Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 16

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Nuh'! -- Morgen, wenn der Tag uns selber Klarheit giebt,
reden wir mehr davon. Bis dahin machst Du keinen Ver-
such, Dich der Kranken irgendwie zu nahen, und auch die
Mutter siehst Du nicht! Dein Wort darauf!''
,. Ichh habe mir das selbst gelobt, mein Vater!'
,,ut deun, mein Sohn, suche zu schlafen, wenn Du
kannst!'
Er reichte ihm die Hand, der Sohn warf sich an
seine Brust.
,, Armer Rudols! ! sagte Werner leise. Er war kaum
des Wortes mächtig; aber sie ermannten sich Beide. Der
Vater driickte Rdolf fest die Hand. ,,Sieh' nicht zurück!
Blick' in die Znkunft! Uud den Kopf in die Höhe!!! mahnte
er. . Ich trete mit Dir für Dich ein, mein Sohn; und es
ist noch nicht aller Tage Abend-
Sechzehnte s Kapitel.
Sie schliefen Alle nicht in dieser Nacht: nict der Vater,
nict die Mutter und nicht Rudolf. Nur auf Linda hatte
der Schlummer sich erquickend herabgesenkt, und als das
Tageslicht seine ersten Strahlen in ihr Zimmer, über ihr
ger ergoß, war die Farbe der Gesundheit auf ihr scönes
Aunlitz schon zurückgekehrt. Die ruhige Miene der Schla-
ienden, die sanft geöffneten Lippen zeigten es deutlich, daß
die leberreizung ihrer Nerven nachgelassen habe.
s--
aee -=-zt, der sich früh einstellte, hatte nichts dawider,
- -l sie, wie sie es wünscte, ihr Bett verließ. Er ver-
s- s
-=-rte, man habe nichts mehr für sie zu befürchten, man

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dürse sie ruhig sich und ihrer gesunden Natur überlassen.
Werner, der mit der Mutter bei dem Besuche des Arztes
ztgrgen gewesen war, folgte dem vielbewährten Freunde,
als er von Linda fortging, und nahm ihn mit sich auf sein
Zimmer. Sie blieben dort geraume Zeit, dann ging Werner
in die Wohnstube hinunter und lies seiner Frau melden, das
er sie zum Früihstück erwarte.
Es war ein Wetter, wie man sich's zu einem sommner -
licen Sonntag gern denkt. Aus der Kirche tönte das Läuten
der Glocken feierlich herüber, im Hose und im Garten war
Alles still. Man hörte, wie die Sperliuge und Tauben,
denen man auf den Fensterbrett.rn Futter zu strenen ge-
wohnt war, die Körner aufpickten. Linda's Lieblingetaube
hatte die Schwelle der geöffneten Balkonthüre überschritien,
sie bog den schillernden Hals so weit sie konnte vorwärts,
nach ihrer Beschützerin auszuspähen, die noch auf ihrem
Plaze am Tische fehlte.
Als Meta in das Zimmer kam, ging Werner ihr ent -
gegen. Sie sah ein wenig übernächtig aus, aber sie war
noch immer schön in dem weißen Morgenkleide mit flieder-
farbenen Bändern, und selbst die zwei Rosen, die sie vor
der Brust trng, paßten noch sehr wohl zu ihr.
Werners Antlitz hellte sich auf, wie er sie also sah.
,,Geliebtes, geliebtes Weib! rief er, , so hast Du doch
daran gedacht! Hast des Tages auch diesmal nicht ver-
gessen! !
,,Wie könnte ich das! ! entgegnete sie ihm.,, Sind mir
doch all' die gesegneten Jahre seit dem Tage, an dem wir
uns verlobten, durch Deine Liebe zu einem imm er neuen

