Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 01

Ieh fand Arrigo bei seinem Frühstück sitzend, das
nach englischer Sitte reicher war, als wir Jtaliener es
einzunehmen gewohnt sind.
Er hieß mich mit ungestörtem Gleichmuth will-
kommen, und mich nöthigend, den Platz einzunehmen,
den er für mich hatte vorbereiten lassen, sagte er: Du
hast, wie ich hoffe, nach der gewaltsamen Erschütterung
am gestrigen Abende den nöthigen Schlaf in dieser Nacht
gefunden; aber Du hast viel Kraft verbraucht, und D
wirst gut thun, sie mit tüchtiger Nahrung baldigst zu
ersetzen. Im Nebrigen habe ich gestern bei Donnc
Carolina Deinen Vater und Deine Mutter gesehen, habe
der redseligen Fama rasch vorangehend, den Weg so fest
vorgezeichnet, den wir sie nehmen lassen wollen, daß

T
ein Abirren von demselben, ihr nicht recht möglich sein
wird. Denn in der That, man kann im Leben, das im
Grunde weit weniger ernsthaft ist, als unsere Eitelkeit
es nimmt, des Erfolges unter den Menschen immer
ziemlich sicher sein, wenn man ihnen, wie der geschickte
Taschenspieler die Augen stets dahin richtet, wohin sie
sehen sollen, und ihnen die Karte hinhält, die man von
ihnen gezogen haben will.
Wie ich meinen Freund kannte, durfte die Weise,
in welcher er zu mir sprach, mich nicht befremden, wenn
sie mich auch heute ebenso wie gestern, peinlich berührte,
aber an seine Worte anknüpfend, theilte ich ihm mit,
daß Pater Cyrillus, und in welcher Absicht und mit
welchen Vorschlägen, er bei mir gewesen sei, und wie
also das Gerücht von Gloria's Tod doch bereits seinen
selbständigen Weg unter die Leute genommen haben müsse.
Arrigo zeigte sich davon keinesweges überrascht. Sie
sind, wie die Maulwürfe überall und nirgends, und
wo sie eine lockere Stelle finden, tauchen sie sofort
emyor, sagte er. Ich war überzeugt, daß sie den Anlaß,
sich an Dich zu machen, nicht versäumen würden; und
wer will sagen, ob sie nicht in irgend einer Weise an
der wilden That der armen Gloria ihren Antheil haben!

Ich faßte seine Meinung nicht. Weißt Du, wer
der Beichtiger von Gloria war? erkundigte er sich.
Die Frage fiel mir auf; denn Gloria hatte iut
Laufe des verwichenen Winter ihren Beichtiger ge-
wechselt. Sie war bis dahin zur Beichte immer in das
Kapuzinerkloster gegangen, in dessen Nähe sie gewohnt
hatte, so lange sie bei ihrem Vater gewesen war. Sie
hatte mir auch oftmals erzählt, wie Pater Franziscus ihr
Ehrbarkeit und Treue in dem Verhältniß zu mir zur
heiligen Pflicht gemacht, wie er sie stets ermahnt habe,
durch einen frommen Lebenswandel den Heiland auszu-
söhnen mit der Abweichung von seinen Geboten, und
wie er sie dafinn belobt habe, daß sie die Messe nie
versäumt, daß sie wöchentlich gebeichtet und es an guten
Werken nicht habe fehlen lassen. Sie war dabei meist
heiter und zufrieden gewesen. Je fester ich aber rück-
wärts blickte, um so deutlicher erinnerte ich mich, daß
Gloria's Eifersucht, daß die Verdüsterung und Herbigkeit
ihrer Stimmung sich erst seit dem Zeitpunkte kund-
gegeben hatten, in welchem sie sich von dem friedfertigen
und nachsichtigen Kapuziner losgesagt, und in einer der
Jesuitenkirchen in der Nhe des Corso zur Messe und
zur Beichte gegangen war. Ich hatte damals auf diese

