Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
Kapitel 08

Kctes Capilel.

war
KHuflgore Arrigo war nicht in der Stadt. Er
für ein paar Tage auf das Land gegangen, und
seine Abwesenheit war mir willkommen. Ich hatte bis
dahin, auch seitdem ich weniger mit ihm zusammen
gewesen war und seine Zufriedenheit nicht mehr wie
vordem besessen hatte, mich doch stets an ihn gewendet,
wo ich mich des Raths bedürftig wußte, und er hatte
mir denselben auch niemal fehlen lassen, ja er war
mir mit demselben in treuer Freundschaft oft zuvor ge-
kommen.
So hatte er mich auch bei verschiedenen Anlässen
auf den wachsenden Einfluß aufmerksam gemacht, welchen
Pater Cyrillus in seinem Orden sowohl, als in den
regierenden Kreisen gewonnen, und auf die zunehmende
Herrschaft, die er in meinem Vaterhause sich zu erobern

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verstanden hatte. Er hatte mich ermahnt, mich gegen
die Eingebungen zu verwahren, die Cyrillus meinen
Eltern nachen könnte, und uir vielfach e zu bedenken
gegeben, was ein reicher Besitz dem Menschen werth sei,
und welche Macht und Freiheit er verleihe.
Ich sah also voraus, daß er auözugleichen, zu ver-
mitteln suchen würde, schon um meiner Mutter ein
Herzleid zu ersparen; aber mein Bedürfniß mir genug
zu thun und endlich einmal mit Pater Cyrilluö meine
Abrechnung zu halten, war so groß, daß ich mich eines
Abends niedersezte, um es ihm unumwunden auszu-
sprechen, wie verächtlich ich seine Handlungsweise fände.
Daß es nicht klug gehandelt war, den Pater in
solcher Weise herauszufordern, wußte ich sehr gut. Trotz-
dem fühlte ich mich freier, als ich es gethan hatte, und
sicher war, seiner heuchlerischen Freundschaft nicht mehr
begegnen zu düürfen, nachdem ich ihm offen ausgesprochen
hatte, wie ich in ihm meinen und meiner Eltern Feind
erkannt hätte.
Bald nachdem ich daä Schreiben an Cyrillus ab-
gesendet hatte, kehrte Arrigo in die Stadt zurück. Ich
hatte die Tage still für mich gelebt, hatte mich völlig
in mir selbst zurecht gefunden, und konnte mit verhält-


nißmäßiger Ruhe dem alten Freunde von dem Geschehenen
Nachricht und Auskunft geben.
Er hörte mich an, ohne eine Neberraschung z
verrathen. Ich habe Dich zum Hefteren gewarnt, sagte
er, als ich geendet hatte, und würde Dich vielleicht ab-
gehalten haben, dem Pater Deinen Handschuh hinzu-
werfen. Du hast, weil Du dies wußtest, auch ohne
mich entschieden, und wo ein Ausweichen oder Umkehren
nicht mehr möglich ist, thut man wohl daran, entschlossen
vorwärts zu gehen. Du hast jetzt einen Feind Dir
gegenüber, der großes Spiel zu spielen liebt, wenn er
es auch nicht verschmäht, sich dabei der kleinsten, elendesten
Mittel zu bedienen; und weil er Dich kennt, verläßt er
sich, wie die Schlechten und Gewissenlosen es in solchen
Fällen immer thun, auf Deine Wahrhaftigkeit und auf
Dein Ehrgefühl. Denn wer sichert ihn, als eben diese,
daß Du nicht nach den weisen Lehren handelst, mit denen
er Deine frlhe Juugend so freigebig genährt hat?
Ich verstand nicht, was Arrigo damit meinte.
Ein Lächeln flog über sein noch schönes Antliz, und
mit einer der sprechenden Handbewegungen, deren Adel
man von je an ihm bewundert hatte, sagte er: und diesen
Menschen haben sie zum Jesuiten machen wollen! Dich!

