Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 14


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u Hochsommer, als Monsignore Arrigo wieder-
rte, war meine Melpomene aus dem Marmorblock int
Groben lange schon herausgefördert. Ich legte selber die
letzte auöführende Hand an
thuung, mit welcher mein
war mir ein hoher Lohn.
dankte. Er lobte
Beschützer vor derselben stand,
Er behauptete, mir eine der
.nes Lebens schuldig zu sein, während
reinsten Freuden sei
ich doch all' mein
diese Arbeit, und die Genug-
Glick seinem Zutrauen zu mir ver-
mich, daß ich um meiner Arbeit
willen die Stadt auch während der heißen Monate nicht
verlassen hätte, und ich stieß in ihnt auf keine Strenge,
als er es dann inne wurde, wie nicht allein gewissen-
after Fleiß mich in der Werkstatt festgehalten.
Ich konnte in dem folgenden Winter meine Mel-
pomene noch zeitig genug beendigen, um sie auf die

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Auöstellung von Kunstwerken zu senden, welche in

Frühling jenes Jahres auf dem Capitole stattfand, und
ich hatte das Gllck, meine Arbeit mit dem ersten Preise
gekrönt zu sehen. Man beglückwünschte die Eltern zu
meinem Erfolge, sie hörten es in ihren Lebenskreisen
vielfach rühmend erwähnen, daß sie dem Talente ihres
Sohnes die freie Entwickelung gegönnt hätten. Meine
Mutter, die sich sagen durfte, daß sie in dieser Hinsicht
keine unverdiente Anerkennung finde, hatte eine große
Freude an meinem Gelingen, mein Vater suchte sich
mit meiner Laufbahn auszusöhnen; es widerstrebte ihm
aber trotzdem sehr entschieden, als ein Fremder meine
Arbeit zu kaufen wünschte. Monsignore Arrigo, dessen -
Großmuth nichts halb zu thnn vermochte, nahm deshalb -
diese meine erste Statue für sich in Anspruch. Er

brachte sie meiner Mutter als eine Huldigung dar,
und in dem Empfangzimmer derselben fand sie ihren
Plaz.
Wenn ich in jenen Tagen einmal die Nuhe gewann,
über mich selber nachzudenken, so schwindelte mir fast
vor meinem Glücke. Meine Mutter behandelte mich
wieder mit der besonderen Zärtlichkeit, welche sie mir
früher hatte angedeihen lassen. Die Gesellschaft, der ich
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durch meine Geburt angehörte, interessirte sich für meine
- Arbeiten wie für die Erfolge eines Familien-Mitgliedes,
und Donna Carolina und Monsignore Arrigo theilten
sich in die Genugthuung, von Anfang an Zutrauen zu
mir gehabt zu haben. Die Erstere namentlich wußte
sich Etwas damit, daß sie es gewesen sei, die mir das
Modell zu meiner Muse zugeführt hatte.
Sie kam öfters in meine Werkstatt, die Fremden,
welche in ihrem Hauuse eingeführt waren, folgten ihrem
Beispiel, und weil sie selber mich weit über die Gebühr
bewunderte und empfahl, fand ich auch unter den
F Fremden früher, als es sonst geschehen sein würde.
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Fg Aufträge zur Ausführung der Stizzen, die ich gelegentlich
entworfen hatte, und damit Anreiz zu einem muthigen
Vorwärtsgehen.
Auch mit meinen Fachgenossen lebte ich auf bestem
FF Euße. Sie fühlten es, wie mein ganzer Sinn der Kuns
FF angehörte, sie freuten sich der Lust, mit welcher ich mich
ihnen anschloß, der Ehrlichkeit, mit der ich mich ihnen
unterordnete und von ihnen zu lernen trachtete, und si:
mißgönnten mir nicht einmal den Preis, den ich ge-
, wonnen hatte, weil ich es ihnen und mir selber nich:
verhehlte, daß meine Ausnahmestellung nicht ohnr

