Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 05

Fizz Vater und die männlichen Gäste des Hauses
hatten sich der Jagd zu Liebe für einige Tage entfernt,
und da die zurückgebliebenen Frauen dadurch der gewohnten
Gesellschaft entbehrten, wurden ich und mein plözlich
wahrgenommenes Talent ihnen zu einem willkommenen
Gegenstande der Unterhaltung.
Bei der großen Nolle, welche die Liehe, und kleine
Liebesabenteuer in dem Leben unserer unbeschäftigten
Frauen spielen, war es dem unter einander eng ver-
trauten Kreise nicht unbekannt geblieben, weshalb man
mich so plözlich aus dem Schlosse fortgeschickt hatte,
und ein Verliebter darf, auch wenn seine Liebe nicht
ihnen selber gilt, des Antheils aller Frauen sich meist
versichert halten. Daß mich die Liebe erfinderisch
gemacht, daß sie mich die Begabung hatte entdecken
lassen, die in mir bis dahin geschlummert hatte, war

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sehr nach dem Sinne und dem Geschutack der schönen
Einsamen. So fand ich mich denn, ohne zu wissen,
was mir geschah, von ihnen mit einemmale beachtet,
seit meine Mutter in der Freude ihres Herzens ihnen
das wächserne Köpfchen vorgezeigt hatte, dessen Aehnlich-
keit mit seinem lieblichen Originale sie, trotz seiner un-
behilflichen Ausführung, ganz unverkennbar nannten.
Da sie sehr daran gewöhnt waren, ihren WilO,
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Seite, als mein Abate mir nun auch das ModellirA
alö eine mich zerstreuende und für mich unnütze Be-
schäftigung nicht gestatten wollte. Unrecht hatte er
damit freilich von seinem Standpunkte aus keineswegs,
denn ich dachte nichts Anderes mehr, ich mochte auch
von gar nichts Anderem mehr reden hören. Ich war
völlig hingenommen von der Neugier, zu versuchen, was
mir etwa gelingen möchte, und wenn meine Mutter es
auch in der Ordnuung fand, daß ich von meinent Abate
in gewohnter Weise beschäftigt wrde, so widersetzte
sie sich dennoch seiner Forderung, mich aus ihrer
Freundinnen Gesellschaft zu entfernen, die für die
Absichten, die man mit mir hegte, allerdings nicht die
fördersamste sein mochte.


Meine Mutter wünschte es selbst zu sehen, wie ich
mich bei dem Modelliren anließ. Man wußte mir
also einen groben Thon zu schaffen, ein Brett war bald
zur Hand, und die schöne Donna Carolina, deren scharf
ausgesprochenes Profil kaum zu verfehlen war, bot sich
mir zum Sitzen an. Die ganze weibliche Gesellschaft
wohnte lachend und scherzend meiner Arbeit bei. Man
bewunderte es, als ich Etvas herzustellen begann, das
man für den Anfang eines Reliefbildes gelten lassen
konnte, und ich erntete des Beifalls Fülle, da die
Aehnlichkeit mit meinem Original sich herauszustellen
anfing.
Daß ich ein Genie sei, ein großer Künstler werden
wütrde, daß ich Geistlicher nicht werden diürse, das stand
für die glaubensvollen Schönen schon in den ersten
Stunden fest; und da sie es nicht waren, welche mich
in der Welt zu versorgen hatten, kümmerte es sie auch
nicht, daß man mich nur darum für die Kixche bestimit
hatte, um sich der Pflichten gegen mich auf bequeme
Weise zu entledigen.
Meine Mutter indessen wußte das genau, sie wußte
auch, daß mein Vater von seinen Willen nicht algu-
gehen pflegte; aber geneigt, sich ihre sanfte Seelenruhe

