Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 06

Fünftes Capitel.

,t nächsten Morgen hatte ich mich kaum erhoben,
als mein Vater näch mir schickte. Er war ein strenger
Mann, und sein sarkastischer Geist gab seinen Tadel eine
schmerzende Härte.
Ich fand ihn allein in seinem Zimmer. Nun,
Signor, rief er mir entgegen, noch ehe ich ihm mit
einem Handkuß, auf welches Zeichen der Unterordnung
er von seinen Söhnen hielt, so lange sie in seinem Hause
lebten, den guten Morgen hatte bieten kdnnen, nuun,
Signor! Du bist in meiner Abwesenheit mit einem Male
ein Genie geworden, wie ich höre!
Ich war in großer Verlegenheit. Auf diese An-
sprache paßte die Rede, die ich mir im Stillen ausge-
klügelt hatte, ganz und gar nicht, und daß mit meinem
Vater nicht zu spaßen sei, wenn er in solcher Weise

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scherzte, darauf kannten wir ihn Alle. Dennoch ver-
suchte ich es, mit einem pathetischen: Erlauben Sie,
meins iheurer Vater! Aber über diesen Eingang kam
ich nicht hinaus.
Nichts erlaube ich! Nichtö! fiel er mir in's
Wort. Ich habe zu sprechen und Du hast zu schweigen
und zu hören. Ich habe Dich zu erinnern, daß Du
ein Armero bist, und daß Du Dich danach zu richten
hast! - Er üangte nach dem Tsche, und jezt eF!
wurde ich es gewahr, daß er Jliettens kiel szgF?
und das begonnene Reliefbild in seinem Zimmer hatte.
Er nahm die kleine Biste in die Hand, ließ seine
Augen flüchtig darüber hingleiten und sprach dann, in-
dem er sie wie ein werthloseä Stück Papier zusammen-
drückte: Weil Du Etwas zurecht geknetet hast, was
einem Menschenkopfe ähnelt, weil Du Geschick zum
Zeichnen hast, weinst Du ein Genie zu sein? Sieh um
Dich her! An jeder alten Mauer zeigen sich solche
Malerklnste; bei jedem Steinmmezen in Rom, bei jedem
Töpfer finden sich Bursche, die plastische Meisterwerke wie
die Deinen hier verfertigen. Er stieß dabei mit dem
Fuße gegen mein begonnenes Relief, daß es, auf den
Marmorboden fallend, in Stlcke brach.

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Schon das Zerdrücken des Kopfes hatte mir leid
gethan, aber ich hatte die Zähne zusammengebissen. Alä
er jedoch auch das begonnene Bildnißß von Donna Ea-
rolina vernichtete, konnte ich mich nicht beherrschen,
und der Vorstellung Worte gebend, welche mich in
diesen Tagen oft beschäftigt hatte, sagte ich: Auch der
Canova, der große Marchese dJschia, war einst solch'
ein Bursche.
Der Canova! der
mein Vater höhnend,
Marchese dIschia! wiederholte
der neugebackene Marchese von
ehegestern! Ein Titel, gut genug für Einen aus dem
Volke, nicht für den Sohn eines Hauses, dessen Name
in dem goldenen Buche auf dem Capitol verzeichnet ist.
Gewiß! Canova war ein großer Mann, und die Kunst
ist etwas Großes! Indeß, einem Armero steht es zu,
die Künstler zu beschüzen, wenn er die Küünste liebt; sie
als Handwerk, als Gewerbe zu üben, das ist unschicklich
für ihn.-- Soviel für heute von der Kunst, Signor!
Das war in seinem Sinne eine ganz richtige aristo-
kratische Lehre, nur daß sie bei mir nicht auf den
rechten Boden traf, denn vor dem gebieterischen Worte
meines Vaters ward ich es erst völlig inne, wie glücklich
mein geringes Können mich machte, wie rasch und tief

