Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 04

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lgreuten Sie es nicht, daß ich Ihnen von jener
ersten Liebe spreche. Sie war von entscheidender Wirkung
auf meine Zukunft, und ich möchte behaupten, daß man
im Allgemeinen das Liebesleid der frühen Jugend unter-
schätzt, weil man es so leicht vergessen sieht. Aber ab-
gesehen davon, daßß ein Martyrium nicht eben lange zu
währen braucht, um als ein solches emufuunden zu wwerden,
so hat die erste auflodernde Leidenschaft des Jünglings,
der sich selbst noch nicht versteht, der weit wehrloser als
der gereifte Mann der blinden Naturgewalt zum Opfer
wird, etwas Gewaltiges. Was wollen dagegen in späteren
Jahren die Herzenskränkungen und die Aufwallungen der
Eifersucht bedeuten, bei denen man sich an so und so
viel vorhergegangene ähnliche Erlebnisse erinnern kann?
bei denen man vergleicht, und mitten in welchen man

es mehr oder weniger bewußt empfindek, daß man auch
aus dieser Leidenschaft wie aus mancher andern hervor-
! gehen, und daß sie vielleicht nicht einmal die lezte

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sein werde, die wir überwinden, nachdem wir ihr er-

legen sind?
Ich war schnell wieder in dem Schlosse; ich hatte

das Herz so voll, daß ich den Augenblick kaum erwwarten
konnte, in welchem ich Julietta sprechen würde. Weil
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? die Gewohnheiten von Donna Erminia auch in unseren
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Hause sehr regelmäßig blieben, durfte ich darauf rechnen,
sie und die Tochter um diese Stunde auf der Terrasse
f anzutreffen. Ich eilte die Treppe zu derselben hinan,
und in der That sah ich Julietta vor mir, aber ohne
ihre Mutter.
Hätte ich meinem ersten Eindruck nachgegeben, so
wäre ich, rasch wie ich gekommen war, davon gegangen;
hz denn statt der Freude, die mich sonst durchströmte, wenn
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ich mich ihr nahte, fühlte ich jezt mit einem Male
ßJ- Nichts als eine große Augst.
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Ich hatte sie zuvor noch nie allein gesehen, und
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z ich fand es unbegreiflich, daß ihre Mutter ste allein,
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- allein den Männern hier zur Beute ließ, die es nicht
F, verhehlten, wie sie von den Frauen dachten. Weil ich
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ihr aber nicht mit einem Worte alle die Pein und
Hual aussprechen konnte, die ich in der letzten Stunde
um sie erduldet hatte, stieß ich ungeschickt und hastig
nur den Vorwurf heraus: Warum sind Sie allein
Julietta? Sie sollten nicht allein sein!
Sie sah mich mit Verwunderung an. Mein Ton
mochte ungebührlich geklungen haben, mein verstörtes
Aussehen sie befremden; und ruhig, wie sie stets zu
sprechen pflegte, entgegnete sie, ihre Mutter sei in ihrem
Zimmer noch beschäftigt.
So sollten Sie bei Ihrer Mutter sein! sagte ich
mit einer Energie, die mich noch in der Erinnerung
zum Lachen reizt. Denn ich habe manchmal im Leben
die Thorheit begangen, den Weibern gegenüber mit mehr
oder weniger Bewußtsein und Selbstgenuß den Helden,
den Tyrannen zu spielen! Herrlicher und größer bin ich
mir indessen nie vorgekommen, als an jenemt Abende,
an welchem ich es zum ersten Male unternahm, ein
hilfloses Geschbpf entgelten zu lassen, was ich ohne sein
Verschulden um dasselbe litt; und weil ich Julietta er-
bleichen und erröthen sah, erschien ich mir berechtigt
zu rathen, zu befehlen und gehorsamt zu werden. Aber
auch in Julietta regte sich die Natur, und der leeren

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Anmaßung den gebührenden Troz entgegensezend, sagte
sie: Ich thue, was meine Mutier mir gestattet, Herr
Cousin!
Das brachte mich außßer mir. Ich war nicht mehr
fähig, zurüczuhalten oder zu verbergen, was mich
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? peinigte, und ohne eine Ahnung zu haben von der Un-
ß schicklichkeit, die ich damit beging, sagte ich: Sieht es
denn Donna Erminia nicht, von welchen Gefahren Sie
F hir mgeben in? Sehen Sie -s nlcht? uen Sie es
f denn nicht selber?
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Gefahren? Hier in Ihres Vaters Schloß? fragte
sie, indem sie ihre Augen auf mich richtete.