?
nicht zu trüben, gab sie sich der Hoffnung hin, daß
mein künftiger Beruf mir Muße lassen würde, mich mit
den schönen Künsten nach Gefallen zu beschäftigen; und
einmal in dem Zuge, mich für ein bevorzugtes Talent
zu halten, zählte man die Klosterbrüder auf, die sich
in der Malerei heroorgethan, wie man sich mit Vorliebe
der plastischen Kunstwwerke erinnerte, die in alter und
neuerer Zeit von den berühmtesten Meistern zur Ver-
herrlichung des christlichen Cultus geschaffen worden
waren.
Die Namen des Fiesole, des Fra Bartolomeo, hatte
ich von je gekannt. Ich hatte die Christus-Statue und
die Pietä des Michelangelo in Snntu Kuria sopru
inerra und in Sanct Peter gesehen, und von dem
herrlichen Crucifix des zum Marchese d'Istria erhobenen
Canova oftmals sprechen hören. Ich hatte gekniet vor
der lieblichen Gestalt der heiligen Cäcilia in Trastevere,
und war in Rührung versunken vor Bernini!s heiliger
Theresei Aber heute schlugen alle diese Namen mit
nuem, fremdem Klange an mein Ohr, und ohne recht
zu wissen, was ich sagte, stieß ich die Worte aus: , Ja,
eine heilige Cäcilia, die möcht' ich machen können!
Die Damen lachten über meinen Eifer, und Donna


Earolina, deren kecke Einfälle sprichwörtlich geworden
waren, rief, indem sie mir auf die Schulter klopfte:
, Thun Sie das, mein Leber! es werden sich schon
Nonnen finden, Ihnen gottgefällig zu Ihren weiblichen
Heiligen als Modell zu dienen.'
Mir stieg das Blut zu Kopf. Meine Mutter wurde
roth vor Unwillen. Sie machte der Sizung mit einemt
Vorwande ein rasches Ende und es kam zu keiner andern
mehr. Aber während ich noch vor wenig Tagen nichts
Anderes begehrt hatie, als mir ein Bildniß von Julietta
zu verschaffen, kam jetzt allmälig der Gedanke in mir
auf, daß ich ein Künstler werden müsse, und Geistlicher
nicht werden könne und dürfe.
Gefügiger und achtsamer auf des Abate Lehren
. ward ich dadurch nicht, denn mir lag gar nichts mehr
im Sinne, als meine neu begonnene und so plötzlich
unterbrochene Arbeit. Das stolze Profil der Marchesa
war mir wie eingeprägt. Ich sah es deutlich vor mir,
auch wenn ich ferne von ihr war. uh suchte sie trozdem
lebhafter, bewußter, als ich Julietta kurz vorher gesucht,
und der ermunternde Zuruf, mit welchem sie mich stets
begrüßte, ihr freier, verheißungsvoller Blick, ihr neckendes
Wort und die Zutraulichkeit, in welcher sie sich gegen

-
mich in aller Freiheit gehen ließ, berauschten mich und
nahmen mich gefangen.
Donna Garolina war freilich alt genug, meine
Mutter sein zu können, aber doch noch jung genug, um
Bren fünfzigjährigen Gatten viel zu alt für sich zu
finden, um auch Erfahreneren als mir den Kopf zu
verrücken, und vor Allem jung genug, um meine un-
verhohlenen Huldigungen belustigend für sich zu finden,
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wenn keine besseren sich ihr boten. Doch gab ich nF
damals über dieses Alles keine Nechenschaft. Se SF
eben Donna Carolina, und sie spielte mit mir wie ein
Kind mit seinem Balle. Sie schleuderte mich gen Himmel

?. und warf mich wieder auf den Boden. Sie nannte
n mich ihren Sohn, ihren lieben Benvenuto, oder Herr
g.
? Marchese, wie es ihr gefiel. Sie schmeichelte mir und
F schalt mich aus, sie hieß mich einen einfltigen Jungen,
s- wenn sie nicht in der Laune war, mich bei Dingen
ernsthaft um Nath zu fragen, von denen ich Nichts ver-
K- stehen konnte. Sie ermahnte mich am Morgen nach-

