Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 05

Fünstes Capilel.

Pz« Ruhe, zu meiner Arbeit zurüchukehren, wollte
mir nicht kommen. Die Vorstellungen, welche Donna
Carolina in mir angeregt, beschäftigten mich. Ich ging
in meiner Werkstatt auf und nieder, ließ die Augen
über Fertiges und Werdendes in zerstreutem Betrachten
hingleiten, und dazwischen kam es mir selber nothwendig
vor, mich zu verheirathen, weil ich der Stammhalter
unseres Hauses geworden war.
Ich hatte mich um das Fortbestehen desselben bis-
her nie viel gekümmert, oder gar gesorgt; einmal, weil
man es als gesichert ansehen konnte und zweitens, weil
die Anerkennung, die man mir etwa um meiner Ahnen
willen zollen mochte, mich nicht eben reizte. Ich lebte
freilich in der vornehmen Gesellschaft, aber in ihr wie
in den Kreisen der Künstler, hatte ich seit Jahren meine

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Geltung nicht als Mitglied des Hauses der Armero,
sondern als ein geschickter Bildhauer gefunden, und ob-
schon ich gewohnt war, mich, wohin ich immer kam,
als einen Gllcklichen bezeichnen zu hören, und mich auch
als einen solchen zu betrachten, fühlte ich mich gerade
seit der Unterredung mit Donna Carolina niedergeschlagen,
und ergriffen von einem Wunsche nach beruhigteren Zu-
ständen, als sie sich mir geboten, oder als ich sie mir
bisher zu bereiten verstanden hatte.
In meinem Elternhause lasteten die aristokratischen
Vorurtheile meines Vaters und die trübe, immer kirch-
licher werdende Frömmigkeit meiner Mutter schwer auf
mir. Die Auszeichnung, die ich in der Gesellschaft er-
fuhr und die mich Jahre lang in hohem Grade be-
friedigt, fing an, ihre Bedeutung für mich zu verlieren.
Donna Carolina aber war mir eben heute als die nicht
erquickliche Verkörperung jener Gesellschaftskreise entgegen-
getreten, die sich die große Welt zu nennen lieben, ob-
schon sie sich von der Allgemeinheit strenge abzusondern
trachten.
Dieser Gesellschaft nun sollte ich mich durch die
für mich geplante Ehe eng anschließen, dauernd ver-
binden! - Aber was hatte diese Gesellschaft mir bisher

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geboten? Was hatte ich in ihr gefunden und gesucht?
-- Vorurtheile, welche ich nicht theilte, einen zerstreu-
enden Genuß, und die- immer neue Nahrung einer
äußeren Eitelkeit, die eben, weil sie eine solche war, auch
unersättlich und unbefriedigt bleiben muste.
Nun sollte durch eine Heirath meinem Leben eine
neue Gestalt gegeben werden und ich richtete meinen
Sinn bedächtig darauf hin. Ich kannte die Weise,
in welcher man Ehen wie die gewollte abzuschließen
pflegte. aF kontte darauf rechnen, das Bild meiner
N,
Zukünftigen zu sehen, einen oder den anderen kindlichen
Brief an ihren Vater oder ihre Tante lesen zu dürfen, und
wenn man sich meiner Zustimmung versichert hatte, sie
aus dem Kloster in ihr Vaterhaus zurückkehren zu sehen,
aus welchem ich sie dann nach wenig Wochen und
kurzen, flüchtigen Begegnungen unter der Aufsicht ihrer
Tante, als Gattin in unser Haus zu führen hatte.
Ich konnte darauf hoffen, ein reines, schuldloses Kind
in ihr zu finden, aber auch Donna Carolina und die
meisten unserer Frauen waren einst aus eines Klosters
Mauern rein und schuldlos in das Leben eingetreten, und
was hatte dte Gesellschaft aus Carolina werden lassen,

