zweige streie, oder ob es
aus ihrem klaren Innern wideustrahlte. Aber die
Hauptsache ist, es freut mich, setzte sie hinzu, daß wir
uns hier gefunden haben; und nun lassen Sie uns
hinuntergehen nach der Stadt, damit Sie sich nach dem
langen Ritt in meinem kühlen Zimmer erst erfrischen.
Ich gab dem Knaben den Zügel meines Pferdes,
die alte deutsche Frau, die in ihrem weißen Häubchen
hier ganz landfremd aussah, nahm ihm dafür den
Feldstuhl und die Mappe ab, und auf meinen Arm
gestützt, ging Magdalena mit mir durch die Galerien
nach Albano hinunter.
Sie hatte in dem besten Hause der Stadt eine

A
Wohnung inne, und gleich bei dem Eintritt in dieselbe
empfand man den Geist und merkte man die Hand, die
hier gewaltet hatten.
Die Einrichtung in demselben war nicht anders,
als man sie in jedem solchen Hause antrifft; aber jeder
Stuhl und jeder Tisch nahmen den Platz ein, an
welchem sie am Besten dienen konnten. Alles glänzte
vor: Sauberkeit. Vasen und Gläser voll Wald - und
Gartenblumen standen, wo sich der Raum dafür nur
finden wollte; und die Notenhefte und Bücher, die auf
dem bescheidenen Pianino lagen, die Arbeitskdrbchen und
ein Tisch, auf welchem neben einem Zeichenbrette, sich
ein Kästchen mit Wasserfarben befand, verriethen, daß
die Bewohnerin des Hauses sich zu beschäftigen liebe
und verstehe.
Da Magdalena beim Eintreten in ihr Zimmer, der
Alten, deutsch sprechend, den Befehl gegeben hatte, uns
Kaffee und Eiswasser zu bringen, und ich dies an-
genommen, führte ich die Unterhaltung, ohne besonders
daran zu denken, in derselben Sprache fort. Magdalena
freute sich darüber, denn indem sie ihren Hut abnahm
und ihren Schirm in eine Ecke stellte, sagte sie: Nun
setzen Sie sich und seien Sie schdn willkommen! Und

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ich danke Ihnen, daß Sie heute deutsch mir mir svrechen
wollen, denn so oft ich eine fremde Sprache reden muß,
komme ich mir wie maskirt vor.
Ich wendete ihr ein, daß mir dieses auffalle, da
sie sich im Jtalienischen sehr frei bewege. Sie meinte,
frei bewegen könne man sich unter Verhältnissen in jeder
Tracht und in jeder Verkleidung, da es ja immer ganze
Völker gäbe und ganze Zeiten gegeben habe, denen die
uns fremde Tracht die angemessene und bequemste
erscheine und erschienen sei; indeß, derjenige, der sie als
eine fremde trage, könne es nicht leicht vergessen, daß
er etwas Anderes vorstellen und bedeuten solle, als das,
was er eben sei, und ihr falle das ein für alle Male
ganz besonders schwer.
Die alte Dienerin brachte während dessen den Kaffee
in das Zimmer, dem sie nach eigenem Ermessen eine
Menge Backwerk, und Brot und Butter hinzugefügt
hatte, weil sie meinte, nach einem weiten Ritte müsse
ich Eßlust haben.
Nun, scherzte Magdalena, wenn der Herr Marchese
sie uns auch nicht mitbringt, so hast Du Recht, wenn
Du die Gelegenheit benutzest, uns einmal einen ordent-

9
lichen deutschen Imbiß zu bereiten; und wer weiß, ob
unser Gast sich denselben nicht gefallen läsßt.
Sie deckte selbst das weiße Tuch über den Teppich
des Tisches, legte dann mit Hand an, die Geräthschaften
darauf zu stellen, und die alte Hanna war dabei eben
so ruhig geschäftig, als die schlanke Herrin. -
Magdalena erzählte mir, die alte Hanna sei ihre
Wärterin gewesen, als sie die Mutter verloren habe,
sie sei immer bei ihr geblieben, und sie finde sich in
dem Reiseleben, welches sie seit einem Jahre führten,
besser zurecht, als sie es Beide erwartet hätten. Aber,
setzte sie neckend hinzu, Hanna und ich sind ein paar
alte Jungfern, und denen wird es überall gleich heimisch,
wo sie ihren Theetopf und ihre Kaffeekanne finden. Jm
Nebrigen, fuhr sie gegen mich gewendet fort, hänge ich
nicht wie die Katzen an dem Hause, sondern wie die
Hunde an den Menschen. Mit ein paar guten Büchern,
ein paar Blumentöpfen, mit einem Jnstrumente, das
sich ungefähr wie ein Clavier anhört, und in jedem
Zimmer wo das Gesicht meiner alten Hanna zur Thüre
hineinguckt, da bin ich überall zu Hause und sie ist es
mit mir.
Sie schnitt während sie sprach, den Kuchen in

A
Stücke, strich Butter auf das Brot, reichte mir den
Kaffee -- es war das Alles eben so gewöhnlich, wie
das Geplauder, das sie dabei führte. Aber die
italienischen Frauen aus den höheren Ständen geben
sich zu solchen häuslichen Diensten nicht leicht her, und
ihr stand das Alles so wohl an, es nahm sich Alles
so natürlich und zugleich so vornehm an ihr aus, daß
trotz ihrer typisch deutschen Gestalt der Adel ihrer
Stellungen und Bewegungen mich beständig an die edle
Gemessenheit antiker Vorbilder gemahnte. Ich hätte
fort und fort so sitzen und sie sehen und hören mögen;
und doch bemerkte ich es eben in diesen Stunden,
daß sie älter sein mußte, als sie mir an dem ersten
Abende vorgekommen war, daß sie wohl fünfundzwanzig
Jahre und darüber zählen konnte.
Wir redeten von Dem und Jenem: von ihrer und
von meiner Heimath, von deutscher und italienischer
Musik und Poesie, von den Kunstwerken, die sie hatte
dennen lernen. Ich fragte, ob sie singe, spiele, zeichne?
Sie sagte, sie könnte von dem Allen gerade so viel, um
sich über eine einsame Stunde fortzuhelfen, ohne irgend
einen Anspruch darauf gründen zu dürfen. Sie habe
das Wenige aber schätzen lernen, weil es ihrer alten

Lu
Großtante Vergnügen gemacht habe. Und, bemerkte sie,
wenn man so wie ich, schon in früher Jugend das Alter
und seine Leiden vor Augen gehabt hat, so wird man
wirklich dankbar für das Wenige, das man thun kann,
um in die trüben Tage des Lebenswinters etwas Licht
und Sonnenschein zu bringen. Ich singe die Lieder, an
denen meine Tante sich erfreute, und liebe meine kleinen
Blumen- und Landschaftsskizzen, die sie bewunderte, noch
heute, obschon ich weiß, daß sie recht schlecht und gar
Nichts werth sind.
Ich erzählte ihr, wie auch ich in diesem Augen-
blicke für zwei Greise zu sorgen und ihnen Gesellschaft
zu leisten hätte, und wie mir ihre Bemerlung so eben
die ruhige Befriedigung erklärlich mache, die ich in
diesen Wochen zu meinem Erstaunen in der Einsamkeit
unseres Schlosses genossen hätte.
Nicht wahr, meinte sie, wir sind Alle Egoisten,
Alle darauf gestellt, Freude zu haben an unferem
Thun. Sich zu sagen, daß man in dem Leben eines
anderen Menschen der Sonnenschein ist, das ist ein an-
genehmes Ding.
Wie gut sind Sie! rief ich. Wenn man Sie hört,

