Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 11

Pee fßen ln ebhaftem Gespräche bei der Mah -
zeit noch beisammen, als der von Arrigo abgesendete
Diener die Antwort meines Vaters . überbrachte.
Sagen Sie meinem Sohne, hatte er geschrieben,
daß ich morgen kommen werde, ihn zu der Feierlichkeit
mit mir zu nehmen; und ersuchen Sie ihn bis dahin
wie wir es verabredet haben, Ihr Haus nicht zu ver-
lassen.
Die Neberraschungen wurden für mich immer
größer, die Näthsel häuften sich. Daß mein Vater
mich nicht zu sich beschied, daß er mich in Arrigo's
Haus aufsuchen wollte, war mir unbegreiflich; und wie
Arrigo sich auch darin behagte, mich unter lauter
Wundern umhergehen zu sehen, mußte er sich endlich
doch dazu bequemen, mir sie zu deuten, damit ich mich

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in den Wandlungen zurechtfinden lernte, von denen ich
mich hier umgeben sah und die, wenn man das Ge-
schehene und den Character meines Vaters in Erwägung
zog, doch sehr erklärlich wurden.
Stolz auf den Namen, den er trug, und gehoben
von dem Bewußtsein der eigenen Ehrenhaftigkeit, hatte
er von je kein anderes Ziel gekannt, als die Erhaltung
seines Stammes und die Erhöhung des Ansehens und
des Reichthums seiner Nachkommen. Diesem Verlangen
hatte jede weichere Empfindung in ihm nachgestanden,
diesem Ziele hatte er ohne Rücksicht auf das Wünschen
oder Wollen der Seinen zugestrebt. Nicht abzugehen
von seinen Vorsätzen hatte er sich gern berühmt, und
er hatte es nicht verschmerzen, es mir und auch Arrigo
und meiner Mutter nie vergessen können, daß er sich
um meinetwillen von seinen Planen, von seinen An-
sichten über dasjenige hatte abwendig machen lassen,
was einem Mitgliede seines Hauses zustehe und was
aicht. Zum: ersten Male hatte er sich nach seiner
Meinung einer Schwäche, eines Fehlers anzuklagen ge-
habt, weil er meiner Neigung nachgegeben hatte. AlS dann
nach dem Tode seiner älteren Söhne und seines Enkels
Niemand von seinem Geschlechte ihm mehr geblieben war

als eben ich, dem er die Möglichkeit gegeben, abzufallen
von den Traditionen der Armero's und den Namen
derselben, wie mein Vater es bezeichnete, durch Lohn-
arbeit zu schänden, da hatte jene Unzufriedenheit, die er
gegen sich selbst gefühlt, sich in eine bittere Reue um-
gewandelt, die Pater Cyrillus vorsichtig und doch mit
sicherer Hand zu nutzen verstanden hatte.
Zwischen meinem Vater und meiner Mutter an-
scheinend zu meinen Gunsten vermittelnd, hatte er ein
Doppelspiel gewagt, das meiner Mutter arglose Fröm-
migkeit und meines Vaters Bedürfniß, seinen Willen in
seinem Hause aufrecht zu erhalten, ihm erleichtert hatten.
Und nach meiner armen Mutter Tode von Erfolg zu
Erfolg fortschreitend, hatte Cyrillus in der össentlichen
Meinung endlich Alles darauf vorbereitet, meine völlige
Enterbung dereinst nicht auffallend, ja als eine berech-
tigte erscheinen zu lassen, während die Zurückgezogenheit,
in welcher mein Vater lebte, die Gerüchte von seiner
Bekehrung zu strenger Kirchlichkeit, und den Glauben an
seine körperliche Schwäche derartig genährt hatten, daß
man seinem allmäligen Absterben entgegensah, und
Niemand es vermuthen konnte, wie in dem Greise die
einst so mächtige Kraft noch keineswegs erloschen war,


und wie in ihm der Lebensfunke nur angefacht zu werden
brauchte, um noch zu heller Flamme auflodern zu
kdnnen.
Die ganzen langen Jahre hatte er dagesessen in
der Verdüsterung seines Sinnes, dem Himmel grollend,
der ihm sein Gliick und seine Hoffnungen zerstört. Jede
Stunde des Tages und der Nacht hatte ihm die Vor-
stellung vergällt, das stolze Erbe seines Hauses mittel-
losen Seitewverwandten hinterlassen zu sollen, die er
gering achtete, oder es in die Hände der Kirche über-
gehen zu sehen. Er haßte deshalb jene Anverwandten.
Auch den Orden Jesu, den er einst hochgehalten hatte,
fing er an zu hassen, und nicht minder den Priester,
der als des Ordens beflissenster Diener, sich neben ihm
eingenistet und eine Gewalt über ihn gewonnen hatte,
die er mit Grimm empfand und der er sich zu entziehen
doch nicht mehr vermochte. Er haßte endlich auch mich,
der sich ihm nicht gefügt, und zulezt sich selber, weil
er mich früh aus seiner Hand und der Führung eines
Anderen übergeben hatte.
In bitterem Lebensüberdruß hatte er sich hinsterben
Lassen, bis Arrigo's Ankuf ihn plözlich aufgeschreckt und
ihn gezwungen hatte, noch einmal einzutreten für seines