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was hat sie aus nur zu vielen der Ehen gemacht, die
unter ähnlichen Bedingungen geschlossen worden waren?
Ich sollte einem Kinde meine Zukunft anvertrauen,
das ich nicht kannte, für dessen einstige Entwickelung sich
noch keine Art von sicherer Aussicht geben ließ; und
weil Reichthum und ein alter Name mir zur Seite
standen, war man gewillt, mir das Schicksal eines
jungen Mädchens in die Hand zu geben, das in seiner
Neinheit zurückschrecken mußte vor den Erlebnissen, die
meine Vergangenheit erschüttert hatten. Wer konnte
ihm, wer konnte mir verbürgen, daß eine wirkliche Zu-
neigung sich zwischen uns entwickeln, daß sie stark genug
sein werde, uns dauernd an einander zu fesseln? -
Ich hatte gelernt, mir zu mißtrauen; was berechtigte
den Vater der jungen Marchesina, besser von mir zu
denken, als ich selbst es that? Wie mochte er, der vor-
gab, seine Gattin in unwandelbarer Treue noch über
das Grab hinaus zu lieben, über sein einzig Kind ver-
fügen, als habe es keinen eigenen Willen und kein eigen
Herz? Ich fühlte Mitleid mit dem Mädchen! Gab es
der liebeleeren Ehen in der großen Welt nicht ohnehin
geng? Oder nahm man in ihr wirklich an, daß die

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Ehe Nichts sei, als eine Nebereinkunft zur Macht- und
Besizvergröserung der Familien, und daß die Liebe und die
Leidenschaft erst über dem Verbrechen des Ehebruches
ihre Herrschaft geltend machen dürften?
In dem Augenblicke traf mein Auge auf die Blste
Gloria's, die ich in liebetrunkenen Tagen einst gemacht,
und das Herz wallte mir auf in schmerzvoller Gluth.
Waö wußte die große Welt und die Frauen, die
ihr angehören, von der reinen, starken Liebe, in welcher
Gloria mein geworden war, aus freiem, eigenem Müssen,
ohne den Hinblick auf das, was ich ihr an Hab und
Gut und Namen zu gewähren hatte? Oder welche von
den Frauen dieser großen Welt besasß die schlichte Grösße
jenes Mädchens auus dem Volke? Sie erschienen mir wie
bleiche Schatten, ihr Lieben und ihr Leiden wie ein
Spiel, neben der antiken Einfalt Gloria's. Alles an
ihr war einheitlich und wahr gewesen, das Gllck sowie
das Leid. Es war ihr keine andere gleich!
Eine tiefe, gewaltige Sehnsucht nach der Verlorenen
bemächtigte sich meiner. Ihre großen Augen blickten
unter den breiten, schweren Lidern tiefsinnig nach mir
hin; ihr stolzer, festgeschlossener Mund schien mich zu
fragen: was hast Du geschaffen und was bist De ge-

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worden, seit Dein Auge mich nicht mehr sah, seit Dein
Sinn sich abgewendet hat von der strengen Schönheit,
deren tadelloses Vorbild Du in mir besessen hast?
Sie standen in der Werkstatt vor mir, in kleinen
Hilfsmodellen, in vollen Abgüüssen, das Grabdenkmal
und die zahlreichen Figuren, welche in den letzten Jahren
aus meiner Werkstatt hervorgegangen waren - Alle
zierlich, Mlle weichlich, wenn ich sie mit meinen ersten
Arbeiten verglich, Alle die leichtsinnige Heiterkeit deö
Lebens auf der Stirne!- Ich mochte sie nicht sehen!
Ich konnte mich selber nicht begreifen, es fiel wie ein
Schleier von meinen Augen. Hätte ich sie mit einem
Schlage vernichten, sie ungeschaffen machen und hinweg-
zaubern können aus dem Besiz derjenigen, in deren
Händen sie sich befanden, es hätte mir das Herz er-
leichtert. Die sanften Mienen, die lächelnden Lippen
schienen mein zu spotten. Ihnen und uir selber zu
entfliehen, eilte ich von dannen.
Es war hoher Mittag, der Sonnenschein des
winterlichen Tages lockte mich in die Straße hinaus.
Ieh ging die Höhe hinan; die Villa Ledovisi war ge-
öffnet, ich hatte sie lange nicht betreten, das Museum
lange nicht besucht, die hehren Gestalten lange nicht ge-

