Neue Novellen
Fanny Lewald
Ein Freund in der Noth
Kapitel 01

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,Kolh.

Neue Novellen
von
Fanny Lewald
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Berlin,
Berlag von Wilhelm Herh.
(Bessersche Buchhandlung.)
1877.

Ein Freund in der Noth
Erftes Kapitel

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Ein Freund in der Noth.
! Er stes Kapitel.
Zu Anfang der sechziger Jahre haben wir einen Som-
mer in Glion sur Montreug, den darauf folgenden Herbst
und Winter und das ganze nächste Frühjahr in einer der
Pensionen am -Genfersee verlebt, und ich habe mich in der
Zuxückgezogenheit, zu welcher man sich in den Pensionen
bequemen muß, wenn man von den Lebelständen solch einer
zufälligen Geselligkeit nicht leiden will, sehr wohl befunden.
Indeß neun Monate haben zweihundert und einige
siebenzig Tage mit doppelt so vielen Dämmerstunden, und
in diesen mag man gerne plaudern, wenn man des Arbeitens,
des Denkens und des stillen Träumens müde ist. Im Dämmer-
lichte muß man in solchem Pensionsleben. wo möglich Jemand
in der Nähe wissen, der gelegentlich an unsere Thüre klopft,
dessen Klopfen man erkennt, dem man das , Herein! gern
entgegenruft, und dem man mit der Gewißheit seinen Willen
zu haben, sorglos sagen kann: erzählen Sie mir Etwas!
Glücklicher Weise hatten wir einen solchen Jemand.
Wer es war?=- Er hieß Maxime!- Was er war? -
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Ein wirkliches Muster von Dienstfertigkeit, ein wahres Genie
in derselben.
Eine Gefälligkeit, die er mir erwiesen, noch ehe wir
einander von Ange zu Auge gesehen, hatte ihn uns bekannt
gemacht. Meinem Danke war sein Besuch gefolgt, und da
er schon seit Jahren immer wieded, an die Ufer des Genfer-
see's zurückgekehrt, also an demselben wie zu Hause war,
gewöhnten wir uns bald, ihn als den Genius ldei zu be-
trachten, ihn in allen Vorkommnissen um seinen Rath zu
fragen und nach der von ihm erhaltenen Auskunft, stets zu
unserem Vortheil, zu verfahren.
Er mochte am Ende der Vierziger stehen, sah, je nach
seiner Stimmung, bald viel jünger, bald wieder älter aus.
Er sprach gern, erzählte meisterhaft, und besaß einen uner-
schöpflichen Vorrath des Erzählenswerthen.
Wir hatten mehr als ein halbes Jahr mit ihm verkehrt,
ohne zu wissen, wo er zu Hause, ob er arm, ob er reich
sei, ob er jemals einen festen Beruf und welchen er gehabt
habe - und im Grunde weiß ich das Alles auch noch heute
nicht. Aber aus seinen Erzählungen hatten wir ersehen, daß
er überall zu Hause war: in Konstantinopel und in Wien,
in Petersburg und in Paris, in Stockholm und in Madrid,
in Deutschland wie in Italien, in England wie in der
Schweiz.
In Montreux lebte er auf sehr schicklichem Fuße, kannte
viele der angesehenen Fremden, die dort verweilten, und
galt allgemein für einen originellen und interessanten Mann.
So oft er kam, durfte man sich eines angenehmen Plauderns
mit Gewißheit sicher halten.