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Einfluß auf das Urtheil der Jury gewesen sein mochte.
Nur um Gloria beneideten sie mich, um das schöne
Geschöpf, das sich mir mit einer Liebe und einer Leiden-
schaft zu eigen gegeben hatte, die ich mit ihr theilte
und die mir ein neues, mich berauschendes Glück er- -
schlossen hatie.
Dafß ich sie nicht neben ihrem Vater lassen konnte,
verstand sich ganz von selbst. Sie hatte eigentlich kein
Herz für ihn, und er verdiente es auch nicht anders.
Nur Mitleid, nr ein instinctives Pflichtgefihl und die
Verlassenheit, der sie anheimgefallen war, nachdem sie
ihm auf sein Ueberreden aus dem Kloster in die Welt
gefolgt war, hatten sie neben ihm festgehalten. Sie
war deshalb sehr zufrieden, daß ich für ihn in einer
angemessenen Weise sorgte, um sie von ihn entfernen zu
können; aber sie war der Nnhe und der Einfamkeit
entwöhnt und ihre Unkenntniß der Welt hatte sie glauben
machen, daß sie nun inuer bei mir sein, daß ich für
sie ausschließlich leben würde. Sie fand sich daher
schwer enttäuscht, als sie erkenien mußte, daß dies nicht
also sein konnte.
Unter den Künstiern und Kunstfreunden hatte
Gloria seit ihrem Auftreten den Namen der Zauberin
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behalten, in deren Darstellung sie uns zuerst bekannt
geworden war, und wie abhold sie allemt Scheine sich
auch erwies, gefiel ihr dieses wohl, denn sie verlangte
wie Armida den Geliebten abzutrennen von seiner Ver-
gangenheit, von seinen Freunden, von der Welt. Es
war ganz vergebens, wenn ich ihr vorhielt, daß ich troz
meiner Leidenschaft für sie, doch mehr und Anderes
erstreben und mehr begehren müsse, als nur mich ihrer
Schönheit und ihrer Liebe zu erfreuen.
Wenn ich von meiner Arbeit oder aus den Kreisen
der Gesellschaft, der ich angehörte, zu ihr zurückkam,
entzückt, sie wieder zu sehen und bei ihr zu verweilen,
fand ich sie meist traurig, oft in Thränen, und fand
schwer, sie zu erheitern.
Du sprichst zu mir in guten Worten, sagte sie,
aber Du brauchtest sie mir alle nicht zu geben, wenn
Du so fühltest wie ich's thue. Du sagst mir, daß Du
glücklich bist, wieder bei mir zu sein, daß keine Andere
Dir gefällt und Keine schön ist so wie ich, daß Du
die Stunden zählest, die Dich von mir fern in der
Gesellschaft oder bei der Arbeit halten. Nun denn,
wenn dem also ist, weshalb gehst Du dahin, wo Du
Dein hdchstes Gllck nicht findest? weshalb hast Du mich

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nicht immer neben Dir bei Deiner Arbeit? weshalb
verkehrst Du mit den Frauen, die mir lange nicht
gleichen? - Du hast Deine Lorbeeren gewonnen mit
dem Bildwerk, das Du mir nachgebildet hast. Sie
bewundern die Antigone, die Du ebenfalls nach mir ,
geschaffen, und doch gehen Deine Augen andere Schön-
heit suchen. Ich aber, was liebe ich außer Dir?
wonach verlange ich, als nach Dir allein? Du bist die
Erde, auf der ich stehe, aus Dir schöpfe ich meine
Nahrung, von Deiner Angen Sonne kommt mir all
mein Licht; und könntest Du jemals wanken oder weichen, -
so wär's mein lezter Tag! Denn besser in die Hölle
fahren, als Dich untreu sehen, neben mir!
Ihre Klagen, ihre Zweifel wie ihr Drohen beun-
Ausdruck ihrer Liebe und durchaus unbegründet, während
Wiederholung derselben geläufig geworden waren, ihrer
Sprache einen großen Neiz verliehen. Weil' ihre Be-
gabung so ungewöhnlich war, verfiel ich natürlich auf
den Wunsch, sie einigermaßen unterrichten zu lassen und
so viel an mir war, auszulilden; indeß sie lehnte jeden
solchenVorschlag, jedessolcheBestreben entschiedenvonsichab.

