Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 01

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z befanden uns im Jahre achtzehnhundertfünfnnd-
fünfzig in Paris; in jenen Tagen, in welchen man gleich
heiter wurde, wenn man nur an Paris dachte, in denen
Jeder, der einmal dort gewesen war, nicht müde wurde,
von dem lieblichen, dem gastlichen Paris zu sprechen,
und die schöne menschliche Anmuth und die heitere Ge-
sittung der Franzosen zu preisen, die sich denn auch
miehr als jemals sicher fühlten, auf der Höhe der
Eivilisation zu stehen, der ganzen Menschheit an Bildung
um ein gutes Theil voraus zu sein, und denen wir das
Alles ohne Weiteres glaubten, weil sie es mit solcher
Zuversicht behaupteten, und weil es gar so lustig her-
ging in ihren wohlversehenen Speisehäusern, in ihren
Theatern und tid elaiants, auf ihren Loretten-Bällen,
auf den im Lichterglanze strahlenden Boulevards, und


in den kleinen Zirkeln der gebildeten Gesellschaft, die
sich damals zum Theil noch ihrer alten Einfachheit zu
rühmen hatten.
Wer mochte auch in solchen Zuständen sich gern
daran erinnern, daß er auf eineut nicht erloschenen
Vulkane
Bastille,
Ströme
Blutes,
stand? Wer hatte Zeit, wenn
an dem Grsve-Plaz vorüberging,
des dort mit wilder Mordlust
er an der
sich an die
vergossenen
sich der Gräuel der grausamsten aller Re-
volutionen zu erinnern?
Wir Alle unterlagen mehr oder weniger dem Banne
gewisser erblich gewordener Begriffe und Vorstellungen,
und Lamartine hatte obenein die Geschichie der fran-
zösischen Revolution so abgedämpft und so wohlwollend
zurecht gemacht, daß man sich mit seelischer Erhebung
an ihren Helden und Heldenthaten erfreuen konnte, ohne
sich von dem erbarmenswerthen Untergang so vieler
Edeln mit Entsezen abzuwenden. Das achtzehnte Jahr-
hundert war begraben. Die Wunden, welche Napoleon l.
der Welt geschlagen, waren allgemach geheilt. Er sah
von seiner Säule auf dem Venddme -Plaz kalt auf das
frdhlich fluthende Menschengetriebe zu seinen Füßen
nieder. Sein Neffe, der das Kaiserreich des Friedens auf
- -- --

den Boulevards mit Kartätschen und mit dem nächtlichen
Blutbade auf dem Marsfelde getauft und eingeweiht,
hatte soeben durch den Telegraphen die Kunde von der
Einnahme von Sebastopol erhalken, während alle eivili-
sirten Völker der Erde von ihm nach Paris geladen
worden waren, zu einem Wettstreit in den Künsten und
in den Bereichen aller Indstrie.
Die erste große Weltausstellung war eröffnet, and
in vollem Zuge, als man zu Ehren deä Sieges der-
Franzosen über die Russen, Paris illuminirte und die
Straßen und die Häuser festlich schmückte.
Alles athmete Siegeslust, Freude und Genuß!
Von dem Pavillon der Tuilerien wehte in stolzer Sicher-
heit die Tricolore. Triumphirend fuhren der Kaiser
und die Kaiserin hinter den voransprengenden bunt
aufgeputzten Hundertgarden durch die Straßen zum
Tedeum nach der Kathedrale von Notredame. An dem:
Fuße der Napoleonösäule häuften sich die Jmmorteslen-
kränze alle Tage, und Niemand hätte damals ahnen
mögen, daß Franzosen selber dieses Ehrendenkmal der
Siege ihres vergötterten Kaisers niederreißen würden in
den Staub, daß Eugenie, die holdselig Lächelnde, einst
flüchten würde aus den Tuilerien, daß Franzosen selber

