Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 07

iebentes Capilel.

Ez Ig nlchts Klelnes seines Vaters Zorn auf sich
geladen, dem Auge der Mutter Thränen des Schmerzes
erpreßt zu haben, fortzugehen von des Vaterhauses
Schwelle alä ein Ausgewiesener; und ich empfand die
Schwere dieses Schicksals in ihrer ganzen Wucht, als
ich einsam meines Weges ging.
Es war spät am Abend. Die Straßßen waren
menschenleer und dunkel, und krüb und dunkel war es
auch in meinem Innern. Da, als ich aus der Enge
der Gasse auf den Plaz hinaustrat, fingen die Wolten
über meinem Haupte sich zu erhellen an. Ein flimmern-
der Schein glizerte in den Fenstern der oberen Gestocke,
und die Nacht, die Alles unterschiedlos in ihrem Schatten
verborgen, mit siegender Gewalt erhellend, trat der
Mond lber die Gipfel der Häuser hellleuchtend empor

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und brachte Licht, und mit dem Lichte tröstliche und
hoffnungssichere Klarheit auch in meine Seele.
Nachdröhnend wie ein schwerer Schlag hatte das
höhnende Wort meines Vaters, jenes verächtliche: , Herr
Bildhauer!'' auf mir gelastet. Nun empfand ich's als
meine Freisprechung; und was mich niederschmettern
sollte, ward mir zur Stütze, an der ich mich emwor-
richtete. Mochte mein Vater über den Namen und
Besiz, der ihm und uns von seinen Ahnen kam, ver-
fügen wie er es für gut hielt. mochte er ihn auf die
Verwandten übergehen lassen, die mehr seines Sinnes
waren als sein Sohn, und der Kirche zuwenden, was
sie mit arger List erstrebte: mein Können, meine Freude
an dem künstlerischen Schaffen konnte keines Vaters
Wille, keines Menschen Macht mir rauben. Nie deut-
licher als in jener Stunde, da ich mich als einen Ent-
erbten zu betrachten hatte, empfand ich es, welch' einen
Schatz und welche Quelle eines eigensten Gllckes der
wahre Künstler in sich und seiner Kunst besizt.
Spät, wie es war, konnte ich mir es nicht versagen,
noch in meine Werkstatt einzutreten. - Wie ich mit
gebeugter Seele und gebeugtem Haupte aus dem Portale
unseres alten Grafenschlosses fortgegangen war. so

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richtete ich mich jezt, fest und sicher in mir selbst empor,
und unwillkürlich wiederholte der zum Manne gewordene
Jüngling sich den Ausruf, den der Knabe einst in frohen
Erstaunen über sein ungeahntes Können vor der Mutter
ausgestoßen hatte: . .g bin ein Bildhauer und Bild-
N,
hauer will und muß ich bleiben,-- komme was
immer mag.?
Ich erwachte mit neugestärktem Sinne. Das
Erlebte zitterte in mir nach, wie die Erinnerung an
einen schweren Traum, aber es waren eine Ruhe und
Stille in mir, die mir wohlthaten. So war mir in
den Tagen meiner frühen Jugend in der Neujghrsnacht
wohl zu Sinn gewesen, wenn füür meine Vorstellung
das alte Jahr begraben und von dem neuen noch durch
eine große Kluft getrennt war.
aeh sah meine Arbeiten darauf an, wie weit sie
vorgeschritten waren und bedachte, in wie viel Zeit sie
zu beenden sein dürften; denn ich wüünschte, je eher je
lieber ein Ende zu machen mit der Art des Schaffens,
der ich mich in den lezten Zeiten überlassen hatte.
Ein paar Büüsten, die ich unternommen, ein paar Fi-
gürchen, die ihre Käufer bereits gefunden hatten, waren
F. Lewald, Benvenuto. l.
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von den Hülfsarbeitern soweit vorgearbeitet, daß es nur
der letzten Ausführung von meiner Hand bedurfte. -
Auch das Grabdenkmal, dessen Vorarbeiten zu dem ersten
Zerwüürfniß zwischen mir und Gloria den Anlaß gegeben,
war so weit fertig, daß die Verabredungen für den
Zeitpunkt seiner Aufstellung genommen worden waren.
Ich blieb den ganzen Tag in meiner Werkstatt,
Niemand störte mich in meinem Nachdenken. Ich sah,
wie viel ich fördern konnte, wenn ich mich in Sammlung
an meine Arbeit hielt, und ich versprach mir, daß der
Anbeginn des Sommers vollendet sehen sollte, was von
angefangener Arbeit unter meinen Händen war. Daß
ich wieder einen festen Vorsatz faßte, that inir förmlich
wohl.
Erst, als das Licht mir zu fehlen begann und die
Müdigkeit mich überwältigte, ging ich hinaus, aber in
dem Augenblicke überkam mich auch die Erinnerung an
meine alten Eltern mit allem ihrem Schmerze. Mein
Selbstgefühl verstummte vor der Liebe zu ihnen. Ich
konnte an meine Zukunft nicht denken, ohne mir zu
sagen, wie nahe ihr Lebenöziel vor ihnen liege, und ich
setzte mich nieder, ihnen zu schreiben, was ich Vermit-
ielndes zu finden wußte, was das Herz mir eingab.