AA
sollte man meinen, Sie hielten das Opferbringen und
das Leisten für ein Gllck!
Nennen Sie es nicht das Leisten und das Opfer-
bringen, sondern einfach die Möglichkeit, helfen zu können,
und Sie werden es ebenso wie ich betrachten, wenn Sie
die Menschen lieben, mit denen Sie's zu thun haben.
Ich bringe Ihnen kein Opfer und leiste Ihnen Nichts,
wenn ich Ihnen dies Eiswasser eingieße; aber ich glaube,
daß es Ihnen angenehm ist, und so macht Ihr Durst
mir Vergnügen! setzte sie scherzend hinzu, so kaß man
sah, sie liebe es nicht, sich eingehend über sich selber
auszusprechen. Indeß sie war mir zu neu und zu an-
ziehend in ihrer einfachen Selbstlosigkeit, als daß ich
ihrem ablenkenden Winke nachgegeben hätte, und ich fragte
also weiter: ob sie es nie ermüdend gefunden hätte,
mit dem Alter zu verkehren? ob nicht das Verlangen
nach wärmerer Liebe sich in ihr geregt, ob mit einem
Worte, sich ihr Herz denn nicht in Liebe und Leiden-
schaft für einen Mann geöffnet habe?
Sie fragen Viel auf ein Mal und legen mir
lauter Gewissensfragen vor, entgegnete sie, aber ich
kann sie Ihnen leicht beantworten. Nein! ich habe nie
geliebt. Indeß das ist für mich weder ein Tadel noch


ein Lob, denn so lange ich auf unserm Gute war, bin
ich kaum einem Manne begegnet, der geeignet gewesen
wäre, in mir die Liebe zu erwecken; und da unsere
Umgebung immer auf uns wirkt, so mag wohl von
dem Grau des Alters, früh ein Wenig an mir hängen
geblieben sein und sich wie eine erkältende Asche über
mich gebreitet haben.
Sie sprach auch das ohne Verlegenheit, als redete
sie nicht von sich, obschon ein leichtes Roth sich über
ihr Gesicht ergoß und ihr Hals und Nacken färbte.
Ich begrisf es dabei nicht, wie sie mir noch kurz vorher
lber die erste Jugendbllthe hinweg zu sein geschienen,
denn sie sah in dem Momente jinger als die Jüngste
aus, weil sie so offen und so ehrlich war, wie nur die
Kinder es noch sind. Aber ihr Gleichniß von der Asche
aufnehmend, sagte ich: Sie haben's wohl gesehen, wie die
Gluth unter einer leichten Aschenlage nur kräftiger und
reiner fortrennt!
Ja, wenn sie erst entfacht war! versezte sie, sich
den Scherz gefallen lassend. Sie lenkte jedoch augen-
blicklich davon ab, und wir kamen auf andere Dinge zu
sprechen. Die Zeit verging uns rasch und angenehm.
Ich hatte endlich an meinen Aufbruch zu denken, wenn

»Z s
ich meinen Vater zu der gewohnten Stunde nicht auf
mich warten lassen wollte.
Der Knabe holte mein Pferd aus den Gasthofe
herbei, nach welchent ich es hatte führen lassen, wir
gingen in der Straße auf und nieder bis zu der
Schlucht, die nach Arriccia führt, und von deren
hohem Rande das Auge weit hinauöschaut bis zum
Meere.
Wir standen, uns des Anblicks erfreuend. Sie hatte
meinen Arm angenommen und sich auf ihn gelehnt.
Als der Knabe mit dem Pferde kam, schraken wir
Beide auf. Es fiel mir schwer zu scheiden, weil der
Abend schdn zu werden verhieß, und weil Magdalena
sagte, daß sie ihn mit Bekannten, die täglich von
Arriccia herüber kämen, zu genießßen hoffe. Ich gönnte
das den Anderen nicht, und mit schnellem Abschied,
weil es doch geschieden sein muußte, sugte ich ihr Lebe-
wohl, die Gunst des Wiebersehens von ihr erbittend.

Kapitel 15

Fünfzehntes Capitel.
, Benvenuto. l
gLF.LLF

Ie eitt heiter durch das schöne Land, mich mii
Vergnügen jedes Wortes erinnernd, das wir gewechselt
hatten; und heiter in der von Magdalena mir erregten
Vorstellung, als Lebenssomnenschein den Abend des
Vaters und des Freundes zu verschönern, langte ich eben
noch in dem Augenblicke im Schlosse an, in welchem
man sich zu der Abendmahlzeit niedersetzen wollte.
Die Tafel war gedeckt, die beiden alten Diener,
denen man einen jüngeren Gehülfen beigegeben hatte,
versahen, da wir zu Dreien an der Tafel saßen, wohl-
geschult den Dienst. Indeß, es kam mir Alles unbehilf-
lich und hölzern vor, was sie thaten und machten, und
zum ersten Male, seit wir in dem Schlosse beisammen
waren, vermißte ich die erheiternde Auuuuth weiblicher
Gesellschaft.
1

L8
Ich hatte jedoch von dem freundlich verlebten Nach-
mittag genug Licht und Wärme mit mir gebracht, um
die Liebespflicht, die Magdalena mir in so schönem Bild
verkörpert hatte, gut erfüllen zu können; und an einem
der nächsten Tage nöthigten Geschäfte, welche sich auf
die Ankunft des Schiffes bezogen, das meine Arbeiten
von Frankreich brachte, mich, nach Rom zu gehen.
Es war nothendig, in meinem Vaterhause für
die Unterbringung derselben die angemessenen Räume zu
ermitteln, sie nach meinem Bedürfen herrichten zu lassen,
und ich hatte angestanden, die Verabreduungen darüber
mit meinem Vater zu treffen, bis es unerläßlich ward. Aber
da er durchaus gewohnt war, Alles in großem Styl zu
unternehmen, stieß ich auf keine Art von Schwierig-
keiten.
Er hatte sich nun darein ergeben, meine Marmor-
blöcke in dem Hofe seines Palazzo liegen zu sehen, die
pickenden Hammerschläge der Marmorarbeiter erklingen
zu hören, wenn er durch die Galerie zu seinem Wagen
niederstieg. Denn seit er einmal in einer guten Stunde
das Wort gefunden, daß alle Armero einen harten Kopf
und ihre Schrullen hätten, ließ er mir es endlich hin-
gehen, daß ich eigenwillig wie wir Alle, die Schrulle


hegte, als ein gräflicher Bildhauer eine Seltenheit in-
der Gesellschaft, und ein Unicum zu sein in unserem
alten Hause.
Ich wurde länger als ich es erwartet hatte, in
der Stadt zurückgehalten. Als ich dann wieder auf das
Land hinauskam, führte mich mein erster Ritt zu
Magdalenen, und es folgte ihm sehr bald der nächste
und ein dritter.
Der Anblick meiner halbvollendeten Arbeiten, die
Skizzen und Entwürfe hatten meine Lust zum Schaffen
neu belebt. Ich sehnte mich nach der Arbeit, die neuen
prächtigen Räume meiner Werkstatt lockten mich förmlich;
und die große Lebensfreiheit, der Reichthum, die ich
jetzt vor mir in Aussicht hatte, hoben mir den Muth,
und machten mir Verlangen, sie als Künstler auszu-
nutzen. Ich konnte die Ungeduld endlich kaum be-
meistern, die mich zu meiner Werkstatt hinzog, und nur
ein Mittel gab es, sie zu beschwichtigen - ich ritt zu
Magdalenen hin.
Sie bat mich nicht, zu kommen, sie wunderte sich
nicht, wenn ich mich häufig bei ihr einfand, nicht, wenn
ich länger ausblieb. Sie war sich immer gleich, immer
gastlich, immer freundlich und gefällig, und ich ge-

7e
wöhnte mich allmälig, mit ihr zu verkehren wie mit
mir selbst. Nur daß sie mich oft besser als ich mich
selbst verstand.
Im Herbste, als wir unsern Landaufenthalt ver-
ließen, war auch sie schon von Albano fort und wieder
in die Stadt gezogen, und es verging seitdem kaum noch
ein Tag, an dem ich sie nicht sah und sprach. Alles
gewann für mich an Reiz, wenn sie es mit mir theilte.
Es war mir ein Genuß, mit ihr durch die Museen und
Galerieen zu wandern, ihr schönheitsdurstiges Auge mit
Entzücken auf den Meisterwerken der Kunst verweilen
zu sehen, ihrer glücklichen Auffassungsgabe erklärend vor-
wärts zu helfen, oder mit ihr umherzuwandern in der
Umgebung der Stadt und unter den Monumenten, die
aufrecht und in Trümmern, von vergangenen Jahr-
hunderten und Jahrtausenden erzählen.
Ohne daß sie's wußte, lernte ich von ihr an jedem
Tage. Denn wie mir einst in Gloria die großartige
Formenschönheit der Antike unerwartet entgegengetreten
war, so hatte ich an Magdalenen immer auf das Neue
jene Harmonie in der Bewegung und im Ausdruck an-
zustaunen, die wir in den Gebilden der griechischen
Kunst als den Geist der Antike bezeichnen; und weil