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FZese stole Kdnigsburg und ihr eigenes Stadthaus den
Füpenmen überliefern, daß ihr Friedenstaiser sterben
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FZFrde, ein aus der Krieasaefanaenschast euialsener
FFeina. = = de-. == == - -n =-
Fhe . w - denci ap-e Atne =n-
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FFgz bo na art re. bee Ka=n
FF=aan= u Le- s =. =e b=a s=e
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sich hier zusammenfanden und begrüßten. Denn auus
allen Lündern waren die Kinstler nach Paris geströmt,
die Einen ale Auösteller, um ihre Arbeiten mit den
Leistungen der Uebrigen zu vergleichen, die Anderen, um
zu sehen, was seit dem Anfang des Jahrhunderts über-
haupt Bedeutendes geschaffen worden war; und die
Franzosen durften sich ohne Neberhebung sagen, daß sie
in technischem und künstlerischem Vermögen die anderen
Völker bedeutend überragten. Das erhöhte ihr Selbst-
gefühl und machte sie zuvorkommend, wie es dem Gllc-
lichen und Siegreichen leicht wird und gebührt.
Müde von dem mehrstündigen Uhervandern und
Betrachten hatten wir uns eines Tages mnit unserem
Landsmann, dem Maler Adalbert, in dem Lesezimmer
der Speiseanstalt niedergelassen, die inn der Auöstellung
errichtet war, um dort unsern Augen auf den glatten
grauen Wänden ein Ausruhen zu vergönnen, als unser
Freund sich erhob, für uns von dem Tische, auf welchem
die Zeitungen auögebreitet lagen, ein Blatt herbei-
zuholen.
An der einen Langseite dieses Tisches saß unter all
den Andern ein schlanker Südländer, den Kopf auf die
Hand gestüzt und so vertieft in sein Journal, daß er es


- nicht bemerkte, als Adalbert, nach dem von ihm ge-
b wünschten Blatte suchend, dicht neben Jenem, eine um
,. die andere Zeitung aufhob. Erst als unser Freund,
; mit einer Bitte um Entschuldigung, sich des Journals
F bemächtigte, das zufällig unter dem Arme des Lesenden
F aEegen hatie, hob derselbe das duntelocge Haunt
F empor, und kaum hatten die Blicke der beiden Männer
F, sch getroffen, als sie mit dem Auödruck freudiger Veber-
F rashug einander auch die Hue reichten, und die
FLeitungen reresind da wir en fcsoe Jaütener
F, lsihkus t. uit üeis- gwecheite Wore raias
F u uns brnaten
Eine Reihe von Jahren war vergangen, seit wir
F in Nom am Tage nach dem Ceruaro-Reste von einander
. geschiden waren, das am Ende jdes Winters die Künstier
F aller Nationen und jnen Theil der Fremden-Gesellschaft,
ß welcher sich zu den Künstlern hieit, zu leztem yhon-
F tastischem Beisammensein auf deu Hügeilande der römischen
F Campagna in bunter Mastentracht zu vereinigen pflegte,
Fehe man bie ewige Start -ter gar Valien veriiek
- Die Freude des Wiedersehens war fir uns Alle
Febhaft. Die Eaen nach dem gegenseitigen Eaehen
Fwurden schnell gewechselt, und obschon wir von Benwenuto
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ein paar vortreffliche Bildwerke in den Sälen für die
italienische Sculptur bewundert hatten, waren wir doch
überrascht, ihn hier zu sehen, da er, wie wir wußten,
eigentlich kein Freund des Reisens war, und seine
römische Heimath und deren nächste Umgebung selten
einmal verließ, seit er in frühen Jahren seine große
Tour beendet hatte.
Da sieht man, wozu die Ausstellungen gut sind,
denn ohne diese hätten wir Sie schwerlich hier getroffen!
rief heiteren Sinnes der große breitbrüstige Adalbert,
dem der dichte Vollbart und sein reiches volles Haupt-
haar das offene Gesicht umrahmten, daß er mit seiner
mächtigen Gestalt wie ein antiker Flußgott anzusehen
war, und jezt, im vorgeschrittenen Mannesalter, erst
recht den Namen ,, il grnn Mio' verdiente, mit welchen
die Römerinnen, in der Erinnerung an das herrliche
Bildwerk in den Galerien des Vatikan, ihn schon in
seiner Jugend zu kennzeichnen geliebt hatten.
Die Auöstellung hat mit meinem Hiersein im
Grunde Nichts zu schaffen, entgegnete Benvenuto. Daß
ich in Paris bin, daß ich die Freude habe, Sie Alle
hier wiederzusehen, ist ein reiner Zufall, wie fast Alles
in unserem Leben. Ich hatte es gar nicht im Sinne

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hierher zu gehen. Aber eines Tages, gerade als ich
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nach dem Landsiz eines Freundes aufzubrechen und zu
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ihm in das Gebirge zu gehen dachte, lag der Sirocco
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bleien über Land und Stadt, und ich verließ aus Un-
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behagen mein Atelier früher, als ich pflegte, obwohl ich
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wußte, daß ich es draußen nur noch schlimmer finden

