Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 10

Aeuntes Capitel.


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PJed Carolina's ganze Gesellschaft war durch
das romantische Abenteuer aufgeregt. Die Frauen wie
die Männer hatten nur die schöne Gloria im Sinn.
Man beschäftigte sich damit, wie dieses Mädchen aus
seinem zigeunerhaften Herumziehen zu erlösen, wie e für
die ihm von der Natur bestimmte Laufbahn einer dra-
matischen Künstlerin zu gewinnen sei. Der und Jener
dachte daran, neue überredende Versuche bei dem Vater
und bei Gloria zu machen, die von Seiten der Männer
nicht immer uneigennüzig sein mochten; und in dem
Sprechen über die Beiden erfuhr man den Namen und
die Wohnung der Leute, bei welchen der Bänkelsänger
die Kammer inne hatte, in der er mit der Tochter
hauste, wenn er sich in Rom aufhielt.

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ach hatte beschlossen noch in derselben Stunde die
angegebene Wohnung auufzusuchen, weil ich überzeugt
war, daß ein Mädchen, welches auf den öffentlichen
Straßen vor aller Welt Augen seine Declamationen hören
ließ, sich nicht weigern wülrde, mir unter ihres Vaters
Begleitung Modell' zu stehen. Aber ein Zusammen-
treffen verschiedener Umstände hinderte mich daran, mein
Vorhaben an dem nämlichen Tage auözuführen, und es
war schon gegen den Abend hin, als ich am folgenden
Tage nach dem elenden ruinenhaften Genäuer neben
dem verfallenen und verödeten ehemaligen Palazzo
Eastellani in Trastevere hinkam, in welchem der Bänkel-
sänger hausen sollte.
Ein paar alte Weiber saßen vor der Thüre, eine
Menge Kinder trieben sich in dem wüsten Hofe umher.
Ich war ein Gegenstand der Verwunderung für die
Leute und wurde sofort ein Gegenstand des Mißtrauens
für dieselben, als ich mich nach dem Bänkelsänger und
seiner Tochter erkundigte.
Sie sind verreist! gab man mir kurz zur Antwort.
Ich wendete ein, daß ich sie ja am verwichenen Tage
noch gesehen und gehört hätte.
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Wohl möglich, sagte die Wirthin des Hauses, aber
sind verreist.
Und wohin? fragte ich.
Wer weiß das? entgegnete die Alte.
Auch mneine Fragen, wann sie wiederkehren würden,
wie lange sie fortzubleiben pflegten, hatten leinen besseren
Erfolg.
Sie kommen und gehen, wie es ihnen gefällt,
meinte die Wirthin trocken, und ich bin nicht von der
Polizei. Ich bin nicht dafir besoldet, ihnen nachzu-
spüren. Sie bezahlen ihre Miethe und ich verwahre ihr
bischen Sachen, wenn sie aus der Stadt gehen. Da
ist Alles!
In den folgenden Tagen suchte ich, und suchte
nicht ich allein, nach Gloria, aber Niemand konnte sie
entdecken. Sie hatten in der That die Stadt ver-
lassen, weil die mißtrauische Vorsicht des Vaters die
Tochter jeder Nachforschung entziehen wollte, und ich
machte mich an meine Arbeit, mit Gloria' idealem
Bild im Sinne.
Gs war die erste lebensgroße Gestalt, an die ich
mich gewagt hatie, diese tragische Muse, welche nun den
Gesichtsansdruck der schönen Gloria tragen sollte, und