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ruhigten mich nicht. Sie waren nur ein wechselnder
die dichterischen Wendungen, die ihr durch jahrelange
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Ich kann lesen, sagte sie, was Du mir schreibst,
ich kann auch schreiben um Dir zu sagen, daß ich Dich
liebe, müßtest Du einmal auf eine kurze Weile von mir
gehen, und um da Andere kümmere ich mich nicht.
Ich werde nicht in fremde Lnder reisen ohne Dich;
mülßtest Du in der Freunde leben, so wüirdest Du mich
.t Dir
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fallen.
nehmen, daß ich Dir nur zu folgen brauchte
in Büchern zu lesen, daran habe ich kein Ge-
Schöner als der Tasso, den ich kenne, sind sie
nicht, erhabener sind sie auch nicht; und sellst die
Schicksale und die Liebe jener Helden rühren mich jezt
nicht mehr. Ich liebe Dich mehr als Armida und
Chlorinde liebten, ich kann Nichts mehr von ihnen
lernen; ich habe genug an Dir und mir. Du hast
mich
als
lieb gewonnen wie ich war, so laß mich wie ich
ich kann und will nicht anders werden.
Sie hatte mit dieser letzten Bemerkung mehr Recht,
sie es vielleicht wußte. Uneigennüzig bis zum
höchsten Grade, fern von eitler Gefallsucht, gleichgiltig
gegen ihre Schönheit, wie die in einer Wildniß auf-
blühende Blume, und einzig darauf gestellt mir zu
beweisen, wie ihr Alles gar Nichts gelte neben mir und
mserer Liebe, stand sie wie ein schönes Wunder vor
F. Lewald, Benvenuto. l.

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mir. Sie war eine in sich vollkomene Natur. Eben
dadurch aber fehlten mir, ihr gegenüber alle jene tausend
Möglichkeiten sie zu erfreuen, mit welchen man leichter
gesinnten Frauen das Leben erheitern und verschönern
kann; und der Schrankenlosigkeit des Anspruchs zu
genüügen, den sie an mich machte, ward mir auf die
Länge imuter schwerer, ja endlich ganz nnmöglich.
.ch hatte in dem ersten Fener meiner Leidenschaft
mehr Zeit, mehr Hingebnng an sie verwendet, als ich
vor mir zu verantworten vermochte. Meine Freunde,
meine Gesellschaft hatie ich über sie verabsäumt, selbst
meine Arbeit, sofern nicht Gloria mir den Vorwurf
dafür geboten, hatte neben ihr zurückgestanden, bis ich
es eines Tags deutlich inne ward, wie vollkommen und-
ausschließlich sie meine Phantasie beherrschte, wie jedes
Motiv, das ich erfaßte, sich an sie anlehnte; und doch
war ihre junonische großartige Schönheit eben nur für
classische und ernste Bildungen verwendbar.
Sie hatte Recht, ich dankte ihr meinen ersten durch-
schlagenden Erfolg, ihr auch dankte ich die Anregung
zu der Gruppe des Dedipus und der Antigone, die ich -
in dem folgenden Jahre in Angriff genommen hatte;
aber je weiter ich in der Auäführung der Antigone-
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Gestalt vorwärts kamt, um so mehr dimnkte es mir, als
fehle derselben eine gewisse Zartheit, als entbehre sie
des Ausdrucks sanfter Jungfräulichkeit, wie meine erste
Liebe, die schöne Julia, ihn besessen; wie ich ihn mit
Wohlgefallen an manchen Frauen wahrnahmt, denen
ich in der Gesellschaft zum Hefteren begegnete. Ich
wollte es dabei in der Anutigone erkemnen lassen, daß es
der Tochter nicht leicht falle, des Vaters Halt und
FF hreri z sein. Ma soe es ihr ansehen, wie nr
die Liebe es ihr möglich mache zu vollbringen was sie
leiste, und des Weibes Schwäche in sich zu überwinden.
F Ich dachte mir umwillturüch biese oder je schsantere
- Gestalt als die Stütze eines blinden Greises; aber
Gloria's stolze, gewaltige Kraft drängte sich immer
in den Vordergrund mteiner Phantasie. Meine Antigone
F behieit gegen weine Abieht mehr Heroisces. =l- ch ibr
zu verleihen wüünschte. Ich hätte sie zarter, feiner dar-
stellen mögen, ich meinte, sie wüirde dann liellicher, sie
würde dann rührender auf den Betrachter wirken; und
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weil ich so im Geiste nach einer andern Schönheil
suchte, fing Gloria an, mir nicht mehr als der
FFF =-un == = ==- o= ==te- =eu-
erscheinen.
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Eine Grazie, eine Hebe, oder überhaupt eine
mädchenhafte jugendliche Gestalt nach ihren Vorbilde zu
schaffen, daran konnte man auch füglich nicht mehr
denken. Sie hatte mit ihrem mächtigen Körper, mit
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ihrer gebietenden Haltung immer älter ausgesehen, als ;
sie war. Das jezige ruhige Leben hatte sie stärker
werden lassen, der Ernst und die Festigkeit ihres
Characters ihren Zügen eine große Strrnge eingeprägt.
Sie war trotzdem immer noch sehr schön. Für eine
Sybille, eine Penelope, konnte man kein vollkommeneres
Modell erwünschen; aber mir standen eben jetzt andere
Motive vor der Seele, und das Verlangen, sie zu ver-
wirklichen, wurde immer lebhafter, wenn ich, meine
Gruppe betrachtend, mir endlich sagen mußte, daß ich
an ihr nichts mehr zu ändern vermöge, daß ich sie, so
wie sie sei, als vollendet gelten lassen müsse, wenn-
gleich sie mir selber auch noch nicht genügte.
Weil meine Aubeiten das Einzige waren, woran
Gloria lebhaft Antheil nahm, und wofür sie mit ihrem
angeborenen Kunstsinn wirklich ein Verständniß hatte,
sprach ich vor ihr meine Unzufriedenheit mit der Antigone
aus, aber sie begriff nicht, was ich meinte.

