Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 12

PFg Erlebniß war durchaus überraschend gewesen.
Ich wußte es mir nicht zu deuten, welchem Beweg-
grunde ich Gloria's Zutrauen und die Bereitwilligkeit
zu danken hatte, die sie mir erwies; ich konnte mir
auch nicht erklären, wodurch sie über ihren Vater die
Gewalt erhalten hatte, die sie ihn offenhar mit
Genugthuung emtpfinden uachte, denn seine Blindheit
allein schien mir dafür nicht der ausreichende Grund
zu sein.
Obschon mir nichts im Sinne lag, als die schöne
Gloria, sprach ich doch mit meinem Beschüzer, als wir
zusammen speisten, nicht davon, daß ich sie wieder-
gefunden hätte, und ich konnte mir selber nicht ver-
bergen, daß ich neben dem Verlangen, sie wiederzusehen,
eine heimliche Scheu davor hegte.


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Ich stand vor meiner Melpomene mit dem -
Bewßtsein, daß sie schöner, edler sei als Gloria, daß-
ich auf diese Gestalt Nichts von dem harten und leiden- -
schaftlichen Ausdruck übertragen dürfe, den Gloria's-
Züge angenommen hatten, und doch erschien mein Werk
mir kalt, wenn ich an des Mädchens flammendes Auge -
und an den Blick gedachte, mit dem es mir die Hand -'
gereicht. Die Wirklichkeit und die Kunst, das Leben z
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und das Ideal, machten sich mir in ihrem Gegensatze Z
kenntüich.
Am nächsten Tage trat Gloria, wie sie es mir
verheißen hatte, zu mir in meine Werkstatt. Da bin
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ich! sagte sie, und ganz geschäftömäßig fiigte sie die
Frage hinzu: Was werden wir jetzt machen?
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Sie sah weniger ermüdet und auhiger aus, als
an dem verwichenen Tage. Ich ließ sie niedersetzen, bot
ihr von den Brod und Wein, die ich in meiner Werk-
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statt hatte, sie genoßß davon, ohne daß ich sie zu ndihigen
brauchte; aber noch während sie sich erfrischte, wieder-

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- holte sie die Frage, was ich mit ihr zu machen denke.
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a-d sagte, zuörderst wolle ich ihr danken, daß fis F
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überhaupt gekommen sei.
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Davon ist keine Rede! erwiderte sie. Ich kam un ZHg

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mmeinekwillen, nicht umn Euretwillen! -- Ich versland
nicht, was sie damit meinte.
Selbst das arme Thier, sagte sie, will einmal für
sich selber sein, will seinen Willen haben, geschweige
denn ein Christenmensch. Ich aber bin niemals allein,
ich habe den Athem in der Brust nicht mehr mein
eigen, und ich wollte eben einmal thun, was mir gut
dünkte, mir selber!
Und deöhalb seid Ihr zu mir gekominen? fragle
ich mit wachsendem Erstaunen.
Sie bejahte das bestimmt. Ich wendete ihr ein,
daß mich dieses freue, dasß sie mich jedoch nicht kene
und nicht wisse, ob ich ihr Vertrauen verdiene.
Ich soll Nichts von Euch wissen? wiederholte sie.
Habe ich denn gestern nicht gesehen, daß Ihr mich nicht
vergessen, daß Ihr an mich gedacht habt? und wer die
Männer kennen gelernt hat, die vornehmen und die
geringen, wie ich in diesem Jahre, der sieht es, daß
Ihr aus einem anderen Teig wie sie gemacht seid, und
ein Frauenzimmer nicht für eine Dirne haltet, weil es
mit seinem blinden Vater sich sein Brod auf den
Straßen und auf den Wegen zu verdienen hat. --

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Aber laßt uns an die Arbeit gehen, zum Sprechen ist
nachher die Zeit.
Ich sagte ihr, daß ich in diesem Augenllick zu
arbeiten nicht fähig, daß mir mehr daran gelegen sei,
ihr zu helfen, daß ich von ihrem Schicksal durch Donna
Carolina damals unterrichtet worden sei, und daß ich
geglaubt hätte, sie habe ihr Kloster freiwillig verlassen,
sie sei ihreu Vater gern gefolgt.
Das ist auch Alles wahr! bestätigte sie mir. Ich
konnte nicht länger still sizen, es erstickte unich in deuu
Kloster, und ich sah, daß andere Mädchen ihren Vätern
folgten, ihre Väier liebten. Ich wollte es machen wie
diese Andern, ich wollte auch meinen Vater lieben und
mit ihm gehen. g glaubte den Nonnen nicht, was
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sie von ihm sagten. Ich glaubte meinem Vater, der
Nichts hatte auf der Welt, als mich allein; und konnte
ich wissen, was vierzehn Jahre im Bagno aus dem
Menschen machen?
So behandelt Euch der Vater schlecht?
Nicht mit seinem Willen! entgegnete sie mir. Er
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weiß es nicht anders, und zuerst ging Alles gut. Weil zzF

er eifersüchtig von Natur ist, war er eifersüchtig auch
auf mich, wie er es auf meine arme Mutter gewesen
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war. Niemand sollte mir nahe kommen, wir wollten
viel Geld verdienen, wir verdienten auch viel Geld.
Der Vater sagte, wenn wir genug Geld haben wütrden,
so würden wir ein Haus kaufen mit der Zeit, würden
zu leben haben wie die Herren, und ich glaubte ihm
das Alles. Aber-- -- ich war ein Kind, und was
weiß ein Kind von den Menschen und von der Welt!
sagte sie mit einen schweren Seufzer.
Ich musßte sie mit der Frage, was denn jezt
anders geworden sei, zu weiterem Sprechen bringen.
Was anders geworden ist? Alles, Alles! Mein
Vater ist alt geworden seit den fünf Jahren, die ich
bei ihm bin, weit älter als seine Jahre. Die schwere
Arbeit in der Gefangenschaft hat seine Kräfte aufgezehrt,
und man lebt nicht vierzehn Jahre in derselben, ohne
Freundschaften zu schließen. Ein solcher Freund kam
uns zum Ungllck auf einer unserer Reisen in den Weg.
Gut essen und gut trinken hatte mein Vater immer
wollen-- der Arme hatte ja auch lange genng ge
hungert und entbehrt! Aber seit wir jenem Elenden
begegnet waren, wollte der Vater sich auch noch ver-
gnügen, und er that's. Sie spielten, sie gingen ihre
Wege; was wir gewonnen, verschwand in ihren Händen.