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würde. Meiner Thüre gegenüber hielt der Wagen eines
Vetturins. Wollen Sie einen Platz, Signor? einen
Plaz für Florenz? rief mich sein Gehilfe an. -- Und
warum nicht einmal mit dem Vetturin, statt in dem
eigenen Wagen? Warum nicht einmal nach Florenz,
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; so gut als in's Gebirge oder in mein altes Schloß?
z dachte ich. In Florenz wird's ja frischer sein, als hier.
- Also das Handgeld her, Padrone! und morgen nach
f - Korenz!
Am andern Morgen war ich auf dem Wege nach

der Medicäer Stadt. Am Arno war die Hize so
lastend, als am Tiber, aber ich war nun einmal unter-
wegs. Der Gevatter meines Vetturins, der zwischen Florenz
-
und Mailand seine Straße hatte, legte denn auch sofort
die Hand auf mich und brachte mich bis zu der Eisen-
bahn. So kam ich nach Mailand, wo ich die Stadt voll
-
Staub und leer von Menschen fand. Also weiter vorwärts!
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und weiter vorwärts noch einmal und noch einmal!
hinauf, hinunter; und wieder einmal allein und ganz
als Künstler gereist, wie in jungen Tagen, iber Berge
und Seen, durch Wälder und Felder, an die Grenze
und über die Grenze, bis ich hier gelandet bin, offenbar
geführt von guten Geistern, da ich Ihnen die Hand
hier geben kann.
Benvenuuto, wie er leibt und lebt! rief Aalbert,
während wir Alle mit Wohlgefallen in das feine, geist-
reiche Gesicht des Italieners blickten. An Ihnen ist die
Zeit ganz spurlos hingegangen, und was haben Sie Alles
geschaffen in den Jahren!
Zeit! wer spricht von Zeit? schalt der Jtaliener
eifrig. Das ist ein Wort, das ich nicht hören mag!
Es macht alt, so wie man es nur über seine Lippen gehen
läßt. Was will das sagen: die Zeit? Gestern, heute,
morgen! es ist ja Alles ganz dasselbe! Warum unter-
scheiden Sie es? Warum sammeln Sie die Tage in
ein Ganzeö? Gestern war ein Heute; morgen wird ein
Heute sein, und die Stunde, die wir eben leben, ist
doch ganz gewiß ein Heute! - Ich kenne gar Nichts
als das Heute, seit ich nicht mehr jung genug bin, von
der Zukunft sonderlich viel für mich zu erwarten. Und

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Nichts kennen, als den Tag, an dem man lebt, Nichts
denken, als ihn zu be
nuuzen, ihn zu genießen, daä dünkt
mich, heißt in einer
nicht endenden Gegenwart leben,
wie die leicht lebende:
-- --- -- ?T!
freveln, wenn wir sie mit unseren groben Mitteln dar-
ustellen unternehmen.
Und er hat eine Venus, eine Hebe, einen Mars
schaffen! rief Einer von uns aus.
Ich habe mehr Thorheiten gemacht in meinem
Leben, und mehr Sünden begangen, als nur diese
künstlerischen! warf der Bildhauer mit jener scherzenden
Melancholie uns ein, die wir an ihm kannten und die
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eigentlich immer unerklärlich an ihm erschienen war.
uns
Sie dürfen wohl so spotten, sagte Adalbert, da
Sie
wissen, wie die Kenner Ihre Werke schäzen und wie
allgemein man sie bewundert.
Die Kenner! wiederholte Benvenuto in derselben
ggz Weise wie vorher. Die Kenner! und nun gar die allgemeine
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EHgals fehlt! Was gelten sie dem Künstler? was gilt
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EEfülr,ghr Beifall, ihre Freude, wo ich selber keine rechte
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er hinzu: Was wollen Sie meine Freunde? Ich weiß
und darf es sagen, daß ich ein Künstler bin; und doch
ist ein Etwas in meiner Natur, das mich von je ge-
hindert hat, meines Schaffens und ueines Lebens einfach
Froh zu werden. Ich wollte, ich hätte meine Arbeiten
hier gar nicht wieder beisammen gesehen, denn sie
freuen mich nicht. Ich bin durch Naturanlage und
durch meine erste Erziehung zu grüblerisch für einen
Künstler. Nur das Nichtvorhandene reizt mich! Nur
so lange ich es im Geiste ahnend in mir trage, lebt in
mir mein schönes erschautes Jdeal in seiner Erhabenheit!
Ich besize, ich genieße dann, was keines anderen Menschen
Auge sah. Aber, fuhr er seufzend fort, die Stunde
kommt, in welcher dieses innere Alleinbesitzen mir nicht
mehr genügen will, in der ich auch von Auderen mit-
genossen und bewundert sehen möchte, was durch lange
Tage mir das Herz erhoben hat. Ich gehe also an die
Arbeit: die Skizze fliegt mir von der Hand; ein zu-
versichtliches Hoffen feuert meinen Eifer an; ich habe
Augenblicke einer völligen, einer göttlichen Befriedigung.
Indeß diese Stunden schwinden und sie werden immer
seltener, je mehr ich mich dem Ende meiner
Arbeit nähere. Die Hoffnung läßt dann ihre Flügel

