Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 18

se Betenntnisse der beiden theuren Menschen
lagen vor mir. Ich brauchte mich nicht lange zu be-
denken, was mir hier zu thun oblag. Es galt wieder
einmal einen Roman zu einem befreienden und beglücken-
den Abschluß zu bringen.
Noch an demselben Abende sendete ich Magdalenens
Brief nach Nom, und Benvenuto's schriftliche Erinnerungen
in das stille Haus, in welchem das treffliche Mädchen
segensreich nnd voll Entsagung waltete und wirkte.
Wenige Monate später fand Magdalenens Trauung
mit dem Grafen Armero statt, zog die junge, deutsche
Hausfrau als Herrin ein, in den alten römischen
Palast, in dessen prächtigen, von alter und neuer
Kunst geschmückten Näumen sie in ungetrübtem Glücke
lebt seit der Stunde, da sie ihn zuerst betreten hat.

A
Monsignore Arrigo war während der ersten Jahre
ihrer Ehe noch am Leben, und noch geistesfrei und
geistesfrisch genug, die Gesellschaft, welche sich über des
Grafen Heirath mit einer Deutschen, mit Magdalenen,
sehr verwunderte, nach des alten Grafen Beispiel mit
den Worten zu beschwichtigen, daß jeder Armero seinen
Kopf und seine besondere Grille habe.
Donna Carolina, so geneigt sie der Nomantik
auch noch in ihrem vorgeschrittenen Alter war, konnte
sich jedoch in diese neue Laune des Grafen gar nicht
finden. Sie verlangte, Monsignore Arrigo solle ihr
erklären, weshalb Benvenuto eben auf diese Wahl be-
standen habe. Und man erzählte, daß er ihr mit seinem
unzerstörbaren sarkastischen Humor darauf erwidert habe:
Was wollen Sie? was ist da zu erklären? Man bedarf
doch endlich einer kleinen Abwechselung. Sonst bekehrten
unsere römischen Jesuiten die deutschen Frauen, jezt hat
einmal eine Deutsche die Sache umgedreht. Donna
Magdalena hat das Wunder vollbracht, einen Römer
zu bekehren, indem sie Don Benvenuto zu dem Muster
eines treuen, würdigen Familienvaters machte. Wenn
der gute Pater Cyrillus nicht schon heute darauf anträgt,
Donna Magdalena dafür zu canonisiren, so liegt das

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nuur daran, weil weder er, noch Einer seines Ordens,
jezt in den Palast der Armero kommuen, und weil sie
also gar nicht wissen, welch eine Art von heiliger Familie
in demselben weilt.
Der innere Frieden und die Selbstbeschränkung,
welche mit seiner Ehe über Benvenuto gekommen, sind
seiner künstlerischen Entwickelung von großem Nutzen
gewesen. Sie prägen sich in allen seinen späteren Werken
aus. Seine rastlose quälende Unzufriedenheit mit dem,
was er geschaffen, hat einem besonnenen Urtheil, einer
strengen Selbstkritik Plaz gemacht. Er weiß jetzt, was
er will und muß. Er wird nicht mehr von einer idealen
Vorstellung zur andern fortgezogen, sondern beharrt mit
festem Sinne bei der jedeämaligen Arbeit, bis er sich
sagen darf, daß er geleistet habe, was ihu überhaupt
zu leisten möglich sei, daß er die Arbeit vollendet habe.
Er hat gelernt, sich wie jeder Künstler vor seinem
Werke zu bescheiden. Er lebt und webt in Schönheils-
freude und innerer Harmonie, und diese Seelenstimmung
verleiht seinen Gestalten den beruhigenden Zauber, den
die Antike auf uns ausübt.
Manche aber von unseren Landsleuten, denen diese
Blätter in die Hände kommen, werden bei dem Lesen
F. Lewald, Benwenuto. 1,

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derselben sich an die guten Stunden zu erinnern haben,
die sie zu Nom der Gastfreundschaft im Palazzo Armero
verdanken. Sie werden mit Freuden zurückdenken an
das edle Paar, das, von seinen stattlich aufbllhenden
Söhnen und Töchtern froh umgeben, sich eines Daseins
erfreut, welches man beneidenswerth nennen müßte,
wäre das Glick, das Benvenuto und Magdalena
mit einander bewusßt genießen, nicht zugleich ein
wohlverdientes.
E n d e.
Berliner BuchdruckereiActien-Gesellschan
Setzerinnenschule des Lette-Vereins.