Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 17

Ziebenzehntes Capilel.

,Fenvenuto's Aufzeichnungen endigen damit, und ih
habe nicht gelacht bei ihrem Schlusse.
Es war ein wunderbarer Zufall, der uns ihn
wiederfinden lässen in der Pariser Ausstellung, und der
mir damit die Fäden seines Schicksals und nicht allein
des seinen, in die Hand gegeben hatte. Denn ich kannte
Magdalena, und ich wußte mehr von ihr, als sie Ben-
venuto zu sagen für gut befunden hatte.
Ihre Mutter war mir eine Freundin gewesen bis
zu ihrem frühen Tode. Ich hatte Magdalena aus der
Taufe gehoben und war, da auch ihre Großtante mir
nahe gestanden hatte, nicht ohne Einfluß geblieben auf
die Erziehung, die man ihr gegeben. Nach dem Tode
ihrer Pflegemutter, und nachdem ihr das Vermögen
derselben zugefallen war, hatte ich selber sie veranlaßt,
F. Lewald, Benvenuto. P.

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ihre Heimath zeitweilig zu verlassen, um sich selbst-
ständiger zu bewegen, als es bis dahin möglich für sie
gewesen war, um sich einen weiteren und freieren Blick
in die Welt zu verschaffen, und einen belebenden Menschen-
verkehr zu suchen und kennen zu lernen. Ich hatte den
Reiseplan für sie entworfen, und alle ihre Briefe sprachen
mir es aus, daß ich das Richtige für sie getroffen hätie,
daßß sie ihres Lebens froh sei, wie nie zuvor.
Namentlich seit sie sich in Rom befand, schien ein
neuer Geist über sie gekommen zu sein. Ihre Briefe
waren schwungvoll, ihre Schreibweise hatte einen ande-
ren Rythmus bekommen, ihr ganzes Wesen eine uner-
wartete Entfaltung. Ich schob das auf die Einwirkung
von Nom, auf den Verkehr mit Menschen aus den ver-
schiedensten Gegenden, auf den Unigang mit den
Künstlern.
Plözlich blieben ihre Briefe aus. Es war nach
dem neuen Jahre, der Carneval halte begonnen, ich ver-
muthete also, daß die gesellschaftlichen Zerstreuungen sie
in Anspruch nähmen, und ich machte mir keine Sorge
um ihr Schweigen. Indeß es fiel mir endlich dennoch
auf, und mit ein paar Zeilen, die ich unter ihrer
rdmischen Adresse an sie abgehen ließ, erkundigte ich mich

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nach ihr. Die Antwort ließ mehrere Wochen auf sich
warten, und als ich sie in Händen hielt, fand ich zu
meiner Verwunderung, daß der Brief den Poststempel
des deutschen Landstädtchens trug, in dessen nächster
Nhe Magdalenens ererbtes Gut gelegen war.
In der Stunde, in welcher ich ihn erhalten, hatte
der Brief mich sehr erschüttert. -- Ich las ihn wieden,
als ich Benvenuto's Bekenntnisse beendet hatte; und ich
theile ihn hier mit, da keine Rücksicht irgend einer Art
es mir verbietet. Er enthält die Lösung für Magda-
lenens räthselhaftes Fortgehen, wie er die Zauberformel
in sich schloß, das Dunkel zwischen den beiden Liebenden
aufzuhellen, und das Leid in Freude zu verwandeln.
Du wirst Dich wundern, meine treue mütterliche
Freundin, so lautete das Schreiben, wenn Du aus
meinem Dorfe die Antwort auf den Brief empfängst,
mit welchem Deine Güte mich in Rom aufsuchen wollte.
Ist es mir doch selbst noch unbegreiflich, daß ich hier
bin, wo unter einem trüben Himmel der Schatten
unserer alten Linden mein Zimmer heut' noch dunkler
macht, und wo ich hingegangen bin, um das Land voll
Licht und Sonne zu vergessen, um Alles! Alles zu be-
graben, was ich doch nicht vergessen kann und nicht ver-
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O
gessen will. Nein! ich will es nicht vergessen; denn
mein Leben hat erst Werth bekommen, seit ich weiß was
Leben heißt, seit ich an Glück und Leid erprobt habe,
was ich zu genießen und was zu tragen ich im
Stande bin.
Das klingt geheimnißvoll, klingt Dir vielleicht auch
überspannt. Aber glaube mir, ich habe kein Geheim-
niß zu verbergen, dessen ich mich vor Dir, oder, was
noch mehr ist, vor mir selber schämen müßte. Das was
ich that, würde Dir, ich bin deß sicher, von der Ver-
nunft, ebenso wie von der leidenschaftlichen Liebe als
Nothwendigkeit geboten erscheinen, die ich für ihn hege.
Frage um Nichts! Was ich Dir sagen kann, will
ich Dir sagen. Es wird mir noch schwer, davon zu
sprechen; es ist Alles noch zu neu, zu frisch. Das
Herz blutet noch und schmerzt mich noch. Es ist auch
nicht viel davon zu berichten, es ist Mlles mit wenig
Worten abzuthun.
Ich habe einen Mann kennen lernen, den ich liebte,
bald nachdem ich ihn gesehen hatte. Er war aus-
gezeichnet durch Schönheit, durch vornehme Geburt, ein
Künsler von hoher Bedeutung. Ich wußte, daß ihm
die große Welt, in der er lebte, huldigte, daß er zu

