Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 08

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z-lit dem Tage begann der eigenkliche Frühling
meines Lebens, und mein Beschüüzer war die sreunudliche
Sonne, die ihn mir erschuf. Er war ebenso, wie man
es mit mir beabsichtigt hatte, von seiner Familie gegen
feine Neigung demt geistlichen Stande gewidmet worden,
weil man das Vermögen des Hauses dem ältesten Sohne
auöschließlich zuzuwenden gewünscht.
hatte sich diesen Berechnungen nicht
Sohn war schwermüthig geworden,
Jndeß das Schicksal
gefügt; der älteste
und das sehr be-
deutende Familienerbe war dadurch nach seiner Eltern
Tode an Monsignore Arrigo gefallen, der es in schönem
Lebensgenusse mittheilsam und fröhlich zu verwenden
wußte.
Er hatte in seinem Glauben an meine künstlerische
Anlage, den ich heute noch zu segnen habe, meinem
F. Lewald, Benvenuuto. l.

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Vater ein Anerbieten gemacht, das ahzuweisen elbst
dessen starrer Sinn Bedenken hätte tragen missen. Ich
sollte zwei Jahre ihm überlassen, von ihm in die Lehre .-
zu dem berühmtesten Bildhauer von Nomt gegelen
werden, den er mehrfach beschäftigt hatte und der zu
seinen Freunden zählte. Erwies es sich innerhalb dieser
Zeit, daß man Hoffnungen auf meine Künstlerlaufbahn
gründen dirfe, so wollte er mich dieselbe ganz und gar
auf seine Kosten vollenden lassen, und uir, sv 1-VF
bebte, ein Jahrgeld, nach seinem Tode aber el. Ee
zuwenden, welches mir ein, dem Namen meiner Familie
angemessenes Auftreten in der Gesellschaft möglich machen
würde. Schlügen die Erwwartungen fehl, die er für mich
hegte, so sei es dann immer noch früh genug, mtich in
den Orden Jesu aufnehmen zu lassen, und es sollte mir
dann auch in der Soutane andauernd seine Förderung
gesichert bleiben.
Gleich nach des Monsignore Rückkehr in die Stadt
siedelten also der Abate und ich nach dem Palazzo
Arrigo über. Er hatte uns einige nach dem Garten
gelegene Zimmer in deun Erdgeschosse desselben einge-
räumt, und in diesen auch eine kleine Werkstatt für
mich herrichten lassen. Material und Geräthschaften für
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die Arbeit fand ich vorbereitet, obschon ich mich der
lezteren noch gar nicht zu bedienen wußte, sondern gan.;
naturwüchsig mit den Fingern modellirte. Auf einemt
Borde an der Wand waren ein paar kleine Torsen,
einige Büsten, einige kleine Figürchen in guten Ab-
güssen aufgestellt; auch an Vorbildern für die einzelnen
Gliedmaßen fehlte es nicht, und mein Beschützer verlies:
mich inmitten dieser köstlichen Besizthüimter uit der Be-
merkung, es stehe mir jetzt völlig frei, mich nach Be-
lieben zu beschäftigen. Hätte ich etwas zu Stande ge-
bracht, das er gelten lassen könne, so würde von dem:
Weiteren zu sprechen sein.
Er ging
Nebengemache
meinem Leben
das kam mir
Ich suh
davon, mein Abate richtete sich in dent
ein, ich blieb mir zum ersten Mal in
für ein paar Stunden selber überlassen;
ganz unglaublich vor.
mich um; eine weiße Arbeitsblouse hing
-an der Wand und sie vollendete mein Glück. Ich hatte
immer mit einer gewissen Mißempfindung an den Tag
gedacht, an welchem ich mein gewohntes Kleid mit dem
schwarzen langen Rocke zu vertauschen haben würde; die
Blouse erschien mir also wie das Sinnbild meiner Frei-

heit. Ich konnte mich kaum enthalten sie zu kitssen,
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als ich, meinen Rock von mir werfend, sie über meinen