e
sehen. Die Erhabenheit des Junokopfes, die Gewalt der
einfachen Größe in den antiken Bildwerken wirkte auf
mich wie in den Zeiten, da ihre Herrlichkeit mir zu-
erst verständlich geworden war. Ich konnte mein Auge
nicht sättigen an ihrer feierlichen Schönheit, und ging
erst von dannen, als eine Gesellschaft vornehmer Eng-
länder, die ich kannke, in das Museum kam und sich
mir zugesellen wollte.
Planlos, wie ich meine Werkstatt verlassen hatte,
schlenderte ich weiter, über den Barberinischen Plaz
hinweg, die Straße nach Santa Maria Maggiore hin-
auf, an Gloria's einstiger Wohnung vorüber. Ihre
Fenster glitzerten im Sonnenschein, aber keines war ge-
öffnet, und sie stand nicht mehr am Fenster, meiner
wartend, um mit mir hinauSzuziehen ans den Manern
der Stadt in die weithin lockende Ferne der Campagna,
die sie mit ihrem Vater einst durchzogen kreuz und guer,
von Ort zu Ort; und in der an meiner Seite umher-
zuwandern ihre grdßte Lust gewesen war.
Stundenweit, meilenweit waren wir so gegangen,
sie erzählend, ich horchend in liebevollem Staunen, denn
sie wußte und kannte von der Welt und von den:
Leben nichts, als was sie selbst gesehen und erlebt hatte,

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aber sie erzählte das Erlebte mit einer plastischen Kraft
und einer Ungeschmücktheit, daß man nie vergessen
konnte, was man von ihr einmal gehört. Es war mit
ihr nicht lange zu verkehren, ohne daß man sich der
Natur genähert, der Wahrheit wiedergegeben fand, von
denen unsere künstliche Erziehung und die uns zur Ge-
wohnheit gewordenen Formen gesellschaftlicher Lüüge, uns
entfernen.
Der Sonnenschein funkelte und wärmte wie im
Sommer, als ich aus den Mauern der Stadt hinaus-
kam. Mein Auge freute sich an der Schönheit der
Campagna, an den Linien des Gebirges, das sie ab-
schloß. Ich sah die Stäbtchen glänzen an den Abhängen
der Berge und die Karren der Weinhändler, die von
den Castellen herabgekommen waren, an mir vorüber-
fahren nach der Stadt. Ich hörte das Klingeln ihres
Schellengeläutes und ihre Antwort auf meinen Anruf,
und doch empfand ich das Ales wie in einem Traume.
Denn wie im Traume war mir, als ginge Gloria wieder
neben mir, als spräche sie mir wieder von ihrem Leben
in jenen Tagen, in denen ich sie nicht gekannt hatte.
Und ich hatte sie doch in ihrem Blute schwimmend, todt
zu meinen Füßßen liegen sehen, und hatte an der Stelle

gestanden in meines Schmerzes Einsamkeit, an der man
ihren schönen Leib der Erde übergeben.
Ich ging und ging! Gloria war immer bei mir!
Zwei Stunden vor der Stadt liegt eine Osterie.
Gloria hatte es geliebt dort einzukehren, weil sie mit
ihrem Vater regelmäßig dort gerastet, und die stattliche
Wirthin immer viel auf sie gehalten hatte. Sogar zur
Gevatterin hatte sie Gloria gebeten und sie den jüingsten
Sohn des Hauses aus der Taufe heben lassen, dem man
auf Gloria's Anstiften den Namen ihres Lieblingshelden
beigelegt. Seit ihrem Tode war ich nicht mehr in der
Ostexie gewesen.
Als ich mich derselben näherte, stand der Wagen
Zines Vetturinos vor dem Hause. Die Wirthin saß an
der- Thütre oben an der Treppe wie vordem. Zwei
Mdnche; bie bei ihr gefrühstückt hatten, brachen eben
wieder, aüf. Rinaldo hielt sich an dem Wagenschlage,
um neben' dem Segen der frommen Väter, dessen er ge-
wiß war, womöglich auch einige Bajochi zu erwischen.
Aber er' erkannte mich gleich wieder, und in der Freude,
mich zu sehen, vielleicht auch in der Erinnerung, daß
ich ein besserer Segenspender zu sein pflegte, als die
F. Lewald, Benvenuto. 1.

