Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 10

Iehntes Capilel.

Pe volle Jahre blieb ich in Paris. Was ich
in jener Zeit geschaffen, das haben Sie, wenigstens in
den Abgüssen und Hilfsmodellen gesehen, als Sie mich
in Rom zuerst in meinem Atelier besuchten, und ich
glaube, daß der lange Aufenthalt in Paris und jene
ernste Arbeitszeit nicht ohne Nutzen für mich gewesen sind.
Ueber meine Erlebnisse in jenen Jahren gehe ich
hinweg. Ich habe kein Bedenken getragen, Ihnen und
den Freunden von den Leidenschaften und Irrthümern
meiner frühen Jugend mit aller Offenheit zu sprechen,
weil sie meine künstlerische Laufbahn wesentlich beein-
flußten. Was darauf folgte, war wenig unterschieden
von den Herzensangelegenheiten und Abenteuern, deren die
Mehrzahl der Männer sich je nach dem, mit Vergnügen
oder mit Reue zu erinnern hat.

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Keine der Frauen, die ich in Frankreich kennen
lernte, hatte mich dauernd festgehalten, mich voll und
ganz beschäftigt. Ich galt ihnen für wankelmüthig und
für treulos, während ich mich anklagte, immer noch von
dem Reiz der äußeren Schönheit geblendet, hinter ihr
auch die entsprechende geistige Schönheit zu suchen und
zu erwarten, die ihr oft genug gebricht; und während
meine Freunde mir den Antheil neideten, den die Frauen
an mir nahmen, weil meine rasche Empfänglichkeit ihnen
schmeichelte und wohlgefiel, fing ich an, geringer von
ihrem Werth zu denken, ohne sie deshalb weniger zu
suchen und zu umwerben. Die Frauen' und ich spielten
mit einander oft ein frohes Spiel, aber ich ward all-
mälig des Spielens wie des Spielzeuges müde und es
freute mich nicht mehr.
So nahte sich das vierte Jahr meines Aufenthalts
in Frankreich seinem Ende. Mit Monsignore Arrigo
war ich in ununterbrochenem Verkehr geblieben, mein
Vater aber hatte alle meine Versuche, mich ihm wieder
anzunähern, vollständig unbeachtet gelassen.
Seine Sinnesart hatte sich noch mehr verdüstert,
seit der freundliche Einflüß meiner Mutter ihm nicht
mehr zur Seite stand. Die Gesellschaft seines in der

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Schule der Jesuiten zu gänzlicher Willenlosigkeit herab-
gedrückten Neffen war ihm bald zur Last geworden. Er
hatte ihn deshalb in seine Familie zurückgeschickt und
von der Adoption, deren gesetzliche Schwierigkeiten mein
Vater ebensogut als Pater Cyrillus gekannt, war zu-
nächst die Rede nicht gewesen. Niemand aber hatie
weniger Ursache gehabt, sie zu betreiben, als eben der
Pater, der sie nach Arrigo's und nach meiner Ueber-
Zeugung auch nur vorgeschlagen hatte, weil er in dem
Augenblickedes Zerwürfnisses mit mir, den Gedanken meines
Vaters eine Ableitung zu geben gewünscht, während er
mit Sicherheit vorausgesehen hatte, daß mein Vater
eben an diesem Neffen kein Gefallen finden, und auch
der Marchese ihn nicht zum Gatten für seine Tochter
wählen würde, wie er dieselbe denn auch anderweit ver-
heirathet hatte.
Der Pater war inzwischen in seinem Orden zu
immer höherer Bedeutung emporgestiegen. Er galt für
einen Vertrauten des Generals, hatte überall einen
wesentlichen Einsluß, und in der Gesellschaft nahm man
es als festbehend an, daß das rasche Emporkommen
von Donna Carolina's Neffen, ihrer vertrauten Freund-
schaft mit dem Pater zuzuschreiben sei. In meines

