Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 06

Zechstes Capitel.

zwei Stunden, die ich bis zur Stadt zurück-
zulegen hatte, wurden mir nicht lang. Die Unter-
redung, welche ich am Morgen mit Donna Carolina
gehabt, die Gespräche, welche ich mit der Schenkwirthin
in der Campagna gepflogen, die Wünsche meines Vaters
und mein eigenes, von den erhabenen Werken der alten
Kunst lebhaft angeregtes Verlangen, mich zusammenzu-
fassen, um zu einer neuen besseren Thätigkeit die Kraft
in mir zu finden, das griff Alles so unerwartet in
einander, daß es mir von guter Vorbedeutung schien
und mich zuversichtlich machte.
Als ich wieder in die Stadt und tiefer in die
Straßen hineingekommen war, lagen schon die Schatten
des Abends in feuchter Schwlle über ihnen ausgebreitet,
und gegen den hellen Sonnenuntergang, von dem ich

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herkam, gegen die scharfe frische Luft, die ich den Tag
hindurch geathmet hatte, fand ich die Mauern und die
Wärme, die in ihnen herrschte, drückend und be-
klemmend. Aber ich ging eilig vorwärts, ich dachte an
meinen Vater, an meine Mutter, an ihr leer gewoxdenes
Haus, und es zog mich, meinen Platz an ihrem Tische
einzunehmen.
In den Straßen herrschte die Lebendigkeit des
Sonnabendes. Ich hatte diese Stunde, seit ich selbst zu
arbeiten angefangen und kennen lernen, was die Ruhe
nach wohlgethaner Arbeit sagen wolle, immer gern
gehabt, und gern die heitere Geschäftigkeit beobachtet,
mit welcher die Leute nach ihrem Tagewerk es sich an-
gelegen sein lassen, sich und den Ihren am Abende
etwas zu Gute zu thun und ihres Daseins froh zu
werden. In den letzten Zeiten war ich jedoch auch
dagegen gleichgiltig geworden, und nun mit einem Male
freute es mich wieder, wie die Feuer in den Defen der
Hökerinnen glühten, wie die Fritturen in den Pfannen
brodelten, wie Männer und Frauen sie umstanden, das
ihnen Gemäße für das Nachtessen zu kaufen. Ich sah
die Handwerker in raschem Gange von der Arbeit
kgmmend, inne halten und bedächtig trotz der Eile, noch

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ein Stück Käse oder ein paar Früchte auswählen, umt
sie als erwüünschte Zugabe nach Hause bringen zu können.
Ich mußte lachen über die Buben, welche die Mütze, in
der sie die gerösteten Kastanien trugen, an die Nase
hielten, sich an ihrem Dufte schon im Voraus zu er-
laben. Es hatte Alles, weil ich ausnahmsweise einmal
darauf achtete, für mich den Reiz des Neuen und war
mir doch so heimathlich vertraut.
Ich freute mich, als känte ich nach langer Ent-
fernung aus der Fremde wieder; der eigene Herd, die
eigene Familie verkörperten sich mir in den Bildern,
die ich vor mir hatte. Ich dachte mit Wohlgefallen
an die Ehe und den eigenen Herd. Sie erschienen mir als
etwas WünschenSwerthes, wenn Liebe das Haus errichtet,
die Familie begründet, und Zutrauen und Verständniß
an dem Herde wohnen. Eine solche Liebe freilich hatte
ich noch nicht gekannt, ein solches Verständniß hatte ich
in der armen Gloria nicht besitzen können. Durfte ich
hoffen, ihm in dem klösterlich erzogenen Kinde zu
begegnen, dem man mich zu verbinden wünschte?
Ich hatte das Portal meines Vaterhauuses während
dessen erreicht, es war der Abend, an welchem meine
Mutter sonst ihre Freunde zu empfangen gewohnt ge-

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wvesen war, aber ihre Säle waren selbst für ihren engeren
Freundeskreis geschlossen. Es war Alles still' in dem
Portal, still in dem weiten Hofe, den die Laternen
eben nur ausreichend erhellten. Ich stieg die Treppe
hinan. Auf der ersten Wendung derselben kam mir raschen
Schrittes eine schlanke, schwarz gekleidete und tief in den
großen Mantel eingewickelte Gestalt entgegen. Eä war
Pater Cyrillus. Als er mich erkannte, blieb er stehen
und reichte mir mit einer Herzlichkeit die Hand, die
mir auffallen mußte, da unfer Verkehr seit lange ein
sehr erkalteter gewesen war.
Sie kommen zu guter Stunde, Theuerster! sagte
er, und es thut mir leid, daß ich nicht umkehren, Sie
nicht begleiten kann. Wenn wir einsehen, daß wir
einen anderen, als den von uns bisher erkannlen Weg
zu gehen haben, muß er so rasch als möglich von uns
eingeschlagen werden, und Sie haben wohl gethan, sich
nicht lange zu besinnen. Ich wünsche Ihnen Gllck!
Sie werden heute ganz andere, heitere Mienen oben
finden! Ich wünsche Ihnen Gllck!
ac war wie aus den Wolken gefallen. Der
- E,
freudige Eifer des Paters konnte sich nur auf die für
mich beabsichtigte Heirath beziehen, die noch weit im