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Ich sendete den Brief zu ihnen. Er enthielt am
Schlusse die Versicherung, daß es nur ihres Wortes
bedürfe, mich in derselben Stunde zu ihnen zu führen,
und unruhig in meinem Zimmer bald zu dieser, bald
zu jener Beschäftigung greifend, wendete sich mein Auge
immer wieder nach dem Zeiger der Uhr, die Zeit be-
rechnend, in welcher der Bote wiederkehren konnte.
Er ließ mich nicht zu lange auf sich warten, aber
schon die Aufschrift von des Paters Hand verküündete
mir, was ich von dem Inhalt zu erwarten habe. Im
Aufträge meineä Vaters meldete er mir, daß meine
Mutter ernstlich erkrankt sei, daß man es nicht wagen
dürfe, sie durch eine Erinnerung an mich auf das
Neue zu erschilttern, und daß mein Vater, hingenommen
durch seine Sorge umn die Kranke, sich nichl von ihr
zu trennen vermöge. Sein Wille sei mir bekannt. Sei
ich gesonnen diesem nachzugeben, so möge ich dies er-
klären; wo nicht, so werde er, den Wüünschen der Mutter
nachgebend, den Bau der Grabkapelle sobald immer
möglich anderen Händen als den meinen anvertrauen,
und im Nebrigen diejenigen Maßnahmen und Ver-
füügungen treffen, die er in Bezug auf die Ordnung
der Familienverhältnisse für unerläßlich halte. In

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einer Nachschrift, die der Pater als eine eigenmächtige
bezeichnete, ermahnte er mich zur Fügsamkeit, und er
erbot sich zudem in derselben, sich zu mir zu begeben,
um eine Ausgleichung herbeizuführen, die für mich in
jeder Beziehung so geboten als wüünschenswerth erscheine.
Einen brieflichen Verkehr, oder gar eine Begegnung mit
mir, so setzte er hinzu, habe nein Vater entschieden ab-
gelehnt, da die Racksicht auf seine Gesundheit es ihm
verbiete, sich noch einmal solcher Gemüthserschütterung
auszusetzen.
Ich faltete das Blatt zusaumed und ging planlos
in die Straße hinaus, den Stadttheilen zu, in denen
ich darauf rechnen konnte, in dieser Stunde nicht leicht
einem von meinen Bekannten zu begegnen. Unter
fremden Leuten mittleren Standes nahn ich meine
Mahlzeit ein und kehrte, chne Jemanden gesprochen zu
haben, in meine Wohnung zurück. Ich konnte in der
Nacht tein Auge schließen. Die Vorstellung, meiner
kranken Mutter nicht nahen zu dürfen, muit meinem
Vater unerwartet zusammenzutreffen und ihn mich
meiden zu sehen, brannte mir iu Herzen. Ich hatte
von frühester Kindheit an so sehr an Nom gehangen,
daß mir der Wunsch, es für längere Zeit zu verlassen,