n?R
Glück geworden: und wenn ich mich alljährlich zur Erinnerung
in die Farben kleide und mit Rosen schmücke, wie ich sie
damals trng, so sehe ic zwar, daß die Zeit vergangen ist,
aber die Liebe ist jung geblieben, und Du läsßt Dir die alte
Fran auch noch gefallen, läsßt Gnade sür Recht ergehen über
sie-- und auch über unsere Linda.
Ihre Augen waren feucht geworden, Werner war ge-
rührt wie sie, seine ganze Stimmung war ernst und feierlich.
Meta fragte nach Rudolf. Sie fand es unbegreiflich,
das; er gestern ansgeblieben, heute nicht wie sonst gekommen
sei, daß er sich um die Schwester nicht gekümmert habe, und
wollte nach ihm schicken. Der Vater hinderte es.
Mleberlasse ihn sich selbst! sagte er. ,Du hast gestern
mit Linda schwere Stunden durchlebt, sie sind Rudolf nicht
ecspart worden und mir eben so wenig. Hat Linda nach
Rud ols gefragt, hat sie von ihm gesprochen?
FMit keinem Worte!r
, So laß uns mit einander erst ins Reine kommen,
dann wollen wir weiter zusehen und die Kinder rufen, !
Sein Ton, seine Miene erschreckten Meta.
,. Was ist geschehen? - fragte sie. ,, Dn hast mir eine
lnglucksbotschaft zu verkünden!
,. Ja ,' sagte er, ,, und ich denke sie Dir weder vor-
zuenhalten, noch sie Dir beschönigend abzustumpfen. Eine
lange Reihe von schönen Jahren ist an uns wie an wenig
Andcren in sast ungetrübtem Glück, in kaum einmal gestörtem
Einrerstäudniß hingeschwunden. Ich hoffe und erwarte, daß
sic T ir die Kraft gegeben haben, auch einem ungewöhnlichen
Beicic zu stehen, Unerwartetes mit Nuhe zu betrachten,

nu
und was in diesem Augenblicke verwirrt und unheilschwer
vor uns erscheint, wo möglich klar und befriedigend für die
Zukunft auszugestalten. - Er hielt inne und sagte dann,
jedes seiner Worte langsam und nachdrücklich erwägend:
,Rtudolf hat mir gestern Abend mitgetheilt, daß er uns für
lange Zeit verlassen wolle, verlassen müüsse, und er hat Rect,
er kann nicht bleiben, denn - es steht übel um Linda und
um ihhn.-=- Und wieder machte er eine Pause. Meta's
Augen hingen gespannt und angstvoll an des Gatten Lippen,
er verwandte keinen Blick von ihr. Sie sollte Zeit gewin -
nen, sic auf ein schweres Erfahren genngsam vorzubereiten,
und wie sie nun in ihn drang, zu reden, sagte er:,, Rdudolf
und Linda sind in sträslicher Leidenschaft für einander ent-
brannt ==r-
Meta's Entsetzen machte ihn verstummen. Sie hatte
die Hände in einander geschlagen und gegen ihre geschlossenen
Augen gepreßt. Sie konnte es nict fassen, konnte es nicht
denken, und doch zerriß es ihr das Herz, doch fühlte sie die
Vernichtung, die über sie Alle hereingebrochen war. Sie
war spraclos und thuänenlos.
Werner ergrisf ihre Hände und zog sie an sich.
,, Sieh' mich an, Meta!'! sagte er mit der ruhigen Zärt-
lichkeit, die er ihr immer entgegenbrachte, ,,wende die Augen
nicht ins Leere. Wir haben uns dereinst verbunden für
gute und für böse Stuuden. Heut' liegt eine böse Stunde
vor uns; wer soll sie uns überstehen helfen, wenn nicht wir
selber Einer dem Anderen! Wer soll den Kindern helfen,
wenn nicht wir zusammenA ?
Sie schlang ihre Arme um ihn, er hielt sie ruhig fest.

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, Ein Opfer ist zu bringen, von Tir zu bringen! sagte
er, ,, und zwar eins, das Dir schwer erscheinen dürste.?!
,,Nenne es! ! rief sie, ,,nenne es! Was kann zu schwer
sein für die Mutter, das Kind zu erlösen, welches sie ge-
boren hat!r'
Er antwortete ihr nict darauf.
ed,
,,Erinnere Dic der Stunde, in der ich Tach bat, mein
Weib zu werden,' sprach er,, und des Gelöbnisses, das ich
Dir damals that. Ich versprach Dnr, Dein Glück stets höher
zu achten als das meine- und=- ich kann Dir in dieser
St nnde sagen: ich habe Tir und mir das Wort gehalten.r!
Sie neigte sich, seine Hand zu küssen, wollte sprechen;
er litt es Beides nicht.
,. Höre mich zu Ende, sagte er. ,,Es handelt sich hente
nict allein um mein Glück. Meines Sohnes Heil und
Frieden, Linda's Glück stehen auf dem Spiele und das unsere
dazn. Fasse Dein Herz zusammen; es ist uns Allen zu
helfen, wenn Du auf einen Wahn verzichten, mir eine
Täuschung vergeben kannst, die ich aus Liebe zu Dir, in der
Srrge um Dic beging, und in der ich Tich bis jezt erhielt,
das Uuiheil nicht voraussehend, das uns daraus erwachsen
!ennte,
.Ic verstehe Dich nicht! sagte Meta.
,Du sollst es heute, gleich in diesem Augenblick er-
saheen,! entgegnete er, erhob sich, schellte dem Kammer-
madchen und hieß ihm, das Fränlein zu rufen.
Linda kam herunter; der Vater machte ihr selber mit
rglicer Freundlichkeit einen bequemen Sitz zurecht, dann
-7A er, den Sohn zu holen.