Felde stand, und die Weise, in welcher er sich mir auf-
drängte, verdroß mich ebenfo, als daß er von Allem
und Jedem, was in unserem Hause vorging, stets im
Voraus unterrichtet war. Ich that deshalb, als ob ich
seinen Glückwunsch nicht verstände, aber er klopfte mir
vertraulich auf die Schulter und sagte: Sie sind zurück-
haltend, wie es einem Cavalier geziemt, aber mit einem
alten Freunde darf man offen sein, und wenn ich Ihnen
schon im Voraus gratulire, so hat das seinen guten
Grund. Die Marchesina ist jung, ist schön und frommen
Sinnes. Man hat sie uns als das Muster edler
Bildung, trefflicher Erziehung bezeichnet. Dazu hat sie
ein sehr beträchtliches Vermögen - und Sie wundern
sich, daß man Ihnen dazu Glück wünscht! Nun! ich
hoffe, Sie thun es auch selber!
Mir fiel bei seinem Lob der jungen Dame auf,
daß er sich auf eigene Nachrichten zu beziehen schien,
aber ich mochte ihn mit keiner Frage deshalb angehen.
Doch war ich stutzig geworden und aus meiner guten
Stimmung aufgeschreckt. Eine Gattin durch seine Ver-
mittelung zu empfangen, lag nicht in meiner Absicht.
Die Reihe der lautlosen Vorsäle entlang, kam ich
in meines Vaters Zimmer. Er saß von Papieren
F. Lewald, Benvenuto. l.

umgeben an seinem Arbeitstische. Ich kannte diese
Aktenhefte, es waren alte Familiendokumente. Meine
Mutter lag auf einem Ruhebette, ein Lichtschirm, dessen
ihre vom Weinen angegriffenen Augen bedürftig waren,
entzog mir den Anblick ihres Gesichtes, aber es war
schon an und für sich ein gutes Zeichen, daß ich sie in
meines Vaters Nähe fand. Wie immer empfing sie mich
mit Zärtlichkeit.
Mein Vater hatte wesentlich gealtert. Sein Anblick,
die hohl gewordenen Schläfen, dig eingesunkenen Augen
und die Schärfe aller seiner Züge, rührten mich so oft
ich sie bemerkte. Heute, da das Licht der vor ihm
stehenden Lampe sein Antliz hell beleuchtete, war mir
der Verfall seines einst so kraftvollen Gesichtes dogwelt
auffällig; aber er wendete sich, da ich eintrat, lebhaft
nach mir hin, und mir die mager gewordene Hand
entgegenreichend, hieß er mich willkommen.
Ich bin heute fleißig gewesen, sagte er, die Papiere
in Ordnung zu bringen, die doch in nicht zu ferner
Zeit in Deine alleinige Obhut übergehen werden. Du
wirst einst finden, daß es einen Mann vollauf beschäftigt,
ein ansehnliches Familienbesitzthum mit Klugheit zu
verwalten und vor der Welt würdig zu repräsentiren.

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Aber was hast Du getrieben, diesen Tag? Du siehst
frisch aus wie Einer, der aus dem Freien kommt.
Solch' heitere Freundlichkeit lag nicht in meines
Vaters Art, und wie die meisten selbstwilligen Naturen,
liebte er es auch nicht, gegen Andere seiner vorge-
schrittenen Jahre und seines Todes zu erwähnen. Ich
sprach ihm also von Herzen den Wuusch ans, daß der
Zeitpunkt, dessen er gedenke, noch ein ferner sein mige.
Laß uns das hoffen! entgegnete er, denn Lang-
lebigkeit hat bis auf die traurigen Ereignisse der lezten
Jahre zu den schönen Vorrechten unseres Hauuses gehört;
und es soll mich freuen, wenn mir noch die Zeit bleibt,
Dich in die Geschäfte einzuweihen. Ich habe eine
brauchbare Hilfe verloren durch Deines ältesten Bruderö
Tod. Er hätte es gut verstanden, meine Stelle aus-
zufüllen. Du? -- Nun! DaS sind vergangene Zeiten!
-- Es hat Dir gefallen, Dich in Liebesabenteuern und
als Kümnstler zu versuchen --
Ich wollte ihn unterbrechen, denn ich merkte bald,
wohin die ganze Unterredung zielte und weöhalb meine
Mutter in ihrem Schweigen mir die Hand so innig
drückte. Aber der Vater ließ mich nicht zu Worte
kommen, und sich von seinem Sessel erhebend, sezte er

freundlich hinzu: Glaube nicht, daß ich rückwärts blicke,
um Dir Vorwüürfe zu machen! In Wahrheit nicht! Du
warst der jüngste Sohn, warst nicht des Hauses Stamm-
halter und Erbe und thatest nach Deinem Vergnügen
-- was freilich nicht das meine war. Aber Du warst
jung und davon ist nicht mehr zu sprechen! Komn'! --
Der Diener erschien in der Thüre, zu melden, daß die
Mahlzeit aufgetragen sei - komn'! gieb derMutterDeinen
Arm, es wird nach der Mahlzeit weiter davon zu reden sein.
Wir saßen, wie fast inmer in den letzten Zeiten,
nur zu Dreien bei einander, doch über meine Eltern
schien plözlich ein anderer Geist gekommen zu sein.
Meine Mutter zeigte sich gesprächiger als seit lange.
Ich erfuhr von ihr, daß Donna Carolina bei ihr ge-
wesen sei, daß sie sich auch wohl genug befunden habe,
den Besuch des Marquis und seiner Schwester anzu-
nehmen. Sie rühmte es, wie Donna Carolina trotz
ihrer weltlichen Gesinnung eine treue und zuverlässige
Freundin sei, und wie selbst Pater Cyrillus sie in diesem
Punkte sehr hoch schätze. Es war danach von den an-
genehmen Umgangsformen viel die Rede, deren die alte
franzdsische Aristokratie mehr als alle Anderen sich zu
rlhmen habe;und von dem Allgemeinen zn dem Vesonderen