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Wir hatien oftmals Nichts. Die Menschen sahen das
und die Menschen taugen Nichts. Sie dachten, ein
Frauenzimmer, das mit solchen Männern in der Welt
unherzog, sei zu kaufen und werde sich verkaufen.
Anfangs hatte ich an meinem Vater doch noch
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einen Schutz. Er wollte nicht, daß ich zu den Künstlern
ging und ich wollte es noch weniger. Der Andere, der
Nichtswürdige, machte den Vater allmälig anderen
Sinnes. Er blieb, wohin wir immer zogen, stets in
unserer Nähe, er führte mir immer neue Männer in
den Weg. Ich wollte fort, aber mein Vater war ein- -

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mal mein Vater. Er war inzwischen blind geworden, S
ich konnte ihn doch dem Elend und dem Elenden nicht -?
überlassen, ich mußte also bleiben. So ist dies I
gegangen auch durch dies ganze Jahr, und jetzo sind -
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wir wieder hier.
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Die Txockenheit, mit welcher sie erzählte, steigerte Z
die Wirkung ihrer Worte. Ich fragte, ob der Genosse
ihres Vaters ihnen auch hierher gefolgt sei.
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Nein! gllcküicher Weise ist er todt, verunglückt J
in der Trunkenheit, aber er hat meinem Vater das ?
Herz gewendet und den Sinn verrückt, daß ihm Alles nichts,
mehr gilt, nicht ich, nicht meine Ehre! Nichts als Geld! -
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Welch ein Elend! rief ich in dem Hinblick auf
ihr Schicksal unwillklirlich aus; sie jedoch verstand
das falsch.
Was wollt Ihr! entgegnete sie mit bitterem Lachen,
das Geld ist nichts Geringes! Golb ist eine grosße
Sache. Glaubt Ihr, daß es leicht sei, sein Leben in
den Straßen zu gewinnen? Und ich könnte reich sein,
könnte in einer Carosse fahren wie maunche Andere, die
nicht schöner ist als ich-- hätte ich nur gewollt!--
Ich könnte mich malen lassen, wie die Damen, anstatt
daß ich hier sitze, die Figur ansehend, die Ihr nach
mir gemacht habt, und mir sagend: das bist Du
nicht mehr!
Versündigt Euch nicht an Euch selber! rief ich,
von ihrem Wesen überrascht und mehr und mtehr ge-
wonnen. Ihr seid schn wie damals.
Wollt Ihr auch den Verliebten uit mir spielen
wie die Anderen! Wollt Ihr mich vertreiben? rief sie,
indem sie sich erhob. Und ich habe Euch doch gesagt,
daß ich davon Nichts hören mag!
aeh nahm mich zusammen ihr zu begegnen, wie
sie es verlangte. So sprecht, was kanu ich für Euch
thun? fragte ich.
F. Lewald, Benv enuto. l.

Nichts sollt Ihr für mich thnn!
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Aber weshalb seid Ihr denn gekommen? fuhr
ich sort.

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Weshal0? Weshalb? wiederholte sie, ich hab's Euch ,
j gesagt! Ich bin gekommen, Euch ein Vergnügen zu
bereiten, und meinent Vater zu zeigen, daß ich thun - -
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kann, was mir gefällt.
Ich wußte nicht, was ich mit ihr machen sollte.
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Mir hatte das Glick gelächelt seit der Stunde meiner Zg
Gebnrt, ich kannte für mein Theil das Leben nur von
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seiner Sonnenseite, kannte die Menschen wenig, das - -.?
Unglück und seine vernichtenden Wirkungen noch weit-
weniger. Ich konnte mir nicht denken, daß eine -'
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Schbnheit und eine Characterstärke, wie dies herrliche =
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Mächen sie besaß, nicht zum Glücke bestimmt sein
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kömnten, und weil ich Gloria in einer Weise darzustellen,
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vermocht hatte, an der sie sich erfreute und erhob, so
meinte ich sie auch im Leben über ihr gegenwärtiges

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Schicksal erheben zu können. Ihr Character, ihr Ver-
vrauen zu mir, flößten mir dazu den Muth ein. Ich FF
hielt mich meiner völligen Uneigennüzigkeit gewiß, ich F
wappnete mich in meiner bescheidenen Blouse mit dem F
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- aznezsn -itterichen Bewwuktsein der Armero's, =nd Zzzg

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Acht, sondern schickte sich zum Gehen an.
Ich bat sie wiederzukehren, sie nahm das als
selbstverständlich an, weil ich ihren Vater zu modelliren
angefangen hatte, und wir verabredeten, daß sie ihn am
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besseres Schicksal, eine schönere Zukunft ihr nicht
fehlen könnten, wemn sie danach verlange; sie gab darauf
nderen Morgen zu mir bringen sollte.
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Hand reichend, sagte ich ihr, sie solle es nicht zu
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