Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 03

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Ich hatte meine Werkstatt noch immer in Arrigo's
Hause, aber seine Gllte hatte mir eine andere Wohnung
in demselben eingeräumt, die er mir selber hergerichtet
hatte; und da die heimische Gesellschaft und mein leb-
hafter Verkehr mit den Fremden mich sehr in Anspruch
nahmen, war ich auch nicht mehr sein täglicher Tisch-
genosse wie vordem.
Er ließ mich darin völlig frei gewähren, denn
eben weil ich ihm so tief verpflichtet war, hielten ihn
seine Großmuth wie sein Stolz davon zurück, mir als
ein Richter entgegenzutreten. Eine andere Seite seines
Wesens aber hinderte ihn, mir es offen auszusprechen,
wie es zu thun sein Recht gewesen wäre, daß er weder das
Leben, welches ich führte, noch die klinstlerische Richtung
billigte, in die ich hineingerathen war.

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Was ihn in meinem Thun kränkte, war im Grunde
die Planlosigkeit desselben. Auch er war genußsüchtig
gewesen und war es noch; aber der ihm angeborene
- Schönheitssinn ersetzte in ihm den innern Halt, welcher
der Mehrzahl der Menschen entweder durch die Religion
- oder durch das von ihnen anerkannte Sitten- und
Moralgesez gegeben wird. Er blieb im Genusse
immerdar wählerisch, edel und Herr über sich selber, weil
- er sich selbst und die Gestaltung seines Lebens eben auch
mit edlem Künstlersinn behandelte. Das machte ihn,
großmüthig und zu raschem Einschreiten geneigt, wo es
nach -seiner Meinung Gutes oder Schönes zu fdrdern
- galt; aber es entsprang aus diesen seinen Eigenschaften
auch eine Scheu vor unangenehmen Berührungen oder
-' peinlichen Erdrterungen, die bis zur Schwäche gehen
konnte; und ich fühlte, daß er mich nicht mehr so wie
früher suchte, um nicht sehen und nicht tadeln zu müssen,
pas zu billigen er nicht vermochte.
, Jedoch dies Ermahnungen, die er mir zu ertheilen
Bedenken trug, die Aufforderung zur Einkehr in mich
-Helbst, sollten mir darum nicht fehlen; denn während ich
- in-wechselnder Zerstreuung mir selber zu entfliehen
suchte, waren in rascher Folge schwere Schicsalsschläge
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auf meiner armen Eltern Haupt und unser Geschlecht
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herniedergefallen.
Wenige Wochen nach dem Tode Gloria's hatte
meinen zweiten Bruder, der in der Armee des Papstes
diente, ein jäher Tod ereilt. Er war bei einem Streif-
zuge, den man gegen eine versprengte Insurgentenbande
angeordnet hatte, von der Geliebten des Bandenführers
meuchlings erschossen worden; und nicht zwei volle
Jahre waren nach dem verflossen, als eine in Rom
mit verheerender Gewalt auftretende Krankheit, auch
meinen älteren verheiratheten Bruder hinwegraffte, nach-
dem sie ihm wenige Tage zuvor den einzigen Sohn
entrissen hatte.
Damit trat ein Stillstand in dem Strudel des
Lebens ein, der mich bis dahin in seinem wüsten Wirbel
rastlos umhergetrieben hatte. Wider alle Wahrschein-
lichkeit fand ich, den man- in der Kirche zu versorgen
getrachtet, um das Gesammt-Vermögen der Familie
dem ältesten Sohne ungeschmälert zu erhalten, mich
plötzlich an seine Stelle versetzt, und als den künftigen
Besizer des Familien-Majorates. Es war ein großes
Erbe, das mich in diesem Falle aber nicht erfreuen
konnte.
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Ich hatte meine Brüder trotz der Altersverschieden-
heit, welche uns trennte, und trotz der abweichenden
Ansichten und Meinungen, welche zwischen uns herrschten,
lieb gehabt. Ich sah die Mutter schmerzzerissen, ich
wußte, daß der Vater meinen Tod weit weniger schwer
empfunden haben würde, als den seiner beiden älteren
Söhne; und da ich meinen Stolz darein gesetzt hatte,
meines Gllckes eigener Schmied zu sein, hatte ich an
das väterliche Erbe nie gedacht, es nie begehrt.
Jetzt erhielt ich in meines Vaters Augen eine
völlig veränderte Bedeutung. Auf mir beruhte nun
seine Hoffnung, den Namen der Armero's fortgepflanzt
zu sehen, aber wie ich mich dem Vater in der uns
Allen gemeinsamen Trauer um die Hingegangenen auch
anzunähern versuchte, konnte ich ihm kein Ersatz für die
Verlorenen werden, um so weniger, weil ich seiner bestimmt
gestellten Forderung, fortan auf die Ausübung meiner
Kunst, und vor Allem auf die Verwerthung und den
Verkauf meiner Arbeiten zu verzichten, nicht willfahren
durfte.
Ich konnte nicht lebenslang für mich allein
arbeiten, konnte mir auch die Ausführung jener größeren
Arbeiten nicht zur Unmöglichkeit machen, welche selbst

