Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 09

I., he.e in den lezten Zeilen von einer jener
schönen Stunden gesprochen, deren ich mich immer zu
erinnern liebe, weil sie eine schattenlose Glücksempfindung
in mir hervorruft.
Bis dahin hatte ich uur die Hälfte meiner Zeit
auf die Kunst verwenden dürfen; jezt gehörte ich ihr

ganz an. Meine Einbildungskraft regte sich nach meiner
Befreiung lebhafter, ich gewahrte auch die mich um-
gebende Wirklichkeit deutlicher und mannichfaltiger, seit
der Abate nicht mehr jeden meiner Blicke üllerwachte.
Aber obschon ich es mir mit immer neuer Freude vor-
hielt, daß ich frei sei, daß ich thun und machen
könne, was ich wolle, spürte ich jetzt weit weniger
Anreiz als vordem, das Verbotene, das Ungehörige
zu thun.

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F. Lwald, Benvenuuto. l.


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Dagegen konnte ich, bald nach der ersten stolzen
Freiheitsfreude und dem zuversichtlichen Glauben an mich
selbst, einselbstquälerisches Grübeln in mirnicht unterdrücken.
Anfangs erschien mir dies uur komisch, und ich
hoffte es bald los zu werden. Ich hielt es für den
Schatten, den der von mir geschiedene Jesuit noch über
meinen Weg zurückwarf. Er hatte mich von frühester
Kindheit an so sehr daran gewöhnt, j,den meiner Ge-
danken zu beachten, um ihm Nechenschaft da gg
geben, und von ihm jeden meiner Gedanten auuf dessßh
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geheimste Beweggründe zurückgefihrt zu sehen, daß ich
ganz unwillklrlich jezt das Gleiche an mir selbst vor-
nahm. Ich hatte es als einen wahren Segen für mich
zu betrachten, daß Arrigo's Heiterkeit mir über diese
selbstquälerische Unart forthalf. Ohne einen besonderen
Gehorsam oder ein besonderesVertrauen von mirzu begehren,
behandelte er mich wie einen Sohn, dem er mit seiner
Erfahrung zu Hilfe kommen, und von welchem er seine
Nathschläge befolgt zu sehen wünschte. Da er selber
sich keinen Lebensgenuß versagte, und an seine Zwecke
reichliche Mittel zu sezen gewohnt und in der Lage war,
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gewährte er auch mir eine Freiheit, die nicht ohne Ge- j
fahren für mich war.

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Ich hatte plözlich über ein verhältnis mäßig sehr
beträchtliches Jahrgeld zu verfügen, während ich vorher
über gar Nichts Herr gewesen war, und es für mich
schon zu den bemerkenswerthen Ereignissen gehört hatte,
wenn man mich einmal in das Theater gefiührt, oder
wenn mein Erzieher mit mir in einem Cafs ein Gla?
Sorbetto eingenommen hatte. Was mich aber daä
eberraschendste bedünkte, war, daß ich mich von der
Gesellschaft, in die ich unter dem Schutze von Mon-
signore Arrigo eintrat, mit Antheil und mit Gunst
beobachtet und empfangen fand, vor Allem von den
Jünglingen meines Alters und von den Frauen.
Ich wurde, um das einzig richtige Wort dafür zu
gebrauchen, ganz unverdientermaßen Mode, wie eine
neufarbige Tracht, wie ein neuer Hut; und Donna
Carolina war es, die mich in die Mode brachte? utit
all' der Keckheit, und doch wieder mit all' den Geschick,
mit welchem sie für sich selbst und an sich selbst die
übertriebensten Moden annehmbar erscheinen zu machen
wußte. Die Gesinnung ihres Publikums kam ihr dabei,
ich weiß nicht, ob zu meinem Glücke, auf halbem Wege
entgegen.
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In unserer damaligen Gesellschaft herrschte in Folge
der französischen Ronanlectüre der Glaube an die titanen-
haften Männer, die sich nuur durch Schrankenlosigkeiten
und Gewaltthaten genug thuun lounten, und an die er- -
habenen unverstandenen Frauenseelen, welche fitr diese-
Männer keine Opfer schheuten, denen ihr Rnf, ihre Ehre
gar Nichts galten, die mit allem Herkommen sehr bald
fertig waren, wenn und wo es darauf ankam, sich einem
dieser , Titanen. gleichvies welchem Stande nn F
dungsgrade er angehörte, frischweg an den Hals zu eit
Wo diese Hallgötter sich in unseren Kaffeehäusern, in
unseren Theatern und Salons zu ihrer Hihe heran-
gebildet, wo sie unter unserem Volke plözlich aufgetaucht,
oder was in den Seelen jener Frauen unverständlich sein
sollte, die in dem müßigsten Leben, in den gewöhnlichsten
Liebeshändeln ihre völlige Befriedigung, und für dieselben ,
weit mehr Duldsamkeit fanden, als von den Nauchkommen
eines Collatin und Cato zu erwarten stand, darüber
nachzudenken nahm man sich nicht die Mühe. Es ge-
hörte eben in der schönen jungen Welt zum guten Ton,
die Tyrannei der Sitte zu verwünschen, und für Jeden