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Eines Abends, es war nach Neujahr und schon gegen
das Frühjahr hin, kam er zeitiger, als es sonst sein Brauch
war. Es lag ein Lächeln, ein Ausdruck von Schalkheit über
seinem Gesicht. Ich sah, dgß ihm etwas Besonderes und
Heiteres begegnet sein mußte.
,Was haben Sie7 fragte ich ihn.
, Ich will es Ihnen erzählen,! versetzte er, , wenn Sie
Zeit haben, mich anzuhören. Es ist hier am See eine
Komödie aufgeführt worden, in der ich eine Hauptrolle ge-
spielt habe; und ich begehe kein Unrecht, wenn ich Ihnen
die Geschichte mittheile, denn sie macht schon jetzt als neueste
Neuigkeit am See die Runde und wird in nicht zu ferner
Zeit durch die Zeitungen ihre weitere Verbreitung erhalten.
Also-- haben Sie Lust und Muße, mich anzuhören?
,Vollauf!! versicherte ich; wir setzten uns danach wieder,
und während man die Lampe in das Zimmer brachte und
frische Scheite auf das Feuer im Kamine legte, sagte Maxime:
,Sie haben mich im Sommer einmal um den Namen
einer Dame gefcagt, die ich zuweilen von Montreug nach
Glion hinauf begleitet habe. !
, Sie sprechen von der schlanken Hanseatin, der Se-
s natorsfrau ?-
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, Senatorsfrau, Senatorstochter und jetzt Senators-
wittwe !'' bestätigte Maxime, ,und das heißt, wenn es von
einer Hamburgerin gesagt wird, eines reichen Mannes Tochter,
eines reichen Mannes Frau, und in diesem Falle eines reichen
Mannes hinterlassene Wittwe. - Als ich sie vor achtzehn
Jahren hier zuerst am See gesehen habe, war sie eben in
die Gesellschaft eingeführt worden, aber sie war schon höchlich

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selbstgewiß und vollanf dazu geschnlt, den Werth des Geldes
sehr hoch anzuschlagen. Sie war sehr hübsch, war gut ge-
wachsen und originell durch ihre blauen Augen bei dem sehr
dunkeln und sehr schönen Haar. Man hatte ihr von jeher
gesagt, daß sie eine Schönheit, daß sie eine reiche Erbin sei,
daß sie viel umworben und nur zu wählen haben würde,
und sie betrug sich auch danach.
Mit ihren sechszehn Jahren sah sie jedeh Manne so
keck ins Antlitz, als wollte sie ihn fragen: wann wirst Du
mir denn zu Füßen liegen? Hätte sich aber Jemand darauf
eingelassen, ihr die Antwort mit der That zu geben, so würde
sie ihn verspottet haben.
Ich war viel bei ihren Eltern, machte mit dem Vater
oft ein Learte, und da ich in jenen Tagen weniger als je
dazu gestimmt war, den Seladon zu spielen und nicht im
Entferntesten daran dachte, mich in die Schaar ihrer Ver-
ehrer einzureihen, unterhielt mich ihre Art und Weise.
Ich glaube, niemals sind Eltern mit der Erziehung eines
Kindes mehr zufrieden gewesen, als der Senator und seine
Frau. Irene verehrte Geld und Besitz wie ihr Vater, ver-
ehrte den Geburtsadel wie ihre Mutter, welche die Tochter
einer heruntergekommenen holsteinischen Grafenfamilie war,
und' es hatte etwas Komisches und daneben bisweilen sogar
etwas Unheimliches, wenn die frischen sechzehnjährigen Lippen
des Mädchens sich ganz unumwunden zu den. Grundsätzen
der Eltern, zu jener praktischen Lebensweisheit bekannten,
deren Grundlage das Einmal-Eins und - deren letztes Ziel
das Vergnügen ist, es Anderen vorauszuthun, um mit stau-
nender Mißgunst von ihnen beachtet zu werden.

