Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 09

Meuntes Capilel.

Ze habe Ihnen, als wir uns kennen lernten, von
meinem Leben im Auslande zum Defteren gesprochen
und Ihnen den überraschenden Eindruck zu schildern ver-
sucht, welchen in jenen Zeiten, in der Mitte der vierziger
Jahre unseres Jahrhunderts, ein Aufenthalt in England
und Frankreich auf einen jungen Römer machen mußte,
der die in ihren mittelalterlichen Traditionen hin-
träumende Hauptstadt des Kirchenstaates und der ka-
tholischen Welt, bis dahin nicht verlassen, und keine
andere Gesellschaft gekannt hatte, als die der römischen
Aristokratie. Selbst bie Ausländer, welche ich innerhalb
derselben kennen gelernt, hatten sich mehr oder weniger
zu dem, unter der alten römischen Adelswelt herrschen-
den Credo bekannt, oder dasselbe doch aus geselliger
Höflichkeit zu schonen gewßt. Nun war ich diesem ge-

188
feiten Kreise wie mit einem Zauberschlage entrückt, und
hatte unablässig erstaunend, zu bewundern und zu
lernen.
Ich brachte, nachdem ich meine Arbeit abgeliefert,
den ganzen Sommer und einen Theil des Herbstes in
England und in Schotiland zu, und fühlte mich wie in
ein Wunderland versezt. Von einer Cultur des Bodens,
von einer Thätigkeit in Handel und Gewerbe, wie ich
sie dort antraf, von -gemeinnüützigen, auf das Wohl-
befinden des niederen Volkes berechneten Einrichtungen,
von einer persönlichen Freiheit, wie ich sie dort kennen
lernte, hatte mir in der Heimath die Vorstellung gefehlt.
Ich wurde es nicht mülde, in den großen Hafenstädten
die Schiffe kommen und gehen zu sehen, welche in fdr-
derndem Verkehre alle Theile der Erde mit einander
verbanden. Ich sah die Bekenner der verschiedenen Reli-
gionen in eigenen Gotteshäusern ihren Cultus unge-
hindert üben, sah überall einen Wohlstand, einen Reich-
thum mich umgeben, den die freie Bethätigung der
Kräfte immer neu erschuf. Ich konnte die Erfahrung
machen, wie die herrschende Sitte ein strenges Erbrecht
mit den Anforderungen der Zeit allmälig vermittelt
hatte; wie frei und ungehindert dort die jungen Söhne

D
der ältesten Adelsgeschlechter sich erwerbenden Geschäften
zuwenden durften, während aus ihren Reihen, wie aus
den unteren Klassen des Volkes diejenigen, welche sich
zu hervorragender Bedeutung emporgearbeitet hatten,
von der Regierung mit neuen Adelstiteln belehnt, neue
Adelsgeschlechter als Stützen des monarchischen Systems
begründeten.
Aber noch während ich mich in England meiner
Freude an dem Lande überließ, meldete mir ein Brief
des Pater Cyrillus in Auftrage meines Vaters, den Tod
meiner Mutter. Den Briefe war eine Abschrift ihres
Testamentes beigelegt, in welchem sie mit Bewilligung
ihres Gatten, über ihr ganzes beträchtliches Vermögen,
soweit der Kapellenbau es nicht in Anspruch nahm, zu
Gunsten frommer, unter dem Schutze des Jesuitenordens
stehender Stiftungen verfügt hatte. Der Brief erwähnte
der Gottergebenheit und des Seelenfriedens, in denen
die Gräfin gestorben sei, berichtete, daß der Graf die
Trauerzeit in seines Neffen tröstlicher Gesellschaft fern
von der Stadt auf seinen Gütern zuzubringen denke,
und daß man von der Nuhe und der guten Luft die
Kräftigung seiner ebenfalls wankenden Gesundheit wohl
erhoffen dürfe. Aber kein Wort in dem ganzen Briefe