ohne Weiteres Partei zu nehmen, der sich auf irgend z
eine Art mit den gewöhnlichen Verhältnissen in Wider- Z

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spruch versezte. Ein Marchese Armero, der die Kituustler-
blouse anzeg, der seinem Vater nicht gehorsamt hatte,
den obenein ein vornehmter Prälat vor den Eiulritl ie
den geistlichen Stand bewahrt, und den er sich zum
Hausgenossen und zum Pflegesohn erkoren, hatte ebenso,
went nicht noch mehr Aussicht auf Erfolg, als die
Bauerburschen und Tischlergesellen, die in den Nomanen
von George Sand ihre Augen zu den Frauen der vor-
nehmen Welt erhoben und Erhörung von diesen fanden.
Dait die Sache aber noch einen besonderen Reiz
bekam, hatte Donna Carolina nicht ermangelt, die ein-
fache und oft dagewesene Historie, wie die Liebe mich
zum Künstler gemacht, mit so viel Zuthaten ihrer eigenen
Erfindung aufzustuzen, dasß sie wirklich einem Nomane
mehr ähnlich sah, als der schlichten Wirklichkeit und den
ersten Liebesregungen eines sechszehnjährigen Burschen.
Es war also in der That ein wahres Gllck fitr mich,
daß ich in meiner ernsten Hingebung an die Kunst ein
Gegengewicht gegen die Beachtung und die Anözeichnung
besaß, von denen ich mich ohne jegliches Verdienst mit
einemmale umgeben sah.
Während ich in der Werkstatt meines Meisters
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mich in den folgenden Jahren der Erlernung des
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Handwerks eifrig unterzog, fing ich zu Hause an, mich
öfter und immer öfter in eigenen Entwürfen zu ver-
suchen, und vor Allem war es die Gestalt einer trägi-
schen Muse, die mich viel beschäftigte. Ich hatie sie
frühzeitig unternommen und immer wieder verändert,
weil es mir nicht gelingen wollte, den Ausdruck geistiger
Erhabenheit in dem Kopfe derselben so überzeugend
auszudrücken, wie er mir in der Seele lebte, und wie
ich ihn bisher in der Wirklichkeit niemals angetroffen
hatle. Da machle uit einemu Mal eine unerwartete
Begegnung allem meinem Suchen und Schwanken rasch
ein Ende.
Vor jenen sechszehn, siebenzehn Jahren, als die
1eberfluthung Noms durch die Fremden noch nicht
begonnen hatte, welche, seit die Eisenbahnen uns so
nahe gerückt sind, unsere alten Gewohnheiten umgestaltet
hat, war, wie Sie sich erinnern werden, das gesellige
Leben, selbst der vornehmsten Gesellschaft, ein sehr ein-
faches, sehr zwangloses in Rom, und darum ein äußerst
angenehmes. Man war in der guten Gesellschaft völlig
unter sich, Einer kannte und würdigte die Verhältnisse
des Andern, man hatte also gar nicht nöthig, sich in
Scene zu setzen wenn man zusammenkam, und es
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herrschte damals noch die gute Sitte, daß die Frauuen
von Stande ihr Haus an bestimmten Tagen und
Stunden gedffnet hielten, um ihre Freunde zu einer
Conversazione zu empfangen, wobei denn mitunter die
Eine oder die Andere irgend eine besondere Art der
Unterhaltung, sei es eine musikalische oder literarische,
für ihre Gäste vorzubereiten, sich bemüht erwies.
Donna Carolina, die überall ihre eigenen Wege
zu gehen liebte, sah das ganze Jahr hindurch, wenn sie
nicht auf deu Laede var, ihre Freunde amn Sonnlag
bei sich, ehe man sich zu der täglichen Promenade auf
den Monte Pincio begab. Das waren die Vorntittags-
stunden, in denen die Frauen nicht viel mit sich anzu-
fangen wußten, während die Männer doch ohnehin auf
den Beinen waren; und so konnte sie also darauf
rechnen, immer von einer zahlreichen Gesellschaft auf-
gesucht zu werden, um so mehr, als sie gern die
Beschützerin der Künste spielte, und junge Künstler und
Künstlerinnen, die ihrer Studien wegen nach Nom ge-
kommen waren, vielfach an sie empfohlen wurden und
bei ihr anzutreffen waren.
Da sie die Glte hatte, mich zu den regelmäßigen
Besuchern ihres Eirkels zu rechnen, versäumte ich es