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Laß die Antigone so wie sie ist; ich verstehe mehr
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davon als Du und sonst ein Anderer. Ich habe di:
Antigone gemacht auf langer Wanderschaft. Ihr Fus
muß fest sein, ihre Schulter stark, ihr Auge offen! Ei
zartes Jüngferchen hat dazu nicht die Kraft, hat nich
die Kraft fütr zwei! Aber stelle jezt eine solche jugendliche
Schönheit dar, wenn's Dir gefällt! Du bist der Herr
Wir wollen an die Arbeit gehen.
Da stand ich nun an der Klippe, der ich mic
lang schon nah gewußt hatte; indeß weil mir Glori::
sehr lieb und theuer war, wüünschie ich sie an derselben
so behuthsamn, als ich es vermochte, vorbeizuführen.
Ich sagte, sie habe das Richtige getroffen, ich
wolle und müsse zur Abwechslung mich jezt in kindlichen,
in jugendlichen Gestalten üben. Ich wolle einen Amor
und eine Psyche machen. Ich erklärte ihr was dieses
sei, und sagte, für den Amor habe ich ein treffliches
Modell, fitr die Psyche müsse ich es suchen.
Ein glühendes Roth flog über ihre Stirn. Wa«
hast Du da gesprochen? rief sie, bin ich denn nicht
mehr da?
Unwilltürlich musßte ich iber ihren Einfall lachen.
Das erzürnte sie. Ich stellte ihr also ruhig vor, daß