Nu
ihr Thun ein so ruhiges und gleichmäßiges war, und
ich mich ihren Gewohnheiten anzupassen trachtete, um
sie sehen und sie begleiten zu können, kam auch in
meine Tageseintheilung eine feste Regelmäßigkeit, die ich
bis dahin niemals eingehalten hatte. Dadurch gewann
ich Zeit für Alles, was mir oblag: für meine Arbeit,
für meinen Vater, für Magdalena; sogar das Leben in
der Gesellschaft kam nicht dabei zu kurz. Ich habe
niemals mehr und mit mehr Glück gearbeitet, als in
jenen ruhig befriedigten Tagen, und Magdalenens still-
beglückte Mienen zu beobachten, wenn sie mit einer oder
der andern von ihren Bekannten von Zeit zu Zeit mein
Atelier besuchend, das Fortschreiten meiner Arbeiten sah
und pries, war mir jedes Mal ein Fest. Mit feinem
Verständniß errieth sie, was ich wollte, sah sie, was
mir gelungen war. Ich konnte mich bald des Gedankens
nicht erwehren, daß sie, und sie allein es wisse, wie
mein Jdeal beschaffen sei; daß sie mit mir empfand, wo
ich es nicht erreichte, wo der Geist des Stoffes nicht
vollkommen Meister geworden war.
Magdalena ging nicht in die großen Gefellschaften,
obschon ihr die Wege dazu durch Freunde und Empfeh-
lungen geöffnet waren. Dennoch traf ich sie hier und

2
dort, da sie von ihren in Rom lebenden oder zeitweise
dort verweilenden Landsleuten sehr gesucht uud geschätzt
wurde; und wo immer ich ihr begegnete, kam das er-
quickliche Gefühl des Heimischseins gleich über mich.
Wo sie mir fehlte, fehlte mir die Ruhe, überkam mich
Langeweile. Ich vermißte sie in den Sälen der vor-
nehmen Welt. Ich dachte, wenn das kokette Federball-
spiel galanter Unterhaltung mich gefangen nahm, an
die Vorabend -Stunde des nächsten Tages, an dem ich
in heiterem Gespräch mit ihr verkehren würde. -
Wenn ich die Gefallsucht der Frauen und Mädchen sich
abmühen sah, jeden ihrer Reize in das rechte Licht zu
stellen, um jedem seine zündende Wirkung zu ermög-
lichen, so sah ich im Geiste Magdalenen vor mir, die
gar nicht wußte, wie das feine Spiel ihrer keusch ver-
hüllten Glieder den Sinn beschäftigte.
Ich hegte großes Vertrauen zu ihr und ihrem
Verstande. Es war mir etwas Neues, ein Frauenzimmer
ihres Alters mit so ruhigem Ernste über die Verhält-
nisse ihres Vermögens und Besizes sprechen zu hören,
wenn ihr regelmäßig die Berichte ihres Verwalters ein-
gesendet wurden, von dem sie schon in den letzten LebenS-
jahren der Großtante in diese Geschäfte eingeweiht

28
worden war. Ich überlegte, ich berieth mit ihr meine
eigenen Angelegenheiten gern. Ich fühlte mich ihrer und
ihrer Theilnahme vollkommen sicher, weil ich ihr sehr
ergeben war, und kein Mißverstehen, keine der kleinen
Eifersüchteleien, welche sogar der Freundschaft eigen sind,
störte unseren Frieden. Die Gewißheit, sie an dem
nächsten Tage zu sehen, ließ mich vergessen, daß auch
dieser entschwinden, daß die Tage, welche ihm folgen
würden, flüchtig sein würden, so wie er. Ich glaube,
ich habe mich nie gefragt, was ich für sie empfinde,
was mich zu ihr ziehe. Ich ging zu ihr, gab mich ihr
hin und nahm sie in mein Leben auf, wie reine Luft
und warmen Sonnenschein: als hätte ich ein Recht
darauf und als kdnne mir das niemals fehlen. Wie
ein Kind lebte ich im Glück des Augenblicks, und das
allein ist das Glück.
Mein Vater, der mich ein und das andere Mal
mit ihr gesehen hatte, wenn seine tägliche Ausfahrt ihn
über die Passegiata des Monte Pincio geführt, hatte
mich nach ihr gefragt. Ich hatte sie ihm genannt, ihm
von ihren Verhältnissen gesprochen und dabei erwähnt,
daß ich viel mit ihr verkehre. Ich hatte das mit voller
Unbefangenheit gethan, mein Vater es ohne Arg hin-
= rsF= »aasJöässaJsw=s Gg... « «

284
genommen. Ein deutsches, protestantisches, nicht durch
Schönheit auffallendes Edelfräulein lag so ganz und
gar außer dem Bereich seiner Heirathspläne für mich,
daß es gar nicht in Betracht kommen konnte; und
wenn er mir auch bei jedem schicklichen Anlaß von
seinem Wunsche, mich zu verheirathen, sprach so schien
er mir zunächst die freie Wahl zu gönnen und sich
damit zu hegnügen, daß ich die Kreise viel besuchte, in
welchen allein nach seiner Ansicht eine passende Wahl
für mich zu treffen möglich war.
Von Pater Cyrillus hörten wir, nur durch Donna
Carolina. Er hatte kurze Zeit nach meiner Rückkehr
in die Heimath, ein paar Mal bei meinem Vater vor-
gesprochen, und war schließlich noch einmal gekommen,
ihm Lebewohl zu sagen, weil er Nom und seinen bis-
herigen Wirkungskreis auf Befehl seiner Oberen verließ,
um in Frankreich eine anderweitige Verwendung zu
finden. Er hatte dabei nach mir gefragt, hatte die
vdlligste Sicherheit des Betragens an den Tag gelegt,
und sich sehr geehrt gezeigt, durch die Mission, mit der
man ihn betraut, nachdem man die Neberzeugung ge-
wonnen haben mochte, daß jene Mission, der er sich in
unserem Hause freiwillig unterzogen hatte, unter den

2
obwaltenden Umständen von ihm nicht mehr erfolgreich
durchzuführen sei. Er hatte im Nebrigen auch sein
Theil gethan. Das ganze Vermögen meiner Mutter war
auf die eine und die andere Weise in des Ordens
Hände und Besitz gekommen.
Donna Carolina aber hatte äußerlich ihren Frieden
ganz und gar mit mir gemacht, und mein Vater und
Arrigo riethen mir, mich nicht dagegen aufzulehnen.
Sie sprach es unumwunden aus, daß sie von mir und
unseren alten Familienbeziehungen aus alter Gewohn-
heit nicht lassen kdnne. Die Liebe könne und dürfe
treulos sein, die Freundschaft nicht; und eine treue,
wohlmeinende Freundin, das würde ich selber wissen,
fei sie mir stets gewesen.
Des Paters erwähnte sie immer nur, um mir oder
meinem Vater mitzutheilen, mit welcher Auszeichnung
man demselben, in Folge der ihm von Nom mit-
gegebenen Empfehlungsbriefe, im Faubourg St. Germain
entgegenkomme. Gelegenilich hatte sie aber auch darauf
hingedeutet, daß ich eine große Thorheit begangen hätte,
als ich die Hand von Fräulein Alphonsine nicht an-
genommen, da sie jezt zu den gefeiertsten Frauen des
Faubourg gehöre. Sie rühmte mir dann auch diefe

28e
oder jene junge Dame, warnte mich davor, nicht allzu-
lange zu wählen, weil man gemeiniglich aus Neberdruß
an seiner Unentschlossenheit, etwas recht Uebereiltes und
Unzweckmäßiges zu thun pflege, und ich ließ das an
meinem Ohre vorübergehen wie Baumesrauschen aus
der Ferne, als Etwas, das mich gar nichts anging.