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Eben in jenen Tagen- hatte hier am See die romantische
Heirath einer jungen russischen Fürstentochter mit einem
Musiker großes Aufsehen erregt, und ich erinnere mich deut-
lich noch des Abends, an welchem man auch an dem Thee-
tisch meiner Hamburger Bekannten darauf: zu sprechen kam:
Der Senator meinte, er begreife nicht, wie Eltern jemals
ihre Zustimmung zu solchem ungehörigen Ehebunde geben
könnten. Ich entgegnete, der Fürst und die Fürstin hätten
auch lange angestanden, der Tochter zu willfahren. Prinzeß
Susanne sei aber schwermüthig und in. solchem Grade leidend
geworden, daß die Eltern, um das geliebte Kind nicht dem
Tode anheim fallen zu sehen, sich den Wünschen- desselben
endlich gefügt hätten.
Der Senator lächelte. ,Das ist nun auch wieder einer
der vielen Fälle;? meinte er, ,in denen die Sentimentalität
Ursache und Wirkung verwechselt. Nicht weil die Prinzessin
den Musiklehrer liebte, ist sie krank und schwermüithig ge-
worden, sondern weil' sie überreizt und krank war, machte
die Musik einen so großen Eindruck auf sie,
schließlich in Denjenigen verlieben konnte, mit
musikalischen Nebungen betrieb.=- Was meinst'
verlieben wir uns auch in einen Musikanten?
daß
dem
Du,
Und
sie sich
sie ihre
Beethoven und Chopin, und wie sie sonst noch heißen.
Irene?
Deinen
mögen,
spielst Du' doch wie Eine !'! =- Er klopfte dabei die Tochter
aufi die Schultern und rief in- bester Laune: ,Sehen Sie,
Herr Maxime! meine Kleine da kommt mir mit solch einer
Affaire nicht! Die weiß, wie sie mit uns daran ist, und
wir wissen, wie wir mit ihr daran sind! In einer wohl-
geordneten Familie muß Alles klar und einfach sein- klar
sla? .

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und übersichtlich, daß man in jedem Augenblicke sein Fazit
ziehen und die Probe auf sein Exempel mit der sicheren Ge-
wißheit machen kann: es stimmt!'?
Er nahm damit seine Karten zur Hand, um die begon-
nene große Patience weiter fortzulegen und wieder etwas
vor sich zu haben, was er durch richtiges Beachten der Um-
stände zum Stimmen bringen konnte; aber die Unterhaltung
über die Heirath der Prinzessin war damit noch nicht ab-
gethan.
Madame Aglaja, die in jenen Tagen noch eine sehr
imposante Erscheinung war, hatte sich schon den ganzen Abend. ;
ein Wenig übellaunig gezeigt; so daß ich gleich anfangs
vermuthete, es müsse zwischen Mann und Frau irgend Etwas
im Laufe des Tages einmal nicht recht gestimmt haben, und
die Folge bestätigte mir das. Denn während Madame Aglaja
ernsthaft und mit anscheinender Theilnahme auf die Karten
hinsah, welche der Senator von oben nach unten und von
rechts nach links versetzte, um sie zum richtig stimmenden
Abschluß zu bringen, bemerkte sie leichthin: ,Wenn man die-
Ehe so wie Du, mein Lieber! ohne jede Gefühlsberechtigugg
betrachten, sie nur als einen Akt der reinen Berechnung
hinstellen will, hätte manche Ehe, die zu beiderseitiger Zu-
friedenheit ausgeschlagen ist, ebenfalls als Thorheit angesehen
und nicht eingegangen werden dürfen.!
Sie schloß dabei die Augenlider ein Wenig, wodurch
immer ein schöner Schatten von ihren langen schwarzen
Wimpern auf die Wangen fiel, und ich bestärkte mich in der
Vermuthung eines vorhergegangenen ernsthaften Verdrusses,
denn nur ein solcher brachte die Senatorin dazu, ihren

