Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 02

Z bie Arbeit machte ich mich denn auch bald,
und sie kam mir treu zu Hilfe, sowohl wenn sie mir
glückte, mehr noch, wenn sie mir mißlang. Denn in
den mannigfachen Stunden, in welchen ich Noth und
Mühe hatte, die von Gloria zerstörte Gruppe wieder
herzustellen, kam ein Gefühl des Mißmuths und des
Zornes immer öfter gegen Gloria in mir auf. Ein
Todter aber, dem wir, aus welchem Grunde es immer
sein mag, zu zürnen beginnen, hat in unserer Erinnerung
ein verloren Spiel. Er kann sich nicht vertheidigen
kann nichts mehr vergüten. Die Lebenden und das Leben
stehen wider ihn, und Beide zeigten sich mir günftiger,
als ich's verdiente, ja, günstiger noch, als selbst mein
Freund in seiner Kenntniß und Geringschätzung der
Menschen und ihres Urtheils, es erwartet haben mochte.

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Schon am Tage nach Gloria's Bestattung hatte
das Zeitungsblatt, das unter dem Einflusse der Jesuiten
stand, den Tod der schönen Gloria in einer Weise er-
zählt, daß Jeder mich, und den Zusammenhang, in
welchem ich zu demselben stand, erkennen mußte, auch
ohne daß mein Name dabei genannt war; und die
- Darstellung war dabei doch wieder mit einem so hinter-
listigen Geschick abgefaßt, daß es zweifelhaft erscheinen
konnte, ob Gloria von meiner oder von der eigenen
Hand den Tod gefunden hatte. Der Bericht erzählte,
von einem Künstler, dem des Schöpfers Gnade ein
herrliches Talent für die Seulptur verliehen, der es
aber verschmäht habe, diese seine Gaben ausschließlich
zu Gottes Ehren anzuwenden, wie der Wille seiner
fcommen und hochangesehenen Eltern, die ihn der Kirche
und dem heiligen Orden Jesu weihen wollten, es für
ihn bestimmt hatte. Dafür werde er nun zur Strafe

unihergetrieben auf den Bahnen der Weltlust, sei in
Fallstricke und Versuchungen gerathen, in denen er
nicht; nur selbst erliege, sondern in welche er auch die
Vsgössin seiner Lust verstrickt habe, so daß nicht ein
gotßeliger, christlicher Tod, sondern ein Messerstich ihrem
Figen, Leben. ein schreckliches Ende gemacht habe. Ohne

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die Wohlthat des heiligen Sacramentes, ohne Gebet
und Absolution sei sie in ihrer Sündhaftigkeit dahin
gegangen und also einer Verdammniß anheimgefallen,
aus der selbst die Messen, welche die fromme Mutter
des Verführers der Todten zur Erldsung für ewige
Zeiten angeordnet, Mühe haben würden, sie in Jahr-
hunderten aus den Flammen des Fegefeuers zu befreien.
Der Artikel war völlig in dem Style gehalten, in
welchem die Bänkelsänger ihre Schilderungen der Mord-
thaten auf unseren Straßen abzusingen pflegten, und
wie diese machte er in jenen Tagen durchaus noch die
gewollte Wirkung auf das Volt. Meine Arbeiter,
meine Modelle, und die Frau und Tochter unseres
Thürstehers, denen sonst ein braöer Messerstich und der
Tod eines Menschen durch einen solchen, nicht eben als
etwas Ungewohntes oder Entsezliches erschienen, be-
trachteten mich mit einem gewissen scheuen Mitleid; und
wie man einem Kranken auch ungefordert ein Mittel zu
seiner Heilung vorzuschlagen wagt, faßte des Thürhüthers
Frau sich am Abende ein Herz, und ertheilte mir den
Rath, die nahe bevorstehende Osterwoche für mein
Seelenheil zu benutzen, und sie in einem guten Kloster
in büßendem Gebete zu verbringen.

