Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 03

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mir
I -rsten sechszehn Jahre meines Lbens gingen
auf diese Weise, wie ein einziger schöner Tag dahin.
Ich schwamm wie die Engel des Himmels in einem
Meere beständigen Behagens; ich pries wie sie, an jedem
Tage die Gnade Gottes, die mich in das Leben gerufen
und in die schbne Welt gesezt, und ich hätte mich nicht
zu sehr gewundert, wenn mir plözlich ein paar Flügel
gewachsen wären, mich damit emporzuschwingen, um mit
vollem Blicke aus der Höhe zu überschauen, was auf
der Erde Erfreuliches für mich vorhanden war. Ich
verlangte sehr nach diesen Schwingen, und heute noch
glaube ich, ihre Keime stecken dem Menschen irgendwo
im Blute, weil wir Alle in der Jugend uns nach ihnen
sehnen.

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Leider kamen jedoch bei mir die Flügel nicht zum
Durchbruch, wohl aber sproßte mir der Bart; und ein
Besuch, den wir zur Zeit der Villeggiatur in unserem
Schlosse empfingen, brachte eine völlige Revolution in
mir hervor.
Ein Vetter meiner Mutter, der bei einem der
Aufstände in der Romagna seinen Tod gefunden, hatte
seine Wittwe und seine einzige Tochier mittellos zurück-
gelassen, da das ohnehin nicht sehr bedeutende Vermögen
- des Vaters von der Regierung eingezogen worden war.
Nichts war Donna Erminia geblieben als ihre Trauer
und der stolze Name ihres verstorbenen Gatten, und sie
--- hatte es deshalb für ein Glück zu halten, als meine
Eltern ihr das Anerbieten machten, die Tochter in einem
F der rdmischen Klöster erziehen zu lassen, in welchem sie
F. später den Schleier nehmen, und für das sie von meiner
F Mutee die Ausstattung und Mitgist empfangen sollte.
Wir befanden uns in unserm Schlosse in Gebirge,
und waren im großen Saale des Erdgeschosses beisammen,
als der Wagen des Vetturins, welcher die beiden Frauen
zu uns brachte, in den Park einfuhr.
Meine Mutter ging ihnen geflissentlich bis unter das
Portal entgegen, um der Dienerschaft und den Gästen damit

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anzuzeigen, auf welchem Fuße sie Donna Erminia behandelt
wissen wollte, obwohl sie nur mit der Kutsche eines gewöhn-
lichen Vetturins bei uns anlangte; und sie rief, diese
Weisung zu verstärken, auch mich heran, den Aussteigenden
jene Dienste zu leisten, welche man sonst den Dienern
zn überlassen pflegte.
Einer unserer Leute nahm Donna
kleine Gepäck ab, das man ihr aus den
jedem andern Passagiere, hastig zureichte.
Erminia das
Wagen, wie
Als ich aber
ihrer Tochter dafür meine Hilfe anbot, weigerte diese sich
derselben, und mich
Lassen Sie es, Don
wohnt als Sie!
freundlich ansehend, sagte sie:
Benvenuto! ich bin das mehr ge-
Ich weiß nicht, wie Sie über die Gewalt der Liebe
und des Augenblickes denken, aber Julietta's Stimme und
ihr Blick trafen mich bis in das Herz. Es flammte
ein nie empfundenes Etwas in mir auf, ich fühlte mich
als einen Mann; ich war mit einem Male froher, als ich
es je gewesen war. Der Tag schien mir heller als je
zuvor, und doch war Nichts geschehen, als daß ein
fremdes Kind die Treppe unseres Hanses neben mir
emporstieg.
Wenn Sie sich deö kleinen, unter dem Nauen von