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ich für meine nächste Arbeit sie nicht benutzen könne,
dasß ich jezt andere Modelle halen mütsse.
Sie fuhr zornig auf. Und wenn Du mir das -
noch einmal und immer wieder sagst, so werde ich's
nicht glauhen; und mehr als das, ich werde es nicht
dulden! sprach sie heftig.
a ermahnte sie, sich zu beruhigen, mich zu hören.
ach versuchte ihr ernsthaft zu erklären, welch' uner-
fillbare Forderung sie an mich stelle; ich führte sie an
den Spiegel und bat sie scherzend, sich in die Pose eines
jungen Mädchens hineinzufinden, ich schalt sie endlich
wegen ihres Mißßtrauens und ihrer Herrschsucht. Es
ging das Alles spurlos an ihr vorüüber.
Ich höre Dich sprechen, sagte sie, aber was thut
und hilft mir daö? Ich war ohne Schuld und ehrbar,
als ich Dich kennen lernte, und Du warst kein Wüstüing.
Ich habe ir vertraut und Dir vertraut.-- Was ist
daraus geworden? Soll ich von einer Anderen besser
denken, als von mir selber? oder Dir vertrauen, da ich
erfahren habe, daß Du wie die Anderen bist? Ich bin «
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Dein geworden, Dp -bist mein, und ich werde Dich nicht
lassen, obschon der Priester uns noch nicht verbunden
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hat; aber der Tag wird ja einst kommen, wenn ich ihn
auch nicht ersehnen darf.
Ich achtete auf diese Worte nicht. Sie hatte bis
dahin niemals davon gesprochen, daß sie erwarte mir
rechtmäßig verbunden zu werden, und weil Verhältnisse
wie das unsere in der Künstlerwelt nur zu gewöhnlich
waren, hatte auch ich mich in demselben gehen lassen,
vollkommen in mir bernhigt, da ich für Gloria und
ihren Vater nach ihren Wünschen sorgte, und mich
überzeugt hielt, daß fie sich in ihrer Lage gsücklich
fühle und sich in unsere Zustände hinein gefunden habe.
ach durfte mir sagen, daß ihr Loos neben mir ein
beneidenswerthes im Vergleich zu jenem Leben sei, das
ihr Vater sie zu führen gezwungen hatte. Meine
Leidenschaft fltr sie war auch keineswegs erkaltet, die
Gewohnheit hatte mich bis zu einen gewissen Grade
sogar mit der Schroffheit ihrer Natur und uit den
Herbheiten ausgesöhnt, welche das herumziehende Leben
ihr eingeprägt; aber ich konnte die Gesellschaft und die
Welt, in denen ich heimisch war, um Gloria's Willen
nicht vergessen, nicht entbehren. Ich genoß mit Freuden
die Auszeichnung, mit welcher man mich in derselben
behandelte, denn bei der reinsten Begeisterung für die

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Kunst war ich doch ehrgeizig und fest entschlossen, mir
als Künstler diejenige Stellung zu erringen, welche es
meiner Familie darthun sollte, daß ich dem Namen der
Armero's, den sie durch mich beeinträchtigt zu sehen
befürchtet hatte, eine neue und ehrenvolle Bedeutung zu
verleihen, die Fähigkeit besäße.
Mit meinen dreiundzwanzig Jahren hatte ich an
die Ehe nicht gedacht, und an eine Ehe mit Gloria um
so weniger, da wir die bequeme Freiheit, welche wir
in unserem Verkehr mit den Frauen uns gestatten,
als ein uns von der Natur ihnen gegenüber verliehenes
Vorrecht ansehen und benutzen.
Es kam mir deshalb sehr gelegen, daß mir eben
in jenen Tagen der Auftrag ertheiit wurde, ein Grab-
Denkmal auszuführen, für dessen Gestalten Gloria
durchaus nicht zu benutzen war; und die Eifersucht,
mit welcher sie mich ohne Grund verfolgte, der zornige
Mißmuth, den sie nicht verbergen konnte, die thränen-
reichen Vorwürfe, in denen sie sich erging, brachten es
dahin, daß ich sie weniger suchte, sie zu meiden anfing,
da es mir nicht gelingen wollte, sie zu beruhigen.
Ich hatte sie seit mehreren Tagen nicht gesehen,
als sie eines Morgens, ohne daß ich es gefordert hatte,