Kapitel 16

Becsschnles Capilel.

zSeuber war der Winter verstrichen, das Früh-
jahr herangekommen, und mit ihm der Todestag meines
ältesten Bruders. Wir waren, mein Vater und ich,
nach unserer Kapelle gefahren, in welcher die Seelen-
messe für den Verstorbenen gelesen wurde. Die nächsten
Freunde unseres Hauses hatten der Feierlichkeit mit
angewohnt, und sie hatte meinen Vater sehr erschüttert.
Alä wir miteinander bei der Heimfahrt allein im
Wagen waren, saß mein Vater eine Weile in seine
Gedanken versunken schweigend neben mir. Dann richtete
er sich auf und sagte mit einer müden Ruhe, die sich
jetzt bisweilen an ihm kund gab: Im nächsten Jahre
wirst Du vielleicht allein dem Bruder die Ehren- und
Liebespflicht zu leisten haben, und wer wird da sein,
wenn die Reihe einst an Dich kommt?

1
Ich suchte ihn mit den Hoffnungen zu ermuthigen,
zu welchen seine kräftige Natur mir den Muth gab
und die meine Liebe für ihn erfüllt zu sehen begehrte.
Er ließ das unbeachtet.
Ich spreche nicht von mir, von Dir ist es, daß
ich rebe! sagte er. Du bist gesund, bist im kräftigsten
Alter, ein jugendlicher Mann. Aber Delne Brüder,
waren sie das nicht? Des Schickfal, wie Du die Vor-
sehung zu nennen liebst, hat seine Launen. Die Vor-
sehung führt den Menschen und die Menschengeschlechter
auf Wege, welche von denselben nicht erwartet werden.
Ich hatte nicht gedacht, als Du uns geloren wurdest,
daß mir in Dir die Hoffnung meines Lebensabendes
gegeben würde. Was ich von Dir wünsche und erwarte,
weißt Du! Ichh habe Dir Zeit gelassen, habe Dich
nicht bedrängen, Dir freie Wahl vergönnen wollen.
Du hast Dich bisher zu einer solchen nicht entschließen
können, obschon in den uns befreundeten Familien jetzt
sehr schickliche Heirathen mit liebenswürdigen Personen
für Dich zu finden waren. Du wirst mir einwenden,
daß Du keine Eile, daß Du keine zwingende Reigung
zu solchem Schritte habest, denn die Jugend pflegt nur
an sich zu denken; aber, vergiß es nicht, mein Sohn,

41
ich habe Eile, und wenn ich meine Augen schließe, bist
Du allein!
Der Wagen war in das Portal eingefahren, die
Diener dffneten den Schlag, ich führte meinen Vater
die Treppen hinauf, er zog sich in sein Zimmer zurück,
die Unterhaltung hatte ein Ende. Mir aber waren die
lezten Worte, welche er zu mir gesprochen hatte, wie
ein elektrischer Funke in das Herz geschlagen, daß es
aufwallend in heißer Gluth sie wiederholen und wieder-
holen mußte, um zu erkennen, was unerkannt in mir
gelebt, fast seit ich Magdalenen zum erstenmal gesehen
hatte.
Allein! allein! klang es in meinem Innern nach.
Und ist sie denn nicht da? ist Magdalena denn nicht
da? rief ich, daß ich es hörte, als hätte es ein Anderer
mir gesagt. E überraschte mich und war mir doch
nicht neu. Ich war mir der Liebe bewußt gewesen,
mit der ich an ihr hing, der Zärtlichkeit, mit der ich
um sie sorgte. Unermüdlich hatte mein Auge sich an
ihrer Anmuth, ihrer Wohlgestalt geweidet. Jeden Iug,
jede Miene ihres sanften Gesichtes liebte ich, jeden Blick
und Aufschlag ihrer Augen kannte ich, sie war mir
F. Lewald, Benvenuto. 1l.

LB
immer reizend, immer beachtenöwerth erschienen. Im
Traume hatte ich sie einst umfangen, war aufgeregt von
der Erinnerung bei ihr eingetreten, und ihre ahnungs-
lose, unschuldige Ruhe hatte das leidenschaftliche Ver-
langen schweigen machen, daß mich jetzt um so mächtiger
ergriff und fortzog --- hin zu ihr.
Weil mein ganzes Empfinden sich zusammendrängte
in einen einzigen Gedanken, weil ich meiner so sehr
sicher war, zweifelte ich noch weniger an ihr. Ich
stand vor ihrem Hanuse, ich trat in ihre Wohnung ein,
gewiß sie zu Hause anzutreffen. Ihre alte Begleiterin,
des Dienstes sehr gewohnt, öffnete mir die Thüre. Ich
fragte nach der Herrin, sie war ausgegangen. Ich sollte
sie erwarten, sagte die Dienerin, fie müsse sehr bald
wiederkehren.
Magdalenens Zimmer waren mir' vertraut und
lieb. Ich kannte jeden Plaz, jedes ihrer Bücher, jede
ihrer Nähgeräthschaften. Ich hatte sie alle oft in
Händen gehabt: mit der Scheere gespielt, die Maaß-
Bandrolle oft um meinen Finger gewickelt, wenn ich in
ruhigem Gespräch mit ihr, auf dem Stuhle vor ihrem
Ecksopha gesessen hatte. Ich ging hin und her. Ich
blätterte in ihren Büchern, ich sah ihre kleinen Blumen-

24
malereien durch. Sie ließ sich lange erwarten und sie
war sonst immer pünktlich.
Ich rief ihre Dienerin, ich fragte, wo die Herrin
hingegangen wäre. Sie wußte es nicht zu sagen, und
wieder schritt ich in dem Zimmer umher und stand am
Fenster, voll Sehnfucht, endlich die liebe schlanke Ge-
stalt die Straße hinaufkommen zu sehen. Daneben
dachte ich mit Beklommenheit daran, daß ich neuen
Kämpfen mit meinem Vater entgegenzugehen hätte.
Magdalena war Nichts weniger als eine Heirath, wie
sie sich nach seinen Ansichten für den Erben des Ar-
mero'schen Besizes schickte. Ihr bescheidenes Vermögen
kam neben dem unseren nicht in Betracht. Sie war
sechsundzwanzig Jahre, sie hatte weder eine Schönheit,
noch einen großen Namen, die für den fehlenden Reich-
thum als eine Entschädigung gelten konnten; vor Allem
aber war sie keine Katholikin, und daß ein Armero
daran denken konnte, sich mit einer Protestantin zu ver-
binden, das mußte meinem Vater nothwendig als eine
Unmöglichkeit erscheinen. Indeß weil ich meiner dauern-
den und opferwilligen Liebe für Magdalena sicher wr,
so hielt ich mich der gleichen Empfindungen auch von
-

L44
ihr gewiß; und wenn sie sich entschloß, um meinet-
willen sich zu unserer Kirche zu bekennen, hoffte ich alle
anderen Schwierigkeiten, wenn auch nur langsam und
mit geduldiger Beharrlichkeit, überwinden zu können.
Beharrlichkeit! Gerade sie war es, die mir bis dahin
gefehlt hatte. Meine Wünsche, meine Neigungen, meine
Leidenschaften hatten oft gewechselt. Ich wußte das,
ich sagte mir das, und fühlte daneben, daß ich von
Magdalenen niemals lassen könne, denn ganz andere
Bande, ein ganz anderes Verständniß, eine Liebe, die
ich nie gekannt hatte, bis ich sie gefunden, ketteten mich
an Magdalena. Aber Geduld? -- Wie konnte ich ge-
dnldig sein, da fie nicht kau, da sie gegen alle Voraus-
sicht so lange auf sich warten ließ?
Ich dachte darüber nach, wo fie nur sein kdnne,
ich fühlte mich versucht, ihr entgegen zu gehen, ohne
zu wissen, wohin-- nur weil sie mir hier in diefem
Raume gar so schmerzlich fehlte. Ich besann mich auf
den gestrigen Abend und auf die lezten anderen Male,
in denen ich sie zuletzt gesehen hatte, und ich meinte
mich zu erinnern, daß sie nicht so heiter, daß sie
weniger gleichmäßig gewesen sei, als ich sie zu sehen
gewohnt war.

