Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 02

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Sem;re ld stesso stra il mio luoeo!
Sempre ld stesso suro anch io!
Pzg Schreiben ist meine Sache nicht, und was ich
Ihnen zu berichten habe, ist
Weise, auf welche ich zum
Ich komme weder dabei, noch
vor Allemt die Art und
Künstler geworden bin.
im Verlaufe meiner Mit-
theilungen in die Verlegenheit, Gutes oder Bewunderns-
werthes von mir sagen zu müssen, das auszusprechen
meiner Bescheidenheit, zu verschweigen meiner Eitelkeit
beschwerlich fallen könnte.
ah habe ächt menschlich, fast durchweg mehr ge-
N,
wollt, als ich erreichte. Was ich heiß ersehnt, ist mir,
wenn ich es erreicht, nicht immer zum Heile, oft zum
Unheil ausgeschlagen. Ich habe erfahren, mannigfach
erfahren, daß ich mich über mich getäuscht, daß mein
Wüünschen mich betrogen hat, und doch blieb mein eigen-
williges Verlangen, das Glück, mein Glück, auf meinem
F. Lewald, Benv enuto. l.

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eigenen Wege zu suchen, immer das Nämliche, wie der
Glaube, daß kein andereä Glitck mtir dauernde Be-
friedigung gewähren könne, außer dem Einen, das sich
mir versagte.
Von einem solchen Menschen zu reden, ist vielleicht
nicht der Mühe werth; aber ich habe Ihnen mein Wort
- gegeben, und so mag die Feder laufen, Ihnen die ge-
F wünschten Aufschlüsse zu bringen.
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Ich bin um zwanzig Jahre jünger, als unser

F Jahrhundert, bin in Nom geboren und war, wie ich
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g. IPnen einmal erzählt zu haben glaube, von meinen
Eltern dazu bestimmt, das geistliche Gewand zu tragen.
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F Hätte das gesegnete Schicsal nicht mehr Einsehen und
Barmherzigkeit für mich gehabt, als die Familiensitte des
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z Hauses der Grafen von Armero, dem ich angehöre, so wüürde
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ich ein Diener der Kirche geworden sein und das Kreuz
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k gepredigt und getragen haben, statt mich mit den
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- griechischen Göttergestalten und mit profanen Menschen-
f kindern zu beschäftigen.
Man hatte es mit mir auf nichts Geringeres, als
auf einen Monsignore oder Bischof abgesehen; denn wie
in allen unseren alten Adelsgeschlechtern war man gewohnt,
diejenigen Söhne, welche man innerhalb des Familien-
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vermögens nicht ausreichend versorgen zu können glaulte,
zu Dienern des Staates, oder was im Kirchenstaate
dasselbe ist, der Kirche zu erziehen, das heist, sie diesen
Beiden aufzuladen. Ein Graf Armero mußte sich aber
wirklich gar keiner Begünstigung durch die Natur zu
rühmen haben, um in den päpstlichen Garden, in den
Bureaus der Nunzien, in der Prälatur und auf den
tausend Stufen der langen Leiter keinen schicklichen Platz
für sich erlangen zu können, die aus den geistlichen
Seminarien und aus den Klosterzellen hinaufführen
zu deö heiligen Vaters Thron.
Mein ältester Bruder hatte das große Majorat in
Aussicht und war als achtzehnjähriger Jüngling unit
einer eben so reichen Erbin versprochen worden. Mein
zweiter Bruder, eine Gestalt wie Adalbert und kriegerisch
gesinnt, hatte sich von Kindheit an auf eine uilitärische
Laufbahn vorbereitet. Er trat, sobald er erwachsen war,
in die päpstliche Armee. Meine Schwester hatte man in
ihrem - fünfzehnten Jahre verheirathet, und auf eine
nachträgliche Vermehrung der Familie mochte man gar
nicht mehr gerechnet haben. Ich vermuthe deshalb, daß
meine Geburt weder von meinem Vater noch von nteinen

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erwachsenen Geschwistern als ein besonders erfreuliches
Ereigniß angesehen worden ist; und auch meiner Mutter
kam sie nicht gelegen, denn ich hatte die Ungeschicktheit,
mit dem Neujahr auf die Welt zu koumen, und sie
dadurch in dem Genuß einer Gesellschaftszeit und eines
Carnevals zu beschränken, die sich eben in jenem Jahre
glänzender als gewöhnlich entfalteten. Indeß man gab
mir nichts destoweniger den Namen Benvenuto, und
meine Mutter that für mich, was ihre Pflicht war.
Sie ließ eine vortreffliche Anmme von unseren Gütern
für mich nach Nom kommen, und schickte mich mit dieser
und einer Vertrauensperson auf das Land hinaus.
Im Sommer kam sie selbst nach unserm Schlosse,
und wie immer folgte eine Anzahl von Gästen ihr
dorthin. Sie nannten mich, wie es sich gehörte, einen
kleinen Engel; meine Mutter fand, keines ihrer Kinder
habe so frühzeitige Beweise von Verstand gegeben als
ich, und weil meine anderen Geschwister feun waren und
in gar keinem Verhältniß mit mir standen, kam ich ihr
endlich wie ihr einziges Kind, und sie selber sich wieder
- hgendlich vor, wie in jnen Tagen, in welchen sie mit
ihrem Erstgeborenen ebenso ihre Villeggiatur in ihrem
Schlosse gehalten hatte.
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Das gefiel ihr wohl. Ein damals in der besonderen
Gunst der Frauen stehender Maler, der in Rom vielfach
in unserem Hause gewesen und zu uns anf daä Lantd
geladen worden war, malte sie mit ihrem Kinde auf
dem Arm. Sie fand sich mit Fug und Recht in deu
wohlgetroffenen Bilde noch sehr schön. Ihr an das
Kind geschmiegter Kopf nahm sich in dieser Pose ganz
vortrefflich aus, und fie war Frau und Künstlerin
genug, zu wünschen, daß man auch im Leben sie in
dieser gefälligen Stellung sehen und bewundern könne.
Im Herbste, als man sich in die Stadt zurückverfügte,
wurde ich mit den übrigen Toilettengegenständen meiner
Mutter sorgfältig verpackt, und wie diese, mit hinein
nach Mom genommen.
Meine Mutter, eine edle und durchaus vortreffliche
Natur, zählte damals achtunddreißig Jahre; es war
also sehr in der Ordnung und natürlich, wwenn es ihr
Vergnügen machte, noch so schön zu sein, wie ein junges
Weib, das sein erstes Kind geboren hat. Sie hat es
oftmals auch in freudiger Erinnerung gegen mtich aus-
gesprochen, daß ihr durch mich eine neue Jugend zu
Theil geworden sei. Wer aber würde das Wesen nicht
von Herzen lieben, das ihm zu solcheu Gllick verholfen