- drlcklich, mich dem Willen der Meinigen nicht zu wider-
? setzen und in den Dienst der Kirche freudig einzutreten,
während sie mir zwei Stunden später die schönen Hände
auf die Schulter legen, und mir tief in die Augen
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sehend, mich beklagen konnte über das mir zugedachle
harte Schicksal.
Sie ein Pfaffe? rief sie eines Tages, nimmer-
mehr! Aber vergessen Sie es, wenn Sie ein Künstler,
und ein berühmter Künstler werden, niemals, mein
Lieber, daß es Ihre Freundin Carolina gewesen ist, die
Ihnen eine glänzende Zukunft prophezeit hat.
Ich küßte ihr die Hände, sie entzog sie mir. Ist
das die Art, in welcher man einer Dame seine Dank-
barkeit bezeigt'? fragte sie scherzend. Ich warf mich
ihr zu Füßen, und spbttisch scheltend rief sie: Schämen
Sie sich, Don Benvenuto! Ziemt es Ihnen, dem goit-
geweihten Jünglinge, vor einer Frau zu knieen? Waä
würde die fromme Julietta, die Sie zum Künstler machte,
dazu sagen, wenn sie den künftigen Pater Benvenuto
knieen sähe vor einer Sünderin, wie ich?
.ch lebte wie in einem Schwindel, wie in einem
Nausche. Ich kam nicht zu mir selbst, und Donna
Carolina hatte dafür gesorgt, daß meiner Mutter war-
nende Bemerkungen ohne Einfluß auf mich blieben.
Offen und in aller Anderen Beisein hatte sie es
ausgesprochen, daß die Familie fast in allen Fällen sich
ihren von der Natur bevorzugten Mitgliedern feindselig

erweise, bis sie anfange, dieselben für ihre Zwecke aus-
zubeuten.
Das Talent, das Genie, sagte sie, ist allezeit
genöthigt, sich seine eigene Bahn zu suchen. Es kostet
die Familie Nichts, die Jugend und die Schbnheit ihren
Zwecken unterthan zu machen, feurige Kräfte, große
Begabungen niederzuhalten, wenn dieses dem Vortheil
oder dem Vorurtheil der Familie angemessen scheint.
! Hat man mich gefragt, rief fie, piözüich auf ihr eigene
? Schlesaü deutend, ob ich, als man mich scze ,,F
-
weltfremd mit fünfzehn Jahren aus dem Kloster nahm,
geneigt sei, des Marchese Frau zu werden? Oder fällt
ihm selber jemals auch nur die Frage ein, ob ich an
- seiner Seite glücklich sei, und wie ich mit dem Leben
fertig werde?-- Leider kann ein Mädchen sich nicht
helfen und nicht retten; wir müssen wohl gehorchen.
- Ein Jüngling jedoch, der seinen Willen nicht durchzu-
setzen weiß, ist ein Feigling, wenn er kein Schwach-

s kopf ist!
Keineä ihrer Worte ging an mir verloren, und
jedes fachte die Leidenschaften, die in mir glühten, eine
die andere steigernd, höher an. Ich erwartete mit Un-
geduld die Rückkehr meines Vaters, um ihm zu erklären,

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wie ich niemals Beruf gefühlt hätte, mich dem geistlichen
Stande zu weihen, wie nur die Ehrerbietung gegen seine
Befehle mich gehindert habe, ihm dies schon lange aus-
zusprechen, wie ich aber jezt, da ich mein eigenes Wesen
erkennen lernen, ihn um die Erlaubniß bitten müsse, mich
der Kunst widmen zu düürfen.
Wort für Wort sann ich mir die Nacht hindurch
die Rede aus, die ich vor meinem Vater zu halten
dachte. Ich wollte vollkommen offen gegen ihn sein,
ihm nicht verhehlen, wie ich darauf gekommen sei, mir
Juliettens Bildniß zu machen; während ich aber für
dieses Geständniß noch den rechten AuSdruck suchte, fiel
es mir plözlich auf, daß ich alle die Tage hindurch an
Julietta kaum gedacht, wenn Donna Carolina mir nicht
von ihr gesprochen hatte. Auch in dem Angenblick, daß
ich sie mir vergegenwärtigte, kam sie mir wie ein halbes
Kind vor und ich erschien mir älter, viel älter als sie,
und sehr viel männlicher und reifer, als an dem Tage,
da ich sie an meine Brust gedrückt hatte. Ich lächelte
umwwillkürlich, als ich auf jene Stunde zurücksah. Sie
dünkte mir, wer weiß wie fern, und es trennten mich
doch nur ein paar Wochen von derselben.
Das machte mich stuzig. Werde ich Donna Carolina