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Hauses Ehre, für den guten Namen seiner verstorbenen
Gattin, der Mutter seiner Kinder; und einmal auf diesen
Weg gelangt, hatte das tief gekränkte Herz des Greises
mit wahrer Wollust sich der Aussicht hingegeben, die
Fäden, mit welchen man in Arglist ihn umsponnen hatte,
gewaltsam zu zerreißen.
Mit derselben Behuthsamkeit und Umsicht, mit
welcher Pater Cyrillus ihn zu umgarnen verstanden,
hatte mein Vater getrachtet, keinen Argwohn gegen sich
in dem Pater Cyrillus aufkommen zu lassen, um die
Machinationen desselben in der rechten Stunde plözlich
und unerwartet vernichten zu können. Dem schleichenden
Schritt der Pfaffen wollte er mit dem festen Tritt des
Edelmannes begegnen, der sich noch Manns genng emt-
pfindet, Herr zu bleiben in dem eigenen Hause und es
forterben zu lassen in dem eigenen Geschlecht.
Mir zu verzeihen und mir nachzugeben, hätte mein
Vater aus freiem Antriebe sich wahrscheinlich nie ent-
schlossen. Aber daß die Umstände, daß freude Ver-
messenheit ihn zwangen, mir seine Hand zu reichen unt
seiner eigenen, wie um meiner Mutter und meiner Ehre
willen, das hatte er, ohne daß er's ausgesprochen, offenbar
als eine Befreiung für sich selbst empfunden. Mit neu

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belebtem Sinne hatte er mit Arrigo Edächtig Alles
vorbereitet, seinen Racheplan in einer Weise auszuführen,
welche ihn vor der Gesellschaft, der er angehörte, noch ein-
mal in seiner vollen Selbstherrlichkeit erscheinen ließ,
während er die zuversichtlichen Hoffnungen seiner heuch-
lerischen Freunde vor aller Welt Augen mit fester
Hand zu Boden schmetterte.
Ich brachte die Nacht fast schlaflos zu, und doch
war mir'S beständig wie in Träumen. Mein ganzes
Leben zog so deutlich an meinem Geiste vorüber, daß
ich es eben erst zu erleben meinte, und mir Alles wie
ein großes Ganze, wie eine überwältigende Hegenwart
erschien. Ich entsann mich jeder Einzelheit mit unge-
wohnter Klarheit, und es kam mir doch Alles fast un-
glaublich vor: mein langes Künstlerleben in Paris, wie
meine Heimkehr. Ich war an den Gedanken meiner
Enterbung so gleichmüthig gewöhnt gewesen, daß die
mir nun plötzlich wieder eröffnete Aussicht dereinst in
den Besiz des Majorats einzutreten, etwas Befremdliches
für mich besaß; und während mir die Ceremonie vor
Augen schwebte, durch die wir an dem folgenden Tage
zn gehen, und in welcher ich unfreiwillig eine Haupt-
rolle zu spielen hatte, dachte ich an mein Pariser


Atelier, an die Arbeiten, die ich dort begonnen, und an
die Nothwendigkeit, dorihin zurüchukehren.
Ich wunderte mich, wenn ich um mich schauend,
mich in Arrigo's Hause fand. Der Reihe nach zogen
sie' an nir vorüber, die Mitglieder der römischen Adels-
gesellschaft, in deren Mitte ich morgen als der will-
kommen geheißene verlorene Sohn erscheinen sollte. Ich
konnte die Sympathien berechnen, auf die ich hoffen
durfte, wie die Antipathien, welche ich bei allen Den-
jenigen zu erregen sicher war, die durch irgend ein
Interesse mit dem Orden zusammenhingen, dessen Nänke
ich durchkreuzte. Als athme ich sie mit der Lunge ein,
so lastend fühlte ich den geheimen Bann, die nie rastende
leberwachung, die engherzige, mißtrauische Herrschaft,
unter deren vielgestalteter finsterer Tyrannei man im
Kirchenstaate seufzte, und wie zur Rettung wendete mein
Auge sich nach der Seinestadt zurück; bis die beglückende
Empfindung, wieder in Rom, in meiner Heimath, in
der Stadt der Städte, der Versöhnung mit meinem
greisen Vater sicher zu sein, mir wie Sonnenschein die
Nacht erhellte und ihren Stunden Flügel lieh.
Und ein goldenes Sonnenlicht ergoß sich an dem
Morgen auch über die Höhen der Stadt und durch-
F. Lewalö Benvenuto. 1.