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kaum einmal, mich bei ihr einzustellen; und es war
schon seit einigen Wochen die Nede davon gewesen, daß
Donna Carolina eine höchst interessante Entdeckung -
gemacht habe, daß sie ihren Gästen eine höchst eigen-
artige Neberraschung vorbereite, als sie an einem der
Sonntage Jeden der Gekommenen mit der ausdrücklichen
Bemerkung entließ, in der nächsten Woche nicht zu
fehlen, da sie ihren Freunden eine genußreiche Stunde
zu versprechen habe. Sie that dabei sehr geheimnißvoll,
wich jeder Frage, worauf es abgesehen sei, mit
ß Bestimmtheit aus, und machie dadurch die allseitige
Neugier derart rege, daß am Sonntag der ganze Kreis
z ihrer Bekannten fast vollständig beisammen war.
Die Erwartung machte uns Alle guter Laune.
Wir scherzten und lachten, wir bemühten uns in das .
Geheimniß einzudringen, und blickten endlich sammt und
sonders mit Spannung nach dem Nebengemache, in das
Donna Carolina sich zurückgezogen hatte. Endlich thaten
die Thüren sich auf und sie kehrte wieder, begleitet von
einem Mädchen, dessen Schönheit, selbst in unserm an
weiblicher Schönheit so reichen Vateclande, etwas
Ueberwältigendes hatte.
Das unverkennbare Erstaunen machte Donna
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Carolina Freude, und die junge Schöne einführend, die
sich mit edlem Anstande verneigte, sagte sie: Erlauben
Sie mir, meine Freunde, daß ich Ihnen eine junge
Landömännin vorstelle. Sie trägt den glückverküündenden
Namen Gloria und wird ihn zu verdienen suchen,
indem sie, wenn es Ihnen gefällt, einige Stanzen aus
dem befreiten Jerusalem vor Ihnen recitiren wird.
Die Anwesenden verlangten es gar nicht besser,
denn der Vorschlag verhieß ihnen zunächst schon den
Genuß,
können.
Zimmer,
das herrliche Mädchen ungestört betrachten zu
Man schaffte eine kleine Estrade in das
Gloria bestieg sie, und ruhig um sich
chauend, ließ sie es uns fühlen, daß sie es bereits
gewohnt sei, eine Versammlung mit dem Auge zu
beherrschen.
Sie war in der That eine unvergleichliche Erschei-
nung, diese hohe Gestalt, deren Arme und prachivolle
Blste daä nach der Antike gemodelte weiße Gewand in
ihrer ganzen Schönheit zeigte, während ein grüner
Epheukranz Zas schwarze Haar zusammenhielt, das ihr
in reichen Wellen lang herniederfloß. Und machtvoll,
wie ihr schöner Körper, waren auch ihre Stinme und
ihr Ausdruck.