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ich pries mich glücklich, daß mir derselbe mit so großer
Deutlichkeit gegenwärtig war. Je länger ich mich damit
beschäftigte, um so mehc verklärte sich das Bild des
schönen Mädchens in uteinner Vorstellung. Es uachte
mich gleichgültig gegen die Schbnheit der Frauen, die
mir in der Wirklichkeit begegneten, und als ich dann
endlich nach ernster, langer Arbeit mein Thonmodell
vollendet hatte, als ich es einige Tage vor mir selbst
verhüllte, um mit neugestärktem Auge es noch einmal
zu hetrachten, ehe ich es meinenBeschüüzerund meinenMeister
sehen ließ, da preßte, als ich am frühen Morgen vor
mein Bildwerk hintrat, das schmerzliche Gefühl, nicht
erreicht zu haben was ich gewollt, mir zum ersten Male
die Brust zusammen, daß ich völlig muthlos vor meiner -
Arbeit dastand.
Ich hatte nach einem guten lebenden Modell ge-
arbeitet, hatte von dem Individuellen soweit abgesehen,
als dies für jede tzpische Jdealgestalt nothwendig ist,
und diesem also stylisirten Kopfe den antiken Ausdruck
gegeben, der in Gloria so wundervoll zum Vorschein
gekommen war. Ich durfte mir auch sagen, daß die-
Arbeit nichi gerade mißlungen sei, daß man sie als eine

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Melpomene wohl gelten lassen dürfe, und doch befriedigte
sie mich nicht.
Es half mir dabei gar Nichts, daß mein Meister
und Monsignore Arrigo, als sie die Arbeit sahen, mir
Beifall spendeten, daß der Meister mir verhieß, ich
würde Ehre mit diesen Erstlingswerke einlegen, und
mein Freund mir großmüthig die Möglichkeit darbot,
die Statue in Marmor auszuführen, wenn der Meister
mich dieser Arbeit schon gewachsen glaube. Ich bat
mir einen Aufschub ans, ich wollte das Modell noch
durchgehen, den Ausdruck noch vertiefen, ehe ich es dem
Former überließ; und was ich nicht vor meinen Richtern
aussprach, ich hegte die geheime Hoffnung, Gloria doch
noch aufzufinden, obschon ich im Verlauf des Jahres
zu verschiedenen Malen in des Bänkelsängers Stand-
quartier vergebens nach ihm und seiner Tochter Erknn-
digungen eingezogen hatte.
Es war gegen Weihnachten hin, und der ganze
Herbst war in jenem Jahre ungewöhnlich rauh gewesen.
Heftige Regengüsse und Stürme hatten durch viele Tage
arg gewüthet, die kalte Feuchtigkeit machte den Aufent-
halt im Freien widerwärtig. Es fiel mir daher auf,
als ich eines Mittags aus der Via Tordinone auf den

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Plaz vor der Engelsbrücke hinauökommend, trotz des
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scharfen Nordwindes eine große Menschenmenge vor mir
fah, die sich eben zu zertheilen anfing. Ich ging näher
hinzu -- und der Bänkelsänger stand mir gegenüber,
wie er mit tastender Hand eben seine Fahne zusammen-
rollte. Man sah, daß er das schwache Augenlicht jetzt
gänzlich verloren hatte.
Während ich mir durch die Menge den Weg zu
ihm bahnte, hatte Gloria ihre Geldsammlung beendet
und trat an den Vater heran, den Inhalt des kleinen
wohlgefüllten Tellers in seine dargehaltene Hand zu
leeren.
In meiner Freude sie endlich wiedergefunden zu
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haben, rief ich sie mit ihren Namen an. Sie wendete
sich verwundert nach mir um, und ich vermochte mein
Erschrecken nur mühsam zu bemeistern, denn die Ver-
änderung, welche mit ihr vorgegangen war, konnte sich
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- auch dem Auge eines Gleichgültigen nicht entziehen; und
- doch war noch kein Jahr verstrichen, seit sie an
jenem Morgen in dem Saale Donna Carolina's aufge-
- treten war.
Ihre Gestalt war freilich noch dieselbe, auch der
Adel ihrer Kopfbildung war unzerstörbar, aber man sah
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es, diese Augen hatten weinen lernen, iüber diese Wangen
waren Thränen hinabgeflossen, der Schmerz hatte ihre
Lippen zusamuengepresßt, das stolze Selbstgenigen war
won ihrer Stirn verschwunden. Aber sie war noch
immer schdn, ganz unvergleichlich schön.
Was wollt Ihr von mir? fragte sie, sich auf
meinen Anruf zu mir wendend.
Ich sagte ihr, daß es mich fpeue, sie endlich wieder-
gefunden zu haben. Sie sah mich forschend an.
Mich wiedergefunden zu haben? Ich kenne Euch
nicht! Wer seib Ihr? entgegnete sie mit ihrem finsteruBlicke.
Ich bin ein Bildhauer und habe Euch früher schon
manchmal gehört; aber Ihr wart lange von der Stadt
entfernt. Wo seid Ihr gewesen?
Sie blickte mich noch einmal prüfend an; mein
alter verschabter Sammtrock, mein zerdrückter Filzhut
schienen ihr Zutrauen zu mir zu geben. Wir sind weit
herum gewesen: in Umhrient, in den Marlen, iu Venedig!
- und ihre Augenbrauen zogen sich noch engee z-
sammen, als sie dieses sprach.
Der Vater war aufmerksaut geworden, er fcagte,
mit wem sie spreche; ich trat an ihn heran und erkun-
digte mich, ob er gute Geschäfte gemacht habe.

