Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 12

« Firche war von einer großen Menschenmenge
dicht umringt. Die Carabinieri, die den Dienst ver-
sahen und die Livrse des Grafen kannten, bahnten uns
den Weg.
Auch die Kirche war von Leuten voll. Die ge-
schicktesten Ausschmücker hatten das Mögliche gethan, sie
mit den schweren, golddurchwirkten Seidenstoffen, mit
Laubgewinden und vergoldeten Emblemen aller Art in
Farbenfülle aufzupuzen; und troz des hellen Tageslichtes
flammten überall die Kerzen, flimmerten die Glas-
behänge an den Kronen, die von den Decken niederhingen
und von den Wandleuchtern, die man an den Säulen
und Pfeilern angebracht hatte, wo es irgend zulässig
gewesen war. Der Duft des Weihrauchs. gemischt mit
dem Geruch der Kerzen und des frischen Laubes hatte
etwas Berauschendes, das Flüstern der Menge etwas

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Geheimnißvolles; und die leise an uns vorübergleitenden
Geistlichen drückten dem mir fremd gewordenen Bilde,
noch das eigentlich rdmische Gepräge auf.
Hinter den Broncegittern der neuen Kapelle, deren
Thüre ein Saeristan nur den Geladenen erschloß, hatten
dieselben sich dereits vollzählig eingefunden. Donna
Carolina in reichem Schmucke, noch immer eine Be-
wunderung fordernde Gestalt, hatte sich, da sie es über-
nommen, den weiblichen Gästen die Ehrenbezeugungen
zu machen, auf den Sitzreihen der Damen zunächst dem
Altar niedergelassen, und inmitten der anwesenden Geist-
lichkeit hatte Pater Cyrillus den ihm gebührenden Platz
eingenommen, die befriedigte Herrschsucht und den durch
sie genährten Ehrgeiz, hinter der ihm zur Natur ge-
wordenen demüthigen Haltung dem Unkundigen geschickt
verbergend.
Alle Blicke wendeten sich dem Eingange zu, als
mein Vater die Stufen zu der Kapelle mit gehobenem
Haupte, auf meinen Arm gestützt, festen Schrittes hin-
aufstieg. Ein unterdrückter und doch hörbarer Ausruf
des Erstaunens schlug an unser Ohr.
Der Graf! der Graf und der Marchese! - hörten
wir es hier und dort erklingen.

u?
Hier stand Einer auf, sich zu vergewissern, daß er
sich nicht täusche, dort erhob sich ein Anderer, meinem
Vater und mir in froher Neberraschung die Hand bieten
zu kommen. Das Aufsehen, das Erstaunen waren all-
gemein. Aber wie der Vorgang mich selber auch in
Anspruch nahm, ich sah den Blick, der von Donna
Carolina zu dem Pater schnell hinüberflog. Ich sah das
Antliz des Paters sich entfärben und seine schmalen
Lippen sich zusammenpressen, als müsse er gewaltsam
den Ausruf unterdrücken, den das Erschrecken ihm ent-
- locken wollte, und der sicher keinen Segenswunsch für
mich enthielt.
Und noch einmal öffnete sich die Eingangsthüre.
In der Kirche wie in der Kapelle beugten sich die Kniee,
senkten sich die Augen. Der Chor der Sänger intonirte
den Weihegesang, und während man die Reliquie voran-
trug, welche durch die Huld des Papstes der Kapelle
überwiesen worden war, schritt der Weihbischof, ein
stattliches Gefolge von Priestern hinter sich, zu dem
Altar, die Weihung zu vollziehen und die erste Messe
zu lesen für die Seelen derer, die jetzt ihre Ruhestätte
hier gefunden hatten.
Wie es während des Gottesdienstes in den Herzen

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der Anderen aussah, wage ich nicht zu sagen. Ich
fürchte, es wird von wahrer Andacht in ihnen nicht viel
zu finden gewesen sein, und auch meine Gedanken
schwärmten unruhig hin und her.
Ohne daß ich's wollte, betrachtete ich den Bau
und seine Ausschmückung. Ich dachte der Todten, deren
Büsten in den Nischen über ihren Sarkophagen standen.
Ich sah, wie meines Vaters Blick mit stolzer Energie
den Pater wieder und wieder suchte, und ich hatte eine
knstlerische Freude an dem Ausdruck verständnißvoller
Ruhe, den Cyrillus allmälig in allen seinen Mienen
zn zeigen, über sich gewann. Man hätte glauben sollen,
er sei in daä Geheinniß meiner Ankunft eingeweiht ge-
wesen, so freundlich blickte er mich an. Kaum aber waren
die lezten Accorde der Musik verstummt, die lezten Ge-
bete gesprochen und die Ceremonie beendet, als auch der
Pater, den höheren Würdenträgern, wie es sich gebührte,
den Vorrang lassend, die meinem Vater ihre Glück
wünsche zu des Baues Vollendung und zu meiner un-
erwarteten Heimkehr abstatteten, sich uns zu nähern
strebte. Indeß Donna Carolina kam ihm noch zuvor,
und von der Frauentribüne niedersteigend, rief sie,
meinem Vater rasch entgegengehend: Aber was haben