der begüterte Privatmann aus eigenen Mitteln herzu-
stellen sich nicht lange zu gestatten vermag, während es
das berechtigte Verlangen des Bildhauers sein muß,
nBedeutende monumentale Arbeiten als ein Zeichen seines
Könnens, auf die Nachwelt übergehen zu lassen, und
sich in ihnen seine Fortdauer über den Tod hinaus zu
sichern.
Der schwarze Flor, welcher das alte Wappen über
dem Portal meines päterlichen Palastes verhüllte, war
nur eine schwache Andeutung der Trauer und der
Düsterkeit, die in demselben herrschten. Meine ver-
wittwete Schwägerin war mit ihren beiden Töchtern
zu ihren Eltern nach Florenz gezogen. Mein Vater, der
das Gllick, das er besessen, immer als sein Recht und
sein. Verdienst betrachtet hatte, sah das Unglück, welches
ihn getroffen, wie eine Art von Ehrenkränkung an, die
ihn, in den Augen, der Menschen herabsetzen mußte.
Er mochte seine Freunde, denen ihre Söhne lebten, nicht
mehr um sich sehen. Er gxollte mit der Welt und mit
dem Himmel, während meine Mutter, ihr von Gott so
schwer getroffenes Geschlecht, durch ihre fromme Unter-
werfung unter seinen Willen mit ihm auszusdhnen
trachtete. Mit der ganzen Fülle ihrer Mutterliebe

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klammerte sie sich jetzt an mich, an den letzten Sohn,
der ihr geblieben war; und doch konnte sie sich des
auälenden Gedankens nicht entschlagen, daß der Himmek
an dem Hause die Misseihat räche, zu welcher Gloria
durch mich getrieben worden war, und daß nur meine-
Bekehrung zu Gebet und Buße das Unheil von ihr
abwenden könne, auch mich sterben und das Geschlecht,
das so statilich dagestanden hatte, noch vor ihrem und .
des Vaters Ende völlig erlöschen zu sehen.
Sie war wie umgewandelt, und ich hatte keine
Mühe, mir die Gründe ihrer Sinnesänderung zu erklären.
Das Gllck, das sie von Jugend auf begünstigt, hatte
sie in ihrer Weise schön entwickelt. Ihr ganzes Wesen
war auf Frieden und auf Heiterkeit gestellt; und weil
sie in ihrer Herzensgüte das Bedürfniß fühlte, Alles
um sich her, wo möglich in gleicher Verfassung zu sehen,
überwand sie sich gern und mit Freundlichkeit, wo es
darauf ankam, Andere zufrieden zu stellen. So war
sie meinem strengen und gebieterischen Vater eine ergebene
Gattin, ihren Kindern eine zärtliche Mutter, und mir
eine Fürsprecherin und Beschützerin geworden, als es
darauf angekommen war, mir die ersehnte Freiheit zu
verschaffen. Selbst ihre Gottesverehrung und ihre
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Frdmmigkeit hatten den Character heiterer Dankbarkeit
in sich getragen. Auch sie hatte sich ihres Gllckes
gern, aber mit demüthigem Sinn zu rühmen geliebt.
Meine Erfolge hatten sie gefreut, und über die Unregel-
mäßigkeit. meiner Lebensführung hatte sie so viel als
möglich fortgesehen. Denn obschon selber rein und edel,
und strenge gegen sich von Jugend auf, hatte sie den
Anderen gegenüber nie engere Sitten- und Moralbegriffe
kund gethan, als die Gesellschaft, in welcher sie geboren
war, und in deren Mitte sie lebte. Ihre Duldsamkeit
überließ sich gern dem Glauben, daß man die männliche
Jugend, sofern in ihr ein guter Kern sei, ruhig
gewähren lassen müsse, um sie dann früher oder später,
aus eigener Einsicht auf den rechten Weg und in die
gebührenden Grenzen zurückkehren zu sehen. Wie hätte
sie sich also um meinetwillen mehr Sorgen machen, oder
von ihtem Sohne, dem seine lebhafte Phantasie bei
ihr zur Entschuldigung gereichte, schlimmer denken und
weniger Gutes hoffen sollen, als von der Jugend
überhaupt?
Aus diesem heiteren Seelenfrieden hatte sie das
Unglick aufgeschreckt. Sie war sich keiner eigenen
Schuld bewußt. Sie hatte in ihrem frommen Gottes-
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dienste niemals nachgelassen, und vor den schweren
Verlusten, die sie erlitten, zusammenschaudernd, drängte
sich in ihrer Schmerzzerrissenheit der verzweifelnde Ruf
auf ihre Lippen, dessen sich selbst der Gottessohn am
Kreuze nicht enthalten kdnnen: Gott! mein Gott!
warum hast Du mich verlassen? -- Ihr diese Frage
auf seine Weise zu beantworten, hatte es aber an dem
rechten Manne nicht gefehlt.
Pater Cyrillus hatte nur gethan, was die natür-
lichste Empfindung und die Pflicht der gewöhnlichsten
Höflichkeit von ihm gefordert, als er gekommen war,
der Familie, deren Hausgenosse er zehn Jahre lang
gewesen, seine Theilnahme an ihren Verlusten auszu-
drücken. Ebenso natürlich und eben so selbstverständ-
lich war es gewesen, daß das in seinem Grame über-
strömende Mutterherz sich auch ihm erschlossen, daß
meine Mutter auch ihm die Frage aufgeworfen hatte:
was habe ich denn verschuldet, daß der Himmel mich
und mein Geschlecht mit solchem schweren Zorne heim-
fucht? Was kann und muß ich thun, ihn zu versöhnen,
damit mir nicht auch der lezte meiner Söhne entrissen
werde?
Er hatte auf diese Weise mit der Trauernden ein

