Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 07

z ch hatte in den nächsten vier und zwanzig Stunden
volle Muße darüber nachzudenken, wie ich dem mir
bestimmten Lebensweg anöweichen könne, ohne eine Wahr-
scheinlichkeit dazu zu finden, bis einer jener Zufälle,
welche man in der Dichtung als das roheste Auskunfts-
mittel zu verdammen pflegt, und die uns im Leben doch
häufig genug fördern oder hemmen, mir zu Hilfe kam.
Es ging an dem folgenden Morgen Alles genau
so vor sich, wwie es von meinem Vater angeordnet
worden war. Ich hatte im Beisein meiner Mutter
mich mit bitterer Beschämung von der Gesellschaft ver-
abschieden müssen, wir waren um die festgesezte Zeit
aus dem Schlosse aufgebrochen und ich hatte schon mehr
als eine Stunde in schweigender Niedergeschlagenheit
neben dem Abate in der alten Carosse gesessen, die uns
F. Lewal-, Benvenuto. l.

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s nach der Stadi bringen sollte, als wir vor uus, uitten
auf der Landslraße, eiuen zerbrochenen Wagen bemerkten.
f Näher herangekommen, erkannten wir in dem Eigen-
thümer desselben Monsignore Arrigo, den man an diesem
? Tage in meinem Vaterhause erwartete.
Er war einer der bekanntesten und beliebtesten
unter den römischen Prälaten. Geistvoll, fein gebildet,
sehr reich und einer der schönsten Männer Romö, war
er ein leidenschaftütcher Verehrer der Schbnheit in MF
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wie in der Kunst, ein Lebemann in der vollsten A
n deutung des Wortes, und dabei von einem liebens-
würdigen Character und von gutem Herzen. Er hatte
? durch eine Neihe von Jahren erst in Frankreich, dann
in Desterreich in den Nunciaturen alä Sekretär und
- Rath fungirt, und seine Erfahrungen hatten ihm Geltung
und Einfluß in der päpstlichen Negierung verschafft.
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s Mein Vater schätzte ihn, wie dieser Einfluß und seine
Eigenschaften es natürlich machten. Er war dazu ein
entfernter Verwandter meiner Mutter, die ihn für ihren
besten Freund hielt, und da sie ihn zu einem meiner
-Pathen erwählt, hatte er von Paris aus, wo er sich
damals aufgehalten, das Versprechen gegeben, daß ich
Theil haben solle an der Freundschaft, die er für sie hege.
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Man hatte sich also grade auch von ihm für die För-
derug meiner litftigen Laufbahn als Geisilicer, Bei -
stand versprechen dürfen, bis meines Vaters Absic!,
mich um des Familienbrauches willen in das Jesniten -
collegium zu schicken, Arrigo, der kein Freund der Jesuiten
war, unzufrieden gemtacht hatte.
Mir persönlich war er jedoch stets utit Vorliele
geneigt geblieben, ich sah zu ihm wie zu einem Ideal
empor; und noch ehe wir ihm, rasch ausgestiegen,
unsere Dienste hatten anbieten können, rief er uns mit
seiner fröhlichen, hellen Stimme seinen Gruß entgegen.
Das heißt einmal recht als ein Benvenuto erscheinen!
sagte er. Es ist gut, daß Du daran gedacht hast, mir
entgegenzunkomuten, oder war's darauuf nicht abgesehen?
setzte er hinzn, als er bemerkte, daß wir Koffer auf den:
Wagen hatten.
Der Abate klärte den Irrthum mit der Bemerkung
auf, daß er angewiesen sei, mich in das Collegium z
bringen.-
Jetzt? mitten in den Sommerferien, da dic
frommen Väter mit den Scholaren in den Villeggiaturen
sind? Welch' ein Einfall! -- Es scheint Dir auch kein

