Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 16

Ez-: Bursche, welcher im Hofe beschäftigt war, hatte
meinen Hilferuf vernommen. Die ganze Dienerschaft des
Hauses war rasch beisammen. Ich hieß sie, Aerzte her-
beizuholen. Der Thürhüther, der Kammerdiener, treue
erfahrene Leute, schüttelten das Haupt.
Das ist umsonst! Da ist Nichts mehr zu machen,
Herr Marchese! sagte der Eine, während der Andere sich
rasch entfernte, um den Herrn des Hauses von dent
Ungllicksfalle zu unterrichten.
Monsignore Arrigo hatte sich eben fir eine Ge-
sellschaft ankleiden lassen, sein Wagen stand unter dem
Portale, er war auf dem Punkte gewesen, das Hans zu
verlassen.
Wie gut, daß ich noch da
er festen Schrittes zu mir trat.
bin! rief er, während
Welch' ein Glck, daß
1g

214
sie sich, nicht Dich-, erstochen hat, die Unglückselige!
Erinnere Dich! Noch heute hatte ich Dich vor ihr ge-
warnt! Heute Mittag noch hatte ich Dir gesagt: nimm
Dich in Acht mit dieser Gloria! Sie hatte einen wilden,
kückischen Character wie ihr Vater, der Galeeren-
züchtling! -- Ich habe ausgeschickt, die Polizei zu
rufen; wir wollen im Hause bleiben, bis sie kommt, die
Thatsachen festzustellen. Aber wir wollen gleich morgen
eine Novena ansagen lassen drüben in der Kirche, der
heiligen Mutter Gottes für den Schutz zu danken, den
sie Dir gewährt hat, und Du kannst mehr noch thun,
als das! Du mußt Messen lesen lassen für die arme
Seele Gloria's! Komm, mein Freund! das hier ist ein
schlechter Anblick! Komm!
Er hatte das Alles mit einer Festigkeit gesprochen,

welche dazu bestimmt war, der Dienerschaft die Weise
Kammerdiener bei der Leiche bleiben und ihn benachrichtigen,
wenn die Behörde gekommen sein wür e. Mich aber führte
er in meine Wohnung und schloß die Thüre zwischen
-
-

I


dieser und meiner Werkstatt ab.
K
?
-
=.


-. =
-
F
demselben geredet haben wollte. Dann befahl' er seinen- ;'
z

=
anzudeuten, in welcher er das Ereigniß ansah und von I
anderen Leuten, die Werkstatt zu verlassen, hieß den
- ?

25
Ich brach in meinem Schmerz zusanmen, Arrigo
ging schweigend in dem Zimmer auf und ab, bis
er,' vor mir stehen bleibend, die Hand auf meine
Schulter legte.
Muth, mein Lieber! sagte er, Fassung! Fassung,
mein Lieber! Es ist allerdings ein Mißgeschick ! Eine
traurige, eine widerwärtige Geschichte, und man muß
sehen, daß man sie todt schweigt, sie baldnöglichsl ver-
gessen macht. Aber es ist gut, sehr gut, daß Du
wenigstens nicht im Hause gewesen, nicht dabei gewesen
bist, als sie sich in ihrer wahnsinnigen Leidenschaft das
Messer in die Brust stieß.
Oh! wäre ich nur dagewesen, als sie kam! rief ich
aus, aber ich war zu ihr gegangen -
Arrigo ließ mich nicht weiter sprechen. Allerdings,
agte er, trägst Du Schuld an ihrem: Tode; ich spreche
Dich auch keineswegs frei! Deine Schwäche, Deine
Empfindsamkeit haben sie verwöhnt und endlich über-
spannt! -- Welch' eine Thorheit, mit einem Modell,
mit einer Straßensängerin den Liebenden zu machen!
Nicht Herr zu bleiben und nicht Meister in einem solchen
Handel! Welch' ein Unverstand! -- In Wahrheit! wenn
jedes Modell, das man nicht mehr brauchen kann, weil