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leichtes Spiel gehabt. Nur eine geringe Neberredung,
ja eigentlich nur die Andeutung einer solchen Möglichkeit
hatte es ihn gekostet, um meiner armen Mutter die
Neberzeugung aufzudringen, daß der Himmel ihr die
Söhne in der Fülle ihrer Manneskraft und das auf-
bllhende Leben ihres Enkelsohnes nur deshalb entrissen
habe, weil sie von weltlichem Verlangen dazu angetrieben,
sich dereinst geweigert, ihm den Sohn zu weihen, der
von der Stunde seiner Geburt an, dem Dienste der Kirche
und ihrer Verherrlichung, in den Reihen der Gesellschaft
Jesu, bestimmt gewesen war. Diese Vorstellung hatte
einen furchtbaren Eindruck auf ihr ohnehin zerschlagenes
Herz gemacht. Ihr ganzes bisheriges Verhältniß zu
ihrem Schöpfer war dadurch erschüttert worden.
Sie hatte bis in das Alter hin ihren Gott als
einen gütigen Gött geliebt, Pater Cyrillus lehrte sie
zittern vor dem unerbitklichen Nichter, der die Missethat
des Einzelnen vergilt und rächt bis in das zehnte Glied;
und in der Furcht vor einem solchen erbarmungslosen
und rächenden Gotte, brach meiner armen Mutter Kraft

zusammen.
Es war vergebens, daß Monsignore Arrigo, der

sonst großen Einfluß auf ihre Denkungsart geübt, sie
, E. Lewald, Benvenuto. 1.

aufzurichten versuchte. Es fruchtete jetzt nicht mehr das
Geringste, wenn er ihr zu beweisen trachtete, wie auch
andere unter den edlen Geschlechtern unseres Landes
von ähnlichen Geschicken getroffen worden seien, und wie
sie, wenn die Fortdauer unserer Familie ihr am Herzen
liege, mich zu gewinnen, mich fester als je zuwor an sich
zu fesseln, und zu meinem eigenen Heile, wie um der
Erhaltung unseres Namens willen, mich dahin zu
bestimmen trachten müsse, je eher, je lieber eine an-
gemessene Heirath einzugehen. - Meine Mutter hatte
bald nur noch den einen Gedanken und den -einen
Wunsch, den sie immer wieder vor mir auszusprechen jetzt
als ihe heilige Pflicht ansah: meinen Eintritt in den
Orden Jesu.
Ihr Zustand ward allmälig hdchst beklagenswerth.
Ihr bis dahin trotz ihrer vorgeschrittenen Jahre immer
noch gesunder Körper, ihre edle matronenhafte Schönheit
litten unter ihrem Seelenleid, unter den finsteren Vor-
spiegelungen, mit welchen Pater Cyrillus ihre Phantasie
erfüllte; und da heidnische Bilder ihr neben denen des
christlichen Mythus stets geläufig gewesen waren, kam
sie unablässig darauf zurück, sich als eine Niobe zu be-
zeichnen, deren eitle Selbstwilligkeit des Himmels Zorn