F Kopf streifte; und mit der göttlichen Zuversicht, deren
P die Jugend zu ihrem Gllcke nie ermangelt, rief ich es
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L mir selber wie einen Eidschwur zu: in hoc signo
z rneos!
Damit hatte ich nun freilich nichts weiter gethan,
F als den Vorsatz ausgesprochen, meiner Neigung naehzu-
?
gehen, da die Umstände mir so günstig waren; und
mühelos wie ein Königserbe sezte ich mich in den NF
zugefallenen Reiche fest.
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ach versuchte es in den folgenden Tagen, eine
kleine Minerva nachzubilden, weil sie mir nicht die
? Schwierigkeit der nackten Gestalt zu überwinden gab;
ich eopirte einen Fuß und eine Hand, ich ließ mich
endlich darauf ein, das Reliefbild eines der Gärtner-
burschen zu unternehmen und war eines Nachmittags nach
Verlauf von sechs, acht Wochen in voller Arbeit, als
Arrigo mit einem mir fremden Manne in meine kleine
Werkstatt eintrat. Es war kein Geringerer als der
- große Meister, der mein Lehrer werden sollte.
Er war damals selbst erst in die jugendlichen
Mannesjghre eingetreten, aber sein Name stand unter -
den Bildhauern Jtaliens schon neben dem von Canova
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in erster Reihe fest. Er hatte seine Psyche und Venus,
seine liegende Venus, welcher Aor den Dorn aus deut
schönen Fuße zieht, und andere uythologische Gestalten
bereits vollendet, hatte mit gleichem Erfolge ein lebenö-
großes Crucifi; für eine der großen toscanischen Städte
modellirt, und verschiedene bei ihn bestellte Heiligen-
gestalten wwaren von ihuu in Augriff genouurn worden.
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h war in der Verehrung der Kunst erzogen, obschon
mein Vater ihre Ausübung für einen Edelutann uicl
schicklich erachtete, und ich sah deöhalb zu den Gefeierten,
der über meine Zuukunft zu entscheiden hatte, wie zu einer
Gottheit ehrfurchtsvoll empor.
Er betrachtete mein Machwerk und nannte es fir
Einen, der keinen Unterricht genossen habe, gut gefühlt
und nicht ungeschickt gefertigt. Es schien ihm auch zu
gefallen, daß ich die Blouse der Sontane vorzog, das;
ich den Ehrgeiz hatte, ein Künstler zu werden; und mit
freundlich ermunterndem Worte nahnt er mtich unter seine
Schi:ler auf.
Damit war der erste Schritt gethan, und ich lebte
in einem beständigen Freudenrausche. Der freie Verkehr,
dessen ich im Atelier uit den andern Schülern theil-
haftig wurde, hatte als etwas mir ganz Ungewohntes

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den höchsten Reiz für mich, und weil meine Mitschüler
mir, um meines Namen willen, antheilsvoll begegneten,
weil sie mich ermunterten, gewann ich die ungemessenste
Vorstellung von meinen Anlagen. Hätte ich in jenen
Zeiten mteiner Meinung von mir selbst den entsprechenden
Ausdruck geben sollen, so hätte ich anfangen müssen, an
der Statue zu arbeiten, von der ic üllerzrugt war, daß
man sie mir dereinst errichten wülrde.
Jndes: uit der wachseden Eiesichi iu da« WIF
der Kunst, j in das blose Haedert bers-iben, fogs
die Ernüichterung dem Frendenrauusche heilsau uach, bis
ich die Arbeit und die Ueberwindung der Schwierigkeiten
lieben und als Genuuß erkennen lernte.
Mein Abate, welcher sich zuerst nit den Absichten
meines großmüthigen Pathen sehr unzufrieden gezeigt
hatte, fing unter dem gastlichen Dache desselben sich, wie
es den Anschein hatte, mit ihnen auszusöhnen an, weil
er es Für möglich halten mochte, sie mit der seinen in
Mebereinstimmung zu bringen. Er war Jesuit geng,
sich überall den vorliegenden Verhältnissen fügsam an-
zupassen, sobald es galt, in denselben festen Fusß zu be-
halten; und wenn wir jetzt, wie das auch sonst geschehen
war, unsere Besuche bei den ihm befreundeten Brüdern
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im Jesuiten - Collegium machten, unterließ er es nicht,
mich jedesmal besonders darauf hinzuweisen, wie der
Orden sich unter seinen Mitgliedern auch bedeutender
Künstler zu rühmen gehabt habe, und daß derselbe die
Pflege der Kunst keineöwegs aus seinen Beschäftigungen
ausschließe.
Er mnachte utich aufuterksam darauf, daß es ein
Mitglied des Jesuitenordens, der Pater Grossi gewesen
sei, der den Plan zu der grosßartigen Kirche des heiligen
Ignatius entwworfen hale. Er ließ mich die Freökenu
bewundern, mit denen der Jesuitenpater Pogzi das
prächtige Tonnengewölbe der Decke geschmückt hatte, und
führte mich durch das Museo Kirchneriano im Jesuiten-
Collegium, dessen Kunstschäze ebenfalls von einemn Jesiten
gesammelt worden waren. Aber seit sich mir die Aus-
sicht eröffnet hatte, durch die Entwickelung meines Talents
vor dem Eintritt in den Orden bewahrt zu bleiben,
wirkten die Vorstellungen des Abate noch weniger auf
mich ein, als früher; und obschon er seine Macht über
mich mit aller ihm zustehenden Festigkeit aufrecht zu
erhalten strebte, konnte er sich nicht wohl darüber
täuschen, wie unser gegenseitiges Verhältniß mehr und
mehr ein ganz äußerliches wurde, und wie sehnsüchtig