I1
Gestern noch waren ihr bei einem gleichgültigen
Anlaß, als ich ihr davon gesprochen hatte, wie ich im
nächsten Herbste an die Ausführung der Penelope gehen
würde, zu der ich einmal eine kleine Skizze modellirt.
die Thränen in die Augen gekommen. Auch neulich war
das Nämliche geschehen, als sie mir davon erzählte, wie
man auf den Gütern in ihrem Vaterlande die Vollendunzz
der Ernte als Fest begehe, und wie sie in dem Sommer
dieses Jahres dabei zum ersteu Male als Herrin walten
werde, da sie den lezten Sommer außer Landes zu-
gebracht habe.
Jetzt, weil ich's wünschte, deutete ich dies Leztere
zu meinen Gunsten aus; und wie ich dann noch einmal
an das Fenster trat, um nach ihr zu spähen, vermißte
ich plötzlich in der Ecke zur linken Hand eine kleine
Terracotta und einige andere kleine Kunstgegenstände,
welche immer dort gestanden hatten. Die ganze kleine
Etagere war heute leer, und auch die Mappen mit den
Kupferstichen und den Ansichten von Rom, die ich in der-
selben Ecke immer stehen sehen, waren heut' verschwunden.
Gleichgültig, zufällig, wie solche Aenderung mir
in jedem anderen Falle vorgekommen sein würde, fiel
sie mir jezt auf. ,ch sah mich um, die Sachen waren an

L4e
keinem anderen Platze zu entdecken, und nun erst entsann
ich mich, daß bei meinem Eintritt, in dem Vorflur eine
Holzkiste gestanden hatte, die ich bisher dort nie bemerkt
hatte. Ich wollte hinausgehen, die Dienerin zu fcagen,
was das zu bedeuten habe. In dem Augenblick trat
Magdalena ein, und mich an das Aeußerlichste haltend,
weil mir das Herz so voll war, rief ich, ohne sie nur
zu begrüßen: Wo haben sie denn die Mappen hin-
gebracht und die Sachen von der Etagöre?
Ich habe sie verpacken lassen! gab sje mir zur
Antwort; aber sie reichte mir nicht die Hand, und sah
nicht zu mir auf. Ihre Begleiterin war eingetreten,
ihr den Hut und den Shawl abzunehmen, sie selber
ging in die andere Ecke des Gemachs, ihre Handschuhe
und ihren Fächer fortzulegen.
Ich sah das, ich hatte ihre Worte auch vernommen,
aber weil sie in solchem Widerspruch mit meinem
Herzen und der Absicht standen, in der ich zu ihr ge-
kommen war, in der ich die Minuten und die Secunden
bis zu Magdalenens Heimkehr an dem Zeiger der Ühr
hatte vorübergleiten sehen, kamen sie mir unvernünftig
vor, und sie nachsprechend, ohne es recht zu wollen,
sagte ich: Verpacken lassen? Weshalb denn verpacken lassen?

Iu?
Ich wünsche sie zu Hause vorzufinden! bedeutete
sie mir. Jedes ihrer Worte fiel mir wie ein kalter
Tropfen auf mein heißes Herz. Zum ersten Male erschien
mir ihre Ruhe fürchterlich - und wie in einen
Zauberspiegel tauchte in meiner Seele jener Morgen auf.
an welchem Gloria gekommen war, mir von ihrer be-
vorstehenden Abreise zu sprechen. Ein Blick, ein Aus-
ruf waren genug gewesen, sie in meine Arme, an meine
Brust zu führen, denn sie hatte mich geliebt. Magdalena
hingegen schien nicht zu sehen, nicht zu hören, nicht
zu ahnen, was in diesem Augenblicke in mir vorging.
Ich war wie gelähmt. Wie sollte ich ihr von
Liebe sprechen, die so kalten Blutes von mir gehen
wollte? Wie konnte ich erwarten, daß sie bereit sein
würde, mir das Opfer zu bringen, daß ich von ihr
fordern mußte? Daß sie einwilligen wüirde, mit mir gegen
die großen Hindernisse geduldig anzukämpfen und auszu-
harren, welche unserer Verbindung schwer entgegenstanden?
Sie, die vorsorglich darauf bedacht war, es sich bequem
und angenehm zu machen in der Heimath, in dem eigenen
Hause, fern, ach wie fern von mir!
Ich nannte mich in meinem Herzen einen eiteln
Thoren, ich kam mir lächerlich vor, aber ich war dabei

218
sehr unglücklich; und unfähig, ein Wort zu finden, setzte
ich mich schweigend nieder.
Jetzt wurde sie aufmerksam. Was haben Sie?
Weshalb sprechen fie nicht mit mir? Was ist Ihnen denn
geschehen, mein Freund? fragte sie.
Mein Zustand war ein unerträglicher. Ich wußte,
daß das erste Wort, welches über meine Lippen käme, ein
Vorwurf sein würde, der ihr verrieth, was ihr zu ge-
stehen ich nicht mehr wünschen konnte. Endlich aber
hielt ich mich nicht mehr länger; und mit dem bös-
willigen Ungeschick gekränkter Lebe sagte ich: Sie haben
eine sonderbare Weise, Ihre Absichten vor Ihren Freun-
den zu verbergen. Sie rüsten sich zum Aufbruch, Sie
wollen Rom verlassen, und ich erfahre das nur bei-
läufig, nur durch einen Zufall.
Sie zuckte zusammen, ich sah, wie sie die Antwort
unterdrückte, die ihr auf den Lippen schwebte, und leise
den Kopf bewegend, sprach sie: Sie tadeln mich! und
ich hatie es wirklich gut gemeint. Ich wollte Ihnen
wenigstens das Erwarten der Trennung ersparen, das
immer weh thut, wenn man gern beisammen war, und
von einander geht, ohne zu wissen, ob man ein Wieder-
sehen haben wird.

49
Ihre Fassung raubte mir die meine völlig, und
ihre Hände fest ergreifend, sagte ich ihr Alles, was ich
für sie auf dem Herzen hatte. Ich sagte ihr, wie ich
neben ihr hingelebt in einem ungekannten Glück und
Frieden, wie ein neuer Sinn in mich gekommen, seit ich
sie kennen lernen, wie mein Wollen, mein Thun, mein
Wünschen umgewandelt seien durch sie; und mit all meiner
Liebe bot ich ihr meine Hand an, bat ich sie, die Meine
zu werden. Aber ich wartete vergebens auf ihr Wort
der Zusage. Ihre Hände waren kalt geworden, ihre
Lippen preßten sich krampfhaft zusammen, ich sah, wie
angstvoll ihre Brust sich hob und senkte, sie war so
blaß geworden, daß es mich erschreckte.
Ich rief sie mit ihrem Namen, meine Angst um
sie steigerte meine Leidenschaft. Ich beschwor sie, mir zu
antworten, mir zu sagen, daß sie mich liebe. Sie hatte
sich von mir frei gemacht, und die gefalteten Hände
gegen die Brust gedrückt, flehte sie: Wenn Sie mich
lieben - nicht weiter! nicht weiter! Es geht über
meine Kräfte, Sie zerreißen mir das Herz!
Ich stand ihr rathlos gegenüber und auch mir
krampfte sich das Herz zusammen in der Brust. Es ist
hart und bitter sich verschmäht zu sehen, beschämend,

25
sich eingestehen zu müssen, daß man mit eitlem Hoffen
sich betrogen hat. Aber das Verlangen, sie mir zur
Gattin, zur Lebensgefährtin zu gewinnen, war mächti-
ger, als jedes andere Gefühl, und um mich herauszu-
finden aus dem Chaos widerstreitender Gedanken fragte
ich: Magdalena! also lieben Sie mich nicht?
Die Thränen tropften ihr still' aus den Augen,
die sie mit der Hand verdeckt hielt, sie schllttelte leise
das Haupt: Nein! nicht, wie Sie es wünschen, wie
Sie's fordern müssen! sagte sie kaum hörbar, und ging
schnell hinaus.
Ich stand und sah ihr nach. Ich hätte ihr zürnen
mögen, denn es war mir schlecht zu Muthe. Aber wie
sollte ich ihr zürnen, da ich ihren Schmerz gesehen hatte
und voll Mitleid, voll Sorge um sie war.
Die Dienerin, die mir das Geleit gab, fragte mich
zutraulich, ob ich am Abend wiederkäme. Ich hatte ihr
nicht wie sonst die Antwort darauf zu geben. Noch
einmal blickte ich nach dem Zimmer zurück, über dessen
Schwelle ich manch liebes Mal in froher Zuversicht ge-
schritten war, dann ging ich meines Weges. - Aber
meine Gedanken fanden keine Nuhe.
Ich erschdpfte mich in Muthmasßungen über