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Vaters Hause war er fast der alleinige Gast. Er
war auch fast immer der Begleiter des Grafen, wen
derselbe an jedem Tage um die gleiche Stunde nach der
Kirche fuhr, das Fortschreiten des Kapellen -Baues zu
beaugenscheinigen.
In der Mitte des Sommers stellte man die letzten
Verzierungen an der Kapelle her. Ihre Vollendung und
Ausschmückung waren fr den Grafen der Gegenstand
jeines lebhaftesten Interesses geworden. Er hatte selbst
Alles auf da Genaueste überwacht und ausgewählt:
die Bilder, welche sie zieren sollten, wie die Art der
Silbergeräthschaften für den Altar, sögar die Stickereien
der Altardecke und des Teppichs; und es war von ihm
beschlossen worden, am Tage des heiligen Ignatius von
Loyola, der auch sein Namenstag und zugleich der Tag
war, an welchem er sein achtzigstes Jahr vollendete, die
Kapelle weihen, und die Leichen seiner Gattin, seiner
Söhne und seines Enkels in dieselbe überführen zu
lassen.
Alles war seit Wochen und Monaten für diese
Geremonie vorbereitet worden. Der Graf zeigte sich
geneigt, bei diesem Anlaß noch einmal den Glanz und
den Reichthum seines Hauses zu entfalten, und bei

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einer feierlichen Frühstücksmahlzeit die Gllcwünsche der-
jenigen Personen entgegenzunehmen, welche er zu der
Einweihungsceremonie einzuladen dachte.
. Arm an wechselnden Vergnügungen, aber desto
reicher an einer müßigen Gesellschaft aus allen Ländern
der Welt, wie Rom es stets zu sein pflegte, war das
Begehren, von dem Grafen zu diesen Feierlichkeiten ein-
geladen zu werden, unter den Einheimischen wie unter
den Fremden ein sehr großes. - Donna Carolina,
welche in dem Hause meines Vaters an dem Tage die
Gäste empfangen und begrüßen sollte, zeigte sich hoch-
erfreut über die ihr zugedachte Ehre und über die
Mdglichkeit, Gunst zu gewähren, wo es ihr beliebte,
und Zurückweisung zu üben, wo sie es für gut fand,
ihren Abneigungen einen schweigenden Ausdruck zu
geben.
Sie war in beständigem Briefwechsel mit' den
Fremden und mit der befreundeten heimischen Aristokratie,
welche Alle zu dem Tage eigens von ihren Villeggiaturen
nach Rom zu kommen dachten. Sie fand sich, was
sonst nicht der Fall gewesen war, fast an jedem Tage
in dem Palast meines Vaters ein. Aber sie sowohl, als
der Pater bekundeten gegen die Außenstehenden eine so

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agstliche Sorgfalt um das Befinden desselben, sprachen
mit solchen Bedenken davon, ob der Graf auch im
Stande sein würde, die Ermüdung zu ertragen, welche
der Einweihungstag ihm auferlegen mußte, und welche
Folgen sie für ihn haben könnte, daß man sich unwill-
kürlich zu der Frage hingedrängt fand, weshalb zwei so
besorgte Freunde den Greis nicht von einem Vorhaben
abzubringen trachteten, das durchzuführen über seine
Kräfte gehen konnte.
Aber nicht nur in der vornehmen Welt beschäftigte
mgn sich mit der Grabkapelle der Armero, auch das
Volk war darauf gestellt, die Procession, zu sehen, mit
welcher der weihende Bischof, oder gar am Ende der
Papst in Person, sich zu dem feierlichen Acte hinbegeben
würde. Dazwischen tauchte in der Stadt immer leb-
hafter das Gerücht auf, Graf Armero habe seinen ganzen
bedeutenden Besiz dem Orden der Jesuiten verschrieben,
und werde an dem Tage nach der Einweihung in den
Orden eintreten, um die ihm noch gegönnten Lebenstage.
in einem ihrer Klöster beschaulich zu verleben.
Meiner gedachte man dabei wohl hier und da mit
F Bedauern, indeß die vorsichtigen Mahnuungen an mich;
sIgggsche von Seiten seiner Standesgenossen gelegentlich an