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übergehend, erwähnte mein Vater der Umsicht, mit
welcher der Marquis bei dem Sturze der Bourbons,
zur Zeit seiner freiwilligen Auswanderung, es verstanden
habe, sein Vermögen ohne Verluste ans Frankreich
herauszuziehen. Er pries an ihm seine Hingebung an
das legitime königliche Haus von Frankreich, für das
er große Opfer gebracht habe. Meine Mutter zeigte sich
von der Treue, mit welcher der Marquis dgs Andenken
seiner Gattin heilig halte, eben so gerührt, als erbaut
von seiner und seiner ganzen Familie tiefen Religiosität,
und zwischendurch bemerkte mein Vater beiläufig, der
Marqnis sei gar nicht abgeneigt, einen Theil seines
großen, in der englischen Bank befindlichen Vermögens,
in Grundbesitz anzulegen, falls sich im Kirchenstaate ein
vortheilhafter Ankauf für ihn machen ließe.
Die Unterhaltung bewegte sich durchaus in den
Grenzen, welche die Anwesenheit der aufwartenden Diener
nothwendig machte. Alles was meine Eltern sagten,
war von ihrem Standpunkte völlig richtig, aber es war
nicht zu verkennen, daß sie sich meiner Zustimmung z
ihrem Plane in einer Weise sicher fühlten, der zu ent-
sprechen ich nicht ohne Weiteres im Stande war, und
an die zu glauben, sie nur durch Donna Carolinas

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leichtsinnigen Eifer bewogen sein konnten. Daneben be-
griff ich weder, welches Interesse eben sie an dem Zu-
standekommen meiner Heirath mit der Marchesina nahm,
noch warum der Pater sich derselben so geneigt erwies.
Ich ersehnte deshalb den Augenblick herbei, in
welchem ich mich gegen meine Eltern in Nnhe ann-
sprechen und von ihnen die nothwendigen Erklärungen
empfangen konnte, und da ihre sichtliche Zufriedenheit mit
mir und ihre Heiterkeit, die zu sehen ich so lange ent-
behrt hatte, mich erfreuten, hatte ich den besten Willen,
mnit ihnen zu einem Einverständniß zu gelangen. Indeß
da es sich hier nicht um eine Gefälligkeit von meiner
Seite handelte, sondern um zweier Menschen Glück und
Schicksal, durfte ich nicht anstehen, meine Eltern sobald
als möglich zu enttäuschen. Ich that das auch, sobald
ich mich nach aufgehobener Tafel allein mit ihnen sah.
Ich sagte, da Domna Carolina heute bei ihnen
gewesen sei, werde sie auch ihnen von dem Heiraths-
vorschlage gesprochen haben, mit welchem sie mich beehrt
habe. Die günstige Meinung, welche ich die Eltern heute
eben wieder über den Marquis und seine Familie hätte
ußern hören, mache es mir zur Freude, ihnen sagen
zu kdnnen, daß ich kein Widerstreben gegen die Ehe

fühle, falls ich in der Tochter des Marquis ein Md-
chen finden sollte, das ich lieben und mit welchem ich
dauernd glücklich zu werden hoffen kdnnte.
Mein Vater sah mich mit großen Augen an. Es
war das offenbar nicht, was er von mir zu hören er-
wartet hatte, und sein lebhaftes Temperament wollte
auffahren; aber er bezwang sich rasch. Bravo! rief er,
das ist gesprochen, wie es einem Manne in Deiner Lage
ziemt! Indeß, fügte er hinzu, Du hast Dich, wie mir
scheint, die Jahre hindurch des Suchens sehr befieißigt
uund im Finden noch kein Gllck gehalt. Nun haben
wir flr Dich gesucht und sind erfreut, das Mädchen
gefunden zu haben, das wir mit Genugihuung als die
Gattin unseres Sohnes zu empfangen bereit sind.
Das ging weiter, als es schweigend hinzunehmen
für mich möglich war. Ich zweifle nicht, mein Vater,
sagte ich deshalb, daß Sie vorsichtig erwogen haben,
was mir nüzlich sein kann, aber in diesem Falle kommt
es doch auf mein eigenstes Entscheiden an. Mademoiselle
Alphonsine ist noch nicht hier.
Der Marquis wird sie hierher bescheiden, fiel mir
der Vater in die Rede, sobald wir mit einander fertig
sind; und nur ein Punkt ist es, mein Sohn, über den

wir uns zuvor zu verständigen suchen, auf dessen Er-
füllung aber der Marquis sowohl als ich bestehen
müssen!
Verzeihen Sie, mein Vater, wendete ich ein, wenn
ich Sie bitte, über diese Angelegenheit nicht weiter
sprechen zu wollen, ehe ich die junge Dame nicht gesehen,
nicht kennen gelernt habe. Gewinne ich die Neigung
der Marchesina, glaube ich glücklich mit ihr werden zu
kdnnen, so kennen Sie mich genugsam, um zu wissen,
daß ich in materiellen Dingen keine Schwierigkeiten
mache. Kann ich mich für das Fräulein nicht ent-
scheiden - -
Wie? fuhr mein Vater auf -- Dich nicht ent-
scheiden? Was willst Du damit sagen? Dich nicht
entscheiden?
Er hat das Bild noch nicht gesehen, begüütigte die
Mutter, ex wird anders sprechen, wenn er ihr Bild ge-
sehen haben wird.
Nein! liebe Mutter, entgegnete ich, auch wenn ich
das Bild gesehen und es schön und liebenswerth ge-
funden hätte, würde ich es nicht versprechen kdnnen, ein
Mädchen zu heirathen, dessen Wesen mir trotz der
Schdnheit antipathisch sein könnte. Will der Marquis

