Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 16

Becsschnles Capilel.

zSeuber war der Winter verstrichen, das Früh-
jahr herangekommen, und mit ihm der Todestag meines
ältesten Bruders. Wir waren, mein Vater und ich,
nach unserer Kapelle gefahren, in welcher die Seelen-
messe für den Verstorbenen gelesen wurde. Die nächsten
Freunde unseres Hauses hatten der Feierlichkeit mit
angewohnt, und sie hatte meinen Vater sehr erschüttert.
Alä wir miteinander bei der Heimfahrt allein im
Wagen waren, saß mein Vater eine Weile in seine
Gedanken versunken schweigend neben mir. Dann richtete
er sich auf und sagte mit einer müden Ruhe, die sich
jetzt bisweilen an ihm kund gab: Im nächsten Jahre
wirst Du vielleicht allein dem Bruder die Ehren- und
Liebespflicht zu leisten haben, und wer wird da sein,
wenn die Reihe einst an Dich kommt?

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Ich suchte ihn mit den Hoffnungen zu ermuthigen,
zu welchen seine kräftige Natur mir den Muth gab
und die meine Liebe für ihn erfüllt zu sehen begehrte.
Er ließ das unbeachtet.
Ich spreche nicht von mir, von Dir ist es, daß
ich rebe! sagte er. Du bist gesund, bist im kräftigsten
Alter, ein jugendlicher Mann. Aber Delne Brüder,
waren sie das nicht? Des Schickfal, wie Du die Vor-
sehung zu nennen liebst, hat seine Launen. Die Vor-
sehung führt den Menschen und die Menschengeschlechter
auf Wege, welche von denselben nicht erwartet werden.
Ich hatte nicht gedacht, als Du uns geloren wurdest,
daß mir in Dir die Hoffnung meines Lebensabendes
gegeben würde. Was ich von Dir wünsche und erwarte,
weißt Du! Ichh habe Dir Zeit gelassen, habe Dich
nicht bedrängen, Dir freie Wahl vergönnen wollen.
Du hast Dich bisher zu einer solchen nicht entschließen
können, obschon in den uns befreundeten Familien jetzt
sehr schickliche Heirathen mit liebenswürdigen Personen
für Dich zu finden waren. Du wirst mir einwenden,
daß Du keine Eile, daß Du keine zwingende Reigung
zu solchem Schritte habest, denn die Jugend pflegt nur
an sich zu denken; aber, vergiß es nicht, mein Sohn,

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ich habe Eile, und wenn ich meine Augen schließe, bist
Du allein!
Der Wagen war in das Portal eingefahren, die
Diener dffneten den Schlag, ich führte meinen Vater
die Treppen hinauf, er zog sich in sein Zimmer zurück,
die Unterhaltung hatte ein Ende. Mir aber waren die
lezten Worte, welche er zu mir gesprochen hatte, wie
ein elektrischer Funke in das Herz geschlagen, daß es
aufwallend in heißer Gluth sie wiederholen und wieder-
holen mußte, um zu erkennen, was unerkannt in mir
gelebt, fast seit ich Magdalenen zum erstenmal gesehen
hatte.
Allein! allein! klang es in meinem Innern nach.
Und ist sie denn nicht da? ist Magdalena denn nicht
da? rief ich, daß ich es hörte, als hätte es ein Anderer
mir gesagt. E überraschte mich und war mir doch
nicht neu. Ich war mir der Liebe bewußt gewesen,
mit der ich an ihr hing, der Zärtlichkeit, mit der ich
um sie sorgte. Unermüdlich hatte mein Auge sich an
ihrer Anmuth, ihrer Wohlgestalt geweidet. Jeden Iug,
jede Miene ihres sanften Gesichtes liebte ich, jeden Blick
und Aufschlag ihrer Augen kannte ich, sie war mir
F. Lewald, Benvenuto. 1l.