Bt
Magdalenens Weigerung. Ich sann und sann, mir zu
erklären was sie zurückhalte, sie hindere, sich mit mir
zu verbinden. Ein früheres Versprechen konnte es nicht
sein, denn sie selber hatte mir gestanden, sie habe nie
geliebt; und an ihrer Wahrhaftigkeit zu zweifeln, kam,
trotz, meiner Verwirrung nicht einen Augenblick in meinen
Sinn. Ich erinnerte mich ihres Betragens seit der
ersten Stunde unserer Bekanntschaft. Ich konnte mir jede
Stunde unseres Beisammenseins mit Deutlichkeit zurück-
rufen. Mir fielen Worte, Mienen, Freundlichkeiten von
ihr ein, die mich sicher neben ihr gemacht, die mich zu
dem Glauben berechtigt hatten, daß ich ihr theurer sei,
daß sie mich liebe. Der Tag verging mir in wirrer
Pein, in einem Schmerz, dessen ich mich hätte schämen
mögen, hätte ich es vermocht.
Gegen den Abend brachte ihre Dienerin mir einen
Brief von ihr. So klar und ruhig, daß mir gar kein
Zweifel über ihre Gesinnung bleiben konnte, sezte sie
mir auseinander, wie sie eine ernste und herzliche Freund-
schaft für mich habe, wie sie diese zu den besten Er-
werbnissen ihres Lebens zähle; aber wie jene innere
Stimme, von der sie sich habe führen lassen bis auf
diesen Tag und die sie nie betrogen habe, ihr die un-

od7D
umstößliche Neberzeugung gebe, daß fie weder mich glück-
lich zu machen, noch in der Ehe mit mir glücklich zn
werden im Stande sei. Habe ich Achtung vor ihr,
hege ich Vertrauen zu ihr und liebe ich sie, so möge
ich sie in ihrem Entschlusse, der nach ihrer festen leber-
zeugung zu unserm beiderseitigen Heil gereiche, nicht
beirren. Ihre Vorbereitungen für die Abreise seien schon
seit Tagen vollendet. Morgen mit dem Frühesten werde
sie gen Norden in die Heimath ziehen; und sie begehre
es von uir als einen Liebeödienst, daß ich sie ohne
weitere Erörterungen scheiden lasse. Habe ich dereinst
das Glück gefunden, das sie muir nicht bereiten könne,
so möge ich ihrer darüber nicht vergessen, sondern an
sie denken, wie an die Genossin schöner Tage und
Stunden, die als leuchtende Erinnerung ihr Leben ver-
schönen würden, wie es in der Zukunft sich auch ge-
stalten möge.
Der Brief war edel, würdig, gütig, aber er wirkte
doch anders als dgs Wort von ihrer Stimme. Er
kränkte meine Liebe und beleidigte meinen Stolz. Sie
sollte ihren Willen haben. Jedoch in Rom zu bleiben,
so lange sie dort noch verweilte, das vermocht' ich
nicht.

=5I
Ich schrieb ihr: Sie sollen gehorsamt werden!
Leben Sie wohl! -- Ihrer Entschlossenheit gegenüber
war ja auch weiter Nichts zu sagen.
Mein Vater hatte schon seit einigen Tagen ge-
äußert, daß es ihm lieb sein würde, wenn ich einmal
in das Gebirge ginge, nach unseren dortigen Angelegen-
heiten zu sehen. Ich ließ mein Pferd satteln und ritt
hinas. Wie ich an das Thor kam, wie sich das osfene
freie Land vor meinen Augen aufthat, erschreckte mich
die Weite.
Gewaltsam zeg es mich zurück und hin zu ihr.
Aber als Schwächling wollte ich der Willensstarken nicht
erscheinen - - und hier endet der Roman!
Als ich vier Tage später nach der Stadt zurück-
kam, war Magdalena schon lange abgereist. Die Fenster
ihrer Wohnung waren weit geöffnet, die Dienstboten
des Hanses handtirten mit Bütrsten und Besen in den
Zimmern umher. Ich machte, daß ich aus der Straße
fort kamn. Ich konnte das Haus nicht sehen, ich konnte
viele Tage lang die Promenade nicht betreten, die Pfade
und Wege nicht gehen, auf denen ich in glücklichen
Stunden ihr Begleiter gewesen war. Sie fehlte mir
überall! überall! und-- sie fehlt mir hente noch!

B?s
Einmal, wenig Wochen nach unserer Trennung,
ich stehe nicht an, es Ihnen zu bekennen, habe ich ihr
geschrieben. Sie hat mir auch geantwortet, wie sie es
vordem gethan, und ich habe mich beschieden.
Seitdem ist mein Vater hingegangen, ich bin allein
in unserem Hause und ich fühle es oft genug, wie es
nicht gut ist, daß der Mensch allein sei, wie es gerathen
wäre, mir eine Frau zu nehmen, eine Gattin, eine
Herrin einzuführen in mein ödes Haus. Aber Magda-
lena steht zwischen mir und jeder anderen Frau!
Ich habe schönere, glänzendere Frauen gekannt,
geliebt, als sie; und ich denke jener Frauen, als läge
ein halb Jahrhundert und die ganze Welt zwischen mir
und ihnen. Sie bedeuten Nichts mehr für mein Leben.
Magdalena kann ich nicht vergessen. Unbeständig,
wie ich es gewesen bin, hänge ich an ihr noch heute.
Und nun werden Sie e verstehen, das Bekennt-
niß, das ich Ihnen bei unserem lezten Beisammensein
gethan habe und das Sie damals lachen machte: daß
ich verschmäht ward, als ich zum ersten Male wahrhaft
liebte. Lachen Sie auch heute darüber, wenn Sie
mögen. Ich vermag es nicht!

Kapitel 17

Ziebenzehntes Capilel.

,Fenvenuto's Aufzeichnungen endigen damit, und ih
habe nicht gelacht bei ihrem Schlusse.
Es war ein wunderbarer Zufall, der uns ihn
wiederfinden lässen in der Pariser Ausstellung, und der
mir damit die Fäden seines Schicksals und nicht allein
des seinen, in die Hand gegeben hatte. Denn ich kannte
Magdalena, und ich wußte mehr von ihr, als sie Ben-
venuto zu sagen für gut befunden hatte.
Ihre Mutter war mir eine Freundin gewesen bis
zu ihrem frühen Tode. Ich hatte Magdalena aus der
Taufe gehoben und war, da auch ihre Großtante mir
nahe gestanden hatte, nicht ohne Einfluß geblieben auf
die Erziehung, die man ihr gegeben. Nach dem Tode
ihrer Pflegemutter, und nachdem ihr das Vermögen
derselben zugefallen war, hatte ich selber sie veranlaßt,
F. Lewald, Benvenuto. P.

L78
ihre Heimath zeitweilig zu verlassen, um sich selbst-
ständiger zu bewegen, als es bis dahin möglich für sie
gewesen war, um sich einen weiteren und freieren Blick
in die Welt zu verschaffen, und einen belebenden Menschen-
verkehr zu suchen und kennen zu lernen. Ich hatte den
Reiseplan für sie entworfen, und alle ihre Briefe sprachen
mir es aus, daß ich das Richtige für sie getroffen hätie,
daßß sie ihres Lebens froh sei, wie nie zuvor.
Namentlich seit sie sich in Rom befand, schien ein
neuer Geist über sie gekommen zu sein. Ihre Briefe
waren schwungvoll, ihre Schreibweise hatte einen ande-
ren Rythmus bekommen, ihr ganzes Wesen eine uner-
wartete Entfaltung. Ich schob das auf die Einwirkung
von Nom, auf den Verkehr mit Menschen aus den ver-
schiedensten Gegenden, auf den Unigang mit den
Künstlern.
Plözlich blieben ihre Briefe aus. Es war nach
dem neuen Jahre, der Carneval halte begonnen, ich ver-
muthete also, daß die gesellschaftlichen Zerstreuungen sie
in Anspruch nähmen, und ich machte mir keine Sorge
um ihr Schweigen. Indeß es fiel mir endlich dennoch
auf, und mit ein paar Zeilen, die ich unter ihrer
rdmischen Adresse an sie abgehen ließ, erkundigte ich mich