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sinken, die Begeisterung hebt das Haupt nicht mehr so
freudig empor, und wenn die Arbeit endlich gethan,

wenn der lezte Meißelstich gemacht ist, und daä Gllck
s es fügt, daß Andere sich meines Werkes freuen, so stehe
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ich da, wie vor einer gestorbenen Geliebten: trauernd
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E um ein Schönes, das nicht mehr vorhanden, das un-

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wiederbringlich mir verloren ist, und das ich mir in
gewissem Sinne selbst zerstörte. -- Denn was ich dann
gestaltet vor mir sehe, ist nicht mehr und ist zoch nicht
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h so auferbauen, wie ich es zuerst erschaut! Es ist für
z mich dahin auf immerdar!
- Wir kannten diesen sonderbaren Zwiespalt in
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unseres Freundes eigenartiger Natur. Indeß, wir hatten
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F - uns in früheren Jahren der Hoffnung hingegeben, daß
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sein großes, schöpferisches Können ihn mehr und mehr
zufrieden stellen, daß er Meister wekden würde über
jenes quälende Verlangen, ein Höchstes zu erreichen; und
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,sahen nun mit Erstaunen und Bedauern, wie völlig un-
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F' verändert er in seinen Empfindungen geblieben war.
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Wir hatten ihm ruhig zugehdrt. Als er geendet
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' - hatie, sagte Adalbert, der, von Jahr zu Jahr auf
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sicherem Wege rüstig fortgeschritten, für einen der ersten
Landschafter der Zeit galt: Ich verstehe Sie ganz
wohl, und in gewissem Sinne haben wir Alle das
Gleiche oder dochh ein Aehnliches in uns duurchzumachen,
wenn schon wir uns, im Gegensatz zu Ihnen, allmälig
zu bescheiden lernen. Um zufrieden zu sein, umt sich
glücklich preisen zu können, müßte der Künstler neben
der männlichen Kraft des schöpferischen Erzeugens, auch
die Begnügtheit des Weibes besizen, das sein Geschöpf
zu lieben vermag, wie unvollkommen es auch sei. Ent-
sagung ist aber nicht des Mannes Sache; und so stehen
wir denn nur zu häufig vor der großen unheilvollen
Kluft, die das Wollen von dem Vollbringen scheidet;
vor dem Zwiespalt zwischen dem Jdeal und der
Wirklichkeit, vor der alten ewigen Klage - vor der
Unzufriedenheit des wahren Künstlers mit sich selbst,
der gegenüber man jeden Stümper um seine glückliche
Selbstgenügsamkeit beneiden möchte.
Der Bildhauer schüttelte ablehnend das Haupt.
Nein, sagte er, das ist es nicht, oder ist es doch nicht
allein. Sie geben einer schlechten Seite meines be-
sonderen Wesens einen guten allgemeinen Namen. Eä
ist ein Mangel in meiner Natur, oder auch die Er-

n
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;
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, innerung an traurige Erlebnisse, die sich durch lange
F Jahre in meinem Leben hingezogen hat. Es ist ein
f falscher Jdealismus, ein thörichtes Hoffen und Suchen
E nach einem vollkommenen Genüügen, das vielleicht nie
F, und nirgends zu erlangen ist. Früher hat alles Neue,
alles Schöne mich gereizt, ja geblendet und gelockt, wiees
k
F ein Kind verlockt. Immer auf das Neue wähnte ich mein
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g; Ieal gefunden zu haben. Ich wollte mir aneignen, was
F mich verlockte, ich setzte alle meine Kraft daran, und
F hatte ich es erreicht, so reizte das ndchste Rene. Scöne.
I das unerwartet mir vor die Augen trat, mich ebenso,
F Ich war jdem Eindruc offn und eben dadurc u?
F-beständig, war nie zfriden ud noch weniger glücieh
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- - Sie analysiren sich mit großer Klarheit! bemerkte
F= == =
F- - Wenn die Ertenntniß umgestalten kdnnte, entgegnete
Fder Jtaliner, so wdre mir lnge schon geholfen, den
Fzch tne nich sebr aeno: aber wa hiist utr bae?
FFteh habo uuich neh awaeh Ic b o abor=. so