46
es zu alt, zu stark geworden ist, die verlassene Dido
spielen und sich in Liebeöflammen dem Untergange weihen
wollte-- bei Gott! es wäre danach angethan, die Kunst
den Künstlern zu verleiden, wie es Dich hoffentlich von
Deiner Empfindsamkeit kuriren wird!- Ein junger
? RN T? ---- -
Schon am Morgen hatten die Kälte und die Ge-
ringschätzung mich verwundet, mit welcher Arrigo von
der Unglücklichen gesprochen. Jetzt erschienen sie mir als
die fürchterlichste Härte, und allen weiteren Erörterungen
ein Ziel zu sezen, rief ich, von Schmerz und Neue über-
wältigt: Sie war mehr werth als ich! Ich werde ihrer
nie vergessen!
z
Für das Erste sicher nicht! fiel mir mit Bitterkeit .
Arrigo ein, denn Du wirst Wochen brauchen, Deine ?
Arbeit neu zu machen, und sie hat dafür gesorgt, Dir-I
- F
einen langen dunklen Schatten auf Deinen schönen -.
hellen Lebensweg zu werfen. Das ist's, was ich be-
klage, was ich ihr nicht vergeben kann. -- Und wieder HF
wandelte er mit wachsender Ungeduld in dem Gemach I
- -
umher.
Ich vermochte dagegen Nichts zu sagen. Ich er- -
F-


L?
kannte in seinen Worten seine Freundschaft, seine Sorge
um mich, und sie rüihrten mich; aber die Herrschaft,
welche er über meinen Schmerz gewinnen wollte, er-
schien mir unmenschlich. Ich fühlte mich ihm dadurch
entfremdet, und sehnte lebhaft die Ankunft der Polizei-
beamten herhei, denen ich Rede zu stehen hatte, und nach
deren Entfernung ich mir überlassen zu bleiben hoffen
durfte.
Sie ließen sich lange genug erwarten, dafür war
aber nach ihrer Ankunft die Sache um so schneller ab-
gethan; denn gegenüber dem einflußreichen Prälaten gab
es für die Beamten keinen Zweifel und nicht einmal
Bedenken.
Arrigo berichtete den Vorgang und die Verhältnisse,
welche ihn herbeigeführt hatten, wie er sie ansah. Wie
er es angab, befragte man den Portier, der Gloria in
meiner Abwesenheit in die Wohnuung eingelassen, den
Knaben, der meinen Hilferuf gehört, den Kammer-
diener,, welcher die Todte bei meiner Ankunft schon er-
starrt gefunden hatte. Nach Arrigo's Worten verfaßte
man das Protokoll. Kaum daß man eine Frage an
mich richtete.
Es war ja Niemand da, von dem Tode der armen
- - SoSaws-ß « «s« u

L18
Gloria Rechenschaft zu fordern; Niemand, außer ihren
Wirthsleuten, den ntan davon zu benachrichtigen gehabt
hätte, oder der außer mir geneigt sein konnte, des
Grabes in der entlegenen Kirchhofsecke zu gedenken, in
welcher man Diejenigen bestattet, die ein Leben von sich
geworfen haben, das ihnen in einem Augenblick der
Verzweiflung nicht mehr der Mühe es zu leben, werth
erschienen war.
Arrigo's Leute sprachen von Gloria's häßlichem
Character, wie sie ihren Herrn davon hatten reden hören.
Die Beamten beklagten ihn und mich über den Schreäken
und die Unbequemlichkeit, welche der Vorfall uns ver-
anlaßt haben mußte. Sie versicherten, daß ich mit
dieser Angelegenheit nicht weiter behelligt werden würde.
Die fromme Brüderschaft, welche am anderen Morgen
die Leiche bestatten sollte, wurde sofort davon in
Kenntniß gesetzt. Die Beamten der Polizei verließen
den Palast, sobald sie ihrem Amte genügt, die Diener-
schaft ging, ihre Aufregung in der gewohnten Disciplin
T
verbergend, wieder an ihre Geschäfte, nur der Polizei-
Z
direktor, der auf Arrigo's Bitte selbst herbeigekommen, . -
war noch im Gespräche mit demselben, als man dem J
Prälaten melden kam, daß sein Wagen vorgefahren sei. I
.
z.
-