1
deutete es an, daß ein Gedanke der Sterbenden sich
ihrem letzten Sohne zugewendet habe, und nicht ein Mal
in dem ganzen Briefe hatte Cyrillus meinen Vater oder
meine Mutter als solche bezeichnet. Er wollte mich es
empfinden machen, daß ich, der es verschmäht hatte in
die Mutterkirche und in die Bruderschaft des Ordens
aufgenommen zu werden, von meiner leiblichen Mutter
enterbt, von meinen nächsten Blutsverwandten vergessen
und verlassen sei. Ung, leugnen kann ich's nicht, es
traf mich schwer und tief, mich von meiner Mutter so
völlig aufgegeben zu finden, bis ein Brief des treuen
Freundes, Monsignore Arrigo's, mich erreichte, und mir
das Herz erhob.
Meine Mutter hatte ihm, wie ich aus ihrem Te-
stament ersah, das Bildniß zum Andenken hinterlassen,
das bald nach meiner Geburt gemalt, sie noch in ihrer
vollen Schönheit zeigte, und sie darstellte, wie sie mich
auf ihren Armen trug. Einen Tag vor ihrem Tode,
so schrieb mir Arrigo, hatte sie ihn zu sich fordern
lassen, um ihm ein letztes Lebewohl zu sagen. Indeß
er war eben nur in ihr Krankenzimmer eingetreten, als
auch der Pater angemeldet und vorgelassen wurde. Bei
der Schwäche der Kranken hatte Arrigo nicht lange

11
neben ihr verweilen dürfen, aber mitten in seiner Trauer
um den nahen Verlust der ihm so werthen Fran, hatte
er an ihr eine ängstliche Unruhe bemerkt, die ihn ver-
muthen machen, daß sie ihm etwas anzuvertrauen ge-
wünscht, was auszusprechen die Anwesenheit des Paters
sie verhindert. Er hatte sie also ausdrücklich befragt,
ob sie ihm vielleicht einen Auftrag zu geben habe, und
sie hatte das verneint. Als er sich dann aber zu ihr
herabgebeugt, ihre Hand noch einmal zu erfassen, hatte
sie ein kleines, eng zusammengefalietes Blättchen in die
seine gleiten lassen, und ihn danach ruhig und gefaßt
scheiden sehen.
Noch heute trage ich dies Blatt Papier auf meinem
Herzen. Es hat mich die Bedeutung der Reliquien kennen
lehren; und obschon die Zeit die wenigen mit schwacher
Hand geschriebenen Worte fast erlöscht hat, stehen sie
vor meinen Auge heute noch ebenso deutlich wie an
jenem Tage da.
Wir hießen Dich den Willkommenen, mein Ben-
venuto! als Du uns geboren wurdest! lauteten die Worte.
Möge in dem Paradiese, in das ich durch des Heilands
und seiner gebenedeiten Mutter Fürsprache einzugehen
sehnlich hoffe, ich Dich einst als einen unserm Herrn und

1H
Heilande Willkonmenen wiedersehen. Die heiligste Gottes-
Mutter sei mit Dir, wie das Dich segnende Gebet der
Mutter, die Dir das Leben gab. Sie fieht Dich an,
es würdig und zu Gottes Ehren zu gebrauchen und
Deine Seele zu erlösen durch Gebet und Buße. Dem
Freunde, der Dir ein zweiter Vater wurde, habe ich mein
Bildniß hinterlassen, damit es später Dir verbleibe,
Dich an Deine Mutter zu erinnern. Und somit segne
Dich unser Herr Jesus Christus!
Die ganze Liebe meiner Mutter und die tyrannische
Gewalt, unter welcher der eiserne Wille des Paters sie
zu bannen gewußt hatte, sprachen auus diesen Zeilen;
aber sie sezten mich, den von seinem müiterlichen Hab
und Gut Enterbten, in das volle Erbe ihrer Liebe wieder
ein, und gaben mir die Beruhiguung und den tröstenden
Halt, deren ich bedurfte.
Unter dem Eindruck und der Nachwirkung des eben
erlittenen Verlustes kam ich nach dem lebenslustigen,
freudestrahlenden Paris, und wie das Leben in England
mich von Anfang an für sich eingenommen und mir
Theilnahme und Vorliebe für das Land und für das
Volk eingeflößt hatte, so wirkte die helle, vielgestaltete
und vielfarbige Frdhlichkeit der franzdsischen Hauptstadt