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Dante's Beatrice bekayz, Bildes entsinnen, so wissen
Sa?
Sie, wie der Gegensiand meiner ersten Liebe aussah,
denn Julietta's Aehnlichkeit mit jenem Bilde war eine
vollkommene zu nennen. Es war dasselbe lichte Haar,
das sich in natürlichem Gekräusel um die classische
Stirn und um das feine Oval der Wangen schmiegte,
dieselben scharfgezeichneten Brauen und langen dunkeln
Wimpern über den tiefsinnigen und geheimißvollen
Augen.
Donna Erminia hatte nach ihres Gatten Tode den
kleinen Ort, in welchem sie mit ihm gelebt und in
welchem ihre Tochter geboren worden war, nie verlassen.
Julietta kannte also von der Welt nichts weiter, als
die menschenleeren Straßen jenes Städtchens, als die
verfallenen Gemächer ihres alten Hanses und den Garten
des Nonnenklosters, in welchem sie in die Schule, und
in dessen Kirche sie mit ihrer Mutter zur Messe ge-
gangen war. Sie hatte ihr dreizehntes Jahr eben erst
D
? zurückgelegt, aber sie war körperlich über ihr Alter ent-
wickelt, und in dem einsamen Stillleben mit ihrer
Mutter waren ihr Verstand und ihre Einsicht ihren
Jahren weit vorausgeeilt.
Während meine Augen sie immer wieder suchten,
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bemerkte ich doch den lebhaften Eindruck, welchen ihre
ungewöhnliche Schönheit auf die Männer machte, als
sie schüüchtern neben ihrer Mutter in den Saal trat, in
welchem man sich zum Mittagsmahle versammelte.
Mein Vater sprach ihr freundlich zu, ihre frühreife
Erscheinung lobend und bewundernd. Keiner der An-
wesenden unterließ es, ihr bei der Vorstellung ein
Zeichen der besonderen Theilnahme zu geben, und mit
eifersüchtigem
zu erspähen,
sei, wie sie
wende, dem
zu sorgen,
Dache, daß
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Neide bewachte ich jeden ihrer Blicke, umn
ob sie auch diesen Männern so freundlich
es mir gewesen, ob sie sich nicht mir zu-
meine Mutter es aufgetragen hatte, dafür
daß es ihr wohlgefalle unter unserem
sie des Lebens froh werde in der großen,
rlichen Natur, welche in uuserem Schlosse sie umgab.
Da meine Mutter Donna Erminia als Cousine
anredete, gaben diese und ihre Tochter auch mir den
verwandtschaftlichen Titel, der Julietta's
verminderte, und es mir möglich machte,
traulicher zu nahen.
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Schüchternheit
Freilich sah ich sie nie anders, als -
nich ihr ver-
Gegenwart
Dritten; aber jedes Beisammensein mit ihr erhöhte
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der Anblick ihrer Schönheit meine bis dahin schlum-
- uuewden ?g =wee.
Bei der Dürftigkeit und Weltabgeschiedenheit, in
welcher Julietta herangewachsen war, mußte für sie
Alles neu und überraschend sein, was sie in unserem
- Hause antraf: sowohl die reiche Einrichtung und das
Wohlleben, als die Gesellschaft und der galante Verkehr
der Männer mit den Frauen, der sich deutlich kund gab;
ja selbst das Leben in der freien Natur, dem man sich
meist bis weithin in die nächtliche Kühle überließ. Ich
erwartete deshalb, daß dies Alles sie erfreuen und ver-
gnügen würde, weil. diese Genisse mir selber größer
und in einem neuen Lchte erschienen, seit ich sie mit
Julietten theilte; aber meine Vermuthungen be-
trogen mich.
Julietta betrachtete die ihr neue fremde Welt, wie
man ein Bild betrachtet. Man sah, daß dieselbe sie
anzog und beschäftigte, es kam jedoch niemals ein Wort
der Neberraschung, nie ein lauter Ausruf der Freude
über ihre Lippen, und meine Zärtlichkeit für sie betrübte
sich darüber. Ich meinte, wenn es mir nur gelänge,
das Richtige, das ihr Gemäße aufzufinden, so müsse sie
davon ergriffen werden, ihr schdnes Antliz müsse die
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Freude widerstrahlen, und ihr Herz aufwallen, wie das
meine, so oft ich sie erblickte.
Natürlich war ich nicht der Einzige, dem ihre ab-
geschlossene Weise auffiel. Mein Abate rühmte die
fromme, der Welt abgewendete Erziehung, welche Donna
Erminia ihrer Tochter gegeben habe, und in der Ge-
sellschaft meiner Mnutter nauute einer der Männer sie
eines Tages die schöne Heilige.
Dazu schüttelte einer der älteren Cavaliere bedenklich
mit dem Kopfe. Man solle den Tag nicht vor dem
Abende loben und Niemand heilig sprechen, er sei denn
gestorben! warf er scherzend
Der Abate entgegnete,
dem Schutze ihres Klosters
ein.
die Signorina werde unter
in wenig Wochen den Ver-
suchungen der Welt entrückt sein.
Wenig Wochen sind eine lange Zeit und von hier
bis in das Kloster ist ein weiter Weg! gab der Cavalier
ihm zu bedenken.
Sie thun, als lebten wir noch in den Zeiten der
wegelagernden Barone! warf nteine Mutter ein, der die
Unterhaltung nicht gelegen kam. Aber da man nicht
gewöhnt war, sich in seinen Aeußßerungen einen Zwang
anzuthun, so blieb die Andeutung meiner Mutter ohne

Wirkung auf ihren Freund, und lachend sagte er: Der
Schönheit gegenüber sind wir Alle Wegelagerer, heute
wie vordem! und unter den schönen Augenlidern, welche
niederzuschlagen man Julietta gut gelehrt hat, liegen
Geheinnisse verborgen, die sie noch selbst nicht kennt.
Daß aber so hold geschwellte Lippen einst mehr noch
sprechen werden, als nur das Ave und den Engelgruß,
darauf nehme ich die Wette an.
Ich hörte nicht weiter, was sie sagten. Wie aus
einem brennenden Hause stürzte ich fassungslos hinaus.
Es versetzte mir Etwas den Athem; ich hatte eine
dumpfe Empfindung, als ob ein Furchtbares geschehen
sei, und daneben überkam mich der Gedanke, daß ich
Julietta retten, daß ich zurückkehren müsse, um ein noch
größeres Unglück zu verhüten. Nicht in den ärgsten
Verwickelungen, nicht in wirklichen Gefahren habe ich
im späteren Leben jemals solche sinnverwirrende Pein
gefühlt als an dem Tage.
Ich stürmte durch den Garten des Schlosses in
den Wald hinaus, ich wußte nicht weshalö. Ich warf
mich auf den Boden, sprang wieder empor, denn ich
meinte' Schritte, eine Stimme zu vernehmen - die
Stimme des Verhaßten, gegen den ich und mein zorniger

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Grimm doch Nichts vermochten. Ich sah mich um, und
fand mich ganz allein.
Sie waren ja sammt und sonders in dem Schlosse,
in welchem Julietia weilte; sie lauerten ihr sammt und
sonders auf! und ich, der Einzige, der sie heilig hielt,
wie die gebenedeite Mutter Gottes, ich, der sie warnen,
der bei ihr sein sollte, ich trieb mich wie ein irrsinniger
Träumer umher in des Waldes Einsamkeit.