Pggozrden! Und als ich einmal überzeugt war, Nuhe
Fz no. » =n w = tpu t
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Fgymnnersein- Anderer gewprden zu sein - da fand ich
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FHFFGb u »= Vene - n b =
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nicht, wo ich es zu finden wünschen mußte. Was
wollen Sie meine Freunde? so ist das Leben! so ist die
Welt einmal!
Sie haben sich nicht verheirathet? fragte Adalbert.
Nein ! versetzte Benvenuto, und Sie wohl auch,
nicht?
Was denken Sie? rief Adalbert, indem er sich mit
scherzendem Pathos in die Brust warf, ich nicht ver-
heirathet?-- Sehen Sie es mir denn nicht an, wie
mich die Sorge für eine Familie niederdrückt? sezte er
hinzu, während sein helles Auge die Reihen der vorüber-
gehenden Frauen und Mädchen mit raschem Blicke
musterte.
Und was ist aus William, was aus Eberhard ge-
worden? wissen Sie von Helmar Etwas? fragte der
Jtaliener.
Das können Sie von ihnen selber hören, denn sie
sind sammt und sonders in Paris, und werden -- er
sah hinüber nach der Uhr -- wenn sie nicht Ab-
haltungen haben, in wenigen Minuten zu dem täglichen
Stelldichein erscheinen. Sehen Sie, da kommen sie auch
schon!
F. Lewald, Benvenuto. 1

1K
Wir gaben den Erwarteten ein Zeichen. Sie
waren rasch an unserer Seite, und ihre Freude,
Benvenuto anzutreffen, war nicht geringer, als es die
msere gewesen war.
Er allein hatte uns gefehlt, um den schönen
Kreis der Freunde vollständig zu machen, der einst so
fröhliche, fördersame Tage, so jugendfrische Zeiten in
der alten Weltstadt an dem Tiber, und in Ariccis
Casa Martorelli mitsammen verlebt hatte; und wie
Sonnenschein leuchtete es in uns Allen auf, als wir
zurückblickend in jene Zeiten, uns wieder einmal die
Hände reichen konnten.
Fast zehn Jahre lagen zwischen dem einstigen
Scheiden und dem jezigen Begegnen. Man hatte in
denselben die knstlerische Laufbahn der Freunde in
ihren Leistungen leichter als ihre persönlichen Erlebnisse
-- verfolgen können, aber die Theilnahme aneinander war
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H. die gleiche geblieben, das alte Vertrauen zeigte sich un-
F -permindert zwischen uns. Alte Scherze wurden rasch
FßHFndig; nGben bem semeinsamen, essen man ch =
FFanern hate, tducht auch bas Besonder wwieber auk
FzFspschn rchoinandern, man woe n=chbolen, was
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Fßgn-ss lange persaumt hate. Helmar und Eberhar
F--
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hatten sich in den Jahren ebenfalls verheirathet; Willian:
sagte, er sei ein alter Junggeselle und Nichts weiter.
Und was ist aus Lisandra geworden? fragte ihn
Eberhard.
Das ist mit wenig Worten nicht zu sagen! ent-
gegnete der Engländer, mit der Zurückhaltung, die ihn
nicht leicht verließ; aber sie lebt in Rom, so wie vordem.
Benvenuto bemerkte, sie sei noch immer schön.
Noch kurz vor seiner Abreise sei er ihr hegegnet, und
ihre königliche Haltung sei auch an der nicht mehr
jungen Frau noch auffallend gewesen. Sie arbeite noch
immer und werde immer noch mit Vorliebe von den
Künstlern als Modell' benutzt.
Einer von uns machte die Bemerkung, sie sei
durch ihre Schönheit wie durch ihre wahrhaft künstlerische
Begabung eines der herrlichsten Modelle gewesen.
Sie war weit mehr als das! sagte William,
während wir uns anschickten, aufzubrechen, um wieder
in die Säle der Ausftellung zurückzukehren; aber wir
suchten doch noch in Eile die Verabredungen für ein
möglichst häufiges Beisammensein zu treffen, die leicht
angenommen und mit Freuden eingehalten wurden.

