Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 15

Fünfzehntes Capitel.
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Ie eitt heiter durch das schöne Land, mich mii
Vergnügen jedes Wortes erinnernd, das wir gewechselt
hatten; und heiter in der von Magdalena mir erregten
Vorstellung, als Lebenssomnenschein den Abend des
Vaters und des Freundes zu verschönern, langte ich eben
noch in dem Augenblicke im Schlosse an, in welchem
man sich zu der Abendmahlzeit niedersetzen wollte.
Die Tafel war gedeckt, die beiden alten Diener,
denen man einen jüngeren Gehülfen beigegeben hatte,
versahen, da wir zu Dreien an der Tafel saßen, wohl-
geschult den Dienst. Indeß, es kam mir Alles unbehilf-
lich und hölzern vor, was sie thaten und machten, und
zum ersten Male, seit wir in dem Schlosse beisammen
waren, vermißte ich die erheiternde Auuuuth weiblicher
Gesellschaft.
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Ich hatte jedoch von dem freundlich verlebten Nach-
mittag genug Licht und Wärme mit mir gebracht, um
die Liebespflicht, die Magdalena mir in so schönem Bild
verkörpert hatte, gut erfüllen zu können; und an einem
der nächsten Tage nöthigten Geschäfte, welche sich auf
die Ankunft des Schiffes bezogen, das meine Arbeiten
von Frankreich brachte, mich, nach Rom zu gehen.
Es war nothendig, in meinem Vaterhause für
die Unterbringung derselben die angemessenen Räume zu
ermitteln, sie nach meinem Bedürfen herrichten zu lassen,
und ich hatte angestanden, die Verabreduungen darüber
mit meinem Vater zu treffen, bis es unerläßlich ward. Aber
da er durchaus gewohnt war, Alles in großem Styl zu
unternehmen, stieß ich auf keine Art von Schwierig-
keiten.
Er hatte sich nun darein ergeben, meine Marmor-
blöcke in dem Hofe seines Palazzo liegen zu sehen, die
pickenden Hammerschläge der Marmorarbeiter erklingen
zu hören, wenn er durch die Galerie zu seinem Wagen
niederstieg. Denn seit er einmal in einer guten Stunde
das Wort gefunden, daß alle Armero einen harten Kopf
und ihre Schrullen hätten, ließ er mir es endlich hin-
gehen, daß ich eigenwillig wie wir Alle, die Schrulle


hegte, als ein gräflicher Bildhauer eine Seltenheit in-
der Gesellschaft, und ein Unicum zu sein in unserem
alten Hause.
Ich wurde länger als ich es erwartet hatte, in
der Stadt zurückgehalten. Als ich dann wieder auf das
Land hinauskam, führte mich mein erster Ritt zu
Magdalenen, und es folgte ihm sehr bald der nächste
und ein dritter.
Der Anblick meiner halbvollendeten Arbeiten, die
Skizzen und Entwürfe hatten meine Lust zum Schaffen
neu belebt. Ich sehnte mich nach der Arbeit, die neuen
prächtigen Räume meiner Werkstatt lockten mich förmlich;
und die große Lebensfreiheit, der Reichthum, die ich
jetzt vor mir in Aussicht hatte, hoben mir den Muth,
und machten mir Verlangen, sie als Künstler auszu-
nutzen. Ich konnte die Ungeduld endlich kaum be-
meistern, die mich zu meiner Werkstatt hinzog, und nur
ein Mittel gab es, sie zu beschwichtigen - ich ritt zu
Magdalenen hin.
Sie bat mich nicht, zu kommen, sie wunderte sich
nicht, wenn ich mich häufig bei ihr einfand, nicht, wenn
ich länger ausblieb. Sie war sich immer gleich, immer
gastlich, immer freundlich und gefällig, und ich ge-

