Neue Novellen
Fanny Lewald
Kapitel 03

n51
oft so gehen. Aber meine Nerven sind schwach, und als ich
mich hier so einsam fand, so unaussprechlich einsam, da über-
wältigte mich die vergleichende Erinnerung zwischen der
Irene, die hier vor achtzehn Jahren so übermüthig in das
Leben blickte und zwischen meinem jetzigen Empfinden --
und Ihr unerwartetes Dazukommen that dann das Nebrige.
Kommen Sie! Sprechen wir nicht mehr von mir! Was
im Grunde auch an mir gelegen! Kommen Siel''
sonst
mern
hatte
den.
Von der Stun
die Menschen
speiste. Sie
dabei Geschm
Drittes Kapitel.
nde ab sah ich Irenen täglich, obschon sie
meistens mied und einsam in ihren Zim-
hatte ein Beditrfniß allein zu leben, und
ack an ernsthaften Beschäftigungen gefun-
Wir faßten also gnt zusammen und hatten uns auch,
als der Sommer seinem Ende nahte, so daran gewöhnt,
schweigend mit einander spazieren zu gehen, am Abend ein
gelesenes Buch mit einander zu besprechen, Rücksicht auf das
gegenseitige Befinden zu nehmen, daß ich das Küürzerwerden
der
der
Tage mit einer Art von Sorge sah, denn es hatte bei
Freundin festgestanden, mit dem Herbste weiter gen Süden
ziehen, um den Winter in Ftalien zu verleben.
Ich meinerseits hatte schon seit langen Jahren den
Wechsel der Zustände als das einzig Gewisse betrachtet;
bennoch wollte es mir nicht in den Kopf, daß ich den Winter
ohne die anmuthige Gegenwart der werthen Frau verleben
sollte. Nun steckt in jedem von uns ein Stück von einem
woisten, und fast ohne cs zu wollen, sprach ich es ihr aus,
Eg

wie schmerzlich es mir sei, an ihr Fortgehen zu denken, da
ich durch mancherlei Verhältnisse zu verweilen genöthigt sei.
Sie war wider mein Erwarten davon ergriffen. -
, Aber warum haben Sie mir das nicht längst gesagt?
rief sie. ,Sie haben mir mit ihrem Schweigen eine Genug-
thuung vorenthalten. Ich kann ja bleiben! Hier so gut
bleiben als anderwärts! Füür den, der wie ich vom Leben
Nichts mehr hofft und Nichts mehr erwarten kann, was
könnle es für den Wohlthuenderes geben, als die Gewißheit,
daß sein Dasein doch für einen Anderen noch einen Werth
hat?--
Sie schellte bei den Worten, befahl dem eintretenden
Diener, ihr den Hauuseigenthümer zu rufen, und noch in der
nämlichen halben Stunde hatte sie mit dem Wirthe die Miethe
für den Winter abgeschlossen und die Einrichtungen besprochen,
welche sie in ihrer Wohnung für denselben gemacht zu haben
wünschte.
So war mir denn ihre Anwesenheit für eine längere
Zeit gesichert und jeder Tag machte sie mir werther und
erhöhte meine Theilnahme für sie. Es war unmöglich, an-
spruchsloser zu sein als sie, hüülfreicher und gütiger als sie.
Sie verlangte kaum jemals Etwas für sich und war achtsam
auf das Bedürfniß jedes Geschöpfes. Kein Armer,
Kranker, kein Thier und keine Pflanze entgingen ihrer
achtung, sofern sie in ihren Bereich kamen; an Allem,
durch ihre Pflege gedieh, hatte sie eine Befriedigung,
neben diesem allgemeinen Wohlwollen waren für mich
kein
Be-
was
und,
fast
unvermittelbar eine Menschenverachtung und eine Erbitterung,
gegen die Gesellschaft, in der sie geboren worden war, in