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immer reizend, immer beachtenöwerth erschienen. Im
Traume hatte ich sie einst umfangen, war aufgeregt von
der Erinnerung bei ihr eingetreten, und ihre ahnungs-
lose, unschuldige Ruhe hatte das leidenschaftliche Ver-
langen schweigen machen, daß mich jetzt um so mächtiger
ergriff und fortzog --- hin zu ihr.
Weil mein ganzes Empfinden sich zusammendrängte
in einen einzigen Gedanken, weil ich meiner so sehr
sicher war, zweifelte ich noch weniger an ihr. Ich
stand vor ihrem Hanuse, ich trat in ihre Wohnung ein,
gewiß sie zu Hause anzutreffen. Ihre alte Begleiterin,
des Dienstes sehr gewohnt, öffnete mir die Thüre. Ich
fragte nach der Herrin, sie war ausgegangen. Ich sollte
sie erwarten, sagte die Dienerin, fie müsse sehr bald
wiederkehren.
Magdalenens Zimmer waren mir' vertraut und
lieb. Ich kannte jeden Plaz, jedes ihrer Bücher, jede
ihrer Nähgeräthschaften. Ich hatte sie alle oft in
Händen gehabt: mit der Scheere gespielt, die Maaß-
Bandrolle oft um meinen Finger gewickelt, wenn ich in
ruhigem Gespräch mit ihr, auf dem Stuhle vor ihrem
Ecksopha gesessen hatte. Ich ging hin und her. Ich
blätterte in ihren Büchern, ich sah ihre kleinen Blumen-

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malereien durch. Sie ließ sich lange erwarten und sie
war sonst immer pünktlich.
Ich rief ihre Dienerin, ich fragte, wo die Herrin
hingegangen wäre. Sie wußte es nicht zu sagen, und
wieder schritt ich in dem Zimmer umher und stand am
Fenster, voll Sehnfucht, endlich die liebe schlanke Ge-
stalt die Straße hinaufkommen zu sehen. Daneben
dachte ich mit Beklommenheit daran, daß ich neuen
Kämpfen mit meinem Vater entgegenzugehen hätte.
Magdalena war Nichts weniger als eine Heirath, wie
sie sich nach seinen Ansichten für den Erben des Ar-
mero'schen Besizes schickte. Ihr bescheidenes Vermögen
kam neben dem unseren nicht in Betracht. Sie war
sechsundzwanzig Jahre, sie hatte weder eine Schönheit,
noch einen großen Namen, die für den fehlenden Reich-
thum als eine Entschädigung gelten konnten; vor Allem
aber war sie keine Katholikin, und daß ein Armero
daran denken konnte, sich mit einer Protestantin zu ver-
binden, das mußte meinem Vater nothwendig als eine
Unmöglichkeit erscheinen. Indeß weil ich meiner dauern-
den und opferwilligen Liebe für Magdalena sicher wr,
so hielt ich mich der gleichen Empfindungen auch von
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ihr gewiß; und wenn sie sich entschloß, um meinet-
willen sich zu unserer Kirche zu bekennen, hoffte ich alle
anderen Schwierigkeiten, wenn auch nur langsam und
mit geduldiger Beharrlichkeit, überwinden zu können.
Beharrlichkeit! Gerade sie war es, die mir bis dahin
gefehlt hatte. Meine Wünsche, meine Neigungen, meine
Leidenschaften hatten oft gewechselt. Ich wußte das,
ich sagte mir das, und fühlte daneben, daß ich von
Magdalenen niemals lassen könne, denn ganz andere
Bande, ein ganz anderes Verständniß, eine Liebe, die
ich nie gekannt hatte, bis ich sie gefunden, ketteten mich
an Magdalena. Aber Geduld? -- Wie konnte ich ge-
dnldig sein, da fie nicht kau, da sie gegen alle Voraus-
sicht so lange auf sich warten ließ?
Ich dachte darüber nach, wo fie nur sein kdnne,
ich fühlte mich versucht, ihr entgegen zu gehen, ohne
zu wissen, wohin-- nur weil sie mir hier in diefem
Raume gar so schmerzlich fehlte. Ich besann mich auf
den gestrigen Abend und auf die lezten anderen Male,
in denen ich sie zuletzt gesehen hatte, und ich meinte
mich zu erinnern, daß sie nicht so heiter, daß sie
weniger gleichmäßig gewesen sei, als ich sie zu sehen
gewohnt war.

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Gestern noch waren ihr bei einem gleichgültigen
Anlaß, als ich ihr davon gesprochen hatte, wie ich im
nächsten Herbste an die Ausführung der Penelope gehen
würde, zu der ich einmal eine kleine Skizze modellirt.
die Thränen in die Augen gekommen. Auch neulich war
das Nämliche geschehen, als sie mir davon erzählte, wie
man auf den Gütern in ihrem Vaterlande die Vollendunzz
der Ernte als Fest begehe, und wie sie in dem Sommer
dieses Jahres dabei zum ersteu Male als Herrin walten
werde, da sie den lezten Sommer außer Landes zu-
gebracht habe.
Jetzt, weil ich's wünschte, deutete ich dies Leztere
zu meinen Gunsten aus; und wie ich dann noch einmal
an das Fenster trat, um nach ihr zu spähen, vermißte
ich plötzlich in der Ecke zur linken Hand eine kleine
Terracotta und einige andere kleine Kunstgegenstände,
welche immer dort gestanden hatten. Die ganze kleine
Etagere war heute leer, und auch die Mappen mit den
Kupferstichen und den Ansichten von Rom, die ich in der-
selben Ecke immer stehen sehen, waren heut' verschwunden.
Gleichgültig, zufällig, wie solche Aenderung mir
in jedem anderen Falle vorgekommen sein würde, fiel
sie mir jezt auf. ,ch sah mich um, die Sachen waren an

