Neue Novellen
Fanny Lewald
Die Stimme des Blutes
Kapitel 01

zie Stimme des
Alutes.
Er stes Kapitel.
oue W?erner's waren eine der angesehensten Familien
in der alten Hansestadt. Von kleinen Anfängen zu immer
größeren Unternehmungen fortschreitend, hatte der Begründer
des Handlung shauses es so rasch und mit so sicherer Hand
euporgebract, daß es bei seinem Tode sich bereits eine Gel-
tung in der Kaufmaunswelt errungen hatte. Die Lust am
Handel, das Talent für denselben waren als eine Art von
Familienerbe seitdem immer von dem Voter auf den Sohn
ilergegangen, und als Gotthard Wer .r, der vierte Inhaber
der Firma, sich grgen die Mitte dieses Jahchunderts nach
eiuer passenden Lebensgefährtin sür sich umsah, durste er sich
sagen, dass er unter den Töctern der angesehensten Familien
nur zu wählen habe.
Ulmsichtig und überlegend auch in diesem Falle, nahm
er jedoc wie seiner Zeit der Prediger von Wakefield nicht
aui besondere änsßere Vorzüge Rücksicht, sondern mehr auf
jene Eigenscaften, ,die vorhalten ; und in der Erbtochter
eines reicen Rheders, dessen Schisfe auf allen Meeren
fuhren, fand er die ihm zusagende Genossin.
Z nny Le:o ald, Neue Novclln.

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die Hälfte dieser Jahre älter; das war grade so, wie er's
für angemessen hielt. Sie war eine grosße, schlanke Person
mit dunklem Haar und osfenem, verständigem Auge, sie
nahmen stch neben und utit einander auf das beste auus.
Sie wusßte sic gut zu kleiden, eineun ncicen, grosien Hanne-
wesen, das viel geselligen Ausprüücen zu genigen h- -«, mit
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sicherer Gewandiheit und mit Anstand vorzustehhen. Nenn
se war gt unterrichtet, im Besitz der Sprauhkenntnisse,
welche eine Fran in solchem Hause nicht wohl entl-ehhren
kann; und von Juugend auf an Reicthum und breites Wohl
leben gewöhnt, lagen ihr die Prunksuchi und Verscwendungs-
lust ..r Emporkömmlinge fern, olschon sie dcn Werth eines
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Vermögens, wie Gotthhard es ihr zu bieten hatle, schr wohsl
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würdigen verstand.
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.hre Ehe stellte denn auc die beiden Gaiteu von demn
ersten Tage an durcaus zufrieden. Sie hatten gar nict
nöthig, sch, wie das oft der Fall ist, erst besouders in ein-
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Christine zählte zwanzig Jahre, er war um mehr als
ander einzuleben, es ging und mtacte si.h alles wie von
selbst. Sie gehörten den nämlicen gesellsihajtlihen Lebens -
,lreisen an, hatten die gleichen Lebeuegewohsi heiten, und als
hnen, wie es sic gehörte, nac Jahreefrist das erste Kinnd,
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,, ein Sohn, geloren wuurde, uanute Weruer, der sonst mit
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gg;. Idlchen Ausdrücken nicht leickt bei der Hand war, sic einen
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s E =- Knabe gedieh vortresflic, er versp-rac gross und
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=egw- zu werden, wie die Mitglieder deu beiben Familien,
Fpnen er eusiote, und sein Voter iieue eo, ais der Soi
Zst ses auf seien Beiuen seyen tonne, wen er h seien

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Freunden vorstellte, ihm regelmäßig einen derben Schlag
auf die Schulne- »s ü - --, um es zu beweisen, daß der
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= ge Mark in den Knochen habe und nicht leicht umzu-
werfen seinn werde.
Tier volle Iz-- gingen in immer gleichem Behagen
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an demt Ehelenlen vrrüber; sie hatten nicts z-- - -b-us-
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als das; ihr stetig waichsender Reichthhum nur dem einen
K nalen zu gute kommen sollte, das; ihm keine Geschwister
geloren wurden. aas neue palastartige Hans, welches
- - -- - sic gebant, der Park des Landjitzes, den er erworben,
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s-- -en förmlic nach fröhlicen Kindern zn ihrer Belebung
zu verlangen. Die Frende der Eheleute war daher sehr
zu1, als sic ihnen endlic wieder Aussicht anf eine Ver-
m-hrung ihsrer Familie eröffnete. Dies Ereigniss, das man
als die Auwartscaft auf ein neues Glick so hoffnungsreich
begriisßt hatte, schlug jedoc zum Gsegentheile aus. Christine
bez.=- « die Gebutrt eines z== - -- =ätaben mit dem eigenen
zzse.
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aeb'en, und das K.nd, das den Abend seines Geburtstages
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ntct erlebte, ward u-- -p- legraben.
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Werner stand wie verstatti... ait tlrett -- -- -ii- - --
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kw nute es uict fassen, das: ihm ein solches Uugluuck geschehen
kbnne, dasz elrn er bei dieseut uuturiu sten Vorgange, der
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sic allliglic in der Hnitte der elen desten Armuth mit Leic
tigkeit vollzichl, von der Maes. des Scuchsals mit so furct
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b-arer Gewalt getrofjen werden kvnnte. Er hatte für seine
-uauu die gröszte Sorgful g -uel-, die besten Aerzte Juitten
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il.r zur - - - gestanden; it der Besonnen heit, welce -=-
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eigen war, hatte sie selber sich behitet, und doa, war sie
gcstorbett. anS l- , da etn pirte u1s, -=- -- säg!-
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s ßch's an ihrem Sarge und sprach es gegen ihre Eltern und
, ßine Freunde aus, er durfte nicht hoffen, eiten Ersatz fiir
s ße zu finden, eine zweite Christine gab es nicht.
Indeß zu langemn, trauerndem Beklagen hatte er nicht
j Feit. Die Handelsverhältnisse waren eben damals sehr ver-
s wickelt, sie erforderten seine persönliche Leitung, und er war
l gewohnt, unier allen Um ständen das Noihhwendige mit Ent -
s ichlossenheit zu tlnn.
Sein Haushalt war unter der Aussiclt einer von
Christinen herangebildeten Person, der er die körperlice
Pslege seines Sohnes zuversichtlich anvertraurn duurste, wohhl
versorgt, und für die geistige Füihhrung du sselhen nahm er
sosort einen bewährten Erzieher in da s Han=. T ue T ieuer-
schast wurde, wie es sich von sellst verstand, in Traner ge-
kleidet, einem Bild hhaucr von Ruf der Auftrag gegelrn, Pläne
str die Familiengrabstätte zu entwerfen, welce Werner aus
dem von ihm erkauften Kirchhofsplaze zu errichten wüinscte,
und nachdem er Alles nach bestem Wissen abgethhan hatte,
lehrte er zu seinen Geschääften zurück, die keine anderen Ge -
f danken in ihm aufkommen liesten, so lange er densell en ollag.
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kam, wenn Chhristine sic nicht von deun gewohnten Platz
erhob, ihm die Hand zu reicen, weun Niemand da war,
mit dem er von seinen Gescäften und Erlebnissen u nun -
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Aber wenn er dann zum Mittag in sein Hans zurick -