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mir die Gelegenheit geben, die Bekanntschaft seiner
Tochter zu machen - -
Meines Vaters Augen flammten auf. Was denkst
Du? rief er. Ist der Marquis ein Handelsnann und
seine Tochter eine Waare, die er auf den Markt bringt,
umt sie annehmen oder zurückveisen zu lassen, je nach
den Belieben eines Dritten? Soll er sie aus dem
Kloster rufen, wo sie in heiliger Obhut ist, um sie
dorthin zurüchuschicken, wenn es Dir nicht gefällt, ihr
Ehem:ann zu werden? Es ist von Deiner künftigen
Gattin, von der wir sprechen, von einer Dame aus
edelm Geschlecht, und nicht von einem der Modelle, die
man sich auf der Straße auswählt.
Mein Vater! bedenken Sie Ihre Worte! bat ich
ihn mit leberwindung, aber wenn seine Heftigkeit erregt
war, fiel ihm Selbstbeherrschung schwer, und mit spotten-
der Lippe wiederholte er: Ein Graf Armero kann sich
seine Gattin nicht so suchen, wie der Bildhauer das
Modell, das er fortschickt, wenn er seiner satt geworden!
So ist der Bildhauer ohne Frage besser daran,
als der Graf! gab ich ihm zur Antwort, denn auch
mich verließ die Nuhe.
Ohn' alle Frage! wenn er kein Gewissen hat und


öffentliches Aergerniß zu geben sich nicht scheut! ent-
gegnete mein Vater mit seinem bittern Lachen.
ach hatte mich erhoben, und mich zu mäßigen
suchend, weil ich den leidenden Zustand meiner Mutter
zu schonen wüinschte, sagte ich: Erlauben Sie, mein
Vater, daß ich mich entferne. Ich glaube, wir sind zu
Ende mit der Verhandlung über diese Angelegenheit.
Nein! rief meine Mutter, indem sie mich bei der
Hand zurückhielt, nein! mein Sohn! Hört mich, meine
Lieben! Laßt mich die Vermitklerin machen zwischen
Euch, zwischen den beiden Letzten, die der Himmel uir
noch gelassen hat. Laß Dich des Vaters Wort nicht
kränken. Es ist seine zornige Liebe, die es ausgestoßen
hat, weil er Dich Deln Gllck verschmähen sieh;. --
Sei nicht hart mein Gatte, mit dem Sohne! Er hat
Dein heißes Blut, er ist jung gewesen, er hat gefehlt
und hat es schwer gebüßt. Aber unser frommer Freund,
der edle Pater Cyrillus, hat es heut' noch ausgesprochen,
es steht geschrieben: es wird mehr Freude sein im
Himmel über einen Sünder, der Buße thut, denn über
hundert Gerechte! -- Hilf unserem Sohne, mein Gatte,
daß er zur Freude unseres Alters, zur Ehre unseres
Hauses auf den rechten Pfad gelange, von dem er nicht

O
mehr lassen wird, wenn er den Segen und die reine
Freude kennen gelernt hat, die nur auf der von Gott
gewiesenen Bahn zu finden sind.-- Es ist ein Ausweg
möglich! Ich will mit dem Marchese sprechen. Ben-
venuto soll daä Mädchen kennen lernen, das wir ihmu
bestimmnen. Man kann, Gesundheitsrücksichten vorschüzend,
Fräulein Alphonsine für die kalten Monate hierher be-
rufen! -- Nur entscheidet in diesem Augenblicke Nichts,
und um der Liebe willen, die ich flr Euch Beide hege,
und die allein mich noch an diese Erde knüpft - geht
nicht mit Groll im Herzen von einander.
Sie legte meine Hand in die des Vaters, der
Bllck auf ihr vergrämtes Autliz that das Üebrige.
Wir schwiegen Alle eine Weile, bis die Mutter, sich zu
mir wendend, noch einmal daä Wort ergriff.
Ich zweifle nicht, sagte sie, daß die Erinnerung
an die Liebe, welche er für seine Gattin hegte, dasß der
hohe Begriff, den der Marquis von der Heiligkeit der
Ehe hat, ihn bestimmen werden, dem Wunsche zu will-
fahren, welchen Benvenuto in dem gewissenhaften Ver-
langen ausgesprochen hat, kein Bündniß einzugehen, an
das er sich nicht von ganzem Herzen und für immer
mit Auöschließlichkeit hinzugeben vermöchte. Aber nicht


allein um Deine Forderungen handelt es sich hier mein
Sohn! auch der Marquis hat Forderungen an Dich zu
stellen. Er hegt Wünsche für seines einzigen Kindes
Gllck, die wir Dir an das Herz zu legen, versprochen
haben, und über deren Gewährung wir sicher sein müssen,
ehe wir von ihm verlangen dürfen, daß er um Deinet-
willen seine Tochter in sein Haus bescheidet.
Ich bat meine Mutter, mir diese Wütnsche mit-
zutheilen. Muß ich sie Dir noch besonders nennen?
fragte sie, da ich doch mit Freuden sehe, daß Deine
Begriffe von der Bedeutung einer Ehe ernst und würdig
sind? Du willst das Mädchen kennen lernen, um zu
prüfen, ob Du versprechen kannst, es ausschließlich zu
lieben; so hast Du sicher auch daran gedacht, welch'
eine andere Auäschließlichkeit dereinst eine Gattin von
Dir zu begehren das heilige Necht besitzt. Oder hättest
Du Dir'S niemals vorgestellt, wie es in einem jungen
keuschenHerzen die Scham und Eifersucht erregen muß, wenn
der Ehemann Blick und Seele weidet an den Neizen
fremder Frauen? Und soll ein Vater nicht Bedenken
tragen, seine Tochter solchem Schmerze auszusezen?
Ich wußte jezt, wohin man wollte. Aber als fürchte
mein Vater, es mich auösprechen zu lassen, was er von