nR
! ihrer Seele, von denen sie selbst ihre Eltern nicht ausschloß.
j Neber sich sprach sie nur selten, und nur zwei Aeußerungen,
! welche sie bei verschiedenen Anlässen gethan, hatten mich
! tiefer in jhre Seele büicken assen.
, Gliücklich zu sein und an Glück zu glauben, muß man
! in der Jugend lernen! Im späteren Leben lernt man es
; nicht mehr, weil man an das Zweifeln gewöhnt, keinen
! Glauben an Andere in sich aufkommen läßt und keinen
Glauben mehr an sich selber hat!- sagte sie mir einmal, als
ß ich sie mit Aussichten auf die Möglichkeit einer schöneren
g Zukunft aufzurichten strebte; und ein ander Mal, als Je-
! mand bei einem geringfügigen Anlaß scherzend die Worte
s Schiller's brauchte: ,Was Du von der Minute ausgeschla-
; gen, bringt keine Ewigkeit zurück! wurde sie plötzlich aus
s einer heiteren Stimmung in dest tiefsten Ernst, ja in jene
s Schwermuth versetzt, die nur selten von ihr wich.
, Es giebt Worte, sagte sie an dem Abende zu mir,
, die wie ein Gottesurtheil das ganze Schicksal eines Men-
j schen umfassen. Dieses: ,Was Du von der Minute aus-
s geschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück!: brennt seit Jahren
s und Jahren mit Flammenschrift in meiner Seele, und wie
P das Mene Tekel pharsin erscheint es bisweilen vor mir in
b
k
K

der Stille der Nacht an der dunklen Wand meines Gemaches.
Das Leben bot ihn mir einmal, den vollen Kelch des Glückes
== und ich stieß ihn von mir- feig - elend- eng-
herzig! um mich nun lebenslang in bitterer Reue verschmach-
tend danach zu sehnen!''
Der Tag, an welchem sie diese Selbstanklage vor mir
ausgesprochen hatte, war der letzte Tag des Jahres, und

wie gewöhnlich brachte ich den Abend bei ihr zu. Ihre
Gesundheit war immer schwankend, sie litt an einer Abspan-
nung, die ich einfach auf ihren Mangel an Lebenölust schob;
sie selber sah ihren Zustand in dem gleichen Lichte an, es
war also von einer ärztlichen Berathung Iniemals die Rede
gewesen; den Abend aber befand sie sich übler als sonst.
Sie hatte Nachricht von Hause erhalten. Ihre Eltern machten
ihr Vorwürfe, daß sie sich ihnen entziehe, daß sie nicht in
der Welt und in der Gesellschaft lebe, wie es einer Frau in
ihren Verhältnissen gezieme; daneben fanden sich Berichte
über das Ergehen ihres Gatten. Die Eltern mochten auf
ein nicht allzufernes Ende desselben schließen und schienen
der Tochter Hoffnung auf diese Befreiung lenken zu wollen.
Jrene fühlte sich von den Briefen sehr gequält.
- ?
Ich fand sie mit verweinten Augen in fieberhafter Auf-
regung, und sie empfing mich mit den Worten: , Schade,
daß Sie hente kommen; denn heute bin ich in einem Zu-
stande, daß das gleichgüültigste Wort mir die Thränen über-
fließen macht. Das Herz ist mir zum Zerspringen voll.
Ich kann üilerhaupt kein Rückwwärtsblicken, kein Vorwärts-
schauen mehr ertragen. Deshalb ist der Jahreswechsel auch
eine wahre Qual für mich; ganz abgesehen davon, daß er
ein Tag furchtbarer Erinnerung für mich ist. Heute haben
Sie keine Wahl-- Sie müssen fortgehen, lieber Freund!
oder anhören, was heute wieder einmal wie eine erdrückende
Last mich niederbeugt, und was keines Menschen Ohr von
mir vernommen hat. Sd wie bisher kann ich aber nicht
weiter leben. Ich glaube, mir wird besser werden, wenn
ich mir einmal das Herz befreie, wenn ich künftig davon zu
A' »-.;-