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meisten Mönche, ließ er den Wagen ganz im Stich und
eilte mir entgegen.
Er war ein schöner, schlanker Junge geworden in
den beiden Jahren, und die großen Augen freundlich auf
mich richtend, rief er: Aber wo ist denn die Gloria, Signor'?
Die Mönche waren während dessen langsam ein-
gestiegen. Die Wirthin winkte ihnen noch den Gruß
zum Abschied, und mich willkommen heißend, ohne ihre
bequeme Stellung aufzugeben, oder auch nur die Hände
zu bewegen, die sie unter der Brust gekreuzt hielt, sagte
sie: Es ist lange her, Signor! daß Ihr nicht hier ge-
wesen seid; aber heute ist das Wetter schön! recht ge-
macht für einen Gang vor's Thor hinaus.
Daß sie mich nicht nach Gloria fcagte, traf mich
tiefer als des Buben wiederholter Ausruf: aber wo ist
die Gloria, Signor?
Ach was, Gloria! schalt die Wirthin, indem sie
mit ihrem Strohstuhl etwas auf die Seite rückte, damit
ich eintreten und mir meinen Platz an dem Tische
nehmen konnte, der gleich neben der Thüre ihr zur
Rechten stand. Sei still mit Deiner Gloria! Dumm-
kopf! Hast Du denn nicht gehört, daß die Gloria in
das Paradies gegangen ist? - Und sich mit einer

I?
ernsten und bedeutungsvollen Vertraulichkeit an mich
wendend, sezte sie hinzn: denn ich glaube in Wahrheit,
Signor! daß sie inS Paradies gegangen ist, obschon
sie ihrem Leben selbst ein Ende machte. Sie hat' in
einem Anfall. von Naserei gethan, die Aerntste! und
unser Herrgott wird mit ihr nicht inB Gericht gehen!
=- Aber was wollt Ihr essen, Signor? Ihr uisl
Hunger haben, es ist Zeit zum Pranzo! -- Wollt Ihr
Eier? wollt Ihr Schinken und den Orvieto, den die
Aermste, die Gloria liebte? Sie war ein braveä Mädchen,
tapfer und herzhaft schon als junges Kind!
Mir war wunderbar zu Muthe. Niemand hatte,
seit Gloria nicht mehr war, ihrer mit solchem Freimuth
gegen mich gedacht, ich hatte auch mit Niemandemn frei
und offen über sie gesprochen; und die schlichte Zun-
neigung, mit welcher die Wirthin von ihr redete, schloß
auch mir das Herz auf und den Mund. Die Wirthin
hatte, wie sie mir unumwunden sagte, Dies und Jenes
über Gloria's Ende verlauten hören, was nicht gut zu
wiederholen sei; aber sie setzte rasch hinzu, sie habe mir
, nichts Bdses zugetraut, denn sie habe ja gesehen, daß
ich Gloria gut behandelt habe und nicht heftigen Ge-
müthes sei. Freilich habe sie es der Gloria stetö gesagk,

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daß sie sich mit falschen Hoffnungen betrüge; die habe
das jedoch nicht hören, das nicht glauben wollen, und
die Welt sei eben doch die Welt!
Ich stand ihr Rede, wie der Anlaß es erheischte,
und sie war nicht die Frau, sich Zweifeln hinzugeben,
wo sie glauben zu dürfen meinte; oder sich lang bei
Dingen aufzuhalten, die nicht mehr zu ändern waren.
Inzwischen war ihr Mann hinzugekommen, der in
der Osterie den Dienst versah, während die Padrona
sich mit ihren Gästen unterhielt. Auch er begrüßte
mich, aber er machte sich weiter nicht mit mir zu
schaffen, trug herbei, was ich bedurfte und setzte es vor
mir nieder. Mir fiel das gar nicht auf. Er that nie
mehr, als was zu thun er nicht unterlassen durfte,
ohne daß die Frau es rügte; und für gewöhnlich war
ihr's recht, wenn er nicht redete, wo man ihn nicht
fragte. Sie lobte ihn sogar deshalb und hatte ihn
immer als das Muster eines Ehemannes vor mir
gerühmt. Diesmal jedoch schien ihr sein Schweigen zu
mißfallen.
Setze den Teller dorthin! mir gegenüber! befahl sie
ihm, damit die Sonne dem Herrn nicht in die Augen
scheint. Und thue die Lippen auf, den Herrn zu be-