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FRudolf will Abschied nehmen, wenn es die Mutter
nicht vermag, ihn bei uns festzuhalteu !'! sagte er.
Linda hatte die Augen niedergeschlagen, wie der Vater
des Sohnes Namen nannte, und schien sich entfernen zu
wollen; er gebot ihr, zu blciben, denn der Abschied werde
kurz sein.
Linda saß an ihrer Mutter Seite, als der Vater, von
dem Sohne gefolgt, zu ihnen in das Zimmer trat. Rudolf
nahm fern von Linda seinen Plaz, sie wwaren Alle bange und
erschüttert.
, .eh habe Euch rufen lassen, nicht um über Euc zu
Gericht zu sitzen,? hob der Vater eudlich, sich gegen Linda
und Rudolf wendend, mit unverkennbarem, innerem Kampfe
an, ,sondern um mic, wie ich es vor der Mutter bereits
gethan, einer Handlung anzuklagen, die uns Alle in die
Verwirrung gestürzt hat, nnter der wir in dieser Stunde leiden.
Ich habe erfahren müüssen, wie unzulänglich nnsere Voraussicht
ist, wie unser liebevollster Wille ost diejenigen am schwersten
trifst, auuf deren Glütck wir's abgesehen hatten.! Er sprac
in Absätzen, als wolle er sich und die Anderen beruhigen
und bemeistern. ,Eure Mutter war kränklich, als sie meine
Fran ward,! nahm er nack einer Weile das Wort wieder
auf, ,unsere Ehe blieb die ersten Jahre kinderlos, ein schmerz-
liches Verlangen nach einem Kinde bengte meine junge Gattin
nieder. Endlich sollte ihr Wunsch sich erfüllen; um ihrer
Gesundheit willen führte ich sie nach Rom. Sie genas dort
einer Tochter, aber sie selber schwebte am Rande des Grabes.
Ein mehrwöchentlicher Irrsinn hatte sie umfangen, die Aerzte
hielten sie keiner heftigen Gemüüthsbewegung für gewachsen,

ne
und doch war eine solche ihr nicht zu ersparen, wwenn es
nicht gelang, ihr das Misgeschick wenigsteus für das Erste
zu verbergen, von demt wir betroffen worden waren.!
Er hatte diese ganze Erzählung abwechselnd an den Sohn
oder an Linda gerichtet, und er sah auch seine Fran nicht
an, als er in derselben weiter sortfuhr:
,Dte Tochter, die uns geboren worden war, starb nach
wenigen Minuten.=--
, Kinderlos! wehklagte Meta, aufstöhnend in Schrecken
und in Schmerz. ,Kinderlos!! wiederholte sie. Aber der
Vater beachlete es nicht. Er hatte des- Sohnes Hand er-
grisjen, ihn festzuhalten, bis er geendet haben würde.
, Eine junge Deutsche, die als Pflegerin einer kranken
Dame nach Rom gekommen war und sich dort mit einem
armen römischen Maler verheirathet hatte, war gleichzeitig
mit der Mutter von einer Tochter eutbunden worden. Ten
Vater des Kindes hatte ein Fieber kurz vorher hinweggerafft,
die Mutter starb bei der Geburt. Das schöne verlassene
Kind=-
Linda lag auf den Knien vor der bitterlich weinenden
Mutter.
, Mein Kind! mein einzig geliebtes Kind! meine Linda!
meine heißgeliebte Tochter! schluczie Meta und zog das
wemende Mädchen an ihre Brust.
Nudolf war länger nicht zu halten. Er kniete gleich-
alls vor der Mutter.- Ernst, still und in gefaßter Größe
egte Werner seine Hände segnend auf- der Kinder und auf
enes Weibes geliebtes Haupt.
Sie brauchten Ale Zeit, sich nach den düsteren Stunden