143
zuerst fast abstoßend, oder doch wenigstenö verstimmend
und niederschlagend auf mich ein.
In England hatte ich in den Besitzern von ver-
schiedenen meiner Arbeiien Bekannte vorgefunden, und
war nach der gastlichen Landessitie rasch in das mir
völlig fremde und mich doch anmuthende Familienleben
des reichen Bürgerstandes und des grundbesizenden Adels
aufgenommen worden. In Paris war ich ein Fremder,
und in meiner Traurigkeit nur wenig dazu gemacht, die
Empfehlungsbriefe zu benutzen, mit welchen Arrigo's
Freundschaft mich versehen hatte.
Wenn ich in England einsam in den buschigen
Wiesen und in den schattigen, wasserreichen Thälern des
Landes umhergewandert war, hatte ich mich nicht allein
gefühlt, denn in der freien Natur ist ein Jeder, der
Empfindung für sie hat, in seiner Heimath. Aber
wenn auf den Pariser Boulevards die genuußsuchende
Menschenmenge mich umwogte, wenn am Abende die
Ströme von Licht aus den Tausenden von Magaginen,
aus den Kaffeehäusern und den Vorhallen der Theater
mich umflutheten, so wendeten sich, ohne daß ich's wollte,
meine Gedanken von der lauten, hellen Fröhlichkeit nach
jenem engen, stillen Platze hin, auf welchem die dunklen

14
Steingewölbe meines Vaterhauses sich erhoben. Mit
einem Schmerz und einem Heimweh, wie ich sie noch
nicht gekannt hatte, dachte ich des Greises, der dort in
schweigender Verlassenheit, habsüchtiger Priesterherrschaft
anheimgefallen, seinen letzten Sohn von sich gewiesen
hatte, den Einzigen, der ehrlich und von Herzen mit
ihm trauerte um die Gattin und die Söhne, welche er
verloren hatte.
Ich war nach Paris gegangen, um dort jene Studien
nachzuholen, welche gewissenhaft zu betreiben, mein
rasches und erfolgreiches Vorwärtskommen mich bisher
gehindert hatte, während ich doch selber fühlte, daß sie
mir unentbehrlich waren. Ich wollte einen gründlichen
Eursus der Anatomie durchmachen, die Geschichte der
Kunst studiren, und nachdem ich in Rom sehr vorzeitig
als fertiger Meister aufgetreten und gefeiert worden war,
wieder in Zurückgezogenheit mir selber und meinen Ein-
gebungen folgend, das allein fördersame, ruhig schaffende
Leben eines unbekannten Künstlers führen.
Eine Werkstatt in einem der stillen Stadttheile war
bald gefunden. Niemand kannte mich dort, Niemand
beachtete mich außer den Künstlern, die gleich mir in
dieser Gegend wohnten und mit denen ich zu Mittag

14k
speiste. Es war das erste Mal, daß ich auf solche
Weise ausschließlich als Künstler unter Künstlern lebte,
und ich fand daran ein ungekanntes Wohlgefallen.
In Rom hatte ich immer meine Ausnahmsstellung
eingenommen. Ich war für die heimischen Künstler
stets der Marchese Armero geblieben, und in den mir
angestammten Umgangs - Kreisen hatte es mich aus-
gezeichnet, daß ich ein Küinstler war. In England
waren meine Adelstitel und mein Künstlername mir
gleichmäßig zu Gute gekommen; in Paris aber, unter
der großen Anzahl der dort studirenden fremden Künstler,
erregte der Einzelne nicht leicht die Neugier der Per-
sonen, mit welchen sein tägliches Leben ihn in Berührung
brachte. Ich war ihnen eben ein Jtaliener, ein Bild-
hauer und Nichts mehr. Man war mir bereitwillig
zur Hand, wo ich für meine ersten Einrichtungen des
Raths bedurfte, man ließ mich gehen, wo ich ihn nicht
forderte. Man war es gern zufrieden, wenn ich mich
der leichtlebigen und höflichen Geselligkeit, in der man
sich ohne allen Zwang hewegte, auf meine Weise an-
schloß, aber man -suchte mich nicht besonders auf, Nie-
mand fragte mich um das, was ich von mir nicht
selber sagte. Wie verschieden sie auch von einander
F. Lewald, Benvenuto. l.