grüßen. Er hat mit den Tode der Gevatterin nicht
mehr zu thun als ich und Du! - Wollt Ihr Ks.,
Signor? Frischen eaeeia-aartlo? Neiche ihn her, Lorenzo!
-- Cs ist, wie ich es immer sagte. Sie hat selbst die
Hand an sich gelegt! Ich kannte sie ja alle Beide! und
ich sagt' es immer, der Signor Benvenuto ist nicht
von denen, welche mit dem Messer spielen!- Aber die
Gloria war gewöhnt an's Messer, und der Jähzorn lag
in ihrem Blute bon dem Vater her, der nicht viel
werth war. - Alles liegt im Blut, Signor! und
-dagegen hilft kein Messelesen und kein Beten! - Seht
-den Jungen da! Er wird groß werden und von starken
Schultern wie der Vater. - Er ist arbeitssam und
zgehorcht wie der Lorenzo, er wird einen guten Ehemann
Fgeben, so wie der! = Aber - und sie deutete mit deun
CZeigefinger auf ihre kluge Stirne - da ist Nichts
dahinter! Langsam, langsam im Verständniß wie der
Vater, und eigensinnig so wie der! doch ein gutes Herz
und guten Willen! döe Heiligen segnen ihn!
Sie war dabei endlich von ihrem Stuhle an der
Thüüre aufgestanden und hatte sich zu mir gesetzt, um
mich hilfreich zu bedienen; indeß meine geringe Esßlust
wollte ihr nicht gefallen. Sie meinte, ich hätte besseren

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Appetit gehabt, als Gloria mit mir gewesen sei, und
auch besser ausgesehen vordem. Alles sei lustiger an
mir gewesen, selbst die helle Tracht, die ich derzeit
getragen.
Ich erzählte ihr, daß meine Brüder mir gestorben
wären, daß ich jetzt meiner Eltern lezter Sohn sei.
Der arme Vater! die arme Mutter! rief sie. Die
Leute haben nun das Castell dort oben im Gebirge, den
großen Grundbesiz dabei, den Palast in der Stadt, und
nur noch einen Sohn! Die armen Leute! Aber die
Menschen kommen und gehen und wir können sie nicht
halten! -- Was ist da zu machen? Das Trauern und
das Weinen hilft den Todten nicht, nicht uns! Es sind
andere Mittel nöthig! Ihr müßt heirathen, Signor!
je eher, je lieber! Euren Eltern ein Vergnügen zu be-
reiten und Enkel für sie in die Welt zu setzen.
Es war als wenn ich meinen Vater oder Donna
Carolina reden hörte, nur daß müir die Vadrona ihre
Ansicht weit kürzer und gebieterischer als jene Anderen
aussprach.
Ich kenne Euch jetzt fünf, -- nein! wartet, es
sind schon sechs Jahre, sagte sie, Ihr müßt über die
halben Zwanziger hinaus sein, und ohne eine Frau, die

ihm gehört, treibt ein junger Mann, wie Ihr, kein
gut Gewerbe. Die Gloria ist todt, die konntet Ihr
auch nicht zur Ehe nehmen, denn Ungleiches soll sich
nicht zusammen thun! Ihr dürft Euch also nicht be-
sinnen, und Ihr habt wohl auch die Rechte schon
gewählt.
Das habe ich nicht! aber mein Vater spricht wie
Ihr, und hat schon eine Frau für mich in getio! ent-
gegnete ich ihr.
Nun gut! so gehet hin und laßt Euch mit ihr
trauen! das wird Euren Herrn Vater und die Frau
Mama vergnügen!
« Und wo bleibe ich und mein Vergnügen? fragte
ic ste scherzend.
-- Ach was! rief sie, eine Alte und eine Häßliche
wird man Euch nicht bieten, und mit einem jungen
häbschen Weibe findet sich von selber das Vergnügen.
- Unb dann: Vergnügen! Die Ehe ist kein Vergnügen,
die ist des Herrgotts Wille, ist eines Christen-Menschen
Pflicht. Euer Vergnügen und Euer Liebesspiel habt
Ihr mit der armen Gloria gehabt, die's schwer genng
bezahlt hat. Geht jetzt und thut dem Herrn Vater
,ure Pflicht. Er hat Euch in die Welt gesezt, Ihr