L19
Er zog die Uhr aus der Tasche, es war spät ge-
worden. Aber, sagte er zu dem Polizeichef, ich hale
noch alle Zeit, Sie in Ihre Wohnung zu geleiten, oder
Sie hinzuführen, wohin Sie sonst gebracht zu sein
wünschen. -- Dich, mein Freund, werde ich bei Donna
Carolina wegen Deines Nichterscheinens entschuldigen;
und da ich Deine Eltern dort zu finden hoffe, ihnen
die nöthigen Mittheilungen machen, für den immerhin
möglichen Fall, daß diese Angelegenheit irgendwie zu
ihrer Kenntniß käme. Morgen in der Frühe sehe ich
Dich wieder. Inzwischen lege Dich zu Bett, die Nuhe
zu suchen und den Schlaf ! Das ist das Nöthigste
flr Dich! Von dem Nebrigen wird morgen mehr zu
sprechen sein.
wie
mir
und
Er verließ mich, und ich brauche nicht zu sagen,
ferne die Ruhe und der Schlaf mir blieben, die er
gewünscht hatte.
Die ganze Nacht ging ich in meinem Zimmer auuf
nieder, umhergetrieben von Erinnerungen, die in
wildem Durcheinander spukhaft mich verfolgten. In
dem Raume weniger Stunden lebte ich die ganzen Jahre
wieder durch, von dem Morgen, an welchem ich Gloria
zuerst erblickt, bis zu diesem Abende, da ich sie entseelt
yat,s=V-= =- - -
i

27O
vor mir gesehen hatie; und die Leidenschaft, die ich für
sie gefühlt, flammte wie ein verzehrendes Feuer wieder
in mir auf. Der Gedanke, daß diese herrliche Gestalt
zerstört war, daß ich sie nicht mehr würde vor mir
sehen in ihrer stolzen Majestät, daß die kalte Erde den
schönen Leib verschlingen werde, den ich mit solcher
Wonne in meinen Armen gehalten, preßte mir die
heißen Thränen aus und schlug uich nieder, als wäre
mit ihr der beste Theil meines Könnens und Schaffens
uir entrissen.
Ich hatte ein unaussprechliches Verlangen, sie noch
einmal zu sehen, zum lezten Male mir die Seele zu
erfüllen mit der Schönheit, der ich meine ersten mir die
Hahn brechenden Erfolge zu verdanken gehalt hatte. Ich
ging nach meiner Werkstatt, aber ich fand sie ver-
schlossen; und als ich von dem Hausmeister den
Schllssel forderte, sagte er mir, der Schlüssel sei nicht
da, Monsignore habe ihn vermuthlich aus Versehen mit
sich genommen.

?
-

I
. I
I

F
.=
Es war lange nach Mitternacht, als sein Wagen

in den Hof fuhr, aber den Schlüssel fordern zu lassnn, -H
hätte geheißen, ihn selbst zu mir entbieten; und ihn zu ,?
sprechen, trug ich in meiner Verfassung kein Verlangen. I
e
aT
- z-