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ich den Tag erwartete, an welchem es endlich aufhören
F wurde zu bestehen.
Die zwei Probejahre, welche mein Vater m ir zu-
? gestanden hatte, brachten mich ein gut Stück vorwärts.
F Mein Beschüzer und mein Meister waren mit mir zu-
frieden, mit meiner Familie kam ich nicht häufig, eigentlich
F nur bei besonderen Anlässen zusammen. Meine Mutter
hatte, als sie sich für mich verwendet, mehr das glänzende
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Ziel, als den mühevollen Weg im Auge gehabt; noZ
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Vater sprach, wenn ich vor ihm erschien, niemaüs eF
f mir von meiner Bildhauerarbeit, sondern nur von den
Studien, welche ich mit dem Abate trieb. Er kan auch
nie in meines Meisters Werkstatt. Er mochte nicht
sehen, wie ein Jüngling, der seinen Namen trug, mit
riedrig geborenen Leuten die handwerksmäßige Arbeit
theilte, und er vermied es, mir die Hand zu reichen,
weil die Arbeit mir die Hand gehärtet hatte.
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Eines Tages, als er mit einem seiner Freunde an
-- unserer Werkstatt vorüberfuhr, trat ich in der Blouse,
! utit bestäubtem Haar für einen Agenblick zufällig aus
- der Thüre derselben auf die Straße hinaus. Mein Vater
z sah mich, erkannte mich, wendete, als habe er mich nicht
? bemerkt, sein Auge von mir fort -- und ich lernte die
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gewaltige Macht des Voruriheils innerhalb des Familien-
herkommens erkennen. Das brachte eine große Sinnes-
änderung in mir hervor. Eä verwies mich auf mich
selöst, und auf ein rücksichtsloses Streben nach meiner
eigenen Zufriedenheit.
Weil mein Vater Alles mit einer gewissen Förm-
lichkeit zu thun liebte, sollte denn auch die Entscheidung
über meinen künftigen Beruf in aller Forut vollzogen
werden. Monsignore Arrigo hatte deshall nach Verlauf
der beiden Probejahre meine Eltern und meinen Meister
zu einer Besprechung bei sich eingeladen, und obschon
ich gewiß war, welche Ansichten mein Meister und mein
Beschüzer äußern würden, war ich in großer Aufregung
und Spannung. Denn da ich die fortdauernde Abneiguung
meines Vaters gegen meine Künstlerlaufbahn kannte, fühlte
ich mich seiner Billigung meines Vorhabens noch immer
nicht versichert, und nur die Verstimmung, welche ich
an mteinem bisherigen Erzieher bemerken konnte, bestärkte
mich in der Hoffnung, daß man mir meine Freiheit
geben werde.
Als man mich hereinkomnen ließ, stand mein Vater
an dem Tische, auf welchemt man meine Arbeiten für ihn
aufgestellt hatte. Es war eine kleine Portraitstatuette