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So, so! gab er zur Antwort.
Da hättet Ihr besser gethan, Euch die Mühe des
Umherziehens zu ersparen, meinte ich, denn Ihr habt,
wie ich gesehen, hier ein großes Publikum.
ach liebe den Wechsel und ich wollte an daä Meer,
die Meeresluft zu athmen. Aber es ist in Winter kalt da
oben, wir kehrten also heim.
Ich sagte, daß mich dieses freue.
Weshalb? fragte der Blinde.
Weil auch ich Gloria zu hören liebe! ent-
gegnete ich.
Sie sah mich spottend an. Habt Ihr sonst weiter
Nichts zu thun?
Gerade so viel und so wenig wie Alle die Andern,
die Euch eben hier umstanden haben! aber recitirt Ihr
- immer noch das nänlliche Gedicht? Sie bejahte das.
Ich fragte, ob sie daä nicht ermlde? Sie ver-
stand nicht, was ich damit meinte, sondern es auf die
körperliche Anstrengung beziehend, räumte sie ein, daß
ihr bisweilen die Brust von der Arbeit etwas schwach
sei, so daß sie dann den Husten habe; das schade in-
dessen Nichts. Der Schlaf und ein guter Becher Wein
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stellten sie immer wieder her; und der Alte setzte
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nzu, die Tochter sei brav und stark, sie hale das
Weg
ihm.
An der nächsten Straßenecke bogen sie ein. Mein
ging nach derselben Richtung, aber alle ihre
worten waren so kurz und abweisend, daß ich sie
mißtrauischer zu machen fürchtete, wenn ich ihnen
weiter folgte. Ich sagte ihnen also Lebe
wie beiläufig die Bemerkung hin, wenn
meiner Straße arbeiteten, so möchten sie
noch
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vohl und warf
sprechen, ich sei ein Bildhauer und hätte
statt im Hofe des Hauses von Monsignore
einen Becher Wein und noch ein gut Stick
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sie einmal in
bei mir vor-
meine Werk-
Arrigo; und
Gold könnten
Beide bei mir finden, wenn der Alte einmal zu einem
eisenkopfe bei mir sitzen wolle.
Er blieb stehen, wendete die erloschenen Augen nach
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agte er sofort.
Sein Kopf war so kräftig und charakteristisch, daß
man ihn wohl verwerthen konnte. Einen alten rümtischen
Feldherrn, den blinden Belisar oder den griechischen
König Dedipus, der auch des Augenlichts entbehrte,
sagte ich rasch entschlossen.

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Und was wollt Ihr bezahlen für die Stunde? aber
bedenkt wohl, daß dies nicht mein Handwerk ist und
daß ich es nur thue, weil es mir gefällt einen Helden
vorzustellen, sprach er stolz und listig.
ae nannte ihm einen Preis, der ihn befriedigen
mußte; er nahm den Vorschlag an. Der Tag, die Stunde
wurden gleich verabredet und ich durfte nun auch Gloria
zum Defteren wiederzusehen erwarten.
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