K
mir nicht hören wollte, setzte er rasch hinzu, wie es sich
hier nicht nur umt die Sorge eines Vaters für das
Glück der Tochter handle, sondern um eine Ehrensache,
um die Berücksichtigung jener Ehrenforderung, welche
zwei Edelleute an den Stammhalter ihrer beiderseitigen
Familien zu erheben genöthigt wären, und auf welche
einzugehen, mir die Pflicht gebiete, da man bereit sei,
auch meinen Ansprüchen uud Verlangnissen vollauf gerecht
zu werden.
Meine Lage war im hohen Grade quälend. Ich
bat meinen Vater, die Verhandlungen abzubrechen, um
es nicht wieder zu Erörternngen über unsere verschiedenen
Begriffe von Demjenigen kommen zu lassen, was Jeder
von uns für seine Ehre und für Standesehre hielt. Ich
sprach mit großer Behutsamkeit, da ich jeden Zwiespalt
zu vermeiden wüünschte. Auch mein Vater zeigke sich
gelassener und milder, als ich es je von ihm erfahren
hatte, und das rührte mich; denn in den Tagen seiner
Kraft war er vor einer noch so gewaltsamen Entscheidung
nicht zurückgewichen. Jetzt machten das Alter und sein
Ungllick ihn zur Schonung, zum Verhandeln geneigt, und
es that mir wehe, als er sich selber anklagte, wo ich
erwartet hatte, einen Vorwurf pon ihm zu erfahren.

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Ich habe mich zu tadeln, mich und meine Nach-
giebigkeit gegen Dritte, nicht Dich! sagte er, während er
gedankenvoll vor sich niederblickte; aber was fruchtet
diese Erkenntniß uns in dieser Stunde? Ich handelte
nicht weise, nicht als Edelmann, da ich auf Zureden
Monsignore Arrigo's, auf Bitten Deiner Mutter, Dir
vergönnte von der Sitte unserer alten Geschlechter, von
unseren Familientraditionen abzuweichen; als ich Dir
verstattete, den Künstler, den gewerbtreibenden Bildhauer
zu machen, statt Dich Deinen Weg unter der Führung
jener verehrungswürdigen Gemeinschaft suchen zu lassen,
aus deren Neihen Dein Vetier der Bischof und Dein
Großoheim der Cardinal hervorgegangen find, die Ring
und Hut aus den Händen des heiligen Vater empfan-
gen haben. Ich wußte wohl, daß ich damit nicht gut
that. Aber Du warst ein nachgeborener Sohn, Dein
Talent war bedeutend, ich glanbte Deinem Wunsche
Gehör geben zu dürfen, denn zwei andere Söhne und
ein Enkel standen mir zur Seite, den Namen und das
Ansehen der Fgmilie aufrecht zu erhalten. - Er machte
eine Pause, und mit einem Schmerze, den er schwer
bewältigte, sagte er danach: Sie Alle sind uun nicht

mehr! Du bist mein letzter Sohn, und meine Tage find
gezählt. Das bedenke, ehe Du entscheidest!
Ich konnte Nichts thun, als versichern, daß es mich
glücklich machen würde, mich den Wünschen meiner
Eltern anzupassen, sofern man von mir nicht begehre,
was zu leisten mir unmöglich sei.
Nun denn! rief mein Vater, so werden wir diesen
Tag zu segnen haben, und Du selbst wirst es erkennen,
wie ich bemüht gewesen bin, Deiner Mutter Wünsche
und die Deinen mit den Pflichten in Einklang zu brin-
gen, die zu erfüllen die Ehre unseres Hauses mir ge-
bietet.
Er schwieg darauf eine Weile, und sich in seinen
Armsessel zurücklehnend, wie er es zu thun pflegte, wenn
er es auf eine längere Auseinandersezung abgesehen
hatte, sagte er: Ich bin alt geworden und das Miß-
trauen, das dem Alter eigen sein soll, habe ich gegen
mich selbst empfinden lernen. Ich habe nicht allein
entscheiden wollen, sondern habe Rath gepflogen mit dem
Manne, den ich zu meinem Nachtheil eine Zeit lang
hindurch verkannt habe, und von dem auch Du Dich
vorurtheilsvoll entfernt hast, obschon er nicht aufgehört
hat, unserem Hause in ergebener Treue anzuhängen, und

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Dich mit Freundesaugen auf Deinen Wegen zu begleiten.
Er ist es denn auch gewesen, Pater Cyrillus ist es ge-
wesen, der das Mittel gefunden hat, meine Wünsche und
die Deiner Mutter, mit Deinem künstlerischen Ehrgeiz
zu vereinen, und zugleich dem Herzen unserer armen
verwittweten Schwiegertochter eine tröstliche Erhebung zu
bereiten.
Ich traute meinen Ohren nicht, und nur besorgter
werdend, da ich diesen Namen nennen hörte, versetzte ich:
einer Verwendung des Paters zu. meinen Gunsten sei ich
mir in der That nicht gewärtig gewesen, da er in ver-
schiedenen Zeitpunkten versucht habe, nich wenigstens
einer Affiliation mit dem Orden zuzuführen, deren ich
mich geweigert hätte.
Mein Vater wiegte langsam das Haupt. Und
glaubst Du, sprach er, es hätte Dir Schaden gethan,
Dich eines so mächtigen Beistandes zu versichern? Der
Einfluß des Ordens ist weithin wirksam, und auch der
Starke und Mächtige kann zu Zeiten die Beihülfe einer
so großen, fest organisirten Kraft sehr wohl gebrauchen.
Aber davon vielleicht ein andermal! Für heute laß
Dir die Versicherung genüügen, daß ich es bereue, Pater
Cyrillus eine Zeit hindurch verkannt zu haben. Er hat