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in meine Werkstatt kam. Dies zu thun, hatte ich ihr
verboten, weil ich in den frithen Stunden abwechselnd
das Modell für meinen Genius, und eben für dasselbe
Grabmal auch eine Mutter mit ihrem Kinde bei mir
hatte. Zufällig aber hatte ich an dem Morgen keine
Sizung angesagt; ich war allein, und bemerkte gleich
bei Gloria' Eintritt, daß ihr etwas Ungewöhnliches
begegnet sein mußte. Sie sah bleich aus, ihre Augen
waren von vergossenen Thränen müde, indeß ihr Aus-
druck war weicher, als ich ihn seit lange gesehen, und
vot
r Besorgniß um sie ergriffen, fragte ich sie, was sie
nir führe.
Was mich zu Dir führt? wiederholte sie, sonst
hast Du mich das nicht gefragt. Aber freilich, die
Zeiten haben sich geändert, und es ist eine
ott, daß er selber mir zu Hilfe gekommen
Sie nahm sich darauf zusammen und
unbewegter Stimme: ich habe heute in der
Botschaft
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heilige
braucht
Gnade von
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fagte mit
Frühe eine
aus dem Blinden-Hospital erhalten. Sie
hin und ich bin gegangen. Mein Vater ---
Franziscus sei seiner armen Seele gnädig!
nicht mehr zu leiden. Er ist gestorben in
Nacht, sie begraben ihn am Nachmittage.

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Das war freilich in jedem Betrachte eine wahr-
hafte Erlbsung, doch sprach ich Gloria herzlich zu, wie
ich's empfand. Sie aber gab mir in einer Weise
Antwort, die trotz der obwaltenden Umstände etwas
Befreundliches für mich hatte, und die eö fast ungehörig
erscheinen ließ, daß ich sie um ihrer Nuhe willen lobte.
Wie sollte ich nicht ruhig und dem Himmel dank-
bar sein, da mein Gewissen frei ist, sagte sie. Ich habe
nie um meines Vaters Tod gebetet,-- Gott weiß es!
sondern in Geduld gewartet, bis es dem Himmel
gefallen hat, ihn abzurufen und mich zu befreien. Auch
von Dir hale ich nie gefordert, waä bis heute Du mir
nicht gewähren konntest. Meines Vaters Tochter konntest
Du nicht heirathen. Aber der Aermste ist nun nicht
mehr am Leben, sein Vergehen und die Erinnerung an
seine harte Strafe sind mit ihm begraben, und die
Heiligen, die gerechter sind als die Gerechtigkeit der
Menschen, werden Erbarmen haben mit seiner armen
Seele, für die auch ich beten will so früh wie spät:
Jezt aber bin ich ganz allein und frei, und meiner
hat sich kein Mensch zu schämen. Thue jez, wie sich's
gebührt. Dann wird meine Eifersucht Dich nicht mehr
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peinigen, und ich werde mich nicht in ihr verzehren
müssen, wie in dieser letzten Zeit!
Ihre Festigkeit hatte sie allmälig verlassen, die
-ihränen brachen ihr aus den Augen und fielen mir
schwer auf die Seele. Wenn ich mein Verhältniß zu
ihr auch niemals angesehen hatte wie sie es that, so
erschütterte mich doch ihr schlichtes rücksichtsloses Rechts-
gefühl bis in das tiefste Herz; aber mich gegen mich
selbst mit jener Grausankeit waffnend, die wir uns als
Characterstärke anzurechnen lieben, sagte ich: Lasß das,
ich bitte Dich! Du mußt nicht von mir fordern, was
ich Dir, wie Du weißt, zu gewähren nicht veruag
Und weil ich mich zu diesen Worten zwingen mußte,
klangen sie, ich fühlte das sehr wohl, noch weit härter
als sie waren. Gloria blickte mich mit starren
Augen an.
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Ich verstehe Dich nicht! sagte sie, indem sie nahe
ihr,
mich herantrat, Du denkst mich nicht zu heirathen?
Ich wich der Frage aus. Du weißt, entgegnete ich
daß Du auf mich zählen kannst, das; Di einen
Freund an mir besizest -
Sie ließ mich nicht vollenden. Was geht uich
z Deine Freundschaft an! Ich brauche keinen Freund !