Meinen Vater kränkte der Artikel mehr, als
Gloria's Tod, der ihm nicht ungelegen war, ihn kümmerte.
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Er erwähnte gegen mich indessen weder des Einen noch
des. Andern, aber er behandelte mich fremd und kalt,
--wie ich es von ihm erwartet und verdient hatte. In
einer. Unterhaltung aber, die er mit einem Freunde in
- meinem Beisein führte, warf er die Bemerkung hin,
? daß das Glück, Kinder zu haben, immer ein sehr
zweifelhaftes sei, besonders in den Ländern, in welchen
i man seinen unangetasteten Namen auf alle seine Söhne
, zu vererben habe, ohne zu wissen, wie sie ihn tragen
- und-zu ehren wissen würden. Meiner Mutter Augen
- füllten sich dabei mit Thränen, und wenn das lebhafte
ob, welches der Freund dem Gllcke meines Vaters
--spendete, dem Söhne wie die' seinen zu Theil geworden
wären, dem Vorwurf' auch die Spize abbrach, so hatte
-' ich seine Schärfe doch empfunden. Weniger noch als meine
Eltern schonten meine Geschwister mich.
; Was Wunder also, wenn ich meine ganze Familie,
- so viel ich konnte, mied? Wenn ich mich zu der
- Gesellschaft unserer vornehmen Welt hielt, die weit
- entfernt mich zu verdammen, mich mit offenen Armen
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aufnahm, und es gar nicht besser forderte, als mich mir
selber und meinem Schmerze zu entziehen.
Es war für die mythenbildende Phantasie dieser
- müßigen schönen Welt gar nicht genug, daß Gloria
ihrem Leben ein Ende gemacht hatte, es war vielmehr
nach ihrem Sinne und Geschmack, daß - wie der
Zeitungsartikel, es für möglich annehmen ließ - ich sie
in einem Anfall wilder Eifersucht erstochen hätte. War
doch Paganini der Held dieser Gesellschaft geworden,
weil man ihn eines ähnlichen, in langer Kerkerhaft
gebüßten Verbrechens schuldig sagte. Und was waren es
anders als Zügellosigkeiten und Vergehungen, welche in
Alexgnder Dumas! ,Geschichte der Dreizehn' das
schaudernde Entzücken der vornehmen Frauenwelt er-
regten? Es war Mode geworden, das Verbrechen als
ein Zeichen des Heroenthumes anzusehen. Man hatte
sich in eine Verehrung roher Kraft und Selbstsucht
hineinphantasirt, man erkannte denselben eine Freiheit
von jedem Zügel, von jeder Schranke des Gesetzes und
der Sitte zu, man schmachhtete nach starken Leidenschaften,
und war bemüht, dieselben in sich zu erzeugen, und sie
so viel als möglich kund zu geben, wenn man sie zu
empfinden glaubte.
F. Lewald, Benvenuto. 1.