zzR
Müde vom Umhergehen sezte ich mich endlich nieder und
sah in die stille Nacht hinaus, während der Blüthenduft
berauschend zu mir in das Zimmer drang, und der
leichte Wind, der durch die Zweige der Bäume zeg, daß
ich ihr fächelndes Bewegen hörte, den feuchten Staub
des Springbrunnens kühlend nach mir hintrieb.
Ohne daßß ich es gewahrte, wirkte der Zauler der
Natur erquickend auf mich ein. Die marternde Span-
nung meiner Nerven, die herzbeklemmende Pein, die mich
gefoltert hatte, wurden linder. Ich konnte zusammen-
hängend denken, konnte, wie von einem Hihenpunkte die
Jahre, die ich mit Gloria durchlebt, als Ganzes über-
schauen, und was in diesen Stunden aus der Per-
gangenheil eutporslieg, war Alles hell und mild und
freundlich wie die Nacht, die mich umgab, und so
lebendig, daß ich auch Gloria's nicht wie einer Todien
dachte. Ich sehnte mich nach ihr, als wäre sie mir
nicht verloren, und merkte es nicht, wie allmälig der
Traum mein Denken mehr und mehr umspann, bis er
mich völlig in Vergessenheit wiegte und mir ein Glück
vorspiegelte, das mir nimmer wiederkehren konnte.
Ich wußte nicht, daß ich geschlafen hatte, als
schwere Schritte und der Ton fremder Stimuen mtich

A
erweckten. Ich sprang empor und eilte hinaus. E
war nicht lange nach Sonnenaufgang. Die Thüren
meiner Werkstatt waren offen. Leise, daß ich es nicht
gehört, hatte man Gloria's entseelte Hille für die
Beerdigung vorbereitet; jetzt waren die Kapuziner, die
sie zu Grabe tragen sollten, herbeigekommen. Sie hatten
den Sarg bereits emporgehoben, die Dienerschaft lag
betend auf ihren Knieen. Schweigend und ohne die
Todtengesänge anzustimmen, schritt die Brüderschaft mit
der Leiche in den Garten hinaus; und auf daä Neue
ergriffen von der Gewalt meines ceuevollen Schmerzes
stürzte ich nach dem Sarge hin. Ich wollte sie noch
einmal sehen!
Eine feste Hand hielt mich davon zurück. Ich wendete
mich um, es war Pater Cyrillus, mein früherer Erzieher.
Ich war mit ihm in den lezten Jahren nur noch
selten zusaumengekommen. Er hatte die grosen Weihen
empfangen, und bekleidete jetzt ein ansehnliches Amt in
dem Collegium, das ihm eine erhöhte Geltung auch in
F
e
der weltlichen Gesellschaft verlieh; indeß er hielt sich von z
derselben fern, obschon er in dem Hause meiner Eltern-
und auch in anderen unserer angesehenen Familien häufig ;
=?
aus- und einging.
-
--

s e
=- -=
F Söos=F=z= Jz K z= ggggpggaa ? F7 ss z,a R
Man wußte, daß seine scharfsinnige Klugheit, seine
Umsicht und sein Eifer für den Orden ihm zu großßer
Geltung
wußte.
fammen
verholfen hatten, und daß er diese zu benutzen
Mir war er, wenn er zufällig mit mir zu-
getroffen war, stets freundlich und mit Aner-
kennuung meiner Leistungen begegnet, ohne mich jemals
daran zu erinnern, daß nan früher auuf eine andere
Zkunft für uich gerechnet hatte, und ohne es mich
ahnen zu lassen, daß er von meiner gegenwwärligen
Lebensführung uehr als daöjenige wisse, was sich von
derselben in neinen Arbeiten und in meinen gesell-
schaftlichen Verbindungen offen kund gab. Er war
gleichmüthig und sicher, als hätten wir uns am ver-
wichenen Abende gesehen, als wäre nichks Außer-
gewöhnliches hier vorgegangen.
Bleiben Sie, mein theurer Freund! sagte er mit
jenem Tone sanfter Neberlegenheit, den anzunehmen er
immer mehr gelernt hatte, lassen Sie die Brüder ihr
frommeä Werk vollenden. Stbren Sie die Nuhe der
ueodten
genug!
wir d?
meiden
nicht; ihr Leben war ruhelos, war unheilvoll
Und wozu verrathen, was besser nicht verrathen
Wozu ein Aergerniß geben, wenn man es ver-
kann?