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der auch in diesem Augenblicke noch nicht auf die Mög-
lichkeit verfallen ist, sich mit einem inneren Vorbehalte,
durch eine zeitweilige Unterwürfigkeit unter den thörichten
Willen zweier Greise, eine völlige Freiheit für sein Thun
nach ihrem Tode zu erkaufen!
Nein! in Wahrheit, rief ich, solch ein Gedanke war
und ist mir fern.
Ich weiß das und der Pater weiß das ebenso;
aber ich zweifse nicht, das er sich selbst flr diesin Fall
vorsehen, und Deine augenblickliche scheinbare Unter-
werfung für Deine spätere Freiheit unwirksam zu machen
wissen würde, indem er Deinen Vater dahin bringt,
Dich nach seinem Tode der Aufsicht des Ordens zu
überantworten, auf dessen Wachsamkeit er sich verlassen
darf. Also großes Spiel gegen großes Spiel! -- Voll-
ende die Arbeiten, zu denen Du Dich verpflichtet hast,
und dann rasch fort von Deinem Vaterhause, von Rom,
und in die Welt! Du warst nicht des Hauses Erbe
als Du geboren wurdest, hattest nicht darauf rechnen
können, es zu werden, so darf's Dich auch nicht schmerzen,
jetzt ein Enterbter zu sein. Geh' Deines Weges, und
warte das Ende ab. Ich bleibe hier, Dein Platz in

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meinem Hause bleibt Dir auch, und von hier fortzu-
kommen wird Dir wohl thun.
Die freundliche Beflissenheit, die großmüthige Nach-
sicht, mit welcher Arrigo sich in diesen Zeiten wieder meiner
annahm, ohne mich jemals fühlen zu lassen, daß ich
auch ihn verabsäumt hatte, machte mich ihm noch mehr
zu eigen, als ich es je gewesen war. Sie flößten mir
jene erhebende Liebe, jene begliückende Dankbarkeit für
ihn ein, die ich meinem Vater gegenüber nie hatie
empfinden lernen.
Alles was ich in den folgenden Tagen und Wochen
Peinliches zu erfahren hatte, ward für mich gemildert,
da er sich zu dem Neberbringer der Nachrichten machte,
welche mir nicht vorenthalten werden durften.
Er hatte es vergeblich versucht, meine Eltern zu
meinen Gunsten umzustimmen. Meine Mutter hatte
ihn nicht empfangen, weil, wie man ihm sagte, ihr
Befinden dies verbiete. Mein Vater hatte sich mit
großer Erbitterung gegen mich geäußert und ihm mit-
getheilt, wie er seines verstorbenen Halbbruders Sohn,
der das nächste Erbrecht an das Majorat des Hauses
hatte, eingeladen habe für die kommende Villeggiatur
F. Lewald, Benvenuto. Ü.

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sein Gast zu sein, und wie er mit den Architekten
Seiner Heiligkeit Rücksprache wegen der Kapelle genommen,
in der er selber einst neben den Seinen sich die Ruhe-
stätte zu bereiten wünsche. Er hatte hinzugefügt, daß
sein Neffe soeben seine Studien in dem Collegium der
Jesuiten beendigt, daß er, obschon jünger als ich, mir
doch an ernster Sittlichkeit und richtiger Lebensauffassung
voraus, und also unter allen Verhältnissen besser als
ich geeignet sein würde, einem Vater sichere Bürgschaft
für seiner Tochter Gllck zu geben.
Die Nachrichten fanden mich nicht unvorbereitet
und ich nahm sie wie ich mußte auf. Widerwärtig aber
war es mir, die Kunde von meinem Zerwürfniß mit
den Eltern, von der für mich geplanten und nicht zu
Stande gekommenen Heirath, in dem ganzen Kreise
meiner Bekannten mit einer so geflissentlichen Entstellung
ber Wahrheit verbreitet zu finden, daß ich über die
Quellen, aus welcher sie entstammte, nicht im Ungewissen
bleiben konnte.
Gewohnt, mich als einen Glücklichen gepriesen zu
sehen, mich überall mit Freuden und Zuvorkommenheit
empfangen zu sehen, beleidigten mich die fragenden An-
deutungen und das vorsichtig. zur Schau getragene Mit-

leid meiner Umgangsgenossen. Man ließ mich ahnen,
daß man mein Fortgehen als nothwendig habe bezeichnen
hören. Man erzählte sich, wie ich es dem rechtzeitigen
Dazwischentreten des Paters Cyrillus, dieses treuen
Freundes, zu verdanken gehabt hätte, daß man damals
über Gloria's Tod keine weiteren Nachforschungen ange-
stellt, und es bei dem vorgegebenen Gerücht von einem
Selbstmorde habe bewenden lassen; und dieselben Frauen,
welche mich einst als den Helden jenes traurigen Aben-
teuers in besondere Gunst genommen hatten, nannten es
jetzt plötzlich selbstverständlich, daß unter so bewandten
Verhältnissen, ein zärtlicher und gewissenhafter Vater
nicht hätte daran denken können, meiner Werbung um
fein Kind Gehör zu geben.
Es war unverkennbar darauf abgesehen, meinen
guten Ruf, meine gesellschaftliche Stellung zu unter-
graben, mir den Aufenthalt in der Heimath zu verleiden;
und mein ausgesprochener Vorsaz auf Neisen und in
das Ausland zu gehen, lieh den gegen mich verbreiteten
Gerüchten Nahrung.
So kam die Zeit heran, in welcher die Gesellschaft
sich in Rom zu trennen, und je nachdem auf ihre Güter,
oder auch in ihre transalpinische Heimath zurlickzukehren