Sie sollen in das Kloster gehen, fuhr ich fort,
F aber die Männer finden Sie zu schön dagu --
Wie mögen Sie das sagen, mein Cousin! fiel
sie mir mit Abwehr ein, während sie in ihrem Erröthen
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nur noch schöner aussah.
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In meinem Eifer achtete ich auf ihre Worte nicht.
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h Man will Sie Ihrem heiligen Berufe abwendig machen,
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t man stellt Ihnen nach, Julietta! rief ich. Sagen
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sehen sollte.
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Ich weiß nicht, wie diese Worte sich mir auf die
Lippen drängten, denn an Juliettens Fortgehen, an eine
Trennung von ihr, an die Möglichkeit sie nicht wieder
zu sehen, hatte ich bis dahin nicht gedacht; aber diese
Vorstellung überwältigte mich derart, daß ich, in Thränen
ausbrechend, ihr um den Hals fiel und sie in meine
Arme schloß.
Sie werden lächeln, wenn Sie dieses lesen, denn es
war allerdings nicht die geeignetste Art, Juliettenö
künftigen Beruf zu ehren; ich handelte jedoch nach einem
inneren Müssen im festesten Glauhen an meine selbstlose
Gewissenhaftigkeit und im vollen Seelenfrieden. Was
aber besitzen wir noch, was erleben wir noch mit solcher
Inbrunst und mit so wahrhaftem Genuß wie in der
Jugend, wenn wir es im reifen Alter bereits an uns
selbst erfahren haben, daß von allen unseren Erinnerungen
so gar Weniges in der Gestalt bestehen bleibt, in der
es uns zuerst erschienen; daß wir zweifeln lernen an
Allem, woran wir einst wie an ein Uuwandelbares fest
geglaubt haben, ja endlich an uns selbst, an unserem
Lieben und an unserem Hassen, an unserem Denken und
Empfinden, an unserem Thun und Schaffen! -- Damals
jedoch war ich von der Vorstellung solcher Möglichkeiten


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glücklicher Weise noch sehr weit entfernt. Ich empfand
Nichts als die Wonne, Julietta in mteinen Armen zu
halten, und einen bitteren Schmerz, da sie sich mir ent-
ziehen wollte.
Lassen Sie mich, um der heiligsten Madonna
willen, lassen Sie mich! riek sie aus. Ich hielt sie
indeß nur um so fester in meinen Armen, und alle die
Plane vergessend, welche für meine wie für ihre Zukunft
von den Eltern entworfen worden waren, bat ich wieder
und wieder: Geh' nicht fort, Julietta! geh' nicht fort!
denn ich überleb' es nicht!
Muß ich nicht? sagte sie leise, während ihre
Abwehr nachließ und ihr Köpfchen auf meine Schulter
sank. Ihr klagender Ton, ihre hervorbrechenden
Thränen fielen mir lähmend auf das Herz. Ich ließ
die Arme sinken, und wie ein Paar gute Kinder, die
wir waren, setzten wir uns Hand in Hand auf eine der
Steinbänke nieder, die auf der Terrasse im Schutz der
Taxuswände standen, um uns weinend wieder in die
Arme zu fallen, Jeder das eigene Schicksal und das des
Andern beklagend.
Plözlich stieg jener thörichte Gedanke in mir empor,
der sich in jebem Jüngling bei solchen Anlaß als die


nächste Hilfe regt. Ich beschwor Julietta, mit mir zu
fliehen. Ich betheuerte ihr, daß ich mich auf meine
Amme, wie auf deren Tochter und deren Sohn, der in
den Marken lebe, verlassen könne. Ich sei bereit ge-
wesen, meinen Eltern zu gehorchen, wie sie ihrer Muutter;
aber, sagte ich, seit ich Dich gesehen habe und Dich
liebe! -- und wie die Worte mich selber üüberraschend
über meine Lippen gekommen waren, erschrak ich davor,
daß ich verstummte, und war doch stolz sie auögesprochen
zu haben und es nun zu wissen, was mich durchglühte
und was ich für Julietta fühlte.
Ich warf mich, hingerissen durch mein eigenes Ge-
ständniß, und mit dem Bewußtsein, daß sich dies auch
fo gehöre, ihr zu Füßen, ich umschlang ihre Knie mit
' festen Armen. Sie hatte ihr Gesicht in ihren Händen
verborgen -- so traf uns ihre Mutter.
Natürlich sah ich Julietta nicht mehr wieder. Mein
Abate erklärte am nächsten frühen Morgen, daß er seinen
Bruder zu besuchen denke, der zwanzig Miglien entfernt
in einem kleinen Orte eine Pfarrstelle bekleidete, und ich
erhielt, ohne sie erbeten zu haben, die Erlaubniß, ihn
dorthin zu begleiten.
Wir blieben ein paar Wochen aus. Die Tage