Ich bin Dein Weib vör Gott und fordere von Dir
Deinen Namen, wie mir's zukomnmt vor den Menschen!
sagte sie entschlossen und gebieterisch.
Ihre stolze Sicherheit reizte mich in diesem Falle
mehr als je, und ihrem sittlich allerdings berechtigten -
Trotze den Trotz jener Selbstsucht entgegensezend, von
der die Welt regiert wird, welche wir die beste zu nennen
lieben, weil wir es uns in ihr so bequem gemacht haben,
wiederholte ich ihr mit einer Bestimuutheit, die von
meinem wahren Empfinden sehr verschieden war: Du
mußt nicht fordern, was Dir zu gewähren mir nicht
möglich ist. - Aber daä Entsezen, das über ihr Antliz
fuhr, brachte mich zur Besinnung, und ihre Hände er-
greifend, bat ich sie, sie möge mich nicht drängen, mich
nicht zwingen wollen, sie möge die Zeit gewähren lassen.
Indeß sie achtete nicht darauf, und mir ihre Hand
entziehend, wiederholte sie: Mein Vater ist ja todt!
Aber der meine lebt und wird, ich hoffe es, noch
lange leben, und meine Mutter auch! entgegnete ich mit
dem Wunsche, ihr für den Augenblick es damit klar zu
machen, was uns trennte. Gloria's Geradheit machte
jedoch ein solches Hoffen eitel.
Was kümmern mich Dein Vater und die Mutter?

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Du bist nicht gegangen Deinen Vater und Deine
Mutter zu befcagen, als Du mich für Dich gewonnen
hast, rief sie, und ich habe meinen Vater auch nicht erst
befragt, denn ich liebte Dich und Du hast mich geliebt.
Aber ich sehe es und habe es lange gesehen, mit Deiner
Liebe ist's vorbei. Die Liebe kennt ja Nichts als sich
selbst, sie fragt Niemand, und sie kümmert sich um
Nichts! Du aber --
Sie unterbrach sich, weil ihre wachsende Leiden-
schaft ihre Stimme erstickte. Ich versuchte sie zu be-
fänftigen, sie hörte mich nicht, und es half nicht ihr
nicht mir, daß ich ihr betheuerte, ich wirde sie nicht
verlassen, daß ich ihr versicherte, sie sei mir werth und
werde es mir immer bleiben.
Sie lachte höhnisch auf. Gch! sagte sie, geh!
Vater und Mutter und Deine Vornehnheit sind Dir
werth, nicht ich! Ich habe mit Deinem Vater und
Deiner Mutter und mit Deiner Vornehnheit gar Nichts
zu schaffen! Was wußte ich von Dir, als ich Dich sah
und liebte? Für einen armen Künstüer hielt ich Dich
und als einen solchen gabst Du Dich ja aus. -- Des
Bänkelsängers, des armen Blinden Tochter war Dir
nicht zu schlecht, da Du sie um ihrer Schönheit willen


ülebtest. Jetzt, da Du Andere m Sinne hast, dünkt
Dir der Marchese Benvenuto, der berühmte Künstler,
für Dein Weib, für mich armes Weib zu gut! -
So geh', wohin Du magst! Ich werde dafür sorgen, daß
Du mich auch in den Armen einerAndern nie vergessensollst!
Und sich mit ungebändigter Leidenschaft von mir -
wendend, stieß sie mit starker Hand den Modellirtisch
um, auf welchem das nahezu fertige Modell des Grab-
denkmales stand, daß es mit dem Tisch zu Boden fiel.
Dann warf sie die Thüre hinter sich zu, daß es schallte,
und schritt in wildem Zorn davon.
Ich stürzte nach meiner Arbeit hin, ich rief meine
Gehilfen herbei, wir versuchten die Gruppe, die ich in ,
halber Lebensgröße entworfen hatte, so gut es gehey ,
wollte, aufzurichten, aber sie war theils zerfallen, theils F
flach geschlagen. Indeß, wie hart mir das auch ankam, -
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denn die liebevoll durchgeführte Arbeit war fast neu zu
machen, athmete ich in meiner zornigen Empörung gegen
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Gloria doch leichten Herzens auf. Gegenüber ihrer
Maßlosigkeit und Wildheit schwieg die Stimme meines
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Gewissens, die Stimme des Mitleids, und ich fühlte mich
berechtigt, nur an mich zu denken, nicht an sie.
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