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eigentlich niemals gekommen war; jezt aber regte sich
in mir das dringende Verlangen, meine Arbeit bald
beendigen und dann fortgehen zu können, und der Ge-
danke trieb mich schon in aller Frühe an daä Werk.
E war noch zeitig, als sich Donna Carolina bei
mir melden ließ. Sie zu sehen, war mir unerwartet
und auch nicht willkommen, aber sie ließ mich über
den Anlaß, der sie zu mir führte, nicht lange im
Zweifel.
In Wahrheit, Benvenuto! rief sie mir entgegen,
Sie haben ein wirkliches Genie, Ihre Freunde in Ver-
legenheit zu sezen! Wissen Sie, daß ich böse auf Sie,
daß ich in Empörung über Sie bin! Auch Ihr Vater
ist außer sich! Der Mutter Zustand nennt der Arzt
mehr als bedenklich, und der Marquis hat mir ungefähr
die Thüre gewiesen, während Pater Cyrillus mit einem
Male Alles in Frage stellt, was er mir füür meinen
Neffen fest verheißen hatte, wenn ich Sie dahin
brächte, den Eltern zu willfahren und diese ganze
unnöthige Bildhauerei an den Nagel zu hängen, das
heißt, an dem Wappen der Armero's aufzuhängen.
Und an eine solche Möglichkeit haben Sie geglaubt?
fiel ich ihr ein, während daä Gewebe der Arglist, mit

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welchem der Pater ntich umsponnen hatte, mir inumer mehr
erkennbar wurde. Sie haben wirklich geglaubt, ich
könne aufhören zu arbeiten, zu schaffen?
Warumt denn nicht? entgegnete sie mir. Ist
es denn ein so besonderer Genuß, den nassen Thon zu
kneten, und sich mit dem Eisen in der Hand, am harten
Stein die Hände zu verderben? Daß Sie ein Künstler
sind, wenn's Ihnen so beliebt, das haben Sie ja be-
wiesen! Nun treten Sie Ihres Stammes Güter an
und nehmen sich eine reiche hübsche Frau, wie's Ihnen
ziemt, und damit basta!
Und was hat Pater Cyrillus Ihnen denn eigentüich
dafür zugesagt, wenn Sie mich von mir selber abzufallen
bereden? fragte ich die Aufgeregte.
Sie fuhr zusammen, es war ihr unlieb, sich soweit
verrathen zu haben. Zugesagt! zugesagt! wiederholte
sie. Er hatte mir versprochen, daß mein Neffe Seba-
stiano die Stelle im Ministerium der Finanzen haben
solle, auf die er lange speculirt, und die es ihm möglich
machen wüürde, die Wittwe deö reichen Filangieri zu
heirathen, der er doch eine Position zu bieten haben muß.
Also damit Ihr Neffe eine Liebesheirath schließen
kdnne, soll ich mich verknppeln lassen? Vielen Dank!

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Signora! rief ich aus. Ich bin nicht gesonnen, fremdes
Glück mit meinem eigenen zu bezahlen! Aber der
Pater kannte mich und wußte, was er that. Sie und
meine Eltern und die Familie des Marquis hat er mir
der Art gegenüber zu stellen verstanden, daß die Weigerung,
die ich gegen Sie Alle aus Nothwehr auszusprechen
gezwungen bin, Sie aus meinen Freunden in neine
Gegncr verwandeln mußte. -- Und Sie, Carolina! die
noch vor Jahr und Tag so sehr geneigt war, über die
Arglist der Pfaffen, über die Ränte der Jesuiten sich
im bittern Spotte zu ergehen, Sie lassen sich jetzt dazu
gebrauchen, dem Orden durch des Paters Hände, ihre
nächsten eigenen: Freunde anözuliefern?
Was heißt das ausliefern? entgegnete sie utir
heftig, und welche Worte brauchen Sie? Gut nachen
habe ich wollen! Gutes habe ich thun wollen! Denn
das Leben mein Lieber! sieht sich anders an, in reifent
Alter als in unbesonnener Jugend. Sie wissen, ich
habe nie die Heilige gespielt, und canonisirt zu werden
hab' ich wenig Hoffnung. Aber die Zeit ist ernsthaft
geworden, und ich bin es mit ihr. Auch für Sie ist's
Zeit, ein anderes Leben zu beginnen! Sie haben genug
den Don Giovanni gespielt und Herzen gebrochen, und