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fluthete ihre Straßen und ihre Plätze und glitzerte in
buntem Farbenschimmer in dem Wasserstrahle, den der
alte moosbewachsene Triton in Monsignore Arrigo's Hof
lustig in die Höhe blies, als meines Vaters schwerer
Galawagen über die Quadern rollte, und zu dem Auf-
gang vor der Wohnung anhielt.
Der Graf hatte gewünscht, daß ich ihm nicht ent-
gegenkommen, sondern in Arrigo's Zimmern ihn erwarten
möchte, weil er die Dienerschaft nicht zu Zeugen unseres
Wiedersehens machen wollte. Ich sah es also, wie die
alten Diener ihm aus dem Wagen halfen, sah, wie die
Jahre ihn gebeugt hatten, wie er sich auf den Krück-
stock stützte, Er, der es immer unmöglich genannt, sich
solcher Hilfe zu bedienen; und von Rührung, von Mit-
leid, von altgewohnter Liebe überwältigt, warf ich mich
in seine Arme, als die Diener die Thüren vor ihm
aufgethan hatten und endlich, nach Jahren der Trennung,
meines Vaters Augen wieder auf mir ruhten.
Gemach! gemach! Marchese! sagte er, das Alter
will sanfter angefaßt sein! aber es scheint mir, daß Du
wie wir Armero Alle, gut bei Kräften bist, und das
freut mich! Sei willkommen hier in Rom!
Seine Stimme drang mir freudig in das Herz,

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sie hatte noch den alten starken Klang. Da ich mich aber
niederbeugte, seine mager und knochig gewordene Hand
zu küssen, wie in den Tagen, die nicht mehr waren,
fühlte er, daß meine Augen überflossen, während er mir
seine Linke auf das Haupt legte.
Laß das, Marchese! laß das, mein Sohn! rief er,
mich nun auch umarmend; und sich zu Arrigo wendend,
in dessen edeln Zügen sich unsere Nührung widerspiegelte,
setzte er hinzu: Das Herz seiner Mutter! Er hat seiner
Mutter Herz! Er ist gefühlvoll! Sie haben Recht,
Arrigo, man muß Geduld haben und Nachsicht mit
ihm üben!
Er war während dessen vorwärts gegangen, und
als er Arrigo seine Hand hinreichte, war ihm der Stock
entglitten. Ich bückte mich, ihn aufzuheben, er schob
ihn mit dem Fuße weiter fort.
Bemüh' Dich nicht, sagte er, das ist jezt ein über-
flüssiges Ding! Du wirst ja künftig da sein, mir Deinen
Arm zu leihen, wenn ich ihn brauche! Aber ich fühle
mich heute gut! sehr gut! Ich denke, es soll noch lange
währen, ehe Du mich für immer nach der Kapelle bringft,
die selber für uns zu erbauen, Du verschmäht hast!
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Er hatte sich bis dahin geflissentlich in dem Tone
einer ihm von Natur fremden Heiterkeit erhalten, wie
es seine Art war, wenn er eine weiche Gemüthsbewegung
zu verbergen wünschte, und mit der ihm angeborenen
Großmuth sofort bemüht, mich den Vorwurf vergessen
zu machen, den er kaum absichtlich gegen mich erhoben,
trat er einen Schritt von mir zurück, musterte mich mit
festem Blicke und sagte dann: Wie er dem Aeltesten,
dem armnen Euilio, gleich geworden ist! Nur größer,
stattlicher, als Emilio es mit dreißig Jahren war.
Ein Armero von Kopf bis Fuß! und er kleidet ihn
gut, der Bart, den er al kraneeso trägt! -- Plözlich
hielt er inne, sah nach dem Bilde meiner Mutter hin-
über und verdeckte seine Augen mit der Hand.
Das währte jedoch nur einen Moment, dann richtete
er sich auf. zog die Ühr hervor und sagte: Arrigo, mein
Theurer! Benvenuto dankt Ihnen viel, sehr viel, und
so auch ich! Glauben Sie's, mein Freund, daß ich dies
lebhaft fühle! Aber es ist zehn Uhr und wir haben
keine Zeit mehr zu verlieren.
Arrigo schellte, die Diener brachten uns die Hüte,
er gab Befehl, die Wagen vorfahren zu lassen.
Deinen Arm, Marchese! sagte mein Vater, und

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mit dem Lächeln triumphirenden Spottes, dessen ich
mich aus seinen guten Tagen wohl entsann, setzte er
hinzu: Ich bin in Wahcheit sehr begierig, die Freude
zu sehen, welche die unerwartete Rückkehr meines Sohnes
dem braven Pater Cyrillus und unserer Freundin
Earolina heute bereiten wird. Vorwärts also, und in
die Kapelle!