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keinem anderen Platze zu entdecken, und nun erst entsann
ich mich, daß bei meinem Eintritt, in dem Vorflur eine
Holzkiste gestanden hatte, die ich bisher dort nie bemerkt
hatte. Ich wollte hinausgehen, die Dienerin zu fcagen,
was das zu bedeuten habe. In dem Augenblick trat
Magdalena ein, und mich an das Aeußerlichste haltend,
weil mir das Herz so voll war, rief ich, ohne sie nur
zu begrüßen: Wo haben sie denn die Mappen hin-
gebracht und die Sachen von der Etagöre?
Ich habe sie verpacken lassen! gab sje mir zur
Antwort; aber sie reichte mir nicht die Hand, und sah
nicht zu mir auf. Ihre Begleiterin war eingetreten,
ihr den Hut und den Shawl abzunehmen, sie selber
ging in die andere Ecke des Gemachs, ihre Handschuhe
und ihren Fächer fortzulegen.
Ich sah das, ich hatte ihre Worte auch vernommen,
aber weil sie in solchem Widerspruch mit meinem
Herzen und der Absicht standen, in der ich zu ihr ge-
kommen war, in der ich die Minuten und die Secunden
bis zu Magdalenens Heimkehr an dem Zeiger der Ühr
hatte vorübergleiten sehen, kamen sie mir unvernünftig
vor, und sie nachsprechend, ohne es recht zu wollen,
sagte ich: Verpacken lassen? Weshalb denn verpacken lassen?

Iu?
Ich wünsche sie zu Hause vorzufinden! bedeutete
sie mir. Jedes ihrer Worte fiel mir wie ein kalter
Tropfen auf mein heißes Herz. Zum ersten Male erschien
mir ihre Ruhe fürchterlich - und wie in einen
Zauberspiegel tauchte in meiner Seele jener Morgen auf.
an welchem Gloria gekommen war, mir von ihrer be-
vorstehenden Abreise zu sprechen. Ein Blick, ein Aus-
ruf waren genug gewesen, sie in meine Arme, an meine
Brust zu führen, denn sie hatte mich geliebt. Magdalena
hingegen schien nicht zu sehen, nicht zu hören, nicht
zu ahnen, was in diesem Augenblicke in mir vorging.
Ich war wie gelähmt. Wie sollte ich ihr von
Liebe sprechen, die so kalten Blutes von mir gehen
wollte? Wie konnte ich erwarten, daß sie bereit sein
würde, mir das Opfer zu bringen, daß ich von ihr
fordern mußte? Daß sie einwilligen wüirde, mit mir gegen
die großen Hindernisse geduldig anzukämpfen und auszu-
harren, welche unserer Verbindung schwer entgegenstanden?
Sie, die vorsorglich darauf bedacht war, es sich bequem
und angenehm zu machen in der Heimath, in dem eigenen
Hause, fern, ach wie fern von mir!
Ich nannte mich in meinem Herzen einen eiteln
Thoren, ich kam mir lächerlich vor, aber ich war dabei

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sehr unglücklich; und unfähig, ein Wort zu finden, setzte
ich mich schweigend nieder.
Jetzt wurde sie aufmerksam. Was haben Sie?
Weshalb sprechen fie nicht mit mir? Was ist Ihnen denn
geschehen, mein Freund? fragte sie.
Mein Zustand war ein unerträglicher. Ich wußte,
daß das erste Wort, welches über meine Lippen käme, ein
Vorwurf sein würde, der ihr verrieth, was ihr zu ge-
stehen ich nicht mehr wünschen konnte. Endlich aber
hielt ich mich nicht mehr länger; und mit dem bös-
willigen Ungeschick gekränkter Lebe sagte ich: Sie haben
eine sonderbare Weise, Ihre Absichten vor Ihren Freun-
den zu verbergen. Sie rüsten sich zum Aufbruch, Sie
wollen Rom verlassen, und ich erfahre das nur bei-
läufig, nur durch einen Zufall.
Sie zuckte zusammen, ich sah, wie sie die Antwort
unterdrückte, die ihr auf den Lippen schwebte, und leise
den Kopf bewegend, sprach sie: Sie tadeln mich! und
ich hatie es wirklich gut gemeint. Ich wollte Ihnen
wenigstens das Erwarten der Trennung ersparen, das
immer weh thut, wenn man gern beisammen war, und
von einander geht, ohne zu wissen, ob man ein Wieder-
sehen haben wird.