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pflegte. Mein Grabdenkmal war fertig geworden, und
der Besteller desselben nahm meine Erklärung, daß ich
geneigt sei, es selbst in England abzuliefern und an dem
ihm bestimmten Platze aufrichten zu lassen, mit großer
Freude an, während es mir willkommen war, auf diese
Weise ein nächstes und bestimmtes Ziel vor mir zu
haben. Die Gruppe war verpackt und eingeschifft, meine
andern Arbeiten waren auch vollendet, und ich war da-
bei, die Vorkehrungen für meine Abreise zu treffen, als
Arrigo mich an einem Mittage mit der Nachricht
empfing, daß der Cardinal-Staatssecretair ihn am Morgen
habe zu sich entbieten lassen, um ihn zu fragen: ob er
Neigung habe, sich der Nebermittelung eines Auftrages
an dem Hofe zu unterziehen, bei welchem er schon früher
in ähnlichen Geschäften verwendet worden war. Der
Cardinal hatte ihm die Angelegenheiten in einer Weise
gestellt, die daä Anerbieten als eine besondere Vertrauens-
sache, als eine ehrende Anerkemnung seiner früher ge-
leisteten Dienste erscheinen machte, und eine Ablehnung
kaum zuließ; denn Arrigo erfreute sich troz seiner vor-
geschrittenen Jahre einer trefflichen Gesundheit, hatte
immer sich mit Vorliebe seines Aufenthalts und seiner
Wirksamkeit an jenem lebenslustigen Hofe erinnert,

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und die sommerliche Jahreszeit mußte ihm eine Neise
und ein Verweilen jenseits der Berge nur annehmbarer
erscheinen lassen.
Und Sie werden gehen? fragte ich.
Nein! entgegnete er mir, da man mich fortzuschicken
wünscht, gewiß nicht! Der Kdder, den der Gardinal
mir vorhielt, als er wie zufällig der neuen bevorstehen-
den Cardinals-Creirungen gedachte, konnte mich nicht
verlocken. Mit den Gesinnungen, die man an mir kennt,
hat man jetzt meine Ernennung nicht im Plane, und
die Mission, mit welcher man mich betrauen will, ist
eine, die nothwendig erfolglos bleiben muß. Man würde
also, wenn ich verblendet genug wäre, sie anzunehmen,
nicht ermangeln, mir das Mißlingen derselben zuzuschrei-
ben, würde es mir allenfalls verzeihen, indem man aus-
sprengte, daß ich nicht mehr im Vollbesiz meiner früheren
Gewandtheit sei, und während meiner Abwesenheit würde
Pater Cyrillus nicht zu befürchten haben, daß ein ver-
ständiger Einfluß, ein mahnendes Abrathen, ihn in den
Planen störte, welche er in Deinem Vaterhause weiter
zu verfolgen denkt. - Denn unverkennbare Zeichen
deuten darauf hin, daß die Berufung des Lehnsvetiers
nichis als eine Finte ist, hinter welcher die Absicht,

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das ganze Erbe der Armero dem Orden zuzuwenden,
vorläufig sich noch verbirgt. Packe Du also Deinen
Koffer. Ich bleibe hier als Dein Geschäftsträger,
und gehe im Nebrigen in Freiheit meinen Neigungen
nach, wie ich's seit lang gehalten habe. Mir ist es
am Wohlsten in der Heimath, und Dir wird's gut ihun,
als ein Fremder in der Fremde eine freiere Luft zu
athmen, als die, in welcher wir hier leben.
Wenige Tage darauf, stand ich noch einmal an
meiner Eltern Thüre und wurde abgewiesen. Ich schäme
mich der Thränen nicht, die ich zerdrückte, als ich von
meines Vaterhauses' Schwelle schied, und auch Arrigo
wußte sie zu ehren. An demselben Abende verließ ich,
von seinem treuen Segenswunsch begleitet, ihn und meine
Heimath für eine längere Zeit, als ich es in jener
Stunde vorausgesehen hatte.