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wurden mir durch ös1,zehnsucht nach Julietta, wie
durch die ErmahnungeHßtnd Bußübungen, zu denen ich
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verurtheilt ward, in jedem Sinne zu einer Strafe; aber
Julietta's Bild wich nicht von mir, und da mein Abate
mich streng überwachte, wurden alle meine Plane, mich
auf irgend eine Weise der Geliebten kund zu geben, un-
ausführbar.
Als wir dann endlich zurückkehrten in das Schloß,
hatten Donna Erminia und ihre Tochter dasselbe bereits
verlassen. Niemand redete mit mir von ihnen, Niemand
schien sich ihrer zu erinnern. Es war, als ob sie gar
nicht dagewesen wären.
An diesem Widerstande erstarkte die Empfindung,
welche Julietta mir eingeflößt hatte. Ich sprach mit
ihr in meinem Herzen, während mein Abate mir die
Messe las. Ich machte Verse an sie, wenn ich meinen
Rosenkranz zur Buße beten mußte; indeß das Alles
befriedigte mich nicht. Ich wollte sie sehen, ihr Bilb
vor Augen haben, denn das Portrait der Beatrice, dem
man sie so ähnlich gefunden, war in unferem Hause in
der Stadt. Was blieb mir also übrig, als mir selbst
ihr Bild zu machen!
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Man hatte mich zeitig im Landschaftszeichnen
unterwiesen, hatte sich des Geschickes gefreut, das ich
dafür zeigte und mich doch abgehalten, Figuren und
Portraits zu zeichnen, wozu ich weit mehr Neigung
fühlte. Jezt gab mein Verlangen, Julietta's Bildniß
zu besizen, mir die Feder und den Stift in die Hand,
und wie unvollkommen das Köpfchen auch gewesen sein
mag, das ich zu Stande brachte, ähnlich war es in
der That-- sehr ähnlich -- und das war Alles, was
ich davon forderte.
Ich bedeckte meine kleine Zeichnung mit meinen
Küssen, ich faltete sie zusammen, sie bei der Reliquie
zu verbergen, die ich seit meiner Firmelung auf der
Brust trug, und ich fühlte mich dadurch in Julietta's
Schutz und Nähe.-- Nun ich aber die Möglichkeit
gefunden hatte, mich also mit der Entfernten zu be-
fchäftigen, ward ich nicht müde zu versuchen, ob ich sie
mir nicht darzustellen vermöchte, wie sie neben mir
gestanden, wie sie dagesessen hatte, als ihre Mutter uns
getrennt; und es konnte denn nicht fehlen, daß bei
diesen Versuchen der Abate mich betraf, daß ich geloben
mußte, auf das Zeichnen so lange zu verzichten, bis
man mir die Erlaubniß dazu geben werde.
F Lewaso, Benvennto. l.

Dies Gelöbniß machte mir schweren Kummer, aber
ich gelangte sehr bald dahi,y mit demselben zu halten,
wie der Jesuitismns be;ee es mit solchen Ver-
sprechungen ü berhaupt zu thun pflegt, und die Arglist
des Herzens half mir auf den rechten Weg. Ich fing
zu modelliren an, weil ich angelobt hatte, das Zeichnen
einzustellen, und das Modelliren gelang mir über all mein
Erwarten. Ich traute meinen eigenen Augen nicht, als
ich aus dem Wachs, das von den Altarkerzen in der
Haus-Capelle niedergeflossen war, ein Köpfchen im
kleinsten Masßstab und doch unverkennbar, sich unter
meiner Finger Druck gestalten sah, und eine neue Freude,
groß und überraschend, wie die Liebe, und überwältigend
wie sie, durchströmte mich, als ich es unternahm, die
Flechten nachzubilden, die den kleinen Kopf umgaben,
die Lbckchen mit der Nadel in demu Wachse anzudeuten,
welche sich lieblich um Juliettens schöne Stirne
kräuselten.
Wie ich voll beglücktem Staunen stets vor ihr
gestanden, so hielt ich jezt das kleine Köpfchen in der
Hand. Ich konete nicht begreifen, daß ich das selbst
gemacht. Ich hätte es zerstören mögen, um mich zu
überzeugen, daß ich es wieder machen könnte, es erschien

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mir wie ein Wunder, das mich aber sehr beglückte; und
ohne irgend zu erwägen, was ich damit that und preis
gal, eilte ich in meiner Mutter Zimmer, stellte das
fingerlange Köpfchen vor ihr auf den Tisch und wie
sie, es erkennend, Juliettens Namen nannte, warf ich
mich mit dem Ausruf: ja, meine Mutter! ja! -
Julietta!-- und ich habe diesen Kopf, ihr Ebenbild,
gemacht!-- in meiner Mutter Arme und an
ihre Brust.
Mein: aneh lo! war gesprochen; die Zukunft
hatte es zu bethätigen.