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Ihre Fassung raubte mir die meine völlig, und
ihre Hände fest ergreifend, sagte ich ihr Alles, was ich
für sie auf dem Herzen hatte. Ich sagte ihr, wie ich
neben ihr hingelebt in einem ungekannten Glück und
Frieden, wie ein neuer Sinn in mich gekommen, seit ich
sie kennen lernen, wie mein Wollen, mein Thun, mein
Wünschen umgewandelt seien durch sie; und mit all meiner
Liebe bot ich ihr meine Hand an, bat ich sie, die Meine
zu werden. Aber ich wartete vergebens auf ihr Wort
der Zusage. Ihre Hände waren kalt geworden, ihre
Lippen preßten sich krampfhaft zusammen, ich sah, wie
angstvoll ihre Brust sich hob und senkte, sie war so
blaß geworden, daß es mich erschreckte.
Ich rief sie mit ihrem Namen, meine Angst um
sie steigerte meine Leidenschaft. Ich beschwor sie, mir zu
antworten, mir zu sagen, daß sie mich liebe. Sie hatte
sich von mir frei gemacht, und die gefalteten Hände
gegen die Brust gedrückt, flehte sie: Wenn Sie mich
lieben - nicht weiter! nicht weiter! Es geht über
meine Kräfte, Sie zerreißen mir das Herz!
Ich stand ihr rathlos gegenüber und auch mir
krampfte sich das Herz zusammen in der Brust. Es ist
hart und bitter sich verschmäht zu sehen, beschämend,

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sich eingestehen zu müssen, daß man mit eitlem Hoffen
sich betrogen hat. Aber das Verlangen, sie mir zur
Gattin, zur Lebensgefährtin zu gewinnen, war mächti-
ger, als jedes andere Gefühl, und um mich herauszu-
finden aus dem Chaos widerstreitender Gedanken fragte
ich: Magdalena! also lieben Sie mich nicht?
Die Thränen tropften ihr still' aus den Augen,
die sie mit der Hand verdeckt hielt, sie schllttelte leise
das Haupt: Nein! nicht, wie Sie es wünschen, wie
Sie's fordern müssen! sagte sie kaum hörbar, und ging
schnell hinaus.
Ich stand und sah ihr nach. Ich hätte ihr zürnen
mögen, denn es war mir schlecht zu Muthe. Aber wie
sollte ich ihr zürnen, da ich ihren Schmerz gesehen hatte
und voll Mitleid, voll Sorge um sie war.
Die Dienerin, die mir das Geleit gab, fragte mich
zutraulich, ob ich am Abend wiederkäme. Ich hatte ihr
nicht wie sonst die Antwort darauf zu geben. Noch
einmal blickte ich nach dem Zimmer zurück, über dessen
Schwelle ich manch liebes Mal in froher Zuversicht ge-
schritten war, dann ging ich meines Weges. - Aber
meine Gedanken fanden keine Nuhe.
Ich erschdpfte mich in Muthmasßungen über

Bt
Magdalenens Weigerung. Ich sann und sann, mir zu
erklären was sie zurückhalte, sie hindere, sich mit mir
zu verbinden. Ein früheres Versprechen konnte es nicht
sein, denn sie selber hatte mir gestanden, sie habe nie
geliebt; und an ihrer Wahrhaftigkeit zu zweifeln, kam,
trotz, meiner Verwirrung nicht einen Augenblick in meinen
Sinn. Ich erinnerte mich ihres Betragens seit der
ersten Stunde unserer Bekanntschaft. Ich konnte mir jede
Stunde unseres Beisammenseins mit Deutlichkeit zurück-
rufen. Mir fielen Worte, Mienen, Freundlichkeiten von
ihr ein, die mich sicher neben ihr gemacht, die mich zu
dem Glauben berechtigt hatten, daß ich ihr theurer sei,
daß sie mich liebe. Der Tag verging mir in wirrer
Pein, in einem Schmerz, dessen ich mich hätte schämen
mögen, hätte ich es vermocht.
Gegen den Abend brachte ihre Dienerin mir einen
Brief von ihr. So klar und ruhig, daß mir gar kein
Zweifel über ihre Gesinnung bleiben konnte, sezte sie
mir auseinander, wie sie eine ernste und herzliche Freund-
schaft für mich habe, wie sie diese zu den besten Er-
werbnissen ihres Lebens zähle; aber wie jene innere
Stimme, von der sie sich habe führen lassen bis auf
diesen Tag und die sie nie betrogen habe, ihr die un-