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hätte? - Die ganze Liebe meiner Mutter wendete sich
deshalb mir zu, und es war nichts Geringes, von ihr
geliebt zu werden, denn sie war eine edle und gütevolle
Frau.
Ich kam nicht mehr von ihrer Seite, als ich groß
- genug geworden war, ihr ohne andere Begleitung folgen
zu können, und meine Geschwister neideten mir die
Zärtlichkeit der Mutter nicht, denn sie waren in ihren
eigenen Verhältnissen befriedigt. Sie wußten auch, daß
ich sie nicht beeinträchtigte, da ich eben der Kirche zu-
gewiesen werden sollte; sie wendeten also gar nichts da-
- gegen ein, wenn meine Mutter es vor mir und ihnen -
aussprach, daß sie mich durch ihre Liebe schadlos halten
wolle für die Einsamkeit, die in der Jesuitenschule, in
- dem Vollsgio, bald genug mein Theil sein werde; daß
F sie mir eine Ahnung, eine Vorstellung von der Welt
F zu geben, mich die Welt und die Menschen, die ich beide
j lebte, mit ihren Augen sehen zu lassen wünsche, ehe
E man mich lehren würde, dieselben frühzeitig gering zu
, schätzen, um sie dereinst beherrschen zu lernen.
Mit der Besorgniß, daß ich die Welt einst gering-
schätzen könnte, that meine Mutter mir indessen Unrecht,
? denn es gefiel mir nur zu gut in ihr und in den Um-
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gebungen, in welchen ich mich zu bewegen hatte. Meine
Sinne waren scharf, mein Empfinden von früh auf
lebhaft, und ich beobachtete unwillklrlich, ohne mir
Nechenschaft darüber zu geben. Ich war glücklich in
den kunstgeschmückten Sälen meines väterlichen Hauses,
glücklicher in dem Walde von iumergrünen Eichen, der
die Gärten unseres Schlosses begrenzte, und an dem See
im Walde, an dessen Ufern
versunkener Herrlichkeit von
svrachen. Ich
Erziehers, eines
unsern Gütern,
gehabt mit den
hatie, freilich
die Marmortrümmer lang
längst vergangenen Tagen
unter der Aufsicht meines
klugen und weltgewandten Jesuiten, auf
von klein auf, einen häufigen Verkehr
Kindern meiner Amme, und er währte
fort, als wir uns sammt und sonders dem Jünglings-
alter näherten. Ich bewegte mich beständig unter den
Gästen meiner Eltern. Ich sah die schönen Frauen
unserer Aristokratie und die Huldigungen, mit welchen
man sie umgab; und es konnte mir nicht entgehen, daß
manche von den geistlichen Herren, welche in unserun
Hause oerkehrten, in diesen huldigenden Bewerbungen
nicht weniger eifrig und nicht weniger gliicklich waren,
als die Edelleute aus der Laienwelt.
Daneben machte ich unter der Leitung meines Abate

meine Studien und meine geistlichen Nebungen, wie es
sich von selbst verstand. Ich war lernbegierig, aber
mein Vater ermahnte den guten Abate wiederholt, meinen
Geist nicht zu sehr anzustrengen, damit mein Körper
sich entwickeln könne, und mich überhaupt nicht zu sehr
zu beschränken. Denn er war, obschon sonst ein strenger
Mann, darin durchaus der Meinung meiner Mutter,
daß es auch für einen Cleriker nothwendig sei, Bescheid
zu wissen auf der Erde, auf der er die Menschen einst
für das Jenseits und die himmlischen Freuden vor-
zbereiten habe.
Mein Abate wollte das nicht gelten lassen,
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F. wenn gleich er in den weltlichen Angelegenheiten sehr
F genau ewandert war und dieselben, so weit sie
-mit seinem Orden zusammenhingen, niemals aus dem
F - atuge peror. Es gab also beweiie zeuich lebhakte
F Erdrterungen über das, was für mich zulässig sei, was
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nicht; aber wir befanden uns damals noch in dem Zu-
F stande einer verhältnißmäßigen Unbefangenheit und
z-
z Duldsamkeit, und es kam dem: Abate vor allem Anderen
darauf an, seine Stelle in unserem Hause nicht zu ver-

F lieren und meine Erziehung nicht in andere Hände
e - übergehen zu lassen. Er sah also möglichst darüber
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kreuzten,
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erkennen lernte,
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nes Vaters und seine Ansichten sich
Seine Klugheit und seine Vorsicht
vollständig, daß ich erst sehr spät
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sich nicht eben strenger, als man es