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Donna Carolina hatte für den Vortrag, den
Gloria halten sollte, jene Strophen des sechszehnten
Gesanges aus dem befreiten Jerusalem gewählt, in,
? welchen Armida es versucht, den Geliebten, der von ihr
s entfliehen will, zu sich zurückzufihren.
Mlle Augen waren auf Gloria gerichtet, und nach

j kurzem Schweigen begann sie die ersten Verse mit einem
feierlichen Zögern so nachdenkend zu sprechen, als
tauchten die Ereignisse, von denen sie zu reden hatte,
s nur langsam und allmälig in ihrer Erinnerung empor.
Ihre Art zu declamiren, ihr Mienenspiel, ihre
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f Bewegungen waren nicht regelrecht und waren doch
F hinreißend, weil sie ein so eigenthümliches, durchaus
persönliches Gepräge trugen, daß man sah, hier habe
die Schule wenig oder Nichts, die freigebige Natur
h etwas Vollkommenes geschaffen. Nur langsam und
? ganz allmälig erwärmte sich ihr Vortrag und von
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f dem Schmeichelwort, mit welchem Armida den Rinald
? an das Glüc vergangener Stunden mahnt, von der
flehenden Bitte, er möge ihr, der Herrscherin, vergönnen,
ihm zu folgen, als Sclavin ihm zu folgen, wenn er
ß wirklich von ihr scheiden müsse, bis zu dem Zorn
? verschmähter -Liebe, bis zu dem wilden Haß, der in
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dem glühenden Herzen der Zauberin gegen den Mann
auflodert, der sie zu verschmähen wagt, gelang es dem
wunderbaren Mädchen, die ganze Reihe der wechselnden
und sich steigernden Empfindungen in einer Weise aus-
zudrücken, daß es die ganze Versammlung an sich bannte
und mit sich fortriß.
Jeder von Gloria's Zuhörern gestand es sich ein,
daß er bis zu dieser Stunde niemals eine solche
Armida gesehen oder gehört, daß keine der berühmten
Künstlerinnen auf der Bühne die Zauberin so voll-
ständig nach dem Sinn des Dichters in sich verkörperi
und
wiedergegeben habe,, als eben dieses junge Mädchen.
Der Beifall, den sie hervorrief, die Bewunderung,
fnit welcher man sich ihr
nahte, als sie ihren Vortrag
geendet hatte und von
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Zufriedenheit, ein Lächeln des Dankes abgewonnen haben;
Gloria aber verzog keine Miene. Die breiten schweren
Augenlider senkten sich üüber ihr dunkles Auge, der
düstere Ernst, der mir bei ihrem Eintreten, troz
ihrer Schönheit, unheimlich an ihr aufgefallen war, lagerte
sich wieder über ihrer niedrigen und schmalen Stirn, die
feinen Lippen preßten sich wieder zufammen, und nur

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; mit Widerstreben schien sie auf die Fragen zu antworten,
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; welche man von allen Seiten an sie richtete, während
ich nicht satt werden konnte, sie zu betrachten; denn
F jener Ausdruck von tragischer Erhabenheit, den ich in
- meiner Seele getragen, und den ich vergebens wiederzu-
? geben gestrebt hatte - in Gloria's Antliz fand ich
ihn verkdrpert.
Erst als sie sich nach kurzem Verweilen aus der
Gesellschaft entfernte, ward ich inue, dasß ich gar nicht
- zu ihr gesprochen hatte, ünd nun sie uns verlassen,
bestürmte man Donna Carolina mit Erkundigungen
- über die Weise, auf welche sie die Bekanntschaft Gloria's
gemacht habe. Man wollte etwas von ihrer Herkunft,
von den Verhältnissen erfahren, unter welchen sie lebte,
und die eine und die anderen waren dazu angethan, die
Theilnahme für sie womöglich zu erhöhen.
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einem jungen Manne aus guter Familie in eifersüchtigem
Jähzorn begangenen Mordversuches zu einer zwölfjährigen

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zu San Spirito getragen und war frühzeitig gestorben.

