Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 02

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unser Verkehr noch ein paar Wochen hindurch auf dem glei-
chen freundlichen Fuße fortgedauert hatte, trennten wir uns
als gute Freunde, ohne deshalb Verabredungen für einen
weiteren Zusammenhang zu treffen. Nur der gedruckte An-
zeige-Brief, in welchem die Verheirathung von Irene und
James Gilling den Freunden des jungen Paares bekannt
gemacht wurde, gab mir nach Jahr und Tag eine direkte
Kunde von der Familie.
Zwe ites Kapitel.
Eine lange Reihe von Jahren ging darnach hin. Ich
war viel auf Reisen, kam aber zufällig nicht nach Frenens
Vaterstadt und begegnete ihr auch auf meinen Reisen nicht.
Wenn ich bei Landsleuten von ihr mich nach ihr und ihrem
Ergehen erkundigte, rühmte man ihre Schönheit, pries sie
als eine angenehme Wirthin und nannte das Gilling'sche
Haus als das gesuchteste und glänzendste der Stadt. Irene
wurde als eine Beschüzerin der Künste und der Künstler
angesehen, Maler, Bildhauer, Musiker fanden eine bereit-
willige Aufnahme in ihrem Salon, sie stand an der Spitze
verschiedener Wohlthätigkeits-Anstalten, machte sich mit den
Fortschritten auf dem Gebiete der Volkserziehung zu schaffen,
und ich hatte, diesen Berichten nach, allen Grund zu glau-
ben, daß Madame Aglaja sich in der Leitung und Führung s
ihrer Tochter wirklich nicht getäuscht habe, daß Frene in der s
Ehe mit ihrem Vetter das Glück wirklich gefunden, das sie s
erstrebt und erhofft hatte. Nur Kinder fehlten der Ehe, s
und man beklagte das natürlich in dem reichen Hause doppelt.

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Später fand ich einmal zufällig in einer Zeitung die Notiz,
daß der Chef des großen Bankhauses Gilling, von bedenk-
lichen Nervenleiden heimgesucht, sich auf einen seiner Land-
l sihe zurückgezogen habe. Dann erfuhr ich weiter Nichts,
weder von ihm noch von der Familie überhaupt. Ich weiß
nicht, ob ich keine Bekannte von ihnen antraf, oder ob ich
sß aufgehört hatte, nach ihnen zu fragen.
So blieb es, bis eine Erkrankung im verwichenen Jahre
mir mein bisheriges rasch wechselndes Nomadenleben verbot,
und ich, der Unstätigkeit und Heimathlosigkeit ohnehin müde,
für eine Weile hier in Montreny zu bleiben beschloß. Das
gemäßigte Klima, die verhältnißmäßige Stille waren für einen
alten Junggesellen, der sich auf die Kraft und Ausdauer
seiner Lungen, nach dem Ausspruch der Aerzte, nicht mehr
viel, zu Gute thun durfte, ein sehr schicklicher Aufenthalt.
Ich hatte mich daher vor anderthalb Jahren im beginnenden
Herbste wieder einmal in der mir bekannten alten Pension
eingerichtet, um dort zunächst zu überwintern, und wollte
daneben auf die Gelegenheit zu einem mir passenden Ankauf
Acht geben, falls die Lust zu einer dauernden Niederlassung
mir einmal kommen sollte.
Der Winter bewies sich gnädig gegen mich, ich kam
wieder zu Kräften, konnte mit dem beginnenden Frühjahr
es auf's Neue wagen, rüstigen Schrittes in die Berge zu
gehen, und kam einmal an einem schönen Morgen von einem
Spazierwege nach Hause, als ich auf der Terrasse vor unse-
rem Speisesaal unter dem großen Nußbaum eine Frau sitzen
sah, deren Erscheinung mir auffiel. Sie war groß und
schlank, trug über einem weißen Kleide ein reich gesticktes
Fanny Lewald, Neue Novellen.