20
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Jeber Mittag führte uns in dem Speisezimmer zu
einander und auch die Abende brachten wir, wenn nicht
besondere Einladungen uns in Gesellschaften zu gehen
veranlaßten, gemeinsam mit den Freunden, in einem der
zahlreichen Theater, oder in meinen Zimmern zu.
Wenn man die Tage zum Betrachten der Kunstwerke
verwendet hatte, war es ein belehrender Genußß, sich
mit den sachverständigen Männern über das Gesehene
zu besprechen; und weil man wußte, wie rasch die Zeit
vorüber sein würde, die uns für das Beisammensein
gegönnt war, hielt man sich um so mehr daran, sie
möglichst zu benutzen.
Indeß das unausgesezte Bildersehen fing uns Alle
zu ermüden an, und auf mich hatte es endlich eine
Wirkung, die mich krank zu machen drohte. Ich sah
?, die Bilder fort und fort, auch wemn wir nicht vor
F-. ihnen standen. Ich sah sie den ganzen g, die ganze
F Nacht; sie leßen mich nicht einschlafen, ja sie erschienen
F mir noch im Traume, wenn mir vor Ermüdung der
F? Schlaf die Augenliber endllch schoß. Ich erinnere mich
F kaum jamals einen quälenderen Zustand, oder eine
F- solche. peinliche Angst empfunden zu haben. Wie Ge-
F spenster tauchten sie vor mir auf und huschten in
k

jähem Wechsel an mir vorüber: Gericaults Schiff-
brüchige und das schlanke blonde Mädchen aus der
Dorfschenke von Knaus; die Venus von Ingres und
Gustav Richters schbnes Portrait seiner Schwester; die
Schlachtenbilder von Horace Vernet und die lebenö-
großen Steinklopfer vor Courbet. -- Die Hand-
zeichnungen, die Statuen, Alles wirbelte durcheinander,
daß ich mit schwindelndem Gehirne mich am Morgen
wie zerschlagen fü hlte, und Abends mich mit einer Art
von Angst auf's Lager warf; bis wir endlich zu der
Einsicht kamen, daß ein längeres Besuchen der Aus-
stellung für mich zunächst nicht möglich, und ein zeit-
weiliges Ausruhen für den Augenblick mir unerläß-
lich sei.
Am Mittag, als wir mit den Freunden davon
sprachen, erklärten sie einstimmig, daß auch sie sich
stumpf und müde fühlten, daß es auch ihnen erwüünscht
. sein wüürde, statt der Kunstwerke für eine Weile die
Natur zu Iehen, um dann mit neubelebten Sinnen
wieder in die Galerien und Museen zurückzukehren; und
so kamen wir denn nach einigem Berathen dahin über-
ein, Alle zusammen füür acht bis vierzehn Tage auf das
Land zu gehen, um unsere einstige gemeinsame Villeggiatur

!

-
im römischen Gebirge, hier auf französischem Boden zu
wiederholen.
Nur um die Wahl des Aufenthaltes waren wir
zuerst verlegen. Weit von Paris entfernen mochten wir
s
-
uns nicht, da Jedem von uns mehr oder weniger daran
gelegen war, erwarteten oder unerwartet ankommenden
Freunden leicht erreichbar zu bleiben; aber schon am
nächsten Tage hatten wir das in Thal der Bisvre ge-
legene onz en osese, und in demselben das kleine
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Das Abkommten mit der Besizerin des kleinen:
Schlosses, sie war die Wittwe eineä Generals des ersten
Kaiserreichs, war zu allseitiger Zufriedenheit sehr bald
getroffen; und noch am Abend des nämlichen Tages
führte uns der Zug der Eisenbahn bis nach Versailles,
von wo wir den Rest unseres Weges mit einem ehrlichen
Land»Omnibus zurüchzulegen hatten, der uns etwa eine
halbe Stunde von unserem kleinen Schlosse ablud, denn
les Voges waren in der That ein wirkliches Schloß mtit
vier runden dickköpfigen Thürmen, mit ganz statilichem
Portal, und von einem Garten umgeben, dessen hohe
Bäume das Schlößchen durch mehrere Jahrhunderte