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Mann gelegentlich daran zu mahnen, daß das Blut der
Grafen Bernoe in ihren Adern fließe, daß sie in dem so
und- so vielten Grade mit dem Königshause von Dänemark
verwandt sei.
Aber der Senator war kein sonderlicher Freund von
diesen Erinnerungen und war heute offenbar weniger als
je gesonnen, sich durch dieselben in seinem plutokratischen
Selbstgefühl beeinträchtigen zu lassen. Er mußte seiner
hochgeborenen Gemahlin das gsroli bieten.
,Ich war eben reich genug,'! versetzte er, ,mir ein mittel-
loses Mädchen in mein Haus zu führen, und ich hab's
durchaus zu segnen, daß ich's that: aber was beweist das
für oder gegen die Thorheit der Prinzessin?
Er hatte sich mit dem Hieb gedeckt, der Hieb hatte ge-
troffen, gnd das billige
kleben für gut befand,
kleine Pflaster, das er darüber zu
deckte und heilte Madame Aglajg's
= - - NIARR
Wunde zicht. Es kam
mußte und sollte die aristokratischen Grillen fahren lassen,
die er seiner Tochter nicht einimpfen lassen wollte, denn mit
dieser hatte er seinen bestimmten Plan, und sich in seinen
Planen stören zu lassen, war er nicht der Mann.
Madame war übrigens viel zu formvoll, um irgend
eine Entgegnung zu machen. Sie ließ nur ein überlegenes
Lächeln sehen, das der Senator nicht bemerkte oder nicht
beachtete, dann verließ sie unter einem Vorgeben das Zim-
mer. Ihr Mann blieb ruhig bei seiner großen Patience
am Tische sizen und ich folgte Irenen, welche auf den
Balkon hinausgetreten war. Da ich sie nicht augenblicklich
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ansprach, fragte sie mich, weshalb ich so. schweigsam sei und
was ich denke?
Ich hatte keinen Grund, ihr die Wahrheit vorzuent-
halten. , Ich denke, entgegnete ich, , ob sich Ihr Vater
nicht in Ihnen irrt7
, Was meinen Sie damit
, Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie seine Ansicht
theilen, daß man, jung und anmuthig wie Sie, nicht an
die Macht der Liebe glauben und den frischen Pulsschlag
des Herzens kaltsinnigen Berechnungen: unterwerfen sollte? k
Irene sah mich mit klugem Lächeln an. , Sie finden
mich zu jung,! sagte sie, ,so kaltherzig zu sein, und ich finde
Sie eigentlich nicht alt genug, mir diese Frage vorzulegen.
Denn was wollten Sie machen, wenn ich Ihnen bei der-
selben eine geheime Absicht unterlegte, wenn ich Ihre Neugier
auf ein anderes Motiv zurückführteAr
,Was ich machen wollte? Seien Sie unbesorgt! ich
würde nicht viel Mühe haben, mich in die Rolle zu finden,
die Sie geneigt sein könnten, mir zuzuertheilenl
, Ach! rief sie, , das ist unvergleichlich! Sie sezen
sich schon in Positur. Aber strengen Sie sich nicht an, Herr
Maxime! Anbeter und Bewerber habe ich genng; einen -
vernünftigen Mann wie Sie, der mit mir wie mit einem
vernünftigen Menschen verkehrt, habe ich in meinem ganzen
Bekanntenkreise nicht. Verlieren Sie sich also nicht in die
große Masse, bleiben Sie mein guter Freund, und ich will.
Ihnen denn auch wie einem Freunde es offen und ehrlich
bekennen, daß ich gar nicht an die sogenannte große Liebe ,
glaube, sondern vollkommen mit den Ansichten meiner El-



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tern übereinstimme und sehr zufeieden sein werde, in aller
Seelenruhe den Mann zu heirathen, den sie mir- ausgesucht
haben.!
, Unbegreiflich!'! stieß ich fast unwillkürlich hervor. Das
Mädchen erschien mir wieder einmal unheimlich. Ich wußte
es mir durchaus nicht klar zu machen, ob ich' es hier mit
einem geflissentlichen Selbstbetrug, mit einer absichtlichen-
Komödie, die auf Blendung und eberraschung angelegt' war,
oder wirklich mit einer durch engherzige Erziehung entarteten;
ja verkrüpJelten Frauennatur zul thun hätte. Ichh war also
geneigt, von allen diesen: Voraussetzungen etwas gelten zu
lassen, als Irene meine Betrachtung: mit der Frage unter-
brach, was ich an ihrem Geständnisse denn so unbegreiflich

finden könne?
, Daß ich den Besttz hoch anschlage,'! sagte ie, , bas
können Sie doch unmöglich unbegreiflich finden,. da ich svon
meiner Kindheit ab erfahren:' habe; wie: leicht man sich durch
denselben alle seine: Wünsche befriedigen kann; und- daß der
Adel mir begehrenswerth erscheint,, ist doch auch nur natür-
lich, da an denselben Vorrechte: geknüpft sind; die das Geld
allein nicht verleiht. !
,Sie sind ehrgeizig, ich weiß das!' unterbrach ich sie.
Sie leugnete das nicht. , Ja! versetzte sie, ,aber ich
mache mir. das- nicht zum Vorwurf, und vielleicht kann jeder
Mensch nur Eine Leidenschaft im Herzen tragen. Mir
haben: schon in der Kinderstube die Märchen am bestenn ge-
fallen, in denen. schönen: Mädchen: von: Königssöhnen die
Krone auf das Haupt gesetzt ward, und seit. ich denken kann;
habe ich mich darnach gesehnt, einen hervorragenden Plat