I?
sich seit den Ungllicksfällen, die uns heimgesucht haben,
uns als ein mitfühlender und ergebener Freund
bewiesen, und seit Deine Lebensaussichten sich verändert
haben, ist er eifrig bemüht gewesen, unsere Zuversicht zu
Dir neu zu beleben. Er hat mit dem Glauben an
Dein Herz und an den guten Sinn, den er in Dir der-
einst gekannt, Deiner Mutter Seele über Deine Irrthüümer
getröstet, sie mit neuen Hoffnungen für Dich erfüllt.
Er hat sie dazu beredet, unter uns und mit uns zu
verweilen, weil ihr in unserem Hause noch Freude durch
Dich erblühen könne. Er ist eifrig bemüht gewesen, Dir
eine Gattin ausfindig zu machen, deren Schönheit,
Namen, Reichthum allen Deinen Ansprüchen genügen
müssen; und ihm auch dankst Du es, dasß der Marquis,
troz der Bedenken, welche Deine stürmische Vergangen-
heit einem Vater wohl erregen durfte, bereit ist, Dir
das Glick seines einzigen Kindes anzuvertrauen. -
Gestehe ein, mein Lieber, schloß er, daß dies nichts
Kleines ist.
-Aber zu irgend einem Zugeständniß fand ich nicht
in mir den Anlaß. Ich sah vielmehr mit wachsender
Bestürzung, daß Cyrillus auch meinen Vater wieder in
sein Netz zu ziehen verstanden hatte, daß er jezt völlig
F. Lewald, Benvenuto. ll.

WK
Herr in unserem Hause war. Ich konnte nicht daran
zweifeln, daß er meines Vaters angeerbte Neigung für
den Orden neu zu beleben verstanden hatte. Ich mußte
besorgen, in meinem Vater vielleicht einen weltlichen
Verbündeten desselben vor mir zu sehen; aber wie dem
auch sein mochte, ich ward es mit Bestürzung inne, wie
fremd ich den inneren Vorgängen in meiner Familie,
durch meine eigene Schld geworden war.
Daß der Eifer und die Theilnahme des Paters an
meinem Schicksale nicht ehrlich gemeint sein konnten,
daß er nicht mir, sondern seinen und des Ordens Zwecken
in unserem Hause diente, dessen war ich sicher. - Ich
sollte auch sofort erkennen, auf welches Ziel es abgesehen
war, denn meine Mutter ließ es sich angelegen sein,
IR--
Sie sagte, daß sie vor einiger Zeit, hingenommen
von ihrem Schmerze und auch von der Sorge um mein
Heil, das Verlangen gehegt habe, sich in das Stamm-
schloß ihrer mütterlichen Familiezurückzuziehen, welch8be-
stimmt gewesen war, mit dem dazu gehörenden Landbesitz
das Erbe und die Ausstattung meines zweiten Bruders aus-
zumachen. Da es diesem Zweck jetzt nicht mehr dienen


könne, habe sie aus dem Hause ein Kloster für Schwestern
vom heiligen Herzen Jesu unter der Bedingung machen
wollen, daß in demselben fortdauernde Gebete für unser
Haus gehalten würden; und in der Gemeinschaft dieser
Schwestern zu leben und zu sterben habe sie gewülnscht.
Von diesem Vorsatz habe der Pater sie zurückgebracht.
Er habe sie überredet, ihr Erbe zu weltlichen Zwecken, zur
Ehre ihres sie überlebenden Geschlechtes zu verwenden.
Damit sei mein Vater, der ihr Fortgehen aus dem
Hause schwer empfunden haben würde, einverstanden ge-
wesen. So habe sie denn den Colleg der Jesuiten
einen Theil ihres liegenden Besizes mit meines Vaters
Billigung zugewiesen, damit von dem Zinsertrage des-
selben zwei reich ausgestattete Stipendien für zwei junge
Kleriker aus ihrem und unserem Geschlechte gegründet,
und Diesen unter Leitung des Ordens eine möglichst
vollständige Ausbildung gegeben werden könnte. Den
Rest ihres Grundbesizes und daä kleine Schloß habe
mein Vater käuflich für unser Hans übernommen, und
mit dem dadurch frei gewordenen Capitale wünsche sie
dem Andenken ihrer heimgegangenen Söhne durch mich,
durch ihren letzten Sohn, für alle Zeiten ein würdiges
Denkmal zu errichten.