getreu beschattet und vor den Stürmen behütet zu
haben schienen, die über Frankreich dahin gezogen
waren.
Ein anmuthigeres Landhaus, eine lieblichere
Gegend sind mir selten vorgekommen, und noch während
unseres lezten Krieges haben wir oft mit Liebe und mit
Sorge daran gedacht, was aus dem Schlbßchen während
desselben geworden sein, und ob wohl irgend einer
unserer Bekannten aus dem Belagerungsheer vor Paris,
dasselbe betreten und in den Näumen Nast und Ruhe
gefunden haben mochte, in denen uns so glückliche
Herbsttage zu Theil geworden waren. Aber Keiner von
Allen war dorthin gekommen, und Niemand von denen,
die wir fragen konnten, hatte es jemals nennen hören.
Das Wetter war uns durchaus günstig. Es war
noch sonmerlich warm, selbst in den frihen Tagesstunden;
Mittags brütete die Sonne auf den niedrigen Obst-
spalieren, von denen die Terrassen um das Schloß be-
deckt waren, und auf den Rebenpflanzungen, deren große
reife Trauben wir aus den Fenstern unserer Zimmer
im ersten und im zweiten Stock des Hauses pflücken
konnten. Die Maler waren Einer um den Andern in
das Zeichnen und Skizziren gerathen; und da wir von

Rom her es gewohnt waren, sie zu begleiten, saßen
wir
p
oft stundenlang, bald mit Diesem, bald mit Jenem
unter irgend einem der alten schattigen Nuß- und
Kastanienbäume, oder an einem der Hage, von denen
die wuchernden Brombeerranken uns ihre schwarzen reifen
Frlchte fast in die Hände reichten.
Wenn wir dann mit dem Sonnenuntergange nach
Hause kamen, und das Mahl verzehrt war, so blieben
wir mit einander in dem Saale des oberen Geschosses
am Kamine sitzen, denn man konnte am Abend eines
guten Feuers nicht mehr entrathen, und der Anblick
F desselben machte unserm Adalbert regelmäßig nach seiner
ß Heimath, nach seiner Frau und nach den Kindern
Sehnsucht.
William lachte darüber. Wenn uns das noch be-
F aegnete, sagte er, mir oder unserem Jtaliener, die wir
wirklich einen Kamin in unserer Heimath haben, so
F su =es, die an b=r Eenane aunovewe sebnne
ihre Berechtigung, vorausgesezt, daß für ihn und mich
F V unserem Herde noch etwas Anderes zu finden wäre.
- als das Feuer und der Lehnstuhl. Aber Ihr, in deren
F Häusern kin lustiges, helles Feuer brennt, in denen der
F warme Ofen von früh bis spät versebe ist -
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Das ist'S ja eben! unterbrach ihn Adalbert, grade
die stille, behagliche Gleichmäßigkeit, ohne Schein und
ohne viel Geflacker, das Vorhalten, ohne immer neuen
Nachschub, die sind es, nach denen man sich sehnt, wenn
man an seine Frau, an seine Heimath denkt. Ihr mögt
immerhin lachen, aber der Ofen ist gar kein übles Sinn-
bild für die stille Dauerhaftigkeit, die wir in der Ehe
fuchen! Schon das alte deutsche Sprütchwort gesellt die
Frau dem Ofen zu, denn es sagt ausdrücklich Die
Frau und der Ofen bleiben im Hause!
Das heißt, wie Figura zeigt, neckte der Jtaliener,
sie werden zu Hause gelassen, wenn der Mann sich aus-
wärts erlustirt!
Freilich! rief Adalbert, aber welch' ein Vergnügen
ist es dann auch, wenn man aus der Fremde wieder
heimkommt in das eigene Haus, wenn der warme Ofen
uns behaglich lockt, wenn die Frau, zufrieden, uns
wieder zu haben, ihre lieben Arme um uns schlingt!
-- Ach! rief er, sich selber unterbrechend, es geht doch
in der Welt gar Nichts über eine glückliche Ehe und
über das Familienleben!
Er thut wahrlich, als hätte er dies Gllck bereits

s
ein Menschenalter hindurch genossen, und ist ller Fne
Flittertage gar nicht lang hinaus! meinte Helmar.
Und ein Ansehen giebt er sich, als hätte er sich