259
nach ihr. Die Antwort ließ mehrere Wochen auf sich
warten, und als ich sie in Händen hielt, fand ich zu
meiner Verwunderung, daß der Brief den Poststempel
des deutschen Landstädtchens trug, in dessen nächster
Nhe Magdalenens ererbtes Gut gelegen war.
In der Stunde, in welcher ich ihn erhalten, hatte
der Brief mich sehr erschüttert. -- Ich las ihn wieden,
als ich Benvenuto's Bekenntnisse beendet hatte; und ich
theile ihn hier mit, da keine Rücksicht irgend einer Art
es mir verbietet. Er enthält die Lösung für Magda-
lenens räthselhaftes Fortgehen, wie er die Zauberformel
in sich schloß, das Dunkel zwischen den beiden Liebenden
aufzuhellen, und das Leid in Freude zu verwandeln.
Du wirst Dich wundern, meine treue mütterliche
Freundin, so lautete das Schreiben, wenn Du aus
meinem Dorfe die Antwort auf den Brief empfängst,
mit welchem Deine Güte mich in Rom aufsuchen wollte.
Ist es mir doch selbst noch unbegreiflich, daß ich hier
bin, wo unter einem trüben Himmel der Schatten
unserer alten Linden mein Zimmer heut' noch dunkler
macht, und wo ich hingegangen bin, um das Land voll
Licht und Sonne zu vergessen, um Alles! Alles zu be-
graben, was ich doch nicht vergessen kann und nicht ver-
z

O
gessen will. Nein! ich will es nicht vergessen; denn
mein Leben hat erst Werth bekommen, seit ich weiß was
Leben heißt, seit ich an Glück und Leid erprobt habe,
was ich zu genießen und was zu tragen ich im
Stande bin.
Das klingt geheimnißvoll, klingt Dir vielleicht auch
überspannt. Aber glaube mir, ich habe kein Geheim-
niß zu verbergen, dessen ich mich vor Dir, oder, was
noch mehr ist, vor mir selber schämen müßte. Das was
ich that, würde Dir, ich bin deß sicher, von der Ver-
nunft, ebenso wie von der leidenschaftlichen Liebe als
Nothwendigkeit geboten erscheinen, die ich für ihn hege.
Frage um Nichts! Was ich Dir sagen kann, will
ich Dir sagen. Es wird mir noch schwer, davon zu
sprechen; es ist Alles noch zu neu, zu frisch. Das
Herz blutet noch und schmerzt mich noch. Es ist auch
nicht viel davon zu berichten, es ist Mlles mit wenig
Worten abzuthun.
Ich habe einen Mann kennen lernen, den ich liebte,
bald nachdem ich ihn gesehen hatte. Er war aus-
gezeichnet durch Schönheit, durch vornehme Geburt, ein
Künsler von hoher Bedeutung. Ich wußte, daß ihm
die große Welt, in der er lebte, huldigte, daß er zu

21
wählen hatte unter den schönen Frauen, die von alle:
Völkern in Rom zu treffen sind. Man hatte mir aucz
gesagt, daß sie ihm schmeichelten, daß er viel Leiden-
schaften angefacht, viel Leidenschaft durchlebt, daß e
schwere Schicksale bestanden habe, schwere Familien-
Zerwürfnisse ihn Jahre hindurch aus seinem Vaterlande
fortgetrieben, von seinem Vater getrennt hatten, und daß
er eben erst heimgekommen sei, ausgesöhnt mit diesem
stolzen Greise, um neben demselben in dessen letzten Tagen
die Sohnespflicht in liebender Ergebung zu erfüllen.
Ich hatte das angehört, wie ich in meiner Kindheit
den Schilderungen von dem fernen Süden gelauscht
habe. Es war mir Alles so fremd, lag gar so weit
ab von den Bereichen, in die ich mich hineingehörig
fühlte. Es zog mich an, doch sagte ich mir, derlei sei
nicht für mich vorhanden; es kümmerte mich persön-
lich nicht.
Aber wie des Sütdens Sonne, als ich so unerwartet
nach Jialien gelangte, mir das Herz erschloß, daß es
mit schnelleren Pulsen schlug; wie ich es inne wurde
unter Jtalienö lichterfülltem Himmel, daß auch ich
geboren sei, um das Glück des Daseins mit menschlichem

2
Entzücken zu empfinden, so wachte ich zum Vollgefühl
der Liebe auf, als ich ihn sah.
Ich wußte bald, was mir geschehen war; aber
statt zu fliehen, statt zu meiden, was ich begehren
lernte und was nicht für mich da sein konnte, blieb ich.
Das war ein Fehler, war die Schuld, die ich jetzt büße.
Ich vertraute meiner Kraft. Sie reichte eben hin, mir
schweigend den Stachel in die Brust zu drücken, und
mit einer Lütge von ihm fortzugehen für immerdar.
Auch das wirst Du wieder nicht verstehen. Nun
denn! Weil ich gewöhnt war, ehrlich in dem eigenen
Herzen zu lesen, las ich bald in dem seinen mit der
gleichen Deutlichkeit. Ich sah, wie sein Antheil an mir
sich in Zuneigung verwandelte, wie es ihm behaglich
war, dem an die Frauen der romanischen großen Welt
gewöhnten Manne, in der stillen Umgebung, die wir
Deutsche nicht entbehren kdnnen; wie die Beschränkung
ihm wohl that, wie er sich in ihr sammelte und ver-
tiefte, und wie neu es ihm war, sich von der Vorsorge
einer ihn liebenden Frau, statt von einer eihe bezahlter
Domestiken bedient zu sehen. Er kannte unsere Sprache,
er lernte mehr und mehr und endlich mit tiefem Ver-

2L
ständniß unsere Dichter, unfere Lieder lieben. -- Es war
Alles Liebe zwischen mir und ihm, und er ahnte nicht
die meine, er war sich der seinen nicht bewußt. Wie
follte er es auch? -- Ich war den Frauen, die er
bisher geliebt hatte, so wenig ähnlich. Ich war nicht
schön, nicht glänzend, ich war nicht einmal jung! Nach
römischen Begriffen war ich alt mit meinen sechsund-
zwanzig Jahren. Ich sagte mir das an jedem Tage.
An jedem Tage wiederholte ich mir, daß mein
Gllck nicht lange währen würde. Ich hielt mir Alles
vor, was ich von seiner Unbeständigkeit vernommen
hatte. Ich sagte mir, daß er des friedlichen Verkehrs
mit mir bald müde werden würde; und sah ich ihn
dann auf der Promenade an der Seite einer jener
stolzen Römerinnen, deren flammende Augen das be-
zaubernde Lächeln auf seine Lippen lockten, so kehrte ich
heim und dachte: heut kommt er nicht! Er kommt
wohl auch gar nicht wieder! -- Und wenn er dennoch
kam! immer wieder kam- -- Aber die Tage sind
ja dahin!
Sein Vater hatte glänzende Verbindungen für ihn
im Auge. Sein altes Geschlecht, von je eine Stütze der
Kirche und ihr ganz zu eigen, war dem Erlbschen nahe.

2l
Ich wußte, daß des Sohnes Weigerung, die von dem
Vater gewünschte Ehe einzugehen, jenes Zerwürfniß
herbeigeführt hatte, von dem ich Dir berichtet habe.
Ich wußte das Alles, und ließ einen Tag hingehen nach
dem andern; denn ich liebte ihn mit der Liebe, mit der
Leidenschaft, denen keine andere folgen kann. Ich sah es
endlich mit unaussprechlichem Entzücken, wie er sich
fester und fester an mich anschloß -- und wenn ich
mir am Abende, auf meinem Lager in der dunklen
Nacht, es zugerufen hatte, das vernichtende: hoffnungs-
los! -- so sagte ich mir in meiner bitteren Pein, weil
ich nicht anders konnte: nur morgen noch! Und der
Morgen ging mir auf mit allem seinem mich mehr
und mehr verstrickenden Zauber, mit allem seinem
goldenen Glück.
Ich kannte mich selbst nicht mehr. Oftmals
betraf ich mich auf dem frevelhaften Wunsch, seine Un-
beständigkeit möge mir zu Hilfe kommen, mich zur
Besinnung bringen! Und grade in solchen Augenblicken
dachte ich daran mit Schaudern, daß ich rettungslos zu
Grunde gehen müßte, wäre ich sein Weib und sähe ihn
einer Anderen zugewendet.
Ich war völlig haltlos. Wie in einer Brandung