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griechisches Jäckchen von dunklem Sammet und hatle einen
Strohhut mit einer Feder in der müde heralhängenden
Hand. Ihre Haliung, die Art uned Weise, in welcher sie
sich gegen den Baumstamm lehnte und die Kniee üüber ein-
ander geschlagen hielt, verriethen jene Sicherheit, welche sich
selbstgewiß gehen läßt, und sie mußte sehr in sich versunken
sein, denn sie wendete das Haupt nicht einmal um, obschon
verschiedene Personen nahe genug an ihr vorülergingen.
, Das ist die Dame, sagte eine der Auufwärterinnen
zu einem jungen Mädchen, ,welche eine große Wohnung im
ersten Stockwerk gemiethet und so lange hat leer stehen lassen.
Sie ist mit zwei Personen Bedienung angekommen.!
Die Neugier, jene Wucherpflanze unserer Natur, die
überall hervorschießt, wo in dem Thun des Menschen sich
leere Stellen zeigen, umgarnte mich plötzlich. Ich wollte
wissen, wer die Frede sei oder wenigsteus wie sie eigent-
lich anssähe; und fest anftretend, so das sie mich auf den
Kieswegen hören mußte, ging ich nach dem Platze hin, auf
dem sie saß. Sie hob den Kopf auf, sah mich an- wir
waren Beide betroffen, schwankten Beide einen Augenblick,
aber eben auch nur einen Augenblick, dann ließ Jrene ihren
Hut zu Boden fallen, und mir mit dem Freimuth alter
Tage wie sonst ihre Hände entgegenreichend, rief sie: , Sie
hier? Sie hier? Ach! das soll mir ein gutes Zeichen sein,
daß ich Sie hier finde! Eben hier und eben jet, da mir
die alten Tage wie im Traume durch die Seele zogen!'!
Ihre warme Begrüßung that mir wohl. Man wird
je älter, je liebebedütrftiger, und wenn man keine eigene
Familie hat, weis: man Freundschaft doppelt hoch zu schäyen.

1?
Troz ihrer unveränderten Gesinnung fand ich sie aber in
ihrer ganzen Haltung und Erscheinung sehr verändert. Sie
war eigentlich schöer als in ihrer ersten Jugend, denn ihr
Ausdruck- war weicher, seelenvoller geworden, ein unverkenn-
barer Zug von Schwermuth machte sie anziehend, und sie sah
weit jünger aus als sie war, obschon sie wenig
und ihre Physiognomie die Ermüüdung einer an
Leidenden verrieth. Sie hätte unbedenklich Gla
den,
entg
Farbe hatte
den Nerven
-=- - =- ==- = --==-=s-- I
für gut gehalten hätte.
Ich fragte sie nach ihren Eltern. ,Meine Eltern,
egnete sie,,erfreuen sich einer vortrefflichen Gesu
mdheit.
Sie würden sie völlig als dieselben wieder finden.
Vater hat kein graues Haar, meine Mutter sieht wie
Schwester aus; und seit mein Vater sein und meines
Mein
meine
Man-
nes Handlungshaus vereinigt hat, so daß er die Arbeitslast
-??
Er
Es kam mir vor, als unterdrücke sie ihre wahre Em-
pfindung bei den Worten, doch durfte ich sie darum nicht
agen. So erkundigte ich mich nach ihrem Manne.
, Er ist wie immer in Gillingforst!' bedeutete sie mich,
aber auch in dieser Antwort lag etwas, das mir auffiel.
cene bemerkte das.
, Sie sehen mich so fragend an,! sprach sie; ,Sie schei-
nen nicht zu wissen, daß mein Mann in Folge eines Gehirn-
idens schwachsinnig geworden ist
, Schwachsinnig!'' rief ich, erschrocken über die Kunde
und fast noch mehr über die Weise, in welcher sie mir die-
1

j -
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selbe gab. , Seit wann? und wie? und wodurch ist das
geschehen?
Sie Jlieb auch bei meinem Ausrufe in ihrer müden
Gleichgültigkeit. ,Wir waren sechs Jahre verheirathet, ant-
wortete sie,,als sich die Zeichen seiner geistigen Erschöpfung
unabweislich kundgaben. Wäre unser ganzes Beisammensein
nicht so völlig äußerlich gewesen, so hätte ich sein verschwin-
dendes Denken, seine Abwesenheiten schon früher bemerken
können und müssen. Aber wir hatten mit einander so wenig
gemein, so wenig zu theilen ! Ich wurde es anfangs kaum
gewahr, wenn ich auf eines meiner Worte keine, oder eine
nicht zutreffende Antwort erhielt.!
Ihre Kälte bei diesen Mittheilungen war geradezu
grausam. , Ich erinnere mich,- sagte ich, um sie nicht in
ihre Gedanken versinken zu lassen, , daß einmal die Nachricht
von einem schweren Nervenleiden Ihres Mannes die Runde
durch die Zeitungen machte. !
,Das war gleich am Anfang,' entgegnete sie,,,als mein
Vater die Geschäfte meines Mannes in die Hand nahm. Er
hatte von James die Unterschriften zu allen Kontrakten noch
erlangen, und mit der Gewißheit erlangen können, daß James
sehr genau wußte, was er damit that. Man hoffte damals
noch auf die Möglichkeit einer Herstellung und wollte von
dem Zustande nichts in die Oeffentlichkeit dringen lassen, was
später vergessen zu machen, schwierig sein konnte. Unser
Arzt hatte aber schon in jenen Tagen an der Herstellung
gezweifelt.r
,, Sie hatten mir Ihren künftigen Gatten als einen