an wildflackerndem Feuer nie voll Lust ergözt, schalt
!
?. Eberhard.
Eben deshalb, wendete Benvenuto ein, ebendeshalb
, weiß er vermuthlich auch den Unterschied zu schätzen;
? und er wird es wohl an sich erfahren haben, wie Alles
? Gute, das in dem Menschen liegt, doch nur in der Ehe
F recht zum Durchbruch und zu seiner völligen Entfaltung
? kommen kann.
Aber Sie finden es für sich troz dem nicht angemessen, -
k -
F bemerkte Einer von uns, sich durch die Ehe zu dieser
-- vollkommenen Entwickelung zu verhelfen.
Scherzen Sie darüber nicht, entgegnete der Jtaliener,
denn Sie berühren damit in meiner Seele einen wunden
j Fleck. Ich habe es Ihnen schon neulich angedeutet, daß
s ich es vor ein paar Jahren lebhaft wünschte, mich zu
F denheirathen, und daß mir's nicht gelang, das ersehnte
Mädchen zu gewinnen.
Wir glaubten ihm das nicht, das heißt, wir glaubten
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nicht an seinen ernsten Willen, denn die Frauen hatten
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sich ihm, dem berüühmten Klnstler aus reichem altem Hause,
nur zu hold erwiesen; und troz seines in der Freund-
schaft treuen Herzens, war er wegen seiner Unbeständig-
keit in der Liebe in früheren Zeiten oft von uns ge-
scholten worden. Da er aber jener gewünschten Heirath
und des mit ihr zusammenhängenden Erlebnisses nun
zum zweitenmale gegen uns Erwähnung that, so hatten
wir das Necht, ihn darum zu befragen; und Helmar
bemerkte bei der Gelegenheit, daß wir in der Art und
Weise, in welcher wir im gewöhnlichen Leben und in der
Gesellschaft neben einander hergingen, überhaupt viel zu
wenig von einander wüßten.
Wir sehen oft mit einer gewissen Verwunderung,
sagte er, sogar auf unsere nahen Freunde hin, wenn
wir dieselben erst als fertige Menschen kennen lernten.
Einzelne ihrer Aeußerungen, manche ihrer Handlungen
bleiben uns unverständlich, weil uns der Weg und die
Umstände frend sind, auf denen und durch die sie eben
das geworden sind, als was sie uns erscheinen; und wir
können darüber zu keiner Aufklärung gelangen, da wir
die zur Schau getragene scheinbare Gleichgültigkeit gegen
die Verhältnisse und namentlich gegen die Vergangenheit
unserer Umgangsgenossen, als einen Beweis unserer guten

Erziehung und unserer weltmännischen Bildgt anzu-
sehen lieben.
- Nun, meinte ich, da wir Alle uns des ernsthaften
Antheils, den wir aneinder nehmen, sicherlich nicht schämen,
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so wäre unser stilles Verweilen in diesem Schlosse recht
dazu angethan, daß wir, Jeder wie er sich dazu ge-
stimmt fühlt, einander von unferer Vergangenheit er-
zählen, d. h. daß Jeder seine Lebensgeschichte oder ein
Bruchstück aus derselben zum Besten giebt. Das zu
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näher kommen.
Den Freunden gefiel der Einfall. wohl. Unser
Aufenthalt in den kleinen Schlosse, unser ganzes Bei-
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einandersein waren uns aber nur für eine kurze Zeit
gegönnt; man mochte deshalb während desselben den
fröhlichen Wechsel eines rasch belebten Gedankenaustausches
nicht entbehren, und so machten wir Deutschen, in Er-
innerung an die Aufzeichnung der Lebensläufe, welche
der Abbs im Wilhelm Meister in dem geheimnißvollen
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Thurme aufbewahrt, den Freunden den Vorschlag, daß
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aufschreiben möge, was ihm der Mittheilung werth zu
sein dünke. Diese Erinnerungsblätter sollten dann, von
Einem zu dem Andern gehend, schließlich mir als ein
Andenken an unsern Aufenthalt im Bisvrethale über-
sendet werden und verbleiben.
Dieser Plan ist denn auch zur Ausführung ge-
kommen, wie wir ihn entworfen hatten; die Freunde
haben Alle Wort gehalten. Ich besitze seit nahezu
zwanzig Jahren die von ihnen geschriebenen Erieruugan
und benutze jezt die mir gegebene Erlaubniß, zunächst
das Manuscript unseres italienischen Freundes, nachdem
ich es in das Deutsche übertragen habe, zu ver-
öffentlichen.
Er hatte über feine Aufzeichnungen zwei Verse
aus einem Liede von Salvator Nosa als Motto hin-
geschrieben, und ich gebe die Blätter, wie ich sie eu-
pfangen habe.