seid ihm Eure Kinder schuldig! - Und wenn sie nach
Euch schlagen, werdet Ihr bald anders sprechen. Ihr
wißt noch nicht, wie Kinder Freude bringen in ein
Haus - je mehr je besser! Ich habe deren elf geboren!
aber das Dutzend jetzt noch voll zu machen, obwohl der
Rinaldo acht Jahre alt ist, sollte mich nicht kränken,
wenn Gott es also wollte!
Sie schenkte mir, während sie also redete, von dem
Weine wieder ein, und mehr als dieser erfrischte mir ihre
gesunde Heiterkeit die Seele. Es war im Grunde Alles
wie sie's sagte, und sie sagte es so einfach, daß keine
Gefühls»Sophismen Stich dagegen hielten. Sie hatte
völlig Recht, ich hatte bisher nur mit selbst gelebt,
das Leben, das ich geführt, war kein edles gewesen, ich
hatte auf keine reinen Freuden zurückzusehen, und ich
hatte Pflichten gegen meinen Vater, der hoch in Jahren
war, gegen die Mutter, die in trübem Grame sich der
Welt entzog, weil der einzige Sohn ihr in derselben
nicht zur Stütze werden wollte.
Klug wie die Frauen unseres Volkes in der Regel
sind, merkte die Wirthin es, wie sehr sie mich er-
heitert hatte, und es freute sie, als ich ihr scherzend

sagte: wenn ich eine Frau gefunden haben würde, wollte
ich sie zu ihr bringen, denn sie habe mich bekehrt.
Spottet nicht, Signor! und bildet Euch nicht ein,
entgegnete sie gut gelaunt, daß ich zu gering für solch
ein Werk sei. Bekehrungen sind immer Wunder, und
Wunder hat die heiligste Madonna schon durch Geringere
gethan, als ich bin. Wann also bringt Ihr mir die
junge Frau, die hoffentlich es nicht vergessen wird, sich
bei mir mit einem schönen Geschenke, wie's Euch
zukoamt, für die Bekehrung zu bedanken, von der sie
profitiren soll?
Ich sagte, ich müsse meine Zukünftige doch vor
allen Dingen sehen. - Gewiß, entgegnete sie mir, aber
zacht das rasch ab! Wer lang handelt, läßt dem
Anderen Zeit, ihn zu betrügen, und Euer Herr Vater
wird ja wohl ein Kenner sein. Verlaßt Euch darum
auf ihn, wie hier auf mich. - Sie shenkte mir das
Glas noch einmal voll: Durstig seid Ihr jungen Leute
ra re.D?
Ihr Gleichniß brachte mich zum Lachen. Ich
stand auf, es war hohe Zeit den Heimweg anzutreten.
Sie rief -den Mann herbei, daß er die Rechnung mache,

?
und steckte dann das Geld ein. Auch der Bube kam
hinzu und ließ sich's gern gefallen, daß ich ihm ein
Andenken an seine Pathin gab.
Die Wirthin hatte sich ebenfalls erhoben, sie stieg
die Steintreppe mit mir hinab und wiederholte mir, daß
sie mich nun bald mit meiner jungen Frau zu sehen
erwarte. Rinaldo wollte noch ein Ende mit mir laufen.
Als ich schon einige Schritte vom Hause fort war, rief
sie mich zurück.
Signor! sagte sie, ich weiß, Ihr habt eine offene
Hand und habt es der Gloria niemals fehlen lassen.
Laßt reichlich beten für die arme Seele, denn wenn
der Herrgott anch gerecht ist: sie ist ohne Sacrament
gestorben, sie hat's nöthig, daß unser Herr Jesus und
die heiligste Madonna Fürbitte flr sie thun. -- Und
mit noch einem: auf Wiedersehen! entließ sie mich.