27
Die Stimme, der ich zu gehorchen durch lange
Jahre gewohnt gewesen war, die Scheu vor den
beobachtenden Blicken der Dienerschaft, übten ihren Einfluß
auf mich aus. Ich gab der Hand nach, die mich zurück-
hielt, ich sah den Leichenzug unter dem Portale des
Vorderhauses verschwinden und ging, dem Pater folgend,
mit ihm zurück in meine Wohnung.
Ich hatte mich schweigend auf einen Sessel nieder-
geworfen und das Gesicht mit meinen Händen verhüllt,
ich wollte Niemanden sehen lassen, was ich litt. In
meiner Versunkenheit fiel es mir nicht auf, den Pater
neben mir zu finden, denn die Nähe eines Menschen
war mir tröstlich, und er störte mich in meinem Brüten
nicht. Wie ein geduldig beobachtender Wärter neben
dem ihm anvertrauten Kranken, saß er an dem andern
Ende des Gemachs still' in seinem Brevier lesend, bis
ich ihn mit der Frage anging, welchen Tag des Monats
wir zählten.
Wir haben heute den Frühlingsanfang, sagte er,
lassen Sie sich das, mein theuerer Benvenuto! ein gutes
»gwe?
Zeichen und auch eine Mahnung sein.
Ich hörte nur mit dem Ohre, was er sprach,
denn ich suchte mir in meinen Erinnerungen die letzten
i
s
-

27
Ia
friedlichen und freundlichen Begegnungen mit der Ver-
lorenen zu vergegenwärtigen, als der Paier seine Worte
wiederholte.
Lassen Sie sich diesen Beginn einer schöneren Zeit
ein gutes Zeichen sein, mein theurer Benvenuto! ein
Zeichen und eine Mahnung! Das Jahr steht heute an
einer seiner Krisen, an eineut feiner Wendepunkte. Die
Zeit der Stürme, der jähen Wechsel ist vorüber; es
beginnen die Tage voll reineren helleren Lichtes, segens-
räiche und die Frucht reifende und zeitigende Tage. Sie
bringen dem Menschen die Gewährung der Hoffnungen,
welche immer und immer wieder von der gütigen Hand
der Vorsehung erfüllt zu sehen wir in glaubensvoller
Zuversicht erwarten dürfen und müssen. Lassen Sie
uns hoffen, mein Benvenuto! daß nach der furchtharen
Lehre, welche es dem Herrn über Leben und Tod ge-
fallen hat, Ihnen angedeihen zu lassen, die Stürme der
Leidenschaft sich auch in Ihnen sänftigen, daß Sie nicht
mehr von denfelben in wildem Wechsel unhergetrieben
und von Ihren eigentlichen Zielen abgewendet werden.
Es ist nichts Geringes, es ist ein Zeichen hoher Gna de,
wenn der, der Herr ist ütber Leben und Tod, ein Meschen-
leben opfert, um einen Begnadigten dadurch zu befreien,


um ihn zu erlösei auä der Sünde und ihn auf einen neuen
Weg zu führen. Was Ihre zaghafte Nachgiebigkeit und
Schwäche gegen sich und gegen die Gefährtin dieser
Schwäche, nicht zu ihun vermocht, das hat in seiner
Weisheit und Barmherzigkeit der Himmel jezt für Sie
gekhan. Also blicken Sie getrost und fest empor, mein
Lieber! Schauen Sie nicht zurück in dieser Stunde,
sondern vorwärts in die Zukunft, in welcher Sie unter
dem Beistand der heiligen Jungfrau segnen werden, was
Sie jezt so schmerzlich beugt und drlckt. Richten Sie
sich auf, mein Freund!
Ohne es zu wissen, gab ich dieser lezten Mahnung
nach; aber wenn die Seele eine Menschen von einem
ausschließlichen Gedanken hingenommen ist, wird all'
sein Thun, sofern es nicht mit jenem ihn beherrschenden
Gedanken zusammenhängt, seelenlos und äußerlich. Ich
hörte, sah, beobachtete, als thäte ich es nicht selbst, als
erlebte ich es in einemt Traume, den ich mit Bewußtsein
als solchen empfand, ohne mich jedoch aus seinen
Banden befreien zu können.
Die Anschauungsweise meines Erziehers war mir
vordem geläufig genug gewesen. Oft genug hatte ich
es ihn aussprechen hbren, daß unser Herrgotk, der seinen