1
Mein Vater hatte die Mutter ruhig ihre Aus-
einandersetzuugen machen lassen, nun nahm er das Wort.
Er sprach sich sehr zufrieden mit den Entschließungen
der Mutter aus, und erinnerte mich dann daran, wie
schwer es ihm gefallen sei, sich darein zu finden, daß
ein Mann, der seinen Namen trage, daß sein Sohn,
den Arbeiter für Fremde mache. Ihn habe es verlezt
und werde sein Ehrgefühl verletzen bis auf den letzten
Tag, wenn der erste beste über die Alpen oder den
Dcean herübergekommene Fremde sagen könne: Ich habe
den Marchese Armero für seiner Arbeit Mih und
Schweiß bezahlt. Der Marchese hat mein Bild gemacht!
ich gab ihm Geld und Brob! -- Den Stammhalter
seines Geschlechts in so erniedrigender Abhängigkeit fort-
leben zu lassen, das gehe gegen seine Pflicht und sein
Gewissen. Aber, fuhr er fort, Du hast die künstlerische
Neigung und Du hast mir dereinst gesagt, des Künstlers
Ehre fordere es, ein Denkmal seines Könnens für die
Nachwelt hinzustellen. Nun! ich weiß auch des Künstlers
Ehrgefühl in Dir zu achten. Es soll ihm ein volles
Genüge zugestanden werden.
Er hielt inne wie Jemand, der dem Empfänger
Zeit vergömnen will, sich auf eine große Gunst im Ge-

11
müthe vorzubereiten, und sprach dann langsam seine
Worte wägend: Das Haus der Armero entbehrt biä
heute einer eigenen Grabkapelle, wie die Geschlechter--
er nannte verschiedene Namen - sie sich in unseren
Kirchen in alter und in neuer Zeit gegründet haben.
In der Kirche . - - (es war in einer der Jesuiten-
Kirchen Romss will Deine Mutter eine solche Grab-
kapelle stiften, dort sollen die Messen für unser Haus
gelesen werden für alle kommende Zeit. Dir wird der
Bau und die ganze Ausschmückung des Denkmals über-
lassen. Die Mittel, die Dir zur Verfüügung stehen,
geben Deiner künstlerischen Phantasie die Möglichkeit,
sich in aller Freiheit zu bethätigen. Wir bieten Dir
für Jahre eine Beschäftigung nach Deiner Neigung, die
Deinem Namen als Künstler eine Zukunft sichert; aber
wir verlangen dafür, im Verein mit dem Marquis, die
Zusage des Edelmannes, daß er nach Beendigung dieses
Werkes, als Edelmann lebend, die Kunstausübung An-
deren überlasse, und aufhöre den Bildhauer zu machen!
Das ist Pater Cyrillus! stieß ich unwillkürlich aus.
Mein Vater sah mich mit finsterem Blicke an.
Ich hatte von Dir ein anderes Wort, eine andere Ant-
wort erwartet! sagte er.

1
Ich bedurfte eines Augenblicks, mich zu fassen.
Das Anerbieten, das man mir machte, mußte den größten
Ehrgeiz reizen. Es würde mir wie ein hohes Glück
erschienen sein, und ich würde es mit warmem Danke
empfangen haben, ohne die Bedingung, die man daran
knüpfte. Jetzt empörte die Arglist, mit welcher der
Pater zu Werke gegangen war, mein Herz und erfüllte
mir die Seele gegen ihn mit Hasß. Der Plan war
mit genauer Kenntniß der Betheiligten und mit großer
Klugheit ausgedachtr Meine eigenen künstüerischen Wünsche,
das Verlangen meiner Eltern mich zu verheirathen, die
Trauer wie die Frömmigkeit meiner Mutter, und meines
Vaters aristokratische Vorurtheile, waren von ihm so
richtig berechnet und so geschickt mit einander verknüpft
worden, daß meine Weigerung, auf das mir von mei-
nen Eltern Dargebotene einzugehen, wie ein Mangel an
Kindesliebe, ein Mangel an Liebe für die vor mir ge-
storbenen Brüder erscheinen mußte; und mein Zurück-
weisen der durchaus vortheilhaften Heirath konnte in
noch üblerem Sinne gedeutet werden.
Meine Mutter schüttelte traurig das müde Haupt.
Er hat verlernt auf uns zu hören, sagte sie, und ich

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hatte so fest darauf gebaut, ihn zu erfreuen, ihn er-
kennen zu lassen, was die Mutterliebe ist!
Ich wurde, wie ich mich auch zu fassen suchte,
aus einer Empfindung in die andere geworfen. Ich
hatte viel gut zu machen, ich wünschte zu versöhnen.
ach sah, daß mein unwillkürlicher Ausruf meinen Vater
gekränkt, meiner Mutter wehe gethan; und sie waren
beide in der Hand eines Mannes, dessen Absicht mich
von meinen Eltern zu trennen, sie gegen mich einzu-
nehmen, mir erst in dem Augenblicke völlig klar ward,
in welchem er mich unvorbereitet zu einer Entscheidung
hingedrängt hatie, über deren Ausfall er keinen Zweifel
hegen konnte. Indeß seiner Arglist ohne Kampf das
Feld zu räumen, war ich nicht gesonnen. Ich hatte
nicht allein mich, auch meine Eltern hatte ich gegen
die Absichten des Ordens, in dessen Dienst der Pater
handelte, zu vertheidigen, und mit der Gewalt, welche
die Nothwehr mir zur Pflicht machte, beschwor ich meine
Eltern, mich zu hören, mir zu glauben und mir zu
dertrauen.
Ich gestand es ein, daß ich nur mir und meinen
Neigungen lebend, bisher den Pflichten gegen sie nicht
Genüge gethan hätte. Ich versicherte sie, daß es