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in der Gesellschaft einzunehmen. Diesen Platz werde ich an
der Seite meines Vetters finden.'!
, Aber Ihr Vetter gehört keiner hochadeligen Familie
an!r wendete ich ihr ein, mehr und mehr betroffen von ihrer
kalten Selbsterkenntniß und von ihrer bei so jungen Jahren
kaum zu fassenden Selbstgewißheit.
, Doch!! versetzte sie, , die Gilling's sind ein altes
adeliges Geschlecht, und der Name James Gilling klingt
durch die ganze Welt so gut wie irgend Einer. Das Haus
Gilling kann es mit den größten Häusern aufnehmen, und
sie sagen, sein Reichthum und sein Einfluß sei im Wachsen.!
, Und Sie verlangen nichts als diese ganz äußerliche
Befriedigung? Ihr Herz, Ihre Neigung kommt gar nicht
in Betracht?-- Erlauben Sie mir, schöne Irene, daß ich
gegen Sie und mich gerecht bin. Ich bin denn doch nicht
juung genug, Ihnen diese altkluge Gemüthlosigkeit wirklich
zuzutrauen. Ich vermuthe, Ihr Vetter ist jung, ist schön,
Sie lieben ihn und geben sich die Unterhaltung, der Berech-
nung zuzuschreiben, was Ihres Herzens freie Wahl ist. Ein
wenig Komödie spielt jede Frau vor jedem Manne, und Sie
erzeigen mir die Ehre, sich vor mir in einer sehr originellen
Rolle darzustellen.!
, Sehen Sie,! rief Frene, und legte bethenernd die Hand
auf die Brust, ,das ist nun Alles wieder nicht wahr, und
ich will einmal gegen Sie so grundehrlich sein wie gegen
mich selbst. Es versteht sich, daß ich James nicht heirathen
würde, wenn er mir zuwider wäre -- nicht James und
Niemand anders, auch den Prinzen mit der Königskrone
nicht; aber daß ich James liebe, davon ist keine Rede. Er

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ist neunundzwanzig Jahre alt und war schon ein gemachter
Mann, als ich noch ein Kind war. Er sieht gut aus, sein
krauses rothbraunes Haar und seine brannen Augen haben
mir immer gut gefallen, namentlich aber sein prächtiger
rother Bart. Er ist groß, hat schöne weltmännische Ma-
nieren, kleidet sich vortrefflich, reitet vortrefflich, hat mir nie
geschmeichelt, aber mir auch nie etwas Unangenehmes gesagt,
und seit er von seiner großen Tour zurück ist, hat er mir
sehr viel Liebenswürdiges erwiesen. Nicht er, nicht meine
Eltern haben mich gefragt, ob ich seine Frau werden wolle?
Es war überhaupt bisher niemals noch davon die Rede.
Aber er baut sein Landhaus vor dem Thore nach meinem
Geschmack, er macht in seinem Stadthause nicht die geringste
Aenderung, ohne mich zu fragen, wir sind immer und gern
beisammen, wenn wir nicht auf Reisen sind; und ich wüßte
wirklich nicht, was vernünftiger sein könnte, als daß wir
zuletzt auch Mann und Frau werden. Alle Welt erwartet
das - und ich denke, wenn wir nach Hause kommen, wird
unsere Verlobung wohl von Statten gehen.!
Sie gefiel sich unverkennbar in ihrer Seltsamkeit, aber
es mußte wohl von meinen Gedanken mehr als ich beabsich-
tigte in meinen Mienen zu lesen sein, denn sie brach plötz-
lich in ihrer Rede ab und sagte dann mit ganz verändertem
Tone: ,Wer übrigens, wie ich, seit ich erwachsen bin, un-
gefähr von jedem Manne, der in meine Nähe gekommen ist,
einen Heirathsantrag und die Versicherung von meiner Un-
widerstehlichkeit erhalten hat, der muß ja schließlich einen
ganz wundervollen Begriff von sich selbst, und -- von der
siegreichen Allgewalt des Geldes über das Männerherz be-