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sonderliches Vergnügen zu gewähren, Söhnchen! meinte
Arrigo, indem er mich betrachtete, und ich verdenke Dir
das nicht, die Luft ist ganz abscheulich in der Stadt.
Aber wir sprechen mehr davon, wenn wir erst wieder
unterwegs sind. Werft mnein Gepäck auf diesen Wagen,
gebot er seinen Leuten, und bleibt hier zurück, ich werde
Euch aus dem Schlosse die nöthige Hilfe schicken.
Er stieg mit diesen Worten in unsern Wagen, um
unter dem Verdeck desselben vor den heißen IF
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folgen. Das war jedoch nicht des Abate Meinuung.
Sie machen es recht, Monsignore! sagte er,
denn man erwartet Sie bei guter Zeit, aber erlauben
Sie, daß ich mit Benvenuto hier auuf die Rückkehr des
Gefährtes warte.
Arrigo wurde aufmerksan. Was soll das heißen?
und was bedeutet Ihre feierliche Miene? Schickt man
Dich zur Strafe fort?
Meine Verlegenheit hinderte mich zu antworten,
der Abate bejahte die Frage an meiner Statt.
Du siehst auch wie ein armer Süinder auö! scherzte
der Gutgelaunte. Sprich! aber rede Du selbst. Was
hast Du denn verbrochen?

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Seine Heiterkeit machte mich neben dem feierlichen
Gesichte deä Abate und in der Erinnerung an die
Strenge meineä Vaterö ganz verwirrt, und obschon ein
Hoffnungsstrahl in mir aufleuchtete, fehlte mir doch der
Muth, es auszusprechen, was mir geschehen war.
Geduld war indessen deä Monsignore Sache nicht.
Vorwärts! vorwärts! rief er, rede! Waä kannst
Du denn begangen haben? Gemordet hast Du nicht,
beraubt wirst Du Niemand haben. Ungehorsamt konmnt
neben Deinem Vater nicht leicht auf-- was kann eö
also sein?
Monsignore haben trotzdem das Richtige getroffen,
sagte der Abate, sich meine Verlegenheit zu Nuize machend.
Benvenuto hat es sich beikommen lassen, gegen die Ab-
sichten des Herrn Vaters, gegen dessen Anordnungen sich
aufzulehnen.
Und deshalb diese verzweiflungsvolle Miene? Du
siehst ja wie ein junges Mädchen aus, das man auf
verbotenem Wege antrifft. -- Ah! das also ist's, mein
?
Sohn! rief er, da das Gesicht bei seinem Scherz mir
glühte. Ein Liebeshandel! nun verstehe ich! Ja, das
ist freilich eine andere Sache, und der Graf hat wohl
an Dir gethan! Aber steige vor allen Dingen ein! dem
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Sonnenstich sollst Du deshalb nicht verfallen! steig' ein!
und Sie, Abate, thun Sie desgleichen! Ich trage dem:
Grafen gegenüber die Verantwortung.
Der Abate lehnte diese Aufforderung jedoch ebenso
entschieden als höflich ab. Er sagte, daß die Verant-
wortung, welche Arrigo übernehmen wolle, ihn nicht
! seiner Pflicht entbinden könne; er habe sich unabweislich
s an meines Vaters ausdrücklichen Befehl zu halten. In
? zwei Stunden köne das Fuhrert mik frischen PferdF
- wieder hier zur Stelle sein, der Wagen des Mouflzu.»F
schütze uns vor der Sonne, und es bleibe uns dann
noch vollauf Zeit, die Stadt vor dem Abende zu er-
reichen. Aber mit seinem Widerstande hatte der Abate
nur Arrigo's Eigenwillen aufgeregt, und gewohnt zu
- befehlen, sprach er: Nun gut, so bleiben Sie in Ge-
horsam hier auf Ihrem Posten; Ihr Zögling aber wird
s mit mir gehen, mich während des Weges zu unterhalten.
? Vorwärts also! In den Wagen, mein Sohn! Und
Kutscher, in das Schloß!
Ich war nicht so thöricht, mir den angenehmen
Befehl erst wiederholen zu lassen, denn obschon mir nicht
ganz leicht um das Herz war bei dem Gedanken, meinem
Vater gegen dessen Willen unter die Augen zu treten,
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hatte ich doch die Vorstellung, daß ein Mann wie Mon-
signore Arrigo gewis; Nichtö unternehmnen wüürde, was
für ihn oder für sonst Jemand von verdrießlichen Folgen
sein könnte; und die Auösicht auf das Collegium war
mir in der lezten Zeit so widerwärtig, mein Wunsch,
vor dem geistlichen Stande bewahrt zu werden, so
dringend geworden, daß ich mich jedem Hoffnungsstrahl
begierig zuwendete, der sich unir zu zeigen schien. Ich
wußte zudem so gut wie alle Anderen, daß Arrigo ein
Gegner der Jesuiten war, wußte auch, daß meine Mutter
sicherlich zufrieden sein wüürde, wenn man füür mich eine
Aussicht eröffnete, im Laienstande ein schickliches Fort-
kommen zu finden; und über dieä Alleä hinaus ver-
gnügte mich die knabenhafte Schadenfreude, mit Mon-
signore Arrigo in das Schloß zurückzukehren, während
mein Abate es für angemessen hielt, in aller Qual der
Sonnenhitze auszuharren, um sich den Anordnungen
meines Vaters gehorsam zu zeigen und sich dem Willen
des Prälaten nicht zu unterwerfen.
Als wir eingestiegen waren, forderte Arrigo mich
auf, ihm ehrlich zu bekennen, was geschehen sei, und
fragend und nachhelfend, wo meine Verlegenheit das