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die arme Gloria hingeopfert. Es ist häßlich von Ihnen,
daß Sie von den Modellen und von dem Leben mit
diesen lockern Frauenzimmern nicht lassen wollen! Sehr
häßlich von Ihnen, Benvenuto! In der That! -
Kommen Sie! seien Sie vernünftig! Sie heirathen die
Marchesina, mein Sebastiano verbindet sich mit der
schönen Filangieri - und Sie haben an mir die alte
Freundin wie zuvor, und ich posaune als Fama Ihre
Umkehr zu dem Pfade der Tugend durch die Welt.
Seit ich zu einem eigenen Urtheil gekommen war,
hatte ich Carolina niemals ernsthaft in Betracht gezogen.
Dennoch erzürnte und erschreckte es mich in hohem
Grade, daß auch sie der listigen Versuchung des Paters
ihr Ohr geliehen hatte, und sich gegen mich auf seine
Seite stellte. Ich fand es unerträglich, mich mit einem
Male von den mir nächststehenden Personen bevormundet,
mit Bekehrungsversuchen behelligt, in meiner Freiheit beein-
trächtigt, und da ich ihren Verlangnissen nicht Folge
leisten konnte, gewaltsam verlassen zu sehen. Das Ge-
fühl der Kränkung, der Beleidigung, das ich vor meinen
Eliern mühsam zum Schweigen verdammt, brach der
Leichtfertigen gegenüber rückhaltslos hervor; und mich
mit aller Kraft verwahrend gegen jede Beeinflussung

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durch sie, sprach ich ihr lebhaft aus, zu welcher thörichten
und schlechten Rolle fie sich unter der Leitung des
Paters hergegeben, der es mit Sicherheit gewußt habe,
daß ich nie und nimmer darauf eingehen könne, mitten
in der Fülle des Lebens einen geistigen Selbstmord an
mir zu begehen. Ich versuchte es ihr einsichtlich zu
machen, wie der Pater das ganze Gerüst seiner auf
meine Besserung hinzielenden Beglückungsplane auf
einem Boden aufgebaut, von dem er wußte, daß er
hohl sei, wie er sicher darauf gerechnet habe, mich den
Hals brechen zu sehen, sobald ich es berührte, und wie
wohl er Alles vorbereitet habe, soweit als möglich den
Orden in mein Erbe eintreten zu machen.
Carolina nannte daä Alles Hirngespinnste meiner
Phantasie. Sie gehörte zu der großen Zahl der Frauen,
welche Nichts zu hören, Nichts zu verstehen vermögen,
was ihren jeweiligen nächsten Begehrnissen entgegen ist,
und wie sie von diesen beherrscht werden, sich auch in
blindem Glauben Demjenigen anvertrauen, der ihnen
zur Erreichung ihrer augenblicklichen Absichten die Aus-
sicht und die Wahrscheinlichkeit eröffnet. Immer selbst-
willig beschäftigt, war und blieb sie auf diese Weise
fortdauernd in der Abhängigkeit von fremdem Willen.

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Bald dies, bald jenes eifrig wünschend, wurde sie nach
den verschiedensten Richtungen hin und her gezogen, diente
sie oft den Andern, wo sie für sich selbst zu wirken
meinte; und so konnte sie in dem Wahne, für ihre
Freunde treu und verläßlich zu sein, ihnen zu einer
gefährlichen Feindin werden, wie ich es jeht zu spät
für mich erfuhr.
Meine Heftigkeit regte die ihre auf. Wir kannten
und wußten von einander gerade genug, uns tddtlich
kränken und verletzen zu können, ohne harte Worte laut
werden zu lassen. Obschon sie mit lächelnden Munde
von mir Abschied nahm, als ich sie nach ihrem Wagen
hinausgeleitet hatte, war ich gewiß, daß fie in dieser
Stunde mir Feind geworden war, und daßß ich mich
vor ihr zu hüten hatte, weil ihr Leichtsinn nicht Be-
denken tragen würde, mich völlig preiszugeben, wenn sie
sich dadurch des Paters Mitwickung zu der Heirath
ihres Neffen und dereinstigen Erben, mit der reichen
Wittwe zu erkaufen hoffen durfte.