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kommen.! Sie lachte dabei spöttisch und fügte dann hinzu:
, James hat mir einmal ganz unumwunden ausgesprochen,
er verstehe nicht, - wie man mich schön finden könne, - ich
sei nur pikant und hätte einen eleganten Wuchs. Das hat
mir von ihm gefallen; und daß des Vaters Geld ihn nicht
verblendet, dessen bin ich sicher. Es bleibt also bei James -
und bei Ihnen!'' rief sie, ,denn Sie machen sich gar nichts
aus mir und sind doch liebenswürdig und gefällig gegen
mich, so daß ich zuversichtlich glaube, Sie meinen es sehr
gut mit mir, und das ist ein ganz unschätzbares Gefühl!
Ich glaube, auf Sie kann man bauen wie auf den festen
Grund der Berge drüben. !
Sie reichte mir beide Hände hin, ich hätte von Stein
und nebenher ohne alle Erziehung sein müssen, hätte ich
nicht eine dieser schönen Hände an meine Lippen gedrückt,
und ich konnte ihr dabei mit ehrlichem Freimuth sdie Ver-
sicherung geben, daß sie auf meine Anhänglichkeit an sie
zählen, daß sie sich auf mich, als auf einen uneigennütigen-
Freund, verlassen dürfe. Sie nahm das Versprechen dank-
bar an. Wir waren Beide ernsthafter geworden, als der
Anfang unserer Unterredung es hatte voraussehen lassen,
und das Mädchen interessirte mich in dieser Stunde wirklich
in ungemeinem Grade. Ich beschloß, Frene näher kennen
zu lernen, sie mehr zu beobachten, denn es lag in ihrer ganz
einseitigen Verstandesbildung etwas ganz Besonderes. Ich
konnte mich der VorstellunF nicht entschlagen, daß diese un-
natürliche Entwickelung sich früher oder später rächen würde;
aber ich sah sie in den nächsten Tagen noch öfter als zuvor,

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und jetzt überraschte mich das ruhige Gleichmaß, das sich in
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ihrem ganzen Wesen kundgab, um so mehr.
Sie hatte ihrer Mutter, zu der sie -ein unbedingtes
Vertrauen hegte, den Inhalt unserer Unterredung mitgetheilt.
Madame Aglaja fing also eines Tages, in der Tochter Bei-
sein, ganz von selber über das Thema mit mir zu sprechen
an. Sie meinte, jede Zeit und jede Lebenslage erzeugten
und forderten eine besondere Gefühlsentwickelung. Sie jei
unglücklicher Weise noch in den Tagen der weichen Empfind-
samkeit erzogen, sei mit den idealsten Ansprüchen an die.
Liebe des Mannes, -in dem Glauben an die Nothwendigkeit
höchsten geistigen Zusammenlebens in die Welt eingetreten,
und habe diese Welt hingenommen gefunden von dem Jagen
nach äußerem Glanz, nach irdischem Besitz, von dem Durst
nach inmer wechselndem Genuß. Durch - diesen Zwiespalt
zwischen sich und der sie umgebenden Welt habe sie- sie
betonte das nachdrücklich - schwer, sehr schwer gelitten, bis
sie es gelernt habe, sich mit den Verhältnissen in Einklang
zu -bringen. Deshalb habe sie aber dahin gestrebt, ihre
Tochter vor ähnlichen Erfahrungen und Enttäuschungen zu
bewahren. Sie habe ihr die Gesellschaft und die Menschen
von Jugend an in ihrem wahren Lichte gezeigt, sie davor
gehütet, im Leben die Verwirklichung der Dichtung zu suchen,
und sie danke dem Himmel, daß Irenens kühlere, ihr von
dem Vater angeerbte Natur, ihr in dem Bestreben entgegen-
gekommen sei.
Sie war offenbar besorgt, daß ich einen nachtheiligen
Einfluß auf die Gemüthssicherheit ihrer Tochter üben könne,
wozu ich weder Ursache noch Neigung hatte, und nachdem