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Wort nicht auszusprechen wagte, erfuhr er Alles, was
er wissen wollte.
Und Du bildest Dir also ein, daß Du etwas
machen, etwas werden könntest, Söhnchen! sagte er,
das müsßte man allerdings erst sehen, um daran zu
glauben; aber für Den, der springen will, ist überall
ein Rhodus da!-- Hier! - und in die Wagentasche
greifend, nahm er das Brod heraus, das man uns zunt
Juiß mitgegeben hatte, reichte es uir hin unb !-F
lachend: Mache mir das Blniß Deiner SchduIF
wenn Du kannst!
Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, sondern
- fing an, den lockeren Teig mit einigen Tropfen Wein
zusammenzukneten, bis er sich gestalten ließ, und von
der Hoffnung auf Befreiung, wie von der Eitelkeit ge-
trieben, that ich mein Bestes, während Arrigo in be-
ständigem Gespräche mit mir blieb und sich, wie ich
dies deutlich herausfühlte, über meine Bildung und Ge-
sinnung zu unterrichten suchte.
Es war nicht das erste Mal, daß ich mich in Er-
mangelung besseren Materials deä Brodes fite meine
Arbeit bediente, und ich hatte in den ersten Tagen nach

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meiner Trennung von Julietten, ihr Köpfchen troz der
Lerbote und troz meiner geleisteten Versprechungen so
oft ganz unwillkürlich dargestellt, daß es mir sehr ge-
läufig geworden war, und daß ich denn auch während
der langsam entporsteigenden Fahrt es einigermasßen zu-
sammenbrachte.
Aä ich es dann meinem Pathen mit der Ver-
sichernng hinreichte, daß ich e besser machen köne, besh
er eö achtsam, ohne jedoch ein Wort dariber zu ver-
lieren und sprach, wwie man mit einem spielenden Kinde
wohl zu thun pflegt: Gut! nun mache rasch ein
Pferd! und als ich ihm gehorcht und in groben Um-
rissen ein laufendeä Pferd zusammengeknetet hatte, und
dann auf seinen weiteren Befehl auch noch einen Juungen
darstellte, der den Dudelsack, die Zampogna, spielte,
drückte er daä Alles in einen Klumpen zusammen und
fragte: Aber einen Paier Jesuiten, kbnntest Du den
machen? oder reicht Deine Kunst so weit noch nicht?
Sein freundlicher Blick, der heitere Ton seiner
prächtigen- Stimme gaben mir Zuversicht und muthiges
Vertrauen in ihn und mich, und mit dem Nebermuth
der Jugend, der durch die strenge Zucht der lezten
Wochen unnatürlich zurückgedrängt worden war, stellte