16
waren, schienen die Künstler doch Alle nur dem Augen-
blick zu leben, und wenn der Ehrgeiz auch in ihnen
brannte und sie vorwärts trieb, wenn Manchen heim-
liche Sorge bedrückte oder der Sturm der Leidenschaften ihm
das Herz durchtobte, ward davon nur wenig auf der
Oberfüäche sichtbar. Jeder benutzte auf seine Weise die
in Frankreich herrschende Freiheit der Sitte und des
Verkehrs. Man lebte, man kleidete sich nach eigenem
Ermessen und nach der emsigen und ernsten Tagesarbeit,
wie im Fluge hinschwärmend durch die Genisse, die sich
von allen Seiten boten, wußte man sich etwas damit,
nirgends gefestet, und wie der Zigeuner überall zu Hause,
in stack bemessener Willklr nach allen Richtungen bis
an die äußerste Grenze des Erlaubten vorzuschreiten.
Man nannte sich in der That nach den Zigeunern,
l Bohöme, und nicht nur die bildenden Künstler, auch
die jüngeren unter den Dichtern, Musikern und Bühnen-
künstlern hielten sich zu dem schwungvoll bewegten
Kreise; und wieder einmal hatte ich es zu empfinden,
wie fördersam und fruchtbringend der Verkehr mit Kunst-
genossen für den Künstler wird.
Ich war nach den Erlebnissen, die hinter mir
lagen und nach dem schmerzlichen Verluste, den ich eben

1?
erst überstanden hatte, wenig geeignet, mich rasch in die
mich umgebende Lebenslust hineinzufinden; ich war im
Grunde auch weit älter als meine Jahre, da eine fröh-
liche Jugend mir nie zu Theil geworden war. Aus
der quälerischen Zucht meines Jesuiten war ich in
den engen und vertrauten Verkehr mit meinem edeln
Freunde gezogen worden; und ehe ich selber noch das
Leben und die Menschen kannte, hatten seine genaue
Kenntniß und seine weltmännische Geringschätzung der-
selben, mir viel von jener Ursprünglichkeit und jenem
beglltckenden Glauben und Vertrauen zu den Menschen
und an die Welt geraubt, in denen das große aber
freilich vergängliche Gllck der Jugend beruht, das man
aber gekannt haben muß, um sich seiner Jugend gern zu
erinnern.
Eine geraume Zeit hindurch blickte ich auf die
Gesellschaft, in welcher ich in Frankreich lebte, mit dem
wohlgefälligen Erstaunen hin, mit welchem der Zuschauer
einem ungewohnten, eigenartigen Schauspiel beiwohnt.
Indeß der rasche Austausch der Gedanken, die schnellen
und oft wie mit einem Schlage den Zweifel über-
windenden Einfälle, beschleunigten mein eigenes Denken.
Die immer wiederholte Gelegenheit, das Auge an den
1

148
werdenden Werken der neuen Kunst zu üben, schärfte
mein Urtheil und ggh mir neue Maßstäbe; aber während
ich unter den fröhlichen Genossen mich allmälig wieder
jnger und wie neugeboren fühlen lernte, tauchte trotz-
dem in all dem bunten Treiben und in der strahlen-
den Herrlichkeit des lebendurchflutheten Paris, in über-
wältigender Majestät die Erinnerung an meine Vater-
stadt und mit derselben die höchste Bewunderung für
die Erhabenheit der antiken Kunst wieder in mir empor.
Und ich war nicht der Einzige, der also empfand.
Damals, in jenen Tagen war es, daß ich zuerst
mit unseren deutschen Freunden zusammeutraf und mit
ihnen, die bereits in Rom gewesen waren, in Neber-
einstimmung empfand und dachte. In der Malerei
hatten die Franzosen alle anderen Nationen überholt
und die Maler aller Nationen hatten von ihnen zu
lernen. In der Saulptur schienen sie mir dagegen hinter
demjenigen weit zurückgeblieben, was einst Jean Goujon
und Le Puget geleistet, und was nach ihnen noch Pigalle
und Houdon für die französische Saulptur hatten er-
warten lassen. Canova's weichlicher Styl war, weil er
sich an die glatte Oberfläche haltend, am Leichtesten
nachzuahmen war, auch in Frankreich zur Herrschaft

