Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 11

Zehntes Capitel.

A
Ich hatte bis dahin im Entferntesten nicht daran
gedacht, einen Dedipus zu machen, aher der Bänkelsänger
war für einen solchen wohl geeignet, und ich richtete
mich denn auf diese neue Skizze ein, während mir Gloria
nicht aus dem Sinne kam.
Je länger ich an sie dachte, desto räthselhafter
wurde sie mir. Ihre Kälte, ihre Herhigkeit waren
trotzig geworden, sie hatten sogar etwas Widerwärtiges
bekommen, und der spottende Ausdruck, der im Laufe
dieses Jahres ihren Lippen zur Gewohnheit geworden zu
sein schien, lag eigentlich nicht in dem Character der
Frauen aus dem Volke; sie selber hatte ihn auch nicht
gehabt, als ich ste vor dem Jahre zum ersten Mal ge-
sehen. Es mußte mit ihr etwas vorgegangen sein, sie
also zu verändern.
F. Lewald, Benvenuto. l.

=
16
-
Im Geiste ganz mit Gloria und ihren vermutheten
Erlebnissen beschäftigt, nahm ich, als ich in meiner
Werkstatt mich allein befand, die feuchten Tücher herab,
die meine Statue umhüllten, und ich athmete mit be-
freitem Herzen auf. Meine Melpomene war ebler, war
schöner, als die Gloria, welche ich heute gesehen hatte,
und sie war ihr doch so ähnlich, daß ich es fast beklagte,
sie heute angetroffen zu haben, daß es mich jammerte,
F
-
sie, wie ich es nannte, so unter sich selbst herabgesunken
zu sehen.
Der Alte, der, wie alle römischen Modelle, und
feiner eigenen ahenteuerlichen Natur getreu, von dem Z

Verlangen einen Helden darzustellen, ganz erfüllt war,

ließ um die bestimmte Stunde nicht auf sich warten.
Gloria kam natürlich mit ihm. Ich hatte in den drei z
-K
Tagen meine Vorarbeit fir eine Männerbüste voll-
endet und konnte also an das Werk gehen. Die
Tochter saß in einer Ecke mir gegenüber und sah mir
schweigend zu.
Ich hatte sie und ihren Vater mit dem verheißenen
-b
-
A
Becher Wein bewirihet, die Wärme der Werkstätt that
allen Beiden wohl. Gloria lehnte sich in den bequemen
I
Stuhl zurück, die weit von sich gestreckten Fiße schdn

F
=

1
gekrenzt, die Arme über die Brust geschlagen, in einer
so natürlich edeln und so durchaus klassischen Haltung,
daß ich weit lieber sie als ihren Vater hätte modelliren
mögen. Indeß ich mochte sie dazu nicht auffordern,
weil ich sie bei ihrer Eigenart zu verscheuchen fürchten
mußte, und ich ließ sie daher still gewähren.
Meint Hedipns hingegen war geneigi zu sprechen.
Er erzählte von den Wanderungen, die sie in diesen:
Jahre unternommen hatten, und damals war noch von
anderen Wanderungen die Rede als jetzt, wo jedee
herunziehende Savoyarde die Eisenbahn benutzt. Gloria
hatte sich währenddeß erhoben. Sie sah, hinter mir
stehend, meiner Arbeit zu. Es machte ihr ersichtlich
Vergnügen, und sie fing nach einer Weile an, in meiner
Werkstatt umherzugehen, um sich die Büsten und die
dort aufgestellten Dinge näher zu betrachten. Mit einent
Male trat sie an die verhlüllte Statue heran.
Was ist das? fragte sie, zum ersten Male in gll'
der Zeit die Rede an mich richtend.
Ich sagte, es sei eine Frauengestalt von meiner
Arbeit. Kann man sie sehen? fragte sie.
Freilich! entgegnete ich und stand auf, die nassen
e
aüücher abzunehmen. Neugierig wie ein Kind, und doc
1


s
k
?
i.
16
z. immer ernsthaft, folgte sie jeder meiner Bewegungen, -
bis ich die Hülle von dem Kopfe nahm und die Aehn-
F lichkeit mit ihrem eigenen schönen Antüiz ihr entgegen-
leuchtete.
-
s

k
f
s


-


i
?
-

Sie zuckte zusammen, griff nach meiner Hand, sah -
nach dem Spiegel hinüber, den sie mit dem Blicke er-
reichen konnte. Es war deutlich, sie hatte sich als Vor-
bild dieser Melpomene erkannt, aber ihre Neberraschung,
ihre Bewegung waren nicht größer als die Herrschaft,
welche sie über sich behielt. Sie entfernte sich von der
Statue, hob den Kopf unwillklrlich in die Stellung,
welche ich meiner Muse gegeben hatte, und ihre Augen
fest auf derselben ruhen lassend, sagte sie: Sie ist schdn
und ich war auch einmal so schön an jenem Tage, wo
ich so gekleidet war, wie diese hier! Ihr habt mich so
gesehen, Signor!
ach bejahte das. Sie wollte wissen, wie ich in
däs vornehme Haus gekommen sei. Ich sagte, Donna
?
-
-
?
R
z