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Galeerenstrafe verurtheilt worden; die Mutter, ihres
Ernährers beraubt, hatte die Tochter in das Findelhaus
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. Ihr Vater, ein Handwerker aus Trastevere, war
zu der Zeit, in der sie geboren wurde, wegen eines an
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worden auf die besondere Weise, in welcher die Kleine
die auswendig gelernten Gebete sprach, und hatte daran
gedacht, sie, wenn sie das Alter überschritten haben
e, in einem der Klöster unterzubringen, in welchem

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Aber schon in dem Findelhause war man achtsam ge-
s.Irde, während dessen man die Kinder in San Spiriko
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man sich mit Erziehung und Unterricht beschäftigt.
Gloria war auch in einem solchen aufgenommen worden,
indeß ihr störriger Sinn und die völlige Unlust, welche
sie jeder Art von weiterem Unterricht entgegenlrachte,
hatten deit frommen Schwestern wenig Aussicht auf
Erfolg geloten; und ein solches Mädchen, das keine
Mitgift brachte, in dem Kloster lebenslänglich zu ver-
sorgen, hatten die frommen Schwestern nicht eben
wünschenswerth gefunden. Als daher Gloria's Vater,
nach verblißter Strafe halb erblindet, in die Welt
zurückgekehrt, und gekommen war, die Tochter, auf die
er seine Plane gründete, zurückzufordern, hatte man sie
ihm nicht vorenthalten mögen und kbnnen, da sie selber
mit ihm zu gehen und das Leben, das er zu führen
absichtigte, mik ihm zu theilen verlangt hatte.
Er war nämlich von Jugend an um seiner schönen
Stimme willen untex seinen Genossen bekannt gewesen,
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hatte noch ein mächtiges, wenn auch rauhes Organ,
und da er sich während seiner Sirafzeit gut gehalten,
war es ihm gelungen, sich die Erlaubniß zu erwirken,
als Bänkelsänger sein Brod zu verdienen. Dazu hatte
er eine Gehilfin ndthig, und die Tochier, welche immer
sehnsüchtig aus der Klosterzelle in die Welt geblickt,
hatte sich hocherfreut gezeigt über die Aussicht auf das
herumziehende Leben, das sich vor ihr aufthat.
. Der schöne, dem Erblinden nahe Mann, das schdne
Kind, fesselten, als sie zuerst die Hilfe der Vorüber-
gehenden in Anspruch nahmen, die Blicke an sich, und
Geschichte und die Mordthat auf die Leinwandstandarte,
deren er als herumziehender blinder Bänkelsänger nach
der Landessitte benöthigt war; und von Gloria begleiket,
die in der freien Luft und bei der beständigen Be-
wegung sich rasch und in aller ihrer Schbnheit ent-
wickelte, machte der Vater in der Stadt und in deren
Umgebung bald gute Geschäfte, so daß es ihnen auf
ihre Weise an keinem Nothwendigen gebrach.
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Griffe darauf zu thun, ein mitleidiger Künstler malte
ihm in guter Laune mit raschem Pinsel die Heiligen-
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begegneten vielen offenen Händen. Eine alte Guitarre
war bald angeschafft. Der Vater wußte die paar nöthigen
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Der Vater hatte seit Jahr und Tag seine beiden
Geschichten abgesungen, und Gloria dazwischen die
beliebtesten Volkslieder zum Besten gegeben, als bei
einer Wanderschaft ein Zufall ihr in einem ihrer
Nachtquartiere ein halbzerrissenes Buch in die Hände
spielte, das sie ebenso zufällig zu lesen begann, weil' sie
eben seit langen Jahren kein Buch mehr in die Hände
bekommen hatte. Es war ein Band des Tasso, der sich
einmal, wer weiß wie? in diese Herberge verirrt hatte,
und Gloria fühlte sich ergriffen von den Vorstellungen,
welche da Gedicht in ihr erweckte.
Unwillkürlich laä sie laut und lauter, man horchte
erstaunt. Niemand hatte in der Schenke jemals auf das
Buch geachtet, jezt nahm man den Vortrag aus dem-
selben mit Erstaunen auf. Man spendete Gloria
Beifall, man ließ sie noch einmal lesen, al Abendä
die gewohnten Gäste aus dem Flecken sich in der
Osteria versammelten, und nie zuvor hatte der Vater
mit seiner Heiligen- und Mordgeschichte, eine so reiche
Einnahme erzielt, als Gloria mit dieser ihrer ersten
Vorlesung.
Der Vater war ein kluger Kopf. Er sagte sich,
was in dem entlegenen Flecken gelungen war, könne und