2B
trieb ich umher, das Auge in meiner Angst bald dem,
bald jenem Punkte zugekehrt. Nur das Eine wuiste
und empfand ich immer: einen Mann wie ihn dauernd
zu beglücken, war ich nicht die Frau; und seine Untreue
zu ertragen, fehlte mir die Kraft.
So raffte ich mich endlich auf. Ich machte
heimlich die Vorkehrungen zu meiner Abreise, denn mit
ihm davon zu sprechen, fehlte mir der Muth. Er sollte
es nie erfahren, was es mich kostete, von ihm zu scheiden,
nie erfahren, daß mein Leben begonnen hatte und be-
schlossen war in der kurzen Spanne Zeit, in der die
Schönheit seines ganzen Wesens es erleuchtet hatte.
Er sollte in Frieden meiner denken, mich ohne Bedauern
vergessen können.
Aber ein so sanftes Ende meines schönen Traumes
ward mir nicht beschieden. Die Mahnung seines Vaters,
an die Wahl einer Gattin zu denken, hatte ihm sein
Herz enthüllt. Er kam und begehrte mich zur Frau.
Er forderte von mir, mit ihm die Hindernisse zu be-
kämpfen, die seines Vaters Ueberzeugungen und Ansichten
uns entgegenstellen würden. Ich sah neue Kämpfe,
r

2e
Schönheit offenen Sinn. - Ihm und mir wollte ich
zu Hüülfe kommen, Leid ersparen. Aus Liebe zu ihm
verfuhr ich grausam mit mir selber.
Er ist an jenem Tage von mir gegangen, ohne
es zu wissen, daß ich ihn geliebt habe, und ich habe
ihn im Unmuth von mir scheiden sehen. Nun bin ich
hier und bleibe hjer.
Mehr sage ich Dir heute nicht. Es ist nicht
einem Jeglichen beschieden, glücklich zu werden auf der
Erde, seine Ideale verwirklicht zu sehen, seine höchsten
Wünsche zu erreichen. Es giebt Epistenzen, die, wie
manche Pflanzen, für den Schatten geschaffen sind:
farblose Epistenzen, die des Künstlers Aug' nicht lang
erfreuen, wenn sie es auch auf eine kurze Zeit beschäf-
tigen können. Eine solche farblose Natur bin ich.
Wohl mir, daß die Strahlen seiner Schbnheit und
einer großen Liebe mich getroffen haben! Sie leben
und wirken unablässig in mir fort. Ich kann und werd'
es nicht bereuen, daß ich ihn abgehalten habe, ihn, in
dem sich mir mein Ideal verkörpert, noch einmal
seines Vaters Zorn auf sich zu laden, sich um meinet-
willen in Zwiespalt zu bringen mit der Welt, in der
er lebt, um sich an eine Frau zu binden, der es das

e?
Herz gebrochen haben würde, ihn auch nur in einen
Stunde es wünschen zu sehen, daß er nicht eben dies:
Wahl, daß er eine andere getroffen hätte.
Und nun denke meiner mit der gewohnten Güüte
und ohne jede Sorge. Daß es mir nicht beschieden
sein könne ihn zu besitzen, das habe ich mir an jeden
Tage gesagt und wiederholt, seit ich jhn sah und liebte
und ich war gefaßt in dieser Erkenntniß, gefaßt und
ergeben. Aber ihn verlieren zu müssen, nachdem ich
ihn besessen hatte, das würde mein Tod gewesen sein
Ich wußte, was ich that, als ich von ihm ging
und ich wußte, warum ich's that. Ich bin noch müde
von dem schweren Kampfe gegen mich selbst -- müde
und auch traurig; indessen mein Gewissen ist ruhig, und
hier ist es einsam und still genug, sich in sich selbst zurecht
zu finden, ohne Andere sehen zu lassen, daß man leidet.
Bin ich gesammelt genug, mich bei Dir einzu-
stellen, so komme ich von selbst zu Dir.-- Ich denke,
Du wirst mich nicht weniger freundlich willkommen
heißen, weil ich nun selber aus eigenster Erfahrung
von dem Glück und von dem Leid zu sagen weiß, die
Du uns so oft geschildert hast.

Kapitel 18

se Betenntnisse der beiden theuren Menschen
lagen vor mir. Ich brauchte mich nicht lange zu be-
denken, was mir hier zu thun oblag. Es galt wieder
einmal einen Roman zu einem befreienden und beglücken-
den Abschluß zu bringen.
Noch an demselben Abende sendete ich Magdalenens
Brief nach Nom, und Benvenuto's schriftliche Erinnerungen
in das stille Haus, in welchem das treffliche Mädchen
segensreich nnd voll Entsagung waltete und wirkte.
Wenige Monate später fand Magdalenens Trauung
mit dem Grafen Armero statt, zog die junge, deutsche
Hausfrau als Herrin ein, in den alten römischen
Palast, in dessen prächtigen, von alter und neuer
Kunst geschmückten Näumen sie in ungetrübtem Glücke
lebt seit der Stunde, da sie ihn zuerst betreten hat.

A
Monsignore Arrigo war während der ersten Jahre
ihrer Ehe noch am Leben, und noch geistesfrei und
geistesfrisch genug, die Gesellschaft, welche sich über des
Grafen Heirath mit einer Deutschen, mit Magdalenen,
sehr verwunderte, nach des alten Grafen Beispiel mit
den Worten zu beschwichtigen, daß jeder Armero seinen
Kopf und seine besondere Grille habe.
Donna Carolina, so geneigt sie der Nomantik
auch noch in ihrem vorgeschrittenen Alter war, konnte
sich jedoch in diese neue Laune des Grafen gar nicht
finden. Sie verlangte, Monsignore Arrigo solle ihr
erklären, weshalb Benvenuto eben auf diese Wahl be-
standen habe. Und man erzählte, daß er ihr mit seinem
unzerstörbaren sarkastischen Humor darauf erwidert habe:
Was wollen Sie? was ist da zu erklären? Man bedarf
doch endlich einer kleinen Abwechselung. Sonst bekehrten
unsere römischen Jesuiten die deutschen Frauen, jezt hat
einmal eine Deutsche die Sache umgedreht. Donna
Magdalena hat das Wunder vollbracht, einen Römer
zu bekehren, indem sie Don Benvenuto zu dem Muster
eines treuen, würdigen Familienvaters machte. Wenn
der gute Pater Cyrillus nicht schon heute darauf anträgt,
Donna Magdalena dafür zu canonisiren, so liegt das

K
nuur daran, weil weder er, noch Einer seines Ordens,
jezt in den Palast der Armero kommuen, und weil sie
also gar nicht wissen, welch eine Art von heiliger Familie
in demselben weilt.
Der innere Frieden und die Selbstbeschränkung,
welche mit seiner Ehe über Benvenuto gekommen, sind
seiner künstlerischen Entwickelung von großem Nutzen
gewesen. Sie prägen sich in allen seinen späteren Werken
aus. Seine rastlose quälende Unzufriedenheit mit dem,
was er geschaffen, hat einem besonnenen Urtheil, einer
strengen Selbstkritik Plaz gemacht. Er weiß jetzt, was
er will und muß. Er wird nicht mehr von einer idealen
Vorstellung zur andern fortgezogen, sondern beharrt mit
festem Sinne bei der jedeämaligen Arbeit, bis er sich
sagen darf, daß er geleistet habe, was ihu überhaupt
zu leisten möglich sei, daß er die Arbeit vollendet habe.
Er hat gelernt, sich wie jeder Künstler vor seinem
Werke zu bescheiden. Er lebt und webt in Schönheils-
freude und innerer Harmonie, und diese Seelenstimmung
verleiht seinen Gestalten den beruhigenden Zauber, den
die Antike auf uns ausübt.
Manche aber von unseren Landsleuten, denen diese
Blätter in die Hände kommen, werden bei dem Lesen
F. Lewald, Benwenuto. 1,

e
derselben sich an die guten Stunden zu erinnern haben,
die sie zu Nom der Gastfreundschaft im Palazzo Armero
verdanken. Sie werden mit Freuden zurückdenken an
das edle Paar, das, von seinen stattlich aufbllhenden
Söhnen und Töchtern froh umgeben, sich eines Daseins
erfreut, welches man beneidenswerth nennen müßte,
wäre das Glick, das Benvenuto und Magdalena
mit einander bewusßt genießen, nicht zugleich ein
wohlverdientes.
E n d e.
Berliner BuchdruckereiActien-Gesellschan
Setzerinnenschule des Lette-Vereins.