eigenen Sohn für die
D
Erlösung der Menschheit ge-
opfert hat, auch jezt noch in seiner Alloissenheit und
Gnade das Opfer eines Menschenlebens zu Gunsten eines
andern von ihm für große Zwecke auserlesenen Menschen,
wohl verhänge. Diese Theorie, wie der Pater sie mit
doppelsinniger Arglist nach den Grundsätzen der Geselt-
schaft Jesu deutete, hatte ich immer verabscheuungswerth
und gotteslästerlich gefunden, wenn schon auch ich mich
überzeugt hielt, daß in der Natur überall das Geringere
dem Größeren dienen und aufgeopfert werden müsse.
In diesem Augenllicke aber gefiel mir plözlich die Vor-
stellung sehr wohl, daß nicht mein und Gloria's eigenes
Verschulden, sondern Gottes Raihschluß sie in den Tod
getrieben habe. Denn leichter war es in der That, dent
Höchsten für seinen mir erwiesenen Beistand, für eine
gewaltsame Erlösung aus den Banden eines drückend
gewordenen Verhältnisses zu danken, als mir es vorzu-
halten, daß ich Gloria meiner Leidenschaft geopfert, und
daß sie leben und vielleicht glüücklich sein würde, hätte
ich sie ziehen lassen, als sie mich zu meiden entschlossen
gewefen war. Weil man aber sich in selbstsütchtiger
Bequemlichkeit eine tröstende Widerlegung der Anklagen
gern gefallen läst, zu welchen das Gewissen uns zwingt,
F. Lewald, Benvenuto. l.

28
gab ich mich jezt ohne Scheu dem Ergusse meines
Schmerzes und meiner Neue vor dent Pater hin.
Er ließ mich ruhig wie in der Beichte sprechen,
und eine Veichte von mir selber war es, in welcher ich
mich erging. Als ich dann inne hielt, trat er still an
mich heran, und seine Hand kaum merkbar mir auf
die Schulter legend, sagte er: Und haben Sie denn es
so ganz verlernt, sich in der ewig wachenden Ohuth
unsers Herrn Jesuö Christus zu fühlen? Erkennen Sie
es denn in dieser Stunde: nicht schon selber, mein armer
Freund! wie der Mensch hallloö auf deut Hcean des
Lebens umhergetrieben wird, sobald er aufhört sein Auge
zu dem Allgegenwärtigen emporzurichten, welcher allein
den Weg kennt und daä Ziel, das er einem Jeglichen
vorgezeichnet hat?- Sie wollten nach eigenem Ermessen
Genuß und Glück erjagen, und haben Leid gefunden
und Untergang bereitet, so daß Ihre angstbeladene Seele
doch endlich wieder an das mit Ihnen leidende Herz
des Freundes flüchtet, den des Höchsten Nathschluß
Ihnen zum Führer Ihrer Kindheit und Jugend aus-
ersehen hatte.
Er neigte sich bei den Worten zu mir und faßte
meine beiden Hände. Muß ich es Ihnen erst noch sage,