od7D
umstößliche Neberzeugung gebe, daß fie weder mich glück-
lich zu machen, noch in der Ehe mit mir glücklich zn
werden im Stande sei. Habe ich Achtung vor ihr,
hege ich Vertrauen zu ihr und liebe ich sie, so möge
ich sie in ihrem Entschlusse, der nach ihrer festen leber-
zeugung zu unserm beiderseitigen Heil gereiche, nicht
beirren. Ihre Vorbereitungen für die Abreise seien schon
seit Tagen vollendet. Morgen mit dem Frühesten werde
sie gen Norden in die Heimath ziehen; und sie begehre
es von uir als einen Liebeödienst, daß ich sie ohne
weitere Erörterungen scheiden lasse. Habe ich dereinst
das Glück gefunden, das sie muir nicht bereiten könne,
so möge ich ihrer darüber nicht vergessen, sondern an
sie denken, wie an die Genossin schöner Tage und
Stunden, die als leuchtende Erinnerung ihr Leben ver-
schönen würden, wie es in der Zukunft sich auch ge-
stalten möge.
Der Brief war edel, würdig, gütig, aber er wirkte
doch anders als dgs Wort von ihrer Stimme. Er
kränkte meine Liebe und beleidigte meinen Stolz. Sie
sollte ihren Willen haben. Jedoch in Rom zu bleiben,
so lange sie dort noch verweilte, das vermocht' ich
nicht.

=5I
Ich schrieb ihr: Sie sollen gehorsamt werden!
Leben Sie wohl! -- Ihrer Entschlossenheit gegenüber
war ja auch weiter Nichts zu sagen.
Mein Vater hatte schon seit einigen Tagen ge-
äußert, daß es ihm lieb sein würde, wenn ich einmal
in das Gebirge ginge, nach unseren dortigen Angelegen-
heiten zu sehen. Ich ließ mein Pferd satteln und ritt
hinas. Wie ich an das Thor kam, wie sich das osfene
freie Land vor meinen Augen aufthat, erschreckte mich
die Weite.
Gewaltsam zeg es mich zurück und hin zu ihr.
Aber als Schwächling wollte ich der Willensstarken nicht
erscheinen - - und hier endet der Roman!
Als ich vier Tage später nach der Stadt zurück-
kam, war Magdalena schon lange abgereist. Die Fenster
ihrer Wohnung waren weit geöffnet, die Dienstboten
des Hanses handtirten mit Bütrsten und Besen in den
Zimmern umher. Ich machte, daß ich aus der Straße
fort kamn. Ich konnte das Haus nicht sehen, ich konnte
viele Tage lang die Promenade nicht betreten, die Pfade
und Wege nicht gehen, auf denen ich in glücklichen
Stunden ihr Begleiter gewesen war. Sie fehlte mir
überall! überall! und-- sie fehlt mir hente noch!

B?s
Einmal, wenig Wochen nach unserer Trennung,
ich stehe nicht an, es Ihnen zu bekennen, habe ich ihr
geschrieben. Sie hat mir auch geantwortet, wie sie es
vordem gethan, und ich habe mich beschieden.
Seitdem ist mein Vater hingegangen, ich bin allein
in unserem Hause und ich fühle es oft genug, wie es
nicht gut ist, daß der Mensch allein sei, wie es gerathen
wäre, mir eine Frau zu nehmen, eine Gattin, eine
Herrin einzuführen in mein ödes Haus. Aber Magda-
lena steht zwischen mir und jeder anderen Frau!
Ich habe schönere, glänzendere Frauen gekannt,
geliebt, als sie; und ich denke jener Frauen, als läge
ein halb Jahrhundert und die ganze Welt zwischen mir
und ihnen. Sie bedeuten Nichts mehr für mein Leben.
Magdalena kann ich nicht vergessen. Unbeständig,
wie ich es gewesen bin, hänge ich an ihr noch heute.
Und nun werden Sie e verstehen, das Bekennt-
niß, das ich Ihnen bei unserem lezten Beisammensein
gethan habe und das Sie damals lachen machte: daß
ich verschmäht ward, als ich zum ersten Male wahrhaft
liebte. Lachen Sie auch heute darüber, wenn Sie
mögen. Ich vermag es nicht!