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Sie denn gemacht, Don Ignatio? Sie laden uns ein,
der Beisezung von Todten beizunsohnen, und wir haben
das unerwartete Vergnügen, die Auferstehung eines
Lebendigen in Ihrer Grabkapelle zu begehen. Wir kleiden
uns zu einer Trauerceremonie, man singt ein Requieu,
und wir kommen hier zu einem Freudenfest! Jn Wahr-
heit, Don Ignatio! Sie machen Ihre Freunde ganz
verwirrt!
Mein Vater konnte sich eines triumphirenden
Lächelns nicht erwehren. Sind Sie empfindlich, schöne
Freundin, sagte er, daß Ihnen ein alter Mann einmal
Ihr Vorrecht streitig macht, die Gesellschaft durch etwas
Unerwartetes zu überraschen? Verzeihen Sie es mir,
Carolina! Es wird meines Sohnes Pflicht sein, Sie zu
versöhnen; denn der Marchese bleibt in Rom und zwar
bei mir - und Sie waren ja immer seine Gönnerin
und Freundin.
Carolina hatte lange genug in der großen Welt
gelebt, um schnell ihre Fassung wieder zu gewinnen und
ihre Partie zu nehmen. Sie sprach mir mit heiterster
Lebendigkeit ihre große Zufriedenheit mit meinem Ent-
schlusse aus, und wir schüttelten einander wie in alter
Zeit die Hände. Sie betheuerte, daß ich ein sehr schöner

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Mann geworden sei, mein Vater nahm das als eine
Huldigung für seine Fämilie mit der erneuten Bemerkung
entgegen, ich hätte in der That den Kopf und die Haltung
der Armero; und währenddessen war auch Pater Cyrillus
bis zu uns herangekommen.
Willkommen! willkommen, Don Benvenuto! welch'
eine glückverheißende Wandlung erleben wir an diesem
Tage! sagte er, indem er die Augen mit ernstem Auf-
schlage erhob, so daß er dem Blick des Grafen auswich;
und wie würde erst die Frau Gräfin, die hier vor uns
ruht, die Stunde gesegnet haben, die den Sohn in's
Vaierhaus zurückgeführt hat. O, welch' ein Gllck
ist das!
Er bot mir seine Rechte; ich konnte mich jedoch
nicht überwinden, sie anzunehmen, und er ließ die Hand
sinken, als sei es eine absichtslose Bewegung gewesen,
die er vorher gemacht. Er fragte nach meinem Ergehen,
nach der Stunde meiner Ankunft. Er stimunte endlich,
da die kurzen Antworten, die er erhielt, ihm nicht
Anlaß zu längerem Gespräch boten, und er sich doch
vor den Leuten von dem ihm bis dahin so geneigten
Grafen nicht als einen Abgewiesenen zeigen wollte, in
Donna Carolina's wiederholten Ausruf über meine Aehn-

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lichkeit mit meinem Vater ein, und nuun hielt der Graf
sich länger nicht.
Die Last der Jahre hatte seinen Rücken gebeugt,
aber er hob den mächtigen Kopf doch noch fest empor,
wemn ihm die Kraft seines Zornes zu Hülfe kam, und
seine Hand auf des Paters Schulter legend, daß er den
Druck derselben fühlen mußte, rief er: Nicht wahr, nicht
wahr, mein Pater Cyrillu8? das ist mein echter Sohn!
und ich bin sicher, er wird es machen, wie sein Vater!
Er wird die Augen aufihun, ehe es zu spät ist, und
Herr bleiben in dem Hause der Armero!
So es Gott gefällt! schaltete Cyrillus fromm er-
geben ein. So es Gott gefällt, dessen Nathschllssen und
wundersamen Fügungen wir uns unterwerfen müssen,
ohne daß wir sie voraussehen und verstehen.
Dritte Personen trennten uns, Monsignore Arrigo
befand sich unter ihnen. Ich hatte meinen Vater nie
so wohlgemuth gesehen. Er lehnte sich auf meinen Arm,
er war voll offener Freundlichkeit für mich, und mit
einem Seitenblick den Pater streifend, sagte er zu Arrigo:
-Er verdient General zu werden; ein geschickter und ent-
schlossener Nückug ist ein halber Sieg!
Aber der Pater hatte sich bereits von uns ent-

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fernt, die Fremden hatten die Kapelle verlassen, es war
Zeit, an unsere Heimfahrt zu denken; denn die Stunde,
für welche der Empfang in unserem Hause vorgesehen,
war nicht mehr fern, und während man der Todten-
feier kaum gedachte, fand ich mich, wie Donna Carolina
es bezeichnete, als den Helden des Tages, mit welchem
neues Leben einziehen sollte in das lang verödete, freuden-
lose Haus.