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ich, wenn auch plump genug, das Spottbild eines
betenden Jesuiten dar, daä Arrigo zu lautem Lachen
brachte.
Bravo! rief er, gut gesehen und gut gemacht!
schweig aber still, wenn wir einfahren in daä Schloß,
schlage die Augen nieder und schäme Dich, wie es Dir
flr Deine Dumheit von Nechtswegen gebührt, mit
Deinen sechszehn Jahren neben der gottgeweihten Julietta
den Noeo zu spielen. Dei Vater hat woßs an?F-
Dich fortzuschicen, und ich werde der Ltte sein, SF
zu hindern sucht, daß Du zu Deinem Gouverneur und
mit ihm in die Stadt zurückkehrst. Von den Weiteren
wird später vielleicht zu sprechen sein! Mache Dir in-
dessen keine falschen Hoffnungen, mein Lieber! Eines
Vaters Wille ist Gesez für seinen Sohn; also Gehorsam
und Gebuld! doch will ich sehen, was etwa für Dich
zu thun sein möchte.
Wir waren während dessen vor den Schlosse vor-
gefahren. Da man Monsignore Arrigo erwartete, kam
die Dienerschaft herbei. Auch mein Vater und verschiedene
der Gäste, welche sich gerade in den nach der Auffahrt
belegenen Zimmern aufhielten, traten auf die Balkons
vor ihren Fenstern hinaus, und man war allseitig nicht

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wenig erstaunt, statt den Wagen Arrigo's den unseren
vorfahren zu sehen, und in demselben den Monsignore
mit meiner Wenigkeit zu entdecken.
Dee Räthsel war mit wenig Worten rasch gelöst.
Mein Vater konnte, ohne seinen Gast zu tadeln, nicht
daran denken, mir einen Vorwurf aus meiner Anu-
wesenheit zu machen; man sendete augenblicklich die
nöthige Hilfe in das Thal hinunter, die zerbrochene
Kalesche herauufzuholen, und der Abate erhielt die
Weisung, mit derselben zurückznkommen, da unser Ab-
gang nach der Stadt um neue vierundzwanzig Stunden
aufgeschoben werden solle.
Das erhöhte meinen Muth wie meine Hoffnung,
und ich hatte alle Zeit, mich in dem Bereiche der
Möglichkeiten gemächlich zu ergehen, denn ich speiste
allein mit dem Abate, und nur meine Mutter kan
einen Augenblick, mich zu besuchen, ohne sich jedoch über
das inzwischen Vorgefallene mit einen Worte aus-
zulassen.
an der nächsten Frühe, als der Wagen, der uns
nach Nozn zu bringen hatte, wieder vor der Thüre stand,
wurde ich zu meinem Vater in sein Gemach beschieden.
Ich fand ihn mit meiner Mutter und mit dem Mon-

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signore meiner wartend; auuch der Abate war bei
ihnen.
Ich habe Dich rufen lassen, sagte mein Vater,
damit Du in meinem Beifein Deinem verehrten Pathen,
Monsignore Arrigo, für die Theilnahme dankst, die es
ihm gefällt, Dir zuzuwenden. Du hast einen Beschützer
und Fürsprecher an ihm gefunden! Er hält es für
möglich, daß wirklich eine klnstlerische Anlage in Dir
verborgen ist, ud hat sich erboten, Dir die Gelegens
zu ihrer Ausbildung versuchsweise unter seine LF
zu gewähren. Du wirst in unserm Hause bleiben, bis
Monsignore Arrigo in die Stadt zurückkehrt, dann siebelst
Du in das seine über-- und es wird danach von
Deinem Talent, von Deinem Fleiße und von der Meinung,
Deines großmüthigen Beschützers alhängen, welchen Lebens-
weg man Dich nach der Probezeit, die wir für Dich
festgesezt haben, einschlagen lassen soll. Deine Studien
und Deine geistlichen Nebungen sezest Du inzwischen
unter der Leitung des Herrn Abate fort! Das Nebrige
wird Dein Herr Pathe fir Dich anordnen.
Mache seiner Güte Ehre und Deinem Namen keine
Schande!
Mein Vater reichte mir darauf, ohne mich anzu-

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fehen, die Hand zum Kusse, meine Mutter umarmte
mich zärtlich; Arrigo's geistvolles Gesicht sah noch zu-
versichtlicher als gewöhnlich aus, und mir auf die
Schhultern klopfend, sagte er: Ende deä Monats bin
ich in der Stadt und dann, mein Lieber, heißt es an
die Arbeit! Du hast zwei Jahre Zeit! Bist Du dann
nicht auf dem Wege zum Olymp, so heißt es rück-
wärts, und in das Colleg!-- Und somit Lebewohl!
auf Wiedersehen!
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