lenderung ugrer bisherigen Gewohnheit kein Gewicht
zelegt, denn Gloria hatte mir gesagt, daß der Weg
von ihrer Wohnung zu den Kapuzinern ihr jezt zu
weit sei; und da ich die Neigung der Frauen aus den
niederen Ständen kannte, sich, wenn sie gute Kleidung
haben, in den Kirchen sehen zu lassen, welche vorzugs-
weise von der vornehmen Welt besucht zu werden pflegen,
so hatte ich Gloria's Vorhaben mit dem neuen Shawl
tuch in Verbindung gebracht, das ich ihr zu ihrem
Namenstag gegeben. Ich hatte es deshalb nicht beachtet,
daß die Kirche, der sie sich zugewendet, in den Händen
der Jesuiten war, und daß sie den Berichtiger, dem sie
sich in derselben anvertraute, schon ehe sie den Wechsel
vorgenommen, in der Familie ihrer Wirthsleute hatte
kennen lernen, mit der er weitläufig verwandt war, und
der er sich, bald nachdem ich Gloria bei ihnen unter-
gebracht, näher anzuschließen begonnen hatte.
-Welch ein Leichtsinn! rief Arrigo, als ich mich
allmälig dieser Thatsachen erinnerte. Und Du kannst
Dich wundern, daß Pater Cyrillus in der Frühe bei
Dir par? Du kannst Dich wundern, daß er von Gloria's
Tode sofort Kunde hatte? - Du hast einen Jesuiten
um Erzieher:gehabt, und bist arglos genug ef-ee

Deine Geliebte einem jesuitischen Beichtvater zu über-
lassen, bis er ---
Sie in den Tod getrieben! rief ich, von neuem
Schmerze überwältigt.
Gemach, mein Freund! sagte Arrigo mit ernster
Abwehr, solchen Anschuldigungen soll man das Wort
nicht ohne festen Anhalt geben, nicht vor sich selber,
geschweige denn vor einem Anderen, wäre er auch, wie
ich, ein Freund dessen man sich sicher weiß. - Aber,
fügte er hinzu, während das Lächeln, das ihm selten
fehlte, wieder seinen Mund umspielte, ziehe Dir aus
diesem traurigen Ereignisse die Lehre, daß man eines
Weibes, welchem Stande und Bildungsgrade es an-
gehdre, und in welchem Verhältnisse es zu uns stehe,
sofern es der Kirche ergeben und gläubig ist, niemals
gewiß sein kann, wenn man mit dem Beichtiger desselben
nicht im Klaren, und mit ihm nicht in einem ver-
ständigen Einvernehmen ist. Der Character des Beichtigers
ist wichtiger für unsern Frieden, als der des Weibes,
dem wir huldigen oder das wir lieben. - Und nun,
mein Lieber, keine Rückblicke mehr, sondern vorwärts
und muthig vorwärts! Was hinter uns liegt, mußß
zurülckgelassen werden wie ein ausgewachsenes Kleid.




Wir können in die Vergangenheit doch nicht mehr zurück!
Also vorwärts!r=- vorwärts mit der Klugheit, welche
die Erfahrungen uns geben sollen! Am Tag die Arbeit
und' am Abend das Vergnügen! Wir speisen heute bei


Deinen Eltern, bringe eine möglichst klare' Stirne mit,
-
Deiner Mutter Augen zu erfreuen, und ihr zu beweisen,
daß Du es nicht ndthig hast, Dich für eine Weile zu
-
entfernen, wie sie es gegen Deines Vaters Meinung

gerathen hat und für Dich wünscht.
Ich aber griff diesen Gedanken meiner Mutter
lebhaft auf, denn er wär auch der meinige gewesen. Ich
- konnte meine Werkstatt nicht betreten, ohne Gloria's
- gntseelte Hülle vor mir zu gewahren, ich komnte den
Abguß der Armida und die anderen Gestalten, zu denen
Gloria mein Modell gewesen war, nicht ansehen, ohne
daß der Schmerz um sie mich immer wieder über-
mannte, und ich glaubte durch eine zeitweilige Ent-
fernung, durch das Aufnehmen neuer Eindrücke, mich
zerstreuen und beruhigen zu können; indeß Monsignore
Arrigo wollte das nicht gelten lassen.
-? ? Nichti doch! rief er, in einem für uns kritischen
Augenblick das Feld zu räumen, ist der grdßte Fehler.
Wö-wir unseren Platz verlassen, tritt das übelwollende
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Gerücht an die von uns geräumte Stelle. Nur wo
wir uns zu behaupten wissen, haben wir's in unserer
Hand, abzuwehren, was uns schaden könnte, heran-
zuziehen, was uns fördern muß. Und nun vollends mit
drei und zwanzig Jahren in dem Augenblicke davon zu
laufen, in welchem alle schdnen Augen sich auf Dich
richten, um anf Deiner Stirne die blasse Schwermuth
zu betrachten, die dem Helden eines solchen romantischen
Abenteuers ja nicht fehlen kann! Welch ein Einfall!
Vorwärts! Vorwärts an die Arbeit, und auf heute
Abend!
ktaaaeeuAszseeuiagef -
Weeegg»esSasSso