259
Benvenüto! daß meine Sek aufgehört hat, fir
in sorgendem Gebete darauf zu vertrauen, es müsse
werde auch an Ihnen des Herrn vorbestimnter Wille
erfillen, wenn gleich wir den Pfad nicht übersahen,
Sie
und
sic
den
er für Sie vorbedacht hat, und die Stunde nicht wußten,
in welcher er Ihnen seinen Nathschluß erkemibar uachen
und Sie in die ruhige Klarheit und in die Gemeinschaft
derjenigen beufen wüirde, die sich hienieden vor allen
Anderen der Ausbreitung seines Reichs und der Ver-
herrlichnng seines Nanenö gewidek habenu?
Seine Rede überraschte mich, ich wurde achtsam.
Vorsichtig wie er sonst immner war, hatte der Pater
doch eine ebereilung begangen, indem: er daä Eisen
zu schnell schmieden wollte, weil er es grade weich sah;
aber freilich richtete er mich mit seinen Worten auf,
gab mich mir selber wieder, wenn auch nicht in
Sinne, in welchem er es beabsichtigt haben mochte.
besann mich plötzlich, wen ich vor mir hatte; und
und
dem
Ic
tit
rasch erwachtem Mißtranen legte ich ihm und mir die
Frage vor, wer ihn von den Vorgefallenen unter-
richtet, wer ihn in dieser Morgeufrüühe zu mir gesendet
habe?--
;?

26e
Er ward seinen Mißgriff sofort inne, indeß seine
Gewandtheit ließ ihn nicht im Stiche, und weit davon
entfernt, zurüczuweichen, ging er enischlossen auf dem
eingeschlagenen Wege vorwärts.
Unwahr zu sein gegenüber einem jungen Manne
wie Sie, mein Lieber, sagte er, oder Sie über die Ab-
sicht täuschen zu wollen, in welcher ich gekommen bin,
würde mir nicht wohl anstehen, und würde auch Nichts
fruchten, da ich Ihnen, den ich in der sicheren Erwwartung
rrzogen hale, ihn eiust uferer heiligen Gemneinschaft
einverleibt zu sehen, frühzeitig von der nicht endenden
Vatersorge des Ordens für seine Angehörigen gesprochen
habe. Denn was bedeutet die Sorge eines leiblichen
Vaters, den wie zum Beispiel in Ihrem Falle die eng-
herzigen Vorurtheile deä Adels und des Erstgeburtsrechts
beherrschen, gegen die Vatersorge unserer Gemeinschaft?
Unser Orden keunt solche Vorurtheile nicht. Er hält
jedes seiner Mitglieder unparteiisch hoch. Er sucht es
in seinen Eigenschafien zu fördern und zu ehren, weil
er sich bewußt ist, daß Niemand ohne Gottes besondere
Fügung ihm einverleibt werden kann, und da jedes
uns einverleibte Glied, in demt Orden die von unserem
Herrgott vorgeschenen Absichten zu erfüllen, seine von

v ßw
Oc
h --
iht vorher bestiuute Verwendung in dem Allgemeinen
zu finden hat. Der Herr Graf, Ihr Vater, vermochte
von seinem Vorhaben, Sie der Kirche zu weihen, alzu-
stehen, sobald der weltliche Vortheil seines Haufes Ihr.n
Eintritt in den Orden nicht mehr zu erheischen schien.
Unsere Gemeinschaft kann und darf ihre Plane so leicht-
herzig nicht wechseln, darf die ihr zugewiesenen Seelen
nicht achtlos sich selber überlassen. Wir sind Ihnen iu
Geiste immer nah' geblieben; denn es ist ichht nnr Ihr
diesseitiges und jenseitiges Wohl, mein Freund! es i't
das große, ganze Allgemeine, es ist die Verherrlichung
Gottes, die wir im Auge haben. Wie sollten wir also
gewissenlos und leichtgesinnt darauf verzichten, die so
herrliche Ihnen verliehene Begabung anders als zu der
Ehre dessen von Ihnen verwendet zu sehen, der sie Ihnen
eingegeben hat, als er Sie werden ließ? Wir habe:
nie aufgehört, für Sie zu sorgen und zu beten, uuser
Auuge hat nicht aufgehörl, Ihnen zu folgen, unsere Hanud
war da, Sie zu stüzen, wenn jemals die Stunde käme,
in welcher Sie der Stütze sich bedürftig fühlen mufßten
--- und sie ist gekommen, und wir preisen den Herrn
dafür, daß er sie Ihnen so früh gesendet hat!
Sein Ton, seine Miene und Haltung hatten jenen