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der Wunsch sich in mir festgesezt hatte, von dem mir
zugedachten Berufe loszukommen, um mich ganz der
Kunst zu weihen. Mein Vater ließ mir indeß nicht die
Zeit, ihm dies auszusprechen.
Soviel von der Kunst! wiederholte er, und
nun zum Nebrigen, Signor! Er hatte bis dahin in
seiner spottenden Art gesprochen; jezt zogen seine starken
Brauen sich zusammen, und mich mit einem Blicke
messend, den zu scheuen wir gelernt hatten, spraO -
Nun zu dem Sohne, der sich gegen seines VaeF
Willen auflehnt, der sich gegen seines Vaters Dach ver-
sündigt hat.
Die Anklage fiel mir hart auf's Herz. Ich rief
mit flehender Bitte, daß er mich hören möge. Er befahl
mir zu schweigen.
- Hast Du es nicht gewusßt, Signor, sagte er,
daß Du der Kirche dienen sollst? Hat man es Dich
nicht gelehrt, Signor, wie selbst den Wilden der Gast
geheiligt ist, der über seine Schwelle tritt? -- Er
machte eine Pause, die mir sehr lang erschien. Du
hast Dich unterfangen, sprach ec dann, einer Juung-
frau aus edlem Hause mit ungebührendem Begehr zu
nahen, die unter Deines Vaters Schuze stand. Sie und

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ihre verehrungswürdige Mutter hast Du fortgetrieben
von der Stätte, an welcher ich und Deine Mutter sie
willkommen geheißen. Ist das der edle Sinn eines
Armero? ist das die Sittlichkeit des künftigen Priesters,
und der Gehorsam gegen mein Gebot?- Aber als
wäre es daran des Frevels und der Thorheit nicht bereits
genng, hast Du eä Dir in der Verblendung Deiner
Eitelkeit noch beikommen lassen, den Frauen gegenüiber
den Cavalier zu spielen, ohne zu bedenken, daß ein Junge,
der den Verliebten macht, ein Gegenstand verdienten
Spottes wird. Ist dies, Signor! das Ehrgefühl eines
Marchese von Armero?
Mein Vater hielt sein Auge fest auf mir, ich konnte
das meine nicht erheben. Ich fühlte mich Julietten
gegenüber schuldig, und die Gewißheit, mich vor Donna
Carolina lächerlich gemacht zu haben, brachte mich zur
Verzweiflung. Ich hätte weinen mögen vor Zorn und
Scham, nur daß ich mich durch meine Thränen vor
meinem Vater, der selbst an Frauen das Weinen als
eine Schwäche haßte, noch mehr zu erniedrigen fürchtete.
So stand ich sprachlos vor ihm da.
Nun, Signor! fuhr er mich an, wie lange soll
ich warten auf die Antwort?

Ich raffte mich zusammen, ich wollte sprechen und
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, kennte doch das Wort nicht fnden.
Sprich! befahl mein Vater, Du bist ja vor
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Donna Erminia's edler Tochter und vor Donna Caro-
lina beredt genug gewesen. Sprich jezt aus, was Du
zu sagen hattest, rechtfertige Dich, wenn Dn es kannst!
Ich vermochte es nicht, da ich gewohnt war, meinen
Vater für unfehlbar zu halten, und brachte endlich nur
das Geständniß heraus, das ich bedauere, ihn erzight
und gegen seinen Willen mich verfehlt zu haüe. F
Gut, daß Du dies einsiehst, entgegnete er mir,
Du wirst mir's also zu danken haben, daß ich es Dir
unmöglich mache, in Zukunft ähnliche Thorheiten zu
begehen und noch einmal in den gleichen Fehler zu ver-
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Ich sah besorgt zu ihm empor, er ließ mich nicht
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z, Iange im Ungewissen über seine Absichten mit mir.
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Ich habe bisher dem Wunsche Deiner Mutter,