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wählen hatte unter den schönen Frauen, die von alle:
Völkern in Rom zu treffen sind. Man hatte mir aucz
gesagt, daß sie ihm schmeichelten, daß er viel Leiden-
schaften angefacht, viel Leidenschaft durchlebt, daß e
schwere Schicksale bestanden habe, schwere Familien-
Zerwürfnisse ihn Jahre hindurch aus seinem Vaterlande
fortgetrieben, von seinem Vater getrennt hatten, und daß
er eben erst heimgekommen sei, ausgesöhnt mit diesem
stolzen Greise, um neben demselben in dessen letzten Tagen
die Sohnespflicht in liebender Ergebung zu erfüllen.
Ich hatte das angehört, wie ich in meiner Kindheit
den Schilderungen von dem fernen Süden gelauscht
habe. Es war mir Alles so fremd, lag gar so weit
ab von den Bereichen, in die ich mich hineingehörig
fühlte. Es zog mich an, doch sagte ich mir, derlei sei
nicht für mich vorhanden; es kümmerte mich persön-
lich nicht.
Aber wie des Sütdens Sonne, als ich so unerwartet
nach Jialien gelangte, mir das Herz erschloß, daß es
mit schnelleren Pulsen schlug; wie ich es inne wurde
unter Jtalienö lichterfülltem Himmel, daß auch ich
geboren sei, um das Glück des Daseins mit menschlichem

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Entzücken zu empfinden, so wachte ich zum Vollgefühl
der Liebe auf, als ich ihn sah.
Ich wußte bald, was mir geschehen war; aber
statt zu fliehen, statt zu meiden, was ich begehren
lernte und was nicht für mich da sein konnte, blieb ich.
Das war ein Fehler, war die Schuld, die ich jetzt büße.
Ich vertraute meiner Kraft. Sie reichte eben hin, mir
schweigend den Stachel in die Brust zu drücken, und
mit einer Lütge von ihm fortzugehen für immerdar.
Auch das wirst Du wieder nicht verstehen. Nun
denn! Weil ich gewöhnt war, ehrlich in dem eigenen
Herzen zu lesen, las ich bald in dem seinen mit der
gleichen Deutlichkeit. Ich sah, wie sein Antheil an mir
sich in Zuneigung verwandelte, wie es ihm behaglich
war, dem an die Frauen der romanischen großen Welt
gewöhnten Manne, in der stillen Umgebung, die wir
Deutsche nicht entbehren kdnnen; wie die Beschränkung
ihm wohl that, wie er sich in ihr sammelte und ver-
tiefte, und wie neu es ihm war, sich von der Vorsorge
einer ihn liebenden Frau, statt von einer eihe bezahlter
Domestiken bedient zu sehen. Er kannte unsere Sprache,
er lernte mehr und mehr und endlich mit tiefem Ver-

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ständniß unsere Dichter, unfere Lieder lieben. -- Es war
Alles Liebe zwischen mir und ihm, und er ahnte nicht
die meine, er war sich der seinen nicht bewußt. Wie
follte er es auch? -- Ich war den Frauen, die er
bisher geliebt hatte, so wenig ähnlich. Ich war nicht
schön, nicht glänzend, ich war nicht einmal jung! Nach
römischen Begriffen war ich alt mit meinen sechsund-
zwanzig Jahren. Ich sagte mir das an jedem Tage.
An jedem Tage wiederholte ich mir, daß mein
Gllck nicht lange währen würde. Ich hielt mir Alles
vor, was ich von seiner Unbeständigkeit vernommen
hatte. Ich sagte mir, daß er des friedlichen Verkehrs
mit mir bald müde werden würde; und sah ich ihn
dann auf der Promenade an der Seite einer jener
stolzen Römerinnen, deren flammende Augen das be-
zaubernde Lächeln auf seine Lippen lockten, so kehrte ich
heim und dachte: heut kommt er nicht! Er kommt
wohl auch gar nicht wieder! -- Und wenn er dennoch
kam! immer wieder kam- -- Aber die Tage sind
ja dahin!
Sein Vater hatte glänzende Verbindungen für ihn
im Auge. Sein altes Geschlecht, von je eine Stütze der
Kirche und ihr ganz zu eigen, war dem Erlbschen nahe.