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schönen stattlichen Mann geschildert!'' sagte ich in eigenem
ückerinnern.
,, Er war von Natur auch ein stattlicher Mann, aber
e kennen ja unsere goldene Börsenjugend! ! versetzte sie,
Su
und ein Zug von bitterem Widerwillen entstellte ihren schönen
Mund. ,, Man rief ein ganzes Kollegium von Aerzten zu-
sammen, man wollte dem Ausspruche unseres Arztes keinen
Glauben schenken. Man meinte, da man sich Genuß mit
Geld erkaufen könne, müßte auch die Kraft ihn fortzusezen,
für Geld zu haben sein, und die Aerzte gaben sich ein
hindurch das Ansehen, als theilten sie den Glauben.
gingen auf das Land, wir gingen aus ein
em Bade i
andere, von einem Klima in das andere.
sind wir so in der Welt umhergezogen, in
getrenntheit von jeglichem Verkehr, um die
Jahr und
s Zeit
ängstlicher
wachsende
Wir
das
Tag
Ab-
Zer-
störung in meines Mannes, Geistesleben dem Auge der
Menschen zu verbergen. Endlich wrde das unmöglich.-
Auch der Schein der Zurechnungsfähigkeit war nicht mehr
b- n,
aufrecht zu erhalten. Die Täuschung, der ich vier Jahre
meines Lebens hingeopfert = und wofür hingeopfert habe? =-
war zu Ende. Mein Mann lebt oder vegetirt unter Auf-
sicht seiner Krankenwärter mit Knabenspielen unterhalten in
illingforst, und ich- ich vegetire in der Welt!r'
Sie brach plötzlich ab, ich wußte nicht, was ich ihr
sagen oder mit welchem Tcoste ich ihr etwa begegnen sollte,
denn so wie ich sie in dem Augenblicke vor mir sah, war sie
mir völlig fremd. Die stolze Selbstgewißheit ihrer Jugend
? ?a

E
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obschon ihr Schicsal ein sehr hartes war, konnte ich mir
nicht denken, daß allein die Krankheit ihres Mannes die
Ursache der Wandlung sein sollte, die sich in ihr vollzogen
hatte. Sie hatte Gilling nie geliebt, hatte das Leben sehr
nüchtern angesehen, besaß ja auch jett noch, was sie schon
frühe so hoch anzuschlagen gelernt hatte, Reichihum und
Geltung in der Welt, und sie war frei und in einer Ge-
sellschaft aufgewachsen, deren Moral nicht allzu streng und
ängstlich ist, vorausgesetzzt, daß die Freiheit, die der Einzelne
sich zuerkennt und nimmt, nicht gegen die äußeren An-
standsregeln anstößt. Was hatte sie also noch Besonderes
erlebt? was konnte ihr geschehen sein, sie so völlig zu ent-
muthigen?
Während diese Fragen in rascher Folge durch meinen
Kopf schossen, war Irene in ein stilles Brüten versunken.
Mit einem Male richtete sie sich auf: ,Sehen Sie, Maxime!
rief sie aus, ,, wenn ich eine Tochter hätte, und ich wollte,
ich hätte sie, in das einsamste Pfarrhaus würde ich sie
schicken, um sie dort heranwachsen zu lassen. Sie sollte Nichts
wissen, Nichts erfahren von der ganzen unseligen Gemein-
schaft, die sich mit so anmaßender Thorheit als,, die große-
Welt! bezeichnet. In den engsten Sitten - und Moral-
begriffen, in dem höchsten Jdealismus würde ich sie auf-
erziehen lassen, denn sie hätte dann im Leiden doch einen
Halt, einen Trost in ihren Entsagungen. Aber ich ?-
Sie stand auf, drückte ihr Tuch flüichtig gegen die Augen,
und ihren Arm in den meinen legend, sprach sie: ,Eommen
Sie, mein Freund und verzeihen Sie mir. Ich will mich
künftig besser zusammen nehmen, ich lasse mich auch nicht