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wöhnte mich allmälig, mit ihr zu verkehren wie mit
mir selbst. Nur daß sie mich oft besser als ich mich
selbst verstand.
Im Herbste, als wir unsern Landaufenthalt ver-
ließen, war auch sie schon von Albano fort und wieder
in die Stadt gezogen, und es verging seitdem kaum noch
ein Tag, an dem ich sie nicht sah und sprach. Alles
gewann für mich an Reiz, wenn sie es mit mir theilte.
Es war mir ein Genuß, mit ihr durch die Museen und
Galerieen zu wandern, ihr schönheitsdurstiges Auge mit
Entzücken auf den Meisterwerken der Kunst verweilen
zu sehen, ihrer glücklichen Auffassungsgabe erklärend vor-
wärts zu helfen, oder mit ihr umherzuwandern in der
Umgebung der Stadt und unter den Monumenten, die
aufrecht und in Trümmern, von vergangenen Jahr-
hunderten und Jahrtausenden erzählen.
Ohne daß sie's wußte, lernte ich von ihr an jedem
Tage. Denn wie mir einst in Gloria die großartige
Formenschönheit der Antike unerwartet entgegengetreten
war, so hatte ich an Magdalenen immer auf das Neue
jene Harmonie in der Bewegung und im Ausdruck an-
zustaunen, die wir in den Gebilden der griechischen
Kunst als den Geist der Antike bezeichnen; und weil

Nu
ihr Thun ein so ruhiges und gleichmäßiges war, und
ich mich ihren Gewohnheiten anzupassen trachtete, um
sie sehen und sie begleiten zu können, kam auch in
meine Tageseintheilung eine feste Regelmäßigkeit, die ich
bis dahin niemals eingehalten hatte. Dadurch gewann
ich Zeit für Alles, was mir oblag: für meine Arbeit,
für meinen Vater, für Magdalena; sogar das Leben in
der Gesellschaft kam nicht dabei zu kurz. Ich habe
niemals mehr und mit mehr Glück gearbeitet, als in
jenen ruhig befriedigten Tagen, und Magdalenens still-
beglückte Mienen zu beobachten, wenn sie mit einer oder
der andern von ihren Bekannten von Zeit zu Zeit mein
Atelier besuchend, das Fortschreiten meiner Arbeiten sah
und pries, war mir jedes Mal ein Fest. Mit feinem
Verständniß errieth sie, was ich wollte, sah sie, was
mir gelungen war. Ich konnte mich bald des Gedankens
nicht erwehren, daß sie, und sie allein es wisse, wie
mein Jdeal beschaffen sei; daß sie mit mir empfand, wo
ich es nicht erreichte, wo der Geist des Stoffes nicht
vollkommen Meister geworden war.
Magdalena ging nicht in die großen Gefellschaften,
obschon ihr die Wege dazu durch Freunde und Empfeh-
lungen geöffnet waren. Dennoch traf ich sie hier und

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dort, da sie von ihren in Rom lebenden oder zeitweise
dort verweilenden Landsleuten sehr gesucht uud geschätzt
wurde; und wo immer ich ihr begegnete, kam das er-
quickliche Gefühl des Heimischseins gleich über mich.
Wo sie mir fehlte, fehlte mir die Ruhe, überkam mich
Langeweile. Ich vermißte sie in den Sälen der vor-
nehmen Welt. Ich dachte, wenn das kokette Federball-
spiel galanter Unterhaltung mich gefangen nahm, an
die Vorabend -Stunde des nächsten Tages, an dem ich
in heiterem Gespräch mit ihr verkehren würde. -
Wenn ich die Gefallsucht der Frauen und Mädchen sich
abmühen sah, jeden ihrer Reize in das rechte Licht zu
stellen, um jedem seine zündende Wirkung zu ermög-
lichen, so sah ich im Geiste Magdalenen vor mir, die
gar nicht wußte, wie das feine Spiel ihrer keusch ver-
hüllten Glieder den Sinn beschäftigte.
Ich hegte großes Vertrauen zu ihr und ihrem
Verstande. Es war mir etwas Neues, ein Frauenzimmer
ihres Alters mit so ruhigem Ernste über die Verhält-
nisse ihres Vermögens und Besizes sprechen zu hören,
wenn ihr regelmäßig die Berichte ihres Verwalters ein-
gesendet wurden, von dem sie schon in den letzten LebenS-
jahren der Großtante in diese Geschäfte eingeweiht