c1=
bestrickenden Zauber, der aus einemt von starker Ueber-
zeugung erfillten Herzen kommt, aber ich wußte, wie
fest und enge Neberzeugung und Berechnung in dem
Geiste des Ordens, und in dem Geiste meines Paters
verbunden waren, und selbst die furchtbare Erschütterung,
welche ich erlitten, machte mir den Gedanken, mein
freies, schönes Künstlerleben mit demt Zwange eines Ge-
lübdes zu bela.sten und mich, denn darauf allein hatte
Pater Cyrillus es algesehen, als weltliches Mitglied
dem Orden anzuschließen, nicht einlenchtender oder
wünschenswerther.
Ich erklärte ihm deöhalb unumwunden, wie die
Vorstellung, an dem Orden gegen meinen Willen, einen
mich und mtein Thun und Lassen erspähenden Beobachter
zu haben, mich deuselben wo möglich noch abgeneigter
mache als vordem, indeß ich brachte ihn damit nucht
aus seiner Ruhe.
Mit der Milde höchster Selbstgewißheit entgegnete
er mir, daß ihm dies Geständniß nicht auffallend er-
scheine, daß es ihu aber umt uteinetwillen Kummer
mache. Er habe gehofft, die gnadenvolle Warnung,
welche der Himmel mir eben jezt habe angedeihen lassen,
würde genügt haben, uich erkennen zu machen, wie
h
e
- e
-
e

- z-

Jps-
g
O)7D
unzulänglich die eefcg einzelnen Menschen sei. sieh
aufrecht zu erhalten in den Tagen großer Versuchnng
und großer Prüfungen. Darin habe er sich geirrt, doch
dürfe ihn das nicht hindern mnir seine Vorsorge, seiur
Theilnahme und seine Gebete zuzuwenden, bis neue
Versuchungen und Prüfungen, die mir sicherlich niczt
fehlen würden, meinen vermessenen Glauben an die eigene
Kraft und an die freie Selbstbestimuung erschütttepn
uund zu Schande machen, und mich Naih, Trost d
Zuflucht suchend, in die Arme der Geuweinschaft führr
würden, die mich seit meiner frühsten Kindheit als einen
der Ihrigen betrachtet habe. Sie sei auch jezt bereit,
mir mit ihrem Einfluß beizustehen, falls irgend welchhe
unangenehmte Verwicklungen aus dem Selbstmord Gloria ä
für mich erwachsen sollten.
Für dieseä Anerbieten dankte ich ihn uit der B -
merkung, daß Monsignore Arrigo bereits gestern die
nöthigen Schritte in der Angelegenheit gethan, und daß
ich gar Nichts zu befürchten hale.
Pater Cyrillus sagte, daß er dieses Alles wisse,
und zeigte sich von allen Masßnahmen Arrigo's bin
in ihre Einzelheiten unterrichtel; trotzdem wwiederholr
er mir sein Anerbieten, und verließ mich dann mit der

e
zuversichtlichen Haltung eines Mannes, der sich bewußt
ist fir das Gelingen eines guten Werkes das Nöthige
gethan zu haben.
Ich aber war aus meinem dumpfen Schmerze
herauögerissen, denn die herrschsüchtige Beharrlichkeit des
Ordens empörte mich, und ich dachte mit Mißtrauen
und Widerwillen darüber nach, wer von meiner Umgebung
den Kundschafter neben mir gemacht haben mochte, als
Monsignore Arrigo mich zu sich bitten ließ.
Ende des ersten Vandes.
Beuliner Buchdruckerei-Actien-Gesellschast
Setzerinnenschule des Lette-Verein?.