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vunden sprechen konute wie bisher mit ihr, wvenn der T iener
im den Kaffee bracte, den sie ihm sonst bereitet, so fiel
ihm sein Verluust schwer und lastend auf das Herz. Jreilic
htte er den Sohn, und Rudolf war ernsthaft und lern-
bgierig bei munterem Sinn und gutem Herzen; bis der
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Knabe jedoch seinem Vater zu einem Troste oder gar zu
einem Freunde erwachsen tonnte, musßten lange Jahre hin-
gehen, und das Warten war nicht Wernec's Sache.
Er vermißte Christine üiberall, er wunderte sich selbst
darüüber, daß eine muit so ruhiger leberlegung, ohne jede
==- ndei=»-- geschlossene Ehe den Mann nic,. davor schütze,
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von dem Verluste seiner Fran so niedergcworsen zu werden;
aber Christine hatte ihm sein Tasein so leicht, so lieb ge-
mact! Er war es gan nicht uehr gewoh uut, füür seine Be-
anuemnlichkeit, für seine Bed üürfnisse zu sorgen, sic war die
Serle,
er bar
das; sie
die bewegende Kraft in seinem Hauuse gewesen, und
schr nah daran, es der Entsclafenen zu verargen,
sich ihm so uneutbehrlic gemact hatte.
Er zeg sic deshalb den Sclusi auus seinem Leiden, daß
ein verständiger Man, dem es um sein ruhiges Glück zu
thun sei, seine Gewohnheiten nict zu fest an einen Anderen
knüipfen, daß man seine Neigung auch auf die beste Frau
nicht so ansschlieszlich ricten müsse; schade nur, das; die Er-
keuntnis ihm in dem Augenblicke uict viel uützen wollte.
Sein Unbehagen war unüiberwind lic. Seine Freunde,
Chhristine's Eltern und sein Arzt wuurden besorgt um ihn.
Sie riethen ihm, ee mit einem L .tswecsel zu versucen, er

liess jedoch die Mahnung u nbeactet, er war nict reiselustig.
It früüheren Jahren war er viel herum gcwesen. Er
hatte fast alle Hauptstädte von Euuropa kennen gelernt, in
Handelsangelegenheiten Westinudien uund Amierika bereist, und
er licbte es nict, Tinge zu u nteruuchmten, von denen er sic
keinen Erfolg versprecen durfte. Endlic aber wurde ihm
sein Zustand selber unerträglich. Daß er sich mit all den

Mitteln, über welche er gebot, keine Zufriedenheit mehr
schaffen konnte, daß man ihn beklagte, ihn, der gewohnt
war, sich beneidet zu sehen, das hielt er nicht mehr aus.
Er raffte sich also auf, machte etwa zwei Jahre nac Christi-
nens Tode seine Vorbereitungen für eine längere Abwesen-
heit von seiner Heimath, und trat mit dem erwachenden
Frühjahr uulustig seine Vergnigungsreise an.
Er besuchte London und Paris, fand sic von seinen
Geschäftsfrennden wohl aufgenommen, indes; da er an die
Zerstrenung, au das Vergnügen so geflissentlic wie an eine
Arbeit heranging, versagten sie ihm ihren Tieust. Er ward
der großen Stä dte müde, die Jahreszeit war inzwis-en heis;
geworden, er wollte es also mit der Scweiz versncien,
schade nur, dasß das recte, eigenilice Wandern nicht sein
Geschmack war und das ruhuze Verweilen an einem scönen
Orte noch weit weniger. Er war mit jeder Gegend eben
fertig, wenn er sie angeschen hatte. Er war kein Träumer,
der sich in Phantasien verlieren kounte, die Schweiz besrie-
digte ihn weniger als je. Ter Anblirt der Berge eugte
ihm den Sinn ein, die Luft der Thäler buklamnmte ih die
Brust. Er fing zu glanben an, das: eine Kranthseit ihn be-
drohe, und so entschloß er sic endlih, deu Ralse seines
Arztes naczukommnen, der ihm vorgesclagen atte, sic einer
Kur in einem der böhmischen Büider zu unterziehen, um sic
von seiner hypocondrischen Anlage zu bejreien, ele es dazu
zu spät würde.