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worden war. Ich überlegte, ich berieth mit ihr meine
eigenen Angelegenheiten gern. Ich fühlte mich ihrer und
ihrer Theilnahme vollkommen sicher, weil ich ihr sehr
ergeben war, und kein Mißverstehen, keine der kleinen
Eifersüchteleien, welche sogar der Freundschaft eigen sind,
störte unseren Frieden. Die Gewißheit, sie an dem
nächsten Tage zu sehen, ließ mich vergessen, daß auch
dieser entschwinden, daß die Tage, welche ihm folgen
würden, flüchtig sein würden, so wie er. Ich glaube,
ich habe mich nie gefragt, was ich für sie empfinde,
was mich zu ihr ziehe. Ich ging zu ihr, gab mich ihr
hin und nahm sie in mein Leben auf, wie reine Luft
und warmen Sonnenschein: als hätte ich ein Recht
darauf und als kdnne mir das niemals fehlen. Wie
ein Kind lebte ich im Glück des Augenblicks, und das
allein ist das Glück.
Mein Vater, der mich ein und das andere Mal
mit ihr gesehen hatte, wenn seine tägliche Ausfahrt ihn
über die Passegiata des Monte Pincio geführt, hatte
mich nach ihr gefragt. Ich hatte sie ihm genannt, ihm
von ihren Verhältnissen gesprochen und dabei erwähnt,
daß ich viel mit ihr verkehre. Ich hatte das mit voller
Unbefangenheit gethan, mein Vater es ohne Arg hin-
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genommen. Ein deutsches, protestantisches, nicht durch
Schönheit auffallendes Edelfräulein lag so ganz und
gar außer dem Bereich seiner Heirathspläne für mich,
daß es gar nicht in Betracht kommen konnte; und
wenn er mir auch bei jedem schicklichen Anlaß von
seinem Wunsche, mich zu verheirathen, sprach so schien
er mir zunächst die freie Wahl zu gönnen und sich
damit zu hegnügen, daß ich die Kreise viel besuchte, in
welchen allein nach seiner Ansicht eine passende Wahl
für mich zu treffen möglich war.
Von Pater Cyrillus hörten wir, nur durch Donna
Carolina. Er hatte kurze Zeit nach meiner Rückkehr
in die Heimath, ein paar Mal bei meinem Vater vor-
gesprochen, und war schließlich noch einmal gekommen,
ihm Lebewohl zu sagen, weil er Nom und seinen bis-
herigen Wirkungskreis auf Befehl seiner Oberen verließ,
um in Frankreich eine anderweitige Verwendung zu
finden. Er hatte dabei nach mir gefragt, hatte die
vdlligste Sicherheit des Betragens an den Tag gelegt,
und sich sehr geehrt gezeigt, durch die Mission, mit der
man ihn betraut, nachdem man die Neberzeugung ge-
wonnen haben mochte, daß jene Mission, der er sich in
unserem Hause freiwillig unterzogen hatte, unter den

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obwaltenden Umständen von ihm nicht mehr erfolgreich
durchzuführen sei. Er hatte im Nebrigen auch sein
Theil gethan. Das ganze Vermögen meiner Mutter war
auf die eine und die andere Weise in des Ordens
Hände und Besitz gekommen.
Donna Carolina aber hatte äußerlich ihren Frieden
ganz und gar mit mir gemacht, und mein Vater und
Arrigo riethen mir, mich nicht dagegen aufzulehnen.
Sie sprach es unumwunden aus, daß sie von mir und
unseren alten Familienbeziehungen aus alter Gewohn-
heit nicht lassen kdnne. Die Liebe könne und dürfe
treulos sein, die Freundschaft nicht; und eine treue,
wohlmeinende Freundin, das würde ich selber wissen,
fei sie mir stets gewesen.
Des Paters erwähnte sie immer nur, um mir oder
meinem Vater mitzutheilen, mit welcher Auszeichnung
man demselben, in Folge der ihm von Nom mit-
gegebenen Empfehlungsbriefe, im Faubourg St. Germain
entgegenkomme. Gelegenilich hatte sie aber auch darauf
hingedeutet, daß ich eine große Thorheit begangen hätte,
als ich die Hand von Fräulein Alphonsine nicht an-
genommen, da sie jezt zu den gefeiertsten Frauen des
Faubourg gehöre. Sie rühmte mir dann auch diefe

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oder jene junge Dame, warnte mich davor, nicht allzu-
lange zu wählen, weil man gemeiniglich aus Neberdruß
an seiner Unentschlossenheit, etwas recht Uebereiltes und
Unzweckmäßiges zu thun pflege, und ich ließ das an
meinem Ohre vorübergehen wie Baumesrauschen aus
der Ferne, als Etwas, das mich gar nichts anging.