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werde auch anderwärts gelingen. Er hatte wenig Mühe,
für die schöne Tochter das bewußte Buch zum Geschenk
zu erhalten. Gloria lernte davon so viel man immer
wollte auswendig, und fing bald an, in denjenigen
Straßen von Nom, in welchen man auf Zuhörer unter
dem Volke rechnen konnte, einzelne Stellen aus dem
Heldengedichte herzusagen, nachdem der Vater seine
beiden Geschichten abgesungen hatte.
Bei einer Ausfahrt, bei welcher Donna Carolina
zusällig über Piazza Montanara gekommen war, hatte
die große Menge von Zuhörern, welche sich dort um
einen Bänkelsänger versammelt, ihre Aufmerksamkeit er-
regt. Sie hatte den Wagen halten lassen, Gloria's
große Schönheit und ihre eigenartige Gesticulation waren
ihr aufgefallen, obschon sie die Worte, welche das
Mädchen sprach, nicht hören können, und von allem Un-
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entsendet, um den Bänkelsänger mit der Tochter für-
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einen der nächsten Tage in den Hof ihres Palastes
- Der Bänkelsänger kam. Donna Carolina erkannte
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die außerordentliche Begabung des Mädchens, und ihr
gutes Herz, wie ihre Begeisterung für die Kunst, trieben

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gewöhnlichen rasch hingenommen, hatte sie ihren Diener
zu bestellen.
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sie zu dem Anerbieten, die Erziehung und die Aus-
bildung Gloria's auf ihre Kosten vollenden zu lassen.
Sie fand indeß weder den Vater noch die Tochter diesem
Vorhaben geneigt. Es war vergebens, daß sie ihnen
vorstellte, wie Gloria eine große Künstlerin werden, wie
sie und ihr Vater in Wohlleben und Reichthum leben
könnten, wie Gloria von den Mächtigen und Vornehmen
als Künstlerin gefeiert werden würde, statt daß sie jetzt,
ein unsicheres Brod essend, bei ihrem Herumziehen in
dem Lande, allen übeln Zufällen eines solchen Lebens
ausgesetzt bleibe. Der Vater schütttelte zu all' den Ver-
heißungen und Bedenken ablehnend den Kopf, und auch
auf Gloria machten die goldenen Berge, die man ihr
ersprach, nicht Eindruck.
Der Vater
Mächtigen und
Verlangen. Er
was sie werth
gut bewahrt, so
sagte, nach einem Leben unter den
Vornehmen trage er für Gloria kein
habe es zu seinem Schaden erfahren,
seien.
lange
Die Tugend seiner Tochter sei
sie bei ihm sei, und später solle
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bis das tausendmal verwünschte Dazwischentreten eines
reichen und vornehmen Jünglings ihn in das Elend ge-
F. Lewald, Benvenuto. l.

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schleudert habe. -- Gloria aber erklärte ebenso bestimmt,
sie habe keine Lust, sich wieder in die engen Häuser
- einsperren zu lassen, um zu lernen; sie lerne und kenne
ihr Gedicht, das wolle sie hersagen, und daä Weitere
gehe sie Nichts an.
Indeß grade dieser Widerstand hatte Donna Carolina
gereizt, ihn zu besiegen. Sie hatte jedoch mit allen ihren
Anerbieten nicht mehr erreichen können, als die Zusage,
daß Gloria, nach Angabe Donna Carolina's gekleidet,
vor ihr eine Probe ihrer Declamation ablegen, und in
demselben Costüm dann an einem Sonntag Vormittage
diese Declamation gegen eine für ihre Verhältnisse sehr
ansehnliche Bezahlung in dem Kreise einer Gesellschaft
wiederholen werde. Der Vater hatte dem zu Folge die
Tochter an dem festgesetzten Tage bis in den Vorsaal der
Empfangszimmer geleitet; und nachdem dieselbe ihren
Vortrag beendet, ihr antikes Costüm abgelegt und das
für die Declamation ausbedungene Geld empfangen, hatten
Beide sofort den Palast auch verlassen.
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