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meinen Vater herangekommen waren, hatte sein Stolz
als eine Anmaßung kalt zurückgewiesen; und wie meine
rdmischen Kunstgenossen und jene Leute, die ich beschäftigt,
oder die sonst mit mir zu thun gehabt hatten, es be-
klagten, daß die Habgier der Pfaffen ernten wüäde, was
man dem letzten Sprossen eines edeln Geschlechts ent-
ziehe, das kam nicht zu meines Vaters Ohren. Ich
selber war schließlich froh, wenn Arrigo meiner voraus-
sichtüchen Enterbung gar nicht weiter gegen mich er-
wähnte, da dieselbe zu Gunsten der Kirche viel leichter
als zum Besten eines Blutsverwandten auszuführen war,
und die unter den obwaltenden Umständen zu hindern
mir die Mdglichkeit gebrach.
Ich hatte mich in den Jahren, welche ich in
Frankreich zugebracht, ganz und gar daran gewöhnt,
ein Künstlerleben zu führen, ein Künstler zu ssin und
nichts Anderes vorzustellen. Ich hatte daneben einen
reichlichen Erwerb, und wäre es nicht der Schmerz ge-
wesen, dem kein Mensch entgeht, wenn sich die Liebe
seines Vaters ihm entzieht, so hätte ich mich ebenso
freien und frohen Muthes gefühlt, wie in den Tagen,
in welchen meine Brüder und mein Neffe noch zwischen
mir und dem Familienerbe gestanden hatten. Indeß
F. Lewald, Benwenuto. N.

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Arrigos Freundschaft für mich und sein tiefer Wider-
wille gegen jene Art von Priesterherrschaft, von welcher
Pater Cyrillus in unserer Familie das Beispiel gab,
ließen ihn nicht einen müßigen Zuschauer bei dem
Ereigniß bleiben, das sich in meinem Vaterhause vor-
bereitete.
Je näher der Tag der Kapellen-Weihung heran-
rückte, um so häufiger hörte er von dem schlechten Be-
finden meines Vaters, von den bedenklichen Zufällen
sprechen, denen derselbe unterworfen sei. Daneben wollte
man selbst in geistlichen Kreisen mit völliger Bestimmt-
heit wissen, daß er die Schenkungen an den Orden be-
reits vollzogen habe, und daß er zu diesem Entschlusse
gekommen sei, weil sich ihm Vermuthungen, die er von jeher
über meine Geburt gehegt hätte, zu der Zeit, in welcher
seine Gattin gestorben war, zur Gewißheit erhoben hätten.
Mit derselben Geschicklichkeit,mitwelcher die Urheberdes Ge-
rüchtes sich verbargen, braehte man Arrigo's großmüthige
Freundschaft für mich, das Verlangen meiner Mutter, ihn
noch einmal vor ihrem Tode wiederzusehen und das
Vermächtniß des Bildes, welches sie und mich zusammen
darstellte, mit einander in Verbindung. Man ging
endlich so weit, zu behaupten, daß die für mich seiner

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Zeit beabsichtigt gewesene Heirath mit der Tochter des
Marquis, sich aus dem gleichen Grunde zerschlagen
hätte, und daß der Beginn von meineä Vaters finsterer
und der Welt abgewendeter Stimmung, auf den Zeit-
punkt zurüczuführen sei, in welchem er die unwider-
leglichen Beweise von dem Verrath Arrigo's und von
der Untreue seiner Gattin erhalten habe.
Arrigo besaß die Geringschätzung gegen das Urtheil
der Meuschen, welche mnan gewinnt, wenn man erfahren
hat, durch welche elende Mittel es zu bestimmen, zu
verwirren und zu beherrschen ist, und wie bequem die
Schlechten es finden, an das Niedrige und Schlechte,
besonderä in den Fällen zu glauben, in welchen es
einem Menschen angedichtet wird, den sie bis dahin über
sich zu stellen und widerwillig zu verehren hatten. Er
war mit großer Unbekümmerniß durch sein Leben ge-
gangen, aber die Gerüchte, welche man jetzt plötzlich in
der Gesellschaft gegen die Ehre meiner Mutter in Um-
lauf setzte, und die zugleich auch seine Ehre und meine
rechtmäßige Geburt verdächtigten, mußßten nothwendig
seinen Zorn und seine Empörung erregen. Neber die
Quelle, auf welche er den Ursprung jener Verleumdungen
zurückhuführen hatte, konnte sein Scharfsinn natürlich
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nicht im Zweifel sein. Und weil er sie kannte, ver-
schmähte er es, sich an die Urheber der auf die öffent-
liche Meinung wohl berechneten Verleumdung zu wenden,
sondern fuhr geraden Wegs zu meinem Vater, obschon
seine letzten Besuche bei demselben von dem Thürsteher
mit dem Bemerken abgewiesen worden waren, daß
Krankheit den Grafen hindere, Jemanden, wer es auch
sei, zu empfangen und zu sprechen.
Auch an dem Morgen versuchte man es, die er-
haltenen Befehle vorschützend, Arrigo abzuweisen, indeß
derselbe bestand darauf, zu dem Grafen geführt zu
werden, und erlangte denn auch seinen Einlaß.
Der Graf empfing ihn kalt und fremd. Er war
jedoch so wohl bei Kräften, als man es bei einem so
hohen Alter nur irgend fordern konnte, und ungebrochenen
Geistes, wenn auch schroff und finster.
Was an dem Tage in der langen Unterredung
zwischen den beiden Greisen vorgegangen und verhandelt
worden ist, das ist geheim geblieben zwischen ihnen.
Ich aber befand mich am Morgen des fünfundzwanzigsten
Julius in meiner Werkstatt ruhig bei der Arbeit, als
ein Brief mir ausgehändigt wurde, der durch eine
Estafette nach Paris gesendet worden war.