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r Dich in ihrer Nähe zu behalten, gegen meine Neber-
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zeugung und, wie es sich erweist, nicht eben zu Deinem
ß Vortheil nachgegeben. Du bedarfst festerer Schranken

F und strengerer Zügelung als bisher. Morgen in der
Frlhe wird der Abate Dich nach der Stadt begleiten,
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um Deine sofortige Aufnahme in das Jesuiten-Collegium
zu bewirken. Bis Du in dasselbe eintrittst, verläßt Du
in der Stadt Dein Zimmer nicht, und daä Gleiche ge-
schieht hier bis zu Deiner Abreise. Deine Mutter wird
zu Dir komnen, Dir Lebewohl sagen und in ihrer Be-
gleitung wirst Du Dich bei den Herren und Frauen
verabschieden, die unsere Gäste sind.
Ich hörte das wie ein Gottesurtheil an. Mi
einem von Natur nicht bösen Menschen hat man immer
leichtes Spiel, wenn er über sein Verhalten kein gutes
Gewissen hat, und der Befehl meines Vaters, das Schloß
zu verlassen, kam mir in dem Augenblicke sogar er-
wünscht, denn mehr als alles Andere scheute ich mich
jetzt davor, Donna Carolina unter die Augen zu treten.
Dasß ich meine Studien im Collegium zu uachen habe,
nachdem ich durch den Abate, der dem Jesuitenorden an-
gehörte, zur Aufnahme in die rhetorischen und philo-
sophischen Klassen vorbereitet worden, das hatte ich
obenein ron je gewußt, und bis vor wenig Wochen hatte
ich es auch anders nicht verlangt.
Als aber mein Vater sich anschickle, das Zimmer
zu verlassen, überfiel mich der Gedanke, daß ich mit
meinem schweigenden Gehorsam, der meinem Schuld-

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bewußtsein angemessen war, den Anschein auf mich laden
könnte, als unterwürfe ich mich für alle Zukunft dem
Willen meines Vaters, als entsagte ich den Hoffnungen,
welche ich auf die Auöbildung meiner kiinstlerischen An-
lagen in dieser lezten Zeit gebaut hatte, und all meinen
Muth zusammennehmend, rief ich, um es mit so wenig
Worten als möglich abgethan zu haben: Mein Vater,
für den geistlichen Stand fühle ich mich nicht gemacht!
Spare die Nedensarten! engegnee der Lr
mir, ohne eine Miene zu verziehen. Wie foltFß F,,
Beruf fühlen für Etwas, das Du noch nicht kennst.
Der Beruf wird Dir kommen, wenn Du in der Ge-
meinschaft derer lebst, in deren Orden zu treten Du
bestimmt bist. Daß Du dereinst die Maßnahmen segnen
wirst, die ich fltr Dich getroffen habe, dessen bin ich
sicher. Lebe wohl und vergiß es niemals wieder, welchen
Namen zu tragen, und welchem Hause anzugehören Du
die Ehre und das Glick hast!
Er reichte mir die Hand hin; sie nicht zu ergreifen,
sie nicht ehrfurchtsvoll zu küssen, wenn er sie mir bot,
würde mir unmöglich gewesen sein; aber wie ich seine
Hand berührte, konnte ich meinem Schmerze nicht ge-
bieten, und mich ihm zu Füßen werfend, sties ich, ge-

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trieben von einer Gewalt, die stärker war als ich, die
Worte hervor: Entziehen Sie mir Ihren Namen, ent-
ziehen Sie mnir Alles, nur nicht Ihre Liebe, und lassen
Sie mich namenlos und unbekannt zu einem Meister
gehen, daß ich mich in der Kunst versuche!
Mein Vater wendete sich von mir ab.- Du
hast mit Deinem Vater, mit einem Manne zu thun,
nicht wie bisher mit Weibern, sagte er mit Strenge.
Steh' auf! ich will nicht gehört haben, was Du da
Vermessenes und Niedriges gesprochen hast! Steh' auf,
und Nichts weiter mehr davon!