19
gelangt, und Diejenigen, welche dem oppositionellen
Sinne von David dAngers folgend, zu der Darstellungs-
weise von Le Puget zurückkehren zu wollen schienen,
waren in eine Unruhe und Gewaltsamkeit verfallen,
welche dem Wesen der Plastik entschieden widersprachen
und den Adel und das Insichberuhen der antiken
Sculptur nur um so unwiderleglicher als die einzig
zu erstrebenden Vorbilder erscheinen ließen.
Oft, wenn ich darüber nachsann, fiel es mir auf,
wie sonderbar mein Weg mich geführt hatte. Ich war
nach Frankreich gegangen, um unter Franzosen zu leben,
um die französischen Bildhauer zu studiren, und es
waren vornehmlich die dort lebenden deutschen Künstler,
welchen ich mich zugesellte, weil ich mit ihnen in der
Liebe für Italien und für meine Vaterstadt, in der un-
bedingten Bewunderung der Antike mich zusammenfand.
Aber auch in unserer Sinnesart zeigte sich eine Ver-
wandtschaft, und sie trafen ohne es zu wissen das
Richtige, wenn sie scherzend behaupteten, es müsse vor
alten Zeiten, vielleicht von irgend einer longobardischen
Aeltermutter her, deutsches Blut in meinen Adern fließen,
das mich zum Grübler mache, mich ihnen annähere,
und mich, so wie sie verhindere, gleich den Franzosen

15
völlig im Genuß des Augenblickes aufzugehen, wenn
schon derselbe uns bisweilen auch in seine Wirbel zog
und mehr als billig, mit sich fortriß.
Die Freundschaft, welche ich damals mit Adalbert
und Helmar schloß, war für mich ein Glück, und wenn
sie diese Blätter lesen, werden sie selber es am besten
wissen, wie viel ich ihnen danke.
Abalbert war um mehrere Jahre älter, Helmar
war jünger als ich. Beide waren sie bürgerlicher Her-
kunft, selbstgemachte Männer, wie der Engländer das-
nennt, und Beide Protestanten. Sie brachten Erinne-
rungen an ein beschränktes inniges Familienleben, an
beglückende, weil von der Familie getheiüte Sorgen und
Leiden mit. Ich sah bei ihren zufälligen Erzählungen
in eine bewußte Gesittung, in eine freiwillige Selbst-
beschränkung, in eine Welt voll Liebe, Treue, Pflicht-
gefühl hinein, die mir viel fremder war als Alles, was
mir in England und in Frankreich auf der Oberfläche
des Lebens, fremd begegnet war. Dazu waren sie groß
gczogen in der Kenntniß und in dem Verständniß einer
idealistischen tiefsinnigen Literatur, an der sie mit solcher
Vorliebe hingen, daß ihre Vaterlandsliebe aus ihr immer
neue Nahrung schöpfte, und daß sie mich endlich dahin

15
brachten, mir einen deutschen Lehrer anzunehmen, um
ihre Sprache zu studiren, um die Werke ihrer Denker
und Dichter kennen, und ihre melodischen Lieder singen
zu lernen.
Was ich dem Studium Winkelmanns und Lessings,
was ich der Vertrautheit mit Göthe und Schiller schul-
dig geworden bin, das brauche ich Ihnen Allen, denen
die Verehrung Ihrer Klassiker ein Cultus ist, und die
Sie mich ja kennen, nicht zu sagen. Sie wurden mir
zu lauter neuen Offenbarungen, und sie lösten mir auch
das Geheimniß in der eigenen Brust.
Ich verzweifelte nicht mehr an mir selber, wenn
ich mir im Schaffen nicht genügte, wenn mein Können
und mein Wollen sich nicht deckten, wenn ich hinter
meinem Ideale weit zurückblieb. -- Sie trieben mich
an, mich in mir selber zu versenken, mit größerer Hin-
gebung an mein Werk zu gehen, dem Idealen unablässig
nachzustreben, und in dem ernsten, geduldigen Vorwärts-
gehen auf dem erkannten Wege, Befriedigung zu finden.
Sie machten mich sehnsüchtig nach dem unschuldsvollen
Liebesglück, das sie in ihren Liedern priesen, nach der
verständnißvoll getheilten Liebe, nach der Treue sonder
Wank. Sie gaben mir die Jugend des Herzens zurück!

Und wie der Wüstenwanderer sein Auge sehnsüchtig auf
die Spiegelbilder der kata morgsme richtet, so dachte
ich oftmals, wenn ich die deutschen Dichter las, an ein
Liebes- und Eheglück, das ich in meiner Heimath und
innerhalb der Lebensbereiche, in denen ich geboren
worden war, zu finden keine Aussicht hatte.