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Er enthielt Nichts als die von Arrigo's Hand
geschriebenen Worte: Angesichts dieses Blattes mache
Dich auf und kehre ohne eine Stunde zu verlieren, heim.
Sichere Deine Ankunft auf jede Weise und steige wie
immer bei mir ab. Dein Vater befindet sich gut.
Dem Briefe mehr als dieses zu vertrauen, hatte
Arrigo bei seiner Kenntniß der römischen Postverwaltung
nicht gewagt, und daß ich kommen würde, wenn er
mich kommen hieß, dessen hatte er sich versichert halten
dürfen. Dazu konnte ich berechnen, daß ich, wenn ich
der erhaltenen Weisung folgte, eben noch am Vorabende
der Kapellen-Weihung meine Vaterstadt erreichen würde;
und um dem Nathe meines Freundes zu entsprechen,
der mir angedeutet, daß ich meine Ankunft geheim zu
halten habe, vermochte ich Adalbert, die Neise mit mir
zu machen, sich von der preußischen Gesandtschaft, in welcher
er bekannt war, für sich und einen Diener einen Paß
geben zu lassen, und mich als solchen über die Grenze
und in Monsignore Arrigo's Haus zu schaffen.
Noch an dem nämlichen Abende, an welchem die
Estafette mich erreicht hatte, fuhr ich aus den Mauern
von Paris dem Süden und der lang entbehrten Heimath
Zu; und am Vorabend des Festes trat ich, da die Sonne

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schon zur Rüste gegangen war, in das Zimmer meines
Freundes ein.
Sein Haar war völlig weiß geworden in den
Jahren, aber sein Greisenantliz war noch immer schön.
Seine großen Augen leuchteten noch in dem alten Feuer,
und mir mit froher Neberraschung die Hände entgegen
reichend, rief er: Willkommen, Du Willkommener, und
nicht allein für mich, und nicht allein in diesem meinem
Hause! Es geschehen noch Wunder in der Welt, wenn
man ihnen nur die Wege bahnt, sich kundzugeben! -
Damit trat er rasch an seinen Schreibtisch, warf ein
paar Worte auf ein Blatt Papier, das er seinem
Diener zur sofortigen Besorgung an den Grafen von
Armero übergab.
Ich verstand nicht, was ich sah und hörte, ich
mußte wirklich an ein geschehenes Wunder glauben und
ich sprach das aus. Aber Arrigo ließ sich auf keine
Auseinandersetzung ein, und schön in seiner Herzensfreude
rief er: Spiele nicht den Thomas, den Ungläubigen!
dann, auf das Bildniß meiner Mutter hindeutend,
das die Hauptwand seines Zimmers schmückte, setzte er
hinzu, indem er mich vor dasselbe hinführte, das ist
die Heilige, die mir das Wunder hat vollführen helfeü.

1?
Deine Mutter ist's und Deines Vaters Liebe und Ver-
ehrung für ihr heiliges Gedächtniß, die uns zum Siege
füühren, und die endlich wenigstens in Eurem Hause
das stolze in hoe signo der Allmächtigen zu Schanden
machen werden.