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auf sich geladen, der ihr letzter Sohn genommen werden
würde, wenn er nicht des Gnadenschatzes theilhaftig zu
werden suche, der von den frommen Vätern der Gesell-
Fchaft Jesu angesammelt, erldsende und büßende Kraft
für die Genossen der Gemeinschaft'in sich trage.
Weder meine feste Erklärung, daß ich nicht daran
dächte, mich in irgend einer Weise dem Orden zu ver-
, binden, noch der Unwille meines Vaters, der seine Ab-
sichten mit mir, durch die Einreden meiner Mutter,
wenn auch nicht gehindert, so doch verzdgert zu sehen
fürchtete, vermochten sie, ihre bittenden Ermahnungen
einzustellen. Sie die sich einst gefreut hatte, mich dem
Weltleben wiedergegeben zu sehen, konnte jetzt mit
flehender Beschwörung in mich dringen, der Welt zu
ß entsagen, um Buße zu thun für meine Brüder, für
meines- Neffen Tod, und flr Glorias frühes selbst-
mörderisches Ende.
Nicht nur die Freude war aus meinem Vaterhause
entschwunden, auch die Eintracht meiner Eltern war
zerstört, und ein finsterer Geist waltete Allen erkemnbar
und doch spukhaft an- der Stätte, an welcher Dank
meiner freundlichen Mutter und der edeln zaftlichkeit
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meines Vaters, bis dahin ein großer Kreis von Menschen
sich oft und gern versammelt hatte.
Mein Vater, der jetzt noch weniger als in seinen
jüngern Jahren Widerspruch ertragen konnte, war gegen den
Pater Cyrillus, auf den er bis dahin immer viel ge-
halten, und in dessen Character und Einsicht er ein
großes Vertrauen gesetzt hatte, mißtrauisch geworden, um
der Herrschaft willen, die er über meine Mutter gewonnen
hatte. Er würde deshalb sicherlich nicht angestanden haben,
ihm den Eintritt in sein Haus zu wehren, hätte er
nicht gewußt, daß er damit der Einwirkung des Paters
auf die Gesinnung meiner Mutter keine Schranken setzen
konnte, und das um so weniger, da meine Mutter sich
mehr und mehr dem Verlangen überließ, der Welt ganz
zu entsagen, und in kldsterlicher Einsamkeit Buße zu
thun, für ihre und für meine Sünden.
Sie machte es endlich zu einer ausdrücklichen Be-
dingung ihres Verbleibens in der Welt, daß ihr der
Beistand des Paters ganz nach ihrem Bedürfen gewähr-
leistet würde, und unter seiner Leitung lebte sie in
unserem Hause bereits wie hinter Klostermauern. Sie
hatte das Zimmer, das sie seit der Trauerzeit aus-
schließlich bewohnte, jades Schmuckes und jder Bequem-

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lichkeit berauben lassen. Sie genoß bei den Mahlzeiten,
die mit uns gemeinsam einzunehmen mein Vater sie
kaum noch üüberreden konnte, nur die geringe Kost,
welche die strengste Observanz verordnet. Sie verließ das
Haus nur noch, um die ihr von dem Pater vorge-
schriebenen guten Werke ausüben zu gehen, und selbst
mit ihren beiden nächsten Freunden, mit Monsignore
Arrigo und mit Donna Cgrolina, fing sie an, sich den
Verkehr allmälig zu versagen. Denn der Pater hatte ihr das
Geflhl herzlicher vertrauender Freundschaft, welches sie
seit ihrer Jugend mit Arrigo verbunden, zu verdächtigen,
und sie gegen Domna Carolina mißtrauisch zu machen
verstanden, weil dieselbe meine Neigung, mich der
Kunst zu weihen, von Anfang an begünstigt, und die
Veranlasung zu meiner Bekanntschaft mit Gloria ge-
boten hatte.
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