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mneines Beschüzers, die ich in seinem Hause auögeführt,
daneben eine verkleinerte Copie des berühmten Crucifixes,
das utein Meister geschaffen, und eine ganze Menge von
Skizzen, die ich im Laufe der beiden Jahre angefertigt,
und von denen ich später, wenn auuch in mannigfach ver-
änderter Gestalt, eine und die andere zu benuzen Ge-
legenheit gehabt habe.
Wir haben zu Nath gesessen über D:
umnein Vater, und der berühute hochgeehrte
der Dich seiner Unterweisung gewüirdigt, ist der
sagte
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öJa
daß man Dein Talent als ein nicht gewöhnliches zu
betrachten habe, daß es der Mühe lohne, es auszubilden,
weil es, richtig benutzt, Dir Chre machen könne. -
Merke das wohl, ich sage: Dir Ehre machen könne!
denn in unseremt Hause suchte bisher der Einzelne die
Vermehrung der Familienehre auf anderen Wegen.
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Glauhz. Du Dein Glick zu finden im Betrieb der
Kunst?
Ich bin immer glücklich wenn ich arbeile, mein
Vater! sagte ich.
Aber Du kannst in Zukunft nicht arbeiten wie
bisher, allein zu Deiner Freude. Man wird Dir, wenn
es = -- wirklich glücken sollte, Dtch auszuzeichnen, Auf-
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träge geben. Du wirst nach fremdem Willen, umt Lohn
zu arbeiten, um den Preis Deiner Arbeiten zu feilschen
und zu markten
schuldigen Sie,
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Ich hoffe,
Signor! gegen meinen Meister ver-
hinzu: und Du trägst den Namen
aus altem Hause!
ihm keine Schande zu uachen, sagte
mein Lehrer und Meister--
- d . a- -
Stunde ab, mein Freund! von dieser Stunde ab, Mon-
signore, ist er der Ihre! - Ich hoffe, Du wirst es
Deinen edeln Beschützer nicht bereuen machen, daß er sich
Deiner annimmt, und Du wirst Deinem Erzieher, dem
Herrn Abate, für die Treue danken, mit der er Dich
bisher behütet hat. Du bist jetzt frei! Gebrauche Deine
Er
eiheit so, daß sie Dir nicht zum Unheil werde.
und
Er machte darauf ein Zeichen, daß er geendet hale,
ich fühlte, daß ich seine Lebe nicht wie sonst besaß,
dasß er sich mir entfremdet fand; aber Arrigo's frohe
Güte verscheuchte die Wolke, die mir diesen ersehnten
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Edelmannes
haben; und sich mit einem: Ent-
ugenblick verdüstern wollte.
Ich stehe für ihn ein! rief er, und sein Lehrer

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und Meister wird das mit mir thun! Die Hand darauf,
mein junger Freund ! Wir wollen allesammt den Tag
erleben, an dem auch der Herr Vater mtit Dir zufrieden
sein soll. Bis dahin aber wollen wir unö in der
lchönen Welt, in die uns Gott gesezt, wie bisher des-
schdnen Daseins hoffnungsreich erfreuen!
Mein Vater lehnte es ab, ein Frühstück bei Arrigo
einzunehmen, der Abate entschuldigte sich mit Geschäften,-
meine Mutter sagte, fie hoffe mich jezt zum fk
bei sich zu sehen, ohne daß der Vater biese Elüavus
unterstützte. In mir kämpften widersprechende Em-
pfindungen.
=-g fühlte mich durchaus in meinem Nechte, fand
N,
- meinen Vater hart, nteine Mutter nicht güütig geng,
und hätte doch beide gern mit Kindesliebe um Ver-
zeihung dafür bitten mögen, daß ich gegen ihren Willen
handelte. So folgte ich ihnen schweigend und verlegen
bis zu ihrem Wagen.
Aber als derselbe dann fortgerollt war, als der
Abate mich verließ, ohne mich zu fragen, womit ich
mich die nächste Stunde zu beschäftigen gedenke, als ich
zum ersten Male, ohne ihn neben mir zu haben, mich
neben Arrigo und meinem Meister zu der Mahlzeit
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niederließ, da empfand ich mehr als je zuvor die
Sklaverei, welche in der unansgesezten Ueberwachnng
bis dahin auf mir gelegen hatte. Das köstliche Gefühl,
fortan empfinden und denken zu dürfen, ohne in jedent
Augenblick einem Anderen davon Rechenschaft geben zu
müssen, ließ mich endlich aufathmen, wie ein freier
Mensch es thut. Mich durchströmte auf einmal jener
starke, die ganze Zukunft umfassende Glaube an duis
eigene Können, der zugleich ein Glaube an das Sollen,
an das Mlssen ist; denn noch heute ist es wahr, daßß
der rechte Glaube, der Glaube an die eigene Kraft, Berge
versetzen und Wunder thun kann, je nach dem Masß
der eigenen Kraft. -- Nehmet einem schaffenden Menschen
den Glauben an sich selbst, und er wird ohnmächtig vor
Euch stehen, wie Sinson, den man seines Lockenschmtuckes
beraubte.