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auch vergessen, wenn ich sie nicht mehr sehe? fragte ich
mich, und was ist die Liebe, was ist die Erinnerung,
wenn sie so rasch vergänglich sind?
Es fuhr mir kalt durch's Herz, der Dämon des
Zweifels hatte es mit frostiger Hand berührt. Ich fing
, zu feagen, z grübeln an; mein Glaube an mtich
selbst, an Liebe und an Treue wurde unsicher und
wankend. Nur daß ich Donna Carolinenä Bildniß machen
müsse, so großartig, wie ihr stolzer Kopf vor nF
inneren Auge schwebte, das stand in mir fest, u ße
diesem heroischen Vorsatze schlief ich ein.
Am frühen Morgen brachte der Reitknecht von dem
Vater Botschaft. Die Jagdgesellschaft sollte zur Mahlzeit
wiederkehren. Ein Edelmann, der, wie ich hatte sagen
hdren, für Donna Carolinens begünstigten Verehrer galt,
sollte mit den Jägern zu uns kommen und für einige
Tage bei uns bleiben.
Die Nachricht trieb mich, Donna Carolina aufzu-
suchen. Ich war unruhig, sie sah mir's an, und die
Ursache errathend, sagte sie in meiner Mutter Beisein:
- Sehen Sie Ihren Benvenuto an! wie er mir folgt!
wie er mich überwacht! Ich glaube in Wahrheit, er
hält mich nicht allein für ein brauchbares und geduldiges

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Modell, sondern er bildet sich ein, in mich verliebt zu
sein! Nehmen Sie sich in Acht, mein Sohn! was wird
mein Mann zu diesem Ihrem Einfall sagen? und der
Herr Vater und Ihr Herr Abate?
Ich war keines Wortes mächtig. Meine Mutier
verwies ihr diese Art des Scherzens, die weder meinem
Alter, noch meinem künftigen Berufe angemessen sei, aber
Donna Carolina hielt man nicht leicht in Schranken.
Warum haben Sie ihn denn hier im Hause,
fagte sie, statt ihn in dem Collegio in Sicherheit zu
bringen? Wer ängstlich ist, muß den Zunder vor dem
Feuer wahren. Er hat ein zärtliches Herz! Er kann
nicht anders, er muß lieben. Er wird immer lieben!
Er liebte Sie, er liebte Julietta und nun auch mich,
und wie sollte er nicht, da er die Seele eines Künstlers
hat! -- Lieben Sie nur immer frisch drauf los, mein
Benvenuto, das ist das Beste! Man muß lieben,
wie man athmet - um zu leben, um zu fühlen, daß
man lebt.
Ein paar Stunden später kamen die Männer in
dem Schlosse an, und das Zwischenspiel, dessen komische
Figur ich gewesen war, haite seinen lezten Act gehabt.
?OF --- ==- - =

mich. Die Erzählung der Jagdabenteuer nahm die Ge-
sellschaft in Beschlag.
Spät Abends, als man in der Frische der Nachtluft
noch auf der Terrasse weilte, um sich zu ergehen, sah
ich Donna Carolina am Arme ihres Freundes von dem
mondbeglänzten Plane in die schattigen, verschwiegenen
Lorbeergänge nieder steigen.
Daß dies meine Andacht an dem Abende förderte,
möchte ich nicht behaupten; aber die Beiden dF
für sich selbst zu sorgen, nicht fir mich und
-P
Andacht!