F
F

z


=
F
Carolina habe mir vor dem Jahre verschiedene Auufträge
F
gegeben und mir erlaubt, der Declamation beizuwohnen, -
damit ich Gelegenheit fände, Gloria in der Nhe und in ?
Ruhe zu betrachien. Sie glaubte das natürlich und - I
erkundigte sich grglos, ob Donna Carolina auch diese ,
. H
F

1
Statue bekomme? ob sie fertig sei? ob sie auch in Stein
gehauen werden würde? und was dergleichen Fragen mehr
noch waren.
Der Vater verstand nicht, wovon wir redeten.
Gloria bedeutete ihm, indem sie mir zuvorkam, ich hätte
ihr Bildniß gemacht in dem Costüme, in welchem sie
einmal in Donna Carolina's Hause aufgetreten sei.
Dafür habt Ihr uns nichts bezahlt, Signor! fiel
der Vater augenblicklich ein, und sie haben doch in
Carrara und in Florenz, wie in Venedig und auch hier
zu Lande, mir viel Geld dafür geboten, wenn ich meine
Tochter Modell stehen lassen würde, allein sie hat es
nicht gewollt!
Dieser plözliche Ausbruch seiner Habsucht brachte
mich zum Lachen. Gloria jedoch faßte ihn von einer
andern Seite auf, und mit dem harten Gesichtsauödruck,
der mir am verwichenen Tage so unangenehmt an ihr
erschienen war, rief sie: Was fällt Euch ein, Vater!
Donna Carolina hat uns ja bezahlt, und gut bezahlt,
für alle ihre Gäste. Daß er ein gutes Gedächtuiß hat,
das ist seine Sache, dafür ist er uns Nichts schuldig.
Ich widersprach ihr, indem ich mich auf ihres
Vaters Seite stellte. Ich sagte ihr, daß ich zu ver-


1

Fschiedenen Malen in ihrer Wohnung Nachfrage nach --

g
Gelbstück hin. Gloria zuckte verächtlich mit den Schultern.
Te
=a
? Es ist eine Schande! eine wahre Schande! stieß sie
»

Aa

J hervor, aber -- sie zbgerte, sah mich noch einmal an

z und sagte dann rasch und entschlossen: aber wenn Ihr mich -
. S
-e
braucht, so will ich zu Euch kommen. Doch nur zu
z- Euch! und Ihr müßt davon schweigen.

Ihr Ehrgefühl, ihr feines Empfinden hatten sie
windung, welche es sie gekostet hatte, und wie ich bis jetzt
»
- -
Ich beeiferte mich, Gloria bei ihrem Wort zu -
Morgen zu, und der Vater bekräftigte ihr Versprechen

R

-»»
-T
Flefem Jüngling gehen, wenn ich es nicht wollte; da
k. -

-
z
z


e

SSbrauche ich nicht dazu. - Ich würde auch nicht zu
I
e

F; Von Euch ist nicht die Nede, Vater! rief sie, Euch
k

ön
F mit einem: Ja! wir werden kommen!-- Indeß die.
A
I
-S
halten. Sie sagte mir eine Sizung für den nächsten -
I
a

des Mädchens Schbnheit bewundernd angestaunt, so erschien -
-. Tochter lehnte sich gegen seine Absicht auf.
W
e
mich sie nicht ermessen konnte; ich sah aber die Neber-
a
.
zu einem Anerbieten fortgerissen, dessen Bedeutung für
es mir nun plötzlich als Character ebenso ungewöhnlich.
D
Ȋ
z entledigen wollen, und reichte dem Vater das begehrte
T
A
AM

ihnen gehalten hätte, weil ich mich meiner Schuld hätte
A
W
Ie
D

u?
ich's aber will, so gehe ich allein ! Ihr wißt, scheint
müir's, ich stehe fi:r mich selber!
Der Vater brummte ein mürrisches: Nach Belieben!
zwischen die Zähne, indeß die Frage, wie viel ich für
die Stunde zu bezahlen gedächte, konnte er doch nicht
unterdrücken, und auuch jetzt wieder lrat die Tochter ihm
mit der Herrschaft, welche sie über ihn gewonnen zu
haben schien, fest entgegen.
Bin ich von denen, rief sie, die Bezahlung
fordern, wo sie sich aus gutem Willen angeboten
haben? Ich gehe, um diesem Jünglinge einen Gefallen
zu thun, ihm eine Aufmerksamkeit zu erweisen, und er
wird mir nichts dafür bezahlen. Auf morgen denn,
Signor! und um die gleiche Zeitl
Sie rückte mit den Worten den silbernen breiten
Kamm zurecht, der ihre auf den Nacken tief hernieder-
fallenden schweren Haarflechten am Hinterkopf zusammen-
hielt; schlug den groben großblumigen Shawl um ihre
Schultern, nöthigte den Vater, die Sizung zu beendigen,
ohne auch nur zu fragen, ob mir das angenehm sei,
und entfernte sich mit ihm, indem sie mir zum Abschiede
die Hand reichte, als wären wir alte Kameraden.