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Ich wußte, daß des Sohnes Weigerung, die von dem
Vater gewünschte Ehe einzugehen, jenes Zerwürfniß
herbeigeführt hatte, von dem ich Dir berichtet habe.
Ich wußte das Alles, und ließ einen Tag hingehen nach
dem andern; denn ich liebte ihn mit der Liebe, mit der
Leidenschaft, denen keine andere folgen kann. Ich sah es
endlich mit unaussprechlichem Entzücken, wie er sich
fester und fester an mich anschloß -- und wenn ich
mir am Abende, auf meinem Lager in der dunklen
Nacht, es zugerufen hatte, das vernichtende: hoffnungs-
los! -- so sagte ich mir in meiner bitteren Pein, weil
ich nicht anders konnte: nur morgen noch! Und der
Morgen ging mir auf mit allem seinem mich mehr
und mehr verstrickenden Zauber, mit allem seinem
goldenen Glück.
Ich kannte mich selbst nicht mehr. Oftmals
betraf ich mich auf dem frevelhaften Wunsch, seine Un-
beständigkeit möge mir zu Hilfe kommen, mich zur
Besinnung bringen! Und grade in solchen Augenblicken
dachte ich daran mit Schaudern, daß ich rettungslos zu
Grunde gehen müßte, wäre ich sein Weib und sähe ihn
einer Anderen zugewendet.
Ich war völlig haltlos. Wie in einer Brandung

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trieb ich umher, das Auge in meiner Angst bald dem,
bald jenem Punkte zugekehrt. Nur das Eine wuiste
und empfand ich immer: einen Mann wie ihn dauernd
zu beglücken, war ich nicht die Frau; und seine Untreue
zu ertragen, fehlte mir die Kraft.
So raffte ich mich endlich auf. Ich machte
heimlich die Vorkehrungen zu meiner Abreise, denn mit
ihm davon zu sprechen, fehlte mir der Muth. Er sollte
es nie erfahren, was es mich kostete, von ihm zu scheiden,
nie erfahren, daß mein Leben begonnen hatte und be-
schlossen war in der kurzen Spanne Zeit, in der die
Schönheit seines ganzen Wesens es erleuchtet hatte.
Er sollte in Frieden meiner denken, mich ohne Bedauern
vergessen können.
Aber ein so sanftes Ende meines schönen Traumes
ward mir nicht beschieden. Die Mahnung seines Vaters,
an die Wahl einer Gattin zu denken, hatte ihm sein
Herz enthüllt. Er kam und begehrte mich zur Frau.
Er forderte von mir, mit ihm die Hindernisse zu be-
kämpfen, die seines Vaters Ueberzeugungen und Ansichten
uns entgegenstellen würden. Ich sah neue Kämpfe,
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Schönheit offenen Sinn. - Ihm und mir wollte ich
zu Hüülfe kommen, Leid ersparen. Aus Liebe zu ihm
verfuhr ich grausam mit mir selber.
Er ist an jenem Tage von mir gegangen, ohne
es zu wissen, daß ich ihn geliebt habe, und ich habe
ihn im Unmuth von mir scheiden sehen. Nun bin ich
hier und bleibe hjer.
Mehr sage ich Dir heute nicht. Es ist nicht
einem Jeglichen beschieden, glücklich zu werden auf der
Erde, seine Ideale verwirklicht zu sehen, seine höchsten
Wünsche zu erreichen. Es giebt Epistenzen, die, wie
manche Pflanzen, für den Schatten geschaffen sind:
farblose Epistenzen, die des Künstlers Aug' nicht lang
erfreuen, wenn sie es auch auf eine kurze Zeit beschäf-
tigen können. Eine solche farblose Natur bin ich.
Wohl mir, daß die Strahlen seiner Schbnheit und
einer großen Liebe mich getroffen haben! Sie leben
und wirken unablässig in mir fort. Ich kann und werd'
es nicht bereuen, daß ich ihn abgehalten habe, ihn, in
dem sich mir mein Ideal verkörpert, noch einmal
seines Vaters Zorn auf sich zu laden, sich um meinet-
willen in Zwiespalt zu bringen mit der Welt, in der
er lebt, um sich an eine Frau zu binden, der es das

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Herz gebrochen haben würde, ihn auch nur in einen
Stunde es wünschen zu sehen, daß er nicht eben dies:
Wahl, daß er eine andere getroffen hätte.
Und nun denke meiner mit der gewohnten Güüte
und ohne jede Sorge. Daß es mir nicht beschieden
sein könne ihn zu besitzen, das habe ich mir an jeden
Tage gesagt und wiederholt, seit ich jhn sah und liebte
und ich war gefaßt in dieser Erkenntniß, gefaßt und
ergeben. Aber ihn verlieren zu müssen, nachdem ich
ihn besessen hatte, das würde mein Tod gewesen sein
Ich wußte, was ich that, als ich von ihm ging
und ich wußte, warum ich's that. Ich bin noch müde
von dem schweren Kampfe gegen mich selbst -- müde
und auch traurig; indessen mein Gewissen ist ruhig, und
hier ist es einsam und still genug, sich in sich selbst zurecht
zu finden, ohne Andere sehen zu lassen, daß man leidet.
Bin ich gesammelt genug, mich bei Dir einzu-
stellen, so komme ich von selbst zu Dir.-- Ich denke,
Du wirst mich nicht weniger freundlich willkommen
heißen, weil ich nun selber aus eigenster Erfahrung
von dem Glück und von dem Leid zu sagen weiß, die
Du uns so oft geschildert hast.