- Wäre ich damals reifer, in mir gefestigter gewesen,
ich hätte mich mit Widerwillen abwenden müssen von
der zur Schau getragenen Geflissenheit, mit welcher die
Frauen mir begegneten. Aber ich war jung, frühe
künstlerische Erfolge hatten mich eitel gemacht, die
natürliche Auflehnung gegen die peinliche Strenge, mit
welcher man meine erste Jugend überwacht, und das
Beispiel der mich umgebenden Gesellschaft verleiteten
mich deshalb ohne Mühe, mich auch als ein Ausnahme-
pesen zu betrachten, und als solches mein willkürliches
Belieben als das einzige für mich zu Recht bestehende
Gesez zu halten.
- Fortgerissen von der eigenen wie von fremder
Leidenschaft und Thorheit, flossen mir die Jahre, welche
dem Tode Gloria's folgten, in einer Weise hin, an die
ich mich nicht gern erinnern mag. Es war mein Glück,
daß das schdpferische Verlangen des Künstlers und mein
Ehrgeiz in dem wilden Treiben nicht untergingen; und
frgge ich mich ehrlich, was mich rettete, so war es
schließlich jene Unzufriedenheit mit Allem was ich
geschaffen hatte, jenes grübelnde Zweifeln an mir selber,
die ich doch wiedex oft genug als einen unheilvollen
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Zug in meiner Natur zu beklagen und von öenen ich
immer auf das Neue zu leiden hatte.
Ich habe mich später, wenn ich jener Zeit gedachte,
oft vergebens bemüht, einen Ausdruck zu finden, welcher
meinen damaligen Zustand mit wenig Worten wieder-
gäbe, und weiß ihn auch heute noch nicht anders zu
bezeichnen, als indem ich sage: meine Phantasie war
unbeständig, war leicht zu fesseln und zu beherrschen,
aber mein Herz und mein Gedächtniß waren beständiger
als meine Phantasie. Meine Erinnerungen traten den
neuen Eindrücken, die Vergangenheit trat dem Reiz des
Augenblickes stdrend in den Weg. Dadurch glaubte
ich weder an die Liebe, die ich fühlte, noch an jene, die
man mir entgegenbrachte, recht von Herzen. Ich genoß
sie, ohne den Glauben an die Dauer der Empfindung,
welcher der Liebe doch allein die Begeisterung und die
Würde verleiht. Und wie der Augenblick mich auch zu
berauschen, wie in raschem Wechsel Schdnheit, Geist und
Anmuth mich auch hinzureißen vermochten, dennoch
tauchte die melancholische Erinnerung an Gloria immer
wieder in mir empor, und, wurde endlich recht eigentlich
zu meiner Retterin. Denn das Leben, welches ich führte,
die Gesellschaft, in der ich mich bewegte, und der sie
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beherrschende Geschmack, waren nicht ohne Einfluß auf
meine künstlerische Laufbahn geblieben.
Zierliche Schönheit, feingliedrige Gestalten hatten
mich verlockt, sie in Marmor nachzubilden. Canova's
Beispiel war ohnedies verführerisch genug; und die
Vorliebe oberflächlicher Kunstkenner, der kauflustigen,
fremden Mäcene, that auch bei mir das Ihre, dem
weichlich gefälligen Style und Genre Vorschub zu leisten,
den die neuere Bildhauerschule meines Vaterlandes zu
großer Fertigkeit in sich ausgebildet hat.
Ein paar Figürchen, in denen diese oder jene von
mir gefeierte Schönheit eine Erinnerung an ihre Reize
dankbar wieder zu finden glaubte, waren mit Hilfe
unserer geschickten Marmorarbeiter immer bald gefertigt.
Sie ernteten um so größeren Beifall, je leichter sie in
einent Saale oder Cabinette unterzubringen waren,
je weniger ernsten Sinn und ernste Betrachtung sie
begehrten.
Ich konnte den Anforderungen, welche die Kauflust
an mich stellte, weitaus nicht genügen. Man zahlte
mir für die kleinsten Arbeiten Preise, die den Werth
derselben nach meiner Ansicht beträchtlich übertrafen;
und obschon gerade in jenen Tagen eine Umgestaltung

in meiner Lebenslage eintrat, die mich jeder Noth
wendigkeit enthob, um des Erwerbes willen zu arbeiten-
stand ich, verlockt von der Leichtigkeit des Geldgewinnes,
wie von der Geldverschwendung, an die ich mich ge-
wöhnte, durchaus in der Gefahr, auch als Künstler mir
selbst entfremdet zu werden, herabzusinken unter die
Erwartungen, zu welchen meine ersten Arbeiten be-
rechtigt, und die großen Ideale aus dem Gesichte zu
verlieren, zu denen ich mein Auge bei dem Beginn
meiner Künstlerlaufbahn mit so ernster Sehnsucht empor-
gehoben hatte.
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