1s
mir eine Herzens- und Ehrensache sein solle, zu ver-
güten und zu ersetzen, was ich so lang versäumt hatte,
ihnen Freude zu machen, so weit ich es vermöchte. Ich
sprach es ihnen aus, daß ich selber mich nach einer
Festigung meines Lebens sehne, daß ich mtich zu ver-
heirathen wünsche, und stolz sein würde, unserem Hause
das Denkmal zu errichten, dessen Ausführung man mir
anvertrauen wolle, nur dürfe man nicht fordern, was
ich nicht zugestehen könne. Nur das Unmögliche, mein
Vater, rief ich aus, fordern Sie nicht von mir.
Mein Vater hatte mich ohne Unterbrechung reden
lassen. Was ist unmöglich, wo es sich gm Pflicht und
Ehre handelt? fragte er mit einer Kälte, die mir eine
üble Vorbedeutung war.
Ich kann mich nicht begraben in dem Mausoleum
der Armero's! sagte ich, um es mit kurzen Worten
auszudrücken.
Laß die Phrase! rief mein Vater, triff mit
geradem Worte Deine Wahl und suche nicht beschö-
nigende Ausflucht.
Es ist keine Ausfiucht, kein Beschönigen, das ich
suche, betheuerte ich ihm, und ich habe keine Wahl,
wenn es mir nicht gelingt, Sie, mein Vater, anderen

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Sinnes zu machen! Soll ich mich lebendig den Todten
zugesellen? Meinen Namen, meinen Künstlernamen soll
ich heften an die Todtengruft für ferne Zeiten, und
auf meine Freiheit verzichtend, mein frisches Künstler-
leben betten in den Sarkophagen meiner Brüder? Das
vermag ich nicht, mein Vater! Das zu thun, kann ich
nicht versprechen. Denn in Freiheit schaffen, das allein
heißt leben für den Künstler, und zum: Künstler hat
mich die Natur gemacht. Das Herz würde eö unir er-
drücken und den Sinn verdüstern in Verzweiflung, wenn
ich dastände vor der vollendeten Grabkapelle, mit dem
Gedanken: es ist der letzte Meißelschlag, den Du gethan
hast! -- Oer welches Gllck, welchen Trost und Ersaz
kdnnte ich finden in den Armen einer Gattin, die, um
sich meiner Treue zu versichern, mich untreu machen
wollte, an mir selber, an meinem eigensten Sein, an
dem Berufe, durch den ich mir selber, durch den ich in
den Augen der Menschen Etwas bin?
Du bist ein Graf Armero! fiel mein Vater mit
stolzer Härte ein, schlimm genng, daß Du's so lang
vergessen hast.
Ich vergaß das nie, mein Vater! sagte ich bestimmt
und ehrfurchtsvoll. Er aber achtete nicht darauf.

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Schlimm genug, daß ich Dich daran mahnen, daß
ich Dich erst daran erinnern muß, wie mein Wille noch
der meine, wie Deine Zukunft noch in meiner Hand ist,
setzte er hinzu.
Die Drohung brachte mich um meine Fassung, und
kalt von ihr berührt, erwiderte ich ihm auch mit Kälte:
Ich habe nie daran gedacht auf Ihren Willen, auf Ihre
freiesten Entschließungen zu meinen Gunsten irgend einen
Einfluß auözuüben. Ich habe nie, und darauuf mein
Vater! empfangen Sie mein Wort, auf irgend eine
Begünstigung gerechnet, die mir von Ihnen kommen
könnte. Denn was ich auch verschuldet haben mag,
von Eigennutz, von Habsucht, von Berechnung weiß ich
meine Seele frei. Ich war mir selbst genug - und
ich denke es zu bleiben.
Mein Vater hatte sich mit Heftigkeit erhoben, und
. dicht an mich herantretend, sagte er: Also Dir steht
nicht an, was ich Dir biete?
Nein, mein Vater! sagte ich.
Du denkst die Verbindung mit der Tochter des
Marquis nicht einzugehen?
Nein, mein Vater! wenn man für dieselbe andere

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Bürgschaft von mir fordert, als meinen Treuschwur
und mein Manneswort - gewiß nicht.
So denkst Du den Künstler zu spielen fort und
fort? rief er mit wachsendem Zorn; Du denkst fort und
fort in niederer Gemeinschaft für Deines selbstgemachten,
großen Namens Ehre und Unsterblichkeit Dich in aller
Freiheit nach immer neuer Nahrung umzuthun?--
Nun denn! so geh! hohnlachte er, so geh! und vergiß
es, daß Dun einen Vater hatlesl, der Dich zurückhusü hren
wünschte, Dich wieder einzureihen wünschte in die Reihen
Derer, die seines Geschlechtes Namen mit Ehre und
Würde trugen! -- Geh! weit, weit weg von mir und
meinem Hause auf Nimmerwtedersehen! damit nicht jeder
Tag mich schmerzlich mahne, daß ich einst einem Sohne
das Leben gab, der - -
Ein Aufschrei meiner Mutter machte ihn verstum-
men. Sie war zusammengebrochen. Ich sprang hinzu,
sie aufzurichten, mein Vater hatte mit solcher Gewalt
die Schelle gezegen. daß ihre Schnur in seiner
Hand blieb.
Tragt die Gräfin in ihr Zimmer! befahl er der
herbeigeeilten Dienerschaft, und mir abwehrend die Hand
entgegenstreckend, da ich mich anschickte, der Ohnmächtigen

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zu folgen, sagte er: Lassen Sie es genug sein mit diesen
Beweis der Kindesliebe, Herr Bildhauer! es gelüstet
uns nach keinem weiteren. Aber seien Sie überzeugt, daß
ich sie zu nutzen wissen werde, die Freiheit über mein
Eigenthum zu verfügen, die Ihr hohes Selbstgefühl mir
so großmüthig vergönnt.
Der kalte Spott fiel erstarrend nieder auf mtein heiß-
bewegtes Herz. Ich konnte daneben keine Vertheidigung
versuchen, und mich vor seinemt Worte beugend, verließ
ich das Gemach und meines Vaters Haus.