Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 15

11:
Sie hielt ihn gewaltsam jest. ,Nudolf!r flüsterte sie,
mit Tir sterben kann ich-- leben nicht ohne Dich! und was
bleibt uns Anderes übrig!?
, Unsere Eltern! Lass uns versuchen, was die
liebe kann!- Lebe wohl!r -=- Er ging davon.
ahür blieb er noch einmal sehen. , Fasse Dich!
Kindes-
An der
sagte rr,
,schone Dnch, Linda! Vor Allem schone unsere Mutter.
Lebe wohl! Du hörst von mir! Lebe wohl!r
rünfzehntes Ka pitel.
Als gegen den Spätabend Werner aus der Stadt zu-
rückkehrte, fand er den Wagen des Arztes vor der Thür,
seine Leute in grosßer Bestüürzung.
Man hatte Linda in ihrem Zimmer wie leblos am
Boden liegend gefunden, als man gekommen war, sie zum
ahee zu rufen. De Versuche, sie zu sich zu bringen, hatten
sich als vergeblich erwiesen; erst dem herbeigerufenen Arzte
war ee gelungen, den Herzkrampf zu überwinden, der sie
übersallen hatte. Jeht hate sie sich erholt, ihr Bewußtsein
sei zurüickgekehrt, sagte ihm das Kammermädchen, aber sie
gebe auf keine Frage Antwort und der Arzt wolle, daß man
ihr volle Ruhe und ihren Willen lasse.
De. Tokior, den er auf der Treppe' antraf, bestätigte
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diese Aussage mit dem Zusaz, es müsse eine schwere Ge-
müthserschütterung vorangegautgen sein, denn die Nerven des
sonst so gesunden Mädchens seien im höchsten Grade über-
reizt und große Schonung nöthig. Es war Werner bei der
Nachricht schlecht zu Muthe.

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Oben in dem spärlich erleuchteten Krankenzimmer fand
er seine Fran an ihrer Tochter Bett. Sie hinderte ihn, sich
demselben zu nahhen, erhob sich, ihm zu berichten, was ge-
schehen war, und ging dann zu schweren Auklagen gegen
sich selber üüber, welche, ohne das sie es beabsichtigte, auf
Werner zurüickielen. Um seinen Willen durchzusezen, um
ihm gehorsam zu sein, sagte sie, habe sie Linda zu hart be-
handelt. Jetzt stehe sie vor dem Unheil, das sie ange-
richtet habe.
Werner sprach ihr im Hinblick auf des Mädchens bis
dahin vollkommene Gesundheit Trost unb Mith zu. Er bat
sie, auf sich selber Rüücksicht zu nehmen, und meinte, wo man
sich bewusßt sei, das Richtige, das von der Vernunft Gebotene
mit leberlegung gethan zu haben, müsse man vor augen-
blicklichen Snörungen nicht zu sehr erschrecken. Der Anfall
werde voriibergehen und man werde dann wweiter zusehen,
was zu macen sei. Darauf fragte er nach seinem Sohne. -
Meta sagte, sie habe ihn gar nicht gesehen. Er sei
Hause gekommen und gleic danach anögegangen.
Vater erkundigte sich, ob Rudolf bei Linda gewesen sei.
nach
Der
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Mutter entgegnete, sie wisse es nicht und glaube es auch nicht.
Tarauf verlies; er sie und begab sich auf sein Zimmer.
Daß die Mutter bei der Kranken blieb, verstand sich ganz
von selbst. Weder einer der Tiener uoch die Kammerjungfer
hatten Rdolf gesehen, sie waren in verschiedenen Theilen
des Hauses thätig gewesen und hatten nur gehört, wie man
das Pferd in den Stall gefüührt. Der alte Konrad gab
endlich die verlangte Auskunft. Er sagte, der junge Herr
sei vor mehr als zwei Stunden fortgegangen und habe nichts
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verlassen. Er habe ihn den großen Mittelweg hinuntergehen
sehen, wohin er sich danach gewendet, wisse er nicht zu mel-
den - und Rudolf hatte das selber nicht gewußt.
Sich zusammenraffend mit aller seiner Kraft, war er
geslohen von der Stelle, aus dem Hause, in dem fortan
seines Bleibens nicht mehr sein konnte. Er war plaulos
vorwärts geeilt, rasch und immer rascer, als könne er einen
Ort erreichen, an dem er sie nicht mehr zu hören brauchhte,
die furchtbaren Worte, die wie der Fluch der Eumeniden
ihn versolgten:
Weh ! Weh!
Dn hast sie zerstört,
Tie schöne Wett
Mit mächtiger Fansi;
Sie süirzt, sie zerfäult!
Als suche er den Flecken Erde, auf deu er ohne Scham
und ohne Eutsetzen vor sich selber die bitteren heißen Thränen
weinen durjte, die ihm aus den Augen stürzten, als der
Nachsatz dieser Worte, als das schmerzliche:
Wir tragen
Die Trümmer in Nichts hinüiber
Und klagen
Neber die vetlorne S cöne
in seinem wunden Herzen auftauchend erklang.
Er brach zusammten unter der Last seines Schmerzes.
Aber die vergossenen Thränen hatten ihm das gequuälte Herz
befreit, seih fieberndes Gehirn besänftigt. Er richtete sich
auf und blickte um sich. Die Nacht war heiß und sternen-
hell. Von den Feldern zog der Duft des blühenden Korns

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herüber, in den Büschen sang die Nachtigall, und wie er die
Augen erhob, tauchte in spätem Aufgang drüben der Voll- -
mond in feurigem Dunstkreis langsam aus der Tiefe hervor.
«ie Schönheit der Natur bemächtigte sich aller seiner Sinne,
die Luust am Leben, die' Kraft der Jugend wurden wieder in
ihm mächtig. Er konnte sich und seine Gedanken wieder er-
kennen und beherrscen.
Ein schweres Schicksal war über
gebrochen- und wie er sich auch
sein Vaterhaus herein-
gegen die Erkenntniß
wehren mochte, er trng davon die Schuld. In blindem
Selbstvertranen hatte er sich nachgegeben für und für. Er
hatte niemals ernstliche Rechenschaft von sich grfordert. Und
als dann plötzlich der furchtlare Augenblick über ihn und
über die Geliebte hereingebrochen war, die er nur noch mit
Ueberwindung seine Scwester nennen konnte, denn seine
Leidenschaft füür sie war ungemessen, hatte er nicht die sünd-
liche Gluth, nicht sich selber zu beherrschen vermocht.-
Statt die Geliebte fortzutragen über den gransen Abgrund,
ehe sie ihn noch gewahrt, hatte er sie mit sich hinabgerissen
in den wilden Strudel, der Alleo zu verschlingen drohte,
was ihm heilig gewesen war bis auf diese Stunde: der El-
tern und der Schwester Glück und Frieden, des Hauses Ehre
und die seinige zuerst.
Jeyt, in der Trübsal dieser Nacht, gestand er es sich ein,
daß er an dem Abende, da er vor seiner Abreise nach Amerika
Abschied genommen hatte von der Schwester, in unbestimmtem
Erschrecken vorahnend empfunden hatte, was ihn jetzt so
aualvoll folterte. Er hatte Linda geliebt, so lang er denken
leunte. Sie hatte zwischen ihm gestanden und den anderen

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Frauen. Er liebte sie mit allen Kräften seines Wesens -
und war es möglich, jest noch möglich, dasß sie glücklich
werden, daß seinen Eltern Ruh und Frieden werden konnte ---
so kam s auf ihn nicht an. Er hatte eine Schuld, eine
Ehren - und Liebesschuld zu zahlen, er wollte ihr gerecht
werden um jedweden Preis. - Und mit sich selber einig,
schritt er dem Vaterhanse wieder zu.
Es war spät geworden, als er es erreichte. Er ging
graden Wegs in seines Vaters Zimmer. Werner saß ein-
sam in der Fensterbrüüstung des breiten Erkers. Der Mond
schien hell herein, Alles in dem prächtigen Gemache athmete
Ruhe und Behagen - aber der Vater war sonst um diese
Stunde nie in seinem Zimmer, nie allein. Es war nicht
seine Weise, in nachdenllichem Schweigen müsßig zu ver-
weilen.
, Ich komme, Dich um eine Unterredung zu ersucen,
lieber Vater!r sagte Nudolf.
, Hat man Dir nicht gesagt, daß ich Deine Rütctehr
erwartete, Dich zu sprechen wünschte? fragte jener.
-a er Sohn verneinte das, er war durch den Hof hinein-
gekommen. Der Vater hieß ihn sagen, was er wünsche.
,Ich bin genöthigt, gleich morgen und zwar für unbe-
stimmte längere Zeit eine Reise anzutreten; und da ich weis,
daß ich im Geschäft zu erseyen bin, bitte ich Tich, mir leine
Hindernisse in den Weg zu legen.!
Der Vater hielt zurück mit seiner Autwort.
,Weißt Du, daß Linda schwer erkrantt is?
,Nein, das weiß ich nicht!r
, Gleich, nachdem Du sie verlassen hast,! jagte der

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Vater, , hat eine Ohnmacht, ein Starrkrampf sie besallen.
Die Mutter wacht an ihrem Bett,?
Rudolf wechselte die Farbe.
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s- at ihr Leben in Gefahr fragte er, den Schlag
seines Herzens niederkämpfend, auf daßß seine Stimme ihn
nicht verrathe.
,Der Arzt vertraut auf ihre Kraft und ihre Jgend;
aber was bedeutet Dein Verlangen? Was soll die Reise
Dir R fragte der Vater, indem er sich erhob.
, Ich würde Dir es danken, Vater, wenn Dn mir genug
vertrautest, mir die Antwort zu erlassen,';sprach der Sohn.
, Sie fördert nichts; und bleiben kann ich nicht.!
, Du bist also in eine Angelegenheit verstrickt, aus der
es keinen anderen Ausweg giebtA
, Keinen anderen !? entgegnete ihm Rudolf fest.
Der Vater durchmaß langsamen Schrittes das Gemach.
dann blieb er vor dem Sohne stehen.
, Las uns kurz sein ! sprach er. ,Ees handelt sich um
Linda!
Die ganze Schwere seines Schicksals wie seiner Schuld
fiel, da der Vater ihren Namen nannte, wieder auf den
Sohn hernieder; er hielt sich jedoch mit festem Willen auf-
recht, und wie vor seinem Richter stchend, sagte er:
, Ja, mein Vater, ich liebe Linda, wie ich sie nicht
lieben solltelr!
,. Lahin also ließ ich's kommen!! stieß der Vater hervor,
ndem er die Hand gegen die mächtige Stirn preßte. ,, Da-
hin!- Furchtbar, furchtbar!'! setzte er hinzu, während sein
Vuge auf dem düsteren Antlitz seines Sohnes verweilte; aber

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Rudolf meinte neben dem Schrecken doch das Mitleiden zu
hören in seines Vaters Stimme, und das schloß sein Herz auf.
,,Du kannst mich nict schwerer anklagen, nicht mehr
verdammen, als ich selbst es thue !'! sagte er.
,, Ein Mann,! fiel ihm der Vater mit strengem Vor-
wurf ein, , lragt sich, prütft sich doc und waffnet sich gegen
sich selbs
,, Wer denkt an das, was wider die Natur ist ? =-
Gegen das, wwas man für unmöglic hült, ist man nicht auf
seiner Hut !'' gab ihn der Sohn zur Antwort. Seine Selbst-
beherrscung hatte etwas Gewaltiges, das dem Vater in das
Herz drang. Er ging wwieder schweigend und gedankenvoll
im Zimmer auf und ab.
,, Weiß es Linda? sragte er nach langer Panse.
,. Ja! ' entgegnete der Sohn, der in duupfem Brüten
dasaß.,,Und sie weiß auch, daß ich gehe!r-
Und wieder schwiegen sie Beide, und das freundliche
Mondlicht schien hell hernieder auf des jungen Mannes tief
gesenktes Haupt und auf des Vaters sorgenvolle Stirn, als
er in tiefem Sinnen vor dem Sohne stehen blieb.
Sie fühlten Beide uicht das sanfte, linde Wehen der
Nachtluft, nicht den Duft der Blumen, der in das Zimmer
drang, sie hörten auch nicht das Locken und Schlagen der
Nachtigall drüben in dem Busche.
Erst als der Vater die Hand auf seines Sohnes Schulter
legte, hob dieser den Kopf zu ihm empor.
,,Es ist spät,!! sagte Werner, ,,und wir haben in diesem
Augenblicke einander nichts zu sagen, dürfen nichts entscheiden
in der Verfassung, in der wir uns befinden. Gch' zur