Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 14

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, Die Herrschaften haben das Haus heut' nicht verlassen!
Das Fräulein ist nicht aus ihrer Stube herausgekommen!
antwortete der Alte.
Rudolf warf den Hut, die Gerte von sich und eilte die
Treppe hinauf.
Vierzehntes Ka pitel.
Linda hatte ihn kommen hören und war ihm entgegen-
gegangen. Sie stand in der Mitte des Zimmers, als er
bei ihr eintrat.
, Nun ? rief er, indem er ihr die beiden Hände entgegen-
streckte, aber sie achtete deß nicht und blieb äif ihrem Platze
stehen. Keine Miene ihres Gesichts verzog sich. Sie war
blaß und starr, ihre Augenlider hingen schwer hernieder, ihre
Lippen hatte der Schmerz zusammengepreßt.
,Wie siehst Dn aus? rief Rudolf erschreckend, , was
ist mit Dir geschehen?
,Wie ich aussehe?- wiederholte sie mit schneidender
Schärfe. - ,Nun wie mir's zukommt! Wie Eine, die man
fortstößt aus dem Vaterhause, damit Platz füür eine Andere
Glitcklichere werde; wie Eine, die den Glauben verloren hat
an Alles, an Vater und an Mutter, an Liebe und an Trene,
und zumeist =-
Er war in heftiger Erregung bei ihr eingetreten, aber
das lebermas ihrer Leidenschaft, das ihn mit Angst um sie
erjüllte, gab ihm die Kraft, sich zu beherrschen. ,Schweig!r
iagte er, ,laß das Wort nicht über Deine Lippen kommen.
Tu versündigst Dichtr

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Er ergriff ihre Hand, sührte sie zu einem Sitze und
ließ sich neben ihr nieder, aber er hatte Mühe, die Nuhe zu
erkünsteln, die er zu behaupten für unerläßlich hielt. Ihre
Hand lag eiskalt in der seinen, ihm jagte das Blut durch
die Adern.
, Besinne Tich, was ist geschehen ? sprach er. ,Tie
Eltern wünschen Dich mit Woldemar zu verheirathen und
Dn kannst dazu Dich nicht entschließen. Ist das ein Grund,
am Leben und an den Meuschen zu verzweiseln? Ist das ein
Grund, so auf sich einzustürmen und mich zu empfangen, wie
Duu es jetzt gethan hast ? =- Zwingen wird Dich Niemand= -
,Nein, bewahre; fiel sie ihm ein, , zingen nicht!
Nicht mit Gefängniß, nicht mit Hunger und uit Durst.
Aber nöthigen wird man mich! Genöthigt hat die Mutter
mich, das Hans zu verlassen und Euch, unter denen ich
keine Ruhe wieder finden werde.!
Er wollte noch einmal versuchen, sie zu beschwichtigen,
sie ließ es nicht dazu kommen. , Ieh glaubte mich von der
Mutter gekannt wie ich mich selber kenne! Sie hat mic
eitler Gefallsucht angeklagt. Ich glaubte mich von ihr ge-
liebt, glaubte, daß ihr mein Glück, mein Friede theuer sei,
und sie hat mit flehender Bitie in mich gedrungen, mich zu
opfern, um ihren häuslichen Frieden nicht zu stören. -- Ich
glaubte, der Vater hielte darauf, seine Tochter mit Ehren
den Namen tragen zu sehen, den er ihr gegeben hat, und
er hat mir sagen lassen, er verlange, daß ich ihm gehorsame,
daß ich mich vor mir selbst entehre, wie vor dem Manne,
den man mir aufdringen will und dem ich's sicher nicht ver-
schweigen werde, daß ich ihn nicht liebe. Es lohnte der

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müütterlichen Mühe, mich zu sittlichem Idealismus zu erziehen,
um mir in der rechten Stunde vorzuhalten, daß es Pflicht
und Tugend sei, sic einem ungeliebten Manne hinzugeben,
um ihn und das eigene Dasein zu verwünschen !r
,Halt ein! halt ein! stieß Rudolf, seiner selbst nicht
mehr mächtig, wild hervor, indem er sie mit stürmischer
Leidenschaft umschlang. ,Du! Du in den Armen eines An-
deren? Dn, der die heißeste Liebe meines Herzens entgegen-
lodert, die jeder Pulsschlag meines Bluts ersehnt, meine
einzige Liebe-- nimmermehr! nimmermehr!r
,Nudolf! Rudolf! Geliebter!r jubelte sie an seinem
Halse auf, ,also Du nicht? Du willst nicht, daß ich von
Dir gehe. Dn nicht ? - O! dann ist Alles gut! dann kann
und will ich leben! Du wirst mich halten, Geliebter! wirst
mich nicht lassen! wirst Deine Schwester beschützen =-
Das Wort erstarb auf ihren Lippen, ein dumpfer Laut
des Schmerzes rang sich aus Rudolf's Brust hervor. Er
sprang empor, dasß sie in sich zusammensank, und das Gesicht
in seinen Häänden bergend, während er sich von ihr wendete,,
sagte er klanglos: ,Ja! ja! beschüützen! beschützen gegen mich
und Dich! und ! =- seine Stimme bebte, wie er sich auch
z beherrschen trachtete - , und wenn es möglich, noch
möglich ist, uns retten von Untergang und Wahnsinn.!
Sie lag wie vernichtet da. Er blieb stehen, der Kopf
scwindelte ihm, er konnte nicht von der Stelle. Mit einem
Male stürzte er zu ihr hin, und ihre Knie umschlingend, rief
ee: , Was auch kommen möge, wie es auch kommen möge,
lerne es niemals, mir zu fluchen! und werde Dir das Glück
zu Thcil, das ich nie finden